1,2 Millionen Euro gefordert Nach Freispruch im Organspende-Skandal: Arzt will Schadenersatz

Von dpa

Göttingen/Braunschweig. Gut vier Jahre nach seinem Freispruch im Prozess um den Göttinger Transplantationsskandal verlangt ein Arzt gut 1,2 Millionen Euro Schadenersatz vom Land Niedersachsen. Eine Zivilkammer des Landgerichts Braunschweig werde am Freitag über die Klage des Mediziners verhandeln, teilte das Gericht am Dienstag mit.

Der damals vom Dienst suspendierte Chirurg, der während der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Braunschweig 2013 gut elf Monate lang in Untersuchungshaft gesessen hatte, fordert unter anderem einen Ausgleich für seinen Verdienstausfall. Seine Begründung: Er habe als Folge der Untersuchungshaft eine gut dotierte Stelle in Jordanien nicht antreten können.

Das Landgericht Göttingen hatte den früheren Leiter der Transplantations-Chirurgie an der Göttinger Universitätsmedizin im Mai 2015 nach 64 Prozesstagen vom Vorwurf des elffachen versuchten Totschlags und der dreifachen Körperverletzung mit Todesfolge freigesprochen.

Entschädigung von 8500 Euro zugesprochen

Die Richter bescheinigten dem Arzt zwar eine verwerfliche Manipulatione medizinischer Daten, die eine schnellere Zuteilung von Organen für seine Patienten bewirkt hätten. Wegen der damaligen Rechtslage sah das Gericht aber keine Strafbarkeit. Der Bundesgerichtshof hatte sich dieser Auffassung angeschlossen und die Revision der Staatsanwaltschaft Braunschweig gegen den Freispruch zurückgewiesen. Für die Untersuchungshaft hatte das Landgericht Göttingen dem Arzt damals eine Entschädigung von 8500 Euro zugesprochen.

Der Mediziner verlangt nach Darstellung des Landgerichts Braunschweig mit seiner Klage jetzt in Vielfaches dieser Summe. Es geht um insgesamt 1,207 Millionen Euro. Der Arzt macht vor allem einen Verdienstausfall während der Untersuchungshaft geltend, weil er in dieser Zeit eine Stelle in einen Krankenhaus in Jordanien nicht habe antreten können, die mit 50 000 Dollar im Monat dotiert gewesen sei.


Land weist Forderungen zurück

Zudem verlangt der Arzt laut Gericht die Erstattung eines sogenannten Zinsschadens, weil er die für die Außerkraftsetzung des Haftbefehls verlangte Kaution von 500.000 Euro habe finanzieren müssen. Schließlich fordere der Mediziner die Erstattung der Kosten für eine Verfassungsbeschwerde, durch die er die Rechtmäßigkeit der Untersuchungshaft hatte überprüfen lassen wollen. Das Bundesverfassungsgericht hatte diese Beschwerde nicht zur Entscheidung angenommen.

Das beklagte Land Niedersachsen weist die Forderungen des Mediziners nach Angaben des Landgerichts Braunschweig zurück. Es bestreite, dass der Mediziner tatsächlich in dem jordanischen Krankenhaus angestellt worden wäre und ein Monatsgehalt in Höhe von 50.000 Dollar bezogen hätte.

Unabhängig von der Schadensersatzklage hat das Oberlandesgericht Braunschweig dem Chirurgen kürzlich Auslagenersatz für zwei Verteidiger in dem 2015 abgeschlossenen Göttinger Prozess zugesprochen und das Land Niedersachsen angewiesen, dem Arzt rund 166.000 Euro plus Zinsen zu erstatten. Das Landgericht Göttingen hatte dem Mediziner nur Auslagenersatz für einen Verteidiger zugebilligt.

 

 

Ralf Nowotny 5. August 2019

 

Immer wieder kursiert in sozialen Medien ein Schriftstück, welches diverse Behauptungen über die Praxis bei einer Organentnahme enthält.


Einige Stellen dieses Schriftstücks, dessen Quelle leider nicht bekannt ist, erwecken den Eindruck, dass eine Organentnahme ein grundsätzlich barbarischer Akt ist, der zu verurteilen sei.
Es handelt sich um jenes Schriftstück:

 

Folgende Stellen sind explizit mit roter Umrandung, Unterstreichung und Pfeilen hervorgehoben:

  • Der „Spender“ wird an Armen und Beinen festgebunden, um Bewegungen zu verhindern.

  • Er bekommt muskelentspannende Medikamente und oft auch Narkosemittel, die Schmerzmittel enthalten. Doch viele Anästhesisten verzichten auf Anraten von Ärzteorganisationen auf Narkose- und Schmerzmittel. Das Problem der Bundesärztekammer ist, dass mit einer verpflichtenden Erklärung zur Narkose bestätigt würde, es handele sich bei den „Hirntoten“ um noch lebende Menschen. Also nimmt man billigend in Kauf, dass Menschen während der Organentnahme Schmerzen erleiden könnten.

  • Bei „normalen“ Operationen werden diese Zeichen [Blutdruck-, Herzfrequenz- und Adrenalinanstieg] als Schmerzreaktionen gewertet. Nicht jedoch bei „Hirntoten“!

  • Die Organe werden bei schlagendem Herzen freigelegt und für die Entnahme präpariert.

  • Mit der Entnahme der Organe ist der „Hirntote“ gestorben.

  • Den Pflegekräften bleibt es am Ende oft allein überlassen, den Körper auszustopfen und die riesigen Wunden zu verschliessen.

  • Ein friedvolles und behütetes Sterben im Beisein von Angehörigen oder Freunden ist bei einer Organentnahme nicht möglich. Sterbebegleiter sind die Transplantationsmediziner.

Zusammengefasst soll jener Text also belegen, dass eine Organentnahme eine unaussprechliche Qual für den Spender darstellt.
Ob dies nun auch allerdings den Tatsachen entspricht, möchten wir im Folgenden betrachten!

Wann ist ein Mensch wirklich tot?

Immer wieder wird von verschiedenen Arten des Todes gesprochen: Hirntod, Herztod, Erstickungstod, Organtod. Allerdings weisen all diese Namen zumeist nur auf die Ursache eines Todes hin und erwecken nur einen scheinbaren Eindruck, dass man den endgültigen Tod eines Menschen verschieden definieren könne.
Wie aber Stefanie Förderreuther vom Neurologischen Konsiliardienst der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität in einem Gespräch mit Bayern2 erklärte, gibt es im Prinzip nur einen Tod: Den Hirntod!

Wie wird der Hirntod festgestellt?

Der medizinisch sogenannte „Irreversible Ausfalls der Hirnfunktionen“ besagt, dass die Gesamtfunktion des Gehirns dauerhaft außer Kraft gesetzt ist und sich auch nicht mehr erholen kann. Dabei wird von allen Hirnarealen gesprochen, also Großhirn, Kleinhirn, Zwischenhirn und Hirnstamm. Wenn auch nur eines davon noch funktionsfähig ist, liegt auch kein Hirntod vor.

Bei der neurologischen Untersuchung von Patienten müssen Ärzte immer wieder den Zustand des Gehirns überprüfen, bevor ein Gehirntod diagnostiziert werden kann. Dies geschieht beispielsweise durch Überprüfung des Atemantriebes, Hustenreflex, Reaktion der Pupillen auf Licht und Blinzelreflex bei Berührung der Hornhaut des Auges.

Zusätzlich wird überprüft, ob bestimmte Einflüsse die neurologischen Untersuchungen beeinflussen, beispielsweise ob ein bestimmtes Medikament oder Besonderheiten im Stoffwechsel des Patienten dazu führen, dass nur ein scheinbarer Hirntod vorliegt. Letztendlich werden auch bei manchen Patienten EEG-Messungen vorgenommen, um Gehirnströme nachzuweisen, dazu noch Durchblutungsuntersuchungen, also ob das Gehirn überhaupt noch mit Blut versorgt wird.

Und all diese Tests werden nicht etwa von einem Arzt alleine gemacht, sondern von zwei Ärzten unabhängig voneinander. Beide Ärzte müssen jahrelang Erfahrung in der Intensivstation vorweisen können, eine spezielle Ausbildung bekommen haben und dürfen nichts mit einer eventuellen, späteren Organentnahme bei einem Patienten zu tun haben.

Bevor also ein Patient für hirntod erklärt wird, werden eine Vielzahl von Untersuchungen durchgeführt. Wenn dieser aber dann schließlich von zwei Ärzten unabhängig voneinander festgestellt wurde, steht fest, dass das Gehirn, die Schaltzentrale des Menschen, nicht mehr funktioniert.

Ohne Hirnfunktion kein Schmerz!

Was viele Angehörige von hirntoten Patienten verunsichert (und letztendlich wohl auch zu jenem obigen Schriftstück führte), ist der Anblick des Patienten:
Ein hirntoter Mensch sieht im Krankenhaus keineswegs tot aus! Der Kreislauf funktioniert noch, der Brustkorb hebt und senkt sich, die Haut hat eine relativ gesunde Farbe, sogar Schwitzen und Fieber sind bei einem solchen Patienten möglich.

Dies alles geschieht allerdings nur, weil diese Körperfunktionen durch die Maschinen am Krankenbett aufrecht erhalten werden. Würde man die Maschinen abschalten, stünde der Kreislauf in kürzester Zeit still, das Herz würde aufhören zu schlagen, die Leichenstarre würde einsetzen.

Wenn das Gehirn nicht mehr funktioniert, kann ein Patient auch nichts mehr empfinden, auch keinen Schmerz mehr, da die Signale der Nerven im Körper vom Gehirn nicht mehr verarbeitet werden!

Warum wird der Körper dann festgeschnallt?

Zwar können vom Gehirn aus keine willentlichen Bewegungen mehr ausgeführt werden, ein hirntoter Patient kann aber durchaus noch Reflexe zeigen.
Als Beispiel sei das Hämmerchen genannt, welches einem der Arzt manchmal auf das Kniegelenk haut, um den Reflex zu testen: Der Unterschenkel schnellt automatisch nach vorne, obwohl er vom Gehirn keinen Befehl dazu bekommen hat.

Teilweise konnten Ärzte bei hirntoten Patienten auch komplexere Bewegungen feststellen, bei der der Patient beispielsweise bei einem Schmerzreiz am Brustbein mit den Armen versucht, die Hand des Arztes wegzuwischen. Dies sorgt bei unerfahrenen Arzthelfern natürlich für große Verunsicherung, doch mittlerwqeile konnte zweifelsfrei festgestellt werden, dass diese Reflexe von Nerven kommen, die sich im Rückenmark befinden.
Jene Nerven im Rückenmark werden weitgehenst vom Gehirn kontrolliert, doch wenn dieses nicht mehr funktioniert, reagieren die Nerven unkontrolliert und lösen manchmal jene Reflexe aus.

Auch aus diesem Grund müssen bei einer Organentnahme immer erfahrene Ärzte anwesend sein, die genau feststellen können, ob ein Reflex nur vom Rückenmark ausgeht oder ein Indiz für eine Hirntätigkeit ist.

Warum bekommt ein Hirntoter Narkosemittel?

Bei einer lebenden Person soll die Narkose dazu dienen, dass der Patient keine Schmerzen empfindet, in einen schlafähnlichen Zustand versetzt wird und die Muskeln des Patienten entspannt werden. Für jedes dieser Ziele gibt es ein Medikament:

  • Ein Mittel gegen Schmerzen = Analgetikum,

  • ein Schlafmittel = Hypnotikum und

  • ein Mittel zur Muskelerschlaffung = Muskelrelaxans

Bei einer Organentnahme werden Muskelrelaxantien werden verabreicht, um spinale Reflexe, die zu Spontanbewegungen und zum Anstieg von Blutdruck und Herzfrequenz während der Organentnahme führen, zu verhindern. Also keine Narkose, keine Schmerzmittel, aber ein Medikament um spontane Muskelbewegungen zu unterbinden.

Fazit

Das obige Schriftstück wurde anscheinend von einem Laien verfasst, der sich nicht wirklich mit dem medizinischen Hintergrund einer Organentnahme beschäftigt hat.
Vor einer Organentnahme muss der Hirntod zweifelsfrei von zwei Ärzten unabhängig voneinander durch verschiedene Untersuchungsmethoden festgestellt werden. Mit dem Hirntod hat ein Patient auch keinerlei Schmerzempfinden mehr. Alle Punkte in dem Schriftstück gehen aber davon aus, dass ein Patient noch prinzipiell am Leben ist.

So wird die Medikation eines hirntoten Patienten missgedeutet, ebenso die Reflexreaktionen des Körpers falsch interpretiert. Das schlagende Herz wird nur noch durch Maschinen am Leben erhalten, ist jedoch kein Indiz dafür, dass der Patient eigentlich noch lebt, wenn festgestellt wurde, dass das Hirn nicht mehr arbeitet.

Somit steht zwar auf dem Totenschein tatsächlich erst das Datum der Organentnahme als Todesdatum, allerdings auch nur deswegen, weil zu diesem Zeitpunkt dann auch die Maschinen abgeschaltet werden, welche den Kreislauf und die Organe am Leben erhalten haben, während das Hirn, somit auch der Mensch, im Prinzip schon tot waren.

Der Hirntod selbst wird auch deshalb nicht direkt als Todesdatum verwendet, da es nicht möglich ist, einen exakten Zeitpunkt dafür festzulegen: Ärzte schauen nicht einfach kurz, sagen „Hirntod“ und haken es ab, sondern das EEG des Patienten darf mindestens vier bis acht Wochen lang keinerlei Hirntätigkeiten vorweisen.

Schlussendlich ist das Schriftstück also eine Sammlung von falschen Behauptungen und Missinterpretationen über Organentnahmen

 

Quelle:

https://www.mimikama.at/allgemein/faktencheck-organspende/

 

 

 

 

 

Donnerstag, 18.07.2019, 10:24

Organspende ist ein schwieriges Thema - nicht nur hinsichtlich der aktuellen Diskussion um die Widerspruchslösung. Für viele Menschen ist immer noch die Frage nur unvollständig geklärt, ob es als Hirntoter wirklich keinen Weg mehr zurück gibt. Ein Kommentar von FOCUS-Online-Gastautor Heiko Burrack.

Die Frage, ob es als Hirntoter wirklich keinen Weg mehr ins Leben gibt, stellt auch Frau Kelle in ihrem Gastbeitrag und beantwortet sie gleich: Aus ihrer Sicht haben Mediziner das Hirntodkonzept geschaffen, damit sie straffrei Menschen Organe entnehmen können. Die offensichtliche Begründung liegt auf der Hand: Wie sonst könnten hirntote Frauen Kinder gebären und wie sonst kommt es bei der Organentnahme zu einem Anstieg des Blutdrucks.

Wären diese Menschen wirklich tot, wäre dies aus Sicht von Frau Kelle nicht möglich. Nun ist hier die Antwort ein wenig komplizierter. Ich beginne mit der Frage, warum überhaupt das Hirntodkonzept eingeführt wurde. Die Gründe finden wir Ende der 50er-Jahre des letzten Jahrhunderts. Seinerzeit gab es in der Intensivmedizin viele Innovationen.

 

Die Intensivmedizin hat heute ganz andere Möglichkeiten als früher

Ärzte können seither Patienten künstlich beamten; vorher sind sie verstorben, wenn sie nicht mehr selbsttätig Luft holen konnten. Der Herztod war die Folge. Nun konnten die Ärzte vielen von ihnen eine Brücke zurück ins Leben bauen. Genau daraus hat sich aber die Frage entwickelt, wie lange die Ärzte diese und andere Maßnahmen durchführen durften. Wann ist dies ethisch nicht mehr zulässig?

Die Antwort ist Ende der 50er-Jahre des letzten Jahrhunderts wie heute die gleiche: Man muss damit aufhören, wenn der Hirntod eingetreten ist. Damals wurde der Begriff Coma depasse eingeführt, der genau diesen Zustand beschreibt. An der Frage und der Antwort darauf hat sich nichts geändert. Der Hirntod hat also mit der Transplantation im ersten Schritt wenig zu tun. Er ist vielmehr auf Fortschritte in der Intensivmedizin zurückzuführen.

Einen Toten darf man nicht mehr beatmen

Ein zweiter Fehler besteht eben genau im unzulässigen Verknüpfen von Transplantation und Hirntod. Jeder Leser kommt zu der Annahme, dass beide Themen fest miteinander verwoben sind. Natürlich kann man in Deutschland nur dann Organe entnehmen, wenn der Hirntod festgestellt wurde. Aber wird diese Diagnose auch bei einem Patienten durchgeführt, bei dem die Organe definitiv nicht explantiert werden?

Die Antwort ist ein eindeutiges Ja. Im Zweifelsfall müssen die Ärzte diesen Diagnoseschritt gehen, weil man auch hier feststellen muss, ob jemand tot ist. Dabei schließt sich der Kreis, da die Ärzte nach der Feststellung des Hirntodes sofort mit jeder Therapie aufhören. Es gibt dann keinen Weg mehr zurück und genau deswegen ist es ethisch nicht mehr in Ordnung weitere Maßnahmen durchzuführen. Oder kurz: Einen Toten darf man nicht mehr beatmen.

Wie ein Kind in einer Toten heranwachsen kann

Wenn aber zum Beispiel eine Frau tot ist, wie kann sie dann noch ein Kind gebären und warum ist das Sperma eines Mannes noch zeugungsfähig? Beim Sperma ist die Sache einfach: Sterben ist ein Prozess. Auch wenn das Herz für immer aufgehört hat zu schlagen, bricht nicht das gesamte Leben im Körper zusammen. Der Magen verdaut noch einige Stunden weiter und die Hornhaut kann man noch 48 Stunden danach zur Spende für Blinde entnehmen.

Bei der hirntoten Schwangeren ist es etwas komplizierter: Hier geht es nicht mehr darum, das Leben dieser Frau zu retten; sie ist tot. Die Ärzte wollen nur noch ein lebendes Baby zur Welt bringen. Die Plazenta arbeitet dabei weitestgehend autonom, wenn genug Sauerstoff und Nährstoffe im Blut sind. Wie weitestgehend dies heute schon möglich ist, zeigt das Heranwachsen eines Lämmchens in einem Plastikbeutel.

Hirntote haben noch Reflexe

Wie sieht es aber mit dem im Text von Frau Kelle erwähnten Blutdruckanstieg aus? Solche Reaktionen gehören in das weite Feld der spinalen Reflexe und sind sicherlich das größte Problem. Sie sind es nicht, weil sich daraus Zweifel am Hirntod ableiten lassen. Für die Angehörigen, für die Ärzte und auch für das Pflegepersonal stellen sie vielmehr eine psychologische Herausforderung dar. Neben einem Anstieg des Blutdrucks kann es bei Hirntoten noch vor der Operation zu Bewegungen der Finger, aber auch der Hände und der Arme kommen.

Auch wenn ganz ausgeprägte Bewegungen selten sind, können sie gerade von den Angehörigen nur als Schock empfunden werden. Aber was passiert da genau? Reflexe, also eine unwillkürliche und gleichartige Reaktion auf einen bestimmten Reiz, können entweder über das Gehirn oder das Rückenmark geschaltet werden. Ein Reflex des Gehirns ist zum Beispiel das Verengen der Pupillen, wenn wir von einer dunklen in eine helle Umgebung gelangen. Auch die Atmung ist ein solcher Reflex des Stammhirnes.

Alle diese über unser Denkorgan gesteuerten Reaktionen sind bei einem hirntoten Menschen nicht mehr zu finden und kommen nie wieder. Da aber das Rückenmark noch funktionsfähig ist, sind diese darüber gesteuerten Reflexe noch voll sichtbar. Bei einem Hirntoten wird sich der Unterschenkel also bewegen, wenn man die richtige Stelle am Knie trifft. Die Bewegungen sind aber auch deshalb so ausgeprägt, weil das Gehirn nicht mehr regulierend eingreifen kann.

Die involvierten Ärzte profitieren vom Festellen des Hirntods nicht

Um überhaupt Organe spenden zu können, müssen außerdem Voraussetzungen gegeben sein. Ich nenne hier nur einige: Der Patient muss im tiefsten Koma liegen und befindet sich damit immer auf einer Intensivstation. Und er wird künstlich beatmet. Sind diese und weitere Vorrausetzungen erfüllt, werden in einem zweitstufigen Prozess die Hirnstammreflexe überprüft.

Beim zweiten Durchgang sprechen wir vom Unwiederbringlichkeitstest, weil er zeigt, dass das Gehirn nicht wiederherstellbar verloren ist. Aber auch an die Untersucher werden spezielle Anforderungen gestellt. Die Ärzte müssen voneinander unabhängig sein und es muss sich jeweils um Fachärzte handeln, also zum Beispiel um Neurologen oder Neurochirurgen. Beide müssen mehrjährige Intensivmediziner sein.

Auch wenn ich den Prozess hier nur ganz kurz angerissen habe, sieht man schon, dass er mit viel Aufwand verbunden ist. Es sei nochmals festgehalten, dass die involvierten Ärzte davon nicht profitieren. Sie haben nur mehr Arbeit.

 

Info: Organspende

Für eine Organspende müssen zwei Voraussetzungen erfüllt sein:

  • Bei dem Patienten muss durch mehrere Untersuchungen ein irreversibler Ausfall der Hirnfunktion zweifelsfrei festgestellt worden sein – unabhängig voneinander durch zwei verschiedene Ärzte.

  • Es muss eine Einwilligung des Patienten zur Organspende vorliegen, etwa in Form eines Organspendeausweises. Gibt es keine Aussage des Patienten dazu, werden die Angehörigen um eine Entscheidung im Sinne des Verstorbenen gebeten.

Gespendet werden können generell Herz, Lunge, Niere, Leber, Bauchspeicheldrüse und Teile des Darms. Dabei ist es auch möglich, bestimmte Organe von der Spende auszuschließen.

 

Weniger Oberflächlichkeit, mehr Tiefe bitte

Was bleibt: Das Hirntodkonzept ist im Detail schwierig und kann in der Praxis schockierend sein. Das ändert aber nichts daran, dass man gerade bei einem solchen Thema keine Ängste schüren, sondern unter die Oberfläche blicken sollte.

 

 

"Für Hirntote gibt es keine Hoffnung, wieder aufzuwachen"

Viel zu wenige Deutsche spenden Organe. Manche haben Angst, dass etwas schiefläuft, zeigt eine ZEIT-ONLINE-Umfrage. Ein Experte erklärt, warum das nicht nötig ist.

Interview: Victor Karpinski

26. Juni 2019, 10:51 Uhr

Im Bundestag wird an diesem Mittwoch über zwei Gesetzentwürfe zur Reform des Organspenderechts debattiert. Drei Menschen sterben jeden Tag in Deutschland, weil sie kein Spenderorgan bekommen. Und das, obwohl die allermeisten Deutschen der Organspende positiv gegenüberstehen. Wo liegt also das Problem? ZEIT ONLINE hat seine Leserinnen und Leser gefragt, ob sie Angst vor der Organspende haben. Über die Zuschriften, die uns erreicht haben, haben wir mit Christian Hugo gesprochen, Generalsekretär der Deutschen Transplantationsgesellschaft.

ZEIT ONLINE: Einige unserer Leser haben Angst vor der Organspende. Besonders häufig davor, zu früh für hirntot erklärt zu werden.

Christian Hugo: Es kursieren viele Geschichten darüber, dass irgendwann mal irgendjemand fälschlicherweise zu früh für hirntot erklärt worden ist. Nur sind das eben Gerüchte. In Deutschland wurde bis heute kein einziger derartiger Fall nachgewiesen. Ich kann Ihren Lesern versichern: Diese Angst ist vollkommen unberechtigt.

Sobald ein Verdacht auf irreversiblen Hirnfunktionsausfall, also Hirntod,

besteht, wird eine ganze Palette an Untersuchungen durchgeführt (siehe

Infobox). Zwei unabhängige Ärzte prüfen und stellen fest, ob der Patient die

typischen Symptome des Hirntodes aufweist. Dazu müssen beispielsweise

jegliche Hirnströme auf dem EEG erloschen und alle Hirnstammreflexe

ausgefallen sein. Bei der Prüfung muss immer ein erfahrener Neurologe dabei

sein. All das wird mindestens zweimal nach 12 oder 72 Stunden überprüft.

Das Verfahren ist extrem sicher.

 

 

ZEIT ONLINE: Einige Leser wollten wissen, ob der Spender bei der Entnahme eine Narkose erhält.

Hugo: Grundsätzlich braucht der Spender keine Narkose, denn bei einem festgestellten Hirntod kann er keine Schmerzen mehr empfinden. Sein Gehirn ist nicht mehr durchblutet, alle Zentren, die für die bewusste Wahrnehmung zuständig sind, arbeiten nicht mehr. Wenn manche Krankenhausärzte dennoch eine Narkose durchführen, machen sie das aus einem anderen Grund: Sie wollen unwillkürliche Muskelzuckungen unterbinden. Basale Teile des Nervensystems, die mit dem Bewusstsein rein gar nichts zu tun haben, wie zum Beispiel die Reflexbögen im Rückenmark, können auch bei Hirntoten noch funktionieren. Ich verstehe, dass das für Laien manchmal schwer zu verarbeiten ist, weil sie unwillkürliche Bewegungen für ein Lebenszeichen halten. Deshalb muss ich noch einmal betonen: Für Hirntote gibt es keine Hoffnung, wieder aufzuwachen.

ZEIT ONLINE: Eine andere Angst unserer Leser: Weil Ärzte oder Angehörige schnell an die Organe eines schwerkranken Menschen heranwollen, wird auf Maßnahmen verzichtet, um ihn zu heilen oder am Leben zu halten.

Hugo: Das genaue Gegenteil ist der Fall. Ärzten an deutschen Kliniken geht es immer darum, Leben zu retten. Oft sind Ärzte ja mit dem gegenteiligen Vorwurf konfrontiert: zu viel zu machen, Menschen auf der Intensivstation zu lange am Leben zu halten. Wenn manche Patienten trotz aller Maßnahmen nicht zu retten sind und der Krankheitsverlauf eine offensichtliche reine Leidensverlängerung ohne Chancen auf Erholung zeigt, werden die therapeutischen Maßnahmen eingefroren oder beendet, und der Patient stirbt. Leider denken die Ärzte in diesen Fällen und Situationen nicht immer daran, dass dieser Patient möglicherweise seine Organe hätte spenden wollen.

ZEIT ONLINE: Viele unserer Leserinnen und Leser sagen: Wenn ich schon bereit bin zu spenden, möchte ich auch, dass die Transplantation erfolgreich verläuft. Wie häufig kommt es vor, dass Transplantationen schiefgehen?

Hugo: Transplantationen sind an deutschen Kliniken Routine. In den allermeisten Fällen gehen sie gut. Aber natürlich kann es auch zu Komplikationen kommen. Wie erfolgreich eine Transplantation ist, hängt von ganz verschiedenen Dingen ab: vom Transplantationsteam, dem Krankheitszustand des Organempfängers, davon, unter welchen Umständen der Spender gestorben ist und natürlich von der Qualität der Organe. Wir haben in Deutschland im Schnitt alles andere als optimale Spenderorgane, aber auch überproportional kranke Organempfänger, da sich während der langen Wartezeit auf ein Organ der Gesundheitszustand der Empfänger kontinuierlich verschlechtert. Dennoch funktionieren zum Beispiel von 100 gespendeten Nieren nach einem Jahr noch weit über 90 Prozent.

ZEIT ONLINE: Woran liegt es, dass wir keine optimalen Organe haben?

Hugo: Je jünger der Spender, desto besser funktionieren die Organe und desto besser ist die Reservefunktion der Organe. Das Spendenalter aber liegt in Deutschland bei durchschnittlich 55 Jahren. Weil wir in Deutschland europaweit die geringste Spenderquote haben, können wir es uns nicht erlauben, auf ältere Organe zu verzichten. Für die Nierentransplantation gibt es deshalb das European Senior Program, in dem Spender, die älter als 65 Jahre sind, Organe von über 65-Jährigen bekommen.

ZEIT ONLINE: Hätten wir mehr Spender in Deutschland, hätten wir also auch höhere Erfolgsraten?

Hugo: Ja. In Deutschland sind die Ergebnisse in der Nieren-Lebendspende im Europäischen Vergleich besonders gut, aber bei der Spende nach dem Tod, wo die Spendersituation in Deutschland katastrophal ist, unterdurchschnittlich. In Ländern, in denen postmortal mehr Organe gespendet werden, warten die Patienten kürzer und überstehen die Operation im Schnitt besser, die Erfolgsrate steigt. Spanien ist mit 46,9 Spenderinnen und Spendern je eine Millionen Einwohner und Jahr das führende Land in Europa. In Deutschland kommen wir nur auf circa 10 Spender pro Million Einwohner.

ZEIT ONLINE: Noch etwas hat unsere Leserinnen und Leser bewegt. Passiert es manchmal, dass ein qualitativ hochwertiges Organ, das bereits entnommen wurde, nicht transplantiert wird, weil die Organisation versagt, es beispielsweise logistische Probleme gibt?

Hugo: Das kann man grundsätzlich nie ausschließen. Aber mir ist kein einziger Fall bekannt, in dem das passiert ist. Die Organspende ist ein komplett durchorganisierter komplexer Prozess, der von der Deutschen Stiftung Organtransplantation sehr kompetent ausgeführt wird.

 

ZEIT ONLINE: Wie sieht es mit Missbrauch und Organhandel aus? Der deutschlandweite Organspendeskandal vor sieben Jahren hat Vertrauen gekostet. Was wird getan, damit sich so etwas nicht wiederholt?

Hugo: Vor sieben Jahren haben einige Ärzte an bestimmten Krankenhäusern und Transplantationszentren einzelne Patienten auf dem Papier kränker gemacht haben, als sie waren. Das ist Missbrauch, den man nicht entschuldigen kann. Es handelte sich aber nie um Organhandel, sondern darum, dass Ärzte ihre eigenen Patienten bevorzugt haben. Inzwischen ist das strafbar und an Krankenhäusern wurden zahlreiche Änderungen eingeführt. Es gibt jetzt Mehraugen-Transplantationskommissionen und regelmäßige strenge Kontrollen durch eine zentrale Prüfungs- und Überwachungskommission, außerdem wurde eine Vertrauensstelle für Transplantationsmedizin gegründet.

ZEIT ONLINE: In unserer Umfrage stellte sich auch heraus: Manche misstrauen der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO). Können Sie das nachvollziehen?

Hugo: Nein, überhaupt nicht. Die DSO war gar nicht in den Skandal involviert. Sie kümmert sich erst, wenn der irreversible Hirnfunktionsausfall bereits festgestellt ist und organisiert dann den Ablauf der Organspende. Sie hat keinen Einfluss darauf, wer die Organe erhält und auch keinen Interessenkonflikt. Die DSO erfüllt kompetent eine wichtige, klar umschriebene, vor allem organisatorische Aufgabe, es gibt keinen Grund, ihr zu misstrauen.

 

 

Ärztepräsident: Empfang von Spenderorgan von Spendebereitschaft abhängig machen

In der Debatte um Organspenden hat Ärztepräsident Klaus Reinhardt dafür geworben, den Empfang eines Spenderorgans teilweise von der eigenen Spendebereitschaft abhängig zu machen.

20. Juni 2019

In der Debatte um Organspenden hat Ärztepräsident Klaus Reinhardt dafür geworben, den Empfang eines Spenderorgans teilweise von der eigenen Spendebereitschaft abhängig zu machen. Das sei "diskussionswürdig", sagte der neue Präsident der Bundesärztekammer den Zeitungen der Funke-Mediengruppe (Donnerstagsausgaben). "Wer bereit ist zu geben, kann bevorzugt empfangen."

Reinhardt verwies auf eine Regelung in Israel. Dort hänge der Platz auf der Empfängerliste bei Organtransplantationen auch davon ab, ob und wann sich jemand zum Spender erklärt habe. "Wer zu einer Spende bereit ist, wird bei der Transplantation eines Organs bevorzugt", sagte der Ärztekammerpräsident. "Das intensiviert den Gedanken, sich mit dem Thema zu befassen." Es wundere ihn, dass dies in der politischen Debatte in Deutschland bisher keine Rolle gespielt habe.

In der Diskussion um Organspenden wirbt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) für die sogenannte Widerspruchslösung. Demnach soll künftig jeder Bürger als Organspender gelten, solange er dem nicht ausdrücklich widerspricht. Einen entsprechenden Gesetzentwurf hat Spahn zusammen mit dem SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach vorgelegt.

Kritiker, vor allem Grünen-Chefin Annalena Baerbock und Linken-Chefin Katja Kipping, setzen stattdessen auf mehr Information und Beratung. Sie haben einen eigenen Gesetzentwurf vorgestellt.

 

Bundes­ärzte­kammer­präsident schlägt neue Regeln bei Organspende vor

Donnerstag, 20. Juni 2019

Berlin – Der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Klaus Reinhardt, hat neue Re­geln bei der Organspende vorgeschlagen. Wer selbst zur Organspende bereit sei, könne auch bei der Vergabe von Spenderorganen bessergestellt werden, sagte Rein­hardt heute den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

Den Empfang eines Spenderorgans von der eigenen Bereitschaft zur Spende abhän­gig zu machen, finde ich diskussionswürdig“, sagte er. „Wer bereit ist zu geben, kann bevorzugt empfangen.“ Reinhardt bezog sich bei seinem Vorschlag auf eine Regelung in Israel. Dort hänge der Platz auf der Empfängerliste bei Organtransplantationen auch davon ab, ob und wann sich jemand zu Lebzeiten zum Spender erklärt habe.

Wer zu einer Spende bereit ist, wird bei der Transplantation eines Organs bevorzugt. Das intensiviert den Gedanken, sich mit dem Thema zu befassen“, sagte Reinhardt. Es wundere ihn, dass dies in der politischen Debatte in Deutschland bisher keine Rolle gespielt habe.

In der kommenden Woche wird der Bundestag das erste Mal über eine Neuregelung der Organspende debattieren. Zur Diskussion steht dabei unter anderem die von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) vorgeschlagene Widerspruchslösung.

Danach wird automatisch jeder zum Organspender, der nicht zu Lebzeiten widerspro­chen hat. Reinhardt nennt das eine gute Lösung. „Länder wie Spanien, in denen es die Widerspruchslösung gibt, haben eine deutlich höhere Zahl von Transplantationen. Das erhoffe ich mir auch für Deutschland“, erklärte er.

Wenn die Menschen durch die Widerspruchslösung „wohlmeinend angestupst“ wür­den, um sich mit Organspende zu befassen, sei das gut. Auch der konkurrierende Ge­setzentwurf zu Spahns Vorschlag, der eine regelmäßige Befragung der Bürger und die Einrichtung eines Spenderregisters vorsieht, sei „ein Fortschritt“, sagte Reinhardt. © kna/aerzteblatt.de

 

 

Stiftung Patientenschutz zum deutschen Organspendesystem: Der Staat

sollte mehr Macht bekommen

Epoch Times1. Juni 2019

Bisher sind die Schlüsselfunktionen wie Organisation und Durchführung von Organspenden von privatrechtlichen Akteuren besetzt, erklärt Eugen Brysch, Vorstand der Stiftung Patientenschutz. Selbst bei den Verteilungsregeln und der Kontrolle sei der Staat weitestgehend außen vor. Er fordert eine Änderung.

Eugen Brysch, Vorstand der Stiftung Patientenschutz verlangt mehr Verantwortung für staatliche Institutionen beim Thema Organspende.

Er forderte, die Verantwortung für das Transplantationssystem auf eine staatliche Institution zu übertragen. Bisher seien die Schlüsselfunktionen wie Organisation und Durchführung von privatrechtlichen Akteuren besetzt.

Selbst bei den Verteilungsregeln und der Kontrolle sei der Staat weitestgehend außen vor. Daher sei es nicht verwunderlich, dass letztlich nur 36 Prozent einen Organspendeausweis besäßen, kritisierte Brysch.

Die Stiftung Patientenschutz kritisierte weiterhin, das alle bisherigen Bemühungen und Gesetzentwürfe zum Thema Organspende die Gerechtigkeitsfrage außer Acht lassen. Das Vertrauen in die Gerechtigkeit sei aber „eine Voraussetzung für eine positive Stimmung bei der Organspende“.

Ältere Bürger zweifeln an der Gerechtigkeit im Organspendersystem

Vor allem ältere Bundesbürger haben Zweifel an der Gerechtigkeit des Organspendesystems. Mehr als ein Drittel (36 Prozent) halten das Transplantationssystem in Deutschland nicht für gerecht, wie aus einer Umfrage der Deutschen Stiftung Patientenschutz hervorgeht, die der Nachrichtenagentur AFP am Samstag vorlag. Die Hälfte der Befragten (50 Prozent) hält das System hingegen für gerecht.

Erhebliche Unterschiede zeigen sich in den Altersgruppen. Während bei den 14- bis 29-Jährigen fast zwei Drittel (65 Prozent) meinen, dass das Organspendesystem gerecht sei, sinkt die Zustimmung mit dem Alter.

Bei den 30- bis 59-Jährigen denkt weniger als die Hälfte so (47 Prozent), bei den über 60-Jährigen halten nur 44 Prozent das System für gerecht. Das Marktforschungsunternehmen Kantar hatte für die Erhebung Mitte Mai 1025 Menschen ab 14 Jahren befragt.

Tag der Organspende in Kiel

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) warb zum Tag der Organspende am Samstag erneut für die sogenannte Widerspruchslösung. „Ich finde, jeder Mensch sollte sich zumindest ein Mal im Leben mit dem Thema Organspende auseinandersetzen“ erklärte Spahn auf Twitter. Angesichts des großen Mangels an passenden Organen in Deutschland dankte Spahn den Spendern: Leben zu schenken bedeute „größtmögliche Solidarität“.

In einem Gastbeitrag für die „Passauer Neue Presse“ vom Samstag hatte Spahn zuvor betont, dass es bei der Widerspruchslösung keinen Automatismus gebe. Volljährige Bürger als potenzielle Organspender sollten künftig „dreimal angeschrieben und auf diese Rechtsänderung hingewiesen“ werden – „und sie können jederzeit widersprechen“, schrieb der Minister. Falls dies nicht zu Lebzeiten passiere, würden die Angehörigen nach dem Willen der Verstorbenen gefragt.

Die einzige Pflicht wäre, sich Gedanken zu machen“, erklärte der Minister. „Ich finde, ein ‚Nein‘ auszusprechen, ist angesichts der bedrückenden Lage auch in unserer freien Gesellschaft zumutbar.“

AfD: Widerspruchslösung und Zwangsmaßnahmen

Bei der Organspende gilt bislang die sogenannte Entscheidungsregelung, derzeit stehen bundesweit etwa 10.000 Menschen auf der Warteliste für ein Spenderorgan.

Spahn setzt sich mit dem SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach für die Widerspruchslösung ein; Kritiker, vor allem Grünen-Chefin Annalena Baerbock und Linken-Chefin Katja Kipping, setzen stattdessen auf mehr Information und Beratung und stellten einen eigenen Gesetzentwurf vor.

Der gesundheitspolitische Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion, Axel Gehrke, bekräftigte am Samstag die Forderung der AfD nach einer „Vertrauenslösung“. Eine Widerspruchslösung werde „allein schon durch die damit verbundene Zwangsmaßnahme eher das Gegenteil erreichen“, kritisierte er. (afp/dpa)

 

TUM VORTRAG

Freisinger Forscherin: Das Schwein als künftiger Organspender

Schwein gehabt“ könnte es bald schon heißen, wenn Menschen ein Spenderorgan brauchen. In Freising referierte Forscherin Prof. Angelika Schnieke.

Freising– Sicher erinnern sich viele noch an Dolly, das erste Schaf aus der Retorte. In den 1990er-Jahren schaffte es ein Team aus Wissenschaftlern, das Tier aus einer einzigen Zelle zu reproduzieren. Eine von ihnen war Professor Angelika Schnieke. Seitdem hat sich viel getan in der Forschung und Schnieke arbeitet heute an ihrem Lehrstuhl für Biotechnologie an der TUM daran, das Schwein zum Organspender des Menschen zu machen. In der beliebten Reihe „Wissensschaft für alle erklärt“ gab die Professorin jetzt Einblick in ihr Fach.

Dabei musste man als Zuhörer konzentriert dabei sein. Biotechnologie, Genforschung – ein komplexes Thema, das für Normalsterbliche schwer zu greifen ist. Noch schwieriger wird es, wenn die Folien in der Präsentation vor allem auf Englisch sind. Doch die Zuhörer lauschten gespannt, zu faszinierend fanden sie wohl die Vorstellung, dass ein Schweineherz einmal ihr Leben retten könnte.

Nur drei von 1000 Organen sind tauglich

Dass die Forschung nach alternativen Organspendemöglichkeiten enorm wichtig ist, zeigte Angelika Schnieke gleich zu Beginn auf. Deutschland sei im europaweiten Vergleich am unteren Ende der Liste, wenn es um die Spenderwilligkeit geht. Aber selbst wenn mehr Menschen spenden würden: „Es sind ohnehin nur drei von 1000 Organen tauglich“, sagte sie und folgerte: „Ein Mangel wird bleiben.“ Und hier kommt das Schwein ins Spiel, das Säugetier, dessen Organe denen des Menschen physiologisch sehr ähnlich sind. Langfristiges Ziel ist es, die Organe des Tieres genetisch so zu verändern, dass sie der menschliche Körper nicht mehr abstößt. Xenotransplantation nennt man das dann, die Transplantation zwischen zwei Spezies.

Algen sind die Lösung

Klingt verrückt? Ist aber mehr als reine Zukunftsmusik. Schweineherzklappen werden bereits transplantiert. Auch sogenannte Inselzellen, eine Zellgruppe in der Bauchspeicheldrüse, die Insulin produziert, können bereits verpflanzt werden. Damit sie vom Körper nicht abgestoßen werden, müssen sie derzeit in einem kleinen Container in die Bauchdecke eingesetzt werden. Und weil die Zellen so nicht mit Sauerstoff versorgt werden, muss der von außen zugeführt werden. „Da hängen Schläuche aus dem Bauch, das ist noch nicht so optimal“, zog Schnieke Bilanz. Allerdings könnten Algen im Container die Lösung sein. Die würden durch Lichtbestrahlung Sauerstoff produzieren. Daran arbeitet man gerade. Ganze Organe hat man auch schon in Tierversuchen transplantiert. So hat zum Beispiel ein Affe mit einem zusätzlichen Schweineherz drei Jahre überlebt.

Die Sache mit den Inselzellen

Problem bei allen Transplantationen: ein Zuckermolekül, das sogenannte Alpha-Gal, aufgrund dessen der Mensch das Organ sofort abstößt.

Um das zu verhindern, wollen die Forscher die Schweinegenetik verändern. Das könnte auch andere menschliche Probleme lösen, etwa Fleischallergien. In etwa fünf Jahren soll die Methode mit den Inselzellen klinikreif sein, die Sache mit dem Herz allerdings frühestens erst in zehn Jahren.

Aber die Forschung schreitet weiter voran. Dann könnte man bald sagen „Schwein gehabt“.

 

 

 

 

 

 

Stand: 27.05.2019

Organspende: Ziel ist, den Empfängern Gutes zu tun

von Andreas Schmidt

Bundesweit warten fast 10.000 Menschen auf ein Spenderorgan. Viele sterben, bevor sie eine rettende Spende erhalten können. Am 1. Juni ist Tag der Organspende. Im Schleswig-Holstein Magazin widmen wir dem Thema eine ganze Wochenserie: Wie ist es, jahrelang auf ein Organ zu warten, wie lebt es sich mit Organen eines anderen Menschen im eigenen Körper, wie läuft eine Spende ab?

Das Leben sucht sich seinen Weg, genau wie der Tod. Diesmal war es an einem Sonntagmorgen im Mai, als der Anruf kam. Im Bundeswehrkrankenhaus in Hamburg ist eine Patientin verstorben. Der Kieler Chirurg Dr. Jan Beckmann fährt hin, um ihre Organe zu entnehmen. "Das ist für uns ein professionelles Herangehen und das Ziel dabei ist, am Ende auch den Empfängern mit den Organen Gutes zu tun", erklärt Beckmann. "Das ist sicherlich manchmal nicht ganz einfach. Jetzt bei älteren Personen ist es für uns vielleicht auch einfacher. Aber es gibt natürlich auch Situationen, wo Kinder zur Organentnahme anstehen. Da ist es für alle Beteiligten nochmal deutlich belastender", so Beckmann.

Die Vorbereitungen laufen den ganzenTag

Die Körperfunktionen der Patientin werden bis zur Organentnahme künstlich aufrecht erhalten. Ein irritierender Anblick: Der Brustkorb hebt und senkt sich, aber nur durch die Beatmungsmaschine. Schon den ganzen Tag über laufen die Vorbereitungen. Die Frage ist, ob die Organe gesund genug für eine Transplantation sind. Jan Beckmann wird es erst nach der Operation wissen.

Auch juristisch sind die Hürden für die Organentnahme genommen. Nach dem Organspendenskandal vor sieben Jahren sind die Regeln noch einmal verschärft worden. Richtig findet Beckmann. Er braucht Sicherheit. Denn er arbeitet in einem Grenzbereich. In diesem Fall ist die Zustimmung der Patientin eindeutig durch ihren Spenderausweis nachvollziehbar. Die ältere Frau ist nach einem erfüllten Leben gestorben. Schon vor der Operation waren Leber und Nieren der Verstorbenen an Kranke vergeben. Wer die Organe erhält und wo sie eingesetzt werden, das bleibt geheim.

Jeder sollte sich entscheiden - und darüber sprechen

Für niemanden im OP-Saal ist das hier leicht. "Man steht auch so ein bisschen vor der Frage, wie würde ich reagieren, wie würde ich für meine Angehörigen entscheiden", sagt Dr. Ingo Meisenburg von der Deutschen Stiftung Organspende. "Deswegen finde ich es auch so wichtig, dass jeder seine Entscheidung selber trifft und auch darüber spricht. Denn es ist oft eine große Last für Angehörige, eine solche Frage entscheiden zu müssen, so Meisenburg.

In diesem Fall war die Organspende eindeutig von der Patientin bestimmt. Das ist Beckmann am liebsten. Eine Leber kann etwa zwölf Stunden außerhalb eines Körpers überleben, eine Niere sogar 24 Stunden. Einpflanzen werden sie andere Chirurgen in den Empfängerkliniken. Vorher untersuchen Spezialisten noch Gewebeproben, damit nicht doch eine bislang unentdeckte Krankheit mit verpflanzt wird.

Eine Tote - und drei Menschen können wieder hoffen

Jan Beckmann ist fertig: "Gerade am Anfang handelt es sich eigentlich um eine normale Operation, wir machen einen Hautschnitt, der Patient ist anästhesiologisch betreut. Insofern ist das zu Beginn eine gewohnte Situation. Aber das Ende ist sicherlich abweichend", erklärt Beckmann sichtlich erschöpft. Zwei Nieren, eine Leber. Drei Menschen, die dem Tod nahe sind, können jetzt auf das Leben hoffen. Und die Chirurgen haben am nächsten Tag um sieben wieder Dienst.

 

 

Wissen Organspenden 19.05.2019

Forscher regenerieren Schweineherzen: Hilfe bei geschädigten

Spenderlungen?

Der Mangel an Organspenden ist ein großes Problem. Einen möglichen medizinischen Ausweg haben US-Forscher geprüft. Der Wert für die klinische Praxis sei allerdings begrenzt, gibt ein Experte zu bedenken.

New York

Mit dem Ziel, die Zahl verfügbarer Spenderlungen zu erhöhen, haben Wissenschaftler ein Verfahren zur schnellen Lungenregeneration entwickelt. Dabei wird das Organ außerhalb des Körpers therapiert, um es in einen Zustand zu bringen, in dem es für die Transplantation geeignet ist. „Bemerkenswerterweise werden bis zu 80 Prozent der gespendeten Lungen nicht verwendet, häufig als Folge einer Verletzung zum Zeitpunkt des Todes“, erläutern die Forscher um Matthew Bacchetta von der Vanderbilt University in Nashville (Tennessee/USA) in der Fachzeitschrift „Nature Communications“.

Eine Ursache für Verletzungen ist das Verschlucken von Erbrochenem, das durch den hohen Säuregehalt die Luftwege der Lunge verätzt. Bacchetta und Kollegen entwickelten und testeten eine Methode, um solche Verletzungen schnell zu kurieren und die Lunge in einen transplantationsfähigen Zustand zu versetzen.

Schon nach 18 Stunden hatte sich die Lunge erholt

Die Forscher verwendeten Schweine als Modellorganismen. Sie platzierten Mageninhalt mit einem pH-Wert von 2 (sehr sauer) in einen Lungenflügel. Nach sechs Stunden entnahmen sie die komplette Lunge und schlossen den Blutkreislauf über Kanülen außerhalb des Körpers an ein zweites Schwein an („Cross Circulation“). Dann wurde die Lunge künstlich beatmet und die Wissenschaftler führten therapeutische Maßnahmen durch: Sie spülten innerhalb von 15 Minuten dreimal die Luftwege der Lunge. Dann ersetzten sie den oberflächenaktiven Stoff (Surfactant). Schließlich ergriffen sie Maßnahmen, um möglichst viele Lungenbläschen zu reaktivieren.

Während der Prozedur und des Heilungsprozesses maßen die Forscher zahlreiche biologische Funktionen, zum Teil über Biomarker. Schon nach 18 Stunden hatte sich die Lunge gut erholt. Nach 36 Stunden war der verletzte Lungenflügel zwar noch nicht wieder komplett regeneriert, doch waren die Werte so gut, dass die Lunge hätte transplantiert werden können. Die Forscher testeten ihr Verfahren an insgesamt acht Schweinen. Außerdem zeigten sie, dass der Heilungsprozess mit einer weiterentwickelten Thermografietechnik gut überwacht werden kann.

Methode in der Praxis ungeeignet?

Als Einschränkung ihrer Studie geben die Forscher an, dass nur eine von vielen Verletzungsarten getestet wurde und auch nur an einem Lungenflügel. Auch müssten in weiteren Studien die Auswirkungen der Immunsuppression – der Unterdrückung des Immunsystems zur Verringerung der Abstoßungsreaktion – untersucht werden. Jedes Jahr stürben Tausende Patienten, während sie auf geeignete Organe für die Transplantation warteten, schreiben die Forscher. „Die Wiederherstellung eines ungeeigneten Organs kann ihre einzige Chance für eine Transplantation und ein Überleben darstellen.“

Für grundsätzlich gut gemacht hält Gregor Warnecke von der Medizinischen Hochschule Hannover die Studie, an der er nicht beteiligt war. Ihm gefällt der Ansatz, dass im Tiermodell genau definierte Schäden zugefügt wurden, um exakte Messungen des Therapie- und Heilungsprozesses vornehmen zu können. Allerdings hält er die Behandlung der Lunge außerhalb des Körpers in der „Cross Circulation“ für veraltet: „Seit es Herz-Lungen-Maschinen und auch spezielle Organperfusionsmaschinen gibt, ist diese Methode eigentlich obsolet und beim Menschen auch im Grunde undurchführbar.“

Warnecke, der auch stellvertretender Vorsitzender der Kommission Herz/Lunge bei der Deutschen Transplantationsgesellschaft ist, sieht den Wert der Studie für die klinische Praxis als recht begrenzt an.

Von RND/dpa

 

 

Politik

Bundestag will Anfang Juni über Organspende beraten

Donnerstag, 16. Mai 2019

Berlin – Über eine Reform der Organspende will das Parlament in der ersten Juni­woche beraten. Das kündigte SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauter­bach heute vor der Presse an. Zur Debatte stehen zwei Vorschläge, mit denen die derzeitige Situation des Mangels an Spenderorganen verbessert werden soll.

Der am 1. April von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) und Lauterbach sowie weiteren Abgeordneten vorgelegte Entwurf eines „Gesetzes zur Regelung der doppelten Widerspruchslösung im Transplantationsgesetz“ sieht im Kern vor, dass jeder volljährige Mensch in Deutschland automatisch als Organspender gilt – es sei denn, er hat dem widersprochen.

Seit dem 6. Mai liegt zudem ein Alternativvorschlag einer Gruppe von Bundestagsab­geordneten aus Union, SPD, FDP, Linken und Grünen um die Grünen-Vorsitzende Annalena Baerbock vor. Ihr Entwurf eines „Gesetzes zur Stärkung der Entschei­dungsfreiheit bei der Organspende“ setzt explizit auf eine bewusste und freiwillige Entscheidung der Menschen und deren ausdrückliche Zustimmung zur Organspende.

Für Lauterbach ist es zwar „großartig“, dass es diesen Alternativvorschlag gibt. Er sei ein guter Anstoß für die Debatte. „Inhaltlich geht er aber nicht weit genug“, sagte er. Allein durch die Einführung eines Onlineregisters sei kein Effekt auf die Zahl der ge­spendeten Organe zu erwarten.

Wir drehen mit dem Vorschlag nur eine weitere Zeitschleife“, kritisierte er. Auch die bisherigen Bemühungen bei der Entscheidungslösung hätten schließlich nicht aus­reichend gefruchtet. „Die einzige Möglichkeit zur Steigerung der Spenderzahlen ist die Widerspruchslösung“, betonte er.

Ob man tatsächlich eine doppelte Widerspruchslösung braucht, wie von Spahn und Lauterbach gefordert, war indes bei den Ärzten und Juristen der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) bei ihrem Treffen Mitte April umstritten.

Befürworter wie Bernhard Banas, Präsident der Deutschen Transplantationsge­sell­schaft, und Henning Rosenau, Direktor des Interdisziplinären Wissenschaftlichen Zentrums Medizin – Ethik – Recht der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, sind sich sicher, dass durch eine Einführung der Widerspruchslösung die Zahl der Organ­spenden um 20 bis 30 Prozent ansteigen würde. Sie plädierten für einen „Kulturwan­del“ pro Organ­spende: „Wir brauchen eine gesellschaftliche Übereinkunft, dass man mit Organspende Leben retten kann.“

Kritiker der Widerspruchslösung hielten dagegen, dass in den vergangenen Jahren die Zahl der Organspender um 16 Prozent zugenommen, die Zahl der Organ-Transplan­tationen aber um 30 Prozent abgenommen habe. „Auch in den Ländern mit einer Wi­derspruchslösung sind die Organspenden nicht automatisch hoch gegangen“, betonte der Theologe Eberhard Schockenhoff von der Universität Freiburg.

Er halte es zudem für problematisch, so schwerwiegende Eingriffe in das Selbstbe­stimmungsrecht von Menschen vorzunehmen. „Es gibt keine moralische Verpflichtung zur Organspende“, sagte er. „Wir brauchen eine rechtliche Regelung, die die Inter­essen der Organempfänger berücksichtigt, aber auch die Freiwilligkeit des Spenders sicherstellt.“ © ER/aerzteblatt.de

 

 

Vermischtes

Mehr als 60 Prozent der Deutschen wären bei Widerspruchslösung Organspender

Mittwoch, 15. Mai 2019

Berlin – Fast zwei Drittel der Deutschen wären Organspender, wenn sie diesen Status automatisch von Geburt an hätten. Aktuell besitzen gerade einmal 36 Prozent der Bundesbürger einen Organspenderausweis. Diese große Lücke ist der bestehenden Zustimmungs­lösung geschuldet. Das stößt bei vielen Menschen in Ländern mit Wider­spruchslösung auf Kritik, wie der Stada-Gesundheitsreport 2019 zeigt.

63 Prozent der deutschen Teilnehmer gaben demnach an, dass sie ihren Status als Donor beibehalten würden, wenn auch hierzulande ein passives System bestünde.
Unter den rund 18.000 Befragten waren jeweils rund 2.000 Befragte aus Deutschland, Belgien, Frankreich, Italien, Polen, Russland, Serbien, Spanien und dem Vereinigten Königreich. Die Befragung wurde vom Marktforschungsinstitut Kantar Health im Auftrag der Stada Arzneimittel AG durchgeführt.

Bei einer Pressekonferenz in Berlin wurde deutlich, dass in Deutschland – wie auch in Großbritannien, das ebenfalls auf eine Zustimmungslösung setzt – ein großes unge­nutz­tes Potenzial an Organspendern existiert.

Die anderen sieben untersuchten Nationen haben eine Widerspruchslösung. Dort ist nicht nur die Zahl der Organspender höher als in der Bundesrepublik, die Bevölkerung der Länder kritisiert teilweise auch das Zustimmungssystem: Knapp die Hälfte der Befragten hält das Vorgehen von Deutschland und Großbritannien für wenig sinnvoll. 22 Prozent sind sich sicher, dass dadurch viele Organspender verloren gehen, weitere 24 Prozent halten die Organspende ohnehin für ihre Pflicht.

Gene sind Privatsache

Eine weitere Frage war, wie offen die verschie­denen Nationen gegenüber neuen Trends in der Medizin sind und wie sehr sie noch auf die klassische Medizin ver­trauen. Die Deutschen schnitten in beiden Punkten unterdurchschnittlich ab. Der Gesundheitsreport zeigt, dass die Deutschen offenbar am ehesten auf die eigenen Erfahrungen vertrauen und sowohl technischem als auch medizinischem Fortschritt skeptischer gegenüberstehen als der Rest Europas.

Würde der Arzt zum Beispiel einen Gentest empfehlen, um Gesundheitsrisiken besser abschätzen zu können und eine bessere Behandlung anzubieten, würden nur 42 Prozent vorbehaltlos zustimmen. In allen anderen befragten Ländern liegt der Wert bei über 60 Prozent.

Besonders skeptisch sind deutsche Frauen und die Befragten zwischen 35 und 49 Jahren, von ihnen würden nur 39 bzw. 37 Prozent vorbehaltlos zustimmen. Weitere 24 Prozent der Deutschen würden zwar zustimmen, sich dabei aber sehr unwohl fühlen. Jeder Dritte lehnt kategorisch ab. Warum? Fehlendes Vertrauen in die Richtigkeit des Tests (8 Prozent) oder Angst, dass die eigenen Ergebnisse in die „falschen Hände“ geraten (4 Prozent). Und jeder Fünfte sagt, er möchte gar nicht wissen, welche Risiken ihn erwarten.

In anderen Nationen steht man Gentests offener gegenüber, in Spanien etwa würden 90 Prozent der Befragten einen Test durchführen lassen, wenn der Hausarzt es em­pfehlen würde. Ein durchaus überraschendes Ergebnis, wenn man bedenkt, dass nur im Schnitt 24 Prozent der Befragungsteilnehmer in Europa überhaupt wissen, was bei einem Gentest untersucht wird und was damit entdeckt werden kann.

Dieses Ergebnis zeigt zum einen den Einfluss, denn der Hausarzt auf seine Patienten hat, andererseits aber auch große Wissenslücken“, sagte Tim Irfan von Kantar Health, der die Ergebnisse der Befragung vorstellte.

Grundsätzlich zeigt der Report auf, dass es beim Gesundheitswissen der Europäer noch Nachholbedarf gibt. Von den rund 18.000 Teilnehmern beantworteten nur 51 alle sechs ge­stellt­en Wissensfragen – wie „Was ist ein Generikum?“, „Was ist ein Bio­si­milar?“ „Was sind Probiotika?“) korrekt. Spitzenreiter war Spanien (15 Teilnehmer, die alle Fragen beantworten konnten), Deutschland bewegte sich mit fünf „Alleswissern“ im unteren Mittelfeld.

OP vom Roboter stößt auf Ablehnung

Ein ähnlich kritisches Bild wie bei den Gentests zeigt sich in Deutschland auch bei anderen zukunftsrelevanten Fragen: 49 Prozent der Bundesbürger können sich vor­stellen, vom Arzt eine Diagnose via Webcam zu bekommen. Nur in Belgien sind noch weniger Menschen offen für die zeitsparende Art der Kommunikation mit dem Arzt. Biosensoren zur Überwachung von Gesundheitsdaten würden 29 Prozent der Deut­schen nutzen, im europäischen Durchschnitt sind es 38 Prozent, Spitzenreiter ist Spanien mit 49 Prozent.

Beim Blick in die fernere Zukunft lehnt jeder zweite Deutsche eine Operation von einem Roboter kategorisch ab. Nur in Serbien sind es noch mehr. In Italien beispiels­weise würden sich zwei Drittel der Bevölkerung vom Roboter operieren lassen. Beson­ders skeptisch in Deutschland sind in diesem Punkt wieder Frauen – von ihnen wür­den sich nur 42 Prozent von einem Roboter operieren lassen.

Angesichts dessen, dass roboterassistierte Operationen bereits gang und gäbe seien, bestehe hier offenbar dringen Aufklärungs- und Informationsbedarf, sagte Tim Irfan von Kantar Health.

Misstrauen gegenüber Schulmedizin

Aber auch der klassischen Schulmedizin stehen die Deutschen offenbar mit Skepsis gegenüber. Nur 23 Prozent der Bundesbürger vertrauen dieser völlig, 39 Prozent immer­hin im Großen und Ganzen. Besonders misstrauisch sind erneut Frauen und die Altersgruppe der 35- bis 49-Jährigen, also diejenigen, die auch den Gentest am häufigsten kategorisch ablehnen. Im Ländervergleich haben nur Russland, Polen und Serbien noch weniger Vertrauen in die Schulmedizin.

Worauf vertrauen die Deutschen dann? Auf sich selbst. Bei Anzeichen einer leichten Erkrankung, etwa Magen- oder Erkältungsbeschwerden, greifen 49 Prozent auf Hausmittel wie Hühnerbrühe oder Wärmflasche zurück, der mit Abstand höchste Wert in allen neun befragten Ländern. Im europäischen Durchschnitt setzen nur 27 Prozent zuerst auf Hausmittel, in Italien sogar nur 14 Prozent.

Zuerst zum Arzt gehen in Deutschland elf Prozent, noch ein Prozent mehr geht für eine Beratung zuerst in die Apotheke. Damit schlagen Arzt und Apotheke das Internet, hier suchen nur acht Prozent als Erstes nach einer Lösung. Das größte Vertrauen in Arzt und Apotheke haben die Spanier: 38 Prozent von ihnen gehen bei ersten Krankheitssymptomen zuerst zum Arzt, 20 Prozent zur Beratung in die Apotheke. © nec/aerzteblatt.de

 

Der Tagesspiegel: Ärztepräsident: Widerspruchslösung bei Organspenden könnte sich als kontraproduktiv erweisen

Der Tagesspiegel

Mittwoch der 8. Mai 2019 - 1:00 Uhr

Berlin (ots) - Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery hat sich

skeptisch zur Widerspruchslösung bei der Organspende geäußert.

Er befürchte, dass eine solche Reform kontraproduktiv sei und das

Misstrauen in die Transplantationsmedizin befördere, sagte

Montgomery dem Berliner "Tagesspiegel" (Mittwochausgabe).

 

Gleichzeitig warf er Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) vor,

mit dieser Idee zu früh vorgeprescht zu sein.

Er halte die Widerspruchslösung zwar für richtig, habe aber

"immer auch dazu geraten, diese Debatte nicht jetzt zu führen,

sondern erst mal abzuwarten, wie die beschlossenen

Verbesserungen in den Kliniken wirken", sagte Montgomery. Diese

gerade erst beschlossene Reform und nicht eine

Widerspruchregelung sei der zentrale Baustein für mehr

Organspenden.

"Wir merken ja, dass diese wichtige Debatte nun aufgrund des

zusätzlichen Vorstoßes von Spahn schon wieder in Parteienstreit

zerfällt", meinte der Ärztepräsident. Er sei "entsetzt darüber, dass

es bestimmte Politiker nicht schaffen, die großen ethischen Fragen

auf anderer Ebene zu diskutieren."

http://www.tagesspiegel.de/politik/aerztepraesident-zu-sterbehilfe -und-organspenden-wir-muessen-haltung-zeigen-auch-gegen-den-zeitgeist /24311698.html

Rückfragen richten Sie bitte an: Der Tagesspiegel, Newsroom, Telefon 030-29021-14909

 

 

 

30.04.2019

 

Bad Oeynhausen (WB). Israelische Forscher haben jüngst

mit einem 3D-Drucker ein Mini-Herz aus menschlichem

Gewebe erzeugt. Der Prototyp, dessen Zellen sich noch

nicht synchron zusammenziehen können, hat die Größe

eines Hasenherzens. Es besteht aus Gewebe und

Blutgefäßen und verfügt über Kammern. Über die

Forschungsarbeit der Universität Tel Aviv hat diese Zeitung

mit Prof. Dr. Jan Gummert, Ärztlicher Direktor am Herz-

und Diabeteszentrums (HDZ), gesprochen. Die Fragen

stellte Claus Brand.

?Was ging Ihnen spontan durch den Kopf, als Sie

vom Mini-Herz aus dem 3D-Drucker gehört haben?

Prof. Jan Gummert: Ein spannendes Forschungsergebnis,

über das aber viel zu früh und so prominent berichtet wird.

Vielen Patienten wird dann wieder Hoffnung gemacht, die

so nicht gerechtfertigt ist. Anfragen, ob wir unseren

Patienten, die auf ein Herz warten, nun ein Herz drucken

würden, gab es zum Glück nicht.

?Wie würden Sie dem medizinischen Laien das

Druckverfahren erklären?

Gummert: Im Gegensatz zu leblosen Materialien, die beim

3DDruck genutzt werden, wurden hier lebendige Zellen

verwendet. Der Computer, der den 3DDrucker steuert,

wählt dann statt verschiedenen Farben oder Materialien

unterschiedliche Zellen aus, die mit Hilfe von

Stabilisierungsmaterialien Schicht für Schicht zu einem

großen Zellklumpen angehäuft werden.

?Bis Patienten profitieren können, wird es wohl noch

viele Jahre dauern. Was ist Ihre Einschätzung zum

Zeitfenster?

Gummert: Solange es kein funktionstüchtiges Tiermodell

gibt, ist es unverantwortlich, ein Zeitfenster für die

klinische Einführung zu nennen.

?Wo sehen Sie die Probleme auf dem Weg der

Weiterentwicklung der Forschungsergebnisse aus

Tel Aviv?

Gummert: Entscheidende Hindernisse auf dem Weg zu

ersten Tierversuchen müssen noch überwunden werden.

Die mit dem 3DDrucker aufgeschichteten Zellen arbeiten

nicht miteinander, was aber für ein funktionierendes

Herz eine zwingende Voraussetzung ist. Auch muss das

Verfahren für größere Herzen funktionieren, was noch

nicht gezeigt wurde. Die Durchblutung eins

funktionstüchtigen Herzens ist außerdem viel komplexer

als ein nicht arbeitendes Herz.

?Ist der Begriff »Medizinischer Meilenstein« in

diesem Zusammenhang zutreffend? Gummert: Den

Begriff »Medizinischer Meilenstein« schätze ich überhaupt

nicht. Dadurch werden unberechtigte Hoffnungen bei

Patienten geweckt, die nur selten erfüllt werden können.

Bei einem solchen Forschungsprojekt sollte von einem

»Meilenstein in der Grundlagenforschung« gesprochen

werden.

?Gibt es einen Bezug dieser Forschungsarbeit zum

Herz und Diabeteszentrum?

Gummert: Die im HDZ durchgeführte

Transplantationsforschung ist patientennah und beschäftigt

sich vor allem mit der Entwicklung schonenderer

Therapieformen zur Vermeidung von Abstoßungen.

?Sie treffen einen der Forscher aus Israel. Welche

Frage/Fragen stellen Sie ihm? Gummert: Welche

konkreten Schritte sind als nächstes geplant, um die dann

angekündigten Tierversuche durchführen zu können

? Welche Techniken kommen in Frage, damit die Zellen

koordiniert arbeiten und das ausgedruckte Herz wirklich

Blut pumpen kann?

?Sehen Sie ein ethisches Problem im

Zusammenhang mit dieser Forschungsarbeit?

Gummert: Ethische Probleme sehe ich bei dieser

Forschungsarbeit überhaupt nicht, ganz im Gegenteil. Bei

diesem Projekt werden – anders als bei der Diskussion um

die Forschung mit embryonalen Stammzellen – die

körpereigenen Zellen verwendet, die letztlich der eigenen

Genesung dienen. Das wäre bei einer möglichen klinischen

Anwendung ein sehr großer Vorteil.

?Angenommen, eine Weiterentwicklung gelingt: Wo

liegt der Vorteil eines solchen Herzens bei

derBehandlung eines Patienten? Gummert: Der große

Vorteil wäre, dass solche Herzen vom Immunsystem des

Patienten nichtabgestoßen würden. Daher könnte man

dann nach einer Transplantation auf abwehrschwächende

Medikamenteverzichten. Die abwehrschwächenden

Medikamente führen bei einigen Patienten zu

Nebenwirkungen wie Infektionskrankheiten oder

Tumorerkrankungen.

?Laut der israelischen Forscher soll versucht

werden, in absehbarer Zeit solche Herzen oder deren

Weiterentwicklung an Hasen oder Ratten in

Tierversuchen zu testen. Realistisch? Gummert: Das

kann ich auf Grund der mir zur Verfügung stehenden

Informationen nicht seriös beurteilen. Auf jeden Fall

müssen noch viele grundlegende Probleme gelöst werden,

bevor Tierversuche möglich sind. Und das kann dauern.

?Was wünschen Sie den Forschern aus Israel?

Gummert: Vor allem gratuliere ich ihnen zu diesem

innovativen Ansatz und drücke die Daumen, dass dieses

wirklich schwierige Projekt in absehbarer Zeit weitere

Fortschritte macht.

 

 

 

 

Justiz

Urteil: Keine Kosten-Erstattung für illegale Organspenden
Von dpa

17.04.2019, 14:00

Berlin. Ein Deutscher, der sich in den Niederlanden die Niere eines Mannes aus Sierra Leone implantieren ließ, muss dafür nach einem Berliner Urteil selbst zahlen. Die Krankenkasse müsse die Kosten nicht übernehmen, da die Transplantation nach deutschem Gesetz nicht zulässig gewesen sei, teilte das Sozialgericht in der Hauptstadt am Mittwoch zu dem Urteil mit. Ein Versicherter dürfe sich in einem anderen EU-Staat nur die von den deutschen Krankenversicherungen vorgesehenen Leistungen beschaffen. (Aktenzeichen: S 76 KR 1425/17).

Das deutsche Transplantationsgesetz sehe eine besondere persönliche Verbundenheit zwischen Spender und Empfänger vor, hieß es. In dem Fall des 57-jährigen Mannes, der die Niere bekam, sei diese Verbundenheit nicht zu erkennen gewesen. Der Mann aus dem westafrikanischen Land habe sich zu der Spende bereit erklärt, als er den Mann in Deutschland noch nicht persönlich kannte, hieß es im Urteil.

Zwei deutsche Krankenhäuser hatten deshalb die Operation abgelehnt. Der 57-Jährige stand bei der Stiftung Eurotransplant auf der Warteliste für ein Organ, war aber bis zu seiner eigenen Entscheidung nicht berücksichtigt worden. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, eine Berufung ist möglich.

( dpa )

 

 

 

 

Organspende: "Entscheiden Sie sich!"

Professor Matthias Anthuber von der Universitätsklinik Augsburg sieht es als Bürgerpflicht, sich für oder gegen die Organspende zu entscheiden

von Dr. Achim G. Schneider, 11.04.2019

Herr Professor Anthuber, ab April soll ein Gesetz Kliniken darin stärken, mögliche Organspenden auch zu realisieren. Eine gute Neuerung?

Das Gesetz ist sicher sehr hilfreich. Doch es genügt nicht. So sprechen sich 84 Prozent der Menschen in Deutschland für die Organspende aus, doch nur 36 Prozent dokumentieren das mit einem Spenderausweis. Diese Kluft macht deutlich, dass wir mehr als dieses Gesetz brauchen. Zum Beispiel die Widerspruchslösung, über die aktuell debattiert wird.

 

Wer nicht schriftlich widerspricht, wäre damit künftig automatisch ein Organspender. Was halten Sie von dem Einwand, dass fehlender Widerspruch nicht einfach als Zustimmung gewertet werden könne?

Manche Kritiker sagen sogar, die Widerspruchslösung entspreche einer Organ-Abgabepflicht und habe mit einer Spende nichts mehr zu tun. Ich halte das für eine falsche Interpretation. Es bestünde lediglich die Pflicht, eine Entscheidung zu treffen und sie bekannt zu geben. Mit einem "Nein" kommt man als Organspender nicht mehr infrage.

Manche halten es für unangemessen, ein "Ja" oder "Nein" zu erzwingen.

Ich meine, man darf das. Wir müssen uns gegenüber dem Staat ständig erklären: Wo wir wohnen, wie viel wir verdienen und so weiter. Wenn wir den Solidargedanken zu Ende denken, können wir auch erwarten, dass Menschen in einer so wichtigen Frage wie der Organspende eine Entscheidung fällen. Und wenn man sich damit gar nicht befassen möchte, stimmt man mit "Nein". Im Übrigen kann man sich jederzeit umentscheiden.

Viele Menschen sehen die Organspende generell positiv, scheuen aber davor zurück, das mit einem "Ja" zu dokumentieren. Woran liegt das?

An diffusen Ängsten und Vorbehalten. So höre ich häufig die Frage: Werden Ärzte mich bei einer schweren Hirnschädigung noch voll behandeln oder eben nicht, weil sie in mir schon den Organspender sehen? Für mich ist das eine abstruse Vorstellung. Denn das käme einer bewussten Tötung gleich.

Besteht nicht eher bei manchen die Sorge, quasi noch am Leben zu sein, wenn Organe entnommen werden?

Viele Menschen, darunter auch Ärzte und Pfleger, haben das Konzept des Hirntods intellektuell noch nicht wirklich durchdrungen. Hier ist noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten. Ich vergleiche den Hirntod mit einer inneren Enthauptung. Groß-, Mittel- und Stammhirn sind zerstört und damit auch alle grundlegenden Lebensfunktionen erloschen.

Im Mai 2018 ging ein Fall aus den USA durch die Presse. Ein 13-Jähriger wachte auf, nachdem Ärzte ihn für hirntot erklärt hatten.

In keinem Bericht darüber wird erwähnt, ob nach den bei uns üblichen Standardkriterien eine Hirntod-Dia­gnostik erfolgt ist. In Deutschland stellen zwei damit erfahrene Ärzte unabhängig voneinander und bei Kindern im zeitlichen Verlauf mehrmals den irre­versiblen Hirnausfall fest. Bestätigt werden die klinischen Befunde durch Ergebnisse von technischen Untersuchungen wie Ableitung der Hirnstromkurve, Ultraschall und Angiografie. Ein Irrtum ist unter den hiesigen Bedingungen also ausgeschlossen.

 

Eine Entnahme findet auch nur statt, wenn die Angehörigen zustimmen.

Diese Situation ist für alle Seiten ex­trem belastend. Es handelt sich sicher um eines der schwierigsten Gespräche, die man als Arzt führen muss. Die Angehörigen empfinden eine so unglaubliche Trauer, dass sie sich mit dem Gedanken an die Organspende nicht beschäftigen wollen. Auch ihnen würde es sehr helfen, wenn die Entscheidung dafür oder dagegen zu Lebzeiten klar dokumentiert würde.

Sie werben für die Organspende. Was ist Ihr stärkstes Argument?

Man eröffnet damit Todkranken die Chance auf ein längeres, qualitätvolles Leben. Derzeit sterben in Deutschland täglich rund drei Menschen auf der Warteliste. Wenn wir mehr Organspender hätten, könnten wir die Not etwas lindern.

 

 

 

Pro und Contra: Schützt oder entmündigt? SPD-Mann

und FDP-Politiker streiten über Organspende-Reform

Focus Online

Montag, 08.04.2019, 22:54

Eine Gruppe von Bundestagsabgeordneten verschiedener Parteien will durchsetzen, dass künftig in Deutschland jeder als potenzieller Organspender behandelt wird, wenn er nicht zuvor widersprochen hat.

Karl Lauterbach (SPD) ist einer von ihnen. Der FDP-Bundestagsabgeordnete Otto Fricke (FDP) hält dagegen. In einem "Pro und Contra" für FOCUS Online erklären die beiden Politiker ihre Position.

Pro: Wer nicht widerspricht, ist Organspender

Das Transplantationsgesetz in Deutschland muss dringend geändert werden. Die seit 2012 geltende Entscheidungslösung, nach der nur die Personen als mögliche Spender gelten, die einer Entnahme ausdrücklich zustimmen, ist offensichtlich wirkungslos. Weit über 10.000 Menschen sind auf der Warteliste, und sie warten häufig im Angesicht des Todes. Darunter sind viele Kinder. 2000 Todesfälle pro Jahr sind während der Wartezeiten zu beklagen. Das ist unnötiges Leid. Als Arzt und Politiker kämpfe ich für die Einführung einer Widerspruchslösung.

Pro: Karl Lauterbach (SPD)

Lauterbach, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der SPD im

Bundestag, ist habilitierter Mediziner. Er kämpft – unter anderem mit

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) – für die so genannte

Widerspruchslösung. Kernpunkt: Wer nicht widerspricht, ist automatisch

Organspender. Er selbst erklärt sich zur Organspende bereit.

Jeder, der einer Organspende nicht ausdrücklich widerspräche und diesen Widerspruch dokumentieren ließe, käme grundsätzlich als Spender in Frage. Damit würde der größte Teil der Bevölkerung zu Spendern. Mit der Widerspruchslösung wäre die deutliche Verbesserung möglich, die wir bei den Spenderzahlen brauchen.

Wir könnten damit viele Menschen vor dem Tod retten oder ihnen ein besseres Leben ermöglichen. Politisch sollten wir uns in diese Richtung bewegen, gesellschaftlich müssen wir diese Diskussion führen. Ein großer Teil der Bevölkerung wäre zur Organspende bereit. Trotzdem wird nur eine Minderheit im Todesfall auch Spender. Die Organisation und die Vergütung der Organentnahme haben wir per Gesetz verbessert, aber das reicht noch nicht. Die Länder mit hoher Transplantationsquote haben fast alle Widerspruchslösungen.

"Kein massiver Eingriff in Persönlichkeitsrechte"

Organspende soll keine Bürgerpflicht werden, sondern nur der Widerspruch, wenn man keine Organe spenden möchte. Und jeder, der sich dagegen entscheidet, entscheidet auch moralisch und bleibt trotzdem weiter Empfänger. Es gibt keine Nachteile. Durch die Widerspruchslösung bringt man Menschen dazu, sich überhaupt erst die Frage zu stellen, ob sie spenden wollen oder nicht. Das schuldet man Schwerstkranken, die auf ein Organ warten.

Einen massiven Eingriff in Persönlichkeitsrechte kann ich dabei nicht erkennen. Die Gesellschaft darf verlangen, dass sich jeder sehr bewusst mit der Frage auseinandersetzt, wie er zur Organspende steht. Die allermeisten Bürger, die sich bisher noch nie mit dem Thema beschäftigt haben, erwarten schließlich, im Fall der Fälle selbst ein Organ zu bekommen. Die Widerspruchslösung wird dieser Anspruchshaltung gerecht. Auch die Angehörigen erhielten ein zusätzliches Widerspruchsrecht, aber nur dann, wenn die Familie nach dem Tod ihres Angehörigen glaubhaft versichert, dass dieser sich gegen die Organspende entschieden hat. Dann werden die Organe nicht gespendet.

Ich bin mir bewusst, dass eine Widerspruchsregelung das Misstrauen gegenüber der Transplantationsmedizin für wenige noch erhöhen könnte. Daher muss alles getan werden, um ein Nein zur Organspende verlässlich zu dokumentieren. Kommt die Widerspruchslösung nicht, stellen wir unsere abstrakten und zum großen Teil unberechtigten Bedenken über das konkrete Leid der Betroffenen. Die Widerspruchslösung ist eine Regelung, die Leid und unnötigen Tod verhindert, aber gleichzeitig auch vor Fehlern und Missbrauch schützt. Das ist aus meiner Sicht eine Regelung, die gut in unsere Zeit passt.

Contra: Der Bürger ist mündig, sich für oder gegen Organspenden zu entscheiden

Die Befürworter der Widerspruchslösung und ich haben etwas gemeinsam: Wir alle wollen mit mehr Organspenden Leben retten. Dabei ist es mir jedoch wichtig, dass die Problemlösung mit den Bürgerinnen und Bürgern gemeinsam erfolgt – und nicht ohne sie. Unsere interfraktionelle Entscheidungslösung erfüllt diese Anforderung.

In der Debatte über Organspenden werden regelmäßig die tatsächlich erfolgten Organspenden und die Organspendebereitschaft – teilweise bewusst – vermischt. Zwischen ihnen besteht jedoch ein eklatanter Unterschied.

Contra: Otto Fricke (FDP)

Fricke, Haushaltspolitiker und praktizierender Christ, ist dagegen, dass in

Deutschland künftig der Automatismus gilt „Wer nicht widerspricht, ist

Organspender“. Er plädiert – unter anderem mit Annalena Baerbock

(Grüne) und Katja Kipping (Linke) dafür, alle Bürger regelmäßig und

verbindlich zu ihrer Haltung zur Organspende zu befragen. Fricke selbst

erklärt sich zur Organspende bereit.

Rund 28 Millionen Deutsche haben sich laut Umfragen entschieden, Organe zu spenden. Sie sind also potenzielle Spender. Auf der anderen Seite wurden 2018 nur 3.113 Organe gespendet. Gleichzeitig warteten 9.697 Menschen auf ein Spenderorgan. Diese Zahlen machen deutlich: Die Anzahl der Spender muss erhöht werden. Das ist Ziel unseres Vorschlags einer verbindlichen Entscheidungslösung und auch Ziel des Gegenvorschlags, der Widerspruchslösung.

Wenn der Bürger aber kein Untertan ist, dürfen wir ihn "nur" bitten

Zwischen den beiden Ansätzen gibt es jedoch einen grundsätzlichen Unterschied: das Menschenbild. Ich sehe den Menschen als mündigen Bürger, der sich von sich aus für oder auch gegen eine Organspende entscheidet. Hierbei fehlt es immer wieder an Informationen und der Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit der Organspendefrage.

Wenn der Bürger aber kein Untertan ist, dürfen wir ihn "nur" bitten, sich damit auseinanderzusetzen. Konkret wollen wir, dass Bürger Informationen und Hinweise auf Ansprechpartner rund um die Organspende erhalten. Insbesondere, wenn sie einen Personalausweis beantragen.

Bewusst aber ist eine Entscheidung bei der Beantragung nicht vorgesehen. Erst bei der Abholung wird nach einer Entscheidung gefragt. Hier gibt es jedoch auch die Möglichkeit anzugeben, dass man sich noch nicht entscheiden kann oder möchte. Geändert werden kann die Entscheidung zudem von jedem selbst, zukünftig zum Beispiel im Rahmen eines elektronischen Registers.

Hier sagt der Staat dem Bürger: Ich als Staat weiß besser, was richtig ist

Die Entscheidung, zu spenden oder nicht zu spenden, trifft der Bürger bei unserer Lösung stets selbst. Das ist mir wichtig, denn meine Überlegungen gehen insbesondere bei diesen Fragen stets vom Grundgesetz aus, welches auf der Idee beruht, dass staatliche Eingriffsrechte immer vom Bürger her gedacht und von seinen individuellen Rechten her abgeleitet werden müssen.

Mit der Widerspruchslösung würde dieser Prozess am Anfang umgekehrt: Der Staat macht den Bürger zum Organspender, der Bürger muss nun agieren und widersprechen, wenn er nicht dem Staat folgen will. Auch eine Absicherung durch den möglichen Widerspruch der Angehörigen gibt es bei der Widerspruchslösung nur, wenn der Verstorbene sich zu Lebzeiten in irgendeiner Form hinreichend zur Organspende geäußert hat.

Hier sagt der Staat dem Bürger: Ich als Staat weiß besser, was richtig ist, statt an die Freiheit des Einzelnen zur Verantwortung zu appellieren. Das ist der falsche Weg: Es geht bei einer Organspende immer um einen Eingriff in den Körper. Automatisch, ohne seinen Willen geäußert zu haben, darf deshalb niemand potenzieller Spender sein, so sehr ich mir möglichst viele potentielle Spender wünsche.

 

 

 

Ärzte Zeitung online, 01.04.2019

Bundestag

Organspende-Debatte startet mit Streit

Widerspruchs- oder Zustimmungsregelung? Bundestagsabgeordnete ringen ohne Fraktionsgrenzen um den Weg zu mehr Organspendern.

Von Anno Fricke

BERLIN. Der Entwurf für eine Reform der Organspende hin zur Einführung einer Widerspruchsregelung hat ein breites Echo ausgelöst.

Professor Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, nannte den Vorstoß einer Gruppe von Parlamentariern am Montag „ethisch unproblematisch“ und „medizinisch wünschenswert“, meldete aber rechtliche Bedenken an. Es gebe in Deutschland keinen Rechtsakt, bei dem Schweigen implizit als Zustimmung gewertet werde, sagte Montgomery.

Der Gesetzentwurf sieht tatsächlich vor, dass jede Person als Organ- und Gewebespender gilt, es sei denn, sie hat zu Lebzeiten widersprochen. Liegt kein Widerspruch vor, sollen die für die Organentnahme verantwortlichen Ärzte bei den nächsten Angehörigen den mutmaßlichen Willen des potenziellen Spenders ermitteln.

Die Autoren bezeichneten ihren Entwurf am Montag als unbürokratisch, ethisch sauber, weil niemand gezwungen werde, Spender zu sein, sowie effizient und sicher, weil es eine doppelte Absicherung gebe.

Register bei der BZgA geplant

Der Vorstoß von Jens Spahn (CDU, Gesundheitsminister), Professor Karl Lauterbach (SPD), Dr. Georg Nüßlein (CSU) und Petra Sitte (Linke) enthält Vorgaben zum Aufbau eines Registers voraussichtlich bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). Dort sollen Widersprüche, aber auch Zustimmungen dokumentiert werden.

Das Register solle von jeder Arztpraxis angesteuert werden können, so Spahn. Die Ära des Organspendeausweis würde damit auslaufen. Spahn sagte, er könne sich vorstellen, dass die Haltung zur Organspende auch in die elektronischen Patientenakte aufgenommen werden könne.

Die Idee eines solchen Registers reklamiert eine weitere interfraktionelle Parlamentariergruppe für sich, die in den kommenden Wochen einen Alternativvorschlag für eine ausdrückliche „Zustimmungsregelung“ wollen. Dazu soll auch eine Beratung durch den Hausarzt gehören.

Die Haltung zur Spende soll mehrmals im Leben zum Beispiel bei der Erneuerung des Personalausweises abgefragt werden. Aus dieser Gruppe kamen am Montag massive Vorwürfe.

Spahn als unfair dargestellt

Die Widerspruchsregelung sei grundgesetzwidrig, merkte Kathrin Vogler (Linke) an. Zu der konkurrierenden Gruppe gehören unter anderen der CSU-Abgeordnete Stephan Pilsinger, die Grünen Annalena Baerbock und Kirsten Kappert-Gonther sowie Karin Maag (CDU).

Ebenfalls dazu gehört die FDP-Abgeordnete Christine Aschenberg-Dugnus. Sie warf Jens Spahn vor, Absprachen gebrochen zu haben. Die konkurrierenden Gesetzentwürfe hätten ursprünglich zeitgleich vorgestellt werden sollen. Dass Spahn nun unfair und übereilt vorgeprescht sei, zeige seine Nervosität, keine Mehrheit zu erhalten.

Spahn verwies hingegen darauf, dass die Debatte im Bundestag parallel verlaufen werde. Der Konkurrenzentwurf, für den sein Ministerium Formulierungshilfe leiste, sei komplizierter und bedürfe daher mehr Zeit für die Ressortabstimmung.

Auf die Fernwirkung des am Montag in Kraft getretenen Gesetzes für bessere Strukturen bei der Organspende (GZSO) verwies die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG). Damit seien wichtige Schritte bereits eingeleitet. Gleichgültig, für welche Regelung der Bundestag entscheide, seien Aufklärung und Information die richtigen Mittel.

 

Westfalen Blatt 2. April 2019

 

Widerstand gegen die Widerspruchslösung

 

Organspende: Ethiker und Patientenschützer gegen Spahns Vorschlag

 

Berlin (dpa/epd). Eine Politikergruppe um Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) stößt mit ihrem Gesetzentwurf zur Organspenderegelung auf Widerstand.

Der Ethikrat-Vorsitzende Peter Dabrock spricht sich gegen den Vorschlag aus, eine höhere Bereitschaft zur Organspende durch eine Widerspruchslösung zu erreichen. »Damit wird für mich der Körper nach dem Hirntod zu einem Objekt der Sozialpflichtigkeit«, sagte der Theologieprofessor gestern im Deutschlandfunk. Der Vorstoß der Widerspruchslösung sei unnötig und schädlich, weil er Vertrauen beschädige und zu kaum mehr Effizienz bei der Organspende führe. In dem Entwurf ist vorgesehen, dass alle Personen ab 16 Jahren ausführlich informiert und als Spender registriert wer

den – außer sie widersprechen. Dabrock sieht zwar einen Unterschied zwischen Hirntod und Tod, hält Organspenden grundsätzlich aber für wichtig und gut, weil sie ein »Akt der Solidarität mit schwerstkranken Menschen« seien. »Wir brauchen eine viel breitere Debatte zu den Schwierigkeiten, die das ganze Transplantationswesen vielen Menschen bereitet, aber nicht, damit wir die Bereitschaft senken, sondern damit wir sie erhöhen.« Auch der Medizinethiker Giovanni Maio lehnt die Einführung einer Widerspruchsregelung ab. »Die Widerspruchslösung führt nicht automatisch zu einer Zunahme an Spenden«, sagte der Freiburger Wissenschaftler im WDR5-»Morgenecho«. Studien in Dänemark und Schweden könnten nicht belegen, dass die Regelung zu mehr Organspenden führe. Vielmehr sei die Organisation

der Spenden maßgeblich. Zugleich beharrte er auf Freiwilligkeit. Die Unverfügbarkeit des menschlichen Körpers werde sonst außer Kraft gesetzt. »Jeder Mensch hat das Recht darauf, dass sein Körper unversehrt bleibt.« Das gelte auch nach dem Tod. »Wir haben ein Empfinden, dass der Körper auch nach dem Tod natürlich etwas mit uns zu tun hat.«

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz warnt ebenfalls. Bei der Widerspruchsregelung könne von Spende keine Rede mehr sein, sagte Stiftungsvorstand Eugen Brysch. »Jede Organspende ist eine freiwillige Entscheidung.« Die Widerspruchslösung setze aber darauf, dass die meisten sich nicht mit der Frage beschäftigen und schweigen. »Schweigen heißt aber nicht Zustimmung«, sagte Brysch. Es sei ethisch besonders wertvoll, einem anderen Menschen sein Organ zu schenken. »Doch dieses Geschenk ist nicht mit der Brechstange zu erzwingen.« An Spenderorganen herrscht Mangel. In Deutschland standen zuletzt 9400 Patienten auf den Wartelisten für eine Transplantation. Erstmals seit 2010 war die Zahl der Spender im Vorjahr wieder gestiegen: auf 955.

LEITARTIKEL

Organspende Mein Körper gehört mir – auch im Tod

Von Andreas Schnadwinkel

Vor elf Jahren hat der deutsche Dokumentarfilmer Markus Vetter eine ebenso wahre wie anrührende Geschichte erzählt. Im Westjordanland wird 2005 ein elfjähriger palästinensischer Junge von israelischen Soldaten erschossen, weil er eine echt aussehende Spielzeugwaffe in der Hand hält. Die Ärzte in Haifa stellen den Hirntod fest, die Eltern stimmen der Organspende zu – und retten damit drei israelischen Kindern das Leben. Wer den Film »Das Herz von Jenin« gesehen hat oder sich in Erinnerung ruft, dass der heutige Bundespräsident FrankWalter Steinmeier seiner Frau Elke Büdenbender eine Niere gespendet hat, kann in Organspenden natürlich nur Gutes sehen. Und das stimmt auch, weil in beiden Fällen freiwillige Entscheidungen bewusst getroffen worden sind. Das ist bei dem, was Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und anderen Politikern vorschwebt, nicht so. Die Widerspruchslösung schränkt Freiheitsrechte ein, weil sie im Kern darauf setzt, dass Menschen zu ihren Lebzeiten der Organspende eben nicht explizit widersprechen. Dass die Angehörigen noch gefragt werden sollen, ob sich der Verstorbene irgendwann einmal gegen Organspenden ausgesprochen hat, klingt nicht nur wie eine ProForma-Maßnahme am Sterbebett – in der Praxis wäre es auch genau so. Unser Grundgesetz beginnt mit den Grundrechten. Artikel 1 garantiert die Menschenwürde, Artikel 2 die körperliche Unversehrtheit. Beides reicht über den Hirn- oder Organtod hinaus. Eine Widerspruchslösung widerspricht dem generell. Niemand sollte etwas ablehnen müssen, dem er nie zugestimmt hat. Das Argument, jeder könnte einmal in die Situation kommen, auf ein Organ angewiesen zu sein, und müsse deshalb ganz automatisch auch Spender sein, zieht nicht. Jeder Mensch muss davon ausgehen können, dass sein Körper nach dem Tod unversehrt bestattet wird – und nicht als ausgeschlachtetes Ersatzteillager. Die Hauptursache für Organmangel liegt woanders. Laut einer Studie der Zeitschrift »Deutsches Ärzteblatt« hätte es 2015 insgesamt 2780 Organspenden geben können; es waren aber nur 877, weil in Krankenhäusern potenzielle Organspender zu selten erkannt und gemeldet werden. Hier, und erst einmal nur hier, gilt es anzusetzen. Die Politik wäre gut beraten, wenn sie vorerst die Wirkung des neuen Transplantationsgesetzes abwarten würde. Darin ist vieles enthalten, das Kliniken bei Organspenden hilft.

 

WESTFALEN-BLATT Nr. 78 Dienstag, 2. April 2019

Zwei Wege zu mehr Organspenden Was die beiden Vorschläge unterscheidet

Berlin (epd/dpa). Zwei Gruppen von Bundestagsabgeordneten setzen sich fraktionsübergreifend für unterschiedliche Wege bei der Neuregelung der Organspende ein. Eine Gruppe um Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und SPD-Fraktionsvize Karl Lauterbach hat einen Gesetzentwurf für eine Widerspruchsregelung ausgearbeitet (siehe links). Eine zweite Gruppe um den CDU-Politiker Heribert Hirte und die GrünenVorsitzende Annalena Baerbock lehnt eine Widerspruchsregelung ab und schlägt ein bundesweites Online-Register für Erklärungen zur Organspende vor (siehe rechts). Der Bundestag soll ohne Fraktionszwang über eine Reform entscheiden. Wann, ist noch unklar.

 

 

 

28.03.2019

Umstrittene Widerspruchslösung Spahn und Lauterbach legen

Gesetzentwurf zur Organspende vor

 

In Deutschland gibt es zu wenige Organe für schwerkranke Menschen. Wer nach

seinem Tod nicht automatisch als möglicher Spender gelten will, soll sich nach

SPIEGEL-Informationen künftig in ein Register eintragen.

Von Cornelia Schmergal

Noch in diesem Jahr will der Bundestag eine Neuregelung auf den Weg

bringen, um die Zahl potenzieller Organspender zu erhöhen.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und SPD-Fraktionsvize

Karl Lauterbach haben dazu jetzt einen gemeinsamen Gesetzentwurf

ausgearbeitet, den sie im Parlament zur Abstimmung stellen wollen.

Der Gruppenantrag, der von Abgeordneten verschiedener Fraktionen unterstützt wird, sieht nach SPIEGEL-Informationen vor, dass jeder Bürger nach seinem Tod als potenzieller Organspender gelten soll - wenn er zu Lebzeiten nicht widersprochen hat. Bürger, die keine Organe spenden wollen, müssten dies in einem Register dokumentieren. Sie könnten dieses Veto jederzeit selbst eintragen oder auch löschen, falls sie ihre Meinung ändern. Auch der Fall, dass eine Organspende ausdrücklich gewünscht wird, soll im Register vermerkt werden können.

"Extrem unbürokratisch"

Ist kein Widerspruch hinterlegt, gilt dies als Zustimmung. Allerdings sollen Angehörige die Organentnahme ablehnen können, wenn sie glaubhaft machen, dass der Verstorbene kein Spender sein wollte, dies aber nicht dokumentiert habe. Um den Schutz der Daten zu gewährleisten, könnte das Register bei einer Bundesbehörde angesiedelt werden.

Lauterbach hielt den Vorschlag auf Anfrage für "extrem unbürokratisch". Das Modell der Widerspruchslösung sei sehr sicher, "weil man ohne große Mühe eine Meinungsänderung dokumentieren kann".

Über die Neuregelung der Organspende will der Bundestag fraktionsoffen abstimmen. Der Ausgang ist noch ungewiss. Mindestens eine Parlamentariergruppe will einen aussichtsreichen Gegenvorschlag für ein Gesetz einbringen. Zu den Initiatoren dieses zweiten Gruppenantrags gehören Grünenchefin Annalena Baerbock und der CSU-Politiker Stephan Pilsinger.

 

 

 

Kommentar

Darum brauchen wir die Widerspruchslösung

Jutta Falke-Ischinger, Vorsitzende des Vereins „Leben Spenden! e.V.“ über Spahns
Vorschlag zur Organspende

von: Jutta Falke-Ischinger, Vorsitzende des Vereins „Leben Spenden!“

veröffentlicht am

25.03.2019 - 15:42 Uhr

Alle politischen Kräfte berufen sich immer wieder auf das Prinzip der Solidarität als Grundbaustein einer demokratischen Gesellschaft. Dies funktioniert auch in vielen Bereichen gut.

Wo es nicht funktioniert, ist bei der Organspende: Nirgendwo in Europa müssen Kranke länger auf ein rettendes Organ warten als bei uns. Deutschland muss hier 30 Jahre aufholen, so moniert es die spanische Transplantationsbehörde.

30 Jahre!

Nun hat Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) ein Gesetz auf den Weg gebracht, das Abläufe und Strukturen in Kliniken verbessern soll. Das ist gut und wichtig. Doch Strukturverbesserungen allein schaffen nicht die Trendwende, wie unsere niederländischen Nachbarn nach zehn Jahren Reformen erleben mussten. Sie führen jetzt zusätzlich die Widerspruchslösung ein.


Auch in Deutschland stehen wir nach über 40 Jahren Diskussion vor

dieser Entscheidung. Bisher gibt der Gesetzgeber einen Negativtrend

normativ vor: Niemand
 

ist Organspender – es sei denn, er meldet sich ausdrücklich.

Im Klartext heißt das: Wir sind ein Land, in dem beim Thema

Organspende zwar jeder prinzipiell Empfänger ist, aber nicht Spender.

Das ist weder logisch, noch solidarisch. Und funktioniert auch nicht.

Deshalb brauchen wir die Widerspruchslösung

Da ist es umgekehrt: Spenden ist Normalfall, Nicht-Spenden die Ausnahme. Auf diesem solidarischen Konsens fußt der spanische Erfolg, darauf konnten die Reformen gedeihen und immer ehrgeiziger werden. In Spanien geht man vom Gedanken der Gegenseitigkeit aus: Wir nehmen nicht nur, wir geben auch. Nichts anderes meint die Widerspruchslösung.

 

 

 

Westfalen Blatt 20.03.2019

 


UniklinikEssen hilft bei Organspende- Fällen

 

Essen (epd).

Fünf Mediziner des Universitätsklinikums Essen beraten

andere Krankenhäuser, um Organspende Fälle besser

feststellen zu können. Im Bereitschaftsdienst rückten die

Mediziner aus,um einen möglichen Hirntod zu

diagnostizieren, erklärte die Uniklinik in Essen. Ein

unumkehrbarer Hirnfunktionsausfall ist Voraussetzung für

die Organspende.Die Kooperation mit der Deutschen

Stiftung Organtransplantation erreicht den Angaben

zufolge Krankenhäuser im Ruhrgebiet, in Westfalen und in

Teilen des Rheinlands.

Ulrike Wirges, Geschäftsführende Ärztin der Deutschen

Stiftung Organtransplantation in der Region Nordrhein-

Westfalen, betonte den Modell- und Vorbildcharakter der

Kooperation. Sie hoffe, dass der neurologische Konsildienst

von den Krankenhäusern vor Ort genutzt werde,um

dadurch mehr Menschen zu helfen, die ein Organ

benötigen. Christoph Kleinschnitz, Direktor der Klinik für

Neurologie am Universitätsklinikum Essen, erklärte, die

Mediziner wüssten um die besondere Bedeutung ihres

Angebots für die kleineren Krankenhäuser.

 

Mindener Tageblatt; 12.03.2019

 

Warten, bangen, hoffen

 

Die Zahl der Organspender in Deutschland ist

nach jahrelangem Abwärtstrend wieder

gestiegen. Minden liegt über dem

Bundesschnitt. Doch auch am Klinikum werden

die Ärzte immer wieder mit Ablehnung

konfrontiert.

Von Sebastian Radermacher

Minden (mt).

Es ist ein Satz, der verdeutlicht, wie wichtig

Organspender sind. Und wie wichtig es ist, dass es in

Zukunft mehr von ihnen geben wird. „Viele

schwerkranke Menschen,die dringend ein

Spenderorgan benötigen,müssen damit rechnen,

dass sie auf der Warteliste sterben werden“, sagt

Prof. Dr. Jörg Radermacher. Im Hörsaal 1des

Campus-Geländes am Johannes Wesling Klinikum

(JWK) ist es mucksmäuschenstill. Der Chefarzt, von

2003 bis Ende 2018 Transplantationsbeauftragter am

JWK und ein geschätzter Fachmann auf diesem

Gebiet,steht am Rednerpult und hält einen

Vortrag.Vor ihm sitzen aber keine Studenten,

sondern Politiker Radermacher informiert sie über

die Zahl der Organspender in Minden, über den Weg

vom Erfassen eines Spenders über die Suche nach

einem passenden Empfänger bis hin zur

Transplantation.es Kreis Gesundheitsausschusses. Es

geht auch um die komplexen Aufgaben des

Ärzteteams im JWK, das die Transplantationen

koordiniert,um den Umgang mit Familienangehörigen

und natürlich um die wichtigste Frage bei dem

Thema: Organspende –ja oder nein? Radermacher

persönlich hat sein Einverständnis zur Entnahme von

Organen und Gewebe nach seinem Tod durch die

Unterschrift auf dem Organspendeausweis gegeben.

Er respektiert aber jeden Menschen,der sich nicht

dazu bereiterklärt,das macht der Mediziner in seinem

Vortrag immer wieder deutlich. Mit der Zustimmung

auf dem Papier sei es aber längst noch nicht getan.

Letztlich würden vor jeder Spende immer die

Familien befragt. „Eine Klinik wird gegen den Willen

der Angehörigen keine Organe entnehmen“, stellt

der Chefarzt klar. „Selbst dann nicht, wenn der

Verstorbene dafür seine Unterschrift gegeben hat.“

Warum ist das so?Sollte eine Organspende gegen

den Willen einer Familie in der Öffentlichkeit die

Runde machen, drohten laut Radermacher

verheerende Folgen:„Einmal miese Presse–und das

Thema ist für die nächsten Jahre verbrannt.“

Radermacher berichtet von einer insgesamt guten

Entwicklung: Aktuell stünden laut Umfragen rund 80

Prozent der Bevölkerung dem äußerst sensiblen

Thema positiv gegenüber.Und auch die Zahl der

Spender ist nach langem,teils drastischem

Abwärtstrend wieder gestiegen. 955 Menschen in

Deutschland überließen 2018 nach ihrem Tod Organe

für andere Patienten –im Vergleich zu 2017 bedeutet

dies ein Plus von knapp 20Prozent. „Das ist

erfreulich, die Hysterie ist verflogen“, sagt

Radermacher. Er spielt damit auf den

Transplantationsskandal über manipulierte

Wartelisten mit gefälschten Krankenakten vor

einigen Jahren an.Rückblick:2010 gab es in

Deutschland 1.296 Organspen der.Nachdem der

Skandal an die Öffentlichkeit gelangt war, stürzte die

Zahl in den Keller. Tiefpunkt

war das Jahr2017, als die Deutsche Stiftung

Organtransplantation(DSO) nur noch 797 Spender

registrierte. Auch wenn sich der Trend insgesamt

umgekehrt hat, so bleibt Nordrhein-Westfalen

weiterhin Schlusslicht bei den Organspendern. In

Minden sei die Entwicklung allerdings

zufriedenstellend,wieder Chefarzt ins einem Vortrag

verdeutlicht.Pro Jahr entnehmen externe

Transplantationsteams im JWK durchschnittlich fünf

Spendern Organe. Seit 2009 liege Minden, bezogen

auf die Einwohnerzahl, immer über dem Landes-und

Bundesdurchschnitt. Aber auch im JWK werden die

Ärzte immer wieder mit Ablehnung konfrontiert. Im

vergangenen Jahr seien vier Transplantationen

abgelehnt worden–in zwei Fällen habe es keine

Einwilligungen der Angehörigen gegeben,einmal

habe keine Freigabe durch die Staatsanwaltschaft

vorgelegen und in einem Fall habe ein Patient einen

Herz-Kreislauf-Stillstand erlitten, erläutert der

Mediziner. Eine Organspende ist nur bei der Diagnose

Hirntod möglich (siehe Info-Kasten).„In der Regel

erhalten wir aber inmer mehr als der Hälfte der Fälle

eine Einwilligung“,betont Radermacher. Eine

Diskrepanz besteht immer noch bei der Zahl der

potenziellen Organspender und derer, denen

tatsächlich Organe entnommen werden. 2018gab es

laut Radermacher in Deutschland 653

„organspendebezogene Kontakte“, aber lediglich163

Spender. Die mittlere Wartezeit zum Beispiel auf eine

Spenderniere betrage aktuell acht Jahre. 96 Monate

warten,bangen,hoffen–dass man am Ende ein Organ

bekommt,das einen am Lebenhält. Der Chefarzt legt

in seinem Vortrag viel Wert auf die Tatsache,dass

Organspenden theoretisch in jedem Alter möglich

sind. „Die gesunde Niere eines 90-Jährigen kann

noch 20 Jahre halten“, betont er. Und auch für

Organe eines zweijährigen Kindes gebe es

Abnehmer,die darauf warten würden. Und wie lässt

sich die Zahl der Organspenderin Deutschland

langfristig erhöhen?Der Chefarzt vom JWK spricht

sich für die im Bundestag diskutierte

Widerspruchslösung aus: Demnach wird im Falle

eines Hirntods automatisch jeder zum potenziellen

Spender, der solch einem Eingriff zuvor nicht

ausdrücklich widersprochen hat. Eine Alternative

könne eine verpflichtende Erklärung zur

Organspende mit Beginn der Volljährigkeit sein, etwa

im Zusammenhang mit dem Führerschein, sagt

Radermacher. Fast alle Länder in Europa haben eine

Widerspruchsregelung eingeführt, in den

Niederlanden tritt das Gesetz zum Beispiel 2020

inKraft.„Die niedrige Zustimmungsrate durch die

Familienangehörigen ist der eindeutig limitierende

Faktor bei der Organspende– da muss man

ansetzen“, fordert der Chefarzt.

 

Der Autor ist erreichbar unter Telefon (0571) 882

201 oder Sebastian.Radermacher@MT.de

 

Voraussetzungen für eine Organspende

 

Eine Organspende nach dem Tod (postmortale

Organspende) ist nur möglich, wenn bei der

verstorbenen Person der unumkehrbare Ausfall der

gesamten Hirnfunktionen (Hirntod) festgestellt

wurde. Die Bezeichnung „Hirntod“ beschreibt einen

besonderen Zustand, bei dem die Gesamtfunktion

des Großhirns, Kleinhirns und Hirnstammes

unwiederbringlich und unumkehrbar ausgefallen ist.

 

Mit der Diagnose Hirntod ist der Tod des Menschen

nach neurologischen Kriterien sicher festgestellt

–eine Rückkehr ins Leben ist ausgeschlossen. Das

Herz-Kreislauf-Systemeiner hirntoten Person kann

durch intensivmedizinische Maßnahmen für eine

begrenzte Zeit künstlich aufrechterhalten werden.

Auf diese Weise werden Organe weiter durchblutet

und können so für eine Transplantation

entnommen werden.

 

Ist hingegen das Herz

Kreislauf-Systemzusammen gebrochen, werden die

Organe aufgrund der fehlenden Durchblutung und

Sauerstoffversorgung zunehmend geschädigt, sodass

sie nicht mehr übertragen werden können. Sollen

keine Organe gespendet werden, werden nach der

Diagnose Hirntodalle intensivmedizinischen

Maßnahmen zeitnah eingestellt.

 

Wer die eigene Entscheidung in einem

Organspendeausweis festhält, schafftKlarheit und

erspart seinen Angehörigen unter Umständen eine

große Belastung: Denn wurde die Entscheidung für

oder gegen eine Organ- und Gewebespende zu

Lebzeiten nicht getroffen oder nicht dokumentiert,

bleibt sie den Angehörigen überlassen. Kennen

diese den Willen der verstorbenen Person nicht, ist

es schwer, in ihrem Sinne zu entscheiden.

(Quelle: www.organspendeinfo.de)

 

Prof. Dr. Jörg Radermacherwar 15 Jahre lang

Transplantationsbeauftragter am Klinikum Minden.

Anfang dieses Jahres haben Oberärztin Dr. Tina

Meister (Operative Intensivstation) und Oberarzt Dr.

Sebastian Heidemeyer (Kardiologie/Intensiv) diese

Aufgabe übernommen. (rad)

 

Kommentar

 

Zumutbare Entscheidung Thema: Organspende

–ja oder nein?

 

Von Sebastian Radermacher

 

10.000 Menschen in Deutschland warten auf ein

Spenderorgan –teilweise bis zu acht (!) Jahre. Sie

benötigen Hilfe ihrer Mitmenschen, um überleben zu

können.Sollte also jeder bereit sein, nach dem Tod

seine Organe zur Verfügung zu stellen?Wer sich

diese Zahl vor Augen hält, sollte keine Sekunde

zögern –und ein „Ja“ im Organspendeausweis

ankreuzen.

Keine Frage, es ist ein sensibles Thema. Zum einen

musssich jeder, der sich über Organspenden

Gedanken macht,automatisch auch mit dem eigenen

Tod auseinandersetzen.Zum anderen ist das

Misstrauen immer noch groß,seitdem bekannt

wurde, dass Ärzte mit manipulierten Akten ihre

Patienten auf den Wartelisten nach oben bugsieren

wollten.

Jedem mündigen Bürger ist es aber zuzumuten, sich

zu entscheiden. Und egal, ob er für oder gegen

Organspenden ist: Wichtig ist, dass er sich

überhaupt festlegt. Denn sonst überlässt er dies

allein den Angehörigen –und die haben im Todesfall

andere Gedanken im Kopf, als eine solche

Entscheidung zu treffen. Das ist einer der

Hauptgründe, weshalb die Ablehnungsquote

weiterhin hoch ist.

Die von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU)

angestoßene Widerspruchsregelung wäre ein

gewaltiger Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht

des Menschen. Jeder wäre nach dem Tod ein

potenzieller Spender, sofern er zuvor nicht explizit

widersprochen hat. Trotzdem ist der Ansatz richtig

und sinnvoll, denn er schließt die Menschen ein, die

Organe spenden würden, dies aber nicht

dokumentiert haben –aus welchen Gründen auch

immer. Und der freie Wille bliebe ja vorhanden: Ein

„Nein“ bliebe ein „Nein“. In den meisten Ländern

Europas hat sich diese Regelung bewährt,

Deutschland hinkt hinterher. Hoffentlich nicht mehr

lange.

 

 

 

 

Mehr Zeit und Geld für Organspenden

 

Oft scheitern mögliche Entnahmen an Hindernissen

in den Krankenhäusern –das soll sich bald ändern

Berlin/Minden (dpa/rad) Mehr Zeit,mehr Geld,

mobile Expertenteams für kleine Krankenhäuser: Um

zu mehr lebensrettenden Organspenden in

Deutschland zukommen, sollen in Kliniken bessere

Bedingungen geschaffen werden. Darauf zielt ein

Gesetz von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU),

das der Bundestag mit breiter Mehrheit beschlossen

hat und das voraussichtlich im April in Kraft treten

soll. Konkret geht es darum,mehr geeignete

Spenderfinden zu können.„Das gibt den 10.000

Patienten Hoffnung,die auf ein Spenderorgan

warten“, sagte

Spahn. Unabhängig davon läuft im Bundestag eine

Diskussion über neue Regeln,wie sich mehr

Menschen überhaupt über eine Bereitschaft zum

Organspenden klar werden können. Die

Voraussetzungen in den bundesweit rund 1.300

Krankenhäusernf ür Organ-Entnahmen sind aber ein

entscheidender Schlüssel,wie auch Ärzte sagen. Hier

setzt das Gesetz an. Ein Überblick:

Mehr Zeit Seit 2012müssen alle Kliniken

Transplantationsbeauftragte haben, die sich um

Organspenden kümmern–also dass mögliche

Spender identifiziert und gemeldet

werden,Angehörige eine Begleitung bekommen und

auch Ärzte und Pfleger bei dem Thema auf dem

Laufenden bleiben. Künftig sollen die Beauftragten

verbindlich von anderen Aufgaben befreit werden

–durch einheitliche Vorgaben, die sich nach der

Bettenzahl in Intensivstationen richten. In Minden ist

dies bereits der Fall, wie Prof. Dr. Jörg Radermacher

im Kreis-Gesundheitsausschuss berichtete. Die

beiden Transplantationsbeauftragten teilen sich eine

halbe Stelle für diese Aufgaben.

Mehr Geld Kliniken soll der ganze Prozess von

Organspenden besser vergütet werden.Jetzige

Pauschalen seien nicht kostendeckend, und

Engagement führe systematisch zu Verlusten,sagte

SPD-Fraktionsvize Karl Lauterbach. Das solle sich

ändern,ohne damit Gewinne zu machen. „Wir geben

etwas mehr Geld aus,aber wir sparen

auch“,erläuterte er. So seien Folgekosten

ausbleibender Transplantationen teils höher, etwa bei

dauerhafter Blutreinigung wegen schwerer

Nierenerkrankungen. Laut Entwurf dürften auf die

gesetzlichen Krankenkassen geschätzte Ausgaben

von jährlich mehr als 30Millionen Euro zukommen.

Mobile Expertenteams Geplant ist ein neuer

Bereitschaftsdienst mit mobilen Ärzteteams. Das soll

gewährleisten, dass die medizinischen

Voraussetzungen für Entnahmen überall festgestellt

werden können. Damit will man vermeiden, dass

Spenden in kleinen Kliniken ohne eigene Experten

sonst scheitern. Bis Ende2020sollend ie Akteure des

Gesundheitswesens „eine geeignete Einrichtung“ mit

der Organisation beauftragen.

Weitere Punkte Erleichtert werden soll auch ein

Austausch zwischen Betroffenen –mit Regeln für

anonymisierte Schreiben, mit denen sich

Organempfänger bei den Angehörigen von

Organspendern bedanken können. Kommen soll

auch ein bundesweites Dokumentationssystem der

Kliniken. Erfasst und ausgewertet werden sollen

damit zum Beispiel Gründe, warum ein Ausfall von

Hirnfunktionen nicht festgestellt wurde.

 

 

 

Organspende: Widerspruchslösung in England eingeführt

Mittwoch, 27. Februar 2019

London – Englische Parlamentarier haben laut Medienberichten vom Dienstagabend ein Gesetz zur Neuregelung von Organspenden verabschiedet. Demnach soll künftig von der Zustimmung des möglichen Spenders ausgegangen werden, wenn nicht explizit dessen Widerspruch vorliegt. Bislang gilt in England die Zustimmungsregelung, laut der das explizite Einverständnis des Organspenders nötig ist.

England folgt damit dem Beispiel von Wales, wo die Widerspruchsregelung im Jahr 2015 eingeführt wurde. Seitdem sind dort die Zustimmungsraten für Organspenden auf 75 Prozent gestiegen. Auch das schottische Parlament wird eine Überarbeitung der Regelung in dieser Woche diskutieren.

Regierungsminister argumentieren, dass die Änderung der Gesetzgebung, die

mit Jahresbeginn 2020 in Kraft treten soll, allein in England bis zu 700 Leben

pro Jahr retten könnte. In Großbritannien stehen derzeit rund 6.000 Menschen

auf der Transplantationsliste. Im vergangenen Jahr starben mehr als 400

Patienten, während sie auf ein geeignetes Organ warteten.

Das Gesetz wird laut Medienberichten als „Max und Keiras Gesetz“ bezeichnet

werden – nach dem Mädchen, dessen transplantiertes Herz den Jungen Max

gerettet hat. Die Eltern beider Kinder und der gerettete Junge hatten sich für

eine Änderung der Gesetzgebung engagiert. © kna/aerzteblatt.de

 

 

Ärzteschaft

Pulmologen treten für Widerspruchslösung bei Organspenden ein

Dienstag, 26. Februar 2019

Berlin – Die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) hat die Pläne der Politik begrüßt, das Transplantationsgesetz zu verändern und damit unter anderem die Transplantationsbeauftragen an deutschen Kliniken zu stärken. „Das neue Transplantationsgesetz ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung“, sagte Jürgen Behr, Kongresspräsident des 60. DGP-Kongresses, der Anfang März in Berlin stattfindet. „Ob es ausreicht, um die Versorgung schwerstkranker Lungenpatienten zu verbessern, ist fraglich“, schränkte er jedoch ein.

Jedes Jahr erhalten laut der Fachgesellschaft über 300 Menschen in Deutschland eine oder zwei Spenderlungen. Gleichzeitig würden pro Jahr mehr als 400 Patienten neu für eine Transplantation angemeldet. Für viele Menschen mit Lungenversagen sei diese Transplantation die letzte Hoffnung auf Überleben.

Die Lungen­trans­plan­ta­tion ist ein komplexes Therapieverfahren mit erheblichen Risiken, weshalb nur Patienten mit fortgeschrittenen Lungenerkrankungen für diese Behandlung in Betracht kommen, wenn alle anderen Therapieoptionen ausgeschöpft sind“, sagt Behr, der die Medizinische Klinik und Poliklinik V am Klinikum der Universität München und die Asklepios-Lungenfachklinik München-Gauting leitet.

Wartezeit variiert zwischen Tagen und Jahren

Wie lange es dauert, bis einem Patienten eine Spenderlunge angeboten wird, hängt von verschiedenen Faktoren ab: Größe und Blutgruppe gehören laut der DGP zu den Basiskriterien. Zusätzlich berechnet der sogenannte Lungen-Allokations-Score, wie dringend jemand eine Transplantation braucht und wie hoch die Erfolgsaussichten sind. Für manche wird nach wenigen Tagen schon ein passender Spender gefunden, andere warten bis zu drei Jahren. „Wenn man bedenkt, dass viele dieser Patienten nicht mehr selbstständig atmen können, sind die Wartezeiten immer noch sehr, sehr lang“, betonte der Kongresspräsident.

Die Fachgesellschaft unterstützt daher die sogenannte Widerspruchslösung bei den Organspenden: „Überall dort, wo Organspende auf der gesetzlichen Grundlage der sogenannten Widerspruchslösung geregelt ist, sind die Organspenderzahlen deutlich höher als in Ländern mit Zustimmungs- oder Entscheidungslösung“, sagte Behr.

Die Zahl der Organspender in Deutschland ist erstmals seit 2010 wieder merklich gestiegen. Bundesweit haben im vergangenen Jahr 955 Menschen nach ihrem Tod ihre Organe gespendet, teilte die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) mit. Das entspricht 11,5 Spendern pro einer Million Einwohner. Im Vergleich zum Vorjahr (797 Spender) bedeutet das eine Steigerung von knapp 20 Prozent. © hil/aerzteblatt.de

 

 

         NOZ: Neue Patientenbeauftragte fordert      

          Widerspruchslösung bei Organspenden

Neue Osnabrücker Zeitung

Dienstag der 19. Februar 2019 - 1:00 Uhr

Osnabrück (ots) - Neue Patientenbeauftragte fordert Widerspruchslösung bei Organspenden

Schmidtke: Klar dafür - Unterstützung für Spahn im Streit über mehr Arzt-Sprechstunden - Ruf nach Ärzte-Bussen auf dem Land

Osnabrück. Zur Überwindung des Organspende-Notstandes fordert die neue Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Claudia Schmidtke (CDU), eine Widerspruchslösung, bei der Spender oder deren Angehörige eine Entnahme ablehnen müssen. "Angesichts der vielen tausend Menschen, die in Deutschland verzweifelt auf ein Spenderorgan warten, halte ich diese Pflicht für zumutbar", sagte Schmidtke im Interview mit der "Neuen Osnabrücker Zeitung". "Wir dürfen dabei nicht vergessen, dass jeder von uns schon morgen in diese Situation kommen und auf ein Organ angewiesen sein könnte."

Auch bei einer Widerspruchslösung "bleibt die Spende wie bisher freiwillig", betonte die Herzchirurgin und Bundestagsabgeordnete. "Jede Person hat die Möglichkeit, einer Organspende einfach und unbürokratisch zu widersprechen." Auch wenn sie "klar für die Widerspruchsregelung" sei, respektiere sie die Gegenpositionen und hoffe auf eine "Auseinandersetzung mit Fairness" im Bundestag und eine "Grundsatzentscheidung". Schmidtke sagte: "Das sind wir den vielen Menschen, die auf ein Spenderorgan warten, einfach schuldig."

Im Streit von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn mit der Ärzteschaft über eine Ausweitung der Sprechstunden stellte sich Schmidtke hinter den CDU-Politiker: Lange Wartezeiten auf Facharzttermine seien "ein häufiges Thema" für Patienten, berichtete sie. Eine Umfrage des Krankenkassenverbandes GKV habe gezeigt, dass "ein Teil der Ärzte" weniger als 20 Stunden in der Woche anbiete. "Hier kann die Ausweitung der Sprechstunden einen Beitrag zu einer Verbesserung der Patientenversorgung leisten", sagte Schmidtke der "NOZ". Zugleich verwies sie darauf, dass etwa Hausärzte schon heute mehr als 30 Wochenstunden Sprechzeiten anböten.

Um eine gute Versorgung von Kranken auf dem Lande zu garantieren, forderte die Patientenbeauftragte "eine bessere Verzahnung von ambulanten und stationären Strukturen, aber auch mobile Angebote der Ärzte, wie der Ärztebus". Notwendig sei auch eine Reform des Medizinstudiums. "Es muss das Ziel sein, junge Menschen schon während des Studiums für eine ärztliche Tätigkeit auf dem Land zu begeistern", appellierte die Schleswig-Holsteinerin. Alarmiert zeigte sich Schmidtke über Klagen von Pflegefachkräften, die neuen Personaluntergrenzen würden zum Abbau von Stellen genutzt, wenn Kliniken das gesetzliche Minimum überträfen. "Die Personaluntergrenzen sind keine staatliche Legitimation zum Abbau von Pflegekräften, sondern das Gegenteil", sagte sie. Um mehr Menschen für den Pflegeberuf zu begeistern, gelte es auch, "die Entlohnung zu verbessern und die Ausbildung sowie den Beruf insgesamt noch attraktiver zu machen."

Pressekontakt: Neue Osnabrücker Zeitung Redaktion Telefon: +49(0)541/310 207

15. Februar 2019

Große Wissenslücken beim Thema Organspende

Köln – Rund um das Thema Organspende gibt es nach einer Umfrage große Wissens­lücken. Jeder dritte Bundesbürger (32 Prozent) weiß nicht, dass in Deutschland der Hirntod zwingende Voraussetzung für eine Organspende ist, wie aus der heute vom WDR in Köln veröffentlichten Befragung hervorgeht. Sie seien der Ansicht, Organe könnten entnommen werden, wenn das Hirn noch arbeitet, während das Herz stillstehe.

Organspenden finden aber statt, wenn das Hirn irreversibel ausfällt und das Herz noch schlägt. Doch 40 Prozent von gut 1.000 Befragten waren nach den Angaben der Meinung, unter diesen Umständen dürften keine Organe entnommen werden. Selbst Besitzer eines Organspendeausweises wüssten nicht besser Bescheid über das Hirntodkriterium als die Befragten ohne Ausweis. Am Dienstag berichtet die Sendung „Quarks“ im WDR-Fernsehen ab 21.00 Uhr über die von ihr in Auftrag gegebene Befragung von infratest dimap.

 „Die Ergebnisse zeigen, dass selbst die Gruppe, die sich mit der Thematik befasst haben sollte, ehe sie den Organspendeausweis ausgefüllt hat, nicht nachhaltig genug aufgeklärt ist“, sagte die Direktorin des Nationalen Instituts für Wissenschafts­kommunikation, Beatrice Lugger. Fast die Hälfte der Menschen ab 65 Jahren (46 Prozent), die keinen Ausweis haben, begründeten dies nach den Angaben mit ihrem Alter, obwohl es für eine Organspende gar keine Altersgrenze mehr gebe.

21 Prozent der Befragten ohne Ausweis haben sich den Angaben zufolge mit dem Thema Organspende noch nicht beschäftigt. „Angesichts der derzeitig geringen Informiertheit der Bevölkerung“ ist nach Ansicht Luggers die in der Diskussion stehende Widerspruchslösung kritisch zu betrachten. Bislang ist nur Organspender, wer dies ausdrücklich dokumentiert. Eine Widerspruchslösung würde dies umkehren: Bis zum Widerspruch wäre jeder ein potenzieller Spender. Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) favorisiert eine solche Regelung.

Auch die Deutsche Stiftung Patientenschutz wertete die Zahlen als Argument gegen die Widerspruchslösung. Sie setze darauf, dass „der Bürger sich mit der Organspende nicht beschäftigt und schweigt“, sagte Vorstand Eugen Brysch in Dortmund. Die bewusste Entscheidung für die Organspende würde damit faktisch abgeschafft.

Brysch betonte, eine Organspende müsse eine bewusste und freiwillige Entscheidung bleiben. „Es kann sehr persönliche Gründe geben, sich gegen die Organspende zu entscheiden. Diese Menschen dürfen sich für ihre Haltung nicht rechtfertigen müssen.“ Wolle der Staat wirklich etwas für die Schwerstkranken auf der Warteliste tun, müsse er selbst Verantwortung übernehmen. „Deshalb muss der Bundestag sowohl für die Verteilungsgerechtigkeit als auch für die staatliche Organisation und Kontrolle sorgen.“

Gestern hatte der Bundestag Das „Zweite Gesetz zur Änderung des Transplantations­gesetzes – Verbesserung der Zusammenarbeit und der Strukturen bei der Organspende (GZSO)“ mehrheitlich beschlossen. Mit dem  Gesetz sollen zunächst einmal die strukturellen und finanziellen Voraussetzungen in den Entnahmekrankenhäusern für eine optimale Organspende geschaffen werden. Konkret sollen die Transplantationsbeauftragten mehr Befugnisse erhalten und von ihren sonstigen Aufgaben im Entnahmekrankenhaus freigestellt werden – und zwar anteilig in Abhängigkeit von der Anzahl der in einem Entnahmekrankenhaus vorhandenen Intensivbehandlungsbetten. Diese anteilige Freistellung soll den betroffenen Krankenhäusern künftig vollständig refinanziert werden. © kna/aerzteblatt.de

 

 

15.02.2019

 

Spahn: Die Zahl der Organspenden kann weiter steigen

Zweites Gesetz zur Änderung des Transplantationsgesetzes - Verbesserung der Zusammenarbeit und der Strukturen bei der Organspende

Krankenhäuser sollen mehr Zeit und Geld für Organtransplantationen bekommen. Das ist Ziel einer Gesetzesänderung, die der Bundestag am 14.02.2019 abschließend beraten hat. Damit soll die Zahl der Organspenden erhöht und so mehr Menschenleben gerettet werden. „Die gestiegenen Organspende-Zahlen sind gut, aber nicht gut genug“, betonte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn im Bundestag.

Alle acht Stunden stirbt ein Mensch auf der Warteliste, weil kein passendes Spender-Organ gefunden wird. Das muss sich ändern! Mit dem "Zweiten Gesetz zur Änderung des Transplantationsgesetzes – Verbesserung der Zusammenarbeit und der Strukturen bei der Organspende" sollen künftig mehr Leben durch eine Organspende gerettet werden können. Das nicht zustimmungspflichtige Gesetz kann nach dem zweiten Durchgang im Bundesrat Anfang April 2019 in Kraft treten.

„Gut, dass sich der Deutsche Bundestag so schnell entschieden hat, die Bedingungen für Organspenden zu verbessern. Wir geben den Krankenhäusern mehr Zeit und Geld, geeignete Spender zu finden. Damit kann die Zahl der Organspenden weiter steigen. Das gibt den 10.000 Patienten Hoffnung, die auf ein Spenderorgan warten.“

 

Eine Schlüsselrolle zur Erhöhung der Organspenden in Deutschland spielen die

Krankenhäuser, in denen Organe entnommen werden. Gut funktionierende

Abläufe bei der Erkennung möglicher Organspender, mehr Zeit und eine gute

Finanzierung können dazu beitragen, mehr Menschenleben zu retten. Hier

setzt unser Gesetzentwurf an, den das Bundeskabinett am 31. Oktober 2018

verabschiedet hat und der am 14. Februar 2019 in zweiter und dritter Lesung

vom Deutschen Bundestag abschließend beraten wurde. Nach dem zweiten

Durchgang im Bundesrat kann das nicht zustimmungspflichtige Gesetz Anfang

April 2019 in Kraft treten.

Die Regelungen des Gesetzes im Einzelnen

Transplantationsbeauftragte (TxB)

  • Es gibt verbindliche Vorgaben für die Freistellung der Transplantationsbeauftragten.

  • Die Freistellung erfolgt auf der Grundlage der Anzahl der Intensivbehandlungsbetten in den Entnahmekrankenhäusern für einen Stellenanteil von 0,1 Stellen je 10 Intensivbehandlungsbetten.

  • Hat ein Entnahmekrankenhaus mehr als eine Intensivstation, ist für jede Station mindestens ein TxB zu bestellen.

  • Der Aufwand wird vollständig refinanziert. Die Krankenhäuser müssen die Mittelverwendung nachweisen.

  • TxBs erhalten Zugangsrecht zu den Intensivstationen und sind hinzuzuziehen, wenn Patienten nach ärztlicher Beurteilung als Organspender in Betracht kommen.

  • Ihnen sind alle erforderlichen Informationen zur Auswertung des Spenderpotentials zur Verfügung zu stellen.

  • TxBs sind für die fachspezifische Fort- und Weiterbildung freizustellen; die Kosten dafür trägt die Klinik.

Entnahmekrankenhäuser

  • Entnahmekrankenhäuser werden künftig für den gesamten Prozessablauf einer Organspende besser vergütet.

  • Sie erhalten einen Anspruch auf pauschale Abgeltung für die Leistungen, die sie im Rahmen des Organspendeprozesses erbringen.

  • Zusätzlich erhalten sie einen Zuschlag dafür, dass ihre Infrastruktur im Rahmen der Organspende in besonderem Maße in Anspruch genommen wird. Der Zuschlag beträgt das Zweifache der berechnungsfähigen Pauschalen.

Rufbereitschaft 

  • Bundesweit bzw. flächendeckend wird ein neurologischer/neurochirurgischer konsiliarärztlicher Rufbereitschaftsdienst eingerichtet.

  • Dieser soll gewährleisten, dass kleineren Entnahmekrankenhäusern jederzeit qualifizierte Ärzte bei der Feststellung des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls zur Verfügung stehen.

  • Die TPG-Auftraggeber (GKV-Spitzenverband, Deutsche Krankenhausgesellschaft und Bundesärztekammer) werden verpflichtet, bis Ende 2020 eine geeignete Einrichtung mit der Organisation dieses Bereitschaftsdienstes zu beauftragen.

Dokumentation

  • Ein neues klinikinternes Qualitätssicherungssystem schafft die Grundlage für ein flächendeckendes Berichtssystem bei der Spendererkennung und Spendermeldung.

  • Dabei sollen die Gründe für eine nicht erfolgte Feststellung des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls oder eine nicht erfolgte Meldung an die Koordinierungsstelle (DSO) intern erfasst und bewertet werden.

  • Die Daten sollen von der Koordinierungsstelle ausgewertet werden. Die Ergebnisse sollen den Entnahmekrankenhäusern und den zuständigen Landesbehörden übermittelt und veröffentlicht werden.

  • Die Kliniken müssen zukünftig verbindliche Verfahrensanweisungen erarbeiten, mit der die Zuständigkeiten und Handlungsabläufe für den gesamten Prozess einer Organspende festgelegt werden.

Angehörigenbetreuung

  • Das Gesetz schafft eine klare rechtliche Grundlage für den Austausch von anonymisierten Schreiben zwischen Organempfängern und den nächsten Angehörigen der Organspender. Ein solcher Austausch ist vielen Betroffenen ein besonderes persönliches Anliegen.

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14.02.2019

Neues Gesetz zu Organspenden

Mehr Geld eingeplant

Ein neues Gesetz soll die Chancen auf eine Organspende erhöhen. Auch sind höhere Vergütungen für Kliniken geplant, die Transplantationen durchführen.

BERLIN dpa/epd | Krankenhäuser in Deutschland sollen mehr Geld und bessere Bedingungen bekommen, um sich stärker um Organspenden kümmern zu können. Das sieht ein Gesetz von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) vor, das der Bundestag am Donnerstag beschlossen hat. Dafür stimmten neben der Koalition auch Linke, Grüne und FDP, die AfD votierte dagegen.

Geplant sind höhere Vergütungen für die Kliniken. Transplantationsbeauftragte sollen mehr Kompetenzen und Freiräume bekommen. Mobile Ärzteteams sollen kleineren Einrichtungen ohne eigene Experten helfen, Voraussetzungen für Entnahmen festzustellen.

Spahn sprach von einem großen und wichtigen Schritt. Diejenigen, die sich in den Krankenhäusern um Organspenden kümmerten, sollten nicht bestraft werden. Es gelte, Kliniken fair so zu stellen, dass bei ihnen keine Kosten hängen blieben. SPD-Fraktionsvize Karl Lauterbach sagte: „Wir wollen, dass dort keine Gewinne gemacht werden, aber wir wollen auch nicht, dass jemand Verluste macht.“ Auch von Rednern der Opposition kam zu den Kernpunkten der Pläne überwiegend Zustimmung.

Das Gesetz soll voraussichtlich Anfang April in Kraft treten. Zustimmungspflichtig im Bundesrat ist es nicht. Unabhängig davon läuft eine Diskussion darüber, ob und wie Entscheidungen der Bürger über Organspenden grundlegend neu geregelt werden sollen. Die Zahl der Organspenden ist nach langem Abwärtstrend 2018 wieder gestiegen.

Eine Studie mit dem Titel „Rückgang der Organspenden in Deutschland – Eine bundesweite Sekundärdatenanalyse aller vollstationären Behandlungsfälle“ zeigt an welchen Stellen es intern im Sependenprozess hackt. Die zehn Forscher kommen zu dem Schluss, dass der zuletzt gestoppte Rückgang der postmortalen Organspenden vor allem mit einem Erkennungs- und Meldedefizit der Entnahmekrankenhäuser zusammenhängt. „Gelingt es, diesen Prozess organisatorisch und politisch zu stärken, könnte die Zahl der gespendeten Organe erheblich gesteigert werden“ – genau das soll das neue Gesetz bewirken.

 

Westfalen Blatt 15.02.2019

Mehr Zeit und Geld für Organspenden Neues

Gesetz soll bessere Bedingungen in Entnahme-

Kliniken schaffen

 

Berlin (dpa). Um zu mehr lebensrettenden Organspenden in

Deutschland zu kommen, sollen Kliniken dafür künftig bessere

Bedingungen erhalten. Mehr Zeit, mehr Geld, mobile Expertenteams

für kleine Krankenhäuser: Darauf zielt ein Gesetz von

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), das der Bundestag gestern

mit breiter Mehrheit beschlossen hat. Es geht darum, mehr geeignete

Spender finden zu können. Die Voraussetzungen in den bundesweit

rund 1300 Krankenhäusern für OrganEntnahmen sind ein

entscheidender Schlüssel. Das Gesetz soll voraussichtlich Anfang April

in Kraft treten. Zentrale Punkte sind:

 

Mehr Zeit: Seit 2012 müssen alle Kliniken Transplantationsbeauftragte

haben, die sich speziell um Organspenden kümmern – also mögliche

Spender identifizieren und melden, Angehörige begleiten sowie Ärzte

und Pfleger regelmäßig bei dem Thema auf dem Laufenden halten. Sie

sollen künftig verbindlich von anderen Aufgaben befreit werden.

 

Mehr Geld: Kliniken soll der ganze Prozess von Organspenden besser

vergütet werden. Jetzige Pauschalen seien nicht kostendeckend,

Engagement führe systematisch zu Verlusten, sagte SPDFraktionsvize

Karl Lauterbach.

 

Das solle sich ändern, ohne damit Gewinne zu machen. Laut Entwurf

dürften auf die gesetzlichen Krankenkassen geschätzte Ausgaben von

mehr als 30 Millionen Euro im Jahr zukommen.

 

Mobile Expertenteams: Geplant ist ein neuer Bereitschaftsdienst mit

mobilen Ärzteteams. Das soll gewährleisten, dass die medizinischen

Voraussetzungen für Entnahmen überall festgestellt werden können:

der endgültige, nicht behebbare Ausfall der Gesamtfunktion des

Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms. Das soll vermeiden,

dass Spenden in kleinen Kliniken ohne eigene Ex

 

perten sonst scheitern. Bis Ende 2020 sollen die Akteure des

Gesundheitswesens nun »eine geeignete Einrichtung« mit der

Organisation beauftragen.

 

Weitere Punkte: Erleichtert werden soll auch ein Austausch zwischen

Betroffenen – mit Regeln für anonymisierte Schreiben, mit denen sich

Organempfänger bei den Angehörigen von Spendern bedanken

können. Kommen soll auch ein bundesweites Dokumentationssystem

der Kliniken. Erfasst und ausgewertet werden sollen damit zum

Beispiel Gründe, warum ein Ausfall von Hirnfunktionen nicht

festgestellt wurde.

 

Nierenlebendspende: Geschenk fürs Leben

Die Zahl der Organspenden ist viel zu niedrig, Patienten warten Jahrzehnte auf eine Transplantation - und oft vergebens. Michael W. hatte Glück. Er bekam die Niere seines besten Freundes

von Sonja Gibis, 14.02.2019

 

Geschafft: Die Operation ist gut verlaufen. Günters Niere hat ihre Arbeit im Körper von Michael (links) aufgenommen

© W&B/Sven Döring

Günter W. (41) hebt sein hellgrünes OP-Hemd und klopft sich auf die Flanke. "Die rechte, die wird’s", sagt er und lacht. In ein paar Stunden werden Ärzte des Uniklinikums Halle eine Niere aus seinem Körper schneiden und in den von Michael W. (36) pflanzen. Geht alles gut, wird sie dort sofort die Aufgaben übernehmen, zu denen dessen Organe nicht mehr ­fähig sind. Seit sieben Jahren hängt Michael an der Dialyse. "Ohne die Maschine wäre ich nicht mehr", sagt der junge Mann. Bis irgendwann der Anruf kommt, dass eine Spenderniere verfügbar ist, müsste er wohl noch Jahre warten. Wäre da nicht Günter.

Etwa 8000 Menschen in Deutschland warten auf eine neue Niere. 1364 erhielten im vorigen Jahr das Organ eines ­toten Spenders, 557 das eines lebenden. Als Spender infrage kommen vor allem nahe Angehörige. Doch auch Menschen, die dem Empfänger "in besonderer persönlicher Verbundenheit nahestehen", wie es im Transplantationsgesetz heißt, können spenden.

Ein Kreuz auf jedem Bauch

Während Günter erzählt, betritt ein Arzt den Raum und malt ihm ein Kreuz auf die Seite. Hier wird die Niere rausgeholt. Michael bekommt ein Kreuz auf den Bauch. Dort kommt die Niere rein. "Dann hast du von mir eine Beule am Bauch", scherzt Günter. Lachen, Witze machen, das ist ihre Art, mit schwierigen Dingen klarzukommen.

Gar nicht nach lachen war es Günter allerdings, als er von der Krankheit seines Freundes erfuhr. Als Michael Ende 20 war, stellt ein Arzt zufällig fest, dass die Nieren nur eingeschränkt arbeiten. "Vielleicht durch eine verschleppte Grippe", vermutet er. Der junge, sportliche Mann macht sich erst mal keine Sorgen.

Als erneut die Nierenwerte getestet werden, ist es zu spät. Michael ist auf eine Blutwäsche angewiesen. Dreimal die Woche muss er ins Krankenhaus, für viereinhalb Stunden. "Danach ist man total platt", berichtet er. Nierenversagen, das bedeutet zudem, dauernd Durst zu haben. Einen halben Liter, mehr darf Michael pro Tag nicht trinken. Seine Nieren scheiden keine Flüssigkeit mehr aus. Dazu kommt eine strenge Diät. Zu viel Kalium – und das Herz könnte versagen.

Seine Frau, die er während der Dia­lysezeit kennenlernte, würde eine Niere spenden. Doch sie hat zwei Kinder. "Der Nierenspezialist sagte gleich, das Risiko ist ihm zu groß", erzählt Michael.

Als Günter erfährt, dass auch er spenden kann, steht für ihn schnell fest: Das mach ich. Michael zweifelt. "Reden kann man viel. Ich habe erst nicht daran geglaubt." Nur langsam wird ihm klar, dass sein Freund ihm wirklich ein neues Leben schenken will.

Lange Liste von Untersuchungen

Zumal der Weg nicht leicht war. Bluttests, Herzecho, Bauch-CT, Nieren-Szintigramm: Günter kann sich an die lange Liste von Untersuchungen kaum erinnern. Schließlich muss sich seine Niere nicht nur für Michael eignen. Es muss auch feststehen, dass sein Körper in der Lage ist, auf das Organ zu verzichten.

Damit ein gesunder Mensch ein Or­gan spenden kann, muss überdies eine Ethikkommission zustimmen. Sie besteht aus einem Arzt, einem Psychologe, einem Juristen. Alle stellen Fragen: erst Spender und Patient gemeinsam, dann jedem getrennt. Es muss fest­stehen, dass Günter Entschluss freiwillig ist und er kein Geld dafür bekommt. Außerdem muss klar sein, dass beide das psychisch bewältigen.

Gespräch mit der Kommission

Die Experten wollen wissen, wie lange sie sich schon kennen. Ob sie ernste Gespräche führen über das, was sie vorhaben. Was, wenn die OP kein Erfolg ist? Was, wenn Michael seine Medi­kamente nicht regelmäßig nimmt und das Organ verliert? "Ich sagte: Das ist dann seine Niere – und seine Verantwortung", so Günter. Doch war es das, was die Fachleute hören wollten?

Als Günter den Raum verlässt, hat er Tränen in den Augen. Auch Michael kommt niedergeschlagen aus der Befragung. "Ich dachte, die sagen Nein." Doch es kommt anders. Die Kommission wünscht den beiden viel Glück. Die Tür zum Krankenzimmer öffnet sich, eine Schwester schiebt eine Maschine herein: ein Dialysegerät. Es könnte die letzte Blutwäsche für Michael sein – für viele Jahre, vielleicht sogar für immer. Ob die beiden aufgeregt sind?

Michael winkt ab. "Die wissen, was sie tun." Nur eins, das wäre hart: "Wenn sie Günter die Niere rausnehmen und mein Körper stößt sie ab." Sein Freund hätte für ihn ein Organ geopfert – vergebens. Besser nicht daran denken.

Am nächsten Tag, kurz vor 9 Uhr. Während im Raum nebenan die Arme des OP-Roboters in Position gebracht werden, präparieren die Chirurgen Günters Niere frei. Sie blicken dabei auf einen Monitor, auf den eine Kamera Bilder aus dem Körper­inneren überträgt. Die Eingriffe werden minimal-invasiv durchgeführt. "Darauf sind wir durchaus stolz", sagt Professor Paolo Fornara, Transplantationsexperte und Leiter der Urologischen Klinik des Uniklinikums Halle. Dem Spender bleibt so ein fast 20 Zentimeter langer Schnitt erspart. Beim Empfänger verringert sich das Risiko für Wundinfektionen. Da sein Immunsystem gehemmt wird, ist das besonders wichtig.

Die Niere kommt

Um 10.32 Uhr beginnt die heiße Phase. Die Blutgefäße der Niere werden abgeklemmt. Jetzt muss jeder Griff sitzen. Eine, höchstens eineinhalb Minuten darf es dauern, bis die Ärzte eine kalte Infusion in das Organ geleitet haben, die es konserviert. "Die Niere kommt", ruft Operateur Dr. Nasreldin Mohammed. Durch einen kleinen Schnitt zieht er das Organ behutsam aus dem Körper, hält es in den Händen wie einen verletzten Vogel, der schnell Hilfe braucht. Schon beugt sich das Ärzteteam darüber, spült es, näht es vorsichtig in einen kühlenden Mantel aus einem Bauchtuch und Eis. Wärmen wird es erst wieder das Blut in Michaels Körper.

Bis es so weit ist, vergehen nur wenige Minuten – ein Grund, dass die Erfolgsaussichten einer Lebendspende hervorragend sind. Dennoch ist in den vergangenen Jahren nicht nur die Zahl toter Spender drastisch zurückgegangen. Auch Lebendspenden werden seltener durchgeführt. "Die ganze Transplantationsmedizin steckt in der Krise", beklagt Fornara. Eine Folge: Die Wartezeiten auf ein Organ verlängern sich weiter. "Und das ist nicht wie das Warten auf einen Zug. Es bedeutet Komplikationen, Leid, Sterben."

Die Dialyse ermöglicht zwar das Überleben. Auf lange Sicht aber leidet der Körper. Wenn die Patienten ein Organ erhalten, sind die Schäden oft bereits unumkehrbar.

Hightech-Assistenten im Einsatz

"Das System braucht ein Paket an Korrekturen", fordert Fornara. Der erste große Schritt wäre seiner Ansicht nach  die sogenannte Widerspruchslösung: Wer nach ­seinem Tod keine Organ­entnahme wünscht, sollte sich klar dagegen aussprechen müssen. Dass Bundesgesundheitsminister Jens Spahn jetzt eine Reform angestoßen hat – für Fornara längst überfällig.

Im OP-Saal nebenan ist bereits alles für das Einsetzen des Organs vorbereitet. Operateur Dr. André Schumann sitzt einige Meter von Michael entfernt an einer Konsole. Per Joystick steuert er die OP-Geräte, in denen die Arme des Roboters enden, ohne Zittern und auf Millimeterbruchteile genau. Der Hightech-Assistent macht es möglich, das Organ minimal-invasiv einzusetzen. Nach ersten Studien des Klinikums bringt die neue Methode tatsächlich Vorteile für den Patienten.

Um 12.05 Uhr sind Gefäße und Harnleiter angeschlossen. Die Klemmen werden geöffnet, das Organ füllt sich mit Michaels Blut. Jetzt ist es seine Niere. Im Gang vor dem OP-Saal wischt eine Schwester die Zahl 2050 von einer weißen Tafel und ersetzt sie durch 2151. So viele Nieren sind im Klinikum jetzt verpflanzt worden. "Wir ändern das immer sofort", sagt sie. Wird es vergessen, gilt das unter den Mitarbeitern als schlechtes Omen, gesteht sie lächelnd.

Leben wie vor der Krankheit

Am nächsten Tag ist vor allem Günter geschafft, während sein Freund am liebsten schon aufstehen würde. "Alles gut", versichern beide.

Zwei Monate später sind die Freunde gemeinsam in der Reha, so wie sie sich das vorgestellt haben. Morgens Fitness, dann zum Schwimmen, später ein Spaziergang am See. "Ich wusste gar nicht, dass ich so weit runterkommen kann", sagt Günter. Er hat die Zeit hier genutzt, um mit dem Rauchen aufzuhören. Auf seine verbliebene Niere will er schließlich gut achtgeben. Dass er nur noch eine hat, spürt er nicht. Was allerdings nervt, ist die viele Bürokratie mit den Krankenkassen.

Michael muss seit der Transplantation Medikamente nehmen, die sein Immunsystem hemmen, damit sein Körper das neue Organ nicht abstößt. Ansonsten kann er fast so ­leben wie vor der Krankheit. Als er aus der Klinik kam, wurde erst mal ge­feiert. "Mein Körper hat wieder eine ganz andere Kraft", sagt er. Beruflich will er jetzt neu durchstarten.
Die Freundschaft der beiden jungen Männer hat sich durch die Organspende nicht geändert. "Wir kabbeln uns wie vorher", erzählt Günter lachend. Sie bleiben einfach, was sie waren: ziemlich beste Kumpel.

 

Die Glocke 13.02.2019

 

Wegweisendes Urteil des Bundesgerichtshofs zu Organspenden erwartet

Epoch Times27. Januar 2019 Aktualisiert: 27. Januar 2019 12:07

Das eine Organspende für den Empfänger lebenslange schwere

gesundheitliche Folgen hat, ist bekannt. Das auch Lebendspender vor

Organen, wie Nieren oder Teilen der Leber, unter gesundheitlichen

Einschränkungen für den Rest ihres Lebens leiden müssen ist dagegen

weitgehend unbekannt. In Karlsruhe wird verhandelt wie weit die

Aufklärungspflichten von Ärzten dazu gehen und ob sie zu

Schmerzensgeldzahlungen, bei unzureichender Aufklärung, verurteilt werden

können.

Der Bundesgerichtshof (BGH) verkündet am Dienstag ein Urteil über die Klagen von zwei Nierenspendern, die wegen ungenügender Aufklärung durch die Ärzte Schmerzensgeld und Schadenersatz fordern. Der BGH dürfte ein Grundsatzurteil dazu fällen, unter welchen Voraussetzungen Ärzte und Kliniken für Folgeschäden bei solchen Lebendorganspenden haften. Ein Überblick über die rechtlichen Grundlagen für solche Spenden und das Karlsruher Verfahren:

 

Worüber wird in Karlsruhe verhandelt?

In einem Fall spendete eine Tochter ihrem Vater eine Niere, in dem anderen

geht es um die Nierenspende eines Manns an seine Ehefrau. Beide beklagen,

dass sie seither unter anderem an chronischer Erschöpfung leiden. Sie werfen

den Ärzten vor, sie nicht ausreichend aufgeklärt zu haben.

Voraussetzungen für Lebendorganspenden

Zu Lebzeiten können eigentlich nur eine Niere oder Teile der Leber gespendet werden. Eine solche Spende ist zudem nur zwischen Menschen möglich, die sich sehr nahestehen. Das können zum Beispiel Eltern, Geschwister oder Ehepartner sein. Das Gesetz schreibt den Ärzten eine Aufklärung über mögliche Folgen vor. Dabei ist unter anderem vorgesehen, dass bei einem Aufklärungsgespräch ein zweiter Arzt anwesend sein muss.

Welche Rechtsfragen sollen geklärt werden?

Die Klagen der beiden Nierenspender blieben in den Vorinstanzen erfolglos. Das Oberlandesgericht Hamm stellte in den Berufungsverfahren zwar Fehler bei der Aufklärung fest. Es nahm aber an, dass die Kläger auch bei korrekter Aufklärung der Organspende zugestimmt hätten.

Der zuständige BGH-Zivilsenat bezweifelte in der mündlichen Verhandlung im November ebenfalls, dass alle Anforderungen an die Aufklärung der Organspender eingehalten wurden. Entscheidend dürfte deshalb die Frage sein, ob eine sogenannte hypothetische Einwilligung angenommen werden kann. Dabei geht ein Gericht davon aus, dass die Spender auch bei einer ordnungsgemäßen Aufklärung in die Organspende eingewilligt hätten.

Organentnahmen nach dem Tod

Ein Spenderorgan kann nur entnommen werden, wenn Ärzte den Hirntod eines Menschen feststellen. Voraussetzung ist aber, dass ein Verstorbener einer Organspende zu Lebzeiten etwa durch einen Organspendeausweis zustimmte. Ansonsten werden die Angehörigen nach dem mutmaßlichen Willen des Verstorbenen gefragt.

Diskutiert wird derzeit die Einführung einer Widerspruchslösung. Dabei wird eine Zustimmung vorausgesetzt, wenn jemand zu Lebzeiten nicht ausdrücklich widerspricht. Im Gespräch ist auch eine doppelte Widerspruchslösung, bei der die Angehörigen noch nein sagen können.

(afp)

 

 

Engpass Klinik

Viele Menschen sind zur Organspende bereit, doch trotzdem fehlen Transplantate. Mehr Geld für Krankenhäuser soll das Problem verringern.

Von Tin Fischer

DIE ZEIT Nr. 5/2019, 24. Januar 2019

 

Es war seit Jahren die erste Pressemitteilung der Deutschen Stiftung

Organtransplantation (DSO), die wieder das Wort "erfreulich" enthielt:

Zwanzig Prozent mehr Organspender gab es 2018. Doch das

überraschende Wachstum, das die DSO am 11.01.verkündete, ist

eher ein gestoppter Sinkflug. Nur 955 verstorbenen Spendern

wurden im vergangenen Jahr Organe entnommen – bei mehr als

9000 Patienten, die auf ein Transplantat warten*. Im Musterland

Spanien werden fast fünfmal so viele Organe gespendet.

Vor dem jüngsten Anstieg der Spenderzahl in Deutschland lag ein lang andauernder Rückgang. Doch paradoxerweise nahm in der gleichen Zeit die Verbreitung von Organspendeausweisen zu: Jeder dritte Bundesbürger trägt heute einen bei sich. Und relativ unverändert geben seit zwanzig Jahren in Umfragen drei von vier Personen an, dass sie einer Organspende grundsätzlich zustimmen würden. Bei so viel Spendenbereitschaft verwundert es, dass Deutschland so weit zurückliegt. Experten verorten den Engpass weniger in der Spendenbereitschaft, sondern eher in den unzureichenden Strukturen der Krankenhäuser. Viele mögliche Spenden würden dort nicht realisiert – vor allem, weil längst nicht all die Organe entnommen werden, die entnommen werden könnten. Es scheint, als hätten viele Krankenhäuser kein großes Interesse an diesem Zweig der Medizin.

Nun diskutierte am vergangenen Donnerstag der Bundestag in erster Lesung Gesetzesänderungen, die den Krankenhäusern die Arbeit erleichtern sollen. Vor allem mit mehr Geld will man es richten. Die 1246 Kliniken in Deutschland, die Organentnahmen durchführen können, sollen etwa mehr Mittel für Transplantationsbeauftragte erhalten. Das sind Mediziner, die auf den Intensivstationen potenzielle Spender identifizieren, Gespräche mit Angehörigen führen und eine Organspende organisieren. Das ist zeitaufwendig und auch teuer. Zudem sollen an mehreren Standorten in ganz Deutschland Bereitschaftsdienste geschaffen werden, die jederzeit in Kliniken den irreversiblen Hirntod feststellen können – eine schwierige Aufgabe, die großer Erfahrung bedarf und Voraussetzung für die Entnahme von Organen ist.

Die gesamte Vergütung für eine Organentnahme könnte verdreifacht

werden. Die Häuser sollen zwar an dieser Arbeit weiterhin nichts

verdienen, aber zumindest nichts mehr drauflegen – bislang waren

Organentnahmen für die Kliniken nämlich ein Minusgeschäft. 34

Millionen Euro jährlich dürften die Maßnahmen die Krankenkassen

zusätzlich kosten, so die Schätzung der Politik. Aber wird dieser

Geldsegen auch die Einstellung in den Krankenhäusern zur

Organentnahme maßgeblich ändern?

Gerade kleine Kliniken könnten mehr Spenderorgane bereitstellen

Das neue Gesetz gehe durchaus in die richtige Richtung, meint Kevin Schulte vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel, Co-Autor der jüngsten Studie zum Thema, die im Juli vergangenen Jahres im Deutschen Ärzteblatt erschien. Die zusätzlich bezahlten Bereitschaftsdienste seien vor allem für kleine Kliniken wichtig, die oft nicht einmal einen einzigen potenziellen Spender pro Jahr hätten und denen deshalb die Routine fehle. Auch die Stärkung der Transplantationsbeauftragten hält er für sinnvoll. "Ungefähr ein Viertel der Organspenden kommt aus den kleinen Kliniken", sagt Schulte, "da liegt wahrscheinlich noch ein großes verstecktes Potenzial." Was ihn stört: Das Gesetz definiert nicht, welche Konsequenzen es hat, wenn Kliniken zu wenige mögliche Spender melden.

Viele Kliniken könnten da künftig in Erklärungsnot geraten. Kevin Schulte fand heraus, dass die Anzahl möglicher Spender in deutschen Krankenhäusern zwischen 2010 und 2015 um etwa 14 Prozent zugenommen hat. Trotzdem wurden in diesem Zeitraum weniger potenzielle Spender bei der koordinierenden DSO gemeldet – und weniger Organe entnommen. Das Fazit der Kieler Forscher: "Der Rückgang der postmortalen Organspenden ist mit einem Erkennungs- und Meldedefizit der Entnahmekrankenhäuser assoziiert." Auf Deutsch: Die Kliniken erkennen potenzielle Spender längst nicht immer oder melden sie nicht. Was Schulte dabei ärgert: "Die Jahresberichte der DSO haben seit Jahren große Unterschiede zwischen verschiedenen Kliniken nahegelegt. Da wundert es schon, dass die Behörden nicht früher tätig geworden sind und auf die Einhaltung des Transplantationsgesetzes gedrängt haben."

Dass den Kliniken viele Spender entgehen, stellte eine detaillierte Untersuchung des Universitätsklinikums Jena fest. Der Anästhesist Martin Brauer ging in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen jedem Todesfall nach, der für eine Spende hätte infrage kommen können. Für solche Analysen haben sich Kliniken früher nicht in die Karten gucken lassen. "Es hat Jahre gedauert, bis das möglich war", sagt Brauer.

 

Modifizierte T-Zellen verhindern Abstoßung von Organen nach Transplantation

Wer aufgrund von akutem Organversagen oder durch eine chronische Erkrankung auf eine Organtransplantation angewiesen ist, muss meist ein Leben lang Immunsuppressiva einnehmen, welche das Immunsystem unterdrücken, um ein Abstoßung des transplantierten Organs zu verhindern.

Somit sind Betroffene wesentlich anfälliger für teils lebensbedrohliche Infektionen. Die Wissenschaft sucht bereits seit langer Zeit nach einem Weg, die Abstoßung eines transplantierten Organs zu verhindern, ohne das körpereigene Abwehrsystem wehrlos gegenüber Krankheitserregern zu machen.

Das Team um Jean Pieters von der Universität Basel ist nun eine Entdeckung gelungen, welche genau das nahelegt:

Für eine Studie veränderte das Team transplantierte Mäuse so, dass das Protein Coronin 1, welches eine wichtige Rolle für eine Abstoßungsreaktion spielt, nicht mehr bei den Mäusen produziert wird.

Herausgekommen ist dabei ein erstaunliches Ergebnis. Mitautor Rejesh Jayachandran erklärt: „Wir haben herausgefunden, dass die T-Zellen die Immunreaktion gegenüber dem transplantierten Organ nach Entfernen von Coronin 1 nicht nur massiv unterdrücken, sondern die Abstoßung sogar aktiv verhindern.“

Dennoch bleibt das Immunsystem aktiv. Weitere Experimente offenbarten den Grund hierfür: Coronin 1 greift in den T-Zellen in einen Signalweg ein, der zur Produktion de Botenstoffs cAMP führt.

In Abwesenheit von Coronin 1 steigt die Konzentration des genannten Botenstoffs in den T-Zellen drastisch an, in welcher Folge sich die Zellen so verändern, dass das transplantierte Organ toleriert wird und Viren, Bakterien und Co weiterhin effektiv bekämpft werden.
Diese neuen Ergebnisse deuten darauf hin, dass sich die Immunantwort des Körpers auf ein transplantiertes Organ selektiv abschalten lässt.

Weitere Studien werden zeigen, inwiefern dies möglicherweise neue Türen in der Entwicklung euer Therapiemöglichkeiten im Kampf gegen eine Abstoßungsreaktion öffnet.

Quelle: Pflege News 21.01.2019

 

 

 

Ärzte Zeitung online, 17.01.2019

Stärkung der Organspende – Sogar Grüne loben den Minister

Klare Verantwortlichkeiten, bessere Refinanzierung: Der Bundestag bewertet ein eher technisches Gesetz, das die Voraussetzungen der Organspende verbessern soll, positiv. Doch die Grundsatzdebatte kommt erst noch.

Von Florian Staeck

BERLIN. Bessere Kooperation und bessere Strukturen bei der Organspende – dieses Vorhaben trifft im Bundestag auf breite Zustimmung. Das wurde am Donnerstag bei der ersten Beratung des Gesetzes für bessere Zusammenarbeit und bessere Strukturen bei der Organspende (GZSO deutlich.

Die Ärztin und grüne Gesundheitspolitikerin Dr. Kirsten Kappert-Gonther schritt bei der Debatte „zum Äußersten“ und lobte: „Das ist ein gutes Gesetz“. Freilich fordert ihre Fraktion dennoch, den Entwurf an mehreren Punkten nachzujustieren.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) bezeichnete die erstmals wieder gestiegenen Organspendezahlen als „gut, aber nicht gut genug“. Demnach wurden im Vorjahr 955 Spender registriert, 2017 waren es 797 gewesen.

Die Koalition will vor allem an vier Punkten ansetzen

  1. Transplantationsbeauftragte: Sie hätten es bisher „schwer, in Krankenhäusern die nötige Aufmerksamkeit zu finden“, so Spahn. Künftig soll es eine bundeseinheitliche Regelung zur Freistellung der Beauftragten von ihren sonstigen Aufgaben geben. Maßstab ist dabei die Zahl der Intensiv- oder Beatmungsbetten in der Klinik. Je zehn Betten sind 0,1 Stellen für den Beauftragten vorgesehen. Klargestellt werden auch ihre Rechte und Pflichten, sagte der CDU-Abgeordnete Lothar Riebsamen. So sollen die Beauftragten per Gesetz ein Zugangsrecht zu Intensivstationen bekommen.

  2. Refinanzierung der Mehrkosten: Das Gesetz soll den Missstand abstellen, dass Krankenhäuser, die einem Patienten Organe entnehmen, finanziell bislang schlechter wegkamen als solche Häuser, die potenzielle Spender erst gar nicht melden. Die Pauschalen, die Kliniken für die Vorbereitung einer Organentnahme bekämen, seien zu undifferenziert, sagte SPD-Fraktionsvize Professor Karl Lauterbach. Das werde das Gesetz ändern.

  3. Konsiliarärztlicher Rufbereitschaftsdienst: Er soll auch für kleine Kliniken sicherstellen, dass ein Neurologe zeitnah zur Verfügung steht. Der Linken-Abgeordnete Harald Weinberg verwies darauf, dass von 1300 Entnahmekrankenhäusern mehr als 1000 nicht über eine Neurochirurgie verfügen. Der Neurologe soll Kollegen bei der Feststellung des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls zur Seite stehen. Die Grünen-Politikerin Kappert-Gonther forderte, dass auch die PKV anders als bisher vorgesehen für die Finanzierung dieses Dienstes herangezogen wird.

  4. Betreuung von Angehörigen: Organempfänger sollen die Möglichkeit erhalten, sich in Form anonymisierter Schreiben bei den Angehörigen des Spenders zu bedanken.

Nur wenige Abgeordnete verknüpften die Debatte mit der Kontroverse um eine Widerspruchslösung. Spahn und Lauterbach gehören zu den Befürwortern einer entsprechenden interfraktionellen Initiative. Dagegen hat sich eine Abgeordnetengruppe formiert, die an der erweiterten Zustimmungslösung festhalten will.

Nach einer sogenannten Orientierungsdebatte im vergangenen November werben beide Gruppen im Parlament um Unterstützer für ihre Position.

Die Linken-Politikerin Kathrin Vogler zeigte sich überzeugt, nach der Verbesserung der Prozesse in den Entnahmekliniken und einer besseren Finanzierung der Organspende müsse die „ethisch sensible und moralisch heikle Frage der Widerspruchslösung nicht weiter verfolgt werden“. Spahn solle den Gesetzgebungsprozess nicht mit dieser Streitfrage belasten, forderte sie.

Organspendegesetz

» Das Gesetz zur Verbesserung der Zusammenarbeit und der Strukturen bei der Organspende (GZSO) soll Mitte März im Bundestag abschließend beraten und verabschiedet werden.

» Der Bundesrat hat im Dezember keine Einwände gegen die Vorlage erhoben. Das Inkrafttreten ist schon für den 1. April geplant.

 

 

Westfalen Blatt 16.01.2019

 

Hemmnisse bei der Organspende

 

Fehlen einer Hirntod-Diagnose verhindert Entnahme – Kliniken

sollen Problem lösen

Düsseldorf (WB/hir). Warum werden in NRW so wenige Organe gespendet?

Oftmals ist eine fehlende Hirntod-Diagnose der Grund, wie ein Bericht von

NRW Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) aufzeigt. Meist wurde

bislang eine fehlende persönliche Erklärung als Grund dafür genannt, dass

die Organspenden im NRW von 2009 bis 2017 um 43 Prozent von 259 auf

146 Spender gesunken sind. Doch tatsächlich gibt es weitere Hemmnisse.

So erklären Patienten in ihrer Verfügung oder später oft auch die

Angehörigen, dass sie im Falle einer Krankheit mit absehbarer Todesfolge

keine lebensverlängernde Behandlung wünschen. Als Konsequenz werden

Geräte zum Erhalt der Herz-Kreislauffunktion früher abgeschaltet, die aber

für die Diagnose des Hirntods als Voraussetzung für eine Organentnahme

notwendig wären. Laumann hatte als Reaktion auf die sinkenden Zahlen 18

Kliniken mit einer neurochirurgischen oder neurologischen Station besucht,

da dort häufiger als anderswo Patienten auch infolge eines Hirntods sterben

können. Die Gespräche führte er unter anderem im Evangelischen

Krankenhaus Bielefeld und dem Johannes-Wesling-Klinikum in Minden.

Dabei erfuhr er, dass die rechtzeitige Feststellung des Hirntods bei einem

Patienten auch daran scheitert, dass ein vom Gesetz als Bestätigung

geforderter zweiter Spezialist nicht verfügbar ist. Ohnehin fehle in Kliniken

Personal für Hirntod-Diagnose und Organspende. Deshalb lehnen Kliniken

mit neurologischen Abteilungen die Aufnahme eines Patienten nur zur

Organentnahme ab. »Wir brauchen eine frühzeitige Identifizierung

potenzieller Organspenden in den Kliniken: Da ist sicherlich noch Luft nach

oben«, sagte Laumann dieser Zeitung. Zugleich erkannte er an, dass die

Gespräche Wirkung zeigen: »Die Krankenhäuser bemühen sich nun wie

der aktiv um Lösungen.« Das zeige sich in den 2018 auf 163 gestiegenen

Spenderzahlen. Zu den Lösungsvorschlägen der Kliniken zählt ein

einheitliches Muster der Patientenverfügung mit einem Passus zur

Organspende. Intern wollen Kliniken die Aufgaben der

Transplantationsbeauftragten auf Teams übertragen und so die Sensibilität

für Organspende auf den Stationen erhöhen. Wenn Angehörige eine

Therapiebegrenzung wünschen, solle künftig die Organspende

angesprochen werden. Kliniken ohne Neurologie will die Deutsche Stiftung

Organtransplantation Ärzte zur Hirntod-Diagnose vermitteln.

 

 

 

Westfalen Blatt 14.01.2019

 

Versmold (WB/ca). Das Schicksal des Versmolders, der nach einer

Nierentransplantation in einer Rehaklinik nicht richtig betreut worden

war, ist nach Ansicht eines Experten kein Einzelfall. Prof. Richard

Viebahn ist Direktor der Chirurgie an der Uniklinik Bochum. Mit jährlich

60 Nierentransplantationen und bis zu 30 kombinierten Nieren-

Bauchspeicheldrüsen-Transplantationen ist sie europaweit führend.

Viebahn: »Ich versuche seit Jahren, bei Krankenkassen und

Rentenversicherungen zu erreichen, dass unsere Transplantierten in

bestimmte Kliniken kommen.« Eine Rehaklinik in Mecklenburg-

Vorpommern und eine in Bayern seien spezialisiert,

Nierentransplantierte auf ihr Leben mit dem neuen Organ einzustellen.

»Man muss sensibel werden für Signale seines Körpers und sie

bewerten können.« Sein Vorstoß bei den Kassen sei aber bisher ins

Leere gelaufen, sagt der Chirurg. Der Versmolder, der in Bochum

transplantiert worden war, hatte bei der Rentenversicherung

beantragt, in eine der beiden Kliniken zu kommen. »Stattdessen

haben sie mich nach Bad Salzuflen geschickt«, sagt der 57-Jährige.

Wie berichtet, war nach Ansicht des Oberlandesgerichts Hamm in der

Rehaklinik der Medikamentenspiegel des Patienten nicht richtig

kontrolliert worden. Der Körper stieß die Bauchspeicheldrüse ab, die

neue Niere wurde schwer geschädigt. Jetzt muss der Frührentner

wieder zur Dialyse. Prof. Viebahn: »Eigentlich müsste eine optimale

Reha im Interesse der Kassen sein, damit es möglichst nicht zu

solchen Folgen kommt.« Eine Sprecherin des NRW-Herzund

Diabeteszentrum sagte, Herztransplantierten werde die Gollwitzer-

Meier-Klinik in Bad Oeynhausen zur Reha empfohlen. »Dann ist im

Ernstfall der Weg zu uns auch nicht so weit.«

 

 

 

Westfalen Blatt 24.12.2018

 

Eckpunkte für Organspendegesetz

 

Bereitschaft soll abgefragt werden, wenn jemand Ausweis

oder Reisepass abholt

 

Berlin (dpa). Auf dem Weg zu einer Neuregelung für die

Zustimmung zur Organspende haben Bundestagsabgeordnete

parteiübergreifend Eckpunkte beim Gesundheitsministerium

eingereicht. Sie schlagen vor, dass die Bereitschaft zur

Organspende künftig abgefragt wird, wenn jemand einen Ausweis

oder Reisepass abholt. Ausführliche Informationen und die

Möglichkeit für ein Info-Gespräch bekommen die Bürger schon,

wenn sie den Ausweis beantragen. Beim Abholen müssen sie dann

entscheiden, ob sie zur Organspende bereit sind oder ob sie die

Entscheidung verschieben. Führende Mitglieder der Gruppe gehen

davon aus, dass der Vorschlag im Bundestag eine Mehrheit finden

wird. Vertreten sinddemnach Politiker aller Bundestagsfraktionen

außer der AfD. Fürdas Modell hatte unter anderem Grünen-Chefin

Annalena Baerbock prominent geworben. Der Vorschlag sieht

weiter vor, dass Bürger persönliche Zugangsdaten bekommen,

über die sie ihre Entscheidung jederzeit ändern können. Die

Debatte hatte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU)

angestoßen, indem er vorgeschlagen hatte, jeder solle als

Spender gelten, der nicht aktiv widerspricht. Er warb für diese

»doppelte Widerspruchslösung« angesichts von rund 10.000

Menschen, die auf Organe warten. Bisher ist es umgekehrt:

Organentnahmen sind nur bei ausdrücklich erklärtem Ja erlaubt.

Es gibt auch keine Pflicht, sich mit dem Thema

auseinanderzusetzen. Eine Reform ist für das kommende Jahr

geplant. Aller Aufklärung zum Trotz gehen die Organspende-

Zahlen seit 2012 herunter und sanken 2017 auf einen Tiefpunkt

von 797 Spendern. Für dieses Jahr zeichnet sich immerhin wieder

ein Anstieg ab – bis Mitte November gab es schon 832 Spender.

Dem Vorschlag der Abgeordneten zufolge, die nun auf einen

Gesetzentwurf aus dem Gesundheitsministerium warten, soll jeder

beim Beantragen des Ausweises »ausführliche und unabhängige

Informationen« von der Bundeszentrale für gesundheitliche

Aufklärung (BZgA) ausgehändigt bekommen. Wer will, kann sich

persönlich oder telefonisch beraten lassen. Beim Abholen des Aus-

weises sollen die Bürger an einem Gerät vor Ort eintragen, ob sie

alle oder bestimmte Organe spenden möchten oder ob sie jetzt

nicht entscheiden wollen – oder wer im Falle eines Unglücks

entscheiden soll. Wenn die Person Organspender sein möchte oder

Angehörige darüber entscheiden sollen, werden die Daten an das

zentrale Organspenderegister übermittelt. Alle bekommen

Zugangsdaten mit einer persönlichen Pin-Nummer, über die sie

jederzeit die Entscheidung ändern oder nachholen können. Diese

Zugangsdaten sind dann bis zur nächsten Ausweisbeantragung

gültig, also zehn Jahre lang. Annalena Baerbock sagte, es sei nun

gelungen, »einen mehrheitsfähigen Konsens über

Fraktionsgrenzen hinweg zu formulieren«.

 

Ärzteblatt.de

 

18. Dezember 2018

Berlin – In der Diskussion um die Organspende hat sich eine fraktionsübergreifende Gruppe von Bundestagsabgeordneten auf Eckpunkte für eine Entscheidungsregelung verständigt. Die Gruppe um den CSU-Politiker Stephan Pilsinger und Grünen-Chefin Annalena Baerbock stellt sich damit gegen den Vorschlag von Bundesgesundheits­minister Jens Spahn (CDU), der eine Widerspruchslösung einführen will, berichten die Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Bis Ende Januar soll ein Gesetz­entwurf vorliegen.

Der Vorschlag sieht vor, dass die Deutschen sich alle zehn Jahre bei der Ausgabe des Personalausweises zu ihrer Organspendebereitschaft äußern sollen. „Aber: Man muss seine Entscheidung jederzeit ändern können, und es muss möglich sein, sich gar nicht zu entscheiden“, sagte Pilsinger den Zeitungen.

Auslöser für die Debatte war der Vorstoß von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Spahn. Danach soll jeder Mensch automatisch potenzieller Organspender sein, wenn er zu Lebzeiten nicht widerspricht oder dessen Angehörige nach dem Tod nicht wider­sprechen. Derzeit ist es umgekehrt: Ein Organspender oder seine Angehörigen müssen der Spende aktiv zustimmen.

Die Parlamentarier lehnen eine stärkere rechtliche Verpflichtung der Bürger zur Organspende ab. „Dass jeder automatisch zum Spender wird, wenn er nicht widerspricht, ist rechtlich problematisch“, so Baerbock. „Es greift zudem die Würde jedes Einzelnen an.“ Klar sei aber auch, dass der Bundestag angesichts sinkender Spenderzahlen handeln müsse.

Laut Baerbock sehen die Eckpunkte vor, dass Bürger bei der Beantragung eines Ausweises ausführliche Informationen zur Organspende von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) erhalten.

Bei der Ausweisabholung muss sich die Person dann entscheiden und dies an einem Gerät vor Ort eintragen. Jeder Bürger erhält gleichzeitig einen Zugangscode und eine separate PIN, um eine Entscheidung jederzeit ändern zu können. Die Entscheidungen sollen in einem zentralen Organspenderegister eingetragen werden.

Unterstützt werde dieser Antrag, so die Zeitungen, unter anderem von den ehemaligen Ge­sund­heits­mi­nis­tern Hermann Gröhe (CDU) und Ulla Schmidt (SPD). Auch die gesundheitspolitischen Expertinnen Karin Maag (CDU) und Hilde Mattheis (SPD), die komplette Fraktionsspitze der Grünen sowie die Parteichefin der Linke, Katja Kipping, gehörten dazu. © kna/aerzteblatt.de

 

 

 

Ärzte Zeitung online, 14.12.2018

Organspende

Ethikrat gespalten bei Widerspruchsregelung

Auch im Deutschen Ethikrat wird über eine Widerspruchslösung bei der Organspende kontrovers diskutiert: Manche Mitglieder sehen es pragmatisch und als zumutbar für die Bürger, andere sehen Probleme mit der Verfassung.

Von Anno Fricke

Weniger als 800 Organspender zählt die Statistik für das Jahr 2017. Der kontinuierliche Schwund hat die Politik aufgeschreckt. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat einen Gesetzentwurf zur Professionalisierung der Abläufe in den Organentnahmekliniken vorgelegt. In seiner Eigenschaft als Bundestagsabgeordneter hat er zudem auch eine Diskussion um einen Wechsel vom Zustimmungs- zum Widerspruchsmodell angestoßen. Beide Projekte finden Zustimmung und Kritik im Deutschen Ethikrat.

Kein Spendeproblem, sondern ein Melde- und Organisationsproblem sieht Professor Claudia Wiesemann, Direktorin der Abteilung Ethik und Medizin der Universität Göttingen, Mitglied des Ethikrats seit 2016. Die Abläufe in den Entnahmekrankenhäusern seien von organisationsethischen Konflikten geprägt, die ursächlich für den Rückgang der Spendezahlen sein dürften. Dort lägen die Hauptprobleme, nicht in der Spendebereitschaft der Bevölkerung.

Die von Gesundheitsminister Jens Spahn geplanten Strukturänderungen bei der Organentnahme machen alles noch schlimmer“, sagte Wiesemann beim Forum Bioethik am Mittwoch in Berlin. Zunächst müssten andere Punkte offen adressiert werden: Hirntote verfügten über einen lebendig anmutenden Leib. Das sei eine Herausforderung für Ärzte und Fachpflegekräfte.

Nicht selten würden daher vor einer Organentnahme Schmerzmittel gegeben. In dem Moment, in dem ein Krankenhaus in der Transplantationsmedizin ein Geschäftsmodell sehe, gerieten Mitarbeiter immer wieder in Konflikte mit diesem „außermoralischen Ziel“. Vor den geplanten gesetzlichen Änderungen und vor der Einführung eines Widerspruchsmodells müsse es eine Debatte darüber geben, wie das Personal mit hirntoten Menschen umgehe.

Bürger in die Pflicht zu nehmen ist erlaubt

Für Reinhard Merkel, Professor für Strafrecht und Rechtsphilosophie in Hamburg, ist die Organspende ein individueller Akt postmortaler Solidarität mit einem unbekannten Anderen. Dazu könne zwar niemand vom Gesetzgeber gezwungen werden. Die moralische Pflicht zur Organspende ende im Fall höchstpersönlicher Ablehnung sowohl aus religiösen Gründen oder schlicht nur aus Angst vor der postmortalen Organspende, sagte Merkel, der dem Ethikrat seit 2012 angehört.

Es sei den Menschen jedoch zumutbar, sich zur Organspende zu verhalten, sich darüber Gedanken zu machen und zu einer Entscheidung zu kommen. „Eine solche Pflicht zur Klärung und Kundgabe ist auch als rechtliche Pflicht ohne weiteres begründbar“, sagte Merkel. Sie sei sogar rechtsethisch geboten. Sie konkretisiere lediglich die Pflicht zur gesellschaftlichen Minimalsolidarität. Zulässig sei daher auch, dass das Schweigen nach der Aufforderung sich zu erklären, als Zustimmung gedeutet werden kann.

Ganz anders argumentiert der Kölner Staatsrechtler Professor Wolfram Höfling, ebenfalls seit 2012 im Ethikrat. Diese Rechtfertigung eines Widerspruchsmodells verkenne, dass jede Entscheidung zur Organspende eine existenzielle Entscheidung über das eigene Sterben sei. Höflings Argumentation räumt das Thema schon mit seiner Ausgangsthese ab. „Ein Widerspruchsmodell lässt sich als verfassungskonforme Lösung des Organmangels nur denken auf der Grundlage der Hirntodkonzeption. Diese ist aber nicht tragfähig“, sagte Höfling.

Die Einführung eines Widerspruchsmodells bedeute eine verfassungswidrige Beeinträchtigung des Rechts auf körperliche Unversehrtheit zum Beispiel in den Fällen, in denen vor der Hirntoddiagnose organprotektive Maßnahmen vorgenommen würden. Höfling warnte davor, eine offene Debatte darüber, ob es moralisch legitime Gründe gegen eine Organspende gebe, durch moralpädagogische Beeinflussung zu ersetzen.

Parallelen zur Nachlassverwaltung?

Professor Wolfram Henn wiederum, Facharzt für Humangenetik, Mitglied im Ethikrat seit 2016, stellt sich hinter das Widerspruchsmodell. Er zog einen Vergleich, wie mit dem Nachlass eines Menschen umgegangen werde. Wenn jemand kein Testament abgefasst habe, träten allgemeine Regeln in Kraft. Dies müsse auch für die Organspende gelten.

Es gelingt mir nicht, in dieser Reform eine Einschränkung des Selbstbestimmungsrechts zu entdecken“, sagte Henn. Sowohl nach der Widerspruchsregelung als auch nach dem derzeit geltenden Zustimmungsmodell stehe jedem Menschen zu Lebzeiten das uneingeschränkt über seinen Tod fortwirkende Recht zu, über die Verwendung seiner Organe zu bestimmen. Allerdings benötigten die Menschen Unterstützung bei dieser Entscheidung.

Es solle daher bereits in der Schule und im Anschluss daran im Zusammenhang mit der Fahrschule darüber aufgeklärt werden. Verfügungen dieser Art sollten künftig im Personalausweis niedergelegt werden. Über die Ausweis-App könne jeder die Zustimmung jederzeit problemlos geben oder widerrufen. Personalausweis niedergelegt werden. Über die Ausweis-App könne dann jeder seine Zustimmung jederzeit problemlos geben oder widerrufen.