15. Februar 2019

Große Wissenslücken beim Thema Organspende

Köln – Rund um das Thema Organspende gibt es nach einer Umfrage große Wissens­lücken. Jeder dritte Bundesbürger (32 Prozent) weiß nicht, dass in Deutschland der Hirntod zwingende Voraussetzung für eine Organspende ist, wie aus der heute vom WDR in Köln veröffentlichten Befragung hervorgeht. Sie seien der Ansicht, Organe könnten entnommen werden, wenn das Hirn noch arbeitet, während das Herz stillstehe.

Organspenden finden aber statt, wenn das Hirn irreversibel ausfällt und das Herz noch schlägt. Doch 40 Prozent von gut 1.000 Befragten waren nach den Angaben der Meinung, unter diesen Umständen dürften keine Organe entnommen werden. Selbst Besitzer eines Organspendeausweises wüssten nicht besser Bescheid über das Hirntodkriterium als die Befragten ohne Ausweis. Am Dienstag berichtet die Sendung „Quarks“ im WDR-Fernsehen ab 21.00 Uhr über die von ihr in Auftrag gegebene Befragung von infratest dimap.

 „Die Ergebnisse zeigen, dass selbst die Gruppe, die sich mit der Thematik befasst haben sollte, ehe sie den Organspendeausweis ausgefüllt hat, nicht nachhaltig genug aufgeklärt ist“, sagte die Direktorin des Nationalen Instituts für Wissenschafts­kommunikation, Beatrice Lugger. Fast die Hälfte der Menschen ab 65 Jahren (46 Prozent), die keinen Ausweis haben, begründeten dies nach den Angaben mit ihrem Alter, obwohl es für eine Organspende gar keine Altersgrenze mehr gebe.

21 Prozent der Befragten ohne Ausweis haben sich den Angaben zufolge mit dem Thema Organspende noch nicht beschäftigt. „Angesichts der derzeitig geringen Informiertheit der Bevölkerung“ ist nach Ansicht Luggers die in der Diskussion stehende Widerspruchslösung kritisch zu betrachten. Bislang ist nur Organspender, wer dies ausdrücklich dokumentiert. Eine Widerspruchslösung würde dies umkehren: Bis zum Widerspruch wäre jeder ein potenzieller Spender. Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) favorisiert eine solche Regelung.

Auch die Deutsche Stiftung Patientenschutz wertete die Zahlen als Argument gegen die Widerspruchslösung. Sie setze darauf, dass „der Bürger sich mit der Organspende nicht beschäftigt und schweigt“, sagte Vorstand Eugen Brysch in Dortmund. Die bewusste Entscheidung für die Organspende würde damit faktisch abgeschafft.

Brysch betonte, eine Organspende müsse eine bewusste und freiwillige Entscheidung bleiben. „Es kann sehr persönliche Gründe geben, sich gegen die Organspende zu entscheiden. Diese Menschen dürfen sich für ihre Haltung nicht rechtfertigen müssen.“ Wolle der Staat wirklich etwas für die Schwerstkranken auf der Warteliste tun, müsse er selbst Verantwortung übernehmen. „Deshalb muss der Bundestag sowohl für die Verteilungsgerechtigkeit als auch für die staatliche Organisation und Kontrolle sorgen.“

Gestern hatte der Bundestag Das „Zweite Gesetz zur Änderung des Transplantations­gesetzes – Verbesserung der Zusammenarbeit und der Strukturen bei der Organspende (GZSO)“ mehrheitlich beschlossen. Mit dem  Gesetz sollen zunächst einmal die strukturellen und finanziellen Voraussetzungen in den Entnahmekrankenhäusern für eine optimale Organspende geschaffen werden. Konkret sollen die Transplantationsbeauftragten mehr Befugnisse erhalten und von ihren sonstigen Aufgaben im Entnahmekrankenhaus freigestellt werden – und zwar anteilig in Abhängigkeit von der Anzahl der in einem Entnahmekrankenhaus vorhandenen Intensivbehandlungsbetten. Diese anteilige Freistellung soll den betroffenen Krankenhäusern künftig vollständig refinanziert werden. © kna/aerzteblatt.de

 

 

15.02.2019

 

Spahn: Die Zahl der Organspenden kann weiter steigen

Zweites Gesetz zur Änderung des Transplantationsgesetzes - Verbesserung der Zusammenarbeit und der Strukturen bei der Organspende

Krankenhäuser sollen mehr Zeit und Geld für Organtransplantationen bekommen. Das ist Ziel einer Gesetzesänderung, die der Bundestag am 14.02.2019 abschließend beraten hat. Damit soll die Zahl der Organspenden erhöht und so mehr Menschenleben gerettet werden. „Die gestiegenen Organspende-Zahlen sind gut, aber nicht gut genug“, betonte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn im Bundestag.

Alle acht Stunden stirbt ein Mensch auf der Warteliste, weil kein passendes Spender-Organ gefunden wird. Das muss sich ändern! Mit dem "Zweiten Gesetz zur Änderung des Transplantationsgesetzes – Verbesserung der Zusammenarbeit und der Strukturen bei der Organspende" sollen künftig mehr Leben durch eine Organspende gerettet werden können. Das nicht zustimmungspflichtige Gesetz kann nach dem zweiten Durchgang im Bundesrat Anfang April 2019 in Kraft treten.

„Gut, dass sich der Deutsche Bundestag so schnell entschieden hat, die Bedingungen für Organspenden zu verbessern. Wir geben den Krankenhäusern mehr Zeit und Geld, geeignete Spender zu finden. Damit kann die Zahl der Organspenden weiter steigen. Das gibt den 10.000 Patienten Hoffnung, die auf ein Spenderorgan warten.“

 

Eine Schlüsselrolle zur Erhöhung der Organspenden in Deutschland spielen die

Krankenhäuser, in denen Organe entnommen werden. Gut funktionierende

Abläufe bei der Erkennung möglicher Organspender, mehr Zeit und eine gute

Finanzierung können dazu beitragen, mehr Menschenleben zu retten. Hier

setzt unser Gesetzentwurf an, den das Bundeskabinett am 31. Oktober 2018

verabschiedet hat und der am 14. Februar 2019 in zweiter und dritter Lesung

vom Deutschen Bundestag abschließend beraten wurde. Nach dem zweiten

Durchgang im Bundesrat kann das nicht zustimmungspflichtige Gesetz Anfang

April 2019 in Kraft treten.

Die Regelungen des Gesetzes im Einzelnen

Transplantationsbeauftragte (TxB)

  • Es gibt verbindliche Vorgaben für die Freistellung der Transplantationsbeauftragten.

  • Die Freistellung erfolgt auf der Grundlage der Anzahl der Intensivbehandlungsbetten in den Entnahmekrankenhäusern für einen Stellenanteil von 0,1 Stellen je 10 Intensivbehandlungsbetten.

  • Hat ein Entnahmekrankenhaus mehr als eine Intensivstation, ist für jede Station mindestens ein TxB zu bestellen.

  • Der Aufwand wird vollständig refinanziert. Die Krankenhäuser müssen die Mittelverwendung nachweisen.

  • TxBs erhalten Zugangsrecht zu den Intensivstationen und sind hinzuzuziehen, wenn Patienten nach ärztlicher Beurteilung als Organspender in Betracht kommen.

  • Ihnen sind alle erforderlichen Informationen zur Auswertung des Spenderpotentials zur Verfügung zu stellen.

  • TxBs sind für die fachspezifische Fort- und Weiterbildung freizustellen; die Kosten dafür trägt die Klinik.

Entnahmekrankenhäuser

  • Entnahmekrankenhäuser werden künftig für den gesamten Prozessablauf einer Organspende besser vergütet.

  • Sie erhalten einen Anspruch auf pauschale Abgeltung für die Leistungen, die sie im Rahmen des Organspendeprozesses erbringen.

  • Zusätzlich erhalten sie einen Zuschlag dafür, dass ihre Infrastruktur im Rahmen der Organspende in besonderem Maße in Anspruch genommen wird. Der Zuschlag beträgt das Zweifache der berechnungsfähigen Pauschalen.

Rufbereitschaft 

  • Bundesweit bzw. flächendeckend wird ein neurologischer/neurochirurgischer konsiliarärztlicher Rufbereitschaftsdienst eingerichtet.

  • Dieser soll gewährleisten, dass kleineren Entnahmekrankenhäusern jederzeit qualifizierte Ärzte bei der Feststellung des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls zur Verfügung stehen.

  • Die TPG-Auftraggeber (GKV-Spitzenverband, Deutsche Krankenhausgesellschaft und Bundesärztekammer) werden verpflichtet, bis Ende 2020 eine geeignete Einrichtung mit der Organisation dieses Bereitschaftsdienstes zu beauftragen.

Dokumentation

  • Ein neues klinikinternes Qualitätssicherungssystem schafft die Grundlage für ein flächendeckendes Berichtssystem bei der Spendererkennung und Spendermeldung.

  • Dabei sollen die Gründe für eine nicht erfolgte Feststellung des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls oder eine nicht erfolgte Meldung an die Koordinierungsstelle (DSO) intern erfasst und bewertet werden.

  • Die Daten sollen von der Koordinierungsstelle ausgewertet werden. Die Ergebnisse sollen den Entnahmekrankenhäusern und den zuständigen Landesbehörden übermittelt und veröffentlicht werden.

  • Die Kliniken müssen zukünftig verbindliche Verfahrensanweisungen erarbeiten, mit der die Zuständigkeiten und Handlungsabläufe für den gesamten Prozess einer Organspende festgelegt werden.

Angehörigenbetreuung

  • Das Gesetz schafft eine klare rechtliche Grundlage für den Austausch von anonymisierten Schreiben zwischen Organempfängern und den nächsten Angehörigen der Organspender. Ein solcher Austausch ist vielen Betroffenen ein besonderes persönliches Anliegen.

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14.02.2019

Neues Gesetz zu Organspenden

Mehr Geld eingeplant

Ein neues Gesetz soll die Chancen auf eine Organspende erhöhen. Auch sind höhere Vergütungen für Kliniken geplant, die Transplantationen durchführen.

BERLIN dpa/epd | Krankenhäuser in Deutschland sollen mehr Geld und bessere Bedingungen bekommen, um sich stärker um Organspenden kümmern zu können. Das sieht ein Gesetz von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) vor, das der Bundestag am Donnerstag beschlossen hat. Dafür stimmten neben der Koalition auch Linke, Grüne und FDP, die AfD votierte dagegen.

Geplant sind höhere Vergütungen für die Kliniken. Transplantationsbeauftragte sollen mehr Kompetenzen und Freiräume bekommen. Mobile Ärzteteams sollen kleineren Einrichtungen ohne eigene Experten helfen, Voraussetzungen für Entnahmen festzustellen.

Spahn sprach von einem großen und wichtigen Schritt. Diejenigen, die sich in den Krankenhäusern um Organspenden kümmerten, sollten nicht bestraft werden. Es gelte, Kliniken fair so zu stellen, dass bei ihnen keine Kosten hängen blieben. SPD-Fraktionsvize Karl Lauterbach sagte: „Wir wollen, dass dort keine Gewinne gemacht werden, aber wir wollen auch nicht, dass jemand Verluste macht.“ Auch von Rednern der Opposition kam zu den Kernpunkten der Pläne überwiegend Zustimmung.

Das Gesetz soll voraussichtlich Anfang April in Kraft treten. Zustimmungspflichtig im Bundesrat ist es nicht. Unabhängig davon läuft eine Diskussion darüber, ob und wie Entscheidungen der Bürger über Organspenden grundlegend neu geregelt werden sollen. Die Zahl der Organspenden ist nach langem Abwärtstrend 2018 wieder gestiegen.

Eine Studie mit dem Titel „Rückgang der Organspenden in Deutschland – Eine bundesweite Sekundärdatenanalyse aller vollstationären Behandlungsfälle“ zeigt an welchen Stellen es intern im Sependenprozess hackt. Die zehn Forscher kommen zu dem Schluss, dass der zuletzt gestoppte Rückgang der postmortalen Organspenden vor allem mit einem Erkennungs- und Meldedefizit der Entnahmekrankenhäuser zusammenhängt. „Gelingt es, diesen Prozess organisatorisch und politisch zu stärken, könnte die Zahl der gespendeten Organe erheblich gesteigert werden“ – genau das soll das neue Gesetz bewirken.

 

Westfalen Blatt 15.02.2019

Mehr Zeit und Geld für Organspenden Neues

Gesetz soll bessere Bedingungen in Entnahme-

Kliniken schaffen

 

Berlin (dpa). Um zu mehr lebensrettenden Organspenden in

Deutschland zu kommen, sollen Kliniken dafür künftig bessere

Bedingungen erhalten. Mehr Zeit, mehr Geld, mobile Expertenteams

für kleine Krankenhäuser: Darauf zielt ein Gesetz von

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), das der Bundestag gestern

mit breiter Mehrheit beschlossen hat. Es geht darum, mehr geeignete

Spender finden zu können. Die Voraussetzungen in den bundesweit

rund 1300 Krankenhäusern für OrganEntnahmen sind ein

entscheidender Schlüssel. Das Gesetz soll voraussichtlich Anfang April

in Kraft treten. Zentrale Punkte sind:

 

Mehr Zeit: Seit 2012 müssen alle Kliniken Transplantationsbeauftragte

haben, die sich speziell um Organspenden kümmern – also mögliche

Spender identifizieren und melden, Angehörige begleiten sowie Ärzte

und Pfleger regelmäßig bei dem Thema auf dem Laufenden halten. Sie

sollen künftig verbindlich von anderen Aufgaben befreit werden.

 

Mehr Geld: Kliniken soll der ganze Prozess von Organspenden besser

vergütet werden. Jetzige Pauschalen seien nicht kostendeckend,

Engagement führe systematisch zu Verlusten, sagte SPDFraktionsvize

Karl Lauterbach.

 

Das solle sich ändern, ohne damit Gewinne zu machen. Laut Entwurf

dürften auf die gesetzlichen Krankenkassen geschätzte Ausgaben von

mehr als 30 Millionen Euro im Jahr zukommen.

 

Mobile Expertenteams: Geplant ist ein neuer Bereitschaftsdienst mit

mobilen Ärzteteams. Das soll gewährleisten, dass die medizinischen

Voraussetzungen für Entnahmen überall festgestellt werden können:

der endgültige, nicht behebbare Ausfall der Gesamtfunktion des

Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms. Das soll vermeiden,

dass Spenden in kleinen Kliniken ohne eigene Ex

 

perten sonst scheitern. Bis Ende 2020 sollen die Akteure des

Gesundheitswesens nun »eine geeignete Einrichtung« mit der

Organisation beauftragen.

 

Weitere Punkte: Erleichtert werden soll auch ein Austausch zwischen

Betroffenen – mit Regeln für anonymisierte Schreiben, mit denen sich

Organempfänger bei den Angehörigen von Spendern bedanken

können. Kommen soll auch ein bundesweites Dokumentationssystem

der Kliniken. Erfasst und ausgewertet werden sollen damit zum

Beispiel Gründe, warum ein Ausfall von Hirnfunktionen nicht

festgestellt wurde.

 

Nierenlebendspende: Geschenk fürs Leben

Die Zahl der Organspenden ist viel zu niedrig, Patienten warten Jahrzehnte auf eine Transplantation - und oft vergebens. Michael W. hatte Glück. Er bekam die Niere seines besten Freundes

von Sonja Gibis, 14.02.2019

 

Geschafft: Die Operation ist gut verlaufen. Günters Niere hat ihre Arbeit im Körper von Michael (links) aufgenommen

© W&B/Sven Döring

Günter W. (41) hebt sein hellgrünes OP-Hemd und klopft sich auf die Flanke. "Die rechte, die wird’s", sagt er und lacht. In ein paar Stunden werden Ärzte des Uniklinikums Halle eine Niere aus seinem Körper schneiden und in den von Michael W. (36) pflanzen. Geht alles gut, wird sie dort sofort die Aufgaben übernehmen, zu denen dessen Organe nicht mehr ­fähig sind. Seit sieben Jahren hängt Michael an der Dialyse. "Ohne die Maschine wäre ich nicht mehr", sagt der junge Mann. Bis irgendwann der Anruf kommt, dass eine Spenderniere verfügbar ist, müsste er wohl noch Jahre warten. Wäre da nicht Günter.

Etwa 8000 Menschen in Deutschland warten auf eine neue Niere. 1364 erhielten im vorigen Jahr das Organ eines ­toten Spenders, 557 das eines lebenden. Als Spender infrage kommen vor allem nahe Angehörige. Doch auch Menschen, die dem Empfänger "in besonderer persönlicher Verbundenheit nahestehen", wie es im Transplantationsgesetz heißt, können spenden.

Ein Kreuz auf jedem Bauch

Während Günter erzählt, betritt ein Arzt den Raum und malt ihm ein Kreuz auf die Seite. Hier wird die Niere rausgeholt. Michael bekommt ein Kreuz auf den Bauch. Dort kommt die Niere rein. "Dann hast du von mir eine Beule am Bauch", scherzt Günter. Lachen, Witze machen, das ist ihre Art, mit schwierigen Dingen klarzukommen.

Gar nicht nach lachen war es Günter allerdings, als er von der Krankheit seines Freundes erfuhr. Als Michael Ende 20 war, stellt ein Arzt zufällig fest, dass die Nieren nur eingeschränkt arbeiten. "Vielleicht durch eine verschleppte Grippe", vermutet er. Der junge, sportliche Mann macht sich erst mal keine Sorgen.

Als erneut die Nierenwerte getestet werden, ist es zu spät. Michael ist auf eine Blutwäsche angewiesen. Dreimal die Woche muss er ins Krankenhaus, für viereinhalb Stunden. "Danach ist man total platt", berichtet er. Nierenversagen, das bedeutet zudem, dauernd Durst zu haben. Einen halben Liter, mehr darf Michael pro Tag nicht trinken. Seine Nieren scheiden keine Flüssigkeit mehr aus. Dazu kommt eine strenge Diät. Zu viel Kalium – und das Herz könnte versagen.

Seine Frau, die er während der Dia­lysezeit kennenlernte, würde eine Niere spenden. Doch sie hat zwei Kinder. "Der Nierenspezialist sagte gleich, das Risiko ist ihm zu groß", erzählt Michael.

Als Günter erfährt, dass auch er spenden kann, steht für ihn schnell fest: Das mach ich. Michael zweifelt. "Reden kann man viel. Ich habe erst nicht daran geglaubt." Nur langsam wird ihm klar, dass sein Freund ihm wirklich ein neues Leben schenken will.

Lange Liste von Untersuchungen

Zumal der Weg nicht leicht war. Bluttests, Herzecho, Bauch-CT, Nieren-Szintigramm: Günter kann sich an die lange Liste von Untersuchungen kaum erinnern. Schließlich muss sich seine Niere nicht nur für Michael eignen. Es muss auch feststehen, dass sein Körper in der Lage ist, auf das Organ zu verzichten.

Damit ein gesunder Mensch ein Or­gan spenden kann, muss überdies eine Ethikkommission zustimmen. Sie besteht aus einem Arzt, einem Psychologe, einem Juristen. Alle stellen Fragen: erst Spender und Patient gemeinsam, dann jedem getrennt. Es muss fest­stehen, dass Günter Entschluss freiwillig ist und er kein Geld dafür bekommt. Außerdem muss klar sein, dass beide das psychisch bewältigen.

Gespräch mit der Kommission

Die Experten wollen wissen, wie lange sie sich schon kennen. Ob sie ernste Gespräche führen über das, was sie vorhaben. Was, wenn die OP kein Erfolg ist? Was, wenn Michael seine Medi­kamente nicht regelmäßig nimmt und das Organ verliert? "Ich sagte: Das ist dann seine Niere – und seine Verantwortung", so Günter. Doch war es das, was die Fachleute hören wollten?

Als Günter den Raum verlässt, hat er Tränen in den Augen. Auch Michael kommt niedergeschlagen aus der Befragung. "Ich dachte, die sagen Nein." Doch es kommt anders. Die Kommission wünscht den beiden viel Glück. Die Tür zum Krankenzimmer öffnet sich, eine Schwester schiebt eine Maschine herein: ein Dialysegerät. Es könnte die letzte Blutwäsche für Michael sein – für viele Jahre, vielleicht sogar für immer. Ob die beiden aufgeregt sind?

Michael winkt ab. "Die wissen, was sie tun." Nur eins, das wäre hart: "Wenn sie Günter die Niere rausnehmen und mein Körper stößt sie ab." Sein Freund hätte für ihn ein Organ geopfert – vergebens. Besser nicht daran denken.

Am nächsten Tag, kurz vor 9 Uhr. Während im Raum nebenan die Arme des OP-Roboters in Position gebracht werden, präparieren die Chirurgen Günters Niere frei. Sie blicken dabei auf einen Monitor, auf den eine Kamera Bilder aus dem Körper­inneren überträgt. Die Eingriffe werden minimal-invasiv durchgeführt. "Darauf sind wir durchaus stolz", sagt Professor Paolo Fornara, Transplantationsexperte und Leiter der Urologischen Klinik des Uniklinikums Halle. Dem Spender bleibt so ein fast 20 Zentimeter langer Schnitt erspart. Beim Empfänger verringert sich das Risiko für Wundinfektionen. Da sein Immunsystem gehemmt wird, ist das besonders wichtig.

Die Niere kommt

Um 10.32 Uhr beginnt die heiße Phase. Die Blutgefäße der Niere werden abgeklemmt. Jetzt muss jeder Griff sitzen. Eine, höchstens eineinhalb Minuten darf es dauern, bis die Ärzte eine kalte Infusion in das Organ geleitet haben, die es konserviert. "Die Niere kommt", ruft Operateur Dr. Nasreldin Mohammed. Durch einen kleinen Schnitt zieht er das Organ behutsam aus dem Körper, hält es in den Händen wie einen verletzten Vogel, der schnell Hilfe braucht. Schon beugt sich das Ärzteteam darüber, spült es, näht es vorsichtig in einen kühlenden Mantel aus einem Bauchtuch und Eis. Wärmen wird es erst wieder das Blut in Michaels Körper.

Bis es so weit ist, vergehen nur wenige Minuten – ein Grund, dass die Erfolgsaussichten einer Lebendspende hervorragend sind. Dennoch ist in den vergangenen Jahren nicht nur die Zahl toter Spender drastisch zurückgegangen. Auch Lebendspenden werden seltener durchgeführt. "Die ganze Transplantationsmedizin steckt in der Krise", beklagt Fornara. Eine Folge: Die Wartezeiten auf ein Organ verlängern sich weiter. "Und das ist nicht wie das Warten auf einen Zug. Es bedeutet Komplikationen, Leid, Sterben."

Die Dialyse ermöglicht zwar das Überleben. Auf lange Sicht aber leidet der Körper. Wenn die Patienten ein Organ erhalten, sind die Schäden oft bereits unumkehrbar.

Hightech-Assistenten im Einsatz

"Das System braucht ein Paket an Korrekturen", fordert Fornara. Der erste große Schritt wäre seiner Ansicht nach  die sogenannte Widerspruchslösung: Wer nach ­seinem Tod keine Organ­entnahme wünscht, sollte sich klar dagegen aussprechen müssen. Dass Bundesgesundheitsminister Jens Spahn jetzt eine Reform angestoßen hat – für Fornara längst überfällig.

Im OP-Saal nebenan ist bereits alles für das Einsetzen des Organs vorbereitet. Operateur Dr. André Schumann sitzt einige Meter von Michael entfernt an einer Konsole. Per Joystick steuert er die OP-Geräte, in denen die Arme des Roboters enden, ohne Zittern und auf Millimeterbruchteile genau. Der Hightech-Assistent macht es möglich, das Organ minimal-invasiv einzusetzen. Nach ersten Studien des Klinikums bringt die neue Methode tatsächlich Vorteile für den Patienten.

Um 12.05 Uhr sind Gefäße und Harnleiter angeschlossen. Die Klemmen werden geöffnet, das Organ füllt sich mit Michaels Blut. Jetzt ist es seine Niere. Im Gang vor dem OP-Saal wischt eine Schwester die Zahl 2050 von einer weißen Tafel und ersetzt sie durch 2151. So viele Nieren sind im Klinikum jetzt verpflanzt worden. "Wir ändern das immer sofort", sagt sie. Wird es vergessen, gilt das unter den Mitarbeitern als schlechtes Omen, gesteht sie lächelnd.

Leben wie vor der Krankheit

Am nächsten Tag ist vor allem Günter geschafft, während sein Freund am liebsten schon aufstehen würde. "Alles gut", versichern beide.

Zwei Monate später sind die Freunde gemeinsam in der Reha, so wie sie sich das vorgestellt haben. Morgens Fitness, dann zum Schwimmen, später ein Spaziergang am See. "Ich wusste gar nicht, dass ich so weit runterkommen kann", sagt Günter. Er hat die Zeit hier genutzt, um mit dem Rauchen aufzuhören. Auf seine verbliebene Niere will er schließlich gut achtgeben. Dass er nur noch eine hat, spürt er nicht. Was allerdings nervt, ist die viele Bürokratie mit den Krankenkassen.

Michael muss seit der Transplantation Medikamente nehmen, die sein Immunsystem hemmen, damit sein Körper das neue Organ nicht abstößt. Ansonsten kann er fast so ­leben wie vor der Krankheit. Als er aus der Klinik kam, wurde erst mal ge­feiert. "Mein Körper hat wieder eine ganz andere Kraft", sagt er. Beruflich will er jetzt neu durchstarten.
Die Freundschaft der beiden jungen Männer hat sich durch die Organspende nicht geändert. "Wir kabbeln uns wie vorher", erzählt Günter lachend. Sie bleiben einfach, was sie waren: ziemlich beste Kumpel.

 

 

Wegweisendes Urteil des Bundesgerichtshofs zu Organspenden erwartet

Epoch Times27. Januar 2019 Aktualisiert: 27. Januar 2019 12:07

Das eine Organspende für den Empfänger lebenslange schwere

gesundheitliche Folgen hat, ist bekannt. Das auch Lebendspender vor

Organen, wie Nieren oder Teilen der Leber, unter gesundheitlichen

Einschränkungen für den Rest ihres Lebens leiden müssen ist dagegen

weitgehend unbekannt. In Karlsruhe wird verhandelt wie weit die

Aufklärungspflichten von Ärzten dazu gehen und ob sie zu

Schmerzensgeldzahlungen, bei unzureichender Aufklärung, verurteilt werden

können.

Der Bundesgerichtshof (BGH) verkündet am Dienstag ein Urteil über die Klagen von zwei Nierenspendern, die wegen ungenügender Aufklärung durch die Ärzte Schmerzensgeld und Schadenersatz fordern. Der BGH dürfte ein Grundsatzurteil dazu fällen, unter welchen Voraussetzungen Ärzte und Kliniken für Folgeschäden bei solchen Lebendorganspenden haften. Ein Überblick über die rechtlichen Grundlagen für solche Spenden und das Karlsruher Verfahren:

 

Worüber wird in Karlsruhe verhandelt?

In einem Fall spendete eine Tochter ihrem Vater eine Niere, in dem anderen

geht es um die Nierenspende eines Manns an seine Ehefrau. Beide beklagen,

dass sie seither unter anderem an chronischer Erschöpfung leiden. Sie werfen

den Ärzten vor, sie nicht ausreichend aufgeklärt zu haben.

Voraussetzungen für Lebendorganspenden

Zu Lebzeiten können eigentlich nur eine Niere oder Teile der Leber gespendet werden. Eine solche Spende ist zudem nur zwischen Menschen möglich, die sich sehr nahestehen. Das können zum Beispiel Eltern, Geschwister oder Ehepartner sein. Das Gesetz schreibt den Ärzten eine Aufklärung über mögliche Folgen vor. Dabei ist unter anderem vorgesehen, dass bei einem Aufklärungsgespräch ein zweiter Arzt anwesend sein muss.

Welche Rechtsfragen sollen geklärt werden?

Die Klagen der beiden Nierenspender blieben in den Vorinstanzen erfolglos. Das Oberlandesgericht Hamm stellte in den Berufungsverfahren zwar Fehler bei der Aufklärung fest. Es nahm aber an, dass die Kläger auch bei korrekter Aufklärung der Organspende zugestimmt hätten.

Der zuständige BGH-Zivilsenat bezweifelte in der mündlichen Verhandlung im November ebenfalls, dass alle Anforderungen an die Aufklärung der Organspender eingehalten wurden. Entscheidend dürfte deshalb die Frage sein, ob eine sogenannte hypothetische Einwilligung angenommen werden kann. Dabei geht ein Gericht davon aus, dass die Spender auch bei einer ordnungsgemäßen Aufklärung in die Organspende eingewilligt hätten.

Organentnahmen nach dem Tod

Ein Spenderorgan kann nur entnommen werden, wenn Ärzte den Hirntod eines Menschen feststellen. Voraussetzung ist aber, dass ein Verstorbener einer Organspende zu Lebzeiten etwa durch einen Organspendeausweis zustimmte. Ansonsten werden die Angehörigen nach dem mutmaßlichen Willen des Verstorbenen gefragt.

Diskutiert wird derzeit die Einführung einer Widerspruchslösung. Dabei wird eine Zustimmung vorausgesetzt, wenn jemand zu Lebzeiten nicht ausdrücklich widerspricht. Im Gespräch ist auch eine doppelte Widerspruchslösung, bei der die Angehörigen noch nein sagen können.

(afp)

 

 

Engpass Klinik

Viele Menschen sind zur Organspende bereit, doch trotzdem fehlen Transplantate. Mehr Geld für Krankenhäuser soll das Problem verringern.

Von Tin Fischer

DIE ZEIT Nr. 5/2019, 24. Januar 2019

 

Es war seit Jahren die erste Pressemitteilung der Deutschen Stiftung

Organtransplantation (DSO), die wieder das Wort "erfreulich" enthielt:

Zwanzig Prozent mehr Organspender gab es 2018. Doch das

überraschende Wachstum, das die DSO am 11.01.verkündete, ist

eher ein gestoppter Sinkflug. Nur 955 verstorbenen Spendern

wurden im vergangenen Jahr Organe entnommen – bei mehr als

9000 Patienten, die auf ein Transplantat warten*. Im Musterland

Spanien werden fast fünfmal so viele Organe gespendet.

Vor dem jüngsten Anstieg der Spenderzahl in Deutschland lag ein lang andauernder Rückgang. Doch paradoxerweise nahm in der gleichen Zeit die Verbreitung von Organspendeausweisen zu: Jeder dritte Bundesbürger trägt heute einen bei sich. Und relativ unverändert geben seit zwanzig Jahren in Umfragen drei von vier Personen an, dass sie einer Organspende grundsätzlich zustimmen würden. Bei so viel Spendenbereitschaft verwundert es, dass Deutschland so weit zurückliegt. Experten verorten den Engpass weniger in der Spendenbereitschaft, sondern eher in den unzureichenden Strukturen der Krankenhäuser. Viele mögliche Spenden würden dort nicht realisiert – vor allem, weil längst nicht all die Organe entnommen werden, die entnommen werden könnten. Es scheint, als hätten viele Krankenhäuser kein großes Interesse an diesem Zweig der Medizin.

Nun diskutierte am vergangenen Donnerstag der Bundestag in erster Lesung Gesetzesänderungen, die den Krankenhäusern die Arbeit erleichtern sollen. Vor allem mit mehr Geld will man es richten. Die 1246 Kliniken in Deutschland, die Organentnahmen durchführen können, sollen etwa mehr Mittel für Transplantationsbeauftragte erhalten. Das sind Mediziner, die auf den Intensivstationen potenzielle Spender identifizieren, Gespräche mit Angehörigen führen und eine Organspende organisieren. Das ist zeitaufwendig und auch teuer. Zudem sollen an mehreren Standorten in ganz Deutschland Bereitschaftsdienste geschaffen werden, die jederzeit in Kliniken den irreversiblen Hirntod feststellen können – eine schwierige Aufgabe, die großer Erfahrung bedarf und Voraussetzung für die Entnahme von Organen ist.

Die gesamte Vergütung für eine Organentnahme könnte verdreifacht

werden. Die Häuser sollen zwar an dieser Arbeit weiterhin nichts

verdienen, aber zumindest nichts mehr drauflegen – bislang waren

Organentnahmen für die Kliniken nämlich ein Minusgeschäft. 34

Millionen Euro jährlich dürften die Maßnahmen die Krankenkassen

zusätzlich kosten, so die Schätzung der Politik. Aber wird dieser

Geldsegen auch die Einstellung in den Krankenhäusern zur

Organentnahme maßgeblich ändern?

Gerade kleine Kliniken könnten mehr Spenderorgane bereitstellen

Das neue Gesetz gehe durchaus in die richtige Richtung, meint Kevin Schulte vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel, Co-Autor der jüngsten Studie zum Thema, die im Juli vergangenen Jahres im Deutschen Ärzteblatt erschien. Die zusätzlich bezahlten Bereitschaftsdienste seien vor allem für kleine Kliniken wichtig, die oft nicht einmal einen einzigen potenziellen Spender pro Jahr hätten und denen deshalb die Routine fehle. Auch die Stärkung der Transplantationsbeauftragten hält er für sinnvoll. "Ungefähr ein Viertel der Organspenden kommt aus den kleinen Kliniken", sagt Schulte, "da liegt wahrscheinlich noch ein großes verstecktes Potenzial." Was ihn stört: Das Gesetz definiert nicht, welche Konsequenzen es hat, wenn Kliniken zu wenige mögliche Spender melden.

Viele Kliniken könnten da künftig in Erklärungsnot geraten. Kevin Schulte fand heraus, dass die Anzahl möglicher Spender in deutschen Krankenhäusern zwischen 2010 und 2015 um etwa 14 Prozent zugenommen hat. Trotzdem wurden in diesem Zeitraum weniger potenzielle Spender bei der koordinierenden DSO gemeldet – und weniger Organe entnommen. Das Fazit der Kieler Forscher: "Der Rückgang der postmortalen Organspenden ist mit einem Erkennungs- und Meldedefizit der Entnahmekrankenhäuser assoziiert." Auf Deutsch: Die Kliniken erkennen potenzielle Spender längst nicht immer oder melden sie nicht. Was Schulte dabei ärgert: "Die Jahresberichte der DSO haben seit Jahren große Unterschiede zwischen verschiedenen Kliniken nahegelegt. Da wundert es schon, dass die Behörden nicht früher tätig geworden sind und auf die Einhaltung des Transplantationsgesetzes gedrängt haben."

Dass den Kliniken viele Spender entgehen, stellte eine detaillierte Untersuchung des Universitätsklinikums Jena fest. Der Anästhesist Martin Brauer ging in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen jedem Todesfall nach, der für eine Spende hätte infrage kommen können. Für solche Analysen haben sich Kliniken früher nicht in die Karten gucken lassen. "Es hat Jahre gedauert, bis das möglich war", sagt Brauer.

 

Modifizierte T-Zellen verhindern Abstoßung von Organen nach Transplantation

Wer aufgrund von akutem Organversagen oder durch eine chronische Erkrankung auf eine Organtransplantation angewiesen ist, muss meist ein Leben lang Immunsuppressiva einnehmen, welche das Immunsystem unterdrücken, um ein Abstoßung des transplantierten Organs zu verhindern.

Somit sind Betroffene wesentlich anfälliger für teils lebensbedrohliche Infektionen. Die Wissenschaft sucht bereits seit langer Zeit nach einem Weg, die Abstoßung eines transplantierten Organs zu verhindern, ohne das körpereigene Abwehrsystem wehrlos gegenüber Krankheitserregern zu machen.

Das Team um Jean Pieters von der Universität Basel ist nun eine Entdeckung gelungen, welche genau das nahelegt:

Für eine Studie veränderte das Team transplantierte Mäuse so, dass das Protein Coronin 1, welches eine wichtige Rolle für eine Abstoßungsreaktion spielt, nicht mehr bei den Mäusen produziert wird.

Herausgekommen ist dabei ein erstaunliches Ergebnis. Mitautor Rejesh Jayachandran erklärt: „Wir haben herausgefunden, dass die T-Zellen die Immunreaktion gegenüber dem transplantierten Organ nach Entfernen von Coronin 1 nicht nur massiv unterdrücken, sondern die Abstoßung sogar aktiv verhindern.“

Dennoch bleibt das Immunsystem aktiv. Weitere Experimente offenbarten den Grund hierfür: Coronin 1 greift in den T-Zellen in einen Signalweg ein, der zur Produktion de Botenstoffs cAMP führt.

In Abwesenheit von Coronin 1 steigt die Konzentration des genannten Botenstoffs in den T-Zellen drastisch an, in welcher Folge sich die Zellen so verändern, dass das transplantierte Organ toleriert wird und Viren, Bakterien und Co weiterhin effektiv bekämpft werden.
Diese neuen Ergebnisse deuten darauf hin, dass sich die Immunantwort des Körpers auf ein transplantiertes Organ selektiv abschalten lässt.

Weitere Studien werden zeigen, inwiefern dies möglicherweise neue Türen in der Entwicklung euer Therapiemöglichkeiten im Kampf gegen eine Abstoßungsreaktion öffnet.

Quelle: Pflege News 21.01.2019

 

 

 

Ärzte Zeitung online, 17.01.2019

Stärkung der Organspende – Sogar Grüne loben den Minister

Klare Verantwortlichkeiten, bessere Refinanzierung: Der Bundestag bewertet ein eher technisches Gesetz, das die Voraussetzungen der Organspende verbessern soll, positiv. Doch die Grundsatzdebatte kommt erst noch.

Von Florian Staeck

BERLIN. Bessere Kooperation und bessere Strukturen bei der Organspende – dieses Vorhaben trifft im Bundestag auf breite Zustimmung. Das wurde am Donnerstag bei der ersten Beratung des Gesetzes für bessere Zusammenarbeit und bessere Strukturen bei der Organspende (GZSO deutlich.

Die Ärztin und grüne Gesundheitspolitikerin Dr. Kirsten Kappert-Gonther schritt bei der Debatte „zum Äußersten“ und lobte: „Das ist ein gutes Gesetz“. Freilich fordert ihre Fraktion dennoch, den Entwurf an mehreren Punkten nachzujustieren.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) bezeichnete die erstmals wieder gestiegenen Organspendezahlen als „gut, aber nicht gut genug“. Demnach wurden im Vorjahr 955 Spender registriert, 2017 waren es 797 gewesen.

Die Koalition will vor allem an vier Punkten ansetzen

  1. Transplantationsbeauftragte: Sie hätten es bisher „schwer, in Krankenhäusern die nötige Aufmerksamkeit zu finden“, so Spahn. Künftig soll es eine bundeseinheitliche Regelung zur Freistellung der Beauftragten von ihren sonstigen Aufgaben geben. Maßstab ist dabei die Zahl der Intensiv- oder Beatmungsbetten in der Klinik. Je zehn Betten sind 0,1 Stellen für den Beauftragten vorgesehen. Klargestellt werden auch ihre Rechte und Pflichten, sagte der CDU-Abgeordnete Lothar Riebsamen. So sollen die Beauftragten per Gesetz ein Zugangsrecht zu Intensivstationen bekommen.

  2. Refinanzierung der Mehrkosten: Das Gesetz soll den Missstand abstellen, dass Krankenhäuser, die einem Patienten Organe entnehmen, finanziell bislang schlechter wegkamen als solche Häuser, die potenzielle Spender erst gar nicht melden. Die Pauschalen, die Kliniken für die Vorbereitung einer Organentnahme bekämen, seien zu undifferenziert, sagte SPD-Fraktionsvize Professor Karl Lauterbach. Das werde das Gesetz ändern.

  3. Konsiliarärztlicher Rufbereitschaftsdienst: Er soll auch für kleine Kliniken sicherstellen, dass ein Neurologe zeitnah zur Verfügung steht. Der Linken-Abgeordnete Harald Weinberg verwies darauf, dass von 1300 Entnahmekrankenhäusern mehr als 1000 nicht über eine Neurochirurgie verfügen. Der Neurologe soll Kollegen bei der Feststellung des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls zur Seite stehen. Die Grünen-Politikerin Kappert-Gonther forderte, dass auch die PKV anders als bisher vorgesehen für die Finanzierung dieses Dienstes herangezogen wird.

  4. Betreuung von Angehörigen: Organempfänger sollen die Möglichkeit erhalten, sich in Form anonymisierter Schreiben bei den Angehörigen des Spenders zu bedanken.

Nur wenige Abgeordnete verknüpften die Debatte mit der Kontroverse um eine Widerspruchslösung. Spahn und Lauterbach gehören zu den Befürwortern einer entsprechenden interfraktionellen Initiative. Dagegen hat sich eine Abgeordnetengruppe formiert, die an der erweiterten Zustimmungslösung festhalten will.

Nach einer sogenannten Orientierungsdebatte im vergangenen November werben beide Gruppen im Parlament um Unterstützer für ihre Position.

Die Linken-Politikerin Kathrin Vogler zeigte sich überzeugt, nach der Verbesserung der Prozesse in den Entnahmekliniken und einer besseren Finanzierung der Organspende müsse die „ethisch sensible und moralisch heikle Frage der Widerspruchslösung nicht weiter verfolgt werden“. Spahn solle den Gesetzgebungsprozess nicht mit dieser Streitfrage belasten, forderte sie.

Organspendegesetz

» Das Gesetz zur Verbesserung der Zusammenarbeit und der Strukturen bei der Organspende (GZSO) soll Mitte März im Bundestag abschließend beraten und verabschiedet werden.

» Der Bundesrat hat im Dezember keine Einwände gegen die Vorlage erhoben. Das Inkrafttreten ist schon für den 1. April geplant.

 

 

Westfalen Blatt 16.01.2019

 

Hemmnisse bei der Organspende

 

Fehlen einer Hirntod-Diagnose verhindert Entnahme – Kliniken

sollen Problem lösen

Düsseldorf (WB/hir). Warum werden in NRW so wenige Organe gespendet?

Oftmals ist eine fehlende Hirntod-Diagnose der Grund, wie ein Bericht von

NRW Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) aufzeigt. Meist wurde

bislang eine fehlende persönliche Erklärung als Grund dafür genannt, dass

die Organspenden im NRW von 2009 bis 2017 um 43 Prozent von 259 auf

146 Spender gesunken sind. Doch tatsächlich gibt es weitere Hemmnisse.

So erklären Patienten in ihrer Verfügung oder später oft auch die

Angehörigen, dass sie im Falle einer Krankheit mit absehbarer Todesfolge

keine lebensverlängernde Behandlung wünschen. Als Konsequenz werden

Geräte zum Erhalt der Herz-Kreislauffunktion früher abgeschaltet, die aber

für die Diagnose des Hirntods als Voraussetzung für eine Organentnahme

notwendig wären. Laumann hatte als Reaktion auf die sinkenden Zahlen 18

Kliniken mit einer neurochirurgischen oder neurologischen Station besucht,

da dort häufiger als anderswo Patienten auch infolge eines Hirntods sterben

können. Die Gespräche führte er unter anderem im Evangelischen

Krankenhaus Bielefeld und dem Johannes-Wesling-Klinikum in Minden.

Dabei erfuhr er, dass die rechtzeitige Feststellung des Hirntods bei einem

Patienten auch daran scheitert, dass ein vom Gesetz als Bestätigung

geforderter zweiter Spezialist nicht verfügbar ist. Ohnehin fehle in Kliniken

Personal für Hirntod-Diagnose und Organspende. Deshalb lehnen Kliniken

mit neurologischen Abteilungen die Aufnahme eines Patienten nur zur

Organentnahme ab. »Wir brauchen eine frühzeitige Identifizierung

potenzieller Organspenden in den Kliniken: Da ist sicherlich noch Luft nach

oben«, sagte Laumann dieser Zeitung. Zugleich erkannte er an, dass die

Gespräche Wirkung zeigen: »Die Krankenhäuser bemühen sich nun wie

der aktiv um Lösungen.« Das zeige sich in den 2018 auf 163 gestiegenen

Spenderzahlen. Zu den Lösungsvorschlägen der Kliniken zählt ein

einheitliches Muster der Patientenverfügung mit einem Passus zur

Organspende. Intern wollen Kliniken die Aufgaben der

Transplantationsbeauftragten auf Teams übertragen und so die Sensibilität

für Organspende auf den Stationen erhöhen. Wenn Angehörige eine

Therapiebegrenzung wünschen, solle künftig die Organspende

angesprochen werden. Kliniken ohne Neurologie will die Deutsche Stiftung

Organtransplantation Ärzte zur Hirntod-Diagnose vermitteln.

 

 

 

Westfalen Blatt 14.01.2019

 

Versmold (WB/ca). Das Schicksal des Versmolders, der nach einer

Nierentransplantation in einer Rehaklinik nicht richtig betreut worden

war, ist nach Ansicht eines Experten kein Einzelfall. Prof. Richard

Viebahn ist Direktor der Chirurgie an der Uniklinik Bochum. Mit jährlich

60 Nierentransplantationen und bis zu 30 kombinierten Nieren-

Bauchspeicheldrüsen-Transplantationen ist sie europaweit führend.

Viebahn: »Ich versuche seit Jahren, bei Krankenkassen und

Rentenversicherungen zu erreichen, dass unsere Transplantierten in

bestimmte Kliniken kommen.« Eine Rehaklinik in Mecklenburg-

Vorpommern und eine in Bayern seien spezialisiert,

Nierentransplantierte auf ihr Leben mit dem neuen Organ einzustellen.

»Man muss sensibel werden für Signale seines Körpers und sie

bewerten können.« Sein Vorstoß bei den Kassen sei aber bisher ins

Leere gelaufen, sagt der Chirurg. Der Versmolder, der in Bochum

transplantiert worden war, hatte bei der Rentenversicherung

beantragt, in eine der beiden Kliniken zu kommen. »Stattdessen

haben sie mich nach Bad Salzuflen geschickt«, sagt der 57-Jährige.

Wie berichtet, war nach Ansicht des Oberlandesgerichts Hamm in der

Rehaklinik der Medikamentenspiegel des Patienten nicht richtig

kontrolliert worden. Der Körper stieß die Bauchspeicheldrüse ab, die

neue Niere wurde schwer geschädigt. Jetzt muss der Frührentner

wieder zur Dialyse. Prof. Viebahn: »Eigentlich müsste eine optimale

Reha im Interesse der Kassen sein, damit es möglichst nicht zu

solchen Folgen kommt.« Eine Sprecherin des NRW-Herzund

Diabeteszentrum sagte, Herztransplantierten werde die Gollwitzer-

Meier-Klinik in Bad Oeynhausen zur Reha empfohlen. »Dann ist im

Ernstfall der Weg zu uns auch nicht so weit.«

 

 

 

Westfalen Blatt 24.12.2018

 

Eckpunkte für Organspendegesetz

 

Bereitschaft soll abgefragt werden, wenn jemand Ausweis

oder Reisepass abholt

 

Berlin (dpa). Auf dem Weg zu einer Neuregelung für die

Zustimmung zur Organspende haben Bundestagsabgeordnete

parteiübergreifend Eckpunkte beim Gesundheitsministerium

eingereicht. Sie schlagen vor, dass die Bereitschaft zur

Organspende künftig abgefragt wird, wenn jemand einen Ausweis

oder Reisepass abholt. Ausführliche Informationen und die

Möglichkeit für ein Info-Gespräch bekommen die Bürger schon,

wenn sie den Ausweis beantragen. Beim Abholen müssen sie dann

entscheiden, ob sie zur Organspende bereit sind oder ob sie die

Entscheidung verschieben. Führende Mitglieder der Gruppe gehen

davon aus, dass der Vorschlag im Bundestag eine Mehrheit finden

wird. Vertreten sinddemnach Politiker aller Bundestagsfraktionen

außer der AfD. Fürdas Modell hatte unter anderem Grünen-Chefin

Annalena Baerbock prominent geworben. Der Vorschlag sieht

weiter vor, dass Bürger persönliche Zugangsdaten bekommen,

über die sie ihre Entscheidung jederzeit ändern können. Die

Debatte hatte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU)

angestoßen, indem er vorgeschlagen hatte, jeder solle als

Spender gelten, der nicht aktiv widerspricht. Er warb für diese

»doppelte Widerspruchslösung« angesichts von rund 10.000

Menschen, die auf Organe warten. Bisher ist es umgekehrt:

Organentnahmen sind nur bei ausdrücklich erklärtem Ja erlaubt.

Es gibt auch keine Pflicht, sich mit dem Thema

auseinanderzusetzen. Eine Reform ist für das kommende Jahr

geplant. Aller Aufklärung zum Trotz gehen die Organspende-

Zahlen seit 2012 herunter und sanken 2017 auf einen Tiefpunkt

von 797 Spendern. Für dieses Jahr zeichnet sich immerhin wieder

ein Anstieg ab – bis Mitte November gab es schon 832 Spender.

Dem Vorschlag der Abgeordneten zufolge, die nun auf einen

Gesetzentwurf aus dem Gesundheitsministerium warten, soll jeder

beim Beantragen des Ausweises »ausführliche und unabhängige

Informationen« von der Bundeszentrale für gesundheitliche

Aufklärung (BZgA) ausgehändigt bekommen. Wer will, kann sich

persönlich oder telefonisch beraten lassen. Beim Abholen des Aus-

weises sollen die Bürger an einem Gerät vor Ort eintragen, ob sie

alle oder bestimmte Organe spenden möchten oder ob sie jetzt

nicht entscheiden wollen – oder wer im Falle eines Unglücks

entscheiden soll. Wenn die Person Organspender sein möchte oder

Angehörige darüber entscheiden sollen, werden die Daten an das

zentrale Organspenderegister übermittelt. Alle bekommen

Zugangsdaten mit einer persönlichen Pin-Nummer, über die sie

jederzeit die Entscheidung ändern oder nachholen können. Diese

Zugangsdaten sind dann bis zur nächsten Ausweisbeantragung

gültig, also zehn Jahre lang. Annalena Baerbock sagte, es sei nun

gelungen, »einen mehrheitsfähigen Konsens über

Fraktionsgrenzen hinweg zu formulieren«.

 

Ärzteblatt.de

 

18. Dezember 2018

Berlin – In der Diskussion um die Organspende hat sich eine fraktionsübergreifende Gruppe von Bundestagsabgeordneten auf Eckpunkte für eine Entscheidungsregelung verständigt. Die Gruppe um den CSU-Politiker Stephan Pilsinger und Grünen-Chefin Annalena Baerbock stellt sich damit gegen den Vorschlag von Bundesgesundheits­minister Jens Spahn (CDU), der eine Widerspruchslösung einführen will, berichten die Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Bis Ende Januar soll ein Gesetz­entwurf vorliegen.

Der Vorschlag sieht vor, dass die Deutschen sich alle zehn Jahre bei der Ausgabe des Personalausweises zu ihrer Organspendebereitschaft äußern sollen. „Aber: Man muss seine Entscheidung jederzeit ändern können, und es muss möglich sein, sich gar nicht zu entscheiden“, sagte Pilsinger den Zeitungen.

Auslöser für die Debatte war der Vorstoß von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Spahn. Danach soll jeder Mensch automatisch potenzieller Organspender sein, wenn er zu Lebzeiten nicht widerspricht oder dessen Angehörige nach dem Tod nicht wider­sprechen. Derzeit ist es umgekehrt: Ein Organspender oder seine Angehörigen müssen der Spende aktiv zustimmen.

Die Parlamentarier lehnen eine stärkere rechtliche Verpflichtung der Bürger zur Organspende ab. „Dass jeder automatisch zum Spender wird, wenn er nicht widerspricht, ist rechtlich problematisch“, so Baerbock. „Es greift zudem die Würde jedes Einzelnen an.“ Klar sei aber auch, dass der Bundestag angesichts sinkender Spenderzahlen handeln müsse.

Laut Baerbock sehen die Eckpunkte vor, dass Bürger bei der Beantragung eines Ausweises ausführliche Informationen zur Organspende von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) erhalten.

Bei der Ausweisabholung muss sich die Person dann entscheiden und dies an einem Gerät vor Ort eintragen. Jeder Bürger erhält gleichzeitig einen Zugangscode und eine separate PIN, um eine Entscheidung jederzeit ändern zu können. Die Entscheidungen sollen in einem zentralen Organspenderegister eingetragen werden.

Unterstützt werde dieser Antrag, so die Zeitungen, unter anderem von den ehemaligen Ge­sund­heits­mi­nis­tern Hermann Gröhe (CDU) und Ulla Schmidt (SPD). Auch die gesundheitspolitischen Expertinnen Karin Maag (CDU) und Hilde Mattheis (SPD), die komplette Fraktionsspitze der Grünen sowie die Parteichefin der Linke, Katja Kipping, gehörten dazu. © kna/aerzteblatt.de

 

 

 

Ärzte Zeitung online, 14.12.2018

Organspende

Ethikrat gespalten bei Widerspruchsregelung

Auch im Deutschen Ethikrat wird über eine Widerspruchslösung bei der Organspende kontrovers diskutiert: Manche Mitglieder sehen es pragmatisch und als zumutbar für die Bürger, andere sehen Probleme mit der Verfassung.

Von Anno Fricke

Weniger als 800 Organspender zählt die Statistik für das Jahr 2017. Der kontinuierliche Schwund hat die Politik aufgeschreckt. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat einen Gesetzentwurf zur Professionalisierung der Abläufe in den Organentnahmekliniken vorgelegt. In seiner Eigenschaft als Bundestagsabgeordneter hat er zudem auch eine Diskussion um einen Wechsel vom Zustimmungs- zum Widerspruchsmodell angestoßen. Beide Projekte finden Zustimmung und Kritik im Deutschen Ethikrat.

Kein Spendeproblem, sondern ein Melde- und Organisationsproblem sieht Professor Claudia Wiesemann, Direktorin der Abteilung Ethik und Medizin der Universität Göttingen, Mitglied des Ethikrats seit 2016. Die Abläufe in den Entnahmekrankenhäusern seien von organisationsethischen Konflikten geprägt, die ursächlich für den Rückgang der Spendezahlen sein dürften. Dort lägen die Hauptprobleme, nicht in der Spendebereitschaft der Bevölkerung.

Die von Gesundheitsminister Jens Spahn geplanten Strukturänderungen bei der Organentnahme machen alles noch schlimmer“, sagte Wiesemann beim Forum Bioethik am Mittwoch in Berlin. Zunächst müssten andere Punkte offen adressiert werden: Hirntote verfügten über einen lebendig anmutenden Leib. Das sei eine Herausforderung für Ärzte und Fachpflegekräfte.

Nicht selten würden daher vor einer Organentnahme Schmerzmittel gegeben. In dem Moment, in dem ein Krankenhaus in der Transplantationsmedizin ein Geschäftsmodell sehe, gerieten Mitarbeiter immer wieder in Konflikte mit diesem „außermoralischen Ziel“. Vor den geplanten gesetzlichen Änderungen und vor der Einführung eines Widerspruchsmodells müsse es eine Debatte darüber geben, wie das Personal mit hirntoten Menschen umgehe.

Bürger in die Pflicht zu nehmen ist erlaubt

Für Reinhard Merkel, Professor für Strafrecht und Rechtsphilosophie in Hamburg, ist die Organspende ein individueller Akt postmortaler Solidarität mit einem unbekannten Anderen. Dazu könne zwar niemand vom Gesetzgeber gezwungen werden. Die moralische Pflicht zur Organspende ende im Fall höchstpersönlicher Ablehnung sowohl aus religiösen Gründen oder schlicht nur aus Angst vor der postmortalen Organspende, sagte Merkel, der dem Ethikrat seit 2012 angehört.

Es sei den Menschen jedoch zumutbar, sich zur Organspende zu verhalten, sich darüber Gedanken zu machen und zu einer Entscheidung zu kommen. „Eine solche Pflicht zur Klärung und Kundgabe ist auch als rechtliche Pflicht ohne weiteres begründbar“, sagte Merkel. Sie sei sogar rechtsethisch geboten. Sie konkretisiere lediglich die Pflicht zur gesellschaftlichen Minimalsolidarität. Zulässig sei daher auch, dass das Schweigen nach der Aufforderung sich zu erklären, als Zustimmung gedeutet werden kann.

Ganz anders argumentiert der Kölner Staatsrechtler Professor Wolfram Höfling, ebenfalls seit 2012 im Ethikrat. Diese Rechtfertigung eines Widerspruchsmodells verkenne, dass jede Entscheidung zur Organspende eine existenzielle Entscheidung über das eigene Sterben sei. Höflings Argumentation räumt das Thema schon mit seiner Ausgangsthese ab. „Ein Widerspruchsmodell lässt sich als verfassungskonforme Lösung des Organmangels nur denken auf der Grundlage der Hirntodkonzeption. Diese ist aber nicht tragfähig“, sagte Höfling.

Die Einführung eines Widerspruchsmodells bedeute eine verfassungswidrige Beeinträchtigung des Rechts auf körperliche Unversehrtheit zum Beispiel in den Fällen, in denen vor der Hirntoddiagnose organprotektive Maßnahmen vorgenommen würden. Höfling warnte davor, eine offene Debatte darüber, ob es moralisch legitime Gründe gegen eine Organspende gebe, durch moralpädagogische Beeinflussung zu ersetzen.

Parallelen zur Nachlassverwaltung?

Professor Wolfram Henn wiederum, Facharzt für Humangenetik, Mitglied im Ethikrat seit 2016, stellt sich hinter das Widerspruchsmodell. Er zog einen Vergleich, wie mit dem Nachlass eines Menschen umgegangen werde. Wenn jemand kein Testament abgefasst habe, träten allgemeine Regeln in Kraft. Dies müsse auch für die Organspende gelten.

Es gelingt mir nicht, in dieser Reform eine Einschränkung des Selbstbestimmungsrechts zu entdecken“, sagte Henn. Sowohl nach der Widerspruchsregelung als auch nach dem derzeit geltenden Zustimmungsmodell stehe jedem Menschen zu Lebzeiten das uneingeschränkt über seinen Tod fortwirkende Recht zu, über die Verwendung seiner Organe zu bestimmen. Allerdings benötigten die Menschen Unterstützung bei dieser Entscheidung.

Es solle daher bereits in der Schule und im Anschluss daran im Zusammenhang mit der Fahrschule darüber aufgeklärt werden. Verfügungen dieser Art sollten künftig im Personalausweis niedergelegt werden. Über die Ausweis-App könne jeder die Zustimmung jederzeit problemlos geben oder widerrufen. Personalausweis niedergelegt werden. Über die Ausweis-App könne dann jeder seine Zustimmung jederzeit problemlos geben oder widerrufen.