Gesellschaft & Politik


Wie problematisch ist für Menschen mit Behinderung die pauschalisierte Einwilligung zur Organspende?

Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland lehnt Vorschläge von Bundesgesundheitsminister Spahn vehement ab.

Von Rollingplanet

Veröffentlicht am 17. September 2018

Sogenannte „Widerspruchslösung“ ins Gespräch gebracht: Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will, dass jeder Deutsche automatisch Organspender sein, sofern er sich nicht ausdrücklich dagegen ausspricht. (Foto: Monika Skolimowska/dpa)

Die Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland e.V. – ISL spricht sich vehement gegen eine pauschalisierte Einwilligung für eine Organspende bei Menschen aus. Damit reagiert sie auf die Vorschläge von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, wonach jeder Mensch in Deutschland automatisch einer Organspende zustimmt, wenn dem nicht ausdrücklich widersprochen wird.

Die von Spahn angekurbelte Debatte zur automatisierten Einwilligung für eine Organspende berücksichtigt nach Meinung der ISL nicht die Belange von behinderten Menschen, die sich auf Grund ihrer Behinderung nicht frei dazu äußern können.

Die vom Gesundheitsminister vorgeschlagene Widerspruchslösung verstößt ganz klar gegen Artikel 3 der UN-Behindertenrechtskonvention, weil dadurch die Freiheit des Menschen, eigene Entscheidungen zu treffen, torpediert und seine Selbstbestimmung unzulässig eingeschränkt wird,“protestiert Dr. Sigrid Arnade, ISL-Geschäftsführerin.

Auch die bioethische Sprecherin der ISL, Petra Stephan, kritisiert dieses Vorhaben: „Behinderte Menschen, die mit einer Betreuung leben und nicht in der Lage sind, ihren eigenen Wunsch aufgrund von körperlichen oder kognitiven Einschränkungen mitzuteilen, dürfen keinesfalls dieser automatisierten Einwilligung ausgesetzt werden. Schließlich können sie weder einen Widerspruch noch eine Zustimmung formulieren.“

In ihrem behindertenpolitischen Grundsatzprogramm, dem Hamburger Programm, warnt die ISL davor, dass die Entscheidung für oder gegen eine Organspende nicht als schnell getroffene Standardentscheidung erfolgen darf. Stattdessen sind ausreichend Informationen und Beratung anzubieten.

Das behindertenpolitische Grundsatzprogramm der ISL steht unter folgendem Link als Download zur Verfügung: ISL Hamburger Programm

http://isl-ev.de/attachments/article/1527/Hamburger%20Programm_Aktualisierung.pdf

(RP/PM)

 

Neue Hoffnung für Tausende Patienten

Steffen Zimmermann über die Widerspruchslösung bei Organspenden

Standpunkt | Berlin – 11.09.2018

Es ist eine Zahl, die traurig macht: Jeden Tag sterben in Deutschland im Schnitt drei Menschen, weil sie nicht rechtzeitig ein Spenderorgan erhalten haben. Neben organisatorischen Mängeln in den Krankenhäusern ist daran vor allem die immer noch mangelhafte Bereitschaft der Deutschen Schuld, ihre Organe nach dem eigenen Tod anderen Menschen zu spenden. Obwohl jeder hofft, im Fall des Falles selbst rechtzeitig ein Spenderorgan zu bekommen, wollen leider immer noch viel zu wenige Menschen die eigenen Organe zur Verfügung stellen.

Zwar hat sich die Zahl der Bundesbürger mit einem Spenderausweis trotz des 2012 ans Licht gekommenen Organspendeskandals in den vergangenen sechs Jahren von 22 auf 36 Prozent erhöht – doch das ist bei Weitem nicht genug. Um die Dimensionen deutlich zu machen: Derzeit warten in Deutschland mehr als 10.000 Menschen auf eine Organspende, im vergangenen Jahr wurden bundesweit aber nur 797 Organe transplantiert. Wenn sich nicht bald Grundlegendes ändert, werden die meisten Patienten also vergeblich auf ein lebensrettendes Organ warten.

Vor diesem Hintergrund halte ich die von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) vor einigen Tagen wieder einmal ins Gespräch gebrachte "doppelte Widerspruchslösung" für den notwendigen und richtigen Weg. Die Lösung sieht vor, dass jeder Mensch automatisch Organspender ist, so lange er oder seine Angehörigen einer Entnahme der Organe nach dem Tod nicht ausdrücklich widersprechen. Die Widerspruchslösung, die es bereits in einigen europäischen Ländern gibt, böte die Chance, die Zahl der Spenderorgane endlich signifikant zu erhöhen und vielen Menschen, die verzweifelt auf ein Organ warten, wieder Hoffnung zu geben.

Natürlich: Der Druck auf jeden Einzelnen, sich mit dem Thema Organspende und der eigenen Haltung dazu auseinanderzusetzen, würde durch die Widerspruchslösung wachsen; jeder Bundesbürger wäre zu einer Entscheidung gezwungen. Von einer Pflicht zur Organspende, wie einige Medien zuletzt geschrieben haben, kann aber keine Rede sein – schließlich könnte jeder Bürger weiterhin "Nein" sagen. Und auch die Sorgen vor einer Ökonomisierung des menschlichen Körpers sind übertrieben. Das Selbstbestimmungsrecht über den eigenen Körper bliebe auch bei der Widerspruchslösung unangetastet.

Fakt ist: Die Freiwilligkeit der Organspende, die auch im maßgeblichen Dokument der Deutschen Bischofskonferenz zu diesem Thema betont wird, funktioniert nicht gut genug. Deshalb wäre es im Sinne der Betroffenen dringend geboten, mit der Widerspruchslösung einen neuen Weg zu gehen. Und mal ehrlich: Wäre es wirklich zu viel verlangt, irgendwann im Leben einmal "Nein" zu sagen, wenn man seine Organe nicht spenden möchte?

Von Steffen Zimmermann

Der Autor

Steffen Zimmermann ist Redakteur im Korrespondentenbüro von katholisch.de in Berlin.

 

11.09.2018

Aktuelle Organspende-Debatte geht am Problem vorbei

Jens Spahn will sich am Organspende-Weltmeister Spanien orintieren und die Widerspruchslösung einführen. Der Erfolg der Iberer hängt mit besonderen Faktoren zusammen.

Von Robert Bublak

Nachdem das W-Wort einmal ins Land entlassen war, kam es, wie es kommen musste. Seither dreht sich die Diskussion darüber, wie sich die Organspenden in Deutschland vermehren lassen, nur noch um diesen einen Begriff: Widerspruchslösung. Einfach oder doppelt. Geboten oder verboten. Richtig oder falsch. Das ist schade.

Dem Gesundheitsminister ist zugutezuhalten, dass er das Problem nicht nur erkannt hat, sondern ihm auch den gebührenden Platz einräumt. Jens Spahn (CDU) hat sogar kürzlich den"Entwurf eines Gesetzes für bessere Zusammenarbeit und bessere Strukturen bei der Organspende" vorgelegt. Damit legte er den Finger in die Wunde, denn die klafft ebendort: bei der Zusammenarbeit und den Strukturen. Doch dann sprach er das W-Wort.

Oft wird an dieser Stelle der Debatte auf Spanien verwiesen. Schließlich wollen alle zu den Spaniern aufschließen, den Weltmeistern bei den Organspendezahlen. Und praktizieren nicht die Spanier diese Widerspruchslösung, wonach jeder, der nicht zu Lebzeiten widerspricht, in die Entnahme seiner Organe post mortem einwilligt?

Selbstverständlich wäre es zu begrüßen, Organspenden so erfolgreich zu sammeln wie die Spanier. Es fragt sich aber, ob die Einführung einer Widerspruchslösung dieses Ziel wesentlich fördert. Zur Erinnerung: Spanien hat die Widerspruchslösung bereits Ende der 1970er-Jahre eingeführt.

In den folgenden zehn Jahren führte das aber nicht dazu, dass die Spenderzahlen nennenswert stiegen. Noch im Jahr 1989 lag die Spenderquote bei 14 je Million Einwohner. Der spanische Erfolg, der sich mittlerweile in einer Spenderquote von knapp 47 je Million Einwohner niederschlägt, muss daher weit mehr und wichtigere Ursachen haben als die Widerspruchslösung. Das zeigt sich auch darin, dass mittlerweile die meisten europäischen Länder eine Widerspruchslösung eingeführt haben. Dennoch kommt mit Ausnahme Kroatiens kein Land in die Nähe der spanischen Zahlen.

Bessere Organisation und Kommunikation nötig

Der Aufstieg Spaniens zur Transplantationsnation Nummer eins begann 1989. Damals wurde die Organización Nacional de Trasplantes (ONT) ins Werk gesetzt. Sie etablierte das "Spanische Modell", dessen Schlüsselbegriff Organisation lautet. Dazu gehört eine dreistufige Transplantationskoordination auf Klinik-, regionaler und nationaler Ebene. Zu den strukturellen Maßnahmen zählt die kontinuierliche Prüfung der Fälle von Hirntoten auf Intensivstationen. Und es gibt rechtliche Regeln, zu denen die Widerspruchsregelung gehört.

Mit besserer Organisation und Kommunikation ließen sich die Spenderzahlen auch hierzulande erhöhen, Widerspruchslösung hin, Zustimmungs- oder Entscheidungslösung her. Erst im Juli sind die Ergebnisse einer bundesweiten Analyse aller vollstationären Behandlungsfälle erschienen ("Ärzte Zeitung" vom 9. Juli, S. 6). Hiernach ist etwa die Zahl der möglichen Organspender in Deutschland zwischen 2010 und 2015 um 13,9 Prozent gestiegen, von 23.937 auf 27.258. Im gleichen Zeitraum aber sank die Zahl der realisierten Organspenden von 1296 auf 877, also um fast ein Drittel.

Das Fazit der Forscher um Dr. Kevin Schulte vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel ist eindeutig: "Der Rückgang der postmortalen Organspenden ist mit einem Erkennungs- und Meldedefizit der Entnahmekrankenhäuser assoziiert. Gelingt es, diesen Prozess organisatorisch und politisch zu stärken, könnte die Zahl der gespendeten Organe erheblich gesteigert werden." Eine veränderte Einstellung der Betroffenen oder ihrer Angehörigen habe demgegenüber nur einen geringfügigen Einfluss.

Nur ein Gesetz allein führt nicht zu mehr Spenden

Wäre es gelungen, die Realisationsquote von 3,2 auf 10,2 Prozent zu steigern – eine Quote, die laut einer Analyse der Deutschen Stiftung Organtransplantation erreichbar wäre –, hätte allein das schon bewirkt, dass die Spendenquote 33,8 je Million Einwohner betragen hätte. Sie hätte damit rund dreimal so hoch gelegen wie für 2015 vermerkt.

Was die Widerspruchslösung betrifft, sollte man sich vielleicht noch einmal der Worte von Rafael Matesanz erinnern. Dieser ist gewissermaßen der Schöpfer des spanischen Modells und war bis zum vergangenen Jahr Direktor der ONT.

Schon vor Jahren riet er im Gespräch mit der Nachrichtenplattform "swissinfo" dazu, der Widerspruchslösung nur dort zu vertrauen, wo ein allgemeiner Konsens darüber herrsche. Sonst könne es sein, dass man das Gegenteil von dem bewirke, was man beabsichtige.

Wirklich bedauerlich also, dass die deutsche Diskussion sich derzeit so sehr um Widerspruch oder Zustimmung dreht. Der Streit darüber, wie Strukturen und Kommunikation zu verbessern wären, kommt dadurch in der Öffentlichkeit zu kurz. Dabei wären organisatorische Veränderungen dringend geboten. Matesanz hat das schon früh erkannt: "Es gibt keinen einzigen Fall auf der Welt, wo die Zahl der Spender allein durch eine Gesetzesänderung zugenommen hat."

 

So ist die Organspende in Spanien organisiert

Land bei Transplantationen europaweit führend

WB 10. September 2018

Madrid/Berlin(epd). Die Widerspruchslösung bei der Organspende, die auch in Deutschland viele Befürworter findet, ist nicht allein ausschlaggebend für die Spenderzahlen. Das zeigt ein Blick nach Spanien in ein ausgeklügeltes System, das vor allem die Kliniken in die Pflicht nimmt.

In Spanien wurde schon 1979 ein Transplantationsgesetz verabschiedet. Es regelte die Tätigkeiten zur Gewinnung und Verwendung der Organe und legte Qualitäts- und Sicherheitsanforderungen fest. Sie sind die Basis dafür, dass das staatliche Gesundheitssystem stringent auf Organspenden ausgerichtet ist.

Anders als in Deutschland gilt in Spanien die Widerspruchslösung. Das heißt, es wird davon ausgegangen, dass jeder zur Organspende bereit ist, es sei denn, er widerspricht zu Lebzeiten. Das geschieht bei einem Notar, oder die Bürger melden sich in einem staatlichen Register an. National zuständige Behörde für die Umsetzung ist die Organización Nacional de Trasplantes (ONT). Sie wurde 1989 gegründet und ist eine nachgeordnete Behörde des spanischen Gesundheitsministeriums. Die ONT sammelt alle Daten der Organspende- und Transplantationsaktivitäten, verwaltet die Warteliste für Empfänger, fördert die Ausbildung des medizinischen Personals und bietet eine 24-Stunden-Hotline für die Entnahmekrankenhäuser an. Sie ist zudem zuständig für die internationale Zusammenarbeit.

In den 17 Regionen Spaniens arbeiten unabhängige Koordinationsbüros. Sie sind die Verbindungsstelle zwischen den Entnahmekrankenhäusern, den regionalen Gesundheitsministerien und der ONT. Mitarbeiter dieser Büros beraten gemeinsam mit Mitgliedern der ONT zum Beispiel über künftige Ziele in der Ständigen Transplantationskommission.

Dritte Ebene sind die lokalen Transplantationskoordinatoren, meist Intensivmediziner, die in den 188 Krankenhäusern zum Einsatz kommen, in denen Organe entnommen werden. Sie sind eng mit den Koordinationsbüros der regionalen Ebene vernetzt. Größere Kliniken haben ein eigenes und damit eingespieltes Transplantationsteam, in den übrigen befindet sich ein spezialisierter Koordinator. Hauptaufgabe der Koordinatoren ist, Hirntote als mögliche Spender zu identifizieren. Dass in den meisten Krankenhäusern rund um die Uhr ein Koordinator vor Ort ist, wird als wichtiger Beitrag dazu gesehen.

Organisatorisch sind die Koordinatoren in das Leitungsteam der Krankenhäuser eingebunden, ihre Arbeitszeit für die Koordinierungsaufgaben wird vergütet. Nicht ohne Kritik bleibt eine spezielle Regelung in Spanien: Die Aufmerksamkeit des Personals, Menschen zu erkennen, die dem Tod entgegengehen und mögliche Organspender sein könnten, wird mit besonderen Pauschalen belohnt. Zudem führen die Koordinatoren die Gespräche mit Angehörigen über Organspenden. Offenbar mit Erfolg. Denn nach eigenen Angaben sagen 87 Prozent der Angehörigen in diesen Gesprächen ja zur Organentnahme.

Die Spenderzahlen in Spanien gingen zuletzt kontinuierlich nach oben. Sie stiegen von 1546 im Jahr 2005 auf 2183 im Jahr 2017. 2016 lag die Quote bei 46,9 Organspendern pro eine Million Einwohner – der Spitzenwert in Europa. Beatriz Domínguez-Gil, Direktorin der ONT, sieht den deutschen Rückstand bei den Organspendezahlen als eine Folge der »Struktur, der Prozessorganisation«. Sie rät zu Organisationsreformen: »Ein Land wie Deutschland muss da was tun.«

 

 

Vom Unfall bis zur Transplantation

So läuft eine Organspende ab

07.09.2018 - 21:54 Uhr

Zwischen dem Tod des Spender und dem neuen Leben des Empfängers liegen nur wenige Stunden.

Lesen Sie hier, wie eine Organspende abläuft.

 

 

 

Widerspruchslösung statt Freiwilligkeit

Organspende: Streit um den Spahn-Plan

5. September 2018

Hamburg -

Die Zahl der Organspenden ist in Deutschland 2017 auf einen Tiefpunkt

gesunken. Jeden Tag sterben im Schnitt drei Menschen, weil sie nicht

rechtzeitig ein passendes Organ bekommen. Deshalb hat

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn eine Widerspruchslösung  ins

Spiel gebracht: Jeder wird automatisch zum Spender – außer er

widerspricht ausdrücklich. In vielen anderen europäischen Ländern ist das

bereits so üblich. Doch Spahns Vorstoß hat eine heftige Debatte ausgelöst

– für die MOPO haben vier Menschen mit unterschiedlichen Ansichten

ihre Argumente für und gegen den "Spahn-Plan" dargelegt.

Idealfall für schwerkranke Patienten: Die Ärzteschaft fordert die Widerspruchslösung schon lange

Aus medizinischer Sicht, vor allem aber aus Sicht der vielen schwerkranken Patienten auf der Warteliste, wäre die Einführung einer Widerspruchslösung für die Organspende der Idealfall. Die Diskussion darüber muss aber mit großer Sensibilität und vor allem nicht nur in der Politik, sondern in der ganzen Gesellschaft geführt werden. Denn es geht um viele ethische, religiöse und auch rechtliche Fragen. Nichts wäre schädlicher, als wenn die Menschen weiter verunsichert werden und sich diesem wichtigen Thema komplett verschließen. Deshalb ist es richtig, dass Gesundheitsminister Jens Spahn hier nichts übers Knie bricht, sondern das Thema intensiv im Deutschen Bundestag beraten will.

Denn natürlich wäre es eine fundamentale Änderung, wenn aus der

Tatsache, dass sich jemand nicht äußert, ein „Ja“ abgeleitet wird. Deshalb

finde ich die jetzt diskutierte doppelte Widerspruchslösung so gut: Jeder

kann zu Lebzeiten ausdrücklich „Nein“ zur Organspende sagen, aber im

Todesfall müssten trotzdem die Angehörigen gefragt werden und könnten

den Eingriff ablehnen. Die Ärzteschaft fordert übrigens die

Widerspruchslösung schon lange – mehrere Deutsche Ärztetage haben

sich dafür ausgesprochen. Und in vielen Ländern Europas ist sie längt

Realität: Frankreich, Österreich, Italien und Spanien sind nur einige

davon.

Dabei kann die Widerspruchslösung nur ein Teil der Antwort auf die Frage sein, wie wir in Deutschland zu mehr Organspenden kommen, damit nicht mehr alle acht Stunden ein Mensch stirbt, der auf der Warteliste steht, für den aber kein passendes Organ gefunden wird.

Mindestens ebenso wichtig: die finanzielle und personelle Situation in den Krankenhäusern zu verbessern, die die Organe entnehmen. Die

Kliniken haben einen erheblichen Aufwand – sie brauchen ein

Intensivbett, müssen im OP die Organentnahme durchführen und die

Organe transportieren. Das alles ist teuer, und die momentane Vergütung

deckt nicht mal die Kosten. Auch hier will Spahn etwas ändern.

Ich bin froh, dass sich bei dem Thema etwas bewegt! Aber unabhängig davon, ob und wann es eine Widerspruchslösung geben wird, sollte sich schon heute jeder mit der Frage der Organspende beschäftigen und sich dabei auch fragen: Würde ich ein Organ annehmen, wenn es mein Leben retten würde? Und wünschte ich mir das auch für meine Familie und Freunde? Dann fällt es vielleicht leichter, sich einen Organspenderausweis zu besorgen.

Tiefer Eingriff in das Selbstverfügungsrecht: Bevor wir ein Grundrecht ändern, sollten wir lieber das Transplantationssystem reformieren

Zunächst einmal möchte ich festhalten, dass ich grundsätzlich für Organspenden bin. Ich trage selbst seit vielen Jahren einen Organspendeausweis bei mir. Dennoch halte ich die Widerspruchslösung für einen tiefen Eingriff in das Selbstverfügungsrecht über den eigenen Körper. Denn das Schweigen wird hier als Zustimmung in einem höchst persönlichen Bereich gewertet. Das ist nicht nur ethisch, sondern auch juristisch fragwürdig: Rein rechtlich bedeutet bis auf wenige Ausnahmen ein Schweigen – insbesondere bei so gewichtigen Entscheidungen – ein „Nein“.

Beim Für oder Wider Organspende geht es um einen verfassungsrechtlich

zentralen Bereich – da darf Schweigen nicht Zustimmung bedeuten. Hier

einen Paradigmenwechsel herbei zuführen, halte ich für gefährlich. Wir

haben doch gerade erst die Datenschutzgrundverordnung verabschiedet,

nach der man im Internet extra zustimmen muss, dass man mit der

Datenweitergabe einverstanden ist. Und ausgerechnet bei der

Widerspruchslösung wird das Prinzip genau umgedreht. Und das, obwohl

es sich doch um einen viel persönlicheren Eingriff auf der Schwelle von

Leben und Tod handelt!

Als Theologe ist es mir wichtig, dass wir bei der Organspende aus einem Akt der Nächstenliebe und Freiwilligkeit keinen Pflichtakt machen, bei dem man aktiv widersprechen muss. Wichtiger wäre es, dass in Deutschland durch Unregelmäßigkeiten und Skandale verloren gegangene Vertrauen in das Transplantationssystem wiederaufzubauen. Wir wissen aus anderen EU-Ländern, dass es vor allem die jeweiligen Organisationsverfahren sind, die die Spendezahlen verbessern und nicht die jeweils geltenden Widerspruchs- oder Zustimmungslösungen. Daran müssen wir also arbeiten, bevor wir solch einen schwerwiegenden Eingriff in die Freiheitsrechte vornehmen!

Wir müssen 1. die Transplantationszentren personell und finanziell besser ausrüsten und sie mit einem Organisationsmanagement für die Organspenden versehen. 2. Muss der gesetzlich vorgesehene Transplantationsbeauftragte tatsächlich für diese Aufgabe freigestellt werden und er muss unabhängig sein. Und 3. muss viel mehr zur Aufklärung der Bevölkerung getan werden, um den vielfach existierenden Ängsten im Hinblick auf den Todeszeitpunkt zu begegnen. Ich bin davon überzeugt, dass das hohe Gut der Integrität des menschlichen Körpers, der Selbstverfügung über den eigenen Körper, nicht aufgegeben werden darf, solange man wirtschaftlich und politisch noch so viel tun kann zur Verbesserung der Transplantationsverfahren in Deutschland.

Das Thema Organspende ist zu stark tabuisiert: Allein deshalb ist die Widerspruchslösung der richtige Weg

Auch wenn die Organtransplantation eine lebensrettende Therapiemaßnahme darstellt, rettet sie nirgendwo in Europa so wenig Leben wie in Deutschland. Das Warten auf ein Organ gerät für die Patienten in Deutschland zur tödlichen Falle. Im Durchschnitt sterben täglich 2,5 Patienten auf der Warteliste, weil das lebensrettende Organ fehlt, obwohl eine Transplantation ein nahezu normales Leben ermöglichen würde. In jedem europäischen Land gibt es mehr Spenderorgane pro Einwohner als in Deutschland. Der wesentliche Unterschied zu Deutschland besteht in der Widerspruchslösung: wer zu Lebzeiten der Organspende nicht widerspricht, gilt als Organspender. Es ist nicht naheliegend anzunehmen, dass das, was mittlerweile fast überall in Europa die Regel ist, vollkommen falsch ist.Bei allen ethischen Bedenken, die in Deutschland im Zusammenhang mit der Widerspruchslösung gerne ins Feld geführt werden, bleibt außer Betracht, dass gerade die derzeitige Situation erhebliche ethische Probleme mit sich bringt: Die Organknappheit nötigt Menschen zur Lebendspende (620 im Jahre 2017), nötigt Ärztinnen und Ärzte zur Transplantation suboptimaler Organe und führt in Deutschland zum zusätzlichen Import von Organen aus anderen europäischen Ländern. Von den 2.765 im vergangenen Jahr aus postmortalen Spenden transplantierten Organen wurden nur 2.594 Organe in Deutschland gespendet. Es wurden daher 171 Organe mehr importiert als exportiert. Diese Organe kamen auch aus Ländern, in denen die Widerspruchslösung gilt. Wir haben also keine Hemmungen, aus dem Ausland solche Organe zu importieren und führen dennoch diese Diskussion. Das ist äußerst scheinheilig.

In meiner Praxis als Transplantationsmediziner habe ich es immer wieder erlebt, dass Angehörige nach dem Tod eines nahestehenden Menschen vollkommen überfordert waren mit der Frage nach einer Organentnahme. Das Thema wird in Deutschland immer noch viel zu stark tabuisiert und ist mit zu vielen Ängsten behaftet. Allein deshalb ist die Widerspruchslösung der richtige Weg, denn für jeder Einzelnen wird dann die Beschäftigung mit diesem Thema zum Normalfall. Dies sollte als Beitrag zu einem sozialen und verantwortungsvollen Miteinander in einer modernen Gesellschaft selbstverständlich sein. Dabei bleibt die Freiheit der Selbstbestimmung unangetastet, da man sich jederzeit dem zugeschriebenen Organspenderstatus durch einfache Erklärung entziehen kann.

Die Erfahrungen fast aller europäischer Länder haben gezeigt, dass die Einführung der Widerspruchslösung das einzige Mittel ist, um die hohe Bereitschaft zur Organspende auch tatsächlich umzusetzen. Selbstverständlich reicht die Widerspruchslösung alleine nicht aus, aber sie ist eine notwendige Voraussetzung, um weitere Maßnahmen wirksam werden zu lassen, die zur Linderung der Organknappheit diskutiert werden müssen: Beseitigung finanzieller Hürden für meldende Krankenhäuser, Einrichtung eines Organspenderregisters, Aufwandsentschädigung für die Organspende (z.B. Bestattungskosten), verbesserte Absicherung von Lebendspendern und Ausweitung der Zulässigkeit der Lebendspende (Cross-over Spende, anonyme altruistische Spende). Das im Zusammenhang mit der Entscheidungslösung eingeführte regelmäßige Anschreiben der Krankenkassenmitglieder kostet nach Schätzung des Spitzenverbands der gesetzlichen Krankenkassen rund 30 Millionen Euro pro Jahr. Es ist naheliegend anzunehmen, dass dieses Geld für andere Maßnahmen wesentlich effektiver eingesetzt werden könnte.Auch wenn technologische Fortschritte wie artifizielle Organe oder unsichtbare Organe (=abstoßungsresistente Organe) die Organknappheit vermindern können, bleibt die Organspende unersetzbar. Die Rettung vor dem Tod auf der Warteliste kann nur mit Menschen, die zur Organspende bereit sind, und mit einer Politik, die dieses Thema mit Mut diskutiert, gelingen.

Organspenden sind ganz klar gut und wichtig: Unerlässlich ist aber die freie und aktive Zustimmung dazu

Wer für den Fall des eigenen Todes die Einwilligung zur Entnahme von Organen gibt, handelt ethisch verantwortlich, denn dadurch kann anderen Menschen geholfen werden“. Die Bereitschaft zur Organspende soll „als Ausdruck großherziger Solidarität gefördert“ werden. So steht es in kirchlichen Dokumenten. Sich als Organspender zur Verfügung zu stellen, ist eine sehr gute Tat. Aber es ist keine Pflicht. Auch keine Christenpflicht. Man darf die Organspende nicht einfach zu einer rechtlichen oder moralischen Pflicht machen.

Klar ist: es gibt einen großen Bedarf an Spenderorganen, und es gibt nur

wenige Spender. Mehr Spender für Organe werden sich nur finden lassen,

wenn die Menschen sicher davon ausgehen können, dass sie über die

Organspende freiwillig entscheiden können und keinerlei Zwang auf sie

ausgeübt wird. Menschen müssen sicher davon ausgehen können, dass sie

weder zu einer Spende noch überhaupt zu einer Entscheidung gezwungen

werden. Alles andere schürt Ängste. Deshalb brauchen wir in der

aktuellen politischen Debatte ein Höchstmaß an Transparenz über die

Freiwilligkeit.

Es geht dabei um die freiheitliche Selbstverantwortung und Selbstbestimmung des Menschen. Um sie zu schützen, ist für die Organspende die freie und informierte Zustimmung des Spenders unerlässlich. Nur die Zustimmungslösung garantiert, dass der Mensch sich aufgrund einer bewussten Willensbildung für eine Organspende entschieden hat. Nur durch die freie und bewusste Entscheidung bleibt die Würde des Spenders gewahrt.

Die Widerspruchslösung, wie sie Minister Spahn in die Diskussion

gebracht hat,erfüllt diese Voraussetzungen nicht. Fehlt es an einem

ausdrücklichen Widerspruch, bleibt unklar, ob diesem Sachverhalt

überhaupt eine Entscheidung zugrunde liegt. Weiter bleibt offen, ob ein

Betroffener hinreichend darüber informiert war, dass er ohne einen

Widerspruch zum Organspender wird. Und es gibt viele Situationen, die

es fraglich machen, ob er überhaupt die Möglichkeit hatte zu

widersprechen. Also: Organspenden sind ganz klar gut und wichtig.

Unerlässlich ist aber die freie und aktive Zustimmung dazu.

 

 

 

In einem Operationssaal des Zentralklinikums Augsburg wird eine Spenderorganentnahme an einem hirntoten Menschen durchgeführt. Der Sozialethiker Peter Dabrock hat das Plädoyer für eine Widerspruchslösung bei der Organspende scharf kritisiert.

Der Sozialethiker Peter Dabrock hat das Plädoyer von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) für eine Widerspruchslösung bei der Organspende scharf kritisiert.

 

Solch eine Regelung würde einen "fundamentalen Paradigmenwechsel" darstellen, sagte der Vorsitzende des Deutschen Ethikrats am Montag dem Evangelischen Pressedienst (epd) in Berlin. Die bisherige Organspenderegelung habe den Charakter von Freiwilligkeit und wohltätiger Solidarität mit Schwerkranken. Mit der Regelung, bei der jeder Spender sein soll, solange er nicht widerspricht, müsste man von "Organabgabepflicht" statt von "Organspende" sprechen, sagte Dabrock. 

Spahn hatte der "Bild"-Zeitung (Montag) gesagt, dass nur mit der Widerspruchslösung die Organspende zum Normalfall werden könne. Jeder Deutsche würde damit automatisch ein Spender sein, sofern er oder seine Angehörigen nicht ausdrücklich widersprechen. In Deutschland gilt bislang die sogenannte Entscheidungslösung, so dass eine Entnahme nur möglich ist, wenn eine Zustimmung vorliegt.

Menschlicher Körper würde zu einem Objekt staatlicher Sozialpflichtigkeit

Die Widerspruchslösung, die in anderen europäischen Ländern gilt, wurde in der Vergangenheit immer wieder in die Diskussion gebracht als Möglichkeit, die Organspendezahlen zu erhöhen. Dabrock hält den Befürwortern entgegen: "Eine solche Regelung würde den menschlichen Körper zu einem Objekt staatlicher Sozialpflichtigkeit machen." In diesem allerhöchst persönlichen Bereich eine Aussagepflicht zu verlangen, widerspreche dem Geist, mit dem Gesetzgeber und Gerichte bisher die Verfassung ausgelegt hätten. "Es wird als ein großer Fortschritt gefeiert, dass die Datenschutzgrundverordnung die ausdrückliche Zustimmung bei jeder Datenweitergabe fordert. Und nun wird debattiert, dass bei der Verwendung des eigenen Körpers über den Tod hinaus der Widerspruch leitend sein soll", sagte der Erlanger Theologieprofessor.

Dabrock begrüßte die in der vergangenen Woche vorgestellten Gesetzespläne Spahns zur besseren Vergütung der Organspende. Man müsse erst abwarten, ob diese Maßnahmen greifen, sagte der Vorsitzende des Ethikrates, der nach eigenen Worten selbst einen Organspendeausweis hat.

Auch Katholiken lehnen Widerspruchslösung ab

Auch der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, warnte vor der Widerspruchslösung. Sie würde das Vertrauen in das Transplantationssystem weiter schwächen.

Die katholische Kirche äußerte sich ebenfalls ablehnend. Wie die Deutsche Bischofskonferenz am Montag in Bonn mitteilte, hat sie erhebliche ethische Bedenken gegen die Widerspruchslösung. Außerdem zeige sich in anderen Ländern, dass allein die Umstellung auf die Widerspruchslösung nicht zu mehr Organtransplantationen führe. Auch beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) stieß Spahns Vorschlag auf Kritik.

EKD: Keine christliche Verpflichtung zur Organspende

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) erklärte, die Kirchen wollten auch weiterhin die Bereitschaft zur Organspende wecken und stärken. Eine christliche Verpflichtung zur Organspende gebe es jedoch nicht. Auch die Ablehnung einer Spende sei zu respektieren.

SPD-Vize-Fraktionschef Karl Lauterbach begrüßte dagegen Spahns Initiative. "Ich bin ein klarer Befürworter der Widerspruchslösung", sagte Lauterbach der in Düsseldorf erscheinenden "Rheinischen Post" (Dienstag). Es sei eine Schande, dass zurzeit so viele Menschen unnötig litten, weil keine Organe für sie vorhanden seien. Die niedrige Zahl von Organspendern in Deutschland nannte der SPD-Politiker eine "medizinische Tragödie".

Vorbild Spanien

Zustimmung kam auch von Bundestagsvizepräsident Thomas Oppermann (SPD). Er warb im Gespräch mit dem "RedaktionsNetzwerk Deutschland (Dienstag) für einen Systemwechsel. Oppermann sieht Spanien, in dem die Widerspruchslösung gilt, als Vorbild: "Es werden dort wesentlich mehr dringend benötigte Organe gespendet und transplantiert als in Deutschland."

Spahn sagte, er wolle keinen Gesetzentwurf zur Widerspruchslösung in den Bundestag einbringen. "Diese Diskussion sollten wir im Bundestag führen. Dort gehört das Thema hin", sagte Spahn der "Bild". Regierungssprecher Steffen Seibert sagte am Montag in Berlin, es sei wichtig, diese Frage im Parlament zu diskutieren. Dann werde sich auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) dazu positionieren.

In den europäischen Ländern ist die

Widerspruchslösung weit verbreitet. In einem Teil

dieser Staaten können sich allerdings Hinterbliebene

gegen eine Organentnahme aussprechen.

 

Quelle:

https://www.evangelisch.de/inhalte/152061/03-09-2018/ethikratsvorsitzender-haelt-widerspruchsloesung-fuer-organabgabepflicht

 

 

3. September 2018

Bundesgesundheitsminister Spahn hat sich für eine Widerspruchslösung bei Organspenden ausgesprochen.

Der CDU-Politiker sagte der "Bild"-Zeitung, nur so könne die Organspende zum Normalfall werden. Widerspruchslösung bedeutet, dass jeder Mensch automatisch als Spender gilt - außer er oder seine Angehörigen widersprechen. Dazu meinte Spahn, eine solche Regelung stellte zwar einen Eingriff des Staates in die Freiheit des Einzelnen dar. Doch seien alle bisherigen Versuche der Politik ohne Erfolg geblieben, die Zahl der Organspender zu steigern.

Diese hatte im vergangenen Jahr mit 797 einen Tiefpunkt erreicht. Nach Spahns Angaben warten derzeit rund 10.000 Menschen in Deutschland auf ein Spendeorgan. Der Minister hatte deshalb erst vor wenigen Tagen angekündigt, die strukturellen und finanziellen Voraussetzungen in den Krankenhäusern in diesem Bereich zu verbessern.

 

10.000 Spendeorgane in Deutschland benötigt

Wer nicht "Nein" sagt, wird Spender – Spahn fordert Organspende-

Debatte im Bundestag

Montag, 03.09.2018, 03:53

Um zu mehr Organspenden in Deutschland zu kommen, hat sich Bundesgesundheitsminister Jens Spahn für eine sogenannte doppelte Widerspruchslösung ausgesprochen. Dabei würde jeder automatisch als Organspender werden, außer er selbst widerspricht im Vorfeld. Auch die Angehörigen könnten sich dagegen entscheiden. "Nur so kann die Organspende zum Normalfall werden", sagte der CDU-Politiker der "Bild".

Bisher sind Entnahmen in Deutschland nur möglich, wenn jemand ausdrücklich zustimmt, etwa in einem Organspendeausweis. Eine Neuregelung stelle zwar einen Eingriff des Staates in die Freiheit des Einzelnen dar, sagte Spahn. Doch seien alle bisherigen Versuche der Politik, die Zahl der Organspender zu steigern, leider ohne Erfolg geblieben. "Deshalb brauchen wir eine breite gesellschaftliche Debatte über die Widerspruchslösung." Einen Gesetzentwurf werde er dazu nicht in den Bundestag einbringen, kündigte Spahn an und sprach sich zunächst für eine Diskussion zu dem Thema im Bundestag aus. Außerdem brauche es eine breite gesellschaftliche Debatte.

Zur Steigerung der Spendezahlen hatte Spahn bereits angekündigt, dass Transplantationsbeauftragte in Krankenhäusern mehr Zeit für diese Aufgabe bekommen und die Vergütung der Einrichtungen für den ganzen Prozess einer Organspende verbessert werden sollen.

Die Zahl der Organspender hatte nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation im vergangenen Jahr mit 797 einen Tiefpunkt erreicht. Im ersten Halbjahr 2018 gab es eine Zunahme. Ende August hatte Spahn gesagt, dass 10 000 Menschen in Deutschland auf ein Spendeorgan warten.

 

 

Halle (Saale)  

Aktionen für Organspende: Ehrung für Krankenhäuser

01.09.2018, 10:24 Uhr | dpa

 

Mit verschiedenen Veranstaltungen wie einer Plakataktion wird heute öffentlich auf das Thema Organspende in Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen aufmerksam gemacht. Wie die Organisatoren mitteilten, werden zudem im Stadthaus drei Krankenhäuser geehrt, die sich für das Thema besonders engagieren. In Sachsen-Anhalt ist es den Angaben zufolge das Universitätsklinikum Halle, in Thüringen die Zentralklinik Bad Berka und in Sachsen das Sana Klinikum Borna.

In den drei Ländern gab es nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO/Frankfurt/Main/Leipzig) in den ersten sieben Monaten dieses Jahres 94 Organspender. Im selben Vorjahreszeitraum gab es hier 49 Organspender. Nach Angaben des Sozialministeriums von Sachsen-Anhalt haben 2017 in Deutschland 769 Menschen ihre Organe gespendet.

Bundesweit gilt dabei eine sogenannte Entscheidungslösung. Das heißt, dass nur derjenige ein potenzieller Organspender ist, der ausdrücklich zustimmt und das im Organspendeausweis auch dokumentiert hat.

Zum Thema Organspende gibt es in Halle seit zehn Jahren einen "Park des Dankens, des Erinnerns und des Hoffens". Dieser wurde auf Initiative eines Vereins in Zusammenarbeit mit der Stadt angelegt. Die gepflanzten Bäume seien ein Symbol für die Erinnerung und den Dank an die verstorbenen Organspender. Zudem sollen sie ein Zeichen der Hoffnung für diejenigen Menschen sein, die derzeit auf eine Transplantation warten, wie die Initiatoren der mitteilten.

Anmerkung der Redaktion: Diese Nachricht der Deutschen Presse-Agentur (dpa) ist Teil eines automatisierten Angebots, das auf unserer Webseite ausgespielt wird. Weder der Inhalt noch die Rechtschreibung wurden durch die t-online.de-Redaktion geprüft. Die dpa arbeitet aber streng nach journalistischen Standards. Sollten Sie dennoch Fehler entdecken, freuen wir uns über eine Rückmeldung. Herzlichen Dank!

 

 

Politik

Gesetzentwurf zur Organspende: Mehr Geld und klarere Strukturen

Freitag, 31. August 2018

Berlin – Stringentere Organisationsstrukturen in den Krankenhäusern und eine verbesserte Vergütung der Leistungen der Kliniken rund um Organentnahme und Transplantation sollen die Zahl der Organspenden in Deutschland wieder erhöhen. Ein konkretes Maßnahmenpaket schnürte das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium jetzt mit seinem Entwurf zum Organspendegesetz (Gesetz für bessere Zusammenarbeit und bessere Strukturen bei der Organspende, GZSO), der dem Deutschen Ärzteblatt vorliegt.

Wir müssen alles versuchen, dass die Zahl der Organtransplantationen wieder steigt. Das sind wir den mehr als 10.000 Patienten schuldig, die in Deutschland auf Spenderorgane warten“, sagte Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU). Zwar hätten immer mehr Menschen inzwischen einen Organspendeausweis. Doch den Krankenhäusern fehle häufig Zeit und Geld, um Organspender zu identifizieren. „Genau da setzen wir an“, erklärte Spahn.

Der neue Gesetzentwurf zielt daher nicht auf eine Erhöhung der Spendenbereitschaft in der Bevölkerung. Stattdessen sollen mit den im Entwurf beschriebenen Maßnahmen die strukturellen und finanziellen Voraussetzungen in den Entnahmekrankenhäusern geschaffen werden, um die Organspendezahlen nachhaltig zu erhöhen. Bereits in ihrem Koalitionsvertrag hatten Union und SPD vereinbart, eine verbindliche Freistellungsregelung für Transplantationsbeauftragte sowie eine höhere Vergütung der Organentnahme zu etablieren.

Dies setzt der Gesetzentwurf jetzt um. Ihm zufolge sind verbindliche Vorgaben für die Freistellung der Transplantationsbeauftragten geplant, und zwar auf der Grundlage der Anzahl der Intensivbehandlungs- beziehungsweise Beatmungsbetten in den Entnahmekrankenhäusern. Es soll eine Personalstelle nur für das Thema Organspende pro 100 Intensivbehandlungs- beziehungsweise Beatmungsbetten geben. Hat ein Entnahmekrankenhaus mehr als eine Intensivstation, soll für jede dieser Stationen mindestens ein Transplantationsbeauftragter bestellt werden, deren Freistellung dann anteilig erfolgen soll.

Neben den Stellenvorgaben soll auch die Rolle und die Wertschätzung der Transplantationsbeauftragten in den Kliniken generell deutlich gestärkt werden. Im Einzelnen sollen die Transplantationsbeauftragten künftig dazu ein Zugangsrecht zu den Intensivstationen erhalten und regelmäßig hinzugezogen werden, wenn Patienten nach ärztlicher Beurteilung als Organspender in Betracht kommen. Auch sollen sie uneingeschränkt Einsicht in die Patientenakten nehmen und verantwortlich die klinikinternen verbindlichen Verfahrensanweisungen erstellen können. Zudem sollen sie für eine fachspezifische Fort- und Weiterbildung freigestellt werden, deren Kosten die Kliniken tragen.

Für die Entnahmekrankenhäuser soll Organspende nicht länger ein Verlustgeschäft sein. Künftig ist angedacht, sie für alle mit einer Organentnahme im Zusammenhang stehenden Leistungen besser zu bezahlen. Geplant sind drei Maßnahmen: Erstens soll es eine Grundpauschale für die Leistungen geben, die Entnahmekliniken vor der Spendermeldung erbringen – einschließlich der Leistungen im Zusammenhang mit der Feststellung des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls.

Zweitens sieht der Entwurf weitere Pauschalen für die intensivmedizinische Versorgung und die Leistungen bei der Organentnahme durch die gesetzlichen Krankenkassen vor, die durch die Deutsche Krankenhausgesellschaft und die Bundes­ärzte­kammer festgelegt werden. Drittens soll es noch einen Ausgleichszuschlag geben, mit dem nicht messbare Faktoren im Zusammenhang mit dem Prozess einer Organspende gedeckt werden können, beispielsweise die Inanspruchnahme der notwendigen Infrastruktur. Insgesamt sollen die Entnahmekrankenhäuser so mit dem dreifachen Betrag der in den geltenden DRG-Pauschalen kalkulierten Kosten ausgestattet werden.

Damit auch kleinere Kliniken Organentnahmen durchführen können, sollen sie von qualifizierten Ärzteteams unterstützt werden. Bundesweit ist geplant, einen neurologischen konsiliarärztlichen Bereitschaftsdienst einzurichten. Der soll helfen, einen „nicht behebbaren Ausfall der Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms“ festzustellen, der die Voraussetzung für eine Organentnahme ist. Zudem soll es dem Entwurf zufolge in allen Entnahmekliniken klare und nachvollziehbare Abläufe und Zuständigkeiten geben. Dafür müssen die Kliniken künftig verbindliche Verfahrensanweisungen für den gesamten Prozess der Organspende erarbeiten.

Um zu sehen, ob die Kliniken tatsächlich die Chancen für Organspenden wahrnehmen, soll es ferner ein flächendeckendes Berichtssystem zur Qualitätssicherung bei der Spendererkennung und Spendermeldung geben. Die Kliniken würden dann verpflichtet, anonymisierte Daten an die Koordinierungsstelle zu übermitteln, die eine retrospektive Analyse aller Todesfälle mit primärer und sekundärer Hirnschädigung ermöglichen. Auch die Gründe für eine nicht erfolgte Feststellung des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls sollen bewertet werden. Ausgewertet werden sollen die Daten von der Koordinierungsstelle. Die Ergebnisse sollen dann den jeweiligen Entnahmekrankenhäusern und den zuständigen Landesbehörden zur Verfügung gestellt und veröffentlicht werden.

Die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) soll als Koordinierungsstelle Kliniken und deren Transplantationsbeauftragte bei der Auswertung der Todesfälle mit primärer und sekundärer Hirnschädigung und bei der Verbesserung krankenhausinterner Abläufe im Organspendeprozess beraten. Auch ihr Anliegen ist es seit Längerem, die organisatorischen Schwachstellen an den Kliniken zu beseitigen. Bereits bei ihrem Jahreskongress im vergangenen November mahnte sie einen Initiativplan mit klar definierten Handlungsschritten an und begründete die sinkenden Organspendezahlen unter anderem mit den Defiziten in den Kliniken. 

Die Spenderrealisierung unterscheidet sich deutlich zwischen einzelnen Häusern. Dies zeigt, dass es noch Luft nach oben gibt“, sagte Axel Rahmel, Medizinischer Vorstand der DSO, bereits bei einer gemeinsamen Sondersitzung der Ständigen Kommission Organtransplantation (StäKo) Ende Juni in Berlin. Geld allein löse sicher keine Wende in der Organspende aus, sei aber ein wichtiger Baustein, betonte er.

Dies untermauerte Thorsten Feldkamp vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel, mit Zahlen. Allein zwischen den deutschen Universitätskliniken (A-Krankenhäuser) unterscheide sich die Anzahl der Organspendemeldungen an die DSO um den Faktor 20, erklärte er. Bemerkenswert sei zudem, dass zwischen 2010 und 2017 die Zahl der potenziellen Organspender zwar um 13,9 Prozent gestiegen, die Zahl der realisierten Organspenden jedoch um 32,3 Prozent gesunken sei (Dtsch Arztebl Int 2018; 115: 463–8). Feldkamp ist sich sicher: „Strukturelle Veränderungen an den Kliniken können künftig zu einer enormen Verbesserung der Organspende führen.“

Der Präsident der Bundes­ärzte­kammer (BÄK), Frank Ulrich Montgomery, bezeichnete den Entwurf heute als „gute Nachricht für die Menschen auf den Wartelisten“. „Es ist höchste Zeit, dass der Gesetzgeber endlich die strukturellen Hürden beseitigt, die für die niedrigen Organspendezahlen verantwortlich sind“, erklärte er. Bisher blieben die Krankenhäuser häufig auf den Entnahmekosten sitzen. Daher sei es besonders wichtig, dass die Organentnahme in Zukunft ausreichend finanziert werden solle. Er betonte, dass der Gesetzgeber mit den neuen Vergütungsregeln eine zentrale Forderung der Ärzteschaft aufgreift.

Ähnlich bewertet Montgomery die geplante Stärkung der Transplantationsbeauftragten. „Wir begrüßen die bundeseinheitliche Freistellungsregelung. Sie kann Transplantationsbeauftragten dabei helfen, sich voll auf ihre Aufgabe zu konzentrieren. Auch dafür hat die Ärzteschaft schon lange gekämpft“, erklärte der BÄK-Präsident. Die Bundes­ärzte­kammer werde den Entwurf nun im Detail analysieren, um gemeinsam mit der Politik weitere Verbesserungen zu erreichen. „Das sind wir den mehr als 10.000 Menschen schuldig, die in Deutschland dringend ein Spenderorgan benötigen“, so Montgomery.

Eine bundesweite Repräsentativbefragung, die die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) im Juni vorstellte, zeigte eine hohe Spendenbereitschaft der Bevölkerung. 84 Prozent der von November 2017 bis Februar 2018 befragten 4.000 Bürgerinnen und Bürger im Alter von 14 bis 75 Jahren gaben eine positive Einstellung zum Thema Organ- und Gewebespende an. Trotzdem sank im vergangenen Jahr die Zahl der Organspender auf den niedrigsten Stand seit 20 Jahren. Bundesweit gab es nur 797 Spender, 60 weniger als im Jahr zuvor. Die Zahl der gespendeten Organe ging um 9,5 Prozent auf 2.594 zurück. © kna/afp/aerzteblatt.de

 

 

Rheinische Post: Kommentar: Leben retten mit Organspende

Rheinische Post

Freitag der 31. August 2018 - 0:00 Uhr

Düsseldorf (ots) - Die Vertrauenskrise nach dem großen Organspendenskandal

ist zum Glück ausgestanden. Mehr Menschen sind wieder bereit, sich im

Todesfall ihre Organe entnehmen zu lassen, um anderen Menschen das Leben

zu retten. Allerdings lassen die Kliniken zu oft Chancen verstreichen, eine

Organspende auf den Weg zu bringen. Die Gründe sind vielfältig: Zu wenig

Personal, anstrengende Gespräche mit den Angehörigen, eine zu geringe

Vergütung für den Aufwand. Das von Gesundheitsminister Jens Spahn

geplante Gesetz kann die organisatorischen Grundlagen verbessern.

Danach wird man abermals auf die Frage schauen müssen, ob es genug

Organspender gibt. Die Bereitschaft zur Organspende ist eine zutiefst

persönliche Frage, die jeder aus freien Stücken entscheiden können sollte. Um

mehr Menschen zu einer Entscheidung zu bringen, muss es nicht zu einer

Widerspruchslösung kommen, wonach man zu Lebzeiten widersprechen muss,

wenn man für Organspende nicht zu Verfügung steht. Besser sollten die

Krankenkassen die Versicherten anschreiben mit der Aufforderung, eine

Entscheidung für oder gegen eine Organspende zu treffen. Wer sich mit dem

Thema nicht beschäftigen möchte, dem sollte diese Freiheit erhalten bleiben.

Pressekontakt: Rheinische Post Redaktion Telefon: (0211) 505-2621

 

 

 

Rheinische Post: Gesetzentwurf zur Organspende: Bessere

Organisation, mehr Geld

Rheinische Post

Freitag der 31. August 2018 - 0:00 Uhr

Düsseldorf (ots) - Mit klaren Organisationsstrukturen und einer besseren

Vergütung für die Kliniken will Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) die Zahl

der Organspenden in Deutschland erhöhen. Dies geht aus einem

Gesetzentwurf des Bundesgesundheitsministeriums hervor, der der

Düsseldorfer "Rheinischen Post" (Freitag) vorliegt. Mit der Neuregelung

würden "die strukturellen und finanziellen Voraussetzungen in den

Entnahmekrankenhäusern geschaffen, um die Organspendezahlen nachhaltig

zu erhöhen", heißt es im Gesetzentwurf. Die Transplantationsbeauftragten in

den Kliniken sollen mehr Zeit für ihre Arbeit und intern eine stärkere Stellung

erhalten, die Entnahmekrankenhäuser sollen für die Organspenden und für das

Vorhalten der Infrastruktur besser bezahlt werden. Schließlich soll ein

flächendeckendes Berichtssystem offenlegen, ob die Kliniken tatsächlich die

Chancen für Organspenden auch wahrnehmen. Das Hauptproblem sei nicht die

Spendenbereitschaft. "Ein entscheidender Schlüssel liegt vielmehr bei den

Kliniken. Ihnen fehlen häufig Zeit und Geld, um mögliche Organspender zu

identifizieren",  heißt es aus dem Ministerium. "Zunehmende

Arbeitsverdichtung im klinischen Alltag auf den Intensivstationen und die

fehlende Routine führen dazu, dass die Gemeinschaftsaufgabe Organspende

nicht wahrgenommen wird", beschreibt der Gesetzentwurf die Problemlage.

Auch kleine Krankenhäuser sollen Organe bei Verstorbenen entnehmen

können. Damit eine Organspende überhaupt möglich ist, muss der "nicht

behebbare Ausfall der Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des

Hirnstamms festgestellt werden". Damit dieser Befund auch in kleineren

Kliniken festgestellt werden kann, sieht Spahns Gesetzentwurf einen

bundesweiten beratenden neurologischen Bereitschaftsdienst vor.

Pressekontakt: Rheinische Post Redaktion Telefon: (0211) 505-2621

 

 

 

Patientenschützer lehnt Widerspruchslösung bei Organspende ab

Per 24matins.de mit AFP,  veröffentlich am 24 August 2018 um 14h01.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz hat sich gegen die Einführung einer Widerspruchslösung bei der Organspende ausgesprochen. Zwar sei eine Neuausrichtung des Transplantationssystems überfällig, sagte Stiftungsvorstand Eugen Brysch dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND, Samstagsausgaben). “Aber die Widerspruchslösung ist hier der falsche Weg.” Brysch meldete verfassungsrechtliche Bedenken an.

 

 

Der Patientenschützer reagierte damit auf einen Vorstoß aus der Unionsfraktion. In einem Positionspapier schlägt Fraktionsvize Georg Nüßlein (CSU) eine “doppelte Widerspruchslösung” vor. Danach soll grundsätzlich jeder ein potenzieller Spender sein – es sei denn, er legt Widerspruch dagegen ein. Auch Angehörige sollen im Ernstfall ein Veto einlegen können, berichten die RND-Zeitungen von Freitag. Bislang sind Organentnahmen nur bei ausdrücklicher Zustimmung möglich.

Brysch hob hervor, das Recht auf Selbstbestimmung sei eines der höchsten Güter im Grundgesetz. “Schweigen heißt nicht Zustimmung. Jede Spende ist eine freiwillige und bewusste Entscheidung”, sagte er RND. Eine Organspende sei “ethisch besonders wertvoll”. Es sei jedoch Zeit, dass der Gesetzgeber Verantwortung übernehme. Brysch forderte, das System in staatliche Hände zu legen. So müsse der Bundestag die Regeln und Verteilungskriterien verbindlich festlegen.

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat für den Herbst eine Gesetzesinitiative zur Organspende angekündigt. In seinem Positionspapier fordert Nüsslein auch eine Umsetzung und Verbesserung der vorhandenen gesetzlichen Möglichkeiten. So müssten die Transplantationsbeauftragten in Kliniken “ab einer gewissen Größe” der Häuser von Routineaufgaben freigestellt werden. Die Kliniken sollten zudem höhere Vergütungen für Organentnahmen erhalten – ebenso wie Ärzte für die Identifikation potenzieller Spender.

Der CSU-Politiker fordert darüber hinaus eine neue Kampagne, um die Bevölkerung zu Fragen der Organspende zu informieren. Problematisch sei auch, dass Ärzte in Krankenhäusern in Notfallsituationen oft nicht wüssten, ob sie es mit einem potenziellen Organspender zu hätten. “Ein zentrales Register, das alle Personen aufführt, die bereit sind, Organe zu spenden, könnte hier Abhilfe schaffen" , sagte Nüßlein. Auch ein entsprechender Vermerk auf dem Personalausweis sei denkbar.


 

Unionspolitiker fordert Neuausrichtung der Organspende

Freitag, 24. August 2018


Berlin – Für eine grundlegende Neuausrichtung der Organspende in Deutschland hat sich der stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion, Georg Nüßlein (CSU), aus­gesprochen. Wie das Redaktionsnetzwerk Deutschland, fordert der CSU-Politiker in einem Positionspapier die Einführung einer Widerspruchslösung. Abweichend von der bisherigen Praxis, wonach Organentnahmen nur bei ausdrücklicher Zustimmung möglich sind, soll demnach grundsätzlich jeder Bundesbürger ein potenzieller Spender sein – außer bei ausdrücklichem Widerspruch.

Nüßlein spricht dabei von einer „doppelten Widerspruchslösung“, wonach sowohl der Verstorbene zu Lebzeiten als auch dessen Angehörige einer Organentnahme widersprechen können. Hintergrund der Forderung ist ein beständiger Rückgang der Zahl der Organspenden in Deutschland. Sie hatten im vergangenen Jahr einen Tiefpunkt erreicht. Deutschland liegt damit im europäischen Vergleich weit hinten.

Die Poltik muss Lösungen finden

Der Rückgang der gespendeten Organe um 9,5 Prozent im vergangenen Jahr sei „mit Sorge zu betrachten“, schreibt Nüßlein. „Die Politik ist – auch mit Blick auf unsere christliche Verantwortung für den Schutz und Erhalt des Lebens – dazu aufgerufen, hier Lösungen zu finden.“ Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) hat für den Herbst eine Gesetzesinitiative zur Organspende angekündigt. Zur Widerspruchslösung legte er sich bislang noch nicht konkret fest.

Nüßlein will auch die Prozesse in der Transplantationsmedizin verbessern. So müssten die Transplantationsbeauftragten in Krankenhäusern „ab einer gewissen Größe“ von Routineaufgaben freigestellt werden. Die Kliniken sollten zudem höhere Vergütungen für Organentnahmen erhalten – ebenso wie Ärzte für die Identifikation potenzieller Spender. Zudem spricht sich Nüßlein für mobile Expertenteams zur Feststellung des Hirntods aus. Kleinere Kliniken hätten diese Expertise nicht, so Nüßlein.

Der CSU-Politiker fordert darüber hinaus eine neue Kampagne, um die Bevölkerung zu Fragen der Organspende zu informieren. Problematisch sei auch, dass Ärzte in Krankenhäusern in Notfallsituationen oft nicht wüssten, ob sie es mit einem potenziellen Organspender zu tun hätten. „Ein zentrales Register, das alle Personen aufführt, die bereit sind, Organe zu spenden, könnte hier Abhilfe schaffen“, so Nüßlein. Auch ein entsprechender Vermerk auf dem Personalausweis sei denkbar.

Die Grünen-Politikerin Kirsten Kappert-Gonther, Mitglied im Ausschuss für Gesundheit, betonte heute, die Widerspruchslösung sei „ein tiefgreifender Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht“. Nach aktueller Datenlage wäre gar nicht gesichert, dass dadurch die Zahl der Spenderorgane steige. Sie wies darauf hin, dass Nüßleins Vorstoß sich auch gegen die Position von Gesundheitspolitikern der Unionsfraktion richte, die „ebenfalls Zweifel“ hätten, so Kappert-Gonther.

Ihrer Meinung nach müssten die Abläufe in den Kliniken so verbessert werden, dass Organspender rechtzeitig erkannt werden. Dafür müssen die Transplantationsbeauftragten deutlicher als bisher von ihren sonstigen Pflichten freigestellt werden. Auch müsse die Entschädigung der Kliniken für Organspenden so verbessert werden, dass sie zumindest die entstehenden Kosten deckten. Darüber hinaus gehöre das Thema Organspende in die Curricula der ärztlichen Ausbildung. © kna/aerzteblatt.de


 

 

Ärzte Zeitung online, 21.08.2018

Organspenden

Nordhein-Westfalen will Kliniken stärker in die Pflicht nehmen

KÖLN. Die nordrhein-westfälischen Parlamentarier wollen dem Rückgang der Organspenderzahlen im bevölkerungsreichsten Bundesland nicht länger tatenlos zusehen. Der Gesundheitsausschuss des Düsseldorfer Landtags hat einstimmig einem Gesetzesentwurf der schwarz-gelben Landesregierung zu einer Novelle des Transplantationsgesetzes zugestimmt.

Mit dem Gesetz werden die Kliniken bei der Organspende stärker in die Pflicht genommen, die Häuser sollen mehr potenzielle Spender identifizieren.

Der Gesetzentwurf sieht vor, dass die Todesfälle mit primärer oder sekundärer Hirnschädigung von den Krankenhäusern regelmäßig dokumentiert und an die Transplantations-Koordinierungsstelle oder die zuständigen Behörden gemeldet werden.

Künftig soll die Rolle der Transplantationsbeauftragten in den Krankenhäusern gestärkt werden. Die Politik will die Klinikträger verpflichten, sich bei ihnen aktiv über den Stand der Organspende zu informieren und sich beraten zu lassen.

Darüber hinaus regelt der Gesetzentwurf auch den Umfang der Freistellung der Transplantationsbeauftragten. Er richtet sich nach einem abgestuften System, das auf die Zahl der Intensivbetten in der jeweiligen Klinik abstellt.

In großen Einheiten wie etwa Transplantationszentren werden die Beauftragten künftig vollständig von anderen Aufgaben freigestellt. (iss)

 

 

 

 

Ärzte Zeitung online, 21.08.2018

Widerspruchslösung

Erfolgreiche Online-Petition

BERLIN. Eine Onlinepetition zur Einführung der Widerspruchslösung bei Organspenden haben über 80.000 Menschen gezeichnet. Die Unterschriften sind am Dienstag im Bundesgesundheitsministerium (BMG) übergeben worden.

 Der Ministerialrat im BMG, Markus Algermissen, wollte sich nach Angaben der Initiatoren zwei Stunden Zeit nehmen, um sich die Argumente für eine entsprechende Änderung des Transplantationsgesetzes anzuhören.

Die Initiatoren, selbst Betroffene, erhoffen sich von der Widerspruchslösung eine höhere Zahl an Organspendenund eine kürzere Wartezeit auf eine Transplantation. (chb)

 

 

Beim Thema Organspende gehört Schleswig-Holstein im Ländervergleich weiterhin zu den Schlusslichtern in Deutschland. Zwar nahm die Zahl der gespendeten Organe im ersten Halbjahr gegenüber dem gleichen Vorjahreszeitraum von 39 auf 45 zu. Doch nur drei Länder (Bremen, Rheinland-Pfalz, Saarland) haben noch niedrigere Zahlen, wie aus Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation weiter hervorgeht. Die Zahl der Organspender stieg im nördlichsten Bundesland von 11 auf 13.

Nur Bremen und das Saarland hatten weniger.

Die Zahl der Organübertragungen erhöhte sich in Schleswig-Holstein um einen Fall auf 56. In Deutschland insgesamt gab es eine Zunahme der Transplantationen von 1410 auf 1623. Für die Stiftung Organtransplantation steht mittlerweile nicht mehr eine angeblich mangelnde Spendenbereitschaft der Bevölkerung im Mittelpunkt der Diskussion, sondern die Forderung nach besseren Strukturen und Rahmenbedingungen für die Krankenhäuser. Dazu gehörten klar definierte Rechte und Pflichten für Transplantationsbeauftragte ebenso wie eine dem Aufwand entsprechende Vergütung der sogenannten Entnahmekrankenhäuser. In denen würden mögliche Organspender immer seltener erkannt und gemeldet. Dies habe eine deutschlandweite Untersuchung für die Jahre 2010 bis 2015 gezeigt.

 

Wieder mehr Organspenden: MV an der Spitze

 

Die Zahl der Organspenden hat in Mecklenburg-Vorpommern nach einem Rückgang

wieder zugenommen. Im ersten Halbjahr 2018 registrierte die Deutsche Stiftung

Organtransplantation (DSO) für das Land 67 gespendete Organe von 20 Spendern. Im

ersten Halbjahr 2017 waren es nur 41 Organe von 13 Spendern, wie aus einer Statistik

der Stiftung hervorgeht. Auch bundesweit stiegen die Zahlen nach einem steten

Rückgang und einem Tiefpunkt 2017 in diesem Jahr wieder an.

Mecklenburg-Vorpommern lag trotz der niedrigeren Spendenzahl im vergangenen Jahr

im Bundesvergleich weiterhin an der Spitze. 2017 spendeten im Land 27 Menschen nach

ihrem Tod ein Organ. Das ist früheren Angaben des Gesundheitsministeriums zufolge

eine Quote von 16,8 Spendern je einer Million Einwohner. Bundesweit lag die Quote bei

9,7 Spendern.

Quelle: https://www.svz.de/20746817 ©2018

 

Vorarlberg heute 18.08.2018

 

Ärzte: Kein Promi-Bonus bei Transplantationen

Seit der Lungentransplantation von Formel 1-Legende Niki Lauda gibt es wieder Diskussionen zum Thema Organspenden. Die Frage, die sich viele stellen: Wie funktioniert eine Transplantation in Österreich?

In Österreich ist jeder Hirntote ein potenzieller Organspender. Hirntote sind in der Regel Unfallopfer, aber auch Schlaganfallpatienten. Das tatsächliche Alter spielt eine geringere Rolle als das biologische. Wichtig sei, dass die Organe gesund sind, sagt Peter Cerkl, Primar der Pulmologie in Hohenems. Er ist froh darüber, dass in Österreich grundsätzlich jeder als Organspender in Frage kommt: „Wobei es natürlich schon so ist, dass mit den Verwandten Gespräche geführt werden, bevor man Transplantate entnimmt.

Nur wenige Ausnahmen

Deutschland hat bekanntlich einen anderen Zugang zum Thema: Organspender ist nur, wer einen entsprechenden Spenderausweis hat. Aber auch in Österreich gibt es die Möglichkeit, nicht als Spender in Betracht zu kommen. Dafür muss man sich beim Widerspruchsregister in Wien melden. „Das macht aber nur ein ganz, ganz geringer Anteil der Bevölkerung, das sind 30.000 bis 40.000 Leute“, sagt Karl Lhotta, Primar der Nierenabteilung am Landeskrankenhaus Feldkirch.

Transplantiert werden können die Organe: Niere, Leber, Herz, Lunge, Bauchspeicheldrüse und Därme. Die Wartelisten sind unterschiedlich lang. Wer ein Organ bekommt, hängt nicht von Geld oder Status ab, sagt Lhotta. „Es hat überhaupt nichts damit zu tun, ob jemand Promi ist oder nicht. Jeder in Österreich wird in den Genuss dieser raschen Transplantation kommen, wenn unmittelbare Lebensgefahr besteht.“ Transplantationspatienten müssen ihr Leben lang engmaschig in Spezialzentren beobachtet werden und Medikamente einnehmen.

 

 

 

Ärzte Zeitung online, 14.08.2018

Politik

Bundesgesund­heitsministerium macht Kliniken für Rückgang der Organspenden mitverantwortlich

Mainz/Berlin – Das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) macht die Krankenhäuser in Deutschland mitverantwortlich für die geringe Zahl von Organspenden. Das geht aus einem Bericht des ARD-Magazins Report Mainz hervor. Das Ministerium teilte dem­nach auf Anfrage mit, dass unter anderem „strukturelle und organisatorische Schwachstellen“ sowie „Arbeitsverdichtungen“ in den Kliniken zur rückläufigen Zahl von Organentnahmen führten.

Das BMG wies den Angaben zufolge darauf hin, dass auch eine „unzureichende Vergütung“ der Organentnahme für Kliniken eine Ursache für die sinkenden Spenderzahlen sei. Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) werde daher bis Herbst einen Gesetzentwurf vorlegen. Ziel sei es, „eine verbesserte Vergütung für Organentnahmen und eine Verbesserung der Situation der Transplantations­beauftragten“ in den Krankenhäusern zu erreichen.

 

DKG weist Verantwortung von sich

Der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Georg Baum, wies die Kritik im Report-Mainz-Bericht zurück. „Wir sehen nicht, dass die Kliniken das Problem sind. Die Kliniken sind seit Jahren sehr engagiert“, sagte er. Er könne nicht beobachten, dass Krankenhäuser aufgrund der Lasten der Aufwendungen, die mit Spendenprozessen verbunden seien, sich aus dem Spenderengagement zurückzögen.

Auf die Frage, ob es auch an einer unzureichenden Vergütung für Organentnahmen liege, dass zu wenige Organspenden realisiert würden, antwortete Baum: „Die Kliniken engagieren sich für die Organspende, um Menschen zu helfen. Das Geld spielt nicht die Rolle, die in der Diskussion vielleicht manchmal aufgerufen wird.“

Die Kaufmännische Direktorin der Uniklinik Heidelberg, Irmtraut Gürkan, bestätigte indes, dass Organentnahmen für Kliniken ein Kostenfaktor sind. „Die Organentnahme ist ein Minusgeschäft“, sagte Gürkan. Sie erhielten heute für eine Organentnahme einen Pauschalbetrag zwischen 500 Euro und 5.000 Euro. 500 Euro würden gezahlt, wenn eine Organentnahme nicht erfolgen könne oder abgebrochen werden müsse. 5.000 Euro sei der Betrag für eine Entnahme mehrerer Organe. Das reiche nicht aus, so die Expertin.

Die Grünen mahnten heute an, dass mögliche Organspender besser erkannt und gemeldet werden. „Wir müssen Transplantationsbeauftragten in den Kliniken den Rücken frei halten, damit sie ihre Aufgabe auch wirklich wahrnehmen können“, sagte Kirsten Kappert-Gonther, Grünen-Sprecherin für Gesund­heits­förder­ung. Diese wichtige Aufgabe könne niemand im Klinikalltag einfach nebenher machen. Daher müssten Transplantationsbeauftragte einen gesetzlichen Anspruch darauf haben, in geeignetem Umfang von anderen dienstlichen Verpflichtungen freigestellt zu werden.

Meldewege verbessern

Kappert-Gonther schlug zudem vor, die Transparenz des Organspendesystems zu erhöhen und die Information über Meldewege zu verbessern. Das Wissen um Erkennen und Melden potenzieller Organspender gehöre in die medizinische Ausbildung, sagte sie. Darüber hinaus sollten Ärzte und Bevölkerung mehr Vertrauen in die Transplantations­medizin aufbauen können. Dafür sei eine „stärkere staatliche Kontrolle der Transplantationszentren ebenso notwendig wie eine angstfreie Kommunikation zwischen den Beteiligten auch über Unsicherheiten und Probleme“.

2017 war die Zahl der Organspender in Deutschland auf den niedrigsten Stand seit 20 Jahren gesunken: Bundesweit gab es nur 797 Spender. Allerdings sind die Zahlen im 1. Halbjahr des laufenden Jahres laufenden Jahres angestiegen, wie Zahlen der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) zegien. Demnach gab es von Januar bis zum 10. Juli 2018 484 Organspender. Im 1. Halbjahr 2017 war mit 412 Organspendern ein Tiefststand in den vergangenen Jahren erreicht worden. Im 1. Halbjahr 2012 lag die Zahl der Organspender noch bei 562.

Der Anstieg der Spenderzahlen hat auch zu mehr gespendeten Organen geführt. Laut DSO wurden im 1. Halbjahr 2018 1.577 Organe entnommen und in Deutschland sowie im Ausland transplantiert. Im gleichen Zeitraum 2017 waren es 1.331 und 2016 1.397. Die Zahl der transplantierten Organe stieg zwischen Januar und Juli 2018 auf 1.624 – ohne Transplantationen nach Lebendspende und ohne Dominotransplantationen. Im 1. Halbjahr 2017 wurden noch 1.410 Organe transplantiert und im gleichen Zeitraum 2016 waren es 1.448.

Die aktuellen Zahlen sind eine Momentaufnahme, die nicht darüber hinwegtäuschen darf, dass den Diskussionen jetzt strukturelle Veränderungen folgen müssen“, kommentierte Axel Rahmel, Medizinischer Vorstand der DSO, die Zahlen im Juli. © may/kna/aerzteblatt.de

 

 

 

14.08.2018

 

Das Bundesgesundheitsministerium beklagt rückläufige Zahlen bei Organspenden in Krankenhäusern. Das hat mehrere Gründe. Ein Rechenbeispiel aus Heidelberg.

Vor allem "strukturelle und organisatorische Schwachstellen", "Arbeitsverdichtung" und eine unzureichende Vergütung der Organentnahme für Kliniken führen laut Ansicht des Bundesgesundheitsministeriums dazu, dass die Zahl von Organspendern in Deutschland zurückgeht.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) werde daher bis Herbst einen Gesetzentwurf vorlegen, mit dem "eine verbesserte Vergütung für Organentnahmen und eine Verbesserung der Situation der Transplantationsbeauftragten" in den Krankenhäusern erreicht werden soll. Mit den geplanten gesetzlichen Änderungen sollten "die Strukturen in den Krankenhäusern nachhaltig zugunsten der Organspende verbessert werden", so das Ministerium.

Beträge bisher nicht ausreichend

Anfragen des ARD-Politmagazins REPORT MAINZ an Kliniken bestätigen dies. So teilte die Kaufmännische Direktorin des Universitätsklinikums Heidelberg, Irmtraut Gürkan, mit, dass Organentnahmen für Kliniken ein großer Kostenfaktor seien.

"Die Organentnahme ist ein Minusgeschäft."

Irmtraut Gürkan, Kaufmännische Direktorin Uniklinik Heidelberg

"Wir erhalten für eine Organentnahme einen Pauschalbetrag zwischen 500 Euro und 5.000 Euro. 500 Euro werden gezahlt, wenn eine Organentnahme nicht erfolgen kann oder abgebrochen werden muss. 5.000 Euro ist der Betrag für eine Entnahme mehrerer Organe", so Gürkan. "Dieser Betrag reicht nicht aus. Er deckt ab die unmittelbaren Operationssaalkosten, das Personal, der Materialeinsatz im OP. Er deckt aber nicht die intensive Betreuung des Patienten im stationären Setting ab - das ist vor allen Dingen die Versorgung des Organspenders in den Intensivstationen."

2.000 Euro extra pro Tag gefordert

Gürkan fordert daher eine Erhöhung der Vergütung: "Hier braucht es eine Zusatzvergütung. Die sollte möglichst pauschaliert sein, damit es nicht zu viel Aufwand bedeutet. Wir denken, dass 2.000 Euro pro Intensivtag angemessen wären."

Der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Georg Baum, sagte gegenüber REPORT MAINZ: "Wir sehen nicht, dass die Kliniken das Problem sind. Die Kliniken sind seit Jahren sehr engagiert beim Thema Organspende. Ich kann nicht beobachten, dass unsere Krankenhäuser sich aufgrund der Lasten der Aufwendungen, die mit Spendenprozessen verbunden sind, aus dem Spenderengagement zurückziehen."

Mehr Ausweise, aber weniger Spenden

84 Prozent der Deutschen sehen laut einer aktuellen Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung Organ- und Gewebespenden eher positiv. Das sind fünf Prozentpunkte mehr als 2010. Der Anteil der Befragten, die angaben, einen Organspendeausweis zu besitzen, nahm von 2010 bis 2018 von 25 auf 36 Prozent zu. Dennoch ging die Zahl der Organspenden im Zeitraum von 2010 bis 2017 um mehr als ein Drittel von 1.296 auf 797 zurück. Das ist der niedrigste Stand seit 20 Jahren.

 

 

 

10.08.2018

Gütersloh. 1,67 Meter groß, 50 Kilogramm leicht, lange Haare, große

braune Augen und eine zierliche Figur. Optisch wirkt Nuray Geise nicht

gerade wie ein Superheld oder Lebensretter. Und doch ist die in Gütersloh

geborene Deutsch-Türkin genau das. Mutmaßlich hat die 33-Jährige in der

vergangenen Woche einem jungen Menschen das Leben gerettet. Nuray

Geise ist registrierte Stammzellenspenderin der DKMS (Deutsche

Knochenmarkspende). Am Dienstag, 24.Juli, ließ sich Geise in einem Kölner

Krankenhaus während einer einstündigen Operation unter

Vollnarkose 865 Milliliter Blutstammzellgemisch entnehmen. Per Flugzeug

wurde ihre Knochenmarkspende unverzüglich zu dem in der DKMS- Datei

gefundenen „genetischen Zwilling“ transportiert. Ihr „genetischer Zwilling“

ist zwischen null und fünf Jahren alt, lebt in Indien und ist an Leukämie

erkrankt. Und hat dank Nuray Geise wieder eine reelle Chance auf ein

neues, ein zweites Leben.

 

Zwei schwere Schicksalsschläge in nur einem Jahr

 

Statistisch betragen die Heilungschancen bei an Blutkrebserkrankten

Kindern rund 80 Prozent. Bei Erwachsenen liegen sie bei 50 Prozent. Seit

ihrer Rückkehr nach Gütersloh appelliert Geise, sich auch bei der DKMS zu

registrieren. Im Internet schreibt sie: „Jemanden glücklich zu machen und

eine zweite Chance auf ein neues Leben zu schenken, tut gar nicht weh.

Der Gedanke, da ist jemand auf dieser Welt, der deine Hilfe braucht, hat

mich einfach emotional berührt.“ „Für mich war es einfach eine

Herzensangelegenheit.Ich würde es jederzeit wieder tun. Allein schon

deshalb, weil ich es mir als betroffenem Empfänger für meine eigene

Familie auch wünschen würde“, erzählt die Mitarbeiterin im Katharina-

Luther-Haus auf Nachfrage der NW. Denn sie selber musste in ihrem jungen

Leben schon zwei schwere Schicksalsschläge erleben. Innerhalb eines

Jahres verlor Nuray Geise gleich zwei geliebte Menschen durch

Krebserkrankungen. Im September 2017 verstarb ihre Großmutter. Am 6.

Juni, nach kurzer schwerer Krankheit,ihr Vater Ahmet Alkan. Er starb an

Bauchspeicheldrüsenkrebs. Zu dieser Zeit,als die Familie um das Leben

ihres Oberhauptes zitterte, landete auch ein Brief der DKMS in Geises

Briefkasten. Am 29.Mai, erinnert sie sich. Auf dem Brief stand in großen

Lettern „Ihre Bereitschaft zur Lebensspende“.Sie war bereit. Als einer von

drei Spendern kam die Gütersloherin„in die engere Auswahl, für einen

erkrankten Patienten zu spenden“, so die Mitteilung. Ihre Typisierung war

zu diesem Zeitpunkt schon elf Jahre her. Um der Mutter eines erkrankten

Kollegen zu helfen, hatte sie sich 2007 in die DKMS Spenderdatei

aufnehmen lassen. Obwohl selbst in einer schweren persönlichen Situation,

zögerte Nuray keine Sekunde: „Ich habe bei meinem Vater gesehen, was es

heißt,den Tod täglich vor Augen zu haben. Dass der Brief gerade zu dem

Zeitpunkt kam, war wohl irgendwie Schicksal.“ Die Mutmaßung wurde kurz

darauf Gewissheit.

Nach mehrmaligem Kontakt mit der DKMS stelle sich heraus, dass die zwei

weiteren Kandidaten nicht mehr zur Verfügung standen. Nach erfolgreichen

Untersuchungen beim Hausarzt in Gütersloh sowie kurz darauf im

Entnahmezentrum stand der Stammzellenspende nichts mehr im Weg.

Vergangenen Montag machte sich Nuray, begleitet von ihrem Mann,auf den

Weg in ein Kölner Krankenhaus. Dienstagmittag um 12.30 Uhr wurde sie in

den OP-Saal geschoben, um 15.30 Uhr öffnete sie im Aufwachraum wieder

die Augen. Alles wieder vorbei, es war geschafft. Alles war gut.

 

Als ich hörte, es ist ein Vorschulkind ist, musste ich weinen“.

 

Die Erinnerung an die kurzfristig spürbaren OP-Folgen tut die mutige junge

Frau als reine Bagatelle ab: „In den ersten paar Stunden fühlte es sich wie

eine Prellung oder ein eingeklemmter Nervan. Aber mal ehrlich, wenn ich

daran denke,was mein genetischer Zwilling durchmachen muss, war die

Entnahme ein Witz: Chemotherapie, Strahlentherapie, Übelkeit, Erbrechen,

vielleicht Haarausfall, Immunschwäche, jeden Tag um sein Leben bangen

müssen – was ist dagegen schon ein kleiner Schnitt ?“ Am Abend erfuhr

Geise weitere Angaben zu dem Mädchen, dem sie möglicherweise das

Leben gerettet hat:„Als ich hörte, dass es ein Vorschulkind ist, musste ich

weinen.Ich bin selbst Mutter eines gesunden Mädchens. In dem Augenblick

habe ich mich gefühlt, als hätte ich eine zweite Tochter bekommen.“

 

Appel an alle Gütersloher, sich auch registrieren zu lassen

 

Möglichst bald will Geise unter Wahrung der Anonymität über die DKMS auf

schriftlichem Weg Kontakt mit der betroffenen Familie aufnehmen. Nach

Ablauf der zweijährigen Sperrfrist soll„auf jeden Fall“ ein persönliches

Treffen mit ihrem genetischen Zwilling folgen. Egal ob in Gütersloh oder

Indien. Nuray Geises Appell an die Gütersloher ist ganz einfach und

prägnant: „Werdet Stammzellenspender. Ein Menschenleben zu retten, das

tut nicht weh“.

 

 

 

26.07.2018

Debatte Organspenden in Deutschland

Niere hin, Niere her


Es gibt zu wenig Organspenden in Deutschland. Ein Organtausch sollte gesetzlich ermöglicht werden, um mehr Leben zu retten.

Mehr Organspenden! Jetzt! So steht es – zugespitzt und verkürzt formuliert – im Koalitionsvertrag von Union und SPD. Das hat einen simplen Grund: Die Zahl der Organspenden hat unter anderem aufgrund von Organspendeskandalen in den vergangenen Jahren einen Tiefstand erreicht. Das ist problematisch, in Deutschland warten derzeit über 10.000 Patientinnen und Patienten auf eine neue Leber, ein neues Herz, die meisten auf eine neue Niere.

Der Organspendepassus im Koalitionsvertrag bietet die Chance, eine Änderung des Transplantationsgesetzes anzuregen. Das fordern seit Jahren Ärzteverbände und Gesundheitsökonomen, insbesondere bei Lebendspenden. Von den 1.921 Nierentransplantationen im Jahr 2017 waren 557 Lebendspenden. Im Durchschnitt warten Patientinnen und Patienten vier bis acht Jahre auf eine neue Niere. Bei anderen Organen kann es noch länger dauern.

Derzeit ist es in Deutschland nur erlaubt, nahen Verwandten und Ehepartnerinnen und -partnern ein Organ zu spenden. So wie Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der 2010 seiner Frau Elke Büdenbender erfolgreich eine Niere gespendet hatte.

Die derzeitige Beschränkung auf Verwandtschaft und sehr nahe Personen indes ist ethisch problematisch und rückständig und sollte rasch aufgeweicht werden. Denn häufig werden Nieren von Personen, die spenden würden, darunter Ehegatten und Geschwister, von den Empfängerinnen und Empfängern nicht angenommen. Was könnte helfen?

 
Spender, bildet Ketten

Beispielsweise sogenannte „Nierentausche“: Jemand kann seiner Frau keine Niere spenden, jemand anderem geht es genauso, weil in beiden Fällen das Organ „inkompatibel“ ist. Was spricht dagegen, die Nieren über Kreuz zu tauschen? Die Frau des einen kriegt die Niere des anderen und umgekehrt.

Dieses einfache Spenderverfahren kann zu „Spender-Empfänger-Ketten“ führen, den Spendenkreislauf also erweitern und dadurch Leben retten. Diese „Ketten“ könnten zudem mit postmortal oder altruistisch gespendeten Nieren kombiniert werden. So wie in den USA und einigen europäischen Ländern wie den Niederlanden. Dort gab es bereits Ketten von bis zu 70 Personen, von denen die Hälfte eine Niere gespendet und die andere Hälfte jeweils eine kompatible Niere aus dem Pool erhalten hatte.

Weil das deutsche Gesetz Lebendspenden einzig auf enge verwandtschaftliche und emotionale Beziehungen beschränkt, sind anonyme Spenden hierzulande illegal. Argumente für dieses Verbot sind oft begründet in der Sorge, dem Organhandel würde die Tür und Tor geöffnet, wäre das Verbot aufgehoben. Das ist ein Trugschluss. Denn Nierentausche unterscheiden sich eklatant vom Handel mit Nieren, da keiner der Tauschpartnerinnen und -partner Geld bezahlt oder bekommt.

Manche Kritikerinnen und Kritiker entgegnen, ein Tausch sei eine kommerzielle Transaktion: Niere gegen Niere statt Geld gegen Niere könne indirekt verglichen werden und sei damit ethisch unzulässig.

 

Ethisch problematisch ist das bestehende Verbot

Man kann es auch anders sehen: Im Gegensatz zu einer kommerziellen Transaktion sind beim Nierentausch die Spendenden nicht monetär, sondern altruistisch miteinander verbunden. Die Überkreuzspende findet ja nur statt, weil die Organe mit den nahestehenden Empfängerinnen und Empfängern inkompatibel sind.

Ein weiteres, oft vorgebrachtes Gegenargument ist, dass Menschen unter Druck gesetzt werden könnten, ihre Organe zu spenden. Es ist jedoch unklar, warum diese Gefahr bei einem Nierentausch akuter sein soll als bei einer normalen Spende. Wären Nierentausche offiziell erlaubt, müssten sich Angehörige genauso wie bisher dafür oder dagegen entscheiden. Falls sie sich für eine Spende entscheiden, ist es jedoch wahrscheinlicher, dass sie auch spenden können.

Auf den Punkt gebracht: Nicht die angeregte Aufhebung des Tauschverbots ist ethisch problematisch, sondern das bestehende Verbot. Es unterbindet – bei gleichzeitiger Bestrafung der involvierten Ärzte – Transplantationen, die die Lebensqualität von betroffenen Kranken verbessern oder sogar ihr Leben retten können. Daneben verstößt es gegen die Interessen von Patientinnen und Patienten sowie ihrer Angehörigen, diese Transplantationen nicht stattfinden zu lassen.

Dabei sollte das Patientenwohl der entscheidende Maßstab für gesundheitspolitische Entscheidungen sein, das sollte sich auch im Koalitionsvertrag wiederfinden. Daraus folgt zwangsläufig, dass das Verbot aufgeweicht werden sollte. Ökonomisch sinnvoller sind Spenden ohnehin: Dauerhafte und regelmäßig notwendige Dialysen sind in der Regel teurer als einmalige Transplantationen. Legalisierte Nierentausche reduzieren also die Kosten im Gesundheitswesen.

 
Spanien macht es vor

Der Deutschen Stiftung Organtransplantation zufolge lag die Anzahl der postmortal gespendeten Organe in Deutschland 2017 bei 2.594, das ist der niedrigste Wert seit 20 Jahren. Daneben gab es 618 Lebendspenden – auch diese Zahl geht kontinuierlich zurück. Die Gruppe der Lebendspendenden zu erweitern, würde dieses Unterangebot zwar nicht komplett beheben, zumindest aber mildern. Grundsätzlich jedoch muss die Bereitschaft steigen, dass Menschen ihre Organe nach ihrem Tode zur Verfügung stellen.

Die Große Koalition sollte zügig die Chance ergreifen und das Transplantationsgesetz ändern. Andere Länder machen es vor. Beispielsweise Spanien. In dem iberischen Land werden postmortal weitaus mehr Organe transplantiert, weil der Staat Organspenden auf eine schlichte gesetzliche Weise regelt: Wer seine Organe nach dem Tod nicht spenden möchte, muss einer Entnahme explizit widersprechen. In Deutschland ist es genau andersherum.

 

 

WESTFALEN-BLATT Nr. 166 20.07.2018

 

Wenn das Kinderherz stolpert Chirurg Dr. Eugen

Sandica ist spezialisiert auf Neugeborene und Kinder

 

Bad Oeynhausen (WB).

 

(WB). In diesem Monat ist Dr. Eugen Sandica, Direktor der

Klinik für Kinderherzchirurgie und angeborene Herzfehler,

bereits seit einem Jahrzehnt mit dem Kinderherzzentrum

»verheiratet«. Etwa 500 Kinder jährlich werden in seiner

Klinik von ihm und seiner Stellvertreterin Dr. Ute Blanz

operiert.

 

Schwere Herzfehlbildungen sind zum Glück äußerst selten.

Werden sie jedoch nicht operiert, so würden etwa 25

Prozent der Kinder noch im ersten Lebensmonat sterben,

weitere 60 Prozent innerhalb des ersten Lebensjahres.

Zum Zehnjährigen des Chefarztes hatte sich sein Team in

der Klinik etwas Besonderes einfallen lassen und dazu

recherchiert. Mindestens zehn Familien sollten

angesprochen werden, deren Kinder in den vergangenen

zehn Jahren in Bad Oeynhausen geboren, von Eugen

Sandica behandelt wurden und heute zwischen einem und

zehn Jahren alt sind.

 

Da eine Herzfehlbildung in aller Regel bereits beim

Ungeborenen diagnostiziert wird, kommen heute mehr als

50 Prozent der Neugeborenen, die im Herz- und

Diabeteszentrum (HDZ) NRW früh nach der Geburt

operiert werden müssen, im Krankenhaus Bad Oeynhausen

auf die Welt. Als Hochrisiko-Patienten werden sie

unmittelbar nach der Geburt über die Wielandbrücke ins

Kinderherzzentrum verlegt, um sofort intensivmedizinisch

versorgt und operiert zu werden. Dank dieser engen

Zusammenarbeit in der Notfallversorgung hat Eugen

Sandica zahlreichen Neugeborenen das Leben retten

können. Ein Plakat mit den Grüßen der Eltern und Kinder

wurde dem Chefarzt jetzt mit Glückwünschen aus der

Klinik und ganz persönlichen Dankesschreiben überreicht.

Familie Heimann aus Bad Münder ließ es sich nicht

nehmen, mit ihrer Tochter Kimberley vorbeizuschauen.

Das kleine Mädchen hat Eugen Sandica bereits sechs Tage

nach seiner Geburt im Bad Oeynhausener Krankenhaus

sowie ein zweites Mal im Alter von fünf Monaten operiert.

»Ein weiterer Operationsschritt wird notwendig sein, um

die insgesamt dreizeitige Operationsmethode bei einem

sogenannten  hypoplastischen Linksherzsyndrom zu

vervollständigen«, sagt Eugen Sandica. Ebenso wie die

vielen Gratulanten auf dem Glückwunschplakat, das der

Klinikchef gerührt entgegennahm, hat Kimberley dank der

Möglichkeiten der modernen Herzchirurgie sehr

gute Aussichten auf eine akzeptable Lebensqualität im

Erwachsenenalter.

»Ihrer Klinik gehört unser volles Vertrauen«, brachte

Kimberleys Mutter Jennifer Heimann das große

Engagement des Klinikdirektors, seines OP-Teams und der

Pflege- und Fachkräfte im HDZ auf den Punkt. Die

Kinderherzchirurgie unter der Leitung von Eugen Sandica

verdankt ihr hohes Ansehen einem erfahrenen

Spezialistenteam, das sich durch die erfolgreiche

Behandlung außergewöhnlich schwieriger Herzfehlerfälle

und rund 150 Herztransplantationen bei Neugeborenen,

Kindern und Jugendlichen einen hervorragen den Ruf

erworben hat.

Denn trotz des besonders großen  Anteils an Hochrisiko-

Fällen liegt die Mortalitätsrate in der  Bad Oeynhausener

Kinderherzchirurgie konstant unter  zwei Prozent (2012:

1,6 Prozent) innerhalb der ersten 30  Tage nach der

Operation. Mit diesem Wert zählt das HDZ

NRW weltweit zu den erfolgreichsten Kinderherzkliniken.

ZUR PERSON Eugen Sandica ist in Rumänien geboren und

hat sein Medizinstudium an der Medizinischen Fakultät der

Universität Bukarest absolviert, wo ihm 2001 die

Doktorwürde verliehen wurde. Seine ärztliche Ausbildung

erfolgte unter anderem an weltweit bekannten Herzzentren

in den USA, Österreich, Ungarn und Großbritannien. Seit

2008 ist Eugen Sandica Chefarzt der Klinik für

Kinderherzchirurgie und angeborene Herzfehler.

Gemeinsam mit dem Kinderkardiologen Prof. Dr. Deniz

Kececioglu leitet er das Kinderherzzentrum und Zentrum

für angeborene Herzfehler am HDZ NRW.

 

 

 

Widerspruchslösung bei der Organspende ist

 

notwendig – und zusätzlich ein ganzes Paket

 

von Systemkorrekturen

 

DGU diskutiert GMK-Beschlüsse bei Parlamentarischem Abend

Berlin, 13.07.2018. Deutschland hat in der Transplantationsmedizin den internationalen Anschluss verloren – zumindest, was das Engagement für die Organspende und die Transplantationsergebnisse betrifft. „Wir sind heute in der Lage, medizinisch, chirurgisch, logistisch und technisch alles Nötige zu leisten, aber wir können es nicht, weil uns zu wenig Organe zur Verfügung stehen“, kritisierte Prof. Dr. Paolo Fornara, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Urologie (DGU), beim Parlamentarischen Abend seiner Fachgesellschaft Anfang Juli in Berlin. Die Gesundheitsministerkonferenz der Länder (GMK) hat im Juni mehrere Beschlüsse zum Thema Organspende gefasst. Hintergrund: In Deutschland gilt bislang die Entscheidungslösung. Nach dem Transplantationsgesetz sollen insbesondere die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und die Krankenkassen die Bundesbürger über Möglichkeiten der Organspende aufklären. Niemand kann jedoch bislang verpflichtet werden, seine Entscheidung in Form einer persönlichen Erklärung abzugeben.

Dass die GMK unter anderem einstimmig für eine verpflichtende Erklärung oder die Widerspruchslösung bei der Organspende votiert habe, sei sehr erfreulich, so Fornara. Finanzielle Aufwendungen in diesem Bereich müssten gestaffelt und aufwandsgerecht erfolgen. Vorschläge hierzu im Positionspapier „Prozesse optimieren – Organspende in Deutschland stärken“ der AG Gesundheit der CDU/CSU-Fraktion im Bundestags gingen in die richtige Richtung.

Auch mehr Anstrengungen zur Steigerung der Spenderzahlen zu unternehmen, sei hilfreich: „Das Thema Widerspruchslösung ist es, was viele aufhorchen lässt. Aber man braucht ein ganzes Paket von Systemkorrekturen, damit Deutschland nicht weiter das Schlusslicht bleibt.“ Dazu müssen nach Überzeugung des DGU-Präsidenten endlich die notwendigen Gesetzesänderungen vorgenommen werden. In Deutschland war die Zahl der postmortalen Organspender im Jahr 2017 mit 797 Spendern niedriger als 20 Jahre zuvor. Auch bei den Lebendspenden von Nieren ist ein Abwärtstrend zu verzeichnen. Hinzu kommen lange Wartezeiten auf ein neues Organ und eine unzureichende Nachsorge: Während im Schnitt 80 Prozent aller postmortal gespendeten Nieren fünf Jahre nach der Transplantation noch funktionieren, sind es in Deutschland nur 70 Prozent. „In einem Land, in dem man häufig behauptet, es habe eines der besten Gesundheitssysteme weltweit, muss uns das zum Nachdenken anregen“, sagte der DGU-Präsident.
 

Dass die Dialyse auf Dauer keine gleichwertige Alternative für Nierenkranke ist, verdeutlichte DGU-Vizepräsident Prof. Oliver Hakenberg: „Sie kann Leben erhalten. Es bleiben aber vielfältige Einschränkungen“. Dazu zählten die Begrenzungen bei der Trinkmenge und bei Nahrungsmitteln, die lebenslange Medikamenteneinnahme, die Entstehung chronischer Krankheiten sowie Folgen wie Impotenz und Unfruchtbarkeit.

Hakenberg plädierte wie Fornara für die Einführung einer Widerspruchslösung: „Niemand sollte gezwungen werden, seine Organe zu spenden, aber sehr wohl, sich zu entscheiden“, sagte er beim Parlamentarischen Abend. „Das halte ich zum Wohl der Allgemeinheit nicht für zu viel verlangt.“

Die DGU hatte Anfang des Jahres auf publizierte Daten hingewiesen, wonach Deutschland im internationalen Vergleich zu wenig postmortale Organspenden vorweisen kann. Man rangiere noch hinter dem Iran und vor Rumänien, hatte Fornara kritisiert. Die DGU hatte sich schon im Februar für die Einführung der Widerspruchslösung ausgesprochen, auch um Angehörige zu entlasten. „Erfahrungen besagen, dass in Deutschland etwa 40 Prozent der möglichen Organspenden abgelehnt werden, weil die Hinterbliebenen nicht wissen, wie sich ihr verstorbener Angehöriger entschieden hätte“, erläuterte der DGU-Präsident seinerzeit.

Darüber hinaus muss nach Ansicht der DGU die Arbeit der Transplantationsbeauftragten besser unterstützt werden. „Transplantationsbeauftragte sind das Bindeglied zwischen Entnahmekrankenhäusern und der Deutschen Stiftung Organtransplantation. Ihre Tätigkeit wird aber durch Landesrecht unterschiedlich geregelt. Hier bedarf es einer bundeseinheitlichen Lösung: Qualifikation, Ausgestaltung der Aufgabe, Zuständigkeit und Weiterbildung müssen einheitlich sein“, so Fornara. Auch hier setze das Positionspapier der Union mit dem Vorschlag einer Freistellungslösung für Transplantationsbeauftragte ab einer gewissen Größe des Krankenhauses Impulse.

Zehn Thesen und Forderungen der DGU zur Organspende

 

* Deutschland hat in der Transplantationsmedizin international den

Anschluss verloren – zumindest, was das Engagement für die

Organspende und die Transplantationsergebnisse betrifft.

 

* Alle Anstrengungen der letzten Jahre, die Organspende zu

steigern, haben nichts bewirkt. 1998 spendeten 1.111

Bundesbürger postmortal Organe, 2017 nur noch 797. 2011 stellten

795 Bundesbürger als Lebendspender Nieren zur Verfügung, 2017

nur noch 557. Es braucht einen anderen Ansatz als bisher.

 

* In Deutschland ist man stolz darauf, eines der besten

Gesundheitssysteme der Welt zu haben. Trotz aller medizinischen,

logistischen und finanziellen Ressourcen liegt Deutschland bei der

Organspende aber nur auf Platz 30 – hinter dem Iran, vor

Rumänien und Bulgarien. Auch in Europa ist Deutschland

Schlusslicht: In Spanien kommen auf eine Million Bürger im Schnitt

44,5 Spender, in den Niederlanden – bislang noch ohne

Widerspruchslösung – 14,3. In der Bundesrepublik sind es 9,8

Spender auf eine Million Einwohner. Das ist nicht länger

hinnehmbar.

 

* Anfang 2017 standen innerhalb des Verbunds Eurotransplant

bereits fast 15.000 Menschen auf den Wartelisten für ein Organ. Im

Lauf des Jahres wurden weitere knapp 11.000 auf die Warteliste

gesetzt – zusammen also rund 26.000 Menschen. Gespendet

wurden in diesem Jahr genau 6.636 Organe, darunter 3.126

Nieren. Allein in Deutschland hätten aber 7.677 Patienten auf der

Warteliste eine intakte Niere benötigt. Ein Verbund wie

 

Eurotransplant erfordert auf Dauer Gerechtigkeit und Solidarität –

von allen, nicht nur von Deutschlands Nachbarländern.

 

* Fast ein Viertel der Transplantierten hierzulande hat acht Jahre

oder länger auf ein neues Organ gewartet. Diese lange Wartezeit

 

verschlechtert erst den Gesundheitszustand und dann das

Transplantationsergebnis. Auch deshalb muss man mehr

Menschen für eine Spende gewinnen.

 

* Es ist ein Irrtum zu glauben, dass die Dialyse selbst in einem

hochwertigen Gesundheitssystem einen vollwertigen Ersatz der

verlorengegangenen Nierenfunktion darstellen kann. Sie kann

Leben erhalten, aber keine Gesundheit wiederherstellen. Dialyse

ist verbunden mit Einschränkungen beim Essen und Trinken, einer

lebenslangen Medikamenteneinnahme, Folgeerkrankungen sowie

weiteren persönlichen Einschränkungen wie Impotenz und

Unfruchtbarkeit.

 

* Die Immunsuppression als Bedingung für ein dauerhaftes Leben

mit einem fremden Organ hat sich kontinuierlich verbessert. Sie ist

auch nicht risikolos für Patienten, vor allem nicht in den ersten

Monaten nach einer Transplantation. Doch dauerhaft ist das

Sterberisiko nach einer Transplantation nur halb so hoch wie das

von Patienten auf der Warteliste für ein Organ.

 

* Die Zeit ist reif, in Deutschland die Widerspruchslösung

einzuführen oder zumindest eine verpflichtende Erklärung von allen

erwachsenen Bürgern zu verlangen und zu dokumentieren, wie sie

persönlich zur Organspende stehen. Eine Pflicht zur Organspende

darf es nie geben – wohl aber die Pflicht, seine persönliche Haltung

dazu zu erklären.

 

* Erfahrungen in anderen Ländern zeigen, dass die

Widerspruchslösung allein zu wenig bewirkt. Es braucht ein ganzes

Maßnahmenpaket zur Verbesserung von Organspende und

Organtransplantation. Dazu gehört ein stärkeres Engagement der

Krankenhäuser, allem voran der Universitätskliniken. Sie

transplantieren heute den Großteil der Organe, entnehmen sie

jedoch nur selten. Dazu gehört eine ausreichende Finanzierung

nicht nur von Transplantationen, sondern auch von

Organentnahmen. Dazu gehört eine öffentliche Wertschätzung von

Spendern, die sich unter anderem in einer ausreichenden

Absicherung über die Kranken- und Rentenversicherung

niederschlägt, sowie eine gestaffelte aufwandsgerechte Vergütung.

 

* Die aktuellen Beschlüsse der Gesundheitsministerkonferenz der

Länder weisen darauf hin, dass ein Prozess des Umdenkens

begonnen hat. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat

angekündigt, auf den Engpass an Organspenden mit einem

Gesetzentwurf zu reagieren. Beides ist zu begrüßen.

 

 

 

Ärzte Zeitung online, 13.07.2018

 

Verschiedene Ansätze

Union und SPD marschieren getrennt bei der Organspende

Die Zahl der Organspender ist unbefriedigend. Union und SPD verfolgen unterschiedliche Strategien.

Von Anno Fricke

BERLIN. In Deutschland werden so wenige Organe gespendet, dass das größte Land der Europäischen Union Organe aus dem Euro-Transplant-Verbund importieren muss. 2017 waren gerade noch 797 Menschen zur Organspende bereit, 60 weniger als ein Jahr zuvor. 2018 zeigen sich die Zahlen leicht verbessert.

BÄK-Präsident Professor Frank Ulrich Montgomery hat sich nach Bekanntwerden der Zahlen für einen Systemwechsel ausgesprochen. Er plädierte für die Einführung der Widerspruchslösung. Demnach wäre jeder, der nicht ausdrücklich widersprochen hat, im Falle des Hirntods ein potenzieller Organspender.

Dieser Linie hat sich auch der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD Professor Karl Lauterbach angeschlossen. In Deutschland können derzeit Organe nur dem entnommen werden, der der Spende ausdrücklich zugestimmt und dies im Organspenderausweis dokumentiert hat.

Die AG Gesundheit der Unionsfraktion hat sich am Donnerstag gegen eine Widerspruchslösung ausgesprochen. In einem Positionspapier kommen die Abgeordneten vielmehr zu dem Schluss, dass die schlechten Spenderzahlen in Problemen im Prozess der Organspende zu suchen und zu korrigieren seien.

Ganz oben in ihrer To-do-Liste steht, die Transplantationsbeauftragten in den Kliniken von Routinearbeiten freizustellen und zu "Transplantationsbevollmächtigten" aufzuwerten. In einem weiteren Schritt sollten die Kliniken für die Identifizierung von Organspendern und die Organentnahmen mehr Geld erhalten. Derzeit gebe es für eine Multiorganentnahme 5003 Euro, in Kroatien werde die Organentnahme mit 7000 Euro vergütet. Kleinere Kliniken sollten nicht aus Kapazitätsgründen von der Meldung potenzieller Spender abgehalten werden. "Mobile Organspendebetreuungsteams" könnten den Hirntod feststellen und die Organe entnehmen, schlagen die Unionsabgeordneten vor.

Um Sicherheit für die Ärzte in den Krankenhäusern zu schaffen, sollte das Einverständnis zur Organspende in einem zentralen und aktuellen Register hinterlegt und/oder auf der Gesundheitskarte vermerkt werden.

 

 

Ärzte Zeitung online, 14.07.2018

 

Organspende aus dem Blick von Teenies

Aufgeschlossen, aber schlecht informiert

Jugendliche und junge Erwachsene halten sich beim Thema Organspende für eher schlecht informiert. Trotzdem sind sie dafür wesentlich aufgeschlossener als Ältere. Wie gehen Schulen mit der sensiblen Frage um? Und wie können die Jungen noch besser erreicht werden?

Von Anne Zegelman

Für viele junge Menschen ist das Thema Organspende ganz weit weg. So ging es auch Bruno Kollhorst, bis er mit 34 ein Spenderherz bekam.

"Das kann jeden erwischen und man kann es nicht vorhersehen", schildert er im Unterrichtsfilm "Organspende macht Schule" der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA).

Kollhorst, dessen Herz nach einer Infektion mit Ringelröteln versagte und der seit nunmehr vier Jahren mit Spenderherz lebt, besucht Schulklassen und spricht über seine Erfahrungen. Als Betroffener, so die Hoffnung, erreicht er die Schüler besser als ein Außenstehender.

Und in der Tat reagieren die Jugendlichen aufgeschlossen, haben viele Fragen und trauen sich auch, intime Themen anzusprechen. "Hat sich bei Ihnen nach der Transplantation etwas verändert, also zum Beispiel in der Liebe oder was Ihre persönlichen Meinungen betrifft?", fragt zum Beispiel ein Junge. "Bei mir speziell nicht", sagt Kollhorst.

Ist das Herz der Sitz der Seele?

Viele Menschen würden glauben, dass im Herz die Seele sitzt - "das konnte ich jetzt nicht feststellen." Er habe die Frau, mit der er damals zusammen gewesen sei, mittlerweile geheiratet, in dieser Hinsicht habe sich also nichts geändert.

Aber: "Man muss sich schon mit der eigenen Endlichkeit, mit dem Tod auseinandersetzen und der Möglichkeit, dass man diesen Eingriff vielleicht nicht überlebt." Es seien eher diese Gedanken, die ihn verändert hätten.

Jugendlichen das Thema Organspende nahe zu bringen ist keine leichte Aufgabe. Der Film der BZgA, der Teil eines ganzen Unterrichtspakets ist, setzt auf einen emotionalen Zugang.

"Bruno weiß nicht, wessen Herz in seiner Brust schlägt", sagt eine Stimme aus dem Off. "Doch er lebt, weil jemand dieses Organ zur Transplantation freigegeben hat."

Einige Jugendliche, die in dem Film zu Wort kommen, geben an, vielleicht mal einen TV-Beitrag gesehen oder einen Zeitungsartikel gelesen zu haben, der sich mit dem Thema beschäftigt.

Doch für viele erschöpft sich damit die Information.

Da verwundert es nicht, was eine aktuelle Repräsentativumfrage der BZgA zeigt: 14- bis 25-Jährige halten sich beim Thema Organspende für schlechter informiert als alle anderen Altersgruppen. 53 Prozent der Befragten dieser Altersklasse geben an, weniger gut (43 Prozent) oder schlecht (zehn Prozent) über das Thema Bescheid zu wissen.

Nur vier Prozent gaben an, sich sehr gut auszukennen. Zum Vergleich: Bei den 26- bis 35-Jährigen fühlen sich nur 32 Prozent weniger gut und 13 Prozent schlecht – aber 50 Prozent gut informiert, fünf sogar sehr gut.

Doch woran liegt es, dass gerade die Jüngsten den eigenen Informationsgrad so negativ einschätzen? Kommt das Thema in den Schulen insgesamt zu kurz? Immerhin hat nicht jeder das Glück, von einem Organempfänger besucht und eine ganz persönliche Sicht geschildert zu bekommen.

Ab 14 hat das Thema Relevanz

Dabei hat die Frage auch für die Jüngsten dieser Altersklasse schon Relevanz. "Ab 14 Jahren kann man einer Organspende widersprechen und ab 16 Jahren zustimmen", erklärt Birgit Blome, Sprecherin der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO).

Sie betont: "Ergebnisoffene Aufklärung ist gerade bei Kindern und Jugendlichen wichtig, da sie ab 16 Jahren durch ihre Krankenkasse angeschrieben werden."

Die Jungen mögen sich für eher schlecht informiert halten, würden aber gern mehr wissen: 56 Prozent der Altersgruppe gaben an, sich mehr Informationen zum Thema zu wünschen – ebenfalls weit mehr als in allen anderen Altersklassen.

Zuständig dafür ist die BZgA. Sie bietet umfangreiche Unterrichtsmaterialien für Lehrer wie das Medienpaket "Organspende macht Schule" – die auch von Schülern gerne angenommen und heruntergeladen werden.

Seit der Veröffentlichung des gemeinsam mit der Techniker Krankenkasse entwickelten Pakets im Jahr 2012 wurden knapp 60.000 Exemplare an Lehrkräfte und Schüler ausgehändigt, berichtet BZgA-Sprecherin Diana Schulz im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Das Material ist für Schüler ab der neunten Klasse entwickelt worden – also für die Altersklasse, die sich aufgrund des Widerspruchsrechts ab 14 eine eigene Meinung bilden sollte.

Im Paket finden sich die wichtigsten Informationen zur Organspende wie zum Beispiel ausführliche Erklärungen zur Feststellung des Hirntods und eine Schilderung der einzelnen Schritte, bevor es zu einer Entnahme kommt.

Rollenspiel im Unterricht

Es gibt den 20-minütigen Film, in dem unter anderem Bruno Kollhorst zu Wort kommt, und zwei Musikvideos zum Thema. Erläutert werden aber auch harte Fakten wie die Regelungen des Transplantationsgesetzes, die Aufgaben der Stiftung Eurotransplant und die Aufgaben der DSO.

Außerdem finden Lehrer Anregungen für den Unterricht, zum Beispiel Arbeitsblätter, Fragen, mit denen die Klasse die Themen diskutieren kann, und Vorschläge, um selbst aktiv zu werden, zum Beispiel mit einem Rollenspiel oder einer Recherche im eigenen Umfeld. Das Material ist kostenlos und kann entweder per Post bestellt oder als PDF heruntergeladen werden.

In welchem Schulfach das Thema behandelt wird, entscheiden die Schulen. "Das Fach Biologie bietet die Möglichkeit, aus medizinisch-biologischer Sicht in das Thema einzusteigen; in Fächern wie Religion, Philosophie oder Ethik kann ein Einstieg auch aus einer völlig anderen Perspektive gewählt werden, zum Beispiel über das Thema Nächstenliebe oder individuelle Körperkonzepte", erläutert die BZgA-Sprecherin.

"Die Bundesregierung hält die Aufnahme des Themas Organspende in den Schulunterricht für sinnvoll", heißt es schon 2004 in einer Antwort auf eine Große Anfrage der CDU/CSU-Fraktion: Die Inhalte des Schulunterrichts lägen jedoch in der Kulturhoheit der Länder. Und die handhaben die Angelegenheit sehr unterschiedlich. Nicht überall ist die Organspende fester Teil des Lehrplans, eine durchgehende Regelung gibt es nicht.

"In Niedersachsen sind die Themen Organspende und Transplantation fest in den Lehrplänen und Rahmenrichtlinien für die allgemeinbildenden Schulen enthalten, in Bayern wurde das Thema Organspende und Transplantation bereits in die Lehrpläne für Gymnasien und Realschulen, zum Beispiel im Fach Biologie, aufgenommen", zählt Diana Schulz auf.

In Nordrhein-Westfalen und Sachsen-Anhalt gehöre das Thema Organspende und Organtransplantation zu den möglichen Unterrichtsinhalten, zum Beispiel in Philosophie und Biologie, es sei jedoch nicht verbindlich festgeschrieben. In Sachsen sei die Organspende ebenfalls im Lehrplan enthalten.

Brandenburg, Bremen und Thüringen beabsichtigten, es im Unterricht zu verankern. In anderen Bundesländern bestünden mittlerweile verstärkte Bemühungen, das Thema im Unterricht zu platzieren, in einzelnen Schularten und Fächern werde es auch im Rahmen von größeren Themenbereichen behandelt.

Der eigene Tod ist sehr weit weg

Doch wenn das Thema in den vergangenen Jahren in den Klassenräumen an Bedeutung gewonnen hat, woran liegt es dann, dass viele Jugendliche sich trotzdem für schlecht informiert halten?

"Nicht alle Menschen setzen sich bewusst mit dem Thema Organ- und Gewebespende auseinander und treffen eine klare Entscheidung für oder gegen eine Spende – das hängt unter anderem damit zusammen, dass die Organ- und Gewebespende eng mit dem Tabuthema Tod verknüpft ist und Unsicherheiten und Zweifel auslösen kann", so Diana Schulz.

Gerade Jugendlichen erscheine der eigene Tod sehr weit weg, so dass sie sich nicht ohne äußeren Anlass mit der Frage auseinandersetzen würden, ob sie ihre eigenen Organe und Gewebe spenden wollen.

Ganz spurlos scheinen die Bemühungen von BZgA und Schulen aber trotzdem nicht an den Jugendlichen und jungen Erwachsenen vorbeizugehen: Die regelmäßige Wiederholungsbefragung zu Wissen, Einstellung und Verhalten der Bevölkerung zur Organ- und Gewebespende zeigt, dass die subjektive Informiertheit der Altersgruppe der 14- bis 25-Jährigen seit 2014 kontinuierlich zunimmt.

"Während 2014 nur 32 Prozent der Befragten angaben, sich sehr gut bis gut über das Thema Organ- und Gewebespende informiert zu fühlen, waren es 2016 bereits 46 Prozent", so Sprecherin Schulz. 2018 sind es nun also 47 Prozent – die die BZgA als positiven Trend interpretiert: "Subjektiv fühlen sich immer mehr Menschen informiert."

Infos über soziale Plattformen

Um Jugendliche direkt zu erreichen, spricht die Bundeszentrale sie auch über sogenannte zielgruppenspezifische Kommunikationskanäle an: Auf Facebook zum Beispiel postet sie Videos und persönliche Geschichten – sowohl von Menschen, die sich für die Organspende entschieden haben als auch von solchen, die ein Organ erhalten haben.

Interessant sind die nach Altersklassen aufgedröselten Befragungsergebnisse zur Akzeptanz, die die BZgA der "Ärzte Zeitung" nun zur Verfügung gestellt hat. Demnach zeigt die Altersgruppe der 14- bis 25-Jährigen mit 93 Prozent den höchsten Anteil an Personen, die sich vorstellen könnten Organ- und Gewebespende zu erhalten (die sogenannte passive Akzeptanz).

In der aktiven Akzeptanz weist diese Gruppe mit 84 Prozent den höchsten Anteil an Personen auf, die grundsätzlich damit einverstanden wären, dass man ihnen nach dem Tod Organe und Gewebe zum Zwecke einer Spende entnimmt.

Das Thema Organspende bei Kindern wirft aber noch eine zusätzliche ethische Frage auf. Denn bis zum 14. Lebensjahr obliegt die Entscheidung den Eltern – also auch dann, wenn die Kinder sich zuvor inoffiziell selbst gegen eine Organspende ausgesprochen haben sollten.

Die Spenderaten in Deutschland bei unter 15-Jährigen sind seit 2015 leicht rückläufig: 2015 wurden 29 Spender kleiner gleich 15 Jahren registriert, 2016 waren es 27 und 2017 25.

Ob das einen Trend beschreibt oder von anderen Faktoren abhängig war, bleibt unklar.

 

 

 

 

 

 

Deutlich mehr Organspender im ersten Halbjahr 2018

10.07.2018 Für Menschen, die auf den Transplantationslisten von Krankenhäusern stehen, ist es eine gute Nachricht: Die Zahl der Organspender ist wieder gestiegen. Doch Experten halten auch strukturelle Veränderungen in den Kliniken für nötig.


 

Frankfurt/Main (dpa) - Die Zahl der Organspender in Deutschland ist deutlich gestiegen. Wie die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) am Dienstag in Frankfurt berichtete, konnten im ersten Halbjahr dieses Jahres 484 Spendern Organe entnommen werden.

Das waren 72 - also rund 18 Prozent - mehr als im ersten Halbjahr des vergangenen Jahres. Damals war die Zahl der Organspenden auf einen historischen Tiefpunkt zurückgegangen, hieß es. Auch die Zahlen der gespendeten und der transplantierten Organe stiegen in dem Zeitraum - allein die Zahl der Transplantationen von 1410 auf 1623.

„Die aktuellen Zahlen sind eine Momentaufnahme, die nicht darüber hinwegtäuschen darf, dass den Diskussionen jetzt strukturelle Veränderungen folgen müssen”, betonte Axel Rahmel, Medizinischer Vorstand der Stiftung. So seien die Anforderungen an die Hirntoddiagnostik sehr hoch. Nicht in allen Krankenhäusern stehen dazu kurzfristig immer genügend Experten zur Verfügung, um diese Untersuchungen durchzuführen und festzustellen, ob die Hirnfunktionen unwiederbringlich ausgefallen seien.

Die Stiftung fordert bessere Strukturen und Rahmenbedingungen für die Krankenhäuser. Dazu gehörten klar definierte Rechte und Pflichten für Transplantationsbeauftragte ebenso wie eine dem Aufwand

entsprechende Vergütung der Entnahmekrankenhäuser.

„Es darf nicht sein, dass eine Klinik für ihr Engagement in der Organspende gewissermaßen finanziell bestraft wird”, sagte Rahmel zu Fällen, in denen gerade bei zunehmend älteren Organspendern aufwendige Zusatzuntersuchungen zum Schutz der Empfänger durchgeführt werden müssen. Das kann mehrere Tage dauern, in denen das Intensivbett weiter belegt ist und der Verstorbene intensivmedizinisch versorgt wird. Stellt sich dann heraus, dass eine Organspende doch nicht möglich ist, erhalten die Kliniken lediglich eine Aufwandsentschädigung, die in diesen Fällen dann nicht annähernd kostendeckend sei.

Der Anteil der älteren Organspender hat unterdessen zugenommen. „Das Durchschnittsalter ist 55 Jahre - das war in den Anfängen der Organspende die oberste Altersgrenze”, sagte Rahmel. Inzwischen gibt es in Deutschland, wie auch in vielen anderen Staaten, eine solche Altersgrenze nicht mehr. Durch die Fortschritte der Medizin und eine gesündere Lebensweise gebe es durchaus viele Menschen, die auch in höherem Alter Organspender sein können. „Aber es sind dann oft mehr Zusatzuntersuchungen notwendig, um sicherzustellen, dass die Organempfänger nicht durch die Übertragung von möglichen Erkrankungen gefährdet werden.”

 

 

Ärzte Zeitung online 09.07.20118

 

Mitautor über die Organspende-Studie

Differenzierung hilft!

Ein Gastkommentar von Kevin Schulte

Der Kernbefund unserer Studie lässt sich an einem Beispiel verdeutlichen: Zwei Krankenhäuser behandeln 50 000 Patienten im Jahr.

Die Anzahl der Verstorbenen, die für eine Organspende in Frage kommen, unterscheidet sich nicht zwischen den Kliniken. Trotzdem kommt es in dem einen Krankenhaus nur einmal zu einer Organspende, wohingegen in dem anderen 15 Spenden stattfinden.

Dieser Befund kann weder durch die Einstellung der Bevölkerung zu Organspenden noch durch die geltenden rechtlichen Rahmenbedingungen erklärt werden – diese gelten für beide Kliniken gleichermaßen. So unangenehm es auch ist: Das Problem besteht in den Krankenhäusern und muss auch dort gelöst werden. Wenn das gelingt, könnte die Anzahl der Organspenden in Deutschland unter den aktuellen Rahmenbedingungen verdreifacht werden.

Die Kosten für die Durchführung einer Organspende, vor allem die zusätzlichen Kosten für verlängerte Liegezeiten auf der Intensivstation, werden den Kliniken zurzeit nicht vollständig erstattet.

Dies ist ein zu beseitigender Fehlanreiz, dennoch sollte man vorsichtig sein dieses Argument als Begründung für nicht erfolgte Organspenden anzuführen, denn auch die Kostenerstattung unterschied sich nicht zwischen den Kliniken unserer Studie.

Zukünftig sollte der Fokus auf Transparenz und Benchmarking gelegt werden. Bislang wird nur die Anzahl der realisierten Organspenden pro Krankenhaus veröffentlicht. Ohne Kenntnis der Fallzahlen und der Morbiditätsstruktur der jeweiligen Klinik ist ein sinnvoller Vergleich aber nicht möglich.

Eine Integration der von uns etablierten Kennzahlen in die Qualitätsberichte der Krankenhäuser wäre ein politischer Weg, Transparenz und Vergleichbarkeit zu fördern.

Dr. med. Kevin Schulte ist Mitautor der Datenanalyse zu Organspenden.

 

 

Organspende-Studie

Ärzte Zeitung online 09.07.2018

Doppelter Ansatz gefragt

Ein Kommentar von Rebekka Höhl

Dass es höchste Zeit ist, politisch zu handeln, dürfte mittlerweile allen klar sein: Rund 10.000 Menschen warten in Deutschland derzeit auf ein Spenderorgan. Dem standen im vergangenen Jahr 797 Menschen gegenüber, die tatsächlich ihr Herz, ihre Lunge, Gewebe oder andere Organe gaben. Laut Deutscher Stiftung für Organtransplantation (DSO) ein historischer Tiefstand.

Doch reicht es, hier nur bei den potenziellen Spendern, also den Bürgern anzusetzen? Eine Studie von Forschern der Uniklinik Kiel findet eine deutliche Antwort: Nein.

Die Politik muss bei einer möglichen Änderung des Transplantationsgesetzes – und die hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn ja in Aussicht gestellt – auch die Kliniken stärker in die Pflicht nehmen. Denn offenbar gibt es Schwachstellen beim Meldeverfahren.

Wenn innerhalb von fünf Jahren die Anzahl potenzieller Spender gestiegen ist, gleichzeitig aber die Zahl der organspendebezogenen Kontakte zur DSO abgenommen hat – und das beinhaltet mit den Jahren 2010 bis 2015 den Zeitraum des Organallokationsskandals – dann läuft etwas in den Klinikstrukturen und dem Meldeverfahren schief.

Hier muss mehr Vertrauensarbeit bei Ärzten geleistet werden, es braucht aber auch geeignete Kontrollverfahren.

 

 

 

Ärzte Zeitung online, 06.07.2018

Der Mangel liegt am Meldewesen

Die Zahl der Organspender ist in Deutschland seit 2010 um über ein Drittel zurückgegangen. Doch das liegt nicht etwa an der Spendebereitschaft, wie eine Datenanalyse nahelegt – sondern an einem Erkennungs- und Meldedefizit in den Kliniken.

Von Rebekka Höhl

 

 

KIEL. Deutschland hat ein Problem mit sinkenden Organspendezahlen. Während es 2010 noch 1296 Organspender gab, waren es 2017 nur noch 797 – das sind über ein Drittel weniger.

Doch liegt der Rückgang tatsächlich am viel diskutierten Vertrauensverlust durch den 2012 bekannt gewordenen Organallokationsskandal?

Forscher um Dr. Kevin Schulte und Professor Thorsten Feldkamp des Uniklinikums Schleswig-Holstein in Kiel wollten das nicht so ganz glauben, da gleichzeitig die Zahl der Bundesbürger, die einen Organspendeausweis besitzen nach einer Befragung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zugenommen hat (2008: 17 Prozent, 2018: 36 Prozent).

Dabei stehen über 80 Prozent der Deutschen der Organ- und Gewebespende positiv gegenüber.

Sie haben sich daran gemacht, in einer bundesweiten Sekundäranalyse die Organspendesituation in den Kliniken zu analysieren. Dabei haben sie in der Studie, die aktuell im Deutschen Ärzteblatt (Dtsch Arztebl Int 2018; 115(27-28): 463-8) veröffentlicht wurde, die vollstationären Behandlungsfälle ausgewertet.

Zahl der möglichen Spender steigt

Das Ergebnis: Statt dem erwarteten Vertrauensverlust bei den Bürgern, scheint der Rückgang eher an organisatorischen Abläufen in den Kliniken zu liegen. Denn von 2010 bis 2015 hat sich die Anzahl der möglichen Organspender um 13,9 Prozent erhöht: von 23.937 auf 27.258 (siehe nachfolgende Grafik).

Die Anzahl der organspendebezogenen Kontakte zur Deutschen Stiftung für Organtransplantation (DSO) nahm im gleichen Zeitraum aber um 18,7 Prozent ab – von 2760 im Jahr 2010 auf 2245 im Jahr 2015.

Die Anzahl der realisierten Organspenden ist sogar um 32,3 Prozent gesunken (von 1296 auf 877). Die Entnahmekliniken sind seit August 2012 dazu verpflichtet, einen Transplantationsbeauftragten zu benennen und mögliche Organspender an die DSO zu melden, so will es das Transplantationsgesetz.

 

Unikliniken im Fokus

Um tatsächlich Unterschiede in den Kliniken erfassen zu können, haben die Forscher zudem sechs Universitätskliniken genauer in den Fokus genommen. Insgesamt nahm die Zahl der möglichen Organspender aufgrund der schwierigeren Behandlungsfälle in den Unikliniken von 2010 bis 2015 sogar um 19,2 Prozent zu.

"Damit war die Zunahme deutlich ausgeprägter als im bundesweiten Durchschnitt", so die Studienautoren. Die Anzahl der organspendebezogenen Kontakte sank hier zeitgleich um 21,4 Prozent, die der realisierten Organspenden um 30,5 Prozent.

Dabei erzielten vier Unikliniken Kontaktquoten zur DSO von unter zehn Prozent, eine davon sogar von deutlich unter fünf Prozent. Auch bei den Realisierungsquoten bewegten sich drei Unikliniken auf niedrigem Niveau (unter fünf Prozent, eine sogar unter ein Prozent).

Hätten alle Universitätskliniken 2015 im selben Maße Organspenden realisiert, wie die Uniklinik mit der höchsten Realisierungsquote (16,3 Prozent), dann hätten nach Berechnungen der Forscher allein in den sogenannten "Kategorie-A-Krankenhäusern" bzw. bei den Unikliniken 928 Organspenden umgesetzt werden können.

"Mehr als in dem Bezugsjahr in der kompletten Bundesrepublik", so die Autoren. Bundesweit hätte – basierend auf den vollstationären Behandlungsfällen – durchaus eine Realisierungsquote von 10,2 Prozent erreicht werden können.

Damit hätten 2780 Organspenden realisiert werden können, rechnen die Forscher vor. "Dies entspräche 33,8 Organspenden pro einer Million Einwohner", schreiben sie.

Kliniken verunsichert

Die Unsicherheit besteht nach Einschätzung von Schulte, Feldkamp und Kollegen eher bei den Kliniken: Denn nach Inkrafttreten der Änderung des Transplantationsgesetzes im Sommer 2018 habe die Kontaktquote der Kliniken zur DSO – trotz neuer Meldepflicht – weiter abgenommen (von 2012 bis 2015 um -24,8 Prozent).

 

Das liege daran, dass das Gesetz offen lasse, wann genau eine Meldung von möglichen Spendern erfolgen müsse. Aber auch der Organspendeskandal habe vorrangig die Ärzte verunsichert, so die Studienautoren.

Als Lösung schlagen sie ein verbessertes Meldeverfahren vor. Das beinhaltet eine bessere Organisation in den Kliniken genauso wie eine politische Stärkung des Meldeverfahrens. Dr. Kevin Schulte plädiert zudem für einen stärkeren Vergleich von und mehr Kontrolle in den Krankenhäusern.

Diese müssten sich im Hinblick auf Organspenden qualitätsorientiert verbessern. Zwar sei die Finanzierung für die Organspende nicht kostendeckend, allerdings könne dies nicht der Grund für die großen Unterschiede in der Studie sein. (mit dpa)

 

 

 

Studie

Warum in Deutschland so wenige Organe gespendet werden

In Deutschland ist die Zahl der Organspender gering. Laut einer Studie liegt das nicht an der Bereitschaft der Menschen - sondern an einem Problem in den Krankenhäusern.

Von Nina Weber


Freitag, 06.07.2018

Seit Jahren sinken die Zahlen der Organspender in Deutschland. Im Jahr 2010 waren es 1296, im Jahr 2017 dagegen 797. In fast allen Staaten, die sich im Verband Eurotransplant zusammengeschlossen haben, ist die Anzahl der Spender höher als in Deutschland.

Kürzlich forderte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) alle Bürger auf, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. "Das sind wir den mehr als 10.000 Menschen schuldig, die voller Hoffnung auf ein Organ warten." Einige Politiker fordern auch, dass in Deutschland eine Widerspruchsregelung eingeführt wird, laut der jeder als potenzieller Spender gilt, der nicht explizit widersprochen hat.

Doch laut einer aktuellen Studie geht die Debatte wohl in die falsche Richtung. Das Problem liegt demnach nicht bei spendeunwilligen Bürgern, sondern in den Kliniken.

Bislang hat man verschiedene mögliche Gründe für den Rückgang diskutiert:

  • Der Organspendeskandal, der 2012 öffentlich wurde, könnte das Vertrauen der Menschen so zerstört haben, dass immer weniger einen Spenderausweis haben oder immer mehr eine Spende explizit ablehnen.

  • Die Zahl möglicher Spender könnte durch veränderte medizinische Maßnahmen, durch eine älter werdende Bevölkerung oder auch durch die sinkende Zahl von Verkehrsunfällen stetig zurückgehen.

  • Die Ursache könnte jedoch auch in den Krankenhäusern liegen, die nicht alle möglichen Spender melden.

Was ist tatsächlich der Grund? Ein Team von Ärzten und Forschern hat jetzt Krankenhausdaten aus den Jahren 2010 bis 2015 ausgewertet, um dies herauszufinden. Sie ermittelten,

  • wie viele mögliche Organspender es in den Jahren gab,

  • in wie vielen Fällen die Kliniken Kontakt zur Deutschen Stiftung Organspende (DSO) aufnahmen,

  • und in wie vielen Fällen dann eine Organspende stattfand.

Zahl der möglichen Organspender sank nicht, sie stieg

Laut der im "Deutschen Ärzteblatt" veröffentlichten Analyse ist die Zahl der möglichen Organspender in dem Zeitraum nicht gesunken, sondern sogar gestiegen, von 23.937 im Jahr 2010 auf 27.258 im Jahr 2015.

Als mögliche Organspender galten jene Verstorbenen mit einer schweren, unumkehrbaren Hirnschädigung, die beatmet wurden und bei denen keine Krankheit vorlag, die eine Organspende ausschloss. Nicht all diese Verstorbenen kamen aus medizinischer Sicht tatsächlich als Organspender infrage. In einem Modellprojekt der DSO, das 2010 bis 2012 an mehreren Kliniken lief, kontaktierten die Krankenhäuser in knapp 32 Prozent dieser Fälle die DSO, um die Möglichkeit einer Spende zu klären. Und etwa jeder zehnte mögliche wurde tatsächlich zum Spender. Das heißt: Wenn es in den Krankenhäusern optimal läuft, sind ähnliche Zahlen zu erwarten.

 


 

 

Die Krankenhäuser melden zu wenige mögliche Spender

Doch im Schnitt kontaktierten die Kliniken in Deutschland nur in 11,5 Prozent der Fälle die DSO - im Jahr 2010. Bis 2015 sank die Quote sogar auf 8,2 Prozent. So gab es 2015 nur 2245 Meldungen an die DSO.

Es wurden nicht nur weniger Fälle gemeldet, sondern auch der Anteil der daraus folgenden tatsächlich umgesetzten Organspenden ging etwas zurück. 2010 folgte auf fast jede zweite Meldung (47 Prozent) eine Organspende, 2015 war dies nur in knapp 40 Prozent der Fälle so. Im Modellprojekt war die Quote allerdings mit 32 Prozent noch niedriger. Dass auf eine Meldung keine Organspende folgt, kann auch medizinische Gründe haben und nicht nur den, dass Angehörige die Spende ablehnen.

Eine aktuelle Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) zeigt sogar: Immer mehr Menschen in Deutschland haben einen Organspendeausweis und die Einstellung zum Thema ist so positiv wie nie.

2780 Spenden - statt 877

 

Das Fazit der Mediziner lautet deshalb: Der zunehmende Mangel an Organspendern lässt sich nicht dadurch erklären, dass es zu wenige mögliche Spender gibt. Stattdessen ist Kern des Problems, dass die Krankenhäuser diese zu selten erkennen und melden.

Würden alle Kliniken so arbeiten wie im Rahmen des DSO-Modellprojekts, hätte es in Deutschland im Jahr 2015 statt 877 etwa 2780 Organspenden gegeben, rechnet das Team um Kevin Schulte von der Uniklinik Kiel vor.

Schulte weist auf ein interessantes Detail hin: Nachdem im Sommer 2012 der Organspendeskandal bekannt wurde, sank die Meldequote deutlich ab. "Der Skandal hat die Ärzte eingeschüchtert", vermutet er.

Auch die Reform der Organspende im Jahr 2012 hat offensichtlich nicht gefruchtet. Demnach müssen alle Entnahmekrankenhäuser einen Transplantationsbeauftragten haben - was die Meldequoten eigentlich hätte verbessern müssen. Doch trotz der Änderung sind die Zahlen an vielen Kliniken nicht gestiegen.

Laut Schulte sind die Unterschiede sowohl zwischen Regionen als auch zwischen einzelnen Kliniken groß. Das deutet darauf hin, dass das Problem nicht in erster Linie bei der Gesetzgebung oder den allgemeinen Rahmenbedingungen in Deutschland liegt, sondern lokal in den jeweiligen Kliniken.

Wie sich die Probleme konkret lösen lassen? Da hält sich Schulte bewusst zurück. In der Studie ging es schließlich darum, erst einmal die genaue Ursache zu ergründen.

Allerdings hält er angesichts des Ergebnisses die Debatte darüber, ob wir in Deutschland eine Widerspruchsregelung einführen müssen, für verfehlt. "Wenn die, die als Spender infrage kommen, nicht von den Kliniken gemeldet werden, dann liegt das Problem woanders - und wir müssen nicht die Freiheit der Bürger einschränken", findet Schulte.

 


 

Medizin

Krankenhäuser könnten die Zahl der Organspenden maßgeblich steigern

Donnerstag, 5. Juli 2018



Kiel – Organspenden von Verstorbenen sind seit 2010 um 30 %

zurückgegangen. Ursache dafür sind aber nicht etwa weniger potenzielle

Organspender – die haben zwischen 2010 und 2015 sogar um fast 14 %

zugenommen. Forscher um Kevin Schulte und Thorsten Feldkamp des

Universitätsklinikums Schleswig-Holsteins in Kiel machen die

Entnahmekrankenhäuser verantwortlich. Diese würden mögliche

Organspender immer seltener erkennen und melden. Das ergab eine

deutschlandweite Analyse von mehr als 100.000 Behandlungsfällen, die im

Deutschen Ärzteblatt publiziert wurde (Dtsch Arztebl Int 2018; 115(27-28):

463-8).

Die Zahl der Todesfälle mit einer schweren Hirnschädigung sowie der Anteil der  Patienten mit einer Beat­mungs­therapie vor dem Tod hat zugenommen. So kommt es, dass auch die Zahl der möglichen Organspender in Deutschland zwischen 2010 und 2015 von 23.937 auf 27.258 gestiegen ist. Dass dieser Trend dennoch in sinkenden post­mortalen Organspenden endet, geht nicht, wie so oft vermutet, allein zulasten des Vertrauensverlusts aufgrund des Organallokationsskandals 2012.

Die Analyse des Forscherteams zeigt deutlich, dass es sich vor allem um ein organi­satorisches Problem in den Kliniken handelt. Diese kontaktieren die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) in Bezug auf Organspenden immer seltener. Dabei sind seit dem 1.8.2012 laut Transplantationsgesetz alle Entnahmekrankenhäuser dazu verpflichtet, einen Transplantationsbeauftragten zu benennen und mögliche Organ­spender an die DSO zu melden. Die Kontaktquote lag 2010 bei 11,5 % und 2015 nur noch bei 8,2 %. Ebenso sank die Zahl realisierter Organspenden und somit auch die Konversionsquote (Realisations-/Kontaktquote) von 47 auf 39,1 %.



Unterschiede zwischen Ost und West

Die Autoren der Studie im Deutschen Ärzteblatt weisen auch darauf hin, dass sich Kontakt- und Realisationsquoten erheblich regional und zwischen den analysierten Universitätskliniken und Krankenhäusern unterscheiden – teilweise um mehr als das 10fache. In den neuen Bundesländern sei die Kontaktquote weniger stark abgefallen, als in den alten Bundesländern.

Ein besseres Meldeverhalten der Entnahmekrankenhäuser könnte die Zahl der Organ­spenden maßgeblich steigern, schlussfolgern die Autoren aus den neuen Daten. Eine zunehmend ablehnende Einstellung der Betroffenen und deren Angehörigen gegen­über der Organspende habe hingegen nur geringfügig Einfluss auf den Rückgang der Spenden. © gie/aerzteblatt.de

 

Pressemitteilung der Bundeszentrale für gesundheitliche 
Aufklärung (BZgA)  vom 05.07.2018:

Bei Auslandsreisen an den Organspende-Ausweis denken

Unterschiedliche Regelungen zur Organentnahme in Europa: BZgA bietet Dokumente in 28 
Landessprachen zum Download an

Köln, 05. Juli 2018. Reisende ins europäische Ausland sollten sich vorab darüber 
informieren,wie die Organ- und Gewebespende im Reiseland geregelt ist. 
Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) rät Reisenden, einen gültigen 
Organspendeausweis in der jeweiligen Landessprache mitzuführen. Unter welchen Umständen 
die Organe einer verstorbenen Person für eine Organspende entnommen werden dürfen, ist 
in den Ländern Europas gesetzlich nicht einheitlich geregelt. 
Generell greift bei einem Todesfall im Ausland das jeweilige Landesgesetz, 
unabhängig von der Nationalität der verstorbenen Person. 

In Deutschland gilt die sogenannte Entscheidungslösung. Alle Bürgerinnen und Bürger 
sollen durch regelmäßige Information in die Lage versetzt werden, eine unabhängige 
Entscheidung für oder gegen die Organ- und Gewebespende zu treffen. Organe oder Gewebe 
dürfen nur entnommen werden, wenn die verstorbene Person dem zu Lebzeiten zugestimmt 
hat - etwa auf einem Organspendeausweis oder in einer Patientenverfügung. 
Liegt keine Entscheidung vor, müssen die Angehörigen diese stellvertretend treffen. 
In Dänemark, Griechenland, Großbritannien, Litauen, Rumänien und der Schweiz gilt 
die Zustimmungslösung. 
Hier dürfen Organe und Gewebe ebenfalls nur entnommen werden, wenn die Zustimmung 
der verstorbenen Person oder die der Angehörigen vorliegt. In Ländern, wie zum 
Beispiel Frankreich, Italien, Polen, Spanien,Österreich und der Türkei, wird die 
Organ- und Gewebespende durch die Widerspruchslösung geregelt. 
Hier dürfen Organe grundsätzlich zur Transplantation entnommen werden, wenn die 
verstorbene Person zu Lebzeiten nicht ausdrücklich widersprochen hat. 

Für Urlauber im Ausland gilt: Der ausgefüllte Organspendeausweis aus Deutschland 
dokumentiert die persönliche Entscheidung für oder gegen eine Organspende. 
"Es ist bei einem Auslandsaufenthalt ratsam, neben einem Organspendeausweis in 
deutscher Sprache auch einen Ausweis in der Landessprache mitzuführen",erklärt 
Dr. med. Heidrun Thaiss, Leiterin der BZgA. So wird die persönliche 
Entscheidung für oder gegen die Organ- und Gewebespende auch im Ausland verstanden. 

Die BZgA stellt den Organspendeausweis in 28 Sprachen zum Download und Ausdruck unter 
https://www.organspende-info.de/organspendeausweis/bestellen zur Verfügung. 
Sobald die Daten zur persönlichen Entscheidung in die vorgegebenen Felder eingetragen 
sind und eine Unterschrift erfolgt ist, ist der Organspendeausweis gültig. 

Information zur Organ- und Gewebespende finden Sie unter:
http://www.organspende-info.de 

Gesetzliche Regelungen in Europa:
https://www.organspende-info.de/infothek/gesetze/europa-regelungen

Weitere Informationen gibt es unter:
http://www.bundesgesundheitsministerium.de/Organspende 

Kostenlose Bestellung der BZgA-Materialien unter:
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, 50819 Köln
Online-Bestellsystem: http://www.bzga.de/infomaterialien 
Fax: 0221/8992257
E-Mail: order@bzga.de 

-------------------
Kontakt:
Pressestelle der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA)
Maarweg 149-161
50825 Köln
pressestelle@bzga.de
https://www.bzga.de
https://twitter.com/bzga_de

 

 

 

Österreich führend bei Organtransplantionen

2. Juli 2018

 

Der Transplant-Jahresbericht 2017 weist Österreich bei

Organtransplantationen im Spitzenfeld aus Österreich nimmt im

internationalen Vergleich bei den Organtransplantationen eine

Position in den vordersten Rängen ein. 2017 gab es etwas mehr

Organverpflanzungen als im Jahr davor. Allerdings befanden sich

Ende 2017 etwa genau so viele Menschen auf der Warteliste. Dies

geht aus dem aktuellen "Transplant-Jahresbericht 2017" der

Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) hervor.

 

"2017 wurden in Österreich 789 Organtransplantationen

durchgeführt, 717 mit Organen von Verstorbenen, 72 stammten

von Lebendspendern. Im Vergleich zum Vorjahr ist somit die

Anzahl der Transplantation mit Organen von Verstorbenen nahezu

gleich geblieben (2016: 711). Die Anzahl der Transplantationen

von Lebendspendern ist ebenfalls gleich geblieben (2015: 69)",

hieß es zu dem Report.

 

Wie lange man wartet

Allerdings, wie die Autoren des Berichts ebenfalls feststellten:

Ende 2017 warteten 780 Patienten auf ein geeignetes

Spenderorgan, was in Summe etwa der Ein-Jahres-Zahl der

Transplantationen entspricht. Während man auf eine Niere im

Median (die Hälfte der Betroffenen länger, die Hälfte der Patienten

kürzer; Anm.) 39,5 Monate wartet, liegen die Wartezeiten bei

Herz (median 3,3 Monate), Lunge (3,7 Monate) und Leber (zwei

Monate) unter einem Jahr. Diese medianen Wartezeiten sind beim

Herzen gleich geblieben, bei der Lunge geringfügig gestiegen, bei

Leber und Niere gegenüber dem Vorjahr geringfügig verkürzt.

Weiterhin sterben auch in Österreich noch immer Menschen auf

den Transplantations-Wartelisten. -

 

Insgesamt weist der Report im aktuellen Vergleich (2016) von 23

europäischen Staaten für Österreich eine sehr gute Position bei

den oft lebensrettenden Eingriffen aus: Nach Spanien mit 104,6

Organtransplantationen pro Million Einwohner folgen Belgien

(92,2) und Frankreich (91,6). Dann kommt schon Österreich mit

89,6 solcher Operationen pro Million Einwohner.

In Deutschland sind es mit 45,1 Transplantationen pro Million

Einwohner nur etwa die Hälfte. Das liegt an der in Deutschland

geltenden gesetzlichen Regelung für Organentnahmen. Die

Schweiz (61,1) ist ebenfalls deutlich schlechter positioniert als

Österreich. -

 

Wie viele Spender es gab es

Im Jahr 2017 wurden in Österreich 373 verstorbene Personen als

potenzielle Spender gemeldet und 206 Organspenden davon in

der Folge auch realisiert. Das bedeutet im Vergleich zum Vorjahr –

379 gemeldete und 207 realisierte Organspender – einem

Gleichbleiben des Aufkommens an Organen und entspricht einer

Rate von 23,8 Spendern pro Million Einwohner – im Vergleich zu

22,7 in 2015.

 

Auch hier liegt Österreich weit vorn, wenn man die europäischen

Staaten betrachtet. Bei den Meldungen von potenziellen

Organspendern (nicht aussagekräftig, dass dann auch Organe

verwendet wurden) ist Spanien ebenfalls Spitze – mit einer Rate

von 43,8 pro Million Einwohner (2016). In Österreich waren es

24,9.

 

Sehr unterschiedlich sind die Organspendermeldungen der

österreichischen Krankenhäuser. Die Zahlen für 2017 (je Million

Einwohner): In Wien waren es 20,9, in Niederösterreich 18,0, in

Eisenstadt nur 10,3. Dafür erreichten Kärnten (39,2) und Tirol

(29,5) die Spitzenwerte. In der Steiermark waren es 21,8

gemeldete Spender pro Million Einwohner, in Vorarlberg 20,6, in

Salzburg 20,0 und in Oberösterreich 23,9.

 

Global vernetzt

Stabil ist die Situation auch bei den Stammzellspenden und

Stammzelltransplantationen (z.B. Knochenmark). Im Jahr 2017

waren insgesamt rund 67.200 Spender im österreichischen

Register erfasst. Durch die internationale Vernetzung mit anderen

Registern stehen derzeit weltweit rund 31,9 Millionen

Stammzellspender zur Verfügung.

 

Für rund 80 Prozent aller Patientinnen und Patienten in Österreich

kann ein Fremdspender gefunden werden. Die durchschnittliche

Suchdauer bis zur Identifizierung eines immunologisch passenden,

nichtverwandten Spenders lag im Jahr 2017 bei durchschnittlich

28 Tagen. 2017 wurden insgesamt 551

Stammzelltransplantationen durchgeführt. Im Vergleich zum

vergangenen Jahr stellte das einen Rückgang um rund 2,3 Prozent

dar. (APA, 2.7.2018)

 

 

 

02.07.2018 – Pressemitteilungen

Spitzenbewertung für das Herz- und Diabeteszentrum

 

 Prof. Dr. Jan Gummert, Ärztlicher Direktor des HDZ NRW, und Geschäftsführerin Dr. Karin Overlack freuen sich über die aktuelle Auszeichnung für Spitzenmedizin (Foto: Armin Kühn).

 

Eine aktuelle Studie hat rd. 2.000 Krankenhäuser auf der Basis von Qualitätsberichten und Bewertungsportalen ausgewertet – Lob für die Mitarbeiter des HDZ NRW

Die Untersuchung des F.A.Z. Instituts und der International School of Management (Dortmund) in Zusammenarbeit mit dem Faktenkontor Hamburg hat sich der Bewertung von rd. 2.000 Krankenhäusern in Deutschland gewidmet. Das Ergebnis: In der Gesamtbewertung aller Häuser liegt das Herz- und Diabeteszentrum NRW (HDZ NRW), Bad Oeynhausen, auf Rang 16. Betrachtet man ausschließlich die auf Herz- und/oder Diabetespatienten spezialisierten Einrichtungen, so liegt das HDZ NRW an erster Stelle.

„Wir freuen uns sehr über diese großartige Auszeichnung“, betonen Geschäftsführerin Dr. Karin Overlack und Prof. Dr. Jan Gummert, Ärztlicher Direktor des HDZ NRW. „Die Anerkennung gilt einmal mehr unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die sich tagtäglich in allen Bereichen unseres Klinikums für eine individuell am Patienten ausgerichtete, interdisziplinäre Spitzenmedizin einsetzen.“

Im Vergleich zu bisherigen Erhebungen wurden mit der vorliegenden Studie erstmals sowohl die offiziellen Qualitätsdaten der Krankenhäuser ausgewertet als auch die Daten aus öffentlichen Bewertungsportalen und Patientenbefragungen berücksichtigt, wie sie u.a. die Techniker Krankenkasse durchführt. Sie fasst damit klinische Fakten sowie Faktoren der allgemeinen Zufriedenheit mit der Einrichtung zusammen. Beurteilungen zur Weiterempfehlung, zur medizinischen Behandlung, aber auch zur Beratungsqualität, zu Abläufen der Verwaltung und zur Ausstattung der Klinik fließen dort mit ein. Sämtliche Daten wurden im Februar 2018 abgerufen und mit den Qualitätsberichten zusammengeführt.



Weitere Informationen:
Herz- und Diabeteszentrum Nordrhein-Westfalen
Universitätsklinik der Ruhr-Universität Bochum
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Leitung: Anna Reiss
Georgstr. 11
32545 Bad Oeynhausen
Tel. 05731 97-1955
Fax 05731 97-2028
E-Mail: info@hdz-nrw.de

 

 

01.07.2018 11:18


Hochdotierter Kinderherz-Forschungspreis geht nach Bad Oeynhausen

Anna Reiss Presse- und Öffentlichkeitsarebeit

Universitätsklinik der Ruhr-Universität Bochum - Herz- und Diabeteszentrum NRW Bad Oeynhausen

Privatdozent Dr. Kai-Thorsten Laser erhält den Hauptpreis in Höhe von 100.000 Euro für das innovative Projekt „Lerntherapie für Kinder mit angeborenem Herzfehler“

Als Isabel Pfeiffer-Poensgen, Ministerin für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW, am Freitagabend im Dortmunder Orchesterzentrum den Hauptpreisträger des diesjährigen KinderHerz-Innovationspreises verkündete und Privatdozent Dr. Kai-Thorsten Laser auf das Podium rief, war der Jubel groß und die kleine Sensation für die aus Bad Oeynhausen mitgereisten Freunde und Kollegen perfekt. Voller Freude durfte der Wissenschaftler und Kinderkardiologe des Herz- und Diabeteszentrum NRW (HDZ NRW), Bad Oeynhausen, die mit 100.000 Euro dotierte Trophäe für Forschungsmittel entgegennehmen.

„Das ist wundervoll! Mit dieser großartigen Unterstützung können ganz wichtige Förderungsmöglichkeiten für Kinder geschaffen werden, die mit einer schweren Herzfehlbildung geboren werden“, betonte Laser dankbar, der seit 2005 in der Bad Oeynhausener Klinik für Kinderkardiologie und angeborene Herzfehler unter der Leitung von Prof. Dr. Deniz Kececioglu forscht und arbeitet, 2009 dort Oberarzt wurde und seit 2015 stellvertretender Klinikdirektor ist.

Der erfahrene Kinderkardiologe hatte die Jury mit einem Forschungsvorhaben überzeugt, das sich nicht nur mit einem höchst innovativen und interdisziplinären Ansatz, sondern vor allem durch die Nähe zu den kleinen Patienten und seinen unmittelbaren Nutzen von den weiteren sieben nominierten Projekten besonders hervorhob.

Innovatives Kooperationsprojekt

Laser will eine neuartige Lerntherapie für herzkranke Kinder entwickeln. „Komplizierte Herzfehler, die schon im frühen Säuglingsalter behandelt werden müssen, können die körperliche und geistige Entwicklung der betroffenen Kinder beeinträchtigen“, erläutert der Herzspezialist. „Dadurch können zum Beispiel Nervenbahnen geschädigt oder nicht richtig ausgereift sein. Das erfordert eine ganz grundlegende ebenso wie individuelle lern-therapeutische Förderung.“ Die kinderkardiologische Klinik geht dazu eine Kooperations-partnerschaft mit dem Bad Oeynhausener Institut „Der Bildungskompass“ ein. Lerntherapeutin Julia Phorisch hat den Preis gemeinsam mit Dr. Laser entgegengenommen und freut sich auf die Zusammenarbeit: „Das ist ein ganz spannendes Projekt, bei dem wir Vieles bewirken können.“

Hintergrundinformation:
Mit dem „KinderHerz-Innovationspreis NRW 2018“ zeichnet das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen zum zweiten Mal herausragende Forschungsprojekte in der Kinderherzmedizin aus. Gestiftet wird der Preis von der gemeinnützigen Stiftung KinderHerz (Sitz: Essen, Geschäftsführerin: Sylvia Paul). Die eingereichten Projekte werden von einer unabhängigen Jury beurteilt und nach drei Kategorien vergeben werden. Die Preisträger 2018:
Innovative Forschung: PD Dr. Kai-Thorsten Laser, Herz- und Diabeteszentrum NRW, Bad Oeynhausen. „Lerntherapie für Kinder mit angeborenem Herzfehler“ (100.000 Euro).
Nachwuchs: Nicolas Börter, Universitätsklinikum Bonn. „Die Ernährung von herzkranken Kindern verbessern“ (25.000 Euro).
Pflege: Angela Kertz, Universitätsklinikum RWTH Aachen, „Die Erforschung der Pflege von herzkranken Kindern bis ins Erwachsenenalter“ (25.000 Euro).
Ein zusätzlicher Crowdfunding-Preis geht an Hans Kejdener vom Institut für Angewandte Medizintechnik der RWTH Aachen für das Forschungsprojekt „Entwicklung eines biologischen Elektrokabels für das Herz“.


Weitere Informationen:

https://www.youtube.com/watch?v=pjJdZxTZ4Us
http://www.stiftung-kinderherz.de
http://www.hdz-nrw.de
http://www.derbildungskompass.de

 

 

Mitteldeutsche Zeitung: Sachsen-Anhalt/Politik Tiefstand bei Organspenden: Experte kritisiert Verhältnisse an Kliniken

Mitteldeutsche Zeitung

Mittwoch der 27. Juni 2018 - 2:00 Uhr

Halle (ots) - Hans Lilie, Vorsitzender der Ständigen Kommission Organtransplantation der Deutschen Ärztekammer, stellt sich nicht hinter die Forderungen nach einer Widerspruchslösung bei der Organspende. "Meiner Meinung nach ist es zweitrangig, ob wir eine Entscheidungs-, Zustimmungs- oder eine Widerspruchslösung haben", sagte er der in Halle erscheinenden Mitteldeutschen Zeitung (Mittwoch-Ausgabe) . "Was nützt eine Widerspruchslösung, wenn auf den Intensivstationen der Gedanke der Organspende gar nicht entwickelt werden kann, wenn einfach die Zeit fehlt", fügte er hinzu. Zwar sei es richtig, dass in Ländern, in denen die Widerspruchslösung gelte, die Zahl der Spender höher sei als in Deutschland. Das sei aber nicht allein entscheidend. "Denn in diesen Ländern ist traditionell die Aufmerksamkeit für die Organspende höher. Dort wird diesem Thema im Klinikalltag mehr Zeit eingeräumt. Und auch die Strukturen sind darauf ausgerichtet." Außerdem, bei genauerer Betrachtung praktizierten diese Länder eigentlich die Zustimmungslösung. Denn es ist ja praktisch unvorstellbar, dass ein Arzt den Angehörigen nach einem womöglich schockierenden Todesfall sagt: Jetzt gehen wir in den OP und entnehmen ihrem Verstorbenen die Organe, weil kein Widerspruch vorliegt." Er werde auch bei einer Widerspruchslösung nicht gegen ihren Willen handeln. "Insofern ist es nicht entscheidend, ob wir eine Widerspruchs- oder Zustimmungslösung praktizieren. Entscheidend sind meines Erachtens ausreichend Zeit für das Engagement der Ärzte und Pflegenden auf den Intensivstationen und die notwendigen strukturellen Anpassungen." Im vergangenen Jahr hatte die deutschlandweite Zahl der Organspender mit 797 den tiefsten Stand seit 20 Jahren erreicht. Seitdem wird von Ärzten und Politikern der Ruf nach einer Widerspruchslösung lauter. Dabei kommt als Organspender in Frage, wer zu Lebzeiten einer Organentnahme nicht ausdrücklich widersprochen hat. In Deutschland gilt die Entscheidungslösung, nach der die Organentnahme nur zulässig ist, wenn eine Zustimmung vorliegt.

Pressekontakt: Mitteldeutsche Zeitung Hartmut Augustin Telefon: 0345 565 4200 hartmut.augustin@mz-web.de

 

 

 

NACHRICHTEN

24/06/2018 11:45 CEST | Von Anna Rinderspacher


Organspende: Baby braucht neues Herz – in Deutschland ist das ein Todesurteil

In Deutschland gibt es zu wenig Organspender.

Ein Schmetterling sitzt auf der Wange der einjährigen Aria. Das Kind lacht, seine Augen leuchten. Sie gluckst und streckt die Arme aus. Sie wackelt mit Armen und Beinen. Am liebsten würde sie mit ihren Brüdern auf der Wiese um die Wette rennen. Doch das geht nicht.

Aria befindet sich im Krankenhaus. Die Kleine wird über eine Magensonde ernährt. Das schmetterlingsförmige Pflaster auf ihrer Wange fixiert den Schlauch, der dem Kind durch die Nase flüssige Nahrung zuführt.

 

Ein Schmetterling, das passt zu dem kleinen Mädchen, das so vielen Menschen Freude bringt, aber selbst so wahnsinnig zerbrechlich ist.

Privat Aria Draffin braucht ein neues Herz.

Aria braucht dringend ein neues Herz

Der 13. November 2017 ist ein Tag, den Aria Draffins Familie wohl nie vergessen wird. Am Nachmittag fängt das damals fünf Monate alte Kind an zu weinen. Sie lässt sich nicht beruhigen, wird kalt und blass. Dann hört ihr Herz auf zu schlagen.

Arias Großvater Martin Gruber befindet sich im Nebenzimmer, als er die verzweifelten Schreie seiner Tochter Sabrina hört. Er eilt zu ihr ins Wohnzimmer und findet die junge Mutter mit ihrem leblosen Kind im Arm.

Gruber beginnt seine Enkeltochter zu reanimieren. Das schlimmste an dem Vorfall sei die Viertelstunde des Wartens auf den Rettungswagen gewesen, wird er später sagen. 

Im Krankenhaus erfährt die Familie: Aria wurde mit einem Herzfehler geboren. Ihre linke Herzklappe ist größer als ihre rechte. Dadurch kommt es zu Unregelmäßigkeiten bei der Blutversorgung – dilatative Kardiomyopathie (DCM) nennt sich die Erkrankung.

In Deutschland sind etwa 6 von 100.000 Menschen von DCM betroffen. Innerhalb der ersten zehn Jahre nach der Diagnose versterben 85 bis 90 Prozent der Patienten. Häufig sind die Folgen der Herzschwäche oder ein plötzlicher Herztod die Ursache.

Jeden Tag sterben drei Menschen in Deutschland, weil sich nicht rechtzeitig ein Organspender gefunden hat

Nach der Diagnose der Ärzte ist auch klar: Aria braucht ein neues Herz. Und das kommt in Deutschland einem Todesurteil gleich. 

Denn in kaum einem europäischen Land gibt es so wenige Organspender wie in Deutschland. Besonders wenige Spender gibt es im Kindesalter.

Aria müsste wohl zwei Jahre auf ein Spenderherz warten.

Doch soviel Zeit bleibt dem Mädchen wahrscheinlich nicht. Schon jetzt muss sie über eine Magensonde ernährt werden, weil sie zu schwach ist, um selbst Nahrung aufzunehmen.

Die Herzfunktion reicht nicht aus, dass das Kind sich alleine am Leben erhält”, erklärt die Erlanger Ärztin Helga Prießmann, die Aria behandelt, gegenüber dem ARD-Magazin “Brisant”.

Prießmann weiß:

 

 

Die Kleine kämpft um ihr Leben, ehe es richtig begonnen hat

Ein Schock für Arias Familie. “Mir war nicht klar, wie schlecht die Aussichten auf ein Spenderherz in Deutschland sind”, sagt Arias Mutter Sabrina im Gespräch mit der HuffPost.

Die Stimme der 28-Jährigen wirkt überraschend gefasst, wenn sie über ihre Tochter spricht. 

Die Bindung zwischen Aria und ihrer Mama ist extrem eng. Wenn die Kleine aufwacht und sie nicht sofort sieht, fängt sie an zu weinen”, erzählt Arias Tante, Daniela Lichei.

Aria ist ein fröhliches, aufgewecktes Mädchen und ist wahnsinnig interessiert an ihrer Umwelt”, beschreibt Lichei ihre Nichte. “Wir sagen immer wenn sie könnte, wie sie wollte, würde sie allen davon rennen. Sie liebt einfach den Trubel.”

Wenn es ihr schlechter geht, merkt man ihr das auch deutlich an”, erzählt Lichei. “Sie trinkt dann schlechter, schläft vermehrt und ist insgesamt einfach anders als sonst.” 

Eine OP in den USA könnte Aria retten

Doch Aria hat Glück im Unglück: Weil ihr Vater US-Amerikaner ist und das Kind die doppelte Staatsbürgschaft besitzt, kann sie in den USA operiert werden. Dort ist die Wartezeit auf ein Spendenorgan erheblich kürzer.

 

Am 12. Juni wurde die Einjährige deshalb in die USA geflogen. Seit dem 19. Juni ist sie auf der US-Transplantationsliste als höchst dringlich gelistet. Innerhalb der nächsten zwei Monate kann das Mädchen mit einem neuen Herz rechnen.

Dass die Chancen auf ein Spenderorgan in den USA soviel besser stehen, liegt nicht allein an der größeren Bevölkerungszahl. Und auch nicht an der Einstellung der Menschen.

Wie kann es also sein, dass die Zahl der Organspender hierzulande dennoch so niedrig ist? 

Sich mit dem Thema Organspende auseinanderzusetzen, bedeutet, sich mit seiner eigenen Sterblichkeit auseinander zu setzen. Viele wollen das von sich schieben”, sagt Birgit Blome von der Deutschen Stiftung Organspende.

Zudem gäbe es strukturelle Mängel in Krankenhäusern, die zu Versäumnissen führen. “Wir wissen alle, wie es in vielen Intensivstationen zugeht: Viel Arbeit, wenig Personal. Oft wird gar nicht an Organspende gedacht.”

Diese Erfahrung hat auch Sabrina Draffin gemacht.

Mir wurde gesagt, dass viele Ärzte gar nicht in Richtung Organspende geschult werden. Sie sprechen gar nicht mit den Familien über die Möglichkeit”, sagt die 28-Jährige.

Familien müssen über Organspende sprechen, bevor es zum Ernstfall kommt

Das Schicksal ihrer Tochter hat die junge Mutter dazu bewegt, sich mit dem Thema Organspende auseinanderzusetzen.

Vorher habe ich mir darüber nie Gedanken gemacht. Wenn man nur gesunde Kinder hat, beschäftigt man sich nicht damit, dass sie sterben könnten.”

Weiter sagt sie: Für mich spricht nichts gegen eine Organspende. Der Mensch ist ja in dem Moment hirntot, ich versuche das deshalb nüchtern zu betrachten.”

Dass Eltern diese Entscheidung im Moment der Trauer und des Verlustes treffen sollen, hält sie für zu viel verlangt. Draffin wünscht sich deshalb, dass mehr Familien über die Möglichkeit einer Organspende sprechen – bevor es zum Ernstfall kommt.

Das wäre ein guter Anfang. Denn nicht jede Familie mit einem kranken Kind hat die Möglichkeit in die USA auszuweichen.

 

 

 

 

Opioid- Krise bringt USA mehr Spenderorgane

Durch die verheerende Opioid-Epidemie ist die Menge der verfügbaren

Spenderorgane in den USA unerwartet gestiegen:Die Zahl der Drogentoten, die

mindestens ein Organ spendeten, hat sich von 59 (2000) auf 1029 (2016) erhöht.

Fast 14 Prozent sämtlicher Organspenden gehen mittlerweile darauf zurück.

Doch wie sicher sind die Organe von Drogentoten für die 110.000 Menschen, die in

den USA dafür auf der Warteliste stehen? Forscher der University of Utah in

Brigham geben nun zumindest für Lungen und Herzen grünes Licht.

Sie sichteten die Transplantationsakten von 2.360 Patienten aus 17 Jahren und

fanden heraus: Spender-Herzen und-Lungen von Drogentoten

funktionierten ein Jahr nach der Transplantation genauso gut wie diejenigen von

Menschen, die an einem Schlaganfall, Hirnblutungen oder Schusswunden

gestorben waren. Das Team um Mandeep Mehra berichtet darüber im New England

Journal of Medicine. „Wir waren überrascht zu sehen, dass fast die gesamte

Erhöhung der Transplantationsaktivität in den USA der vergangenen fünf Jahren

auf die Drogen- Krisen zurückgeht“,berichtet der Arzt.

dpa

 

 

 

 

 

22.06.2018

Keine Luft zu bekommen,ist ein Alptraum – der für Millionen von Menschen

allerdings regelmäßige Realität ist. COPD (chronic obstructive

pulmonary disease) oder chronisch obstruktive Lungenerkrankung geht mit

verengten Atemwegen einher und senkt die Lebensqualität der

Betroffenen. Die Mehrheit der Deutschen hat den Begriff COPD noch nie gehört –

und das, obwohl hierzulande laut der BOLD-Studie (Burden of Obstructive Lung

Disease), an der sich die Medizinische Hochschule Hannover  beteiligte, im Jahr

2030 mit 7,9 Millionen Betroffenen zu rechnen ist. Ausgelöst  wird COPD in der

Regel durch Rauchen.

20 Millionen der rund 511 Millionen EU-Bürgerkämpfen mit COPD, 36 Millionen

mit Asthma. Laut WHO leiden weltweit 600 Millionen Menschen an chronischen

Atemwegserkrankungen, jedes Jahr versterben 3,5 Millionen Menschen an den

Folgen. Jene pneumologischen Erkrankungen verursachen direkt und indirekt, etwa

durch Arbeitsausfälle, allein in Europa jährlich Kosten in Höhe von 82,3 Milliarden

Euro. Diese sind  auch deswegen so hoch, weil die Patienten die Inhalationsgeräte

falsch verwenden, was oft Krankenhausaufenthalte nach sich zieht. „COPD wird

trotz seiner Gefährlichkeit und Verbreitung noch stark unterschätzt. Viele Patienten

ahnen gar nicht, dass sie die Inhalationsgeräte falsch  gebrauchen, weil ihnen das

niemand demonstriert. Die Digitalisierung bringt nun  frischen Wind in die Medizin

und den Patienten neuen Atem“, so Dr. Gerhard  Scheuch, Lead-Investor der Vision

Health GmbH, die mit Kata eine App entwickelt hat, die Erkrankten beim Gebrauch

der Geräte effektiv helfen soll. Als Business  Angel ist er an verschiedenen Life-

Science- und Healthcare-Startups beteiligt und  verfügt über weitreichende

Erfahrung auf dem Gebiet der Behandlung von  Atemwegserkrankungen. Sport in

Maßen, die richtige Ernährung und Impfung bei  gleichzeitigem Verzicht auf

ungesunde Gewohnheiten wie Rauchen sind wichtig  bei der Behandlung.

Medikamentös lässt sich COPD analog zu Asthma behandeln;  die Mehrheit der

Betroffenen verwendet Inhalationsgeräte. Entscheidend für den   Erfolg der

Behandlung aber ist neben der korrekten Anwendung der Geräte nicht  zuletzt die

Therapietreue, das heißt die regelmäßige Einnahme von  Dauermedikamenten.

Kata ermöglicht als digitaler Assistent dank künstlicher  Intelligenz und

Augmented Reality eine effektive Inhalationstherapie für sämtliche  verfügbare

Inhalationsgeräte. Die App leitet den Nutzer an,misst die  aufgenommene Menge

des Wirkstoffs, erinnert an Anwendungen, analysiert den Gebrauch und gibt

Rückmeldung,um Inhalationstechnik und Therapietreue zu verbessern.

Mit ausdrücklicher Genehmigung der Patienten und unter strikter Einhaltung des

Datenschutzes aggregiert Kata anonymisierte Datensätze. Diese erlauben es

Wissenschaftlern, Therapien weiterhin zu optimieren. Und ganz nebenbei senkt die

Therapietreue auch die Behandlungskosten, da die Inhalationsgeräte effizienter

genutzt werden.Um die anstehenden Entwicklungsschritte und die Vorbereitung zur

Markteinführung von Kata umsetzen zu können, präsentiert sich die Vision Health

GmbH derzeit einem großen Publikum auf der auf Gesundheitsunternehmen

spezialisierte Crowdinvesting- Plattform aescuvest. Anleger haben dort bereits

knapp 60.000 Euro investiert.

dpa

Anmerkung:

Sie auch:

https://www.pressetext.com/news/20180425015

 

 

 

 

NW 22.06.2018

 

Von Florian Pfitzner

 

¥ Düsseldorf

Die Gesundheitsminister haben angesichts der rückläufigen Zahl an

Organspenden Alarm geschlagen. „Das ist eine Situation, die so nicht weiter geht“,

sagte der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister Karl-Josef

Laumann(CDU)nach der Jahrestagung mit den Länderressortchefs in Düsseldorf.

Jeder solle künftig eine Entscheidung treffen, wie man zur Organspende steht.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) stellte sich  hinter Laumanns

Forderung nach einer breiten Auseinandersetzung. „In Deutschland warten 10.000

Menschen voller Hoffnung auf ein Organ“, sagte Spahn. Wenn sich die Mehrheit

der Deutschen für das Thema grundsätzlich  aufgeschlossen zeige, dann „müssen

wir es verbindlicher machen“. Derzeit haben  32 Prozent der Deutschen einen

Organspendeausweis. Zwischen 2009 und 2017 ist  die Quote in Nordrhein-

Westfalen von 14,5 auf 8,2 Organspender je eine Million  Einwohner gesunken.

Das entspricht einem Rückgang von rund 43 Prozent. Derzeit  warten landesweit

rund 2.000 Menschen auf ein lebensrettendes Spenderorgan.

Laumann, diesjähriger Vorsitzender der Gesundheitsministerkonferenz, schlug eine

Widerspruchslösung mit Einspruchsrecht der Angehörigen vor. Er wolle nun zu

allen 18 Kliniken mit Neurochirurgie in NRW fahren und„mit den dortigen

Entscheidungsträgern und den Transplantationsbeauftragten sprechen“.

Die Kliniken haben bei der Organspende eine Schlüsselstellung. Hamburgs

Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks strich ihre Möglichkeiten heraus.

Bislang würden in vielen Krankenhäusern nicht alle Menschen erkannt, die zu einer

Organspende bereit sein könnten. „Aus den Zahlen der Krankenhäuserwissen wir,

dass lediglich ein Bruchteil der möglichen Spenden realisiert wird“, sagte die SPD-

Politikerin. Überdies sollen Ärzte ihre Patienten verständlicher über ihre

gesundheitliche Situation aufklären. Nach jedem Krankenhausaufenthalt sollen sie

Briefe in verständlicher Sprache verfassen, sagte Laumann. Er verlangte einen

„Dialog auf Augenhöhe zwischen Arzt und Patient“. In Anbetracht der

medizinischen Versorgungslücken in ländlichen Regionensprach sich Hessens

Gesundheitsminister Stefan Grüttner (CDU) für Ärztenetzwerke aus ob als loser

Zusammenschluss oder feste Struktur.

 

 

Widerspruchslösung

́ In Deutschland gilt die Entscheidungslösung. Das bedeutet, dass eine

Organentnahme nur zulässig ist, wenn eine Zustimmung vorliegt. In vielen anderen

europäischen Ländern, mit deutlich mehr Organspendern, gilt die

Widerspruchslösung. Das bedeutet, dass Organe zur Transplantation entnommen

werden dürfen, wenn die verstorbene Person einer Organspende zu Lebzeiten nicht

ausdrücklich widersprochen hat,zum Beispiel in einem Widerspruchsregister. In

einigen Ländern haben Angehörige  das Recht, einer Organentnahme bei der

verstorbenen Person zu widersprechen, sollte keine Entscheidung der verstorbenen

Person vorliegen. ́ Organspendeausweis: www.organspende-info.de

 

 

 

Medizin  

Sozialministerin: Organspenden künftig besser bezahlen

21.06.2018, 12:29 Uhr | dpa

Für Organspenden sollten Krankenhäuser nach Ansicht von Niedersachsens Sozial- und Gesundheitsministerin Carola Reimann künftig mehr Geld erhalten. Ein von ihr mit eingebrachter Antrag wurde auf der Gesundheitsministerkonferenz in Düsseldorf verabschiedet, teilte ihr Ministerium am Freitag mit. "Eine wesentliche Ursache für die geringen Organspende-Zahlen in Deutschland ist die Tatsache, dass die Organentnahme in Krankenhäusern zu schlecht bezahlt wird - deshalb muss diese Leistung in Zukunft angemessen vergütet werden", betonte die SPD-Politikerin am Rande der zweitägigen Beratungen.

Der bundesweite Negativ-Trend werde angesichts tausender Menschen, die auf Wartelisten für ein lebensnotwendiges Spenderorgan stünden, mit großer Sorge beobachtet. Die Minister forderten daher eine in der Gesellschaft und im Bundestag zu führende Debatte zu der Frage, ob eine bewusste, verpflichtende Entscheidung jedes Einzelnen für oder gegen eine Organspende eingeführt werde sollte. Die Bundesregierung wird gebeten, per Gesetz dafür zu sorgen, dass alle Kosten bei einer Organentnahme vollständig von den Krankenkassen erstattet werden.

Ärzte sollten zudem unter strikter Wahrung des Patientenwillens in jedem in Betracht kommenden Einzelfall prüfen, ob die Voraussetzungen für eine Organspende erfüllt sind. Von einer Lebendorganspende spricht man, wenn ein Organ oder Organteil von einem lebenden Menschen auf einen anderen übertragen wird. In Deutschland werden bei solchen Spenden fast ausschließlich eine Niere und Teile der Leber übertragen. Möglich ist aber auch die Entnahme von Teilen der Lunge, der Bauchspeicheldrüse oder des Dünndarms.


Landtag

 CDU: Freistellung von Transplantationsbeauftragten

 

21.06.2018, 19:48 Uhr | dpa

Um die Zahl der Organspenden zu erhöhen, will die CDU-Fraktion im Thüringer Landtag die Stellung der Transplantationsbeauftragten in den Krankenhäusern stärken. "Wir wollen Rahmenbedingungen schaffen, die deren Arbeit konkretisiert", sagte die CDU-Abgeordnete Beate Meißner zu einem Gesetzentwurf ihrer Fraktion, über den das Plenum am Donnerstag diskutierte. Mit dem Antrag will die CDU unter anderem verbindlich festlegen, wie umfänglich die Beauftragten freigestellt werden sollen, um ihre Aufgaben zu erfüllen.

"Wir wollen, dass sie Planungssicherheit haben", sagte der CDU-Abgeordnete Christoph Zippel. Die Zeit soll sich dabei - nach bayerischem Vorbild - an der Anzahl der Intensivbetten im jeweiligen Krankenhaus orientieren.

Jörg Kubitzki (Linke) rechnete vor, dass sich die Spendequoten pro Million Einwohner in Thüringen und Bayern ähnelten. Das beweise, dass die Freistellung der Transplantationsbeauftragten dafür nicht entscheidend sei. Ines Feierabend, Staatssekretärin im Gesundheitsministerium, machte darauf aufmerksam, dass ohnehin bundeseinheitliche Regeln geplant seien, die man abwarten müsse.

Die Abgeordneten im Landtag verwiesen den Antrag für weitere Beratungen in den Justizausschuss und den Ausschuss für Soziales, Arbeit und Gesundheit.

 

 

 

Ärzte Zeitung online, 18.06.2018

Hamburg

Neues Transplantations-Gesetz soll Weichen stellen

Eine deutliche Steigerung der Organspenden erhofft sich Hamburg vom neuen Transplantationsgesetz, das kürzlich von der Bürgerschaft beschlossen wurde.

HAMBURG. Die Hansestadt hat ein neues Transplantationsgesetz. Damit werden Krankenhäuser verpflichtet, besonders qualifizierte Transplantationsbeauftragte zu bestimmen. Außerdem enthält es Vorgaben zu deren Qualifikation, Kompetenzen und Freistellung von anderen Aufgaben. Auch eine Berichtspflicht der Kliniken über mögliche und realisierte Organentnahmen an die Gesundheitsbehörde ist vorgesehen.

Nach Angaben der Gesundheitsbehörde gab es in Hamburg im ersten Quartal postmortale Spenden von 20 Personen mit insgesamt 65 Organen. Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) spricht sich für eine Widerspruchslösung aus, hält aber im ersten Schritt eine Weichenstellung in der Klinikorganisation für erforderlich: "Dort liegt im Moment das größte Potenzial, sie haben eine Schlüsselrolle."

In Hamburg besitzen 36 Prozent der Bevölkerung einen Organspenderausweis. Allerdings spendeten im vergangenen Jahr nur 24 Personen Organe. Prüfer-Storcks sieht darin eine Diskrepanz, der sie mit dem neuen Gesetz entgegenwirken möchte

Eine tragende Rolle misst sie den Transplantationsbeauftragten bei, die von allen 22 Kliniken, die Organentnahmen vornehmen, bestellt werden müssen. Größere Kliniken müssen zwei Beauftragte stellen.

Sie müssen von anderen Aufgaben freigestellt werden und benötigen eine Facharztqualifikation mit mindestens dreijähriger Berufserfahrung in der Intensivmedizin oder die Zusatzbezeichnung Intensivmedizin. Unter bestimmten Voraussetzungen können auch Pflegekräfte bestellt werden.

Eingeführt wurde auch eine Berichtspflicht für die Krankenhäuser, deren Angaben von der Behörde veröffentlicht werden. Außerdem können Behördenvertreter an den Transplantationskonferenzen in den Zentren teilnehmen. (di)

 

 

 

Forscher tüfteln am perfekten Kunstherzen

Der Plan ist ehrgeizig. Wissenschafter aus Zürich und Berlin wollen ein künstliches Herzen entwickeln, das so verträglich ist, dass keine Komplikationen auftreten. Geht der Plan auf, wird das «Zurich Heart» alle anderen Herzhilfen in den Schatten stellen.

Nicola von Lutterotti 15.6.2018, 05:30 Uhr

Dank der Verfügbarkeit besserer Therapien hat sich die Überlebensrate von Patienten mit akutem Herzinfarkt in den letzten 20 Jahren markant verbessert. Die Kehrseite dieser Erfolgsgeschichte ist, dass viele Überlebende mit der Zeit eine Herzschwäche entwickeln. Denn anders als etwa die Leber verfügt das Herz über kein nennenswertes Regenerationspotenzial. Abgestorbene Zellen kann es daher nicht ersetzen, sondern muss die entstandenen Lücken mit Narbengewebe «stopfen».

Infarkte und andere Krankheiten, die zu einem Untergang des Herzmuskels führen, münden daher immer in einen mehr oder weniger ausgeprägten Verlust der Herzkraft. Je weiter dieser fortschreitet, desto weniger kann sich der Patient belasten. Im Endstadium einer solchen Herzinsuffizienz gerät der Betroffene schon beim Anziehen oder Zähneputzen ausser Atem. Die beste therapeutische Option ist dann die Herztransplantation.

Aufgrund des Mangels an Organspendern steht diese Möglichkeit allerdings nur einer Minderheit zur Verfügung. Forscher aus aller Welt arbeiten daher seit langem an der Entwicklung von Blutpumpen, die das versagenden Herz unterstützen (Assistenzsysteme) oder es ganz ersetzen (Kunstherzen, vgl. Kasten).

Bis jetzt können die von Menschenhand geschaffenen Herzgehilfen dem evolutionären Meisterwerk aus Fleisch und Blut allerdings noch nicht das Wasser reichen. Angesichts der enormen Leistung, die unser Kreislauforgan vollbringt, ist das auch nicht erstaunlich. So zieht sich das Herz in einem achtzigjährigen Leben rund drei Milliarden Mal zusammen, kann bei Belastung seine Aktivität, «ohne heisszulaufen», steigern und wird zudem von unzähligen Minimotoren (Mitochondrien) mit erneuerbarer Energie versorgt.

Dagegen lassen sich die künstlichen Blutpumpen nur mit vergleichsweise ineffizienten, sperrigen und obendrein störanfälligen Akkus, Ladestationen und Elektrokabeln betreiben. Der Kontakt des Bluts mit den körperfremden Materialien sowie die turbulenten Strömungsbedingungen fördern zudem die Bildung von Blutpfropfen, die den Motor lahmlegen und Schlaganfälle verursachen können.

Um sich davor zu schützen, müssen die Träger von künstlichen Blutpumpen ständig blutverdünnende Medikamente einnehmen. Dennoch sind sie nicht nur von Blutungen, sondern weiterhin auch von Thrombosen und Embolien bedroht. Zu den häufigsten Komplikationen zählen ferner Infektionen an der Eintrittsstelle der Elektrokabel durch die Haut, ein mechanisch bedingter Untergang von roten Blutkörperchen (Hämolyse) und technische Störungen.

Knapp 90 Prozent der Patienten müssen aufgrund solcher Zwischenfälle innerhalb von drei Jahren nach der Pumpenimplantation ein Spital aufsuchen. «An dieser Situation hat sich seit der Einführung der modernen Pumpsysteme im Jahr 2004 kaum etwas geändert», sagt Jan Gummert, Direktor der Herzchirurgie am Herz- und Diabeteszentrum in Bad Oeynhausen, einem der grössten Herzzentren Europas.

18 Forschungsgruppen beteiligt

Umso ehrgeiziger erscheint das von Forschern aus Zürich und Berlin auf den Weg gebrachte Projekt «Zurich Heart». Dabei handelt es sich um ein neuartiges Kunstherz mit dem Anspruch, biokompatibel und damit sehr viel verträglicher zu sein als alle bisherigen Modelle. Spiritus Rector des interdisziplinären Vorhabens, an dem 18 Forschungsgruppen mit Ingenieuren, Materialwissenschaftern, Biologen und Ärzten zusammenarbeiten, ist der Herzchirurg Volkmar Falk vom Deutschen Herzzentrum und von der Charité-Universitätsmedizin in Berlin. Bis 2014 hat Falk die Herzchirurgie am Universitätsspital Zürich geleitet.

Noch nicht reif für den Einsatz beim Menschen, hat das «Zurich Heart» bereits einige wichtige Meilensteine erreicht. Welche das sind, haben die Hauptverantwortlichen des Projekts – neben Falk sind das der Ingenieur Edoardo Mazza (Institut für Mechanische Systeme, ETH) und der Biologe Aldo Ferrari aus der Gruppe von Dimos Poulikakos (Institut für Energietechnik, ETH) – vor kurzem in einem Gespräch mit der NZZ erläutert.

Demnach soll das «Zurich Heart» im Wesentlichen drei Anforderungen genügen. Erstens soll es ohne die Haut durchdringenden Kabel auskommen, zweitens bei Bedarf seine Aktivität erhöhen und drittens so geschmeidig pumpen, dass die Blutzellen intakt bleiben und keine Gerinnsel entstehen.

Was den kabellosen Betrieb angeht, haben in der Vergangenheit auch andere Forscher versucht, die Pumpsysteme samt den Batterien ganz in den Körper zu versenken – allerdings mit wenig Erfolg. Die Schwierigkeit war, dass es beim sogenannten induktiven Aufladen der Batterien zu grossen Energieverlusten kam und sich die Haut dadurch stark erhitzte. «Wir haben jetzt eine Lösung für dieses Problem gefunden», sagt Falk. Laut Mazza hat sich durch die technische Weiterentwicklung die Effizienz der Energieübertragung verbessert, weshalb es bei gleicher Leistung zu einer geringeren Hauterwärmung kommt.

Bei der Praxistauglichkeit gibt es allerdings noch Verbesserungsbedarf. Denn es dauert lange, bis die Akkus, die obendrein nur wenige Stunden halten, wieder aufgeladen sind. Diese Hürden könnten aber schon bald überwunden sein, gibt sich Falk zuversichtlich. Denn dank dem Entwicklungsdruck in der E-Mobilität werde die Batterietechnik laufend besser.

Schon weit gediehen ist der Plan, die Strömungsverhältnisse im neuen Herzassistenten zu harmonisieren. Eine Voraussetzung dafür ist die Verwendung von elastischen Materialien und verformbaren Komponenten. Bestehen die Geräte nämlich aus harten Bauteilen, wie das bei den herkömmlichen Systemen der Fall ist, werden die roten Blutkörperchen beim Pumpvorgang stark verbogen und können leicht platzen. Wie aber prüfen die Forscher, ob im «Zurich Heart» auch unter Stress alles wie geschmiert läuft? Eine wichtige Rolle spielt dabei ein spezieller Bioreaktor, der es erlaubt, auf Knopfdruck die Kreislaufbedingungen von gesunden, körperlich aktiven oder auch herzschwachen Personen zu simulieren.

Wird der Herzassistent an dieses Testsystem angeschlossen, lässt sich im Detail verfolgen, ob er den Anforderungen an eine biokompatible Blutpumpe genügt. Dazu zählt auch, dass er bei Bedarf mehr Blut in Umlauf bringt. «Damit das gelingt, haben wir einen Sensor entwickelt, der spürt, wenn sich die Druckverhältnisse im Herzen ändern und sich dieses schneller zusammenziehen will», sagt der Ingenieur Mazza. Die Herausforderung sei dabei gewesen, den Sensor so in die Pumpe zu integrieren, dass er den Blutfluss nicht störe und die Interaktion mit dem Blut die Messung nicht verfälsche.

Nicht minder anspruchsvoll ist das Ziel, ein Kunstherz zu konstruieren, welches das Gerinnungssystem «kalt» lässt und daher keine blutverdünnende Therapie erfordert. Ein geschmeidiger, möglichst störungsfreier Blutfluss trägt hierzu zwar bei, reicht aber noch nicht aus. Genauso bedeutsam ist die Beschaffenheit der blutnahen Oberflächen, wobei die natürliche Gefässinnenhaut (Endothel) den besten Schutz vor Gerinnseln vermittelt.

Wabenstruktur bietet Vorteile

«Endothelzellen kann man aber nicht einfach auf die Membranen der Pumpe auftragen, in der Hoffnung, dass sie anwachsen und haftenbleiben», gibt der Biologe Ferrari zu bedenken. Sein Team hat sich daher mit der Frage befasst, welche Oberflächenbeschaffenheit die beste Verankerung des Endothels ermöglicht.

Als ideal erwies sich dabei eine aus sechseckigen Zellen bestehende Wabenstruktur aus einem weichen, elastisch verformbaren Kunststoff (Elastomer). Die hexagonalen Vertiefungen seien deshalb so günstig, sagt Ferrari, weil die Endothelzellen darin Schutz vor den teilweise heftigen Strömungsbedingungen in der Pumpe fänden, zugleich aber miteinander in Kontakt treten und einen zusammenhängenden Teppich bilden könnten. Das zum Patent angemeldete Wabenprofil lässt sich im Übrigen auch bei anderen Herzhilfen einsetzen.

Den ersten Realitätstest hat die innovative Oberflächenstruktur schon bestanden. So haben die Forscher unlängst einen Prototyp des «Zurich Heart» mit Endothelzellen besiedelt und das hybride Konstrukt in den Kreislauf von vier Schafen eingepflanzt. «Anders als befürchtet, sind die Endothelzellen nach Anstellen der Pumpe nicht sofort weggeflogen, sondern haftengeblieben», schildert Falk das Ergebnis der Tierexperimente. Auch nach mehreren Stunden Pumpbetrieb sei das Endothel noch intakt gewesen.

In weiteren Untersuchungen an Tieren wollen die Wissenschafter nun prüfen, ob das «Zurich Heart» auch langfristig gute Arbeit leistet und wie sicher es ist. «Erst dann können wir einen Einsatz beim Menschen in Erwägung ziehen», sagt Mazza. Wie lange es bis dahin noch dauere, sei noch offen. Falk hält einen Zeitraum von bis zu zehn Jahren für realistisch. Einzelne Komponenten des «Zurich Heart» könnten allerdings schon früher ans Krankenbett gelangen, sagt der Herzchirurg. Für die Betroffenen dürfte jede Innovation, die ihr Leben mit der künstlichen Blutpumpe erleichtert, ein Fortschritt sein.

 

Gemeinsam: Harald Rempe und Carmen Nolte machen sich Gedanken über die gesunkene

Zahl derOrganspender. Beide vermuten, dass nur ein Organspendegesetz Abhilfe schaffen kann.

Wie in vielen europäischen Ländern sollte auch in Deutschland jeder volljährige Mensch

Organspender sein. FOTO: ANDREAS FRÜCHT

 

Von Ingo Müntz

Gütersloh. Es gibt Kaffee und Wasser. Carmen Nolte hebt ihr Wasserglas

hoch. „Als  ich an der Dialyse war, durfte ich am Tag nicht mehr als 500

Milliliter trinken, also  etwas mehr als das hier.“ Sie sei damit gut zurecht

gekommen,beantwortet sie die  erstaunte Nachfrage. Heute trinke sie

natürlich deutlich mehr. Heute, das bedeutet  zwei Transplantationen

später. „Mein erstes Symptom war hoher Blutdruck“, sagt sie

und erinnert sich. Damals war sie Mitte dreißig. Die Diagnose:

Zystenniere. Bei dieser  erblich bedingten Erkrankung bilden sich mit

Flüssigkeit gefüllte Bläschen in der  Niere. Die Filterfunktion der Niere

lässt nach, der Tod droht. Allerdings konnte sie  mit der Erkrankung noch

gut zehn Jahre unbeschwert leben. „Erst mit48Jahren  musste ich an die

Dialyse“, sagt Carmen Nolte. Es folgten acht Jahreander Maschine.

Mein Leben richtete sich nach den Dialyseterminen. Vormittags war ich

berufstätig und dreimal in der Woche musste ich von 13 bis18 Uhr an die

Blutwäsche. Im Jahr  2005 stand dann meine Nierentransplantation an“,

sagt Carmen Nolte und fügt hinzu: „Die war leider nicht erfolgreich.

Das  Organ hat nicht funktioniert.“ Also ging  es wieder an die Dialyse.

Neben der körperlichen auch eine  mentale Belastung?

Ich wollte da einfachdurch,ich hatte gar keine Zweifel“, sagt Carmen

Nolte. Sie sei immer zuversichtlich gewesen, den Mut habe sie nie

verloren. Nach der ersten  Transplantation blieb sie auf der Liste ganz

oben. Ein Angebot zur zweiten  Transplantation konnte sie zunächst

wegen einer Infektion nicht wahrnehmen. Im Jahr  2007 sollte alles

passen. Während der Dialyse erhielt ich den Anruf. Ich wusste gar

nicht, wie mir geschah.“Heute lebt sie seit elf Jahren mit dem neuen

Organ. Und sie  hofft, dass ich die bis zum Ende meines Lebens behalten

kann.“ Aufgrund des hohen Infektionsrisikos durch die sogenannten 

Immunsuppressiva, mied sie in der ersten  Zeit Menschenmengen,

gewöhnte sich eine  sehr sorgfältige Handhygiene an und

vermeidet bis heute das so übliche Händeschütteln zur Begrüßung.

Denn ein Immunsuppressivum setzt die Funktion des Immunsystems

herunter, um  Abstoßungen des neuen Organs zu unterbinden. Gleichzeitig

werden diePatienten  aber auch empfänglicher für Infektionen wie

Erkältungen. „So muss ich auch vor jeder Zahnreinigung daran denken,

ein Antibiotikum zu mir zu nehmen.“

Harald Rempe setzt seine Kaffeetasse ab. Er hat genau zugehört, auch

wenn er schon tief im Thema ist. Die einzige erkennbare

Gemeinsamkeit von Carmen Nolte und Harald Rempe ist ihr Alter: Beide

sind 69 Jahre jung. Doch während Carmen Nolte bereits neue Organe

erhielt, wartet Harald  Rempe noch auf den rettenden Eingriff. An dem

sonst so schlanken Mann fällt der  gewölbte Bauch auf. Der klassische

Bierbauch kann es nicht sein, „denn ich trinke seit  1999 keinen Alkohol

mehr, rauche nicht und  esse vegetarisch“, sagt er. In dem Jahr

erhielt er die Diagnose Niereninsuffizienz“,  was eine Unterfunktion der

Nieren  bedeutet. „Von dem Tag an versuchte ich meine  Nieren zu

erhalten. Dazu gehörte  unter anderem der Versuch, so gut es geht auf 

Eiweiß zu verzichten, um den Zerfall  der Nieren zu verlangsamen.

“ Doch  nach 16 Jahren musste eine Therapie her. „Die  Dialyse wurde

fällig, ich  war ja vorgewarnt.

Also musste ich mich entscheiden, ob ich die Hämo- oder Bauch-

felldialyse wähle.“

 

Das Wasserdepot als Bauch getarnt

 

Während bei der Hämodialyse das Blut außerhalb des Körpers gefiltert

und gereinigt  wird, bedient sich die Bauchfelldialyse eines anderen

Filters. Einige Liter  Zuckerlösung gelangen durch einen Katheter in die

Bauchhöhle. DerKörper bemüht  sich, diese Lösung zu verdünnen, setzt

eine Entwässerung in Gang und spült auch  Giftstoffe in den Bauchraum.

Das Bauchfell wirkt dabei als Filter. Dieverdünnte  Lösung muss der

Patient dann wieder ablassen. Dieses Wasserdepot trägt Harald  Rempe als

Bauch getarnt mit sich herum.

Die Flüssigkeit tausche ich viermal am Tag“,sagt Harald Rempe. Im Jahr

kommen da 3.000 Liter Lösung zusammen, „nach den zwei Jahren sind

das nun 6.000 Liter!“ Als das Nierenversagen diagnostiziert wurde, kam

er sofort ins Krankenhaus und erhielt  den Katheter. „Eine Woche lang

habe ich unter Aufsicht trainiert, um die Dialyse

später auch zu Hause durchführen zu können.“ Rempe entschied sich für

diese etwas schonendere Dialyseform, um unabhängiger zu sein.

„Einschränkungen inAlltag oder  Essen habe ich nicht.

Doch heute wartet er auf die Transplantation. Akut rechne er nicht mit

einer Operation. Ich habe Bekannte, die seit sieben oder zehn Jahren auf

der Transplantationsliste stehen. Das Problem dabei ist nur – man wird

nicht jünger! "Der  Vorteil sei allerdings,dass während der Wartezeit alle

zwei Jahre ein  Komplettcheck anstünde. Auf die drastisch sinkenden

Zahlen der Organspender in Deutschland reagieren sie bestürzt. In

Deutschland gab es im Jahr 2011 noch 1.200

Organspender, im vergangenen Jahr waren es nur noch 769. In

Deutschland sollte  auch die Widerspruchsregelung eingeführt werden“,

sagt Harald Rempe.  Die bedeutet,  dass jeder volljährige Mensch

Organspender ist, es sei denn, er hat ausdrücklich

widersprochen. Während diese Regelung zum Beispiel in Belgien,

Bulgarien, Estland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Irland, Italien,

Kroatien, Lettland, Luxemburg,  Norwegen, Österreich, Polen, Portugal,

Schweden, Slowenien, Slowakei, Tschechien,  Türkei, Ungarn und Zypern

praktiziert wird, gilt in Deutschland als einzigem Land die

sogenannte  Entscheidungslösung. Das bedeutet, dass deutsche Patienten

von den  Lösungen der  Nachbarstaaten profitieren und von dort Organe

erhalten. Carmen  Nolte ergänzt: „Die  Menschen sind bei diesemThema

kaum zu erreichen, da es um  den Tod geht. Und damit möchten sich nur 

wenige auseinandersetzen.“ Dabei  empfinde sie die Aussage der Kritiker,

es handele  sich um einen Eingriff in das  Persönlichkeitsrecht, nur als ein

vorgeschobenes  Argument. Letztlich könne jeder Mensch betroffen sein,

sagt Rempe. Auch die, die sich aus  verschiedenen Gründen gegen die

Organspende ereiferten. Was ist denn mit denen,  wenn sie ein neues

Organ bräuchten? Verzichten sie dann? Es gilt doch,  dem Tod

etwas Positives zu geben.“

 

 

 

 

 

Politik

CSU-Politiker möchte Prozesse in der Organspende ändern

Dienstag, 12. Juni 2018

 

Berlin – Die rückläufigen Zahlen bei der Organspende sind nach Ansicht von Stephan Pilsinger (CSU) zu

einem großen Teil auf Probleme im Prozess der Organspende zurückzuführen. Der Blick ins Ausland

zeige zudem, dass auch die Einführung einer Widerspruchslösung nicht automatisch die

Organspendezahlen verbessere, betont der Arzt und Bundestags­abgeordnete und erteilt damit

Bestrebungen innerhalb der Ärzteschaft eine Abfuhr. Mitte Mai hatte sich der 121. Deutsche Ärztetag in

Erfurt dafür ausgesprochen, die derzeit geltende Entscheidungslösung durch eine Widerspruchs­lösung zu

ersetzen. Die Delegierten forderten den Gesetzgeber auf, das Transplan­tations­gesetz entsprechend zu

verändern.

In der SPD mehren sich zwar momentan die Stimmen für eine Widerspruchslösung; in der Union lehnt man diese bislang allerdings ab. Die Ländergesundheitsminister wollen sich auf ihrer Konferenz kommende Woche sich offenbar für eine Widerspruchslösung einsetzen. 

Wir als Politik sind aufgerufen, Lösungen zu finden“, meint Pilsinger und verweist jetzt in einem Papier

auf mehrere Ansätze: Zunächst sollten nach seiner Ansicht die Transplantationsbeauftragten in

Krankenhäusern ab einer gewissen Größe von Routinearbeiten freigestellt werden. Dies sei für das

Verhältnis mit dem Vorgesetzten und der Verwaltung bedeutsam. Außerdem sei die Freistellung

Ausdruck der Wertschätzung der wichtigen Tätigkeit der Transplantationsbeauftragten, die derzeit noch

unter mangelnder Akzeptanz leide. Zunehmende Arbeitsverdichtung auf Intensivstationen,

Personalmangel und ökonomischer Druck erschwerten zudem derzeit die Arbeit der Transplantations­

beauftragen.  

Ändern möchte Pilsinger ferner die Finanzierung der Organentnahme. Denn derzeit sei eine Organentnahme defizitär für die Entnahmekrankenhäuser und somit auch wirtschaftlich unattraktiv. „Abweichend von den Kalkulationsergebnissen sollten ergänzende nicht kalkulatorische Kostenkomponenten anerkannt werden und die Pauschalen deutlich erhöht werden“, schlägt er vor. Als Modell könne die Schweiz herangezogen werden. Dort würden die Beiträge nach Intensivstation und OP getrennt, sodass die Summen auch jeweils demjenigen transparent zugeordnet werden könnten, der die Leistung tatsächlich erbracht hat.

Auch die arbeitsintensive Identifikation potenzieller Organspender müsse zusätzlich entlohnt und damit wertgeschätzt werden, findet Pilsinger.  Er schlägt dafür eine unabhängige Vergütung vor, wie sie derzeit bei der Stellung eines Antrags zur Rehabilitation bei einem Arbeitsunfall oder Berufskrankheit bei der gesetzlichen Krankenkasse praktiziert wird.

Um auch in kleineren Kliniken die Organspende zu fördern, schlägt der CSU-Politiker ferner mobile Expertenteams zur Feststellung des Hirntods sowie der Durchführung der Explantation vor. Dies sei zweckmäßig, da vor einer Organentnahme zweimal innerhalb von wenigstens zwölf Stunden der irreversible Hirntod des Patienten von zwei verschiedenen Ärzten festgestellt werden müsse, darunter mindestens einem Facharzt für Neurologie oder Neurochirurgie. Kleinere Kliniken hätten diese Expertise sonst häufig nicht und befänden sich somit in einem Dilemma.

 

 

NW Gütersloh 06.Juni 2018

Aufklärung:

Erika Metzger und Heike Johannknecht hoffen auf Einsichtund mehr Rücksichtnahme derMenschen

untereinander. Nur so könne der sinkenden Spendebereitschaft in der Gesellschaft entgegen gewirkt

werden. Ohne diese Bereitschaft wären sie beide heute nicht mehr da.

FOTO: ANDREAS FRÜCHT

 

von Ingo Müntz

Gütersloh So unterschiedlich wie Heike Johannknecht und Erika Metzger

sind, so unterschiedlich sind auch ihre Krankheitsverläufe. Während Erika

Metzger bereits seit  zehn Jahren mit einer neuen Leber lebt, erhielt

Heike Johannknecht vor gut einem Jahr ein neues Organ.

Anfang der 90er Jahre kamen erste Vermutungen auf, dass Erika Metzgers

Leber nicht  richtig funktioniert. „Die Blutwerte waren sehr schlecht“,

sagt die heute 74-Jährige.„Aus vielen Gründen habe ich dann eine

Gewebeprobe verschoben.“ Erst zu Beginn des neuen Jahrtausends gab es

Gewissheit. „Die Biopsie ergab, dass ich eine PBC habe“, sagt sie und

erklärt: Die primärbiliäre Cholangitissei eine  entzündliche

Autoimmunkrankheit. Die Entzündung könnte imweiterenVerlauf die

gesamte Leber zerstören.

Damals war ich ja noch berufstätig. Und mit den ersten Symptomen der

Krankheit kam ich zunächst zurecht. Doch der Juckreiz nahm stark zu,

ebenso die Wassereinlagerungen.“ 2006 fand dann  die Kontaktaufnahme

mit der Medizinischen Hochschule Hannover statt.

Erste  Untersuchungen fanden statt. Es musste sichergestellt werden, dass

der Allgemeinzustand der Patientin eine Lebertransplantation zuließe.

Der Zustand entsprach den Erwartungen, Erika Metzger kam auf die

Warteliste.„Bis  dahin stand ich auf dem Standpunkt, dass ich mein Organ

auf jeden Fall behalten  möchte.Ich habe mich besser ernährt, auf mich

acht gegeben.“ Inzwischen war sie in  den Ruhestand gegangen. Doch ihr

allgemeinerZustandverschlechtertesich. „Ich  habe bis zur Operation nur

noch gelegen, weil ich nicht mehr fit war. Zudem hatte  mein Körper gut

30 Kilogramm Wasser eingelagert.“

 

Der Anruf kam in letzter Minute

Der Anruf aus Hannover kam „in der letzten Minute“. Nach

der sechsstündigen  Operation blieb sie noch vier Monate im Krankenhaus

und Rehaeinrichtungen. „Die  Ärzte hatten mit Abstoßungsreaktionen zu

kämpfen. Aber ich wolltewieder auf die  Füße kommen“, sagt sie lebhaft

und erzählt von ihren ersten Ausflügen mit ihrem  „Rolli“ und dem

Treppensteigen-Training“. Denn ich wohne im dritten

Obergeschoss und wollte mich zeitig darauf vorbereiten“, sagt Erika

Metzger. Heute  macht ihr hingegen eine andere Erkrankung diesen Weg

schwer. Das Leben nach der  Lebertransplantation sei aber eher

beschwerdefrei. „Immunsuppressiva werde ich bis  zu meinem

Lebensende nehmen müssen, um eine Abstoßung des Organs zu

unterdrücken“, sagt sie.

Die Situation nach der Operation klingt wie die von Heike Johannknecht.

Bei der 47- Jährigen war der Abstand zwischen Diagnose und Operation

deutlich kürzer. „Meine  Diagnose war Leberkrebs“,sagt sie gerade

heraus. „Alle zwei Jahre habe ich mich  komplett durchchecken lassen.

Dabei stellte der Arzt einen erhöhten Leberwert fest.

Die Kontrolluntersuchung zwei Monate später zeigte kaum eine

Veränderung.“ Die  Ultraschalluntersuchung ergab eine Raumforderung

in der Leber“, sagt sie. Es  folgten noch mal Ultraschall, MRT-

Untersuchung und die notwendige  Gewebeuntersuchung. „Der

Lebertumor war sieben mal vier Zentimeter groß und er

hatte bereits gestreut. Die Ärzte zählten 15 Metastasen.“ Das war im

November 2016.

Bereits zwei Tage später folgten Untersuchungen am Universitätsklinikum

Münster  und über das Transplantationszentrum kam die damals

45-Jährige auf die Transplantationsliste. „Allerdings gab es ein Problem“,

wirft Heike  Johannknecht ein. „Der Krebs war für eine Transplantation zu

weit fortgeschritten.“

Wenn der Tumor zu groß ist und Metastasen gestreut hat, ist nach einer

Vorgabe die  Wahrscheinlichkeit einer erneuten Krebserkrankung

nach derTransplantation zu hoch.

Darum habe ich zunächst eine Tablettenchemotherapie durchgeführt,

dann eine Tace  erhalten“, sagt sie und schildert, wie der Arzt über einen

Katheter einMittel in ihre  Leber spritzte, um den Tumor zu veröden. „Bei

vollem Bewusstsein. Doch das war es  wert. Denn Tumor und Metastasen

bildeten sich zurück. Dann erst war der Weg für  eine Transplantation

frei.“Im Mai 2017 kam der Anruf, die Operation begann nachts

um drei Uhr und dauerte elf Stunden. Heute ist sie fast beschwerdefrei.

„Allerdings stellte sich heraus, dass die Arterien von neuer Leber und

Körper unterschiedliche Durchmesser hatten, ebenso die Anschlüsse der

entfernten Gallenblase.

Da muss vielleicht in absehbarer Zeit mal ein Stent gesetzt werden.“ Die

kleinen  Röhrchen stützen Gefäße und sichern die Durchblutung.Ähnlich

wie bei Erika  Metzger hatte auch sie den Reflex, so schnell wie möglich

wieder auf eigenen Füßen zu stehen. „Zwischen Krankenhaus und Reha

bin ich sogar wieder arbeiten   gegangen.“ Und, die Angst bleibe. In die

regelmäßigen Kontrolluntersuchungen gehe  sie immer mit einem flauen

Gefühl. Doch sie hat überlebt.

 

In Deutschland gab es im Jahr 2011 noch 1.200 Organspender, im

vergangenen Jahr  waren es nur noch 769. Auf die Frage, warum immer

weniger Menschen in Deutschland ihre Organe zur Verfügung stellen,

haben die zwei Frauen  unterschiedliche Ideen. Erika Metzger: „Vielleicht

ist die sinkende  Rücksichtnahme  der Menschen ein Grund. Ich denke,

das direkte Ansprechen der Menschen kann helfen. Auch den Zustand

eines Patienten vor und nach der Transplantation zu

zeigen.“ Organentnahme sei zudem ein Thema, über das viele Menschen

ungerne nachdenken. Denn es habe immer mit dem Tod zu  tun, sagt

Heike Johannknecht.

Organentnahmen sind zudem nicht so einfach  möglich. Eigentlich

müsste jeder ,der  auf die Welt kommt, Organspender sein“, sagt sie und

spielt auf gesetzliche  Regelungen wie zum Beispiel in den Niederlanden

und Spanien an. Hier müssen  Menschen ausdrücklich erklären, wenn sie

keine Organe spenden wollen.

Und vielleicht sollten mehr Informationen über die Vorteile der

Organspende an die Menschen herangetragen werden, sagen sie. Es könne

damit zum Beispiel in den  Schulen angefangen werden. Solange kein

Gesetz greife, müsse in den Köpfen der  Menschen was passieren.

 

Infos zur Lebertransplantation

Lebertransplantationen über Zeitraum von fünf Jahren (insgesamt):

2012 –1.097; 2017 – 823

 

Anmeldungen Warteliste 2017: 1.367 Warteliste 2017: 1.086

Abgänge 2017: 1.582 (davon 823 Transplantationen,

                          308 Patienten verstorben)

 

Drei Hauptdiagnosen:

1. alkoholische Leberkrankheit,

2. Fibrose/ Zirrhose der Leber,

3. bösartige Neubildungen der Leber und der Gallengänge(Tumore);

Quelle: DSO

 

Die Organe vermittelt die Stiftung Eurotransplant von verstorbenen

Menschen aus Belgien, Deutschland, Kroatien, Luxemburg, den

Niederlanden, Österreich, Ungarn und Slowenien

 

Selbsthilfegruppe Gütersloh:

www.selbsthilfe-fuer-organtransplantierte-und-wartepatienten.de

 

 

06.Juni 2018

25 Jahre Transplantationszentrum in Leipzig

Ministerin Klepsch besucht Universitätsklinikum Leipzig

Gesundheitsministerin Barbara Klepsch hat heute (6. Juni 2018) das Transplantationszentrum am Universitätsklinikum Leipzig (UKL) besucht. Anlass für das Treffen ist neben dem 25-jährigen Jubiläum auch der jährlich stattfindende Tag der Organspende am vergangenen Samstag. In den vergangenen 25 Jahren wurden am UKL 1 000 Lebertransplantationen und 972 Nierentransplantationen erfolgreich durchgeführt. Im Gespräch mit Mitarbeitern sowie Patienten und Angehörigen informierte sie sich umfassend über die Arbeit und Gegebenheiten am UKL.

Ich danke den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Leipziger Transplantationszentrums, die mit ihrer Arbeit seit 25 Jahren hunderten schwerkranken Patienten mit einer Transplantation helfen und deren Leben retten konnten. Viele Patienten empfinden die Transplantation als Beginn eines zweiten, eines geschenkten Lebens und sind ihren Organspendern sehr dankbar“, sagte Ministerin Klepsch.

Wir müssen stärker über das Thema Organspende reden. Jeder kann in die Situation kommen, auf ein Spenderorgan angewiesen zu sein. Bedauerlicherweise aber sinkt bundesweit seit Jahren die Zahl der Organspender. Es ist wichtig, dass jeder für sich eine Position dazu bezieht und selbstbestimmt eine Entscheidung trifft“, so Klepsch weiter.

Ich halte die Widerspruchslösung, wie sie in den meisten EU-Ländern üblich ist, für erfolgsversprechender als die derzeit bestehende Entscheidungslösung und plädiere dafür, dass die Bundesregierung die rechtlichen Möglichkeiten zu deren Einführung prüft. Eine solche Lösung erfordert aber zwingend eine Aufklärungspflicht gegenüber dem Patienten. Auch das muss rechtlich verbindlich geregelt werden“, so die Ministerin abschließend.

Am Universitätsklinikum Leipzig werden die Organe Leber, Niere, Bauchspeicheldrüse transplantiert. In einem gemeinsamen Lungentransplantationszentrum mit dem Herzzentrum Leipzig erfolgen Transplantationen der Lunge.

 

 

 

Thomas Müller will mehr Leben retten

Organspende in Deutschland: Münchner sagt Problem den Kampf an

Von Dominik Laska

Die Bereitschaft, Organe zu spenden, ist in Deutschland mehr als gering. Thomas Müller, ein Münchner Patient und selbst Organempfänger, will mehr Leben retten und das System ändern.

München - Der Tag der Organspende – jedes Jahr, am ersten Samstag im Monat Juni, wird an die Wichtigkeit dieses Thema erinnert. Doch bei uns in Deutschland krankt das System, wie die Zahlen beweisen (siehe unten). Deshalb beschäftigt sich auch die Politik mit diesem grundsätzlichen Thema. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will bald einen Gesetzesvorstoß präsentieren, der die Bereitschaft zur Organspende steigern und die Gegebenheiten in deutschen Krankenhäusern verbessern soll. Ob er auch der sogenannten Widerspruchslösung (siehe Stichwort) eine Chance gibt, ließ er offen. Ein Mann der für dieses System kämpft, ist Thomas Müller (51). Er ist Organempfänger und braucht bald wohl erneut eine Spende. Wir haben mit ihm über seinen Kampf für das Leben vieler Menschen gesprochen.

Thomas Müller (51) hat eine Entscheidung getroffen. Er will in Spanien leben. Nein, er will dort überleben. Denn bleibt er in Deutschland, wäre er mit Sicherheit bald tot. Thomas Müller aus München lebt mit zwei transplantierten Organen– Niere und Bauchspeicheldrüse bekam er verpflanzt. Doch die Niere wird in naher Zukunft nicht mehr funktionieren, das hieße wieder Dialyse. Auf eine Niere in Deutschland müsste Müller vermutlich fünf bis sieben Jahre warten. Das ist ihm zu lang. Schuld an allem ist seiner Meinung nach das System, nach dem in Deutschland die Organspende geregelt ist. Und er kämpft dafür, dass sie geändert wird. Thomas Müller kämpft für das Leben!

Nur wenige Unterschriften fehlen zum Erfolg

In Deutschland gilt seit 2012 die sogenannte Entscheidungslösung. Jeder über 16 Jahre wird von seiner Krankenkasse aufgefordert, eine freiwillige Erklärung über seine Organspendenbereitschaft abzugeben. Anders machen es unsere europäischen Nachbarn. Österreich, Spanien und viele weitere Länder haben mittlerweile die Widerspruchslösung (siehe Stichwort). Thomas Müller hat jetzt auf change.org eine Petition gestartet, damit im Bundestag über eben diese Widerspruchslösung debattiert wird. Nur noch wenige Unterschriften fehlen ihm zum Erfolg. Im Übrigen wird auch aus der Ärzteschaft und von vielen Experten die Widerspruchslösung gefordert. Müller zieht seine Motivation auch aus seiner eigenen Lebensgeschichte, die geprägt ist von Krankheiten.

Ich habe mit 16 Jahren Diabetes bekommen, musste sofort auch mit Insulinspritzen arbeiten. Im Laufe der Zeit sind meine Nieren kaputtgegangen. 2005 haben sie so schlecht funktioniert, dass ich zwei Tage vor Weihnachten mit der Dialyse beginnen musste. Drei Mal die Woche, fünf Stunden pro Eingriff, später habe ich dann auf vier Stunden reduziert“, erzählt der DJ.

Sein Leben hat das total auf den Kopf gestellt. „Ich war an den Tagen der Dialyse so kaputt und so geschwächt, dass ich überhaupt nicht mehr arbeiten konnte. Das Leben ist eingeschränkt.“ Aber: Ohne Dialyse wäre er gestorben – „der Körper wird schlichtweg vergiftet und dann stirbst du, so einfach ist das“, so Müller. Ihm ging es teilweise so schlecht, dass er 20 Meter gelaufen ist und sich hinsetzen musste, weil ihm die Kraft fehlte. 

Jahrelange Wartezeit im Schnitt

Da Müller ein Kandidat für ein Doppeltransplantat war – Niere und Bauchspeicheldrüse, aufgrund seiner Diabetes – bekam er bereits nach drei Jahren die passenden Spenderorgane. Aber: Es dauert bei uns viel zu lange, bis man ein Transplantat bekommt. „Das ist fatal, denn der Körper ist nach

jahrelanger Dialyse in einem so schlechten Zustand, dass eine solche Operation ein hohes Risiko in

sich birgt. Sieben bis zehn Jahre warten viele Patienten im Schnitt. 

Das ist doch einfach nur traurig“, resümiert Müller. Das ist auch der Grund, warum er diese Petition gestartet hat. „Es muss sich etwas ändern, es muss sich etwas verbessern in unserem System. Schauen Sie sich doch die Länder um uns herum an. Das Widerspruchsrecht funktioniert, die Zahlen aus beispielsweise Österreich oder Spanien beweisen das. Die Gesundheit der Menschen muss da im Vordergrund stehen.“ 

Aktuell geht es Thomas Müller ganz gut. Alle zwei Wochen muss er sich Epo – das die Bildung roter Blutkörperchen unterstützt – spritzen. „Das Mittel, was auch die Radlfahrer zum Dopen benutzen“, witzelt er. Dochfürihnist es unerlässlich, denn „ohne würde es einfach nicht gehen“. Und auf die Frage, wie lange es ihm noch „gut“ geht, zuckt er nur mit den Schultern. „Das weiß man eben nicht“. Seine Nieren funktionieren nur noch zu 15 Prozent. In absehbarer Zeit wird er eine neue Niere brauchen, so viel steht fest. Aber dann will Thomas Müller schon in Spanien sein. Dort, wo das System funktioniert, wo er womöglich nach bereits einem Jahr wieder ein vernünftiges Leben führen kann. Dort, wo er einfach nur überleben kann.

Zahlen und Fakten zur Organspende in Deutschland 

Ungefähr 10 000 Menschen in Deutschland warten auf ein Spenderorgan. 7620 davon brauchten im Jahr 2017 eine neue Niere, auf Platz zwei folgt die Leber mit 1044 Wartenden. Doch die Nachfrage kann bei uns nicht gedeckt werden. Denn es wurden im Jahr 2017 lediglich 797 Organspenden durchgeführt. Dabei sind im Schnitt 3,3 Organe pro Spender entnommen und transplantiert worden. 2012 waren es noch 1046 durchgeführte Spenden. Insgesamt wurde 2017 die Anzahl von 2765 Organe verpflanzt. Der Bedarf kann offensichtlich nicht gedeckt werden. Daher braucht es neue Regelungen.

Stichwort: Widerspruchs-Lösung

18 EU-Staaten wenden die Widersprüchslösung bereits an. Dabei ist jeder von Geburt an eingetragener Organspender und bleibt dies sein Leben lang, solange er nicht aktiv dagegen widerspricht. Bisher gilt bei uns die Entscheidungslösung, wobei jeder selbst entscheidet, ob er Organe spendet oder nicht.

 

 

 

Gesundheitspolitik"Derzeitiges System der Organspende ist wirkungslos"

31. Mai 2018

 

 

 

Der SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach hält das bestehende System der Organspende in Deutschland für wirkungslos.

Als Politiker und Arzt plädiere er für die Einführung einer Widerspruchslösung, sagte Lauterbach dem Evangelischen Pressedienst. Jeder, der eine Organspende nicht ausdrücklich ablehne und diese Entscheidung in einem Register eintragen lasse, müsse als Spender infrage kommen. Nur damit sei der - Zitat - Quantensprung möglich, den man bei den Spenderzahlen benötige. - Diese waren im vergangenen Jahr nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation auf den niedrigste Stand seit 20 Jahren gefallen. Im Bundesdurchschnitt gab es auf eine Million Einwohner nur 9,7 Spender.

Diese Nachricht wurde am 31.05.2018 im Programm Deutschlandfunk gesendet.

 

 

Zu wenige Ausweise

Spahn ruft zum Nachdenken über Organspende auf

Mehr als 10.000 Menschen warten in Deutschland auf ein Organ, Spender gab es im vergangenen Jahr nur 797. Jeder sollte sich selbstverständlich mit dem Thema auseinandersetzen, fordert Jens Spahn.

 


Montag, 28.05.2018   17:00 Uhr

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat dazu aufgerufen, dass sich

mehr Menschen in Deutschland über eine mögliche Organspende klar

werden. Eine Auseinandersetzung mit dieser Frage müsse "für uns alle

zur Selbstverständlichkeit werden", sagte der CDU-Politiker. "Das sind wir

den mehr als 10.000 Menschen schuldig, die voller Hoffnung auf ein

Organ warten." Jeder sollte daher für sich eine Entscheidung treffen.

Nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) hatte

die Zahl der Organspender 2017 mit 797 einen neuen Tiefpunkt erreicht.

Nach dem Negativrekord mehren sich Stimmen, die eine Neuregelung

nach dem Vorbild europäischer Nachbarstaaten fordern.

 

Zuletzt wurde in den Niederlanden die sogenannte Widerspruchslösung eingeführt: Jeder, der nicht widerspricht, kommt nach dem Tod als Organspender infrage. "Aus medizinischer Sicht, vor allem aber aus Sicht der vielen schwerkranken Patienten auf der Warteliste, wäre eine solche Regelung der Idealfall", sagte Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sieht das ähnlich: "Wir könnten damit so vielen Menschen den Tod ersparen oder ein besseres Leben ermöglichen."

Kritiker befürchten noch stärkeren Vertrauensverlust

Kritisch steht der Idee Rolf Henke gegenüber, der Vorsitzende der Ärztegewerkschaft Marburger Bund. Das Transplantationswesen lebe von Vertrauen - dass eine Widerspruchslösung das Vertrauen stärkt, bezweifelt er: "Es ist eher das Gegenteil zu befürchten." Man müsse die Menschen überzeugen und die Strukturen verbessern.

Nach dem Organspendeskandal, bei dem Ärzte Werte ihrer Patienten manipuliert hatten, damit diese bessere Chancen auf ein Spenderorgan bekommen, hatten viele das Vertrauen in das System verloren. Mittlerweile hat sich die Sicht auf die Organspende wieder verbessert, wie neue Umfragedaten zeigen. Positive Einstellungen zur Organspende seien mit 84 Prozent nun so hoch wie noch nie, ergab eine Untersuchung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA).

Befragt wurden von November bis Februar 4000 Bürger im Alter von 14 bis 75 Jahren. Einen Organspendeausweis haben demnach inzwischen 36 Prozent, nachdem es 2012 noch 22 Prozent waren. Krankenkassen müssen Versicherte ab 16 Jahren alle zwei Jahre anschreiben und über das Thema informieren.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz forderte einen Neustart, bei dem

der Staat die Verantwortung übernehmen müsse. "Das gilt sowohl für die

Regeln der Verteilung der Organe als auch für die Organisation und

Kontrolle", sagte Vorstand Eugen Brysch. Die Krankenkassen hätten

Millionen Euro für Werbung ausgegeben, und jedes Jahr würden bessere

Umfragewerte vermeldet. Tatsächlich sinke die Bereitschaft zur

Organspende aber. Nun sei Minister Spahn gefordert.

 

Politik

Organspende: Aufruf an Bundesbürger

Montag, 28. Mai 2018

Berlin/Düsseldorf – Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) hat alle Bundesbürger aufgerufen, eine Entscheidung über die Organspende zu treffen. Die Auseinandersetzung mit diesem Thema „muss für uns alle zur Selbstverständlichkeit werden“, erklärte Spahn heute zum bevorstehenden Tag der Organspende. „Das sind wir den mehr als zehntausend Menschen schuldig, die voller Hoffnung auf ein Organ warten.“

Jeder sollte daher für sich eine Entscheidung treffen und diese auf dem Organspende­ausweis dokumentieren, forderte Spahn. Es müsse weiter Überzeugungsarbeit geleistet werden. Zudem sollten die Transplantationsbeauftragten in den Kliniken gestärkt und die Vergütung so verbessert werden, „dass sich die Kliniken wirklich um dieses Thema kümmern“.

NRW plant Reform

In Nordrhein-Westfalen will die Landesregierung Kliniken strengere Auflagen erteilen, um mögliche Organspender besser zu identifizieren. Bislang gingen viele potenzielle Organspenden unnötig verloren, heißt es in einem aktuellen Gesetzentwurf von CDU und FDP. Im vergangenen Jahr war Nordrhein-Westfalen (NRW) mit 146 Organspendern auf ein Rekordtief und den letzten Platz im bundesweiten Vergleich gefallen.

 

Ein wesentlicher Grund für diesen Rückgang sind nach Überzeugung der Regierungs­fraktionen „Probleme bei der Identifikation hirntoter Spender in den Entnahme­kliniken“. Übermorgen werden Sachverständige im Gesundheitsausschuss des Düsseldorfer Landtags zu einer möglichen Änderung des nordrhein-westfälischen Ausführungsgesetzes zum deutschen Transplantationsrecht angehört.

Debatte um Widerspruchslösung

Im Entwurf der Landesegierung heißt es: „Häufig werden intensivmedizinische Maßnahmen abgebrochen, ohne die Möglichkeit einer Organspende zu klären.“ Deshalb müsse eine regelmäßige Dokumentation und Berichtspflicht der Krankenhäuser über Todesfälle mit Hirn­schädigungen eingeführt werden. Es müsse auch begründet werden, wenn und warum keine Hirndiagnostik vorgenommen worden sei. Außerdem sieht der Gesetzentwurf verbindliche Freistellungen für Transplantationsbeauftragte in den Kliniken vor.

In schriftlichen Stellungnahmen an den Landtag unterstreichen mehrere Experten, dass wesentlich mehr zu erreichen wäre, wenn Organe zur Transplantation grund­sätzlich entnommen werden dürften, solange zu Lebzeiten nicht ausdrücklich widersprochen worden sei. In vielen anderen Ländern habe sich die Wider­spruchslösung bewährt.

Zuletzt hatte der 121. Deutsche Ärztetag gefordert, diese Regelung ins Trans­plantationsgesetz aufzunehmen. Auch der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach ist für die Widerspruchslösung. Die auf Organspenden angewiesenen „Menschen leiden und sterben unnötig“, erklärte er auf Twitter. Die Widerspruchslösung sei „der beste Weg, dieses Leid zu beenden“. Spahn hatte den Forderungen nach einer Widerspruchslösung bereits früher eine Absage erteilt.

36 Prozent der Menschen besitzen in Deutschland derzeit einen Organspendeausweis, wie aus einer Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) hervorgeht. 2012 waren dies 22 Prozent. Auch die generelle Einstellung der Bürger zu einer Organspende bleibt weiter überwiegend positiv. 84 Prozent stehen dem Thema aufgeschlossen gegenüber. 2010 waren dies 79 Prozent.

Wichtigster Grund für die Ablehnung einer Organ- und Gewebespende ist für 24 Prozent der Befragten demnach, dass sie glauben, als Spender nicht geeignet zu sein. 22 Prozent äußern Angst vor Missbrauch beziehungsweise haben mangelndes Vertrauen aufgrund negativer Berichterstattung. 2017 sank die Zahl der Organspender auf den niedrigsten Stand seit 20 Jahren – bundesweit gab es nur 797 Organspender, 60 weniger als im Jahr zuvor. Die Zahl der gespendeten Organe ging um 9,5 Prozent auf 2.594 Organe zurück.

© dpa/afp/may/aerzteblatt.de

 

Ärzte Zeitung online, 28.05.2018

Organspende

Zuspruch steigt – Spenderzahlen sinken

Die Zahl der Organspender hat in Deutschland einen neuen Tiefpunkt erreicht. Hoffnung macht, dass die Bereitschaft in der Bevölkerung offenbar steigt. Ärzte und Politiker fordern die Widerspruchslösung.

BERLIN/SAARBRÜCKEN.. Über 10.000 kranke Menschen warten in Deutschland nach Angaben der Vermittlungsstelle Eurotransplant auf ein Spenderorgan.

"Täglich sterben statistisch gesehen drei von ihnen, weil für sie nicht rechtzeitig ein passendes Organ verfügbar ist", berichtet die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) in Frankfurt/Main.

Das Spenderorgan, das am häufigsten benötigt wird, ist die Niere. Etwa zehn Prozent aller Dialysepatienten, also rund 8.000 Patienten, stehen nach DSO-Angaben auf der Warteliste für eine Nierentransplantation. Vor zehn Jahren wurden über 2.900 Nierentransplantationen durchgeführt, im Jahr 2017 waren es nur noch 1.921 (siehe nachfolgende Grafik). Die durchschnittliche Wartezeit beträgt sechs Jahre.

 

2017 weniger als 2000 Nierentransplantationen

Die Entwicklung der Nierentransplantationen in Deutschland.

 

Derzeit sieht es nicht so aus, als würde sich die Situation der Betroffenen bald verbessern: 2017 hat die Zahl der Organspender in Deutschland einen neuen Tiefpunkt erreicht. Laut DSO gab es nur noch 797 Spender – und somit nochmal 60 weniger als im Vorjahr. Das war der niedrigste Stand seit 20 Jahren.

BZgA: Immer mehr Menschen besitzen Organspendeausweis

In Deutschland gibt es jetzt weniger als zehn Spender pro eine Million Einwohner. Axel Rahmel, medizinischer Vorstand der DSO, spricht von "einer dramatischen Entwicklung".

Hoffnung macht, dass die Bereitschaft in der Bevölkerung, Organe und Gewebe zu spenden, offenbar steigt. Eine bundesweite Befragung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) von 4.001 Bundesbürgern im Alter von 14 bis 75 Jahren ergab, dass 84 Prozent dem Thema Organ- und Gewebespende positiv gegenüberstehen. So hoch war der Zuspruch nach Angaben der BZgA noch nie gewesen.

Klare Mehrheit steht Organspende positiv gegenüber

Bundesweite Repräsentativbefragung der BZgA. Gefragt wurde:

Was halten Sie generell von Organ- und Gewebespende? Stehen

Sie dem eher positiv oder eher negativ gegenüber?

Auch besitzen der Umfrage zufolge immer mehr Bundesbürger einen Organspendeausweis: 2012 waren es noch 22 Prozent der Befragten, sechs Jahre später sind es 36 Prozent.

Die meisten von ihnen (72 Prozent) stimmten einer Organ- und Gewebespende nach dem Tod zu, 14 Prozent widersprachen ihr. 9 Prozent übertrugen die Entscheidung auf eine andere Person und 5 Prozent machten eine andere Angabe, wie die Bundeszentrale weiter ausführte.

Vielfältig sind die Motive: Weil sie anderen Menschen helfen wollen, sagten 73 Prozent Ja zur Organspende. Gründe für die Ablehnung waren, dass die Befragten glaubten, als Spender nicht geeignet zu sein (24 Prozent) oder sie Angst vor Missbrauch bzw. mangelndes Vertrauen aufgrund negativer Berichterstattung haben (22 Prozent).

Widerspruchslösung gefordert

Europaweit führend bei den Organ- und Gewebespenden ist Spanien mit 46,9 Spendern pro eine Million Einwohner im Jahr. Dort gilt die sogenannte Widerspruchslösung: Menschen müssen es explizit dokumentieren, wenn sie gegen eine Organentnahme nach ihrem Tod sind, sonst werden sie automatisch zum Spender. So ist es auch in Italien, Norwegen, Schweden, Luxemburg, Österreich und Frankreich geregelt.

Das jüngste Land in der Reihe ist die Niederlande. Hier wurde eine solche Regelung im Februar von der ersten Kammer des Parlaments angenommen – wenn auch nach langer Debatte und nur mit knapper Mehrheit.

Auch in Deutschland werden die Stimmen immer lauter, die auch eine Widerspruchslösung hierzulande fordern. "Die Niederländer haben reagiert, und zwar lange bevor die Situation so prekär wurde wie bei uns", sagt der Generalsekretär der Deutschen Transplantationsgesellschaft (DTG), Christian Hugo: "Ich wünsche mir ähnlich mutige Politiker im Bundestag wie in Holland."

Viele Ärzte sind auf seiner Seite. Der Deutsche Ärztetag in Erfurt hat sich Anfang Mai klar für die Widerspruchslösung ausgesprochen. "Aus medizinischer Sicht, vor allem aber aus Sicht der vielen schwerkranken Patienten auf der Warteliste wäre eine solche Regelung der Idealfall", sagte Professor Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer (BÄK).

"Man sollte von den Bürgerinnen und Bürgern verlangen können, dass sie sich nach der gesetzlich vorgeschriebenen Aufklärung durch die Krankenkassen mit der Problematik auseinandersetzen und im Falle einer Ablehnung ihr Nein zur Organspende formulieren."

Vorher müssten "mit großer Sensibilität" ethische, religiöse und rechtliche Fragen diskutiert werden. Man dürfe nicht riskieren, dass die Menschen weiter verunsichert werden und sich am Ende komplett verschließen.

Lauterbach: Misstrauen gegen Staat besonders stark

Erklärter Befürworter einer Widerspruchslösung ist auch der SPD-Gesundheitspolitiker Professor Karl Lauterbach. "Für mich ist das ganz klar die Lösung, die ich bevorzuge - als Politiker und als Arzt", sagte er der dpa. "Wir könnten damit so vielen Menschen den Tod ersparen oder ein besseres Leben ermöglichen."

Politisch "sollten wir uns in diese Richtung bewegen", gesellschaftlich "sollten wir diese Diskussion führen".

Dass sich Deutschland schwerer tut mit einer Widerspruchslösung als seine Nachbarländer, liegt seiner Ansicht nach daran, "dass in Deutschland das Misstrauen gegen den Staat und seine Institutionen besonders stark ist". Ob in der laufenden Legislaturperiode eine Änderung realistisch ist, ist fraglich. "Ich persönlich werde alles, was ich kann, dafür tun", verspricht Lauterbach.

Kritisch steht einer Widerspruchregelung Rolf Henke gegenüber, der Vorsitzende des Marburger Bunds. Das Transplantationswesen lebe vom Vertrauen der Menschen – und Henke glaubt nicht, dass das Vertrauen durch eine Widerspruchslösung gestärkt wird: "Es ist eher das Gegenteil zu befürchten."

Es habe wenig Sinn, "eine große Kontroverse anzuzetteln": "Man muss mit den Leuten reden, sie überzeugen und die Organisation der Organtransplantation in den Kliniken verbessern."

Spahn ruft Bürger, sich mit Thema zu beschäftigen

Seit November 2012 gilt in Deutschland die sogenannte Entscheidungslösung. Die Krankenkassen müssen ihre Mitglieder alle zwei Jahre anschreiben und über die Organ- und Gewebespende informieren. Das kostet nach Schätzung des GKV-Spitzenverbands rund 60 Millionen Euro.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) ruft die Bundesbürger auf, sich mit diesem Thema beschäftigen: "Sich mit der Organspende auseinanderzusetzen, muss für uns alle zur Selbstverständlichkeit werden."

Dass die Zahl der gespendeten Organe weiter zurückging, ist für die Transplantationsgesellschaft ein Beweis, "dass diese Lösung nicht greift". Um mehr Menschen zu sensibilisieren, gibt es einen jährlichen Tag der Organspende – diesmal am 2. Juni mit einer zentralen Veranstaltung in Saarbrücken. (dpa/ths)

 

 

Westfalen Blatt 28.05.2018

 

NW

Zwischen Rhein und Weser 28.05.2018

 

Westfalen Blatt

OSTWESTFALEN-LIPPE / NRW WESTFALEN-BLATT Nr. 114

18.05.2018

Ein angeborener Herzfehler brachte Simon Kretschmar in höchste

Lebensgefahr. Nach der erfolgreichen OP im HDZ konnte auch Ehefrau

Anita durchatmen. Fotos: Moritz Winde


 

»Das ist mein zweiter Geburtstag« Eine seltene Herz-Lungen-Transplantation

im HDZ rettete Simon Kretschmar das Leben

Von Dietmar Kemper

Bad Oeynhausen (WB). In lebensbedrohlichem Zustand wurden Simon Kretschmar im

Sommer 2017 zwei Organe auf einmal eingesetzt: Herz und Lunge. »Der 15. August ist

mein zweiter Geburtstag«, sagte der 35-Jährige aus Gevelsberg gestern im Herz- und

Diabeteszentrum Nordrhein-Westfalen in Bad Oeynhausen.

Herztransplantationen sind im HDZ inzwischen Routine, HerzLungen-Transplantationen

dagegen nicht. Während seit 1989 bereits 2388 Herzen verpflanzt wurden, ist die Zahl

der komplizierten Herz-Lungen-Transplantationen mit 23 sehr viel geringer. »Es war das

Einzige, was ihm helfen konnte«, beschrieb Oberarzt André Renner (48) die Dringlichkeit

bei seinem Patienten. Simon Kretschmar kam mit einem schweren Herzfehler auf die

Welt (Shone-Komplex), wurde sechs Mal operiert und bekam mehrere Herzklappen. Als

sich in der Lunge Hochdruck gebildet habe und die rechte Herzhälfte zu versagen

drohte, sei die Herz-LungenTransplantation unumgänglich geworden, erzählte der Arzt.

Weil Kretschmar nur noch mit Medikamenten am Leben erhalten werden konnte, bekam

er wegen der besonderen Dringlichkeit schon nach 15 Wochen die benötigten Organe.

Andere warten bis zu vier Jahre. Knapp sechs Stunden dauerte die OP, bei der der

Brustkorb mit einem Längsschnitt geöffnet und die Herz-LungenMaschine angeschlossen

wurden. Zunächst wurde das Herz und im Weiteren der rechte und linke Lungenflügel

entnommen. Die Spenderorgane wurden gemeinsam in den Brustkorb eingebracht und

transplantiert. Nachdem die Luftröhre wieder angeschlossen worden war, folgten der

rechte Vorhof und die Hauptschlagader. Bei einer Herz-Lungen-Transplantation bestehe

die Gefahr, dass der Körper die fremden Organe abstößt, gleich doppelt, sagte der

Chirurg: »Im ersten Jahr ist die Sterblichkeit hoch, wenn man das erste Jahr geschafft

hat, hat man aber eine gute Prognose.« Simon Kretschmar fühlt sich neun Monate nach

der OP blendend: »Jetzt geht es mir gut, ich habe mehr Luft, als ich brauche,

Treppensteigen ist ohne Pause möglich.«

»Vorher war schon ein Weg von fünf bis zehn Schritten für ihn zu weit«, erzählte seine

Frau Anita (32). Zehn Tabletten schluckt Simon Kretschmar jeden Tag, sein Leben lang

muss er immunsuppressive Medikamente nehmen, damit der Körper die fremden

Organe nicht abstößt. Sohn TimBenjamin (6) passt mit auf, dass sich der Vater an die

Anordnungen hält. Essen darf er nur in Folie eingeschweißte, keimfreie Lebensmittel,

roher Käse und rohes Fleisch sind tabu. Immer wieder wäscht er sich die Hände,

Körperkontakt zu anderen meidet er. Als Lagerist kann Kretschmar nicht mehr arbeiten,

aber bald möchte er als Büroassistent wieder ins Berufsleben einsteigen.

Der Glaube an Gott und die Familie hätten ihm in der schweren Zeit Halt gegeben,

erzählte der 35Jährige, der sein Glück kaum fassen kann. War Atemnot früher sein

ständiger Begleiter und das Schuhezubinden eine Strapaze, lebt er jetzt weitgehend

normal: »Ich war mein Leben lang herzkrank, jetzt bin ich herzgesund – daran muss ich

mich erst gewöhnen.« Herz- und lungentransplantierte Menschen können bis zu 90

Prozent der Leistungsfähigkeit von Gleichaltrigen erreichen. Auch Sport ist wieder

möglich.

 

Spenderorgane werden dringend benötigt

»Die Bereitschaft, Organe zu spenden, hat deutlich

nachgelassen«, beklagt Oberarzt André Renner. Waren im

Jahr 2012 bundesweit noch 318 Herzen gespendet

worden, sank die Zahl im vergangenen Jahr auf 251. Bei

Lungen waren es 339, fünf Jahre später aber nur noch

264. Auf ein neues Herz warten im HDZ in Bad

Oeynhausen mehr als 200 Patienten. »Ich

würde mir in Deutschland eine Widerspruchslösung

wünschen, also, dass Menschen einer Organentnahme

ausdrücklich widersprechen müssen«, sagte Renner mit

Blick auf den »Tag der Organspende« am 2. Juni. Wer auf

eine Herz-Lungen-Transplantation angewiesen ist, braucht

gleich zwei Organe. In Deutschland gab es 2017 nur fünf

solcher Eingriffe.

 

 

 

Organspende nach Hirntod: Wann werden Organe eigentlich freigegeben?

12.05.2018

 

Teenager wachte nach diagnostiziertem Hirntod wieder auf

Der Fall Trenton McKinley aus Alabama berührte Herzen aus aller Welt. Der 13-Jährige lag im Koma und galt als hirntot. Ärzte hatten keine Hoffnung mehr für ihn. Trentons Eltern hatten bereits zugestimmt, die Organe ihres Sohnes zu spenden. Dann das Wunder: Trenton zeigte wieder Lebenszeichen.​ Mittlerweile hat er das Krankenhaus sogar wieder verlassen. Viele fragen sich nun: Wann werden Organe eigentlich freigegeben?

Wann ist der Mensch tot?

Der Tod kann auf zwei verschiedene Arten eintreten: durch Hirntod oder Herzstillstand. Herztoten werden keine Organe entnommen. Beim Hirntod versagt die Durchblutung des Gehirns. Die weiteren Körperfunktionen können aber künstlich aufrechterhalten werden. Zwei Ärzte aus verschiedenen Krankenhäusern müssen unabhängig voneinander feststellen, dass der Patient hirntot ist. Dafür hat die Bundesärztekammer ein dreistufiges Verfahren festgelegt. Die genaue Diagnose ist wichtig, denn der Hirntod ist gleichzeitig die Voraussetzung dafür, dass der Patient als Organspender in Frage kommt. Nach den Richtlinien der Bundesärztekammer müssen für eine Hirntod-Diagnose folgende Bedingungen erfüllt sein:

1. Es muss eine akute Hirnschädigung vorliegen - beispielsweise durch einen Hirninfarkt, einen Tumor, schwere Verletzungen, eine Sauerstoffunterversorgung oder Entzündungen.

2. Das Erlöschen der Hirnfunktion darf nicht auf andere Ursachen zurückzuführen sein - wie etwa auf eine Vergiftung oder die dämpfende Wirkung von Medikamente.

3. Es müssen bestimmte klinische Symptome zu erkennen sein: lichtstarre Pupillen, Bewusstlosigkeit ohne Reaktion auf Schmerzreize (Koma) und ein Ausfall der Spontanatmung.

Die Unumkehrbarkeit des Hirntodes ist erst nachgewiesen, wenn ein zweiter

Untersuchungsdurchgang nach

einer Wartezeit von zwölf Stunden bis drei Tagen die gleichen Ergebnisse

bringt. Alternativ können die Ärzte auch

eine apparative Untersuchung als Ergänzung durchführen. Ein sogenanntes

Null-Linien-Elektroenzephalogramm

(EEG) muss über einen bestimmten Zeitraum die komplette elektrische

Inaktivität des Gehirns belegen. Erst dann

gilt der  Patient offiziell als hirntot.

Oft nicht so eindeutig

Für viele Familienangehörige ist die Entscheidung, die lebenserhaltenden Maschinen abzuschalten, die schlimmste Erfahrung ihres Lebens. Denn der vermeintlich hirntote Patient liegt nach wie vor im Bett und wird beatmet. Sie sehen die Herzfrequenz und den Puls und vertrauen auf die Entscheidung der Ärzte. Die meisten Experten sprechen sich dafür aus, die Organe nach dem diagnostizierten Hirntod der Mediziner zu spenden.

Warum ein Organspendeausweis?

Organ- und Gewebespende ist gelebte Solidarität, so das

Bundesgesundheitsministerium. Auch wenn die Auseinandersetzung mit

Themen wie Krankheit und Tod für die meisten Überwindung kostet, ist eine

Antwort auf die Frage, ob man Organe spenden möchte, wichtig. Denn für

viele Menschen, die auf eine Organspende warten, entscheidet diese Frage

über Leben und Tod. Fest steht: Jeder könnte durch einen Unfall oder eine

Krankheit jederzeit in die Situation geraten, auf eine Organspende angewiesen

zu sein.


 

 

Ärzteschaft

Ärztetag: Widerspruchs- sollte Entscheidungslösung in der Organspende ablösen

Donnerstag, 10. Mai 2018

Erfurt – Die Widerspruchslösung sollte die derzeit bestehende Entscheidungslösung in der Organspende ersetzen. Dafür hat sich heute nach kurzer Debatte der 121. Deutsche Ärztetag in Erfurt ausgesprochen. Die Delegierten forderten den Gesetzgeber auf, das Transplantationsgesetz (TPG) entsprechend zu verändern.

Es kann von jeder Bürgerin und jedem Bürger nach der gesetzlich in § 2 Abs. 1 TPG geregelten Aufklärung durch die Krankenkassen erwartet werden, dass sie sich mit der Problematik auseinandersetzen und im Falle einer tatsächlichen Ablehnung ihr NEIN zur Organspende formulieren“, heißt es in dem Antrag.

In der Begründung zum Antrag wird ausgeführt, dass die Organspendebereitschaft in der Gesellschaft auch nach einer aktuellen Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) hoch sei, trotzdem würden die jährlichen Organspenderzahlen in Deutschland seit zehn Jahren kontinuierlich sinken.

Dieses Problem, das jedes Jahr den Tod für viele Patienten auf der

Warteliste bedeutet, muss durch viele verschiedene Maßnahmen

angegangen werden. Eine dieser Maßnahmen ist die Einführung der

in fast allen europäischen Ländern üblichen Widerspruchslösung“,

heißt es weiter.

Der Abstimmung waren nur wenige Wortmeldungen vorangegangen. „Wir brauchen einen Systemwechsel hin zur Widerspruchslösung“, hatte Karl Breu (Bayern) erklärt. Man sollte sich der Verantwortung stellen und ein Zeichen setzen. „Bitte stimmen Sie für unsere Patienten und für die Widerspruchslösung“, warb er.

Sven Christian Dreyer (Nordrhein) sprach sich gegen die Widerspruchslösung aus. Es sei das Recht des Bürgers, sich nicht aktiv mit der Organspende zu beschäftigen. Dieses dürfe man ihm mit der Widerspruchslösung nicht nehmen. Er führte aus, dass es immer noch große Kliniken gebe, in denen es Unregelmäßigkeiten gebe. Erst wenn das vollständige Vertrauen in die Transplantationsmedizin wiederhergestellt worden sei und sich alle immer an die bestehenden Regeln hielten, könne man der Bevölkerung diese Lösung zumuten, sagte er.

Das Thema war zuletzt auf dem 115. Deutschen Ärztetag im Jahr 2012 diskutiert worden. Damals hatten sich die Delegierten für die Einführung der Entscheidungs­lösung ausgesprochen. In der SPD mehrten sich zuletzt zwar die Stimmen für eine Widerspruchslösung. In der Union lehnt man diese bislang allerdings ab. © may/aerzteblatt.de

 

 

 

Immer mehr Deutsche haben Organspendeausweis

6. Mai 2018

Mehr Deutsche als bislang haben einen Organspendeausweis ausgefüllt. Das geht aus einer neuen Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hervor, über die die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (Montagausgabe) berichtet. Demnach verfügen 36 Prozent der Befragten über einen solchen Ausweis.

Ein Jahr zuvor waren es vier Prozentpunkte weniger. Von denjenigen Befragten, die angaben, eine Entscheidung zur Organspende getroffen zu haben, erteilten 72 Prozent die Zustimmung. 14 Prozent sagten, sie hätten sich gegen eine Spende ausgesprochen. Insgesamt bewerten immer mehr Menschen die Organspende „eher positiv“: 84 Prozent der Befragten äußerten sich nun tendenziell zustimmend, im Jahr 2013 waren es nur 78 Prozent. Fast drei Viertel (73 Prozent) der Befragten gaben an, der Grund für eine positive Entscheidung zur Organspende sei Altruismus. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sagte der F.A.Z.: „Wir müssen alles tun, damit die Zahl der Organspenden steigt.“ Spahn erteilte der Forderung, wonach eine Zustimmung zur Organspende in Zukunft vorausgesetzt werden solle, solange der Bürger dem nicht aktiv widerspricht, eine Absage. Überzeugungsarbeit sei besser als Zwang, sagte Spahn. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hatte 4.001 Personen zwischen 14 und 75 Jahren befragt, der Befragungszeitraum lag zwischen November 2017 und Februar 2018.

Foto: Organspendeausweis, über dts Nachrichtenagentur

 

 

Neue Westfälische Bad Oeynhausen

05.05.2018

So retten Ärzte Gretas Leben

Schwieriger Eingriff:

Bereits am sechsten Lebenstag operieren Spezialisten aus Bad Oeynhausen das kleine Mädchen, das nur eine Herzkammer hat.

Im Mittelpunkt die kleine Patientin:

Der Direktor der Klinik für Kinderherzchirurgie, Eugen Sandica (l.), Herzchirurgin Ute Blanz, die Mutter Sophie Jansen mit ihrer Tochter Greta Marlene und der Direktor der Klinik für Kardiologie, Deniz Kececioglu. FOTO: ARMIN KÜHN, HDZ

Bad Oeynhausen (NW/bth).

Die kleine Greta Marlene ist erst drei Monate alt. Den Tag des herzkranken Kindes an diesem Samstag wird sie fröhlich und putzmunter mit ihren Eltern und Geschwistern in Bielefeld verbringen. „Das kleine Mädchen hat viele Schutzengel gehabt“, sagen Deniz Kececioglu und Eugen Sandica, die Chefärzte der Kinderkardiologie und Kinderherzchirurgie sowie Chirurgie angeborener Herzfehler am Herz- und Diabeteszentrum NRW (HDZ NRW). Mehr als die Hälfte ihres Lebens hat Greta im Kinderherzzentrum in Bad Oeynhausen verbracht. Ohne das Eingreifen der Ärzte hätte sie keine Überlebenschance gehabt, wie die Experten berichten. Greta ist das dritte Kind von Sophie und Christian Jansen. Während der Schwangerschaft gibt ein Ultraschallbild Anlass zu Besorgnis. Bald darauf steht fest: Das Baby wird mit einem sehr schweren angeborenen Herzfehler auf die Welt kommen. „Herzfehlbildungen sind eine Laune der Natur“, sagt Kececioglu. „Jedes 100. Kind kommt mit einem angeborenen Herzfehler zur Welt.“ Bei Greta ist dieser leider sehr komplex:Die linke Herzkammer ist nicht vorhanden, der Aortenbogen viel zu schmal. Die Spezialisten für Früherkennung von Herzfehlbildungen empfehlen die Geburt in Bad Oeynhausen, damit das Neugeborene umgehend in das Kinderherzzentrum aufgenommen werden kann. Unmittelbar nach der Geburt wird das kleine Mädchen in das Kinderherzzentrum verlegt und medikamentös versorgt. Greta ist gerade sechs Tage alt, als Oberärztin Ute Blanz ihr winzig kleines Herz operiert. Die Operationsmethode, die die erfahrene Chirurgin dabei anwendet, zählt zu den schwierigsten Eingriffen der Kinderherzchirurgie. Sie heißt Norwood I“. 1981 hat der amerikanische Kinderherzchirurg William Norwood dieses chirurgische Verfahren erstmals angewendet. Die sogenannte Norwood-Methode hat seitdem Tausenden von Einkammerherz-Kindern wie Greta das Leben gerettet. Bei Ute Blanz ist Greta in den besten Händen. In einer achtstündigen Operation sorgt die Chirurgin für eine stabile Herz-Lungenfunktion des Babys. Bis zu 25 dieser Norwood-Eingriffe jährlich führen Ute Blanz und Eugen Sandica seit vielen Jahren im Bad Oeynhausener Kinderherzzentrum durch.

Zwei weitere Operationenim ersten und vierten Lebensjahr und eine regelmäßige kinderkardiologische Betreuung werden notwendig sein, damit sich das kleine Mädchen altersgerecht entwickelt. „Mit einigen Einschränkungen wird Greta ein ganz normales Leben führen können“, sind sich die Spezialisten nach dem Ambulanztermin einig, der in dieser Woche stattfand. Das wäre vor 40 Jahren noch nicht möglich gewesen. Heute werden zahlreiche erwachsene Patienten mit nur einer funktionsfähigen Herzkammer im eigens darauf spezialisierten EMAH-Zentrum in Bad Oeynhausen betreut. Für Ute Blanz sind die Eingriffe an Säuglingen zwar Alltag, aber keine Selbstverständlichkeit, wie sie im Gespräch mit dieser Zeitung berichtet. „Die allerkleinsten und allerjüngsten Patienten, die wir im Zentrum für angeborene Herzfehler operieren sind naturgemäß unsere Frühgeborenen“, berichtet Blanz. „Diese Patienten leiden häufig unter einem sich nicht schließenden Gefäß zwischen Hauptschlagader und Lungenschlagader, dem sogenannten Ductus Botalli.“ Dieses Gefäß müsse operativ verschlossen werden, damit die Kinder überleben könnten. Auf die Frage nach dem jüngsten Patienten der in der Klinik operiert wurde, sagt Blanz: „Hier war das jüngste Kind ein Frühgeborenes der 26. Schwangerschaftswoche mit einem Geburtsgewicht von 560 Gramm.“

 

Das sagt Herzchirurgin Ute Blanz

Frau Blanz, was sind die häufigsten Gründe für eine Herzoperation bei einem Kind?

UTE BLANZ:

Die häufigsten Gründe sind Defekte in der Vorhof- und Kammerscheidewand, weil diese Herzfehler auch mit Abstand am häufigsten auftreten. Bei der Operation wird mit Hilfe der Herz-Lungen-Maschine operiert und der Vorhof- und Kammerscheidewanddefekt mit einem Flicken verschlossen.

Was bedeutet ein solcher Eingriff für die betroffenen Mädchen und Jungen, wie nehmen Sie ihnen Ängste?

BLANZ:

Für die psychische Betreuung unserer kleineren oder älteren Patienten steht ein ganzes Team von Mitarbeitern zur Verfügung, so spielt das häufig über Jahre schon dem Patienten bekannte Pflegepersonal und Ärzteteam eine wichtige Rolle, damit die Patienten sich sicher und wohl bei uns fühlen, außerdem werden die Patienten durch einen Psychologen und eine besonders geschulte Kontaktschwester sowie in speziellen Situationen durch geschulte Mitarbeiter im Palliativbereich betreut.

Wie werden Eltern begleitet?

BLANZ:

Die Eltern werden ab dem Erstkontakt mit unser Klinik intensiv betreut: Sie werden über alle Untersuchungsbefunde und die sich daraus ergebene mögliche Operationsindikation umgehend informiert. Wenn sie es wünschen, bekommen sie einen Termin für ein ambulantes Aufklärungsgespräch vor der stationären Aufnahme zur Operation und können auf Wunsch psychologische Hilfe in Anspruch nehmen.

Mit welchen Ambitionen gehen Sie in einen solchen Eingriff?

BLANZ:

Wir Kinderherzchirurgen gehen in jede Operation unabhängig vom Umfang und dem Schwierigkeitsgrad mit der höchstmöglichen Genauigkeit hinein und bringen unsere ganze Erfahrung in den Eingriff ein. Wohlwissend, dass die Eltern uns ihr Liebstes während der Operation und der Behandlung anvertrauen und ihre ganze Hoffnung in unsere erfolgreiche Arbeit setzen. So ist der Anspruch gerade bei kleinen Kindern mit angeborenen Herzfehlern hoch, denn wir möchten ihnen ein möglichst normales Leben mit einer hohen Lebensqualität ermöglichen.

Die Fragen stellte

Matthias Bungeroth

 

Organtransplantation „Der menschliche Körper wird nicht 'verstaatlicht'“

Medizinethiker Norbert Paul spricht über das notleidende Transplantationssystem in Deutschland, die Widerspruchslösung und seinen Traum von TV-Galas für Organspenden.

25.04.2018

Von Ursula Rüssmann

Herr Paul, besitzen Sie einen Organspendeausweis?
Ja, natürlich.

Warum?
Wir haben das in der Familie diskutiert und entschieden. Denn wir leben ja in einem Land mit einem funktionierenden Organspendesystem. Sollte jemand von uns irgendwann selbst ein Spenderorgan brauchen, denken wir, dass wir mit einer gewissen Wartezeit auch eins bekommen. Das heißt für mich und die ganze Familie, dass wir selbst bereit sind, zu spenden. Einfach um dieses System zu unterstützen.

Umfragen zufolge denken etwa 80 Prozent der Bürger im Prinzip so wie Sie. Aber nur jeder Dritte hat auch wirklich einen Spenderausweis – einer der Gründe für die extrem niedrigen Organspendezahlen bei uns. Warum ist das so?
Ich glaube, das ist in weiten Teilen immer noch Bequemlichkeit. Auch ist das Thema in unserer Gesellschaft nicht durchweg positiv besetzt, damit kommt eine gewisse Unsicherheit hinzu. Eine Rolle spielt auch, dass ich mich, wenn ich meinen Ausweis ausfülle, mit meinem eigenen Tod beschäftigen muss. Ich finde es schon merkwürdig, dass viele Menschen das Thema so großräumig meiden.

Sehr viele andere Länder sparen sich das Problem mit den fehlenden Spenderausweisen. Sie haben eine Widerspruchslösung, wonach im Todesfall jeder als Organspender gilt, der nicht zu Lebzeiten ausdrücklich widersprochen haben. Gerade erst haben die Niederlande dieses System eingeführt. Wäre das auch was für uns?
Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich das auch aus ethischen Gründen für die konsequentere Lösung halte, vor allem weil wir in einem Bildungsland leben. Die Information, dass man automatisch Spender ist, wenn man nicht ausdrücklich widerspricht, kann bei den richtigen Strukturen jeden erreichen. Ich sehe auch kein Gerechtigkeitsproblem, wie viele Gegner, die sagen: Die, die keinen guten Zugang zu solchen Informationen haben, laufen Gefahr, sozusagen „aus Versehen“ Spender zu werden. Im Gegenteil: Wir haben dann ein Gerechtigkeitsproblem, wenn ich sage, ich fülle keinen Spenderausweis aus – aber im Krankheitsfall will ich dann schon ein Organ. Wenn man erwartet, zu Lebzeiten bei Bedarf ein Spenderorgan zu bekommen, dann steht man in der ethischen Pflicht, nach dem Ableben Organe zu spenden, zumal man dadurch gar keinen eigenen Schaden erleidet.

Die Gegner der Widerspruchs-
lösung verweisen gern auf das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Geht das Verfügungsrecht über den eigenen Körper nicht über den Tod hinaus? Die Menschenwürde endet ja nicht mit dem Tod.
Die Menschenwürde endet in der Tat nicht. Allerdings ist das volle Verfügungsrecht über unseren Körper im täglichen Zusammenleben ja ohnehin oft eingeschränkt …

Inwiefern?
Denken Sie nur an bestimmte Vorschriften zur Arbeits- und Verkehrssicherheit. Dass Sie sich im Flugzeug anschnallen müssen und nicht frei herumlaufen dürfen, ist ja im Prinzip eine freiheitsberaubende Maßnahme. Wichtiger ist noch: Die höchst persönliche Würde des Menschen, wie sie im Selbstbestimmungsrecht über den eigenen Körper zum Ausdruck kommt, wird ihm mit der Widerspruchslösung ja nicht genommen. Er kann ja widersprechen. Damit gründet die Widerspruchslösung eindeutig auf Freiwilligkeit, nicht etwa auf der Sozialpflichtigkeit der Organspende. Hier wird keinesfalls der menschliche Körper „verstaatlicht“, wie manche Kritiker behaupten.

Wie sollte man eine Widerspruchslösung ausgestalten?
Zu einer sauberen Widerspruchslösung gehört auf jeden Fall eine gute Widerspruchsdatei, ähnlich wie in Österreich, in der alle Widersprüche erfasst werden. Zentral ist die Information der Bevölkerung. Aus den USA kenne ich die Übersendung von Organspende-Informationen mit dem Führerschein. Der Führerscheinerwerb ist ja, wie etwa der Handykauf, eine Lebenssituation, die fast jeder von uns hat, und es ist durchaus denkbar, dass man die Aufklärung, dass man prinzipiell Organspender ist, es sei denn, man widerspricht, auf solchen Wegen an die Frau und an den Mann bringt. Wenn das alles gelingt, passiert wahrscheinlich nicht gleich der erwartete Aufschwung in den Organspende-Zahlen, aber es entlastet die Situation in der Klinik ganz erheblich.

Was meinen Sie damit?
Derzeit müssen mit Eintreten des Hirntodes geschulte Ärztinnen und Ärzte mit Angehörigen ein ergebnisoffenes Gespräch über Organspende führen, meist ohne dass man weiß, was der Hirntote genau gewünscht hätte. Die Ablehnungsquote bei Angehörigen in solchen Gesprächen steigt derzeit. Das liegt auch an der Zumutung, die diese Situation darstellt: Sie verlieren gerade einen geliebten Menschen und sollen dann auch noch so etwas Wichtiges entscheiden. Wenn dagegen, wie bei einer Widerspruchslösung, klar ist, dass eine Organspende im Prinzip in Frage kommt und sie als Angehörige nur widersprechen müssen, wenn sie selbst es gar nicht wollen, ist die Situation sehr stark entlastet.

Sie plädieren also dafür, dass Angehörige bei einer möglichen Widerspruchslösung ein Vetorecht bekommen sollten?
Ja, eindeutig. Auch in Österreich gibt es ja für Angehörige diese Möglichkeit, wenn die Organentnahme beim Hirntoten für sie eine unerträgliche Belastung ist. Sie können dann, trotz der Bereitschaft des Verstorbenen, ihre Zustimmung verweigern.

Aber warum steigt hierzulande die Ablehnungsquote seitens der Angehörigen? Die Zumutung während der Sterbesituation, von der Sie sprachen, war ja
immer schon gegeben.
Wir haben einen erheblichen Zuwachs an Patientenverfügungen über einen Therapieverzicht bei bestimmten Situationen am Lebensende. Das Vorliegen einer solchen Verfügung allein erhöht schon die Ablehnungsrate von Angehörigen, wenn es um Organspende geht. Wir haben es da in den letzten fünf bis sechs Jahren mit einer Mentalitätsveränderung zu tun. Man will angesichts einer als supramaximal erlebten Medizin die Grenzen des eigenen Lebens zunehmend sehr deutlich selbst ziehen.

Aber was ist mit dem Patienten, der schwerkrank ist und nur durch ein Spenderorgan über-
leben oder gesunden kann? Welche Rechte hat er aus ethischer Sicht?
Jeder Kranke hat bei uns das Recht auf eine dem Stand der medizinischen Wissenschaft entsprechende Behandlung, und die Transplantation ist ein etabliertes medizinisches Verfahren, mit dem wir in bestimmten Bereichen sehr, sehr gute Erfolge erzielen. Bei Leber und Niere etwa ist es so. Herztransplantationen sind zwar spektakulär, aber aufgrund verbesserter Früherkennung immer seltener erforderlich. Lungentransplantationen sind in Deutschland eher selten, können aber überlebensnotwendig sein. Ich kenne eine junge Patientin von Ende 20, die unter einer schweren Form von Mukoviszidose leidet und eine kombinierte Lungen-Nieren-Transplantation benötigt. Der muss man sagen, wir haben absehbar – aufgrund des Organmangels – eigentlich keine Behandlungsoption und schlagen vor, sie palliativ zu sedieren, wenn es schlimmer wird, also mit Medikamenten so ruhigzustellen, dass sie Schmerzen und Ängste beim Sterben nicht merkt.

Das heißt dieser Patientin kann, weil keine Transplantation möglich ist, nur noch das Sterben erleichtert werden?
Richtig, und das ist aus meiner Sicht ethisch keine Option.

Gibt es in so einem Fall ein Recht auf ein Spenderorgan?
Durchaus. Solange wir sagen, wir haben ein Transplantationssystem und wollen uns nicht vollständig daraus verabschieden, sage ich: Ja, das Recht besteht. Allerdings stoßen wir da auch auf ein systematisches Problem: Die Transplantation postmortaler Organspenden ist nur möglich in einer Situation, die wir unter allen Umständen zu vermeiden suchen, nämlich bei Hirntod. Wir tragen Helme beim Radfahren, wir haben Airbags im Auto, wir haben moderne Therapieformen nach einem Schlaganfall und wir haben eben die Patientenverfügungen – das heißt, wir haben immer mehr passive Sicherheit, und das ist natürlich erwünscht. Andererseits haben wir dadurch immer weniger Hirntote, die als potenzielle Organspender in Frage kommen. Nach Alternativen wird deshalb ja fieberhaft gesucht. So ist die Wissenschaft schon weit fortgeschritten, wenn es darum geht, Tierorgane durch gentechnische Eingriffe zu humanisieren. Auch in Deutschland wird daran gearbeitet, irgendwann Schweinenieren für Menschen zu züchten. Da werden Grenzbereiche betreten, die lange tabu waren. Das zeigt mir, wie hoch wir auch hierzulande das Recht des Patienten auf eine angemessene medizinische Versorgung ansetzen.

In anderen Ländern wie der Schweiz und Österreich gilt, dass nicht nur bei Hirntod, sondern auch bei irreversiblem Herz-Kreislaufstillstand Organe entnommen werden können. Auch das erhöht die Spenderzahlen. Sollte man es auch in Deutschland so machen?
Aus ethischer Sicht spricht dann nichts dagegen, wenn der Herz-Kreislauf-Tod nach ganz festgelegten Kriterien und unter kontrollierten klinischen Bedingungen festgestellt wird. Ich sehe aber eine Hauptschwierigkeit. Wir haben ja jetzt schon eine ausufernde Diskussion, ob der hirntote Mensch wirklich tot ist. Das Gehirn können Sie aber nicht reanimieren, während Sie den Herztoten unter Umständen reanimieren können. Da stellt sich dann die Frage: Ab wann kann jemand als Spender nach Herztod gelten? Mit Sicherheit nicht das stark unterkühlte Kind, das könnten wir auch nach vielen Minuten oder sogar Stunden noch mit gutem oder akzeptablem Ausgang reanimieren. Und was ist nach wiederholter Herz-Lungen-Wiederbelebung in der Klinik? Da haben wir dann wahrscheinlich schon geschädigte Organe, deren Durchblutung mehrfach unterbrochen war. Es braucht einen beobachteten Herztod bei einem Menschen, der als Organspender in Frage kommt und von dem man weiß, dass eine Wiederbelebung keine Erfolgsaussicht hat. Eine solche Reform halte ich in der allgemeinen Glaubwürdigkeitskrise der Medizin hierzulande für politisch kaum umsetzbar.

Zumal die Politik das Thema Organspende ja bisher ohnehin nicht anfasst.
Richtig, die Debatte wurde in der Vergangenheit regelrecht tot gemacht. Ich habe das selbst erlebt, weil wir im Rahmen der Novellierung des Transplantationsgesetzes sehr stark auf eine Widerspruchslösung gedrungen haben. Das wurde politisch abgeschmettert mit der Aussage: „Wir wollen keine neue Diskussion über den Hirntod.“

Wenn das geltende Transplantationsrecht so ist, dass es das Recht der von Ihnen genannten unheilbar kranken jungen Frau auf rettende Spenderorgane nicht erfüllen kann, gleichzeitig aber der politische Wille fehlt, diese Lage zu ändern – müssten diese Frau oder ähnlich Betroffene nicht die Chance haben, ihr Recht einzuklagen? Wie könnte das gehen?
Eine schwierige Frage, ich bin kein Verfassungsrechtler. Jedenfalls haben wir gemäß den Leit-
linien des Länderverbunds Eurotransplant in Deutschland mit einer Spenderquote von unter zehn Menschen pro einer Million Einwohnern kein strukturiertes Transplantationswesen mehr. Eigentlich könnten wir damit, wenn alle anderen Eurotransplantmitglieder zusammenhalten, aus dem System hinausfliegen, weil wir mehr Organe aus anderen Ländern bekommen als wir diesen geben können. Allein die Tatsache, dass das droht, könnte man als Politikversagen und Organisationsverschulden bewerten: Denn es kann doch nicht sein, dass Deutschland kein Transplantationssystem aufbauen kann, das Eurotransplant-würdig ist. Man würde dann auf Veränderung der Rechtslage klagen – bis zum Bundesverfassungsgericht, unter Verweis auf das Recht auf körperliche Unversehrtheit oder gar die Menschenwürde. Die Erfolgsaussichten kann ich nicht einschätzen, aber die Idee ist durchaus charmant.

Zum Schluss: Was wünscht sich der Medizinethiker in Bezug auf das deutsche Transplantationssystem?
Tätig werden sollte zunächst mal die Kultusministerkonferenz. Das Thema Organspende muss in die Lehrpläne der Schulen aufgenommen werden, damit es jedem Bürger im Laufe seiner schulischen Ausbildung umfassend nahegebracht wird. Denn ich sehe gerade bei Schülern und Studierenden eine erhebliche Bereitschaft zur Auseinandersetzung damit, aber sie sind allein gelassen. Es gibt inzwischen an der Uni Mainz und auch an vielen anderen Unis die Studentengruppen „Aufklärung Organspende“, die spendenfinanziert in Schulen über das Thema sprechen, doch damit leider ganz häufig bei den Schulleitungen abblitzen. Diese Initiative müsste von den Kultusministern direkt ausgehen. Schritt zwei wäre die Einführung einer Widerspruchslösung mit Informationspflicht. Die schulische Bildung wäre bereits ein Element darin. Auch sollte die Transplantationsmedizin stärker auf Zentren konzentriert werden, die dann besser ausgestattet werden müssten. Vor allem wünsche ich mir eine Kultur, in der Organspende endlich positiv besetzt ist. Wenn die großen Spendengalas im Fernsehen irgendwann auch mal Organspenden und nicht mehr nur Geldspenden zum Thema machen würden, wären wir einen Riesenschritt weiter.

Interview: Ursula Rüssmann

 

 

Bundes­ärzte­kammer: Montgomery fordert offene Debatte um Organspende

Donnerstag, 19. April 2018

Berlin – Eine intensive öffentliche Debatte um das Einwilligungs- oder Widerspruchsverfahren zur Organspende forderte der Präsident der Bundes­ärzte­kammer (BÄK), Frank Ulrich Montgomery, heute in der Vorab-Pressekonferenz zum 121. Deutschen Ärztetag (8. bis 11. Mai 2018 in Erfurt) in Berlin. Auch wenn aus medizinischer Sicht die aktuell wieder diskutierte Widerspruchslösung das Beste wäre, erfordere das Thema Organspende mehr: Zum einen Maßnahmen zur rechtlichen Stärkung der Transplantationsbeauftragten, aber vor allem eine gesellschaftliche Einigung auf ein Einwilligungs- oder Widerspruchsverfahren.

Mit Blick auf den Deutschen Ärztetag betonte Montgomery, dass der von der Bundesregierung vorgelegte Koalitionsvertrag zwar pragmatisch angelegt sei und in weiten Teilen entsprechend abgearbeitet werden könne, ihm fehlten aber die „ganz großen Visionen“. Anlass zur Kritik sieht der BÄK-Präsident bei der geplanten Erhöhung der Mindestsprechstundenzeiten von 20 auf 25 Wochenstunden: „Wenn der Gesetzgeber 25 Prozent mehr Arbeit verlangt, muss er auch mehr Gehalt zahlen. Das muss sich in der Vergütung wiederfinden.“

Zur Diskussion um eine Vereinheitlichung der Honorarordnungen erklärte Montgomery, dass die Mitglieder der laut Koalitionsvertrag vereinbarten wissenschaftlichen Kommission, die bis 2019 die ärztlichen Honorarordnungen begutachten soll, noch nicht bestimmt seien, die BÄK aber auf eine Beteiligung Wert lege. Ein modernes Vergütungssystem brauche keine einheitliche Honorarordnung. Sowohl die einheitliche Gebührenordnung (EBM) wie auch die Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) benötigten jedoch Reformen.

Ein Problem für die ärztliche Versorgung sei die Zulassung von Ärzten aus Drittstaaten. Zurzeit erhielten etwa 65 Prozent aller Antragsteller eine Berufszulassung. Nötig sei im Interesse des Patientenschutzes die Schaffung einer bundesweit einheitlichen Regelung der Zulassung. Es stehe zur Diskussion, ob man nicht wie in den USA „diesen Leuten ein deutsches Staatsexamen abfordern muss“.

Montgomery kündigte an, dass der Deutsche Ärztetag in Erfurt die Novelle der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung beraten werde. Leitfrage sei hier, welche Kompetenzen Ärztinnen und Ärzte benötigen, „um als Facharzt oder -ärztin eigenständig tätig zu sein“.

Zum Thema Ärztemangel betonte Montgomery, dass der für das Medizinstudium verabschiedete „Masterplan 2020“ zwar „ein erster Schritt zum Guten“ sei, aber eher mittel- oder langfristige Wirkung zeigen werde. „Wir brauchen für die Weiterentwicklung der Medizin mehr Köpfe“, forderte der BÄK-Präsident erneut.

 

Auch mit Blick auf die Versorgungslage in den Krankenhäusern sieht Montgomery dringenden Handlungsbedarf: „Wir brauchen nicht nur mehr Stellen, wir brauchen eine Initiative für die Pflege.“ Maßnahmen, den Pflegeberuf attraktiver zu gestalten, seien zu begrüßen, seien aber angesichts des in Krankenhäusern zunehmend festzustellenden Fachkräftemangels gleichermaßen für alle Beschäftigten im Krankenhaus notwendig. Erforderlich sei, die stationäre Versorgung mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu stärken.

Auch die Notfallversorgung werde Thema für die Delegierten auf dem 121. Deutschen Ärztetag. Hier seien schon viele Vorschläge gemacht worden, aber erforderlich sei vor allem ein vernünftiges Miteinander der Ärzte in Niederlassung und stationärer Versorgung. Um die Lage zu verbessern, müsse man zum Einen die Notdienstnummer 116117 in der Bevölkerung etablieren. Akzeptieren müsse man aber auch, dass künftig bestimmte Kliniken keine Notaufnahme mehr haben werden, erklärte der BÄK-Präsident mit Blick auf den noch ausstehenden G-BA-Vorschlag.

Zum Thema Digitalisierung erklärte Montgomery, dass die Ärzte schon heute ihren Beitrag leisten, elektronisch gestützte Verfahren zu etablieren. „Aber viele gute Gedanken scheitern in Deutschland an der flächendeckend nicht vorhandenen Breitbandversorgung.“ Der Deutsche Ärztetag werde sich in diesem Themenfeld auch mit dem Fernbehandlungsverbot befassen. Er betonte, dass es „ein ausschließliches Fernbehandlungsverbot“ ohnehin nicht gebe. Entscheidend sei, dass der Arzt seinen Patienten kenne.

Dann könne mithilfe moderner Medien vieles getan werden: „Wir müssen uns auch hier konstruktiv dem internationalen Wettbewerb stellen.“ Dafür gelte es, konstruktive Regelungen zu treffen. Dennoch: „Der Goldstandard ist und bleibt das persönliche Gespräch.“ Digitale Hilfsmittel seien hier „unterstützende und wichtige Instrumente, aber kein Ersatz“.

Zur aktuellen Diskussion des § 219a (StGB), dem Werbeverbot für Schwangerschaftsabbrüche, erklärte Montgomery, dass er für die Ärzte hier Rechtssicherheit erwarte. Die Wahrnehmung von Werbung habe sich seit Schaffung dieser Regelung im Jahr 1992 erheblich verändert. Um für die betroffenen Frauen und ihre Ärzte Sicherheit zu schaffen, sei beispielsweise ein zugängliches Register denkbar. Ob hierzu eine rechtliche Änderung erforderlich sei, müsse man den Juristen überlassen.

Mit Blick auf Brüssel und die EU-Kommission warnte der BÄK-Präsident vor Eingriffen in die ärztliche Selbstverwaltung. Nationale Arzneimittelverordnungen dürften nicht über eine europäische Richtlinie verschlechtert werden. Die von der EU-Kommission vorgesehene Nivellierung der deutschen Verordnung auf niedrigeres europäisches Niveau sei ein nicht akzeptabler „Bückling vor der Industrie“. © dpa/aerzteblatt.de