Westfalen Blatt

OSTWESTFALEN-LIPPE / NRW WESTFALEN-BLATT Nr. 114

18.05.2018

Ein angeborener Herzfehler brachte Simon Kretschmar in höchste

Lebensgefahr. Nach der erfolgreichen OP im HDZ konnte auch Ehefrau

Anita durchatmen. Fotos: Moritz Winde


 

»Das ist mein zweiter Geburtstag« Eine seltene Herz-Lungen-Transplantation

im HDZ rettete Simon Kretschmar das Leben

Von Dietmar Kemper

Bad Oeynhausen (WB). In lebensbedrohlichem Zustand wurden Simon Kretschmar im

Sommer 2017 zwei Organe auf einmal eingesetzt: Herz und Lunge. »Der 15. August ist

mein zweiter Geburtstag«, sagte der 35-Jährige aus Gevelsberg gestern im Herz- und

Diabeteszentrum Nordrhein-Westfalen in Bad Oeynhausen.

Herztransplantationen sind im HDZ inzwischen Routine, HerzLungen-Transplantationen

dagegen nicht. Während seit 1989 bereits 2388 Herzen verpflanzt wurden, ist die Zahl

der komplizierten Herz-Lungen-Transplantationen mit 23 sehr viel geringer. »Es war das

Einzige, was ihm helfen konnte«, beschrieb Oberarzt André Renner (48) die Dringlichkeit

bei seinem Patienten. Simon Kretschmar kam mit einem schweren Herzfehler auf die

Welt (Shone-Komplex), wurde sechs Mal operiert und bekam mehrere Herzklappen. Als

sich in der Lunge Hochdruck gebildet habe und die rechte Herzhälfte zu versagen

drohte, sei die Herz-LungenTransplantation unumgänglich geworden, erzählte der Arzt.

Weil Kretschmar nur noch mit Medikamenten am Leben erhalten werden konnte, bekam

er wegen der besonderen Dringlichkeit schon nach 15 Wochen die benötigten Organe.

Andere warten bis zu vier Jahre. Knapp sechs Stunden dauerte die OP, bei der der

Brustkorb mit einem Längsschnitt geöffnet und die Herz-LungenMaschine angeschlossen

wurden. Zunächst wurde das Herz und im Weiteren der rechte und linke Lungenflügel

entnommen. Die Spenderorgane wurden gemeinsam in den Brustkorb eingebracht und

transplantiert. Nachdem die Luftröhre wieder angeschlossen worden war, folgten der

rechte Vorhof und die Hauptschlagader. Bei einer Herz-Lungen-Transplantation bestehe

die Gefahr, dass der Körper die fremden Organe abstößt, gleich doppelt, sagte der

Chirurg: »Im ersten Jahr ist die Sterblichkeit hoch, wenn man das erste Jahr geschafft

hat, hat man aber eine gute Prognose.« Simon Kretschmar fühlt sich neun Monate nach

der OP blendend: »Jetzt geht es mir gut, ich habe mehr Luft, als ich brauche,

Treppensteigen ist ohne Pause möglich.«

»Vorher war schon ein Weg von fünf bis zehn Schritten für ihn zu weit«, erzählte seine

Frau Anita (32). Zehn Tabletten schluckt Simon Kretschmar jeden Tag, sein Leben lang

muss er immunsuppressive Medikamente nehmen, damit der Körper die fremden

Organe nicht abstößt. Sohn TimBenjamin (6) passt mit auf, dass sich der Vater an die

Anordnungen hält. Essen darf er nur in Folie eingeschweißte, keimfreie Lebensmittel,

roher Käse und rohes Fleisch sind tabu. Immer wieder wäscht er sich die Hände,

Körperkontakt zu anderen meidet er. Als Lagerist kann Kretschmar nicht mehr arbeiten,

aber bald möchte er als Büroassistent wieder ins Berufsleben einsteigen.

Der Glaube an Gott und die Familie hätten ihm in der schweren Zeit Halt gegeben,

erzählte der 35Jährige, der sein Glück kaum fassen kann. War Atemnot früher sein

ständiger Begleiter und das Schuhezubinden eine Strapaze, lebt er jetzt weitgehend

normal: »Ich war mein Leben lang herzkrank, jetzt bin ich herzgesund – daran muss ich

mich erst gewöhnen.« Herz- und lungentransplantierte Menschen können bis zu 90

Prozent der Leistungsfähigkeit von Gleichaltrigen erreichen. Auch Sport ist wieder

möglich.

 

Spenderorgane werden dringend benötigt

»Die Bereitschaft, Organe zu spenden, hat deutlich

nachgelassen«, beklagt Oberarzt André Renner. Waren im

Jahr 2012 bundesweit noch 318 Herzen gespendet

worden, sank die Zahl im vergangenen Jahr auf 251. Bei

Lungen waren es 339, fünf Jahre später aber nur noch

264. Auf ein neues Herz warten im HDZ in Bad

Oeynhausen mehr als 200 Patienten. »Ich

würde mir in Deutschland eine Widerspruchslösung

wünschen, also, dass Menschen einer Organentnahme

ausdrücklich widersprechen müssen«, sagte Renner mit

Blick auf den »Tag der Organspende« am 2. Juni. Wer auf

eine Herz-Lungen-Transplantation angewiesen ist, braucht

gleich zwei Organe. In Deutschland gab es 2017 nur fünf

solcher Eingriffe.

 

 

 

Organspende nach Hirntod: Wann werden Organe eigentlich freigegeben?

12.05.2018

 

Teenager wachte nach diagnostiziertem Hirntod wieder auf

Der Fall Trenton McKinley aus Alabama berührte Herzen aus aller Welt. Der 13-Jährige lag im Koma und galt als hirntot. Ärzte hatten keine Hoffnung mehr für ihn. Trentons Eltern hatten bereits zugestimmt, die Organe ihres Sohnes zu spenden. Dann das Wunder: Trenton zeigte wieder Lebenszeichen.​ Mittlerweile hat er das Krankenhaus sogar wieder verlassen. Viele fragen sich nun: Wann werden Organe eigentlich freigegeben?

Wann ist der Mensch tot?

Der Tod kann auf zwei verschiedene Arten eintreten: durch Hirntod oder Herzstillstand. Herztoten werden keine Organe entnommen. Beim Hirntod versagt die Durchblutung des Gehirns. Die weiteren Körperfunktionen können aber künstlich aufrechterhalten werden. Zwei Ärzte aus verschiedenen Krankenhäusern müssen unabhängig voneinander feststellen, dass der Patient hirntot ist. Dafür hat die Bundesärztekammer ein dreistufiges Verfahren festgelegt. Die genaue Diagnose ist wichtig, denn der Hirntod ist gleichzeitig die Voraussetzung dafür, dass der Patient als Organspender in Frage kommt. Nach den Richtlinien der Bundesärztekammer müssen für eine Hirntod-Diagnose folgende Bedingungen erfüllt sein:

1. Es muss eine akute Hirnschädigung vorliegen - beispielsweise durch einen Hirninfarkt, einen Tumor, schwere Verletzungen, eine Sauerstoffunterversorgung oder Entzündungen.

2. Das Erlöschen der Hirnfunktion darf nicht auf andere Ursachen zurückzuführen sein - wie etwa auf eine Vergiftung oder die dämpfende Wirkung von Medikamente.

3. Es müssen bestimmte klinische Symptome zu erkennen sein: lichtstarre Pupillen, Bewusstlosigkeit ohne Reaktion auf Schmerzreize (Koma) und ein Ausfall der Spontanatmung.

Die Unumkehrbarkeit des Hirntodes ist erst nachgewiesen, wenn ein zweiter

Untersuchungsdurchgang nach

einer Wartezeit von zwölf Stunden bis drei Tagen die gleichen Ergebnisse

bringt. Alternativ können die Ärzte auch

eine apparative Untersuchung als Ergänzung durchführen. Ein sogenanntes

Null-Linien-Elektroenzephalogramm

(EEG) muss über einen bestimmten Zeitraum die komplette elektrische

Inaktivität des Gehirns belegen. Erst dann

gilt der  Patient offiziell als hirntot.

Oft nicht so eindeutig

Für viele Familienangehörige ist die Entscheidung, die lebenserhaltenden Maschinen abzuschalten, die schlimmste Erfahrung ihres Lebens. Denn der vermeintlich hirntote Patient liegt nach wie vor im Bett und wird beatmet. Sie sehen die Herzfrequenz und den Puls und vertrauen auf die Entscheidung der Ärzte. Die meisten Experten sprechen sich dafür aus, die Organe nach dem diagnostizierten Hirntod der Mediziner zu spenden.

Warum ein Organspendeausweis?

Organ- und Gewebespende ist gelebte Solidarität, so das

Bundesgesundheitsministerium. Auch wenn die Auseinandersetzung mit

Themen wie Krankheit und Tod für die meisten Überwindung kostet, ist eine

Antwort auf die Frage, ob man Organe spenden möchte, wichtig. Denn für

viele Menschen, die auf eine Organspende warten, entscheidet diese Frage

über Leben und Tod. Fest steht: Jeder könnte durch einen Unfall oder eine

Krankheit jederzeit in die Situation geraten, auf eine Organspende angewiesen

zu sein.


 

 

Ärzteschaft

Ärztetag: Widerspruchs- sollte Entscheidungslösung in der Organspende ablösen

Donnerstag, 10. Mai 2018

Erfurt – Die Widerspruchslösung sollte die derzeit bestehende Entscheidungslösung in der Organspende ersetzen. Dafür hat sich heute nach kurzer Debatte der 121. Deutsche Ärztetag in Erfurt ausgesprochen. Die Delegierten forderten den Gesetzgeber auf, das Transplantationsgesetz (TPG) entsprechend zu verändern.

Es kann von jeder Bürgerin und jedem Bürger nach der gesetzlich in § 2 Abs. 1 TPG geregelten Aufklärung durch die Krankenkassen erwartet werden, dass sie sich mit der Problematik auseinandersetzen und im Falle einer tatsächlichen Ablehnung ihr NEIN zur Organspende formulieren“, heißt es in dem Antrag.

In der Begründung zum Antrag wird ausgeführt, dass die Organspendebereitschaft in der Gesellschaft auch nach einer aktuellen Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) hoch sei, trotzdem würden die jährlichen Organspenderzahlen in Deutschland seit zehn Jahren kontinuierlich sinken.

Dieses Problem, das jedes Jahr den Tod für viele Patienten auf der

Warteliste bedeutet, muss durch viele verschiedene Maßnahmen

angegangen werden. Eine dieser Maßnahmen ist die Einführung der

in fast allen europäischen Ländern üblichen Widerspruchslösung“,

heißt es weiter.

Der Abstimmung waren nur wenige Wortmeldungen vorangegangen. „Wir brauchen einen Systemwechsel hin zur Widerspruchslösung“, hatte Karl Breu (Bayern) erklärt. Man sollte sich der Verantwortung stellen und ein Zeichen setzen. „Bitte stimmen Sie für unsere Patienten und für die Widerspruchslösung“, warb er.

Sven Christian Dreyer (Nordrhein) sprach sich gegen die Widerspruchslösung aus. Es sei das Recht des Bürgers, sich nicht aktiv mit der Organspende zu beschäftigen. Dieses dürfe man ihm mit der Widerspruchslösung nicht nehmen. Er führte aus, dass es immer noch große Kliniken gebe, in denen es Unregelmäßigkeiten gebe. Erst wenn das vollständige Vertrauen in die Transplantationsmedizin wiederhergestellt worden sei und sich alle immer an die bestehenden Regeln hielten, könne man der Bevölkerung diese Lösung zumuten, sagte er.

Das Thema war zuletzt auf dem 115. Deutschen Ärztetag im Jahr 2012 diskutiert worden. Damals hatten sich die Delegierten für die Einführung der Entscheidungs­lösung ausgesprochen. In der SPD mehrten sich zuletzt zwar die Stimmen für eine Widerspruchslösung. In der Union lehnt man diese bislang allerdings ab. © may/aerzteblatt.de

 

 

 

Immer mehr Deutsche haben Organspendeausweis

6. Mai 2018

Mehr Deutsche als bislang haben einen Organspendeausweis ausgefüllt. Das geht aus einer neuen Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hervor, über die die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (Montagausgabe) berichtet. Demnach verfügen 36 Prozent der Befragten über einen solchen Ausweis.

Ein Jahr zuvor waren es vier Prozentpunkte weniger. Von denjenigen Befragten, die angaben, eine Entscheidung zur Organspende getroffen zu haben, erteilten 72 Prozent die Zustimmung. 14 Prozent sagten, sie hätten sich gegen eine Spende ausgesprochen. Insgesamt bewerten immer mehr Menschen die Organspende „eher positiv“: 84 Prozent der Befragten äußerten sich nun tendenziell zustimmend, im Jahr 2013 waren es nur 78 Prozent. Fast drei Viertel (73 Prozent) der Befragten gaben an, der Grund für eine positive Entscheidung zur Organspende sei Altruismus. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sagte der F.A.Z.: „Wir müssen alles tun, damit die Zahl der Organspenden steigt.“ Spahn erteilte der Forderung, wonach eine Zustimmung zur Organspende in Zukunft vorausgesetzt werden solle, solange der Bürger dem nicht aktiv widerspricht, eine Absage. Überzeugungsarbeit sei besser als Zwang, sagte Spahn. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hatte 4.001 Personen zwischen 14 und 75 Jahren befragt, der Befragungszeitraum lag zwischen November 2017 und Februar 2018.

Foto: Organspendeausweis, über dts Nachrichtenagentur

 

 

Neue Westfälische Bad Oeynhausen

05.05.2018

So retten Ärzte Gretas Leben

Schwieriger Eingriff:

Bereits am sechsten Lebenstag operieren Spezialisten aus Bad Oeynhausen das kleine Mädchen, das nur eine Herzkammer hat.

Im Mittelpunkt die kleine Patientin:

Der Direktor der Klinik für Kinderherzchirurgie, Eugen Sandica (l.), Herzchirurgin Ute Blanz, die Mutter Sophie Jansen mit ihrer Tochter Greta Marlene und der Direktor der Klinik für Kardiologie, Deniz Kececioglu. FOTO: ARMIN KÜHN, HDZ

Bad Oeynhausen (NW/bth).

Die kleine Greta Marlene ist erst drei Monate alt. Den Tag des herzkranken Kindes an diesem Samstag wird sie fröhlich und putzmunter mit ihren Eltern und Geschwistern in Bielefeld verbringen. „Das kleine Mädchen hat viele Schutzengel gehabt“, sagen Deniz Kececioglu und Eugen Sandica, die Chefärzte der Kinderkardiologie und Kinderherzchirurgie sowie Chirurgie angeborener Herzfehler am Herz- und Diabeteszentrum NRW (HDZ NRW). Mehr als die Hälfte ihres Lebens hat Greta im Kinderherzzentrum in Bad Oeynhausen verbracht. Ohne das Eingreifen der Ärzte hätte sie keine Überlebenschance gehabt, wie die Experten berichten. Greta ist das dritte Kind von Sophie und Christian Jansen. Während der Schwangerschaft gibt ein Ultraschallbild Anlass zu Besorgnis. Bald darauf steht fest: Das Baby wird mit einem sehr schweren angeborenen Herzfehler auf die Welt kommen. „Herzfehlbildungen sind eine Laune der Natur“, sagt Kececioglu. „Jedes 100. Kind kommt mit einem angeborenen Herzfehler zur Welt.“ Bei Greta ist dieser leider sehr komplex:Die linke Herzkammer ist nicht vorhanden, der Aortenbogen viel zu schmal. Die Spezialisten für Früherkennung von Herzfehlbildungen empfehlen die Geburt in Bad Oeynhausen, damit das Neugeborene umgehend in das Kinderherzzentrum aufgenommen werden kann. Unmittelbar nach der Geburt wird das kleine Mädchen in das Kinderherzzentrum verlegt und medikamentös versorgt. Greta ist gerade sechs Tage alt, als Oberärztin Ute Blanz ihr winzig kleines Herz operiert. Die Operationsmethode, die die erfahrene Chirurgin dabei anwendet, zählt zu den schwierigsten Eingriffen der Kinderherzchirurgie. Sie heißt Norwood I“. 1981 hat der amerikanische Kinderherzchirurg William Norwood dieses chirurgische Verfahren erstmals angewendet. Die sogenannte Norwood-Methode hat seitdem Tausenden von Einkammerherz-Kindern wie Greta das Leben gerettet. Bei Ute Blanz ist Greta in den besten Händen. In einer achtstündigen Operation sorgt die Chirurgin für eine stabile Herz-Lungenfunktion des Babys. Bis zu 25 dieser Norwood-Eingriffe jährlich führen Ute Blanz und Eugen Sandica seit vielen Jahren im Bad Oeynhausener Kinderherzzentrum durch.

Zwei weitere Operationenim ersten und vierten Lebensjahr und eine regelmäßige kinderkardiologische Betreuung werden notwendig sein, damit sich das kleine Mädchen altersgerecht entwickelt. „Mit einigen Einschränkungen wird Greta ein ganz normales Leben führen können“, sind sich die Spezialisten nach dem Ambulanztermin einig, der in dieser Woche stattfand. Das wäre vor 40 Jahren noch nicht möglich gewesen. Heute werden zahlreiche erwachsene Patienten mit nur einer funktionsfähigen Herzkammer im eigens darauf spezialisierten EMAH-Zentrum in Bad Oeynhausen betreut. Für Ute Blanz sind die Eingriffe an Säuglingen zwar Alltag, aber keine Selbstverständlichkeit, wie sie im Gespräch mit dieser Zeitung berichtet. „Die allerkleinsten und allerjüngsten Patienten, die wir im Zentrum für angeborene Herzfehler operieren sind naturgemäß unsere Frühgeborenen“, berichtet Blanz. „Diese Patienten leiden häufig unter einem sich nicht schließenden Gefäß zwischen Hauptschlagader und Lungenschlagader, dem sogenannten Ductus Botalli.“ Dieses Gefäß müsse operativ verschlossen werden, damit die Kinder überleben könnten. Auf die Frage nach dem jüngsten Patienten der in der Klinik operiert wurde, sagt Blanz: „Hier war das jüngste Kind ein Frühgeborenes der 26. Schwangerschaftswoche mit einem Geburtsgewicht von 560 Gramm.“

 

Das sagt Herzchirurgin Ute Blanz

Frau Blanz, was sind die häufigsten Gründe für eine Herzoperation bei einem Kind?

UTE BLANZ:

Die häufigsten Gründe sind Defekte in der Vorhof- und Kammerscheidewand, weil diese Herzfehler auch mit Abstand am häufigsten auftreten. Bei der Operation wird mit Hilfe der Herz-Lungen-Maschine operiert und der Vorhof- und Kammerscheidewanddefekt mit einem Flicken verschlossen.

Was bedeutet ein solcher Eingriff für die betroffenen Mädchen und Jungen, wie nehmen Sie ihnen Ängste?

BLANZ:

Für die psychische Betreuung unserer kleineren oder älteren Patienten steht ein ganzes Team von Mitarbeitern zur Verfügung, so spielt das häufig über Jahre schon dem Patienten bekannte Pflegepersonal und Ärzteteam eine wichtige Rolle, damit die Patienten sich sicher und wohl bei uns fühlen, außerdem werden die Patienten durch einen Psychologen und eine besonders geschulte Kontaktschwester sowie in speziellen Situationen durch geschulte Mitarbeiter im Palliativbereich betreut.

Wie werden Eltern begleitet?

BLANZ:

Die Eltern werden ab dem Erstkontakt mit unser Klinik intensiv betreut: Sie werden über alle Untersuchungsbefunde und die sich daraus ergebene mögliche Operationsindikation umgehend informiert. Wenn sie es wünschen, bekommen sie einen Termin für ein ambulantes Aufklärungsgespräch vor der stationären Aufnahme zur Operation und können auf Wunsch psychologische Hilfe in Anspruch nehmen.

Mit welchen Ambitionen gehen Sie in einen solchen Eingriff?

BLANZ:

Wir Kinderherzchirurgen gehen in jede Operation unabhängig vom Umfang und dem Schwierigkeitsgrad mit der höchstmöglichen Genauigkeit hinein und bringen unsere ganze Erfahrung in den Eingriff ein. Wohlwissend, dass die Eltern uns ihr Liebstes während der Operation und der Behandlung anvertrauen und ihre ganze Hoffnung in unsere erfolgreiche Arbeit setzen. So ist der Anspruch gerade bei kleinen Kindern mit angeborenen Herzfehlern hoch, denn wir möchten ihnen ein möglichst normales Leben mit einer hohen Lebensqualität ermöglichen.

Die Fragen stellte

Matthias Bungeroth

 

Organtransplantation „Der menschliche Körper wird nicht 'verstaatlicht'“

Medizinethiker Norbert Paul spricht über das notleidende Transplantationssystem in Deutschland, die Widerspruchslösung und seinen Traum von TV-Galas für Organspenden.

25.04.2018

Von Ursula Rüssmann

Herr Paul, besitzen Sie einen Organspendeausweis?
Ja, natürlich.

Warum?
Wir haben das in der Familie diskutiert und entschieden. Denn wir leben ja in einem Land mit einem funktionierenden Organspendesystem. Sollte jemand von uns irgendwann selbst ein Spenderorgan brauchen, denken wir, dass wir mit einer gewissen Wartezeit auch eins bekommen. Das heißt für mich und die ganze Familie, dass wir selbst bereit sind, zu spenden. Einfach um dieses System zu unterstützen.

Umfragen zufolge denken etwa 80 Prozent der Bürger im Prinzip so wie Sie. Aber nur jeder Dritte hat auch wirklich einen Spenderausweis – einer der Gründe für die extrem niedrigen Organspendezahlen bei uns. Warum ist das so?
Ich glaube, das ist in weiten Teilen immer noch Bequemlichkeit. Auch ist das Thema in unserer Gesellschaft nicht durchweg positiv besetzt, damit kommt eine gewisse Unsicherheit hinzu. Eine Rolle spielt auch, dass ich mich, wenn ich meinen Ausweis ausfülle, mit meinem eigenen Tod beschäftigen muss. Ich finde es schon merkwürdig, dass viele Menschen das Thema so großräumig meiden.

Sehr viele andere Länder sparen sich das Problem mit den fehlenden Spenderausweisen. Sie haben eine Widerspruchslösung, wonach im Todesfall jeder als Organspender gilt, der nicht zu Lebzeiten ausdrücklich widersprochen haben. Gerade erst haben die Niederlande dieses System eingeführt. Wäre das auch was für uns?
Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich das auch aus ethischen Gründen für die konsequentere Lösung halte, vor allem weil wir in einem Bildungsland leben. Die Information, dass man automatisch Spender ist, wenn man nicht ausdrücklich widerspricht, kann bei den richtigen Strukturen jeden erreichen. Ich sehe auch kein Gerechtigkeitsproblem, wie viele Gegner, die sagen: Die, die keinen guten Zugang zu solchen Informationen haben, laufen Gefahr, sozusagen „aus Versehen“ Spender zu werden. Im Gegenteil: Wir haben dann ein Gerechtigkeitsproblem, wenn ich sage, ich fülle keinen Spenderausweis aus – aber im Krankheitsfall will ich dann schon ein Organ. Wenn man erwartet, zu Lebzeiten bei Bedarf ein Spenderorgan zu bekommen, dann steht man in der ethischen Pflicht, nach dem Ableben Organe zu spenden, zumal man dadurch gar keinen eigenen Schaden erleidet.

Die Gegner der Widerspruchs-
lösung verweisen gern auf das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Geht das Verfügungsrecht über den eigenen Körper nicht über den Tod hinaus? Die Menschenwürde endet ja nicht mit dem Tod.
Die Menschenwürde endet in der Tat nicht. Allerdings ist das volle Verfügungsrecht über unseren Körper im täglichen Zusammenleben ja ohnehin oft eingeschränkt …

Inwiefern?
Denken Sie nur an bestimmte Vorschriften zur Arbeits- und Verkehrssicherheit. Dass Sie sich im Flugzeug anschnallen müssen und nicht frei herumlaufen dürfen, ist ja im Prinzip eine freiheitsberaubende Maßnahme. Wichtiger ist noch: Die höchst persönliche Würde des Menschen, wie sie im Selbstbestimmungsrecht über den eigenen Körper zum Ausdruck kommt, wird ihm mit der Widerspruchslösung ja nicht genommen. Er kann ja widersprechen. Damit gründet die Widerspruchslösung eindeutig auf Freiwilligkeit, nicht etwa auf der Sozialpflichtigkeit der Organspende. Hier wird keinesfalls der menschliche Körper „verstaatlicht“, wie manche Kritiker behaupten.

Wie sollte man eine Widerspruchslösung ausgestalten?
Zu einer sauberen Widerspruchslösung gehört auf jeden Fall eine gute Widerspruchsdatei, ähnlich wie in Österreich, in der alle Widersprüche erfasst werden. Zentral ist die Information der Bevölkerung. Aus den USA kenne ich die Übersendung von Organspende-Informationen mit dem Führerschein. Der Führerscheinerwerb ist ja, wie etwa der Handykauf, eine Lebenssituation, die fast jeder von uns hat, und es ist durchaus denkbar, dass man die Aufklärung, dass man prinzipiell Organspender ist, es sei denn, man widerspricht, auf solchen Wegen an die Frau und an den Mann bringt. Wenn das alles gelingt, passiert wahrscheinlich nicht gleich der erwartete Aufschwung in den Organspende-Zahlen, aber es entlastet die Situation in der Klinik ganz erheblich.

Was meinen Sie damit?
Derzeit müssen mit Eintreten des Hirntodes geschulte Ärztinnen und Ärzte mit Angehörigen ein ergebnisoffenes Gespräch über Organspende führen, meist ohne dass man weiß, was der Hirntote genau gewünscht hätte. Die Ablehnungsquote bei Angehörigen in solchen Gesprächen steigt derzeit. Das liegt auch an der Zumutung, die diese Situation darstellt: Sie verlieren gerade einen geliebten Menschen und sollen dann auch noch so etwas Wichtiges entscheiden. Wenn dagegen, wie bei einer Widerspruchslösung, klar ist, dass eine Organspende im Prinzip in Frage kommt und sie als Angehörige nur widersprechen müssen, wenn sie selbst es gar nicht wollen, ist die Situation sehr stark entlastet.

Sie plädieren also dafür, dass Angehörige bei einer möglichen Widerspruchslösung ein Vetorecht bekommen sollten?
Ja, eindeutig. Auch in Österreich gibt es ja für Angehörige diese Möglichkeit, wenn die Organentnahme beim Hirntoten für sie eine unerträgliche Belastung ist. Sie können dann, trotz der Bereitschaft des Verstorbenen, ihre Zustimmung verweigern.

Aber warum steigt hierzulande die Ablehnungsquote seitens der Angehörigen? Die Zumutung während der Sterbesituation, von der Sie sprachen, war ja
immer schon gegeben.
Wir haben einen erheblichen Zuwachs an Patientenverfügungen über einen Therapieverzicht bei bestimmten Situationen am Lebensende. Das Vorliegen einer solchen Verfügung allein erhöht schon die Ablehnungsrate von Angehörigen, wenn es um Organspende geht. Wir haben es da in den letzten fünf bis sechs Jahren mit einer Mentalitätsveränderung zu tun. Man will angesichts einer als supramaximal erlebten Medizin die Grenzen des eigenen Lebens zunehmend sehr deutlich selbst ziehen.

Aber was ist mit dem Patienten, der schwerkrank ist und nur durch ein Spenderorgan über-
leben oder gesunden kann? Welche Rechte hat er aus ethischer Sicht?
Jeder Kranke hat bei uns das Recht auf eine dem Stand der medizinischen Wissenschaft entsprechende Behandlung, und die Transplantation ist ein etabliertes medizinisches Verfahren, mit dem wir in bestimmten Bereichen sehr, sehr gute Erfolge erzielen. Bei Leber und Niere etwa ist es so. Herztransplantationen sind zwar spektakulär, aber aufgrund verbesserter Früherkennung immer seltener erforderlich. Lungentransplantationen sind in Deutschland eher selten, können aber überlebensnotwendig sein. Ich kenne eine junge Patientin von Ende 20, die unter einer schweren Form von Mukoviszidose leidet und eine kombinierte Lungen-Nieren-Transplantation benötigt. Der muss man sagen, wir haben absehbar – aufgrund des Organmangels – eigentlich keine Behandlungsoption und schlagen vor, sie palliativ zu sedieren, wenn es schlimmer wird, also mit Medikamenten so ruhigzustellen, dass sie Schmerzen und Ängste beim Sterben nicht merkt.

Das heißt dieser Patientin kann, weil keine Transplantation möglich ist, nur noch das Sterben erleichtert werden?
Richtig, und das ist aus meiner Sicht ethisch keine Option.

Gibt es in so einem Fall ein Recht auf ein Spenderorgan?
Durchaus. Solange wir sagen, wir haben ein Transplantationssystem und wollen uns nicht vollständig daraus verabschieden, sage ich: Ja, das Recht besteht. Allerdings stoßen wir da auch auf ein systematisches Problem: Die Transplantation postmortaler Organspenden ist nur möglich in einer Situation, die wir unter allen Umständen zu vermeiden suchen, nämlich bei Hirntod. Wir tragen Helme beim Radfahren, wir haben Airbags im Auto, wir haben moderne Therapieformen nach einem Schlaganfall und wir haben eben die Patientenverfügungen – das heißt, wir haben immer mehr passive Sicherheit, und das ist natürlich erwünscht. Andererseits haben wir dadurch immer weniger Hirntote, die als potenzielle Organspender in Frage kommen. Nach Alternativen wird deshalb ja fieberhaft gesucht. So ist die Wissenschaft schon weit fortgeschritten, wenn es darum geht, Tierorgane durch gentechnische Eingriffe zu humanisieren. Auch in Deutschland wird daran gearbeitet, irgendwann Schweinenieren für Menschen zu züchten. Da werden Grenzbereiche betreten, die lange tabu waren. Das zeigt mir, wie hoch wir auch hierzulande das Recht des Patienten auf eine angemessene medizinische Versorgung ansetzen.

In anderen Ländern wie der Schweiz und Österreich gilt, dass nicht nur bei Hirntod, sondern auch bei irreversiblem Herz-Kreislaufstillstand Organe entnommen werden können. Auch das erhöht die Spenderzahlen. Sollte man es auch in Deutschland so machen?
Aus ethischer Sicht spricht dann nichts dagegen, wenn der Herz-Kreislauf-Tod nach ganz festgelegten Kriterien und unter kontrollierten klinischen Bedingungen festgestellt wird. Ich sehe aber eine Hauptschwierigkeit. Wir haben ja jetzt schon eine ausufernde Diskussion, ob der hirntote Mensch wirklich tot ist. Das Gehirn können Sie aber nicht reanimieren, während Sie den Herztoten unter Umständen reanimieren können. Da stellt sich dann die Frage: Ab wann kann jemand als Spender nach Herztod gelten? Mit Sicherheit nicht das stark unterkühlte Kind, das könnten wir auch nach vielen Minuten oder sogar Stunden noch mit gutem oder akzeptablem Ausgang reanimieren. Und was ist nach wiederholter Herz-Lungen-Wiederbelebung in der Klinik? Da haben wir dann wahrscheinlich schon geschädigte Organe, deren Durchblutung mehrfach unterbrochen war. Es braucht einen beobachteten Herztod bei einem Menschen, der als Organspender in Frage kommt und von dem man weiß, dass eine Wiederbelebung keine Erfolgsaussicht hat. Eine solche Reform halte ich in der allgemeinen Glaubwürdigkeitskrise der Medizin hierzulande für politisch kaum umsetzbar.

Zumal die Politik das Thema Organspende ja bisher ohnehin nicht anfasst.
Richtig, die Debatte wurde in der Vergangenheit regelrecht tot gemacht. Ich habe das selbst erlebt, weil wir im Rahmen der Novellierung des Transplantationsgesetzes sehr stark auf eine Widerspruchslösung gedrungen haben. Das wurde politisch abgeschmettert mit der Aussage: „Wir wollen keine neue Diskussion über den Hirntod.“

Wenn das geltende Transplantationsrecht so ist, dass es das Recht der von Ihnen genannten unheilbar kranken jungen Frau auf rettende Spenderorgane nicht erfüllen kann, gleichzeitig aber der politische Wille fehlt, diese Lage zu ändern – müssten diese Frau oder ähnlich Betroffene nicht die Chance haben, ihr Recht einzuklagen? Wie könnte das gehen?
Eine schwierige Frage, ich bin kein Verfassungsrechtler. Jedenfalls haben wir gemäß den Leit-
linien des Länderverbunds Eurotransplant in Deutschland mit einer Spenderquote von unter zehn Menschen pro einer Million Einwohnern kein strukturiertes Transplantationswesen mehr. Eigentlich könnten wir damit, wenn alle anderen Eurotransplantmitglieder zusammenhalten, aus dem System hinausfliegen, weil wir mehr Organe aus anderen Ländern bekommen als wir diesen geben können. Allein die Tatsache, dass das droht, könnte man als Politikversagen und Organisationsverschulden bewerten: Denn es kann doch nicht sein, dass Deutschland kein Transplantationssystem aufbauen kann, das Eurotransplant-würdig ist. Man würde dann auf Veränderung der Rechtslage klagen – bis zum Bundesverfassungsgericht, unter Verweis auf das Recht auf körperliche Unversehrtheit oder gar die Menschenwürde. Die Erfolgsaussichten kann ich nicht einschätzen, aber die Idee ist durchaus charmant.

Zum Schluss: Was wünscht sich der Medizinethiker in Bezug auf das deutsche Transplantationssystem?
Tätig werden sollte zunächst mal die Kultusministerkonferenz. Das Thema Organspende muss in die Lehrpläne der Schulen aufgenommen werden, damit es jedem Bürger im Laufe seiner schulischen Ausbildung umfassend nahegebracht wird. Denn ich sehe gerade bei Schülern und Studierenden eine erhebliche Bereitschaft zur Auseinandersetzung damit, aber sie sind allein gelassen. Es gibt inzwischen an der Uni Mainz und auch an vielen anderen Unis die Studentengruppen „Aufklärung Organspende“, die spendenfinanziert in Schulen über das Thema sprechen, doch damit leider ganz häufig bei den Schulleitungen abblitzen. Diese Initiative müsste von den Kultusministern direkt ausgehen. Schritt zwei wäre die Einführung einer Widerspruchslösung mit Informationspflicht. Die schulische Bildung wäre bereits ein Element darin. Auch sollte die Transplantationsmedizin stärker auf Zentren konzentriert werden, die dann besser ausgestattet werden müssten. Vor allem wünsche ich mir eine Kultur, in der Organspende endlich positiv besetzt ist. Wenn die großen Spendengalas im Fernsehen irgendwann auch mal Organspenden und nicht mehr nur Geldspenden zum Thema machen würden, wären wir einen Riesenschritt weiter.

Interview: Ursula Rüssmann

 

 

Bundes­ärzte­kammer: Montgomery fordert offene Debatte um Organspende

Donnerstag, 19. April 2018

Berlin – Eine intensive öffentliche Debatte um das Einwilligungs- oder Widerspruchsverfahren zur Organspende forderte der Präsident der Bundes­ärzte­kammer (BÄK), Frank Ulrich Montgomery, heute in der Vorab-Pressekonferenz zum 121. Deutschen Ärztetag (8. bis 11. Mai 2018 in Erfurt) in Berlin. Auch wenn aus medizinischer Sicht die aktuell wieder diskutierte Widerspruchslösung das Beste wäre, erfordere das Thema Organspende mehr: Zum einen Maßnahmen zur rechtlichen Stärkung der Transplantationsbeauftragten, aber vor allem eine gesellschaftliche Einigung auf ein Einwilligungs- oder Widerspruchsverfahren.

Mit Blick auf den Deutschen Ärztetag betonte Montgomery, dass der von der Bundesregierung vorgelegte Koalitionsvertrag zwar pragmatisch angelegt sei und in weiten Teilen entsprechend abgearbeitet werden könne, ihm fehlten aber die „ganz großen Visionen“. Anlass zur Kritik sieht der BÄK-Präsident bei der geplanten Erhöhung der Mindestsprechstundenzeiten von 20 auf 25 Wochenstunden: „Wenn der Gesetzgeber 25 Prozent mehr Arbeit verlangt, muss er auch mehr Gehalt zahlen. Das muss sich in der Vergütung wiederfinden.“

Zur Diskussion um eine Vereinheitlichung der Honorarordnungen erklärte Montgomery, dass die Mitglieder der laut Koalitionsvertrag vereinbarten wissenschaftlichen Kommission, die bis 2019 die ärztlichen Honorarordnungen begutachten soll, noch nicht bestimmt seien, die BÄK aber auf eine Beteiligung Wert lege. Ein modernes Vergütungssystem brauche keine einheitliche Honorarordnung. Sowohl die einheitliche Gebührenordnung (EBM) wie auch die Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) benötigten jedoch Reformen.

Ein Problem für die ärztliche Versorgung sei die Zulassung von Ärzten aus Drittstaaten. Zurzeit erhielten etwa 65 Prozent aller Antragsteller eine Berufszulassung. Nötig sei im Interesse des Patientenschutzes die Schaffung einer bundesweit einheitlichen Regelung der Zulassung. Es stehe zur Diskussion, ob man nicht wie in den USA „diesen Leuten ein deutsches Staatsexamen abfordern muss“.

Montgomery kündigte an, dass der Deutsche Ärztetag in Erfurt die Novelle der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung beraten werde. Leitfrage sei hier, welche Kompetenzen Ärztinnen und Ärzte benötigen, „um als Facharzt oder -ärztin eigenständig tätig zu sein“.

Zum Thema Ärztemangel betonte Montgomery, dass der für das Medizinstudium verabschiedete „Masterplan 2020“ zwar „ein erster Schritt zum Guten“ sei, aber eher mittel- oder langfristige Wirkung zeigen werde. „Wir brauchen für die Weiterentwicklung der Medizin mehr Köpfe“, forderte der BÄK-Präsident erneut.

 

Auch mit Blick auf die Versorgungslage in den Krankenhäusern sieht Montgomery dringenden Handlungsbedarf: „Wir brauchen nicht nur mehr Stellen, wir brauchen eine Initiative für die Pflege.“ Maßnahmen, den Pflegeberuf attraktiver zu gestalten, seien zu begrüßen, seien aber angesichts des in Krankenhäusern zunehmend festzustellenden Fachkräftemangels gleichermaßen für alle Beschäftigten im Krankenhaus notwendig. Erforderlich sei, die stationäre Versorgung mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu stärken.

Auch die Notfallversorgung werde Thema für die Delegierten auf dem 121. Deutschen Ärztetag. Hier seien schon viele Vorschläge gemacht worden, aber erforderlich sei vor allem ein vernünftiges Miteinander der Ärzte in Niederlassung und stationärer Versorgung. Um die Lage zu verbessern, müsse man zum Einen die Notdienstnummer 116117 in der Bevölkerung etablieren. Akzeptieren müsse man aber auch, dass künftig bestimmte Kliniken keine Notaufnahme mehr haben werden, erklärte der BÄK-Präsident mit Blick auf den noch ausstehenden G-BA-Vorschlag.

Zum Thema Digitalisierung erklärte Montgomery, dass die Ärzte schon heute ihren Beitrag leisten, elektronisch gestützte Verfahren zu etablieren. „Aber viele gute Gedanken scheitern in Deutschland an der flächendeckend nicht vorhandenen Breitbandversorgung.“ Der Deutsche Ärztetag werde sich in diesem Themenfeld auch mit dem Fernbehandlungsverbot befassen. Er betonte, dass es „ein ausschließliches Fernbehandlungsverbot“ ohnehin nicht gebe. Entscheidend sei, dass der Arzt seinen Patienten kenne.

Dann könne mithilfe moderner Medien vieles getan werden: „Wir müssen uns auch hier konstruktiv dem internationalen Wettbewerb stellen.“ Dafür gelte es, konstruktive Regelungen zu treffen. Dennoch: „Der Goldstandard ist und bleibt das persönliche Gespräch.“ Digitale Hilfsmittel seien hier „unterstützende und wichtige Instrumente, aber kein Ersatz“.

Zur aktuellen Diskussion des § 219a (StGB), dem Werbeverbot für Schwangerschaftsabbrüche, erklärte Montgomery, dass er für die Ärzte hier Rechtssicherheit erwarte. Die Wahrnehmung von Werbung habe sich seit Schaffung dieser Regelung im Jahr 1992 erheblich verändert. Um für die betroffenen Frauen und ihre Ärzte Sicherheit zu schaffen, sei beispielsweise ein zugängliches Register denkbar. Ob hierzu eine rechtliche Änderung erforderlich sei, müsse man den Juristen überlassen.

Mit Blick auf Brüssel und die EU-Kommission warnte der BÄK-Präsident vor Eingriffen in die ärztliche Selbstverwaltung. Nationale Arzneimittelverordnungen dürften nicht über eine europäische Richtlinie verschlechtert werden. Die von der EU-Kommission vorgesehene Nivellierung der deutschen Verordnung auf niedrigeres europäisches Niveau sei ein nicht akzeptabler „Bückling vor der Industrie“. © dpa/aerzteblatt.de

 

 

Asien

Gesetzesänderung in Japan: Bald können menschliche Organe in Tieren gezüchtet werden

12.04.2018 • 13:32 Uhr

Ab Herbst wird in Japan das Verbot zum Züchten menschlicher Organe in Tieren aufgehoben. Das

Züchten von Organen könnte das Warten von Organspenden verkürzen, und der Forschung bei der

Heilung von Krankheiten helfen. Ethische Zweifel aber bleiben weiter bestehen.

Bisher erlaubt Japan nur die Injektion von Zellen, wie zum Beispiel menschliche Stammzellen (iPS Zellen) in befruchtete tierische Eizellen. Eine Expertenkommission kam zu dem Entschluss, die Transplantation von daraus entstehenden Embryos in den Uterus von Tieren sowie die Geburt des daraus entstehenden Lebens zu erlauben. Es wird erwartet, dass die Regierung der Empfehlung der Expertenkommission folgen wird und den Forschungen in diesem April den Weg öffnet. 

Für das künftige Züchten menschlicher Organe empfehlen sich besonders Schweine, da die Größe der Organe ungefähr mit denen des Menschen übereinstimmt. Aufgrund des Verbots praktizierten japanische Forscher ihre Nachforschungen bislang in Übersee. 

Künftige Forschungen sollen von einem strengen Management überwacht werden. Ethische Fragen

bleiben jedoch bestehen. Neben der verkürzten Wartezeit für auf Organspenden angewiesene

Menschen, würde die Aufhebung des Verbots, so die Wissenschaftler, die Forschung zur Heilung

menschlicher Krankheiten verbessern.

 

Noch keine Trendwende bei den Organspenden

Mittwoch, 11. April 2018

Frankfurt am Main – Die Zahl der Organspender und der gespendeten Organe liegt im ersten Quartal 2018 über den Zahlen des Vorjahresquartals: Die Zahl der Spender betrug von Januar bis März bundesweit 261 (ohne Lebendspender). Im Vorjahresquartal waren es 212 gewesen. Insgesamt spendeten sie im ersten Viertesjahr 2018 842 Organe (gegenüber 677 im Vorjahresquartal).

Chirurgen in Deutschland haben von Januar bis März 2018 861 Organe transplantiert, im Vorjahresquartal waren es 729 (ohne die Transplantationen nach Lebendspende). Gleichwohl warnt die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) aufgrund dieser Zahlen schon auf eine Trendwende bei den Organtransplantationen zu schließen. „Wir hatten auch in der Vergangenheit bereits sehr große Schwankungen bei den Organspenden in den verschiedenen Monaten“, sagte die Pressesprecherin der DSO dem Deutschen Ärzteblatt. Von einer Trendwende zu sprechen, sei daher „absolut verfrüht“.

Entwicklung ist eine Tragödie

Das Jahr 2017 bedeutete einen Tiefpunkt für die Transplantationsmedizin in Deutschland. Die Zahl der Organspenden war auf den niedrigsten Stand seit 20 Jahren gesunken. Dies dokumentiert der neue Jahresbericht 2017 der DSO im Überblick. Danach wurden in dem Jahr 2.594 Organe gespendet. Die DSO-Vorstände Axel Rahmel und Thomas Biet sprachen von einer ernüchternden Bilanz. Die Entwicklung sei „eine Tragödie, vor allem für diejenigen, die dringend auf eine Transplantation warten“, schreiben die beiden im Vorwort des Jahresberichtes.

Mehr als 10.000 Menschen warten in Deutschland derzeit auf eine lebensrettende Transplantation. Nachdem 2016 noch 834 Menschen gespendet hatten, fiel die Zahl der Spender 2017 laut DSO auf 797.

Druck für Systemwechsel wird größer

Die Organspende ist ein sehr komplexer Prozess, der nur im ständigen und engagierten Miteinander aller Partner auf einem breiten gesellschaftlichen Konsens sowie einer entsprechenden Wertschätzung verbessert werden kann. Weder die Politik noch die Entnahmekrankenhäuser oder die DSO werden diese Herausforderung alleine bewältigen. Aber gemeinsam können wir eine Kultur der Organspende in Deutschland entstehen lassen, bei der das Denken an und die Frage nach einer Organspende am Lebensende eine Selbstverständlichkeit ist“, so Rahmel und Biet.

Um den Trend umzukehren, haben Union und SPD im Koalitionsvertrag organisatorische Verbesserungen in den Kliniken vereinbart. Doch immer mehr Politikern und Gesundheitsexperten reicht das nicht: Ende März sprach sich der Präsident der Bundes­ärzte­kammer (BÄK), Frank-Ulrich Montgomery, für einen grundlegenden Systemwechsel in der Transplantationsmedizin aus.

Montgomery, aber auch etwa der ehemalige Präsident der Ärztekammer in Bayern, Max Kaplan, und der Ärztekammerpräsident aus Westfalen-Lippe, Theodor Windhorst, oder der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach und der stellvertretende Fraktions­vorsitzende der Union im Bundestag, Georg Nüßlein (CSU), fordern mittlerweile die Einführung der Widerspruchslösung, die von der Politik, deutlich abgelehnt wurde. Nur wer ausdrücklich widerspricht, käme dann im Fall eines Falles nicht als Organspender infrage. Ein bedeutender Unterschied zur bisherigen Regelung, bei der jeder Bürger einer Organspende ausdrücklich im Vorfeld zustimmen muss. Organentnahme würde damit zum Regelfall gemacht.

Aus medizinischer Sicht, vor allem aber aus Sicht der vielen schwerkranken Patienten auf der Warteliste wäre eine solche Regelung der Idealfall“, sagte der BÄK-Präsident kürzlich. Nüßlein sieht Handlungsbedarf, weil die bisherige Regelung gescheitert sei.

Europa tickt anders

Schon seit den Anfängen der Transplantationsmedizin wird darüber diskutiert, ob es eine Pflicht zur Organspende gibt und wer potenzieller Organspender ist. Deutschland hat sich 1997 im Transplantationsgesetz für eine „erweiterte Zustimmungslösung“ entschieden: Nur wer zu Lebzeiten ausdrücklich zugestimmt hat, ist ein potenzieller Spender. Erweitert wird die Regelung dadurch, dass auch die Angehörigen oder vom Verstorbenen dazu bestimmte Personen berechtigt sind, im Sinne des Patienten über eine Entnahme zu entscheiden.

Deutschland steht mit dieser Regelung allerdings in Europa ziemlich alleine da. Nach einer Übersicht der Krankenkassen haben 17 europäische Staaten die Organspende auf dem Weg der Widerspruchslösung geregelt, darunter auch Belgien, Luxemburg, Frankreich, Österreich und Polen. In den Niederlanden ist die Einführung der Widerspruchslösung zu Jahresbeginn beschlossen worden, in der Schweiz soll es dazu bald eine Volksabstimmung geben.

Sensibles Thema

Auch SPD-Politiker Lauterbach ist sich bewusst, dass eine Widerspruchsregelung das Misstrauen gegenüber der Transplantationsmedizin noch erhöhen könnte. Der SPD-Politiker fordert deshalb, dass alles getan werden müsse, um ein Nein zur Organspende auch verlässlich zu dokumentieren – etwa im Führerschein, im Personalausweis und mit einem eigenen Organspendeausweis. Zugleich sollten auch die Angehörigen ein Widerspruchsrecht erhalten, fordert auch Nüßlein. „Wenn die Familie nach dem Tod ihres Angehörigen glaubhaft versichert, dass dieser sich gegen die Organspende entschieden hätte, etwa weil er mehrfach darüber gesprochen hat, dann muss dies entsprechend gehandhabt werden“, sagte er.

Dabei wird in den meisten Ländern mit Widerspruchslösung nicht gegen den Willen der Angehörigen gehandelt. In Frankreich allerdings kann zwar jeder für sich selbst Widerspruch einlegen. Aber schon die Angehörigen verfügen über kein Mitspracherecht. © hil/kna/may/aerzteblatt.de

 

 

10.04.2018

Rheinland-Pfalz will für mehr Organspenden sorgen Transplantations-Beauftragte werden gestärkt

Eine Organspende ist für viele Kranke die letzte Hoffnung. Doch die Zahl der Organspenden reicht nicht aus. Rheinland-Pfalz will nun die Transplantationsbeauftragten an den Krankenhäusern stärken

Die Regierungskoalition aus SPD, FDP und Grünen will dafür sorgen, dass mehr Menschen Organe spenden. Das Kabinett verabschiedete am Dienstag eine Gesetzesnovelle, mit der die Transplantationsbeauftragten in den Krankenhäusern gestärkt werden sollen. Das sind Ärzte, die in ihren Häusern nach einer Schulung die Entnahme von Organen organisieren und die Angehörigen betreuen. Künftig sollen sie Ärzte mit Fachausbildung sein.

Es sei wichtig, Menschen für das Thema Organspende zu sensibilisieren und sie umfassend aufzuklären, so dass sie bereit seien, ihre Entscheidung zu Lebzeiten in einem Organspendeausweis festzulegen, erklärte Gesundheitsministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler (SPD).

Zuschüsse von den Krankenkassen

Zugleich sollten die Krankenhäuser unterstützt werden, in denen schon Organe gespendet werden. Die Krankenhäuser mit Intensivstation, die sich bisher nicht beteiligen, sollten dafür sensibilisiert werden. Seit 2014 bekommen Krankenhäuser einen Zuschuss von den Krankenkassen, um die Transplantationsbeauftragten zu finanzieren.

Landesweit mehr als 100 Transplantationsbeauftragte

109 Transplantationsbeauftragte gibt es in den Krankenhäusern in Rheinland-Pfalz. Das sind Ärztinnen oder Ärzte, die nach einer Schulung in ihren Häusern die Entnahme von Organen nach dem Hirntod organisieren. Ein Beauftragter pro Krankenhaus ist gesetzlich Pflicht.

In Rheinland-Pfalz gibt es die meisten Transplantationsbeauftragten in der Unimedizin in Mainz, dort sind es zehn. Das teilte das Gesundheitsministerium auf eine parlamentarische Anfrage der CDU-Fraktion mit. Fünf Beauftragte sind es im Städtischen Krankenhaus Pirmasens, vier im Klinikum der Stadt Ludwigshafen, vier in der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik in Ludwigshafen und vier im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Trier. In allen anderen Kliniken sind es weniger.

Gegen den Bundestrend wurden 2017 in Rheinland-Pfalz mehr Organe als im Jahr zuvor gespendet - die Zahl stieg von 124 auf 137. Die Zahl der Spender blieb mit 38 gleich.

 

 

09.04.2018 12:01

Neuer Tiefstand bei Kinder-Organtransplantationen: Chirurgen starten Spendenaktion

Kerstin Ullrich Pressestelle
Deutsche Gesellschaft für Chirurgie e. V.

Berlin – Die Zahl der Organtransplantationen bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland ist im vergangenen Jahr auf den niedrigsten Stand seit 2008 gesunken. Das belegen aktuelle Statistiken der Stiftung Eurotransplant. „Gleichzeitig warten viele Kinder auf ein überlebenswichtiges Spenderorgan“, bedauert Professor Dr. med. Jörg Fuchs, Präsident der DGCH. Um auf die Situation der kleinen Patienten und den Organmangel aufmerksam zu machen, veranstaltet die DGCH im Rahmen ihres Jahreskongresses einen Benefizlauf zugunsten der Kinderhilfe Organtransplantation (KiO). „Weitere Geldspenden sind jederzeit willkommen“, so Fuchs. Der DGCH-Kongress findet vom 17. bis 20. April 2018 in Berlin statt.

Laut Eurotransplant sind hierzulande im Jahr 2017 insgesamt 215 Kindern und Jugendlichen unter 16 Jahren lebensrettende Organe verpflanzt worden – die niedrigste Quote seit 2008. Gleichzeitig bewegt sich die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die im vergangenen Jahr auf Niere, Herz, Lunge, Leber oder Bauchspeicheldrüse warteten, mit 156 auf gleichbleibend hohem Niveau. „Auf der Warteliste zu stehen, ist für die ganze Familie eine sehr belastende und bedrohliche Situation“, stellt Kinderchirurg Fuchs fest. Obwohl Kinder und Jugendliche über Eurotransplant teilweise bevorzugt mit geeigneten Spenderorganen versorgt werden, weil ihnen sonst irreparable Entwicklungsstörungen drohen, fehlen Transplantate. Von den Kindern auf der Warteliste, die ein neues Herz oder eine neue Lunge brauchen, versterben daher 30 Prozent. Vor dem Hintergrund der sinkenden Transplantationszahlen ruft DGCH-Präsident Fuchs deshalb zu verstärkten Anstrengungen auf, über die Organspende aufzuklären. „Alle Verantwortlichen sind aufgefordert, nach Lösungen für den Organmangel zu suchen, und das heißt vor allem, über das Spenden von Organen nach dem Tod zu informieren“, sagt Fuchs.

Auch die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) sieht aufgrund des allgemein verschärften Organmangels dringenden Handlungsbedarf und fordert einen Initiativplan. „Die Situation ist zutiefst besorgniserregend“, erklärt Dr. med. Axel Rahmel, Medizinischer Vorstand der DSO. „Wir plädieren deshalb unter anderem dafür, die Rolle der Transplantationsbeauftragten in den Kliniken zu stärken und die Frage nach einer Organspende bei Behandlungsentscheidungen am Lebensende unter Berücksichtigung von Patientenverfügungen regelhaft einzubeziehen.“

Um die Öffentlichkeit für das Thema Organspende zu sensibilisieren, veranstaltet die DGCH im Rahmen ihres kommenden Kongresses einen Benefizlauf zugunsten organkranker Kinder und ruft zu finanziellen Spenden auf. Alle Einnahmen aus dem Chirurgen-Lauf gehen an den „Verein Kinderhilfe Organtransplantation – Sportler für Organspende e.V. (KiO)“. „Unterstützung ist willkommen, es handelt sich um ein vorbildliches Projekt“, so DGCH-Präsident Fuchs. Informationen zum Spendenkonto stehen auf der Kongress-Webseite: http://www.chirurgie2018.de/organspendelauf.php

Die gemeinnützige Organisation KiO unterstützt Familien mit organkranken Kindern und freut sich über die Spendenaktion der Chirurgen. „Leider deckt unser Gesundheitssystem in der außermedizinischen Begleitung organkranker Kinder nicht alles ab“, sagt KiO-Vorsitzender Reinhard Gödel. Benötigt würden vor allem psychosoziale Angebote für die Familien und finanzielle Hilfen für schwächer Gestellte. „Denn Krankheit kostet, das erfahren wir immer wieder. Etwa wenn wir uns an Besuchsfahrten oder Übernachtungen der Eltern in Kliniknähe beteiligen“, so Gödel. „Wir wissen, wie Mehrausgaben oder Verdienstausfälle sie in finanzielle Not bringen können.“

KiO hat deswegen einen Hilfsfonds eingerichtet und zudem spezielle Freizeit-Programme entwickelt. Sie geben den Kleinen nach oft jahrelanger Krankheit neues körperliches Selbstvertrauen und tun dem Zusammenhalt der Familien gut. KiO finanziert sich allein aus Spenden und Mitgliedsbeiträgen und ist 2004 initiiert worden vom Verein „Sportler für Organspende“, in dem sich mehr als 100 Olympiasieger, Welt- und Europameister engagieren.

Auch auf dem DGCH-Kongress diskutieren Medizinexperten das Thema Organmangel. Der Chirurgenkongress findet unter dem Motto „Tradition – Innovation – Globalisierung“ vom 17. bis 20. April 2018 im Berliner CityCube statt. Weitere Infos zum Kongress: http://www.chirurgie2018.de.


 

 

Bad Oeynhausen Reportage: Junge Mutter bekommt in achtstündiger OP ein neues Herz

In einer achtstündigen Operation wird der 29-jährigen Patientin Secil C. in Bad Oeynhausen 
ein Spenderorgan transplantiert. Wir haben die dramatischen Momente miterlebt.

Bad Oeynhausen. Der magische Moment ist nach sechseinhalb Stunden im Operationssaal gekommen. „Aorta auf" lautet die Ansage von Michael Schönbrodt. Der Oberarzt öffnet die Hauptschlagader. Blut strömt in das Herz, das wenige Stunden zuvor noch in der Brust eines anderen Menschen geschlagen hat. Das dann über mehrere Hundert Kilometer bis ins Herz- und Diabeteszentrum nach Bad Oeynhausen transportiert wurde. Und das Michael Schönbrodt nun in die Brust der 29-jährigen Patientin Secil C. eingesetzt hat. Gute vier Stunden lang hat das Herz stillgestanden. Doch in dem Moment, in dem das Blut hinein strömt, beginnt es wieder zu schlagen. So sieht es aus, das Wunder des Lebens, im größten Herztransplantationszentrum Europas.

Dieses Wunder beginnt für Secil C. morgens um 6.30 Uhr. Da teilt ihr der Transplantationskoordinator des HDZ mit: „Wir haben ein Spenderherz für Sie." Allein das ist schon ein kleines Wunder. Drei Wochen zuvor war Secil C. ins HDZ nach Bad Oeynhausen gekommen. Vor drei Jahren hatte die Patientin in München ein mechanisches Unterstützungssystem, also eine Pumpe, implantiert bekommen, das ihr geschwächtes Herz unterstützte.

Seit Mai 2016 ist die Ingolstädterin im HDZ in Behandlung. Alle zwei, drei Monate kommt sie seither nach Bad Oeynhausen. Im Februar verschlechterte sich ihr Zustand zusehends: „Rechtsherzversagen". Secil C. wurde auf der Liste der Patienten, die auf ein Spenderherz warten, in den höchsten Dringlichkeitsstatus HU (high urgency) eingestuft. Und nur einen Tag später meldet Eurotransplant, dass für die 29-Jährige ein Spenderorgan verfügbar ist.

"Ich hab' gedacht: Träumst du?"

„Ich hab’ gedacht: Träumst du?", berichtet Secil C. Sie hat zuerst ihren Sohn informiert, sich dann noch einmal geduscht, sich die Haare gemacht. Gegen 12.45 Uhr wird die 29-Jährige in den OP-Trakt des HDZ gebracht. Angst habe sie nicht, versichert sie. „Ich freue mich nur. Ich vertraue den Ärzten hier sehr."

Der Anästhesist nimmt die Patientin in Empfang. Bereitet sie auf die Operation vor. Und legt Secil C. schlafen. So bekommt sie den Transfer vom Vorraum in den Operationssaal gar nicht mehr mit.

Im OP steht Oberarzt Michael Schönbrodt mit seinem Team bereit. Er gehört zu den erfahrensten Transplantationsmedizinern im HDZ. Zehn, 15 Herzen verpflanzt er pro Jahr, und das seit 2010. Die Instrumente werden bereitgelegt, eine ganze Batterie von Scheren, Schalen, Nadeln. Es könnte losgehen. „Wir warten aber noch auf das Okay des Entnahmeteams", erklärt Schönbrodt.

Woher das Herz stammt, bleibt geheim

Das Team von Chirurg Andreas Godo ist am frühen Morgen aufgebrochen, um das Spenderorgan zu entnehmen, es zu untersuchen und dann sicher nach Bad Oeynhausen zu begleiten. Woher das Spenderherz stammt, das wird dem Empfänger nicht verraten. „Um ihn zu schützen", erklärt Anna Reiss, Pressesprecherin des HDZ. „Diese Anonymisierung ist in Deutschland im Transplantationsrecht so geregelt."

Das Team im OP wartet mit gespannter Geduld. Um 14.30 Uhr meldet sich das Entnahmeteam. An der Niere des Organspenders wurde ein Tumor entdeckt. Da auch dieses Organ einem Menschen neue Lebensqualität schenken soll, muss der Tumor untersucht werden, bevor das Herz entnommen wird. „Ne halbe Stund soll der Schnelltest dauern", erfährt Schönbrodt. Aus der halben Stunde werden fast eineinhalb. Dann endlich kommt der erlösende Anruf: Das Herz ist in Ordnung. Es kann losgehen. Um kurz vor 16 Uhr setzt der Chirurg das Skalpell zum ersten Schnitt an.

Dass es hier um einen existenziellen Eingriff geht, ist im OP kaum zu spüren. Schönbrodt und sein Team arbeiten konzentriert, professionell. Und doch ist diese OP auch für Schönbrodt keine Routine, obwohl der Oberarzt schon über 100 Herzen verpflanzt hat. „Gerade durch das Unterstützungssystem ist das sehr anspruchsvoll", sagt der 46-Jährige.

Alle Verbindungen gekappt

Kardiotechniker Kai Porschitz überprüft derweil noch einmal die Blutwerte der Patientin und seinen Maschinenpark. Um 17.15 Uhr übernimmt die Herz-Lungenmaschine die Versorgung der Patientin. Und 40 Minuten später hat Schönbrodt alle Verbindungen gekappt und nimmt das Herz aus der Brust der Patientin.

Das Entnahmeteam meldet sich. „Wir fahren jetzt von der Autobahn runter", teilt Godos Team mit. Vom Flughafen Hannover nimmt das Spenderherz die letzte Etappe mit dem Auto.

18.45 Uhr: Ein Mann vom Entnahmeteam bringt das Spenderherz in den OP. Nun geht alles ganz schnell. Schönbrodt untersucht das Organ, bereitet die großen Blutgefäße vor. 350 bis 400 Gramm, so schätzt Schönbrodt, wiegt das Organ. Er setzt das Herz in die Brust von Secil C. ein und beginnt, die vier großen Verbindungen zwischen Herz und Patientin herzustellen. Hochkonzentriert arbeitet sich der Chirurg von unten nach oben vor. Linker Vorhof, rechter Vorhof. Dann folgt die Pulmonalarterie, dann die Aorta. Mit 60 bis 80 Stichen näht der Chirurg jedes der großen Gefäße.

Das Herz beginnt zu schlagen

Das ist in 40 Minuten geschafft. Um 19.30 Uhr kommt der Moment der Wahrheit. Schönbrodt öffnet die Klemme, die die Aorta verschlossen hat. Das Blut strömt in den Herzmuskel. Und das Herz beginnt, selbstständig zu schlagen. Rund vier Stunden sind vergangen, seitdem es dem Körper des Spenders entnommen wurde. Schönbrodt versetzt dem Herzen trotzdem einen kleinen Stromstoß. „Das Herz hat ein bisschen rumgewackelt", beschreibt der Chirurg salopp den etwas unregelmäßigen Rhythmus. Das sei nicht selten nach einer Transplantation. Nun schlägt das Herz wie ein Uhrwerk.

Noch aber macht die Herz-Lungenmaschine die eigentliche Arbeit. Über die Maschine wird nun auch der Körper der Patientin, der auf 34,5 Grad heruntergekühlt war, behutsam wieder aufgewärmt. Das dauert eine Stunde. Dann gibt Schönbrodt das Kommando, die Herz-Lungenmaschine abzustellen. Schafft das neue Herz seine Aufgabe nun selbstständig? Ja, es schlägt wacker. Die Operation ist geglückt.

Aber sie ist noch nicht zu Ende. Drei Stunden hat Schönbrodt noch zu tun, dann ist die große Wunde geschlossen. Die Patientin kann auf die Intensivstation gebracht werden. Und Schönbrodt kann Feierabend machen. Es ist nach Mitternacht. Und Secil C. wird das Datum der OP künftig feiern. Als ihren zweiten Geburtstag.

 

„Ich bete jeden Tag für den Spender"

Nach der Transplantation: Wie sich Patientin
Secil C. mit ihrem neuen Herzen fühlt

Drei Wochen nach der Transplantation sind Secil C. die Strapazen der großen Operation noch anzusehen. Die 29-Jährige liegt auf der HTX-Station (Heart-Exchange) im HDZ Bad Oeynhausen. Ein Lächeln steht in ihrem blassen Gesicht. „Ich bin glücklich", sagt die 29-Jährige. Zwei Tage lang habe sie nach der Operation erstmal nur geschlafen. „Am dritten Tag habe ich gemerkt: Ich fühle mich wohl", berichtet sie. Wohler als vor der OP.

Inzwischen kann sie auch ein paar Schritte ohne Gehhilfe laufen. „In ein, zwei Wochen können wir Sie entlassen", verrät Oberarzt Michael Schönbrodt.

Solange muss Secil C. auch noch warten, bis sie ihre beiden Kinder, zwei und sechs Jahre alt, wiedersehen darf. Wegen der besonderen Infektionsgefahr für die Herzpatientin ist ein Besuch ihrer Kinder jetzt noch tabu. Und auch, wenn Secil C. nach der Reha wieder daheim ist, werden sie und ihre Kinder Hygienevorschriften einhalten müssen, um eine Infektion zu verhindern. Der Trennungsschmerz treibt Secil C. die Tränen in die Augen. „Aber ich freue mich, dass meine Kinder nun wieder eine gesunde Mama haben", sagt sie.

„Ich wusste immer: Eines Tages wird mich mein neues Herz finden", sagt die 29-Jährige. Nun mit einem fremden Herzen zu leben, das sei schon ein etwas seltsames Gefühl, berichtet sie. „Aber ich bin sehr dankbar. Ich bete jeden Tag für den Spender", sagt Secil C.

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Ärzteschaft

Montgomery für Widerspruchslösung in der Organspende

Dienstag, 3. April 2018

Berlin – In der Frage, ob es in Deutschland bei der Organspende einen Systemwandel braucht, hat sich nun auch der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Frank Ulrich Montgomery, positioniert. Er persönlich halte die Widerspruchslösung für richtig, sagte der BÄK-Präsident der Frankfurter Allgemeine Zeitung. Aus medizinischer Sicht und aus Sicht der vielen schwerkranken Patienten auf der Warteliste wäre eine solche Regelung der Idealfall.

Montgomery betonte zugleich, eine Debatte um die Widerspruchslösung müsse „mit großer Sensibilität“ geführt werden. Die Frage beträfe viele ethische, religiöse und rechtliche Fragen. „Nichts wäre schädlicher, als wenn die Menschen weiter verunsichert werden und sich diesem wichtigen Thema komplett verschließen“, sagte er.

Politik uneins

Der BÄK-Präsident steht mit seiner Meinung nicht allein. Der Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, Theodor Windhorst, hat sich bereits mehrfach für eine Widerspruchslösung ausgesprochen. Auch der ehemalige Präsident der Ärztekammer Bayern, Max Kaplan, hatte schon für einen Systemwechsel plädiert. Der Deutsche Ärztetag hatte sich zuletzt 2012 damit befasst. Die Forderungen der Ärztekammer­präsidenten gehen über diesen Beschluss allerdings hinaus.

Debatten um die Widerspruchslösung gibt es auch in der Politik. So

hat sich etwa der SPD-Politiker Karl Lauterbach wiederholt dafür

ausgesprochen. „Wer nicht spenden will, muss vorher ‚Nein’ sagen“,

sagte er dem Deutschen Ärzteblattes (DÄ) noch im Januar. Notwendig

wäre ein Register, in das sich diejenigen eintragen könnten, die nicht

bereit seien zu spenden. „Wir können verlangen, dass sich jeder aktiv

erklärt, der seine Organe im Todesfall nicht für das Leben anderer

Menschen hergeben möchte“, sagte der Gesundheitspolitiker.

Der Widerspruchslösung eine Absage erteilt damals wie heute die

CDU/CSU-Bundestags­fraktion. „Dies widerspricht unserer Philosophie

und unserem freiheitlichen Menschenbild“, hatte eine Sprecherin der

Fraktion im Januar dem Deutschen Ärzteblatt gesagt. Sie betonte,

nötig seien vielmehr deutlich mehr Aufklärung und Sensibi­lisierung

der Bevölkerung. In der FAZ betonte die gesundheitspolitische

Sprecherin der Union, Karin Maag, heute, sie könne sich derzeit „nicht

vorstellen“, dass man ernsthaft über eine Widerspruchsregelung

nachdenken werde. © may/EB/aerzteblatt.de

 

 

Debatte um Widerspruchslösung :

Wird die Organspende zum Normalfall?

Von Andreas Mihm , Berlin -Aktualisiert am 31.03.2018-22:06

Wenig Menschen sind noch bereit, nach dem Tod Organe zu geben.

Soll künftig jeder zum Spender werden, der nicht zeitlebens

ausdrücklichwidersprochen hat?

 

Die Zahl der Organspender geht seit Jahren immer mehr zurück. Um den

Trend zu stoppen und umzukehren, sind im Koalitionsvertrag organisatorische

Verbesserungen in den Kliniken verabredet worden. Vielen geht das nicht weit

genug, sie fordern eine Änderung der Rechtslage. Der Präsident der

Bundesärztekammer, Frank-Ulrich Montgomery, plädierte gegenüber der F.A.Z.

für einen Systemwechsel, weg vom Spenderausweis, hin zur

Widerspruchslösung. Die besagt im Kern, dass die Zustimmung zur

Organspende gegeben ist, solange ihr nicht ausdrücklich widersprochen wird.

Führende Gesundheitspolitiker der Koalition unterstützen solch einen, im

Koalitionsvertrag nicht verabredeten Systemwechsel gegenüber der F.A.Z.; es

kommt dazu allerdings auch Widerspruch aus den Fraktionen.

In den Niederlanden war die Einführung der Widerspruchslösung erst zum Jahresanfang beschlossen worden, in der Schweiz soll darüber abgestimmt werden. Sie ist in der großen Mehrzahl der europäischen Staaten die Regel. In Deutschland war die Zahl der Organspenden im vergangenen Jahr auf den niedrigsten Stand seit 20 Jahren gesunken.

„Es besteht offenkundig Handlungsbedarf“

Nicht erst seit der Entscheidung in den Niederlanden stehe das Thema Widerspruchslösung auch in Deutschland zur Diskussion, sagte Montgomery. „Ich persönlich halte die Widerspruchslösung für richtig. Aus medizinischer Sicht, vor allem aber aus Sicht der vielen schwerkranken Patienten auf der Warteliste wäre eine solche Regelung der Idealfall“, sagte der Ärztepräsident. Sein Stellvertreter Max Kaplan aus Bayern und der Vorsitzende der Ärztekammer Westfalen, Theodor Windhorst, hatten sich zuvor ähnlich geäußert, auch wenn das über die offizielle Beschlusslage der deutschen Ärzteschaft hinausgeht, die sich damit zuletzt auf dem Ärztetag 2012 befasst hatte.

In der Koalition gibt es dafür Unterstützung. Georg Nüßlein (CSU), stellvertretender Vorsitzender der Unionsfraktion, sprach sich für eine Änderung der geltenden Regelung aus, wonach ein Organspender seine Entscheidung aktiv durch seine Unterschrift auf dem Spenderausweis dokumentiert haben muss. Die jetzige Regelung sei gescheitert, wie man an der seit Jahren sinkenden Zahl der Organspender sehe. „Es besteht offenkundig Handlungsbedarf“, sagte Nüßlein der F.A.Z und fügte hinzu: „Ich persönlich bin für die doppelte Widerspruchslösung.“ Nach der Regel können auch Angehörige einer Organentnahme dann widersprechen, wenn der potentielle Spender dazu keine Verfügung gemacht hat.

Der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Karl Lauterbach sagte dieser

Zeitung: „Langfristig sehe ich nur in der Widerspruchsregel eine Lösung des

Problems mangelnder Organspenden.“ Die gesundheitspolitische Sprecherin

der SPD-Fraktion, Sabine Dittmar, zeigte sich für das Modell offen. „Man kann

es einem Menschen schon abverlangen, sich zu entscheiden“, sagte sie.

Allerdings bezweifelte die Allgemeinmedizinerin, dass es dafür aktuell eine

Mehrheit Im Bundestag gebe. Kurzfristig könne man durch organisatorische

und finanzielle Änderungen in jenen Krankenhäusern, wo Organe entnommen

werden, eine Verbesserung der Zahl der Spender erreichen. Dazu heißt es im

Koalitionsvertrag: „Dazu werden wir eine verbindliche Freistellungsregelung

für Transplantationsbeauftragte schaffen und diese finanzieren. Die

Organentnahme wird höher vergütet.“

Darauf verwies auch die gesundheitspolitische Sprecherin der Union, Karin

Maag (CDU). Der Koalitionsvertrag nehme die positiven Erfahrungen aus

Bayern auf, wo die Zahl der Organspenden gestiegen sei, seitdem Ärzte für

Gespräche mit möglichen Spendern und Angehörigen freigestellt worden

seien. Das müsse als Erstes bundesweit organisiert werden, bevor

weitergehende Änderungen beschlossen würden, die sie skeptisch

kommentierte: „Ich kann mir zurzeit nicht vorstellen, dass wir ernsthaft über

eine Widerspruchsregelung nachdenken“, sagte sie. Es sei besser, die

Menschen regelmäßig aufzuklären und daran zu erinnern, dass sie eine

Entscheidung treffen sollten, sagte Maag. Die letzte „Erinnerungsrunde“ der

Krankenkassen war wegen des Skandals um Unregelmäßigkeiten bei

Transplantationen ausgefallen.

Auch Ärztepräsident Montgomery nannte es „gut und richtig, dass sich Union und SPD in ihrem Koalitionsvertrag zum Ziel setzen, die Organspendezahlen zu erhöhen“. Verbindliche Freistellungs- und Finanzierungsregelungen für Transplantationsbeauftragte sowie eine höhere Vergütung der Organentnahme können zu höheren Spendezahlen beitragen. Auch wenn er die Widerspruchslösung bejahe, so sei doch fraglich, ob sie in Deutschland politisch umsetzbar sei. Hier spielten viele ethische, religiöse und auch rechtliche Fragen mit hinein. „Wenn, dann muss eine Debatte über die Widerspruchslösung mit großer Sensibilität geführt werden. Nichts wäre schädlicher, als wenn die Menschen weiter verunsichert werden und sich diesem wichtigen Themas komplett verschließen.“

Bisher hatten Reformen keine positive Auswirkungen

Nüßlein sagte, er rechne damit, dass es in den Fraktionen eine offene Debatte über das Thema geben werde. „Ich gehe davon aus, dass das in einer Gesetzesinitiative münden wird.“ Der CSU-Politiker regte an, dass die Fraktionen über diese Frage die Abstimmung freigeben sollten, denn es handle sich um eine Gewissensentscheidung. Nur in einer Handvoll europäischer Länder gilt die Zustimmungsregel, von der die deutsche „Entscheidungslösung“ eine Variante ist. Gespendet werden darf nach Zustimmung des Spenders oder seiner Angehörigen, die zuvor informiert werden. Es bleibt der Person dabei aber unbenommen, sich nicht festzulegen.

Doch hatte die Reform des Organspenderechts 2012 keine positive Auswirkung auf die Spendenbereitschaft gehabt. Nach Zahlen der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) ist die Zahl der Spender deutschlandweit im vergangenen Jahr mit 797 Organspendern und 2594 gespendeten Organen auf den niedrigsten Stand seit 20 Jahren gefallen. Gegen den Trend fielen die Daten in Bayern sowie Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland besser aus. Allerdings warten 10.000 schwerstkranke Patienten auf eine lebensrettende Transplantation. In Deutschland kamen im vergangen Jahr 9,7 Spender auf eine Million Bürger. DSO-Vorstand Axel Rahmel hatte die Lage schon Ende vergangenen Jahres als „zutiefst besorgniserregend“ charakterisiert und eine Besserstellung der Transplantationsbeauftragen in den 1250 deutschen Kliniken, die Organentnahmen praktizieren können, verlangt. Vorbildlich sei die Lage in Bayern, wo seit 2017 verbindliche Freistellungsregeln für Transplantationsbeauftragte gelten. Prompt hatte die Zahl der Spender dort um 18 Prozent angezogen.

 

 

27.03.2018

Mehr als 1000 Transplantationen: Uniklinik kämpft gegen ein Problem an

Dresdner Ärzte schlagen Alarm: Immer weniger Sachsen lassen sich als Organspender registrieren

Von Hermann Tydecks

Dresden - Ärzte des Dresdner Uniklinikums schlagen Alarm: Immer weniger Sachsen lassen sich als Organspender registrieren. Für immer mehr Kranke schwinden damit die Chancen auf eine rettende Operation.

Fotos: Thomas Türpe

Nur 50 Organspender gab es 2017 im Freistaat (im Vorjahr noch 60). Zu Höchstzeiten waren es 72 Sachsen, die nach ihrem Tod durch Organspenden anderen das Leben retteten.

"Die Spendenbereitschaft ist dramatisch zurückgegangen. Die Situation für die Patienten schwierig", so Christian Hugo (55).

Der Spezialist betreut 254 Patienten an der Uniklinik, die aktuell auf eine Niere warten. Jedes Jahr Dialyse verschlechtert ihre Gesundheit weiter, mindert Erfolgsaussichten einer Transplantation.

"Früher warteten Patienten im Schnitt zwei Jahre. Heute schon sieben Jahre, bald sind es acht", sagt Klinikdirektor Manfred Wirth (69) besorgt.

Ärzte der Uniklinik transplantierten seit 1995 schon 1000 Nieren. "Ich bin so froh, dass mir ein neues Leben geschenkt wurde", dankt der 1001. Patient Ronny Kneipel (45) aus Meerane.

Patricia Klein (58) von der Landesärztekammer: "Organspenden dürfen nicht eingefordert werden, müssen freiwillig sein. Jede Spende ist ein Geschenk, rettet Leben."

 

21.03.2018 14:06

Uniklinikum Würzburg: Mit Letermovir lebensbedrohlichen Cytomegalievirus-Infektionen vorbeugen

Susanne Just Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Universitätsklinikum Würzburg

Die Ergebnisse einer großen Phase III-Studie unterstreichen: Mit dem Wirkstoff Letermovir kann man einer der schwersten Infektionen bei immungeschwächten Patienten sicher vorbeugen. An der Entwicklung der antiviralen Substanz und der aktuellen Studie waren zwei Experten des Uniklinikums Würzburg maßgeblich beteiligt.

Dies ist vor allem eine gute Nachricht für künftige Knochenmark-, Stammzell- oder Organtransplantierte. Mit dem Wirkstoff Letermovir steht uns bald eine neue Standard-Therapie zur Verfügung, mit der wir bei diesen häufig immunsupprimierten Patienten einer Infektion mit dem Cytomegalievirus wirksam und nebenwirkungsarm vorbeugen können“, betont Prof. Dr. Hermann Einsele. Der Direktor der Medizinischen Klinik und Poliklinik II des Uniklinikums Würzburg (UKW) stützt sich bei dieser Aussage auf die Ergebnisse einer knapp zweijährigen Studie, die Ende vergangenen Jahres in der international hoch angesehenen Fachzeitschrift New England Journal of Medicine veröffentlicht wurden.

Prof. Einsele und Prof. Ullmann als Co-Autoren

Von Seiten des UKW war neben Prof. Einsele auch Prof. Dr. Andrew Ullmann Co-Autor der Publikation. Wie Prof. Einsele arbeitet auch Prof. Ullmann – derzeit beurlaubt für seine Mitgliedschaft im Deutschen Bundestag – schon seit über einem Jahrzehnt an der Entwicklung und Erprobung von Letermovir mit. Der Experte für Viren- und Pilzinfektionen erläutert: „Ohne klinische Forschung in Deutschland wären solche Ergebnisse nicht möglich. Die klinische Forschung leistet einen bedeutsamen Beitrag zum Wohlergehen unserer Patienten, von denen bis zu 60 Prozent den Cytomegalievirus in sich tragen. Dieser Virus kann gerade bei immungeschwächten Menschen schwere Krankheiten auslösen, weshalb die Beteiligung von Patienten an klinischen Studien im universitären Umfeld für den medizinischen Fortschritt unverzichtbar ist.“

Infektionsgefahr bei schwachem Immunsystem

Die Erstinfektion verläuft in den allermeisten Fällen ohne Krankheitssymptome, sie wird von den Betroffenen normalerweise gar nicht bemerkt. Allerdings verbleibt das Virus danach latent im Körper und wird vom Immunsystem in Schach gehalten. „Gefährlich werden kann es, wenn das Immunsystem ausgeschaltet oder zumindest stark geschwächt ist. Dies ist zum Beispiel bei Knochenmark-, Stammzell- oder Organtransplantierten der Fall“, berichtet Prof. Ullmann. Bei diesen Patienten kann das Cytomegalievirus wieder aktiv werden und dann beispielsweise die Netzhaut oder die Lunge befallen – es drohen Blindheit oder Tod.
Bisher auf dem Markt dagegen verfügbare Medikamente haben schädigende Nebenwirkungen auf die Blutbildung im Knochenmark oder auf die Nieren. Deshalb forschen deutsche und US-amerikanische Wissenschaftler/innen seit einigen Jahren an einem neuen Wirkstoff mit dem Namen Letermovir, der an einer anderen Stelle im Vermehrungszyklus des Virus im Vergleich zu den gängigen Medikamenten ansetzt.

Viren werden sicher unterdrückt

An der kürzlich publizierten multizentrischen, doppel-blinden Phase III-Studie nahmen insgesamt 565 Empfänger allogener hämatopoetischer Stammzelltransplantationen in den USA und Deutschland teil. Bei ihnen wurde über DNA-Untersuchungen vorab geklärt, ob sie das Virus in sich tragen. Die Betroffenen erhielten dann nach der Transplantation 14 Wochen lang Letermovir oder ein Scheinmedikament. Es zeigte sich, dass mit der vorbeugenden Gabe von Letermovir das Virus deutlich unterdrückt werden kann: In dieser Gruppe entwickelten 38 Prozent der Teilnehmer eine klinisch signifikante Cytomegalievirus-Infektion, in der Placebo-Gruppe 61 Prozent.
Letermovir ist in den USA seit November 2017 unter dem Namen Prevymis als Arzneimittel zugelassen. Im gleichen Monat empfahl die Europäische Arzneimittelagentur auch die Marktzulassung in Europa. „Wir hoffen, dass diese bald erfolgt, damit auch wir in Deutschland nun bald Prevymis als Standard-Therapie einsetzen können“, sagt Prof. Einsele.

 

 

Ärzte Zeitung online, 20.03.2018

Transplantationsbeauftragte

LÄK Hessen fordert Freistellung nach bayerischem Vorbild

BAD NAUHEIM. Die Delegiertenversammlung der Landesärztekammer (LÄK) Hessen fordert eine verbindliche Freistellung ärztlicher Transplantationsbeauftragter von Routinearbeiten in hessischen Kliniken.

Die Hoffnung: dass dann ähnlich wie in Bayern die Zahl der Organspenden wieder steigt. In Bayern wurde nämlich im vergangenen Jahr genau jene zeitanteilige Freistellung gesetzlich geregelt. Die Folge laut LÄK Hessen: Bereits im ersten Jahr nahm die Zahl der Organspenden entgegen dem bundesweiten Trend zu.

Nach dem hessischen Gesetz zur Ausführung des Transplantationsgesetzes muss die ärztliche Leitung eines Krankenhauses zwar auch jetzt schon sicherstellen, dass die Transplantationsbeauftragten von sonstigen Tätigkeiten freigestellt werden, um ihre Aufgaben zu erfüllen.

Doch wegen Personalmangels, Arbeitsverdichtung, ökonomischer Zwänge in den Kliniken sowie fehlender Akzeptanz funktioniere das im Alltag eher schlecht als recht, moniert das Ärzteparlament. Die verbindliche zeitanteilige Freistellung soll das ändern.

Gleichzeitig appelliert das hessische Ärzteparlament an den Bundesgesundheitsminister, nicht nur die Pflegepersonalkosten aus den DRG herauszunehmen. Diese isolierte Herausnahme von Pflegekosten (wir berichteten) berge die Gefahr, dass dann vermehrt andere Personalbereiche den Sparzwängen der Kliniken zum Opfer fallen würden.

Das könnte laut den Delegierten dann auch zulasten der Ärzte gehen. "Eine gute Versorgung der Patienten gelingt jedoch nur als multiprofessionelles Team", heißt es in der einstimmig verabschiedeten Erklärung. (reh)

 

Angehörige und Organspende

"Die letzte Last hat sie mir gelassen"

Wenn ein geliebter Mensch gestorben ist, müssen Angehörige manchmal eine schwere Entscheidung fällen: für oder gegen eine Organspende. Zwei Betroffene erzählen - und haben einen Appell an alle.

Von Eva Schläfer

Montag, 19.03.2018

Als es in einer Weihnachtsnacht an der Tür von Heiner Röschert klingelt, ist eines seiner Kinder tot, das andere liegt im Sterben. Die 27-jährige Pia und der 25-jährige Felix haben den Heiligabend bei ihrem Vater in der Nähe von Würzburg gefeiert. Auf dem Rückweg geraten die Grundschullehrerin und der Krankenpfleger auf der Bundesstraße in das Rennen zweier Männer Anfang 40. Mit mehr als 160 km/h rast der erste Wagen - der Fahrer hat mehr als zwei Promille - in Pias Auto. Es wird in den Straßengraben katapultiert, schleudert zurück, wird vom zweiten Wagen erfasst.

Pia ist sofort tot. Felix wird mit Schädelhirntrauma, Hirnschwellung und drei Brüchen des ersten Halswirbels in die Uniklinik Würzburg gebracht. Dort hat er seine Ausbildung absolviert, dort arbeitete er in reduzierter Stundenzahl. Er wollte sein Abitur nachholen und studieren.

Als Heiner Röschert auf der Intensivstation eintrifft, wird ihm gesagt, dass er sich keine großen Hoffnungen machen solle.

"Es war sein Wille"

"Nach ein paar Stunden fragte der Oberarzt der Klinik, ob Felix einen Organspendeausweis hat", erzählt Heiner Röschert heute, gut sechs Jahre nach dem Unglück. "Das habe ich bejaht. Mir wurde dann die Frage gestellt, ob das für mich infrage kommt. Das habe ich wiederum bejaht. Mein Sohn hat den Spenderausweis bewusst ausgefüllt. Es war sein Wille." Die Röscherts hatten zu Hause über Organspende gesprochen. Auch Pia hatte einen Spenderausweis. Weil sie bereits am Unfallort verstarb, kam sie als Spenderin nicht in Frage.

In Deutschland gibt es zwei Voraussetzungen für eine postmortale Organspende: Der Verstorbene oder die Angehörigen müssen der Organentnahme zugestimmt haben. Und zwei dafür qualifizierte Ärzte müssen unabhängig voneinander den Hirntod festgestellt haben, also den unumkehrbaren Ausfall der gesamten Hirnfunktionen.

Die Schaltzentrale des menschlichen Organismus, das Hirn, ist abgestorben. Die Atmung und damit auch der Herzschlag des Menschen werden nur noch durch Maschinen aufrechterhalten.

Heiner Röschert verständigt Angehörige und die Freundin von Felix. Sie studiert in Frankreich und braucht einen knappen Tag, bis sie in Würzburg eintrifft. Drei Stunden vor der Explantation, die 30 Stunden nach dem Unfall stattfindet, kommt sie auf der Intensivstation an und kann sich von ihrem Freund verabschieden.

"Du kannst ja auch Nein ankreuzen"

Wie er ohne Felix' Organspendeausweis entschieden hätte? Heiner Röschert ist sich nicht sicher. "Man ist in einer solchen Ausnahmesituation. Ich hatte das Glück, das Wissen zu haben." Er appelliert an alle, eine Entscheidung zu treffen. "Es ist eine einmalige Chance, das, was du möchtest, in einem Ausweis zu dokumentieren - nicht nur für dich, sondern auch für Deine Angehörigen. Du kannst ja auch Nein auf dem Ausweis ankreuzen."

Wie belastend diese Entscheidung sein kann, wenn der Wille des Verstorbenen unbekannt ist, das weiß Ina Igler. Im Sommer vor acht Jahren wird ihre langjährige Freundin Charlotte Bender (beide Namen geändert) bewusstlos in ein Krankenhaus in Thüringen eingeliefert.

Im Portemonnaie der 66-jährigen Rentnerin befindet sich eine Vollmacht, die Charlotte mehr als zehn Jahre zuvor verfasst hatte. Damals musste sie sich einer Operation unterziehen. Ihre Familie befand sich im Ausland, sie wollte vorsorgen. "Charlotte sagte zu mir: Es wäre mir lieb, wenn du eine Entscheidung triffst, wenn es etwas zu entscheiden gäbe." Sie tat ihrer Freundin den Gefallen gerne. "Damals habe ich gedacht: Es wird schon nichts passieren."

Bei der OP passierte nichts, doch nun nimmt die Vollmacht einen entscheidenden Einfluss auf Iglers Leben: Sie ist diejenige, die das Krankenhaus nach dem Zusammenbruch der Freundin kontaktiert. Dort angekommen, eröffnet ihr die Ärztin, dass ein Blutgerinnsel in Benders Halsschlagader steckengeblieben ist. Die nächsten Stunden würden über ihre Überlebenschancen entscheiden.

"Man schwankt wie ein Halm im Wind"

Nach einer durchwachten Nacht bekommt sie Unterstützung durch Benders Bruder und Tochter. "Am Morgen wurde uns mitgeteilt, dass Charlotte verstorben und der Hirntod eingetreten ist", sagt Igler. Sie alle hätten den Tod nicht fassen können: "Charlotte sah schön aus, die Hände waren warm, ich habe den Puls gefühlt." Die Ärztin habe nach dem Vermächtnis einer Organspende gefragt oder inwieweit die Familie bereit sei, eine Entscheidung zu treffen. Igler erinnert sich an diese Stunden: "Man schwankt wie ein Halm im Wind."

Sie wägen Für und Wider ab, immer wieder. Als sich die Gespräche nach Iglers Gefühl im Kreis drehen, trifft sie auf Basis der Vollmacht eine Entscheidung. "Das war für mich nicht einfach. Ich habe gedacht, dass Charlotte eine Frau war, die immer alles für die anderen gegeben hat. Sie wollte immer, dass es allen gut geht, dass alle gesund sind. Das hat mich geleitet." Ina Igler stimmt der Organspende zu. Charlotte Bender werden eine Niere, Leber und Herz entnommen. Die Organe werden drei Menschen implantiert. Die Familie akzeptiert die Entscheidung. Ina Igler hat heute noch Kontakt zu ihr.

Doch gemeinsame Freunde werfen ihr vor, Charlottes Körper ausgeschlachtet zu haben. Sie bricht den Kontakt zu manchen Leuten komplett ab, zieht sich zurück, arbeitet permanent. "Ich konnte die Reaktionen der Leute nicht verstehen, war auch erschrocken darüber." Trotzdem habe sie gezweifelt.

"Ich habe mich gefragt, ob die anderen doch recht hatten, ob ich einen Fehler gemacht habe", erzählt sie. Die Vorfälle hätten tiefe Wunden auf ihrer Seele hinterlassen. Sie habe zwar nie gegrollt mit ihrer Freundin, aber: "Charlotte hat sich immer die Last von allen aufgebürdet, aber die letzte Last hat sie mir gelassen."

Erst als sie Angehörige von anderen Organspendern kennenlernt, wird sie aufgefangen, öffnet sich wieder ihrer Umwelt.

Ina Igler und Heiner Röschert erhalten jährlich eine anonyme Mitteilung, wie es den Empfängern

der gespendeten Organe geht. Felix wurden fünf Organe entnommen, die vier Menschen

implantiert wurden. Alle sind wohlauf. Von Charlottes Organempfängern lebt noch einer.

Igler und Röschert engagieren sich heute pro Organspende und treten dafür ein, dass Organspender von der Gesellschaft stärker anerkannt und als Lebensretter wahrgenommen werden. Ein Patentrezept, wie das geschehen kann, haben sie nicht. Aber sie glauben daran, dass auch das eine Maßnahme sein könnte, die Zahl der Organspenden in Deutschland wieder steigen zu lassen. Und damit Leben zu retten.

 

16.03.2018

Schweine als Organspender

Eigentlich kommen Schweine als Organspender für Menschen nicht infrage. In ihrem Erbgut sind Viren enthalten, die gefährlich für den Menschen sind. Doch Forschern ist es nun gelungen, diese Retroviren durch Gentechnik auszuschalten. Sie konnten die Gene der Schweine verändern.

Ersatzorgane für den Menschen

In Deutschland warten mehr als 10.000 Menschen auf ein Spenderorgan, berichtet die 'Deutsche Stiftung Organtransplantation'. Es werden dringend Organe benötigt, nicht nur bei uns. Daher bemüht sich die Wissenschaft schon lange darum, Organe von Schweinen für den Menschen nutzen zu können. Nun scheint es einen ersten Erfolg zu geben: Es sind die ersten Ferkel auf die Welt gekommen, die frei von den sogenannten endogenen Retroviren (PERVs) sind. Dazu haben Forscher der US-Eliteuniversität Harvard die Gene der Schweine verändert, um die Viren aus dem Erbgut der Tiere zu entfernen. Dieses Ergebnis veröffentlichten sie im Fachjournal 'Science'.

Die Retroviren in der DNA könnten bei einer Transplantation gefährlich für den Menschen werden. Sie könnten in die Zellen der Empfänger geraten und Krankheiten wie Krebs verursachen.

Trotz des Erfolges ist nicht klar, ob die Organe sicher für den Menschen sind. Die Abstoßungsreaktion ist sehr hoch bei tierischen Organen. Der Patient müsste mehr Medikamente nehmen, um diese Reaktionen zu unterdrücken. Zudem können auch mehr Nebenwirkungen auftreten. Es ist auch noch ungewiss, ob die Schweine ohne den Virus in ihrer DNA überleben können. Die ersten genmanipulierten Ferkel waren zum Zeitpunkt der Publikation erst vier Monate alt.

Weitere Untersuchungen sind daher nötig, um ganze Organe transplantieren zu können. Bisher können Menschen bereits biologische Herzklappen von Schweinen oder Rindern eingepflanzt werden.

Warum ausgerechnet Schweine-Organe?

Die Wissenschaftler forschen so intensiv an Schweinen, weil ihr Stoffwechsel denen von Menschen ähnelt. Außerdem sind sie uns genetisch sehr ähnlich - und auch aus Kostengründen gut geeignet.

Die Übertragung tierischer Organe auf den Menschen wird auch 'Xenotransplantation' genannt.

Wie haben die Forscher den Virus entfernt?

Um die Viren aus der DNA der Schweine zu entfernen, arbeiteten die Forscher mit der sogenannten Gen-Schere 'CRISPR-Cas9'.

Erklärung

https://www.3sat.de/page/?source=/scobel/186137/index.html

 

CRISPR / Cas9 - die Genschere
 

Leicht anwendbar, präzise, preiswert und einfach

 

Mit CRISPR / Cas9 , einem gentechnischen Verfahren, laiensprachlich auch

"Genschere" genannt, gelingen rückstandfreie, buchstabengenaue Eingriffe im Erbgut

bei Mikroorganismen, Pflanzen, Tieren oder Menschen, denn CRISPR /

Cas9 funktioniert in praktisch jedem Organismus.

Die neue Technik gilt als besonders leicht anwendbar, präzise, preiswert und

selbst in einfach ausgestatteten Laboren durchführbar. Emmanuelle

Charpentier und Jennifer Doudna haben als erste gezeigt, dass man die von Bakterien

zur Phagenabwehr entwickelte Genschere CRISPR / Cas9 dazu

benutzen kann, jede beliebige DNA-Sequenz anzusteuern und zu zerschneiden.

Sie haben das Verfahren radikal vereinfacht und dies 2012 in "Science"

beschrieben. Tausende Forscher weltweit arbeiten seither mitCRISPR / Cas9 .

 

Potenzial und Gefahren

Wie mit einem Skalpell kann das Erbgut verändert werden ("genome editing").

Eine Gensequenz kann zerschnitten, ausgeschaltet oder durch eine andere

ersetzt werden. Während zuvor jeweils spezielle Werkzeuge kreiert werden

mussten, funktioniert CRISPR / Cas9 stets mit der gleichen Schere, die

zusammen mit zwei einfachen Molekülen eine bestimmte Stelle in der DNA findet. So

können Forscher Gene ausschalten, defekte DNA-Teile ersetzen oder

neue Gensequenzen einfügen. Das funktioniert bei allen Zellen - Viren, Hefen,

Pflanzen, Tieren und auch beim Menschen. Die Methode hat großes Potenzial,

birgt aber auch Gefahren.

 

Eine mögliche Chance: Vielleicht ist es möglich, damit Erbkrankheiten zu

kurieren und Krankheiten ausrotten.

 

Eine mögliche Gefahr: Es ist auch möglich, Spermien und Eizellen zu verändern

- und damit in den menschlichen Genpool einzugreifen. Charpentier und

Doudna lehnen Eingriffe in die Keimbahn ab.

 

Die Allround-Schere für die Bearbeitung von Genen war nach Einschätzung des

Magazins "Science" der wissenschaftliche Durchbruch des Jahres 2015: Die

Abkürzung CRISPR steht für "Clustered Regularly Interspaced Short

Palindromic Repeats".

 

Infobox

Die Berliner Molekularbiologin Prof. Emmanuelle Charpentier gilt wegen der

Entwicklung der Methode als Kandidatin für einen der kommenden

Nobelpreise. Das CRISPR / Cas9-System hat sie ursprünglich in Bakterien

entdeckt. Bei der Studie dieses Systems entdeckte Charpentier während ihrer

Zeit als Gruppenleiterin an der schwedischen Umeå-Universität in Schweden

mit ihrem Team diesen Mechanismus, mit dem sich Bakterien gegen

eindringende Viren verteidigen. Gemeinsam mit Prof. Jennifer Doudna von der

Universität Kalifornien in Berkeley feilte sie ihn zu einem

molekularbiologischen Werkzeug aus.

 

 

12.03.2018den-Studie: Frauen tun

Organspenden- Studien: Frauen tun es viel öfter – weil sie selbstloser sind

Zwei Drittel aller Spendernieren sind von Frauen

Diese Zahlen sollten den Herren der Schöpfung zu denken geben: Zwei Drittel aller in Europa transplantierten Nieren werden von Frauen gespendet. Auch was die Spendenbereitschaft innerhalb der Familie anbetrifft, liegen Frauen weit vorn. 36 Prozent der medizinisch geeigneten Frauen wären dafür bereit, jedoch nur sieben Prozent der Männer, die theoretisch in Frage kämen.

12.000 Menschen in Deutschland warten auf eine neue Niere

Diese Zahlen veröffentlichte das Fachmagazin 'Visceral Medicine' anlässlich des Weltnierentages. Sie beziehen sich auf lebende Spender. Warum Frauen so viel spendenfreudiger sind? Ganz einfach, sagen Experte angesichts der Studienergebnisse: Frauen sind schlichtweg selbstloser.

Bedarf an Organspenden besteht zur Genüge: Allein in Deutschland gibt es derzeit etwa 12.000 Menschen, die auf eine Niere warten. Über zwei Millionen Deutsche leiden an einer eingeschränkten Nierenfunktion, etwa 80.000 sind dauerhaft auf die Dialyse angewiesen. Rund 2.100 Nieren werden jedes Jahr in Deutschland transplantiert.

Erwachsene Niederländer sind automatisch Organspender

Nur knapp 30 Prozent der Deutschen zwischen 14 und 75 Jahren besitzen laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung einen Organspendeausweis.

Einen anderen Weg gehen künftig die Niederlande. Dort wurde vor kurzem ein neues Gesetz verabschiedet: Danach wird jeder volljährige Bürger automatisch als Organspender registriert. Diejenigen, die das ablehnen, müssen sich melden. Bislang mussten sich Menschen aktiv registrieren lassen, wenn sie nach ihrem Tod Organe für Transplantationen spenden wollen

Die Initiatoren hoffen auf mehr Spenderorgane mit dem neuen System. Auch bei der neuen

Regelung sollen Angehörige in Zweifelsfällen über eine Entnahme von Organen mitbestimmen

dürfen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Donnerstag, 08. März 2018

               Hoffnung für Dialyse-Patienten

Die Ersatzniere steckt im Rucksack

Großer Zeitaufwand, hoher Wasserverbrauch und immense Kosten: Die regelmäßige Blutwäsche für Menschen, deren Nieren nicht mehr einwandfrei funktionieren, ist ein gravierender Einschnitt ins Leben. Neue Systeme könnten in Zukunft die herkömmliche Dialyse ersetzen.

Dialyse-Patienten haben ein schweres Los. Allein in Deutschland sind rund 80.000 Menschen dauerhaft darauf angewiesen, weil ihre eigenen Entgiftungsorgane nicht mehr arbeiten. Findet sich keine Spenderniere, dann heißt das langfristig für die allermeisten: Dreimal pro Woche für fünf Stunden zur Blutwäsche ins Krankenhaus oder zum Arzt. Doch das könnte sich bald ändern. Forscher arbeiten seit Jahren daran, eine tragbare künstliche Niere zu entwickeln. Und in Rostock sind sie einen wichtigen Schritt vorangekommen.

Nicht für alle Patienten wird eine solche Lösung in Frage kommen - denn sich selbst zu dialysieren erfordert viel Eigenverantwortung, Sorgfalt und Disziplin. Für andere ist die Bauchfell-Dialyse, die sie zu Hause durchführen, zumindest eine Zeit lang eine Alternative. Nierenkranke, die noch im Beruf stehen, könnten jedoch auch von einer mobilen Lösung profitieren - vor allem, wenn sie kaum sichtbar ist. Ein Ausblick zum Welt-Nierentag am 8. März.

Erste Versuche schlugen fehl

Das erste tragbare, aber noch mit einigen Kinderkrankheiten versehene Dialysegerät stellte der US-Nephrologe Victor Gura (Los Angeles) schon vor zehn Jahren vor. Die Kunstniere filtert die giftigen Abfallstoffe mit Hilfe einer kleinen Pumpe und spezieller Filterkartuschen aus dem Blut. Zusammen mit Kollegen testete er 2015 dann ein verbessertes Gerät, das Patienten 24 Stunden an einem Gürtel mit sich herumtragen

konnten. Doch die Studie mit zehn Patienten wurde wegen technischer Schwierigkeiten abgebrochen. Weitere klinische Studien mit einem erneut verfeinerten Gerät sind geplant.

In Italien arbeitet der Nierenspezialist Claudio Ronco (Vicenza) seit langer Zeit an tragbaren Alternativen - in einer Weste oder als Rucksack. "Wir optimieren gerade die miniaturisierten Komponenten und arbeiten an einem Kreislauf mit Antithrombose-Beschichtung", erläutert Ronco. Testreif ist die Kunstniere aber noch nicht.

Aspekt des Wassersparens mitgedacht

Grundsätzlich stehen alle Forscher dabei vor mehreren Herausforderungen: Der Gefäßzugang beim Patienten muss sicher sein, damit Blut in der richtigen Menge austritt und es nicht zu Verkeimungen und Infektionen kommt. Und es gilt Dialyse-Wasser zu sparen: Für die konventionelle Blutwäsche beim Arzt können 170 bis 210 Liter Waschlösung (Dialysat) nötig werden. Das tragbare US-Gerät hingegen kommt mit nur 0,4 Litern Wasser aus.

Die Wasserfrage sei wichtig, auch mit Blick auf Erkrankte in armen Ländern, in denen Wasser knapp ist, betont der Physiker Rainer Goldau. Am Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie (IZI/Leipzig) tüftelt er in enger Zusammenarbeit mit den Nierenspezialisten der Uniklinik Rostock an der Idee, Menschen die körperlich und psychisch anstrengende Blutwäsche zu erleichtern: Indem sie fortlaufend und dadurch schonender durch eine tragbare Kunstniere geschieht.

Goldau ans Telefon zu bekommen gelingt nicht auf Anhieb, denn er fräst in der Werkstatt an einem Filter für den Prototyp und überhört das Klingeln. Seit er im vergangenen Sommer eine Idee hatte, um den Wasserverbrauch zu minimieren und die Blutreinigung zu vereinfachen, arbeitet er unermüdlich und auch - vorsichtig - optimistisch an einer tragbaren Kunstniere made in Rostock. Denn vor allem das Wasser-Filterverfahren erscheint so einfach und kostengünstig, dass es auch in armen Ländern eingesetzt werden könnte.

"Eis ist ein ganz wunderbarer Filter", beschreibt Goldau. In der Tat kann jeder, der als Kind mal ein 10-Cent-Wassereis gelutscht hat, bestätigen, dass nach dem Aussaugen des "Colageschmacks" nur pures, blankes Eis zurückbleibt. Diesen Effekt gefrierenden (Dialysat-)Wassers nutzen die Forscher nun, um den giftigen Harnstoff und die rund 130 sonstigen Toxine abzutrennen, die bei Gesunden einfach mit dem Urin ausgeschieden werden. Ist das Wasser durch Vereisung gereinigt, kann es wiederverwendet werden.

Anschmiegsame Weste und Basisstation

Konkret heißt das: Die tragbare Niere soll aus zwei Teilen bestehen. Einer handlichen, per Solarzelle oder Auto-Elektronik betriebenen Basisstation zur Kryoreinigung. Und einer mit

Wasser gefüllten Weste, die sich an den Körper schmiegt. "Die Patienten behalten dadurch die Freiheit, ihr Leiden zu verbergen. Viele möchten nicht immer darauf angesprochen werden", erläutert Goldau.

In der Weste finden insgesamt mehrere Liter frisches und gebrauchtes Dialysat in unterschiedlichen Kammern Platz. Während das Blut durch eine von Dialysat umgebene Filterröhre fließt, wird es gereinigt: Schadstoffe treten durch die Filtermembran in das Wasser über. Alle paar Stunden dockt der Patient dann kurz an der Basisstation an. Das gebrauchte Dialysat wird abgelassen und gereinigt. 90 Prozent davon strömen recycelt als Frischwasser in die Weste zurück. Noch gebe es aber offene Fragen, sagt Goldau. Er möchte die IZI-Ergebnisse auf einem großen Fachkongress im Mai präsentieren und hofft, dass dies der weiteren Entwicklung einen Schub gibt. "Die großen Hersteller waren bisher zögerlich", berichtet Goldau. Ähnliches erlebte auch Claudio Ronco.

Liegt es am Geld, das Hersteller und Krankenhäuser mit den konventionellen Methoden verdienen? Eine herkömmliche Dialyse kostet pro Patient 40.000 Euro pro Jahr. Vor allem in armen Ländern, in denen Nierenkranke oft kaum Zugang zu Fachärzten haben, könnte eine wassersparende und relativ einfach zu wartende Kunstniere - neben der Bauchfell-Dialyse - eine Alternative sein. Weltweit sterben rund eine Million Menschen pro Jahr an terminalem Nierenversagen, schätzt die Nationale Nierenstiftung der USA.

 

Medizin

Erfolgreiche Nieren­transplantation mit Hepatitis C infizierter Organspende

Mittwoch, 7. März 2018

/dpa

Baltimore – Eine Behandlung mit direkt antiviralen Medikamenten (DAA) kann die Empfänger von Organen infizierter Spender vor einer Hepatitis C schützen. Dies zeigen die Ergebnisse einer Pilotstudie in den Annals of Internal Medicine (2018; doi: 10.7326/M17-2871).

Eine Hepatitis-C-Infektion ist derzeit ein Ausschlusskriterium für eine Organspende an Menschen, die nicht mit Hepatitis C infiziert sind. In den USA gehen aus diesem Grund (nicht zuletzt wegen der Drogenepidemie) jedes Jahr die Nieren von etwa 500 Spendern verloren, was die Warteliste der Patienten verlängert. 

Die Einführung der direkt antiviralen Medikamente, die eine Infektion mit dem Hepatitis-C-Virus in über 95 % innerhalb weniger Monate zur Ausheilung bringt, könnte diese Situation bald ändern.

An der Johns Hopkins University in Baltimore haben im Rahmen einer offenen Studie 10 Patienten ohne Aussicht auf eine Lebendspende jeweils eine Niere von einem mit Hepatitis C infizierten Spender erhalten. Die Empfänger waren im Durchschnitt 71 Jahre alt und seit durchschnittlich 4 Monaten auf der Warteliste für Transplantationen. 

Die transplantierten Nieren stammten von Spendern im Alter von 13 bis 50 Jahren, die positiv auf Hepatitis C getestet waren, aber keine Anzeichen einer Nierenerkrankung hatten

Die Empfänger begannen unmittelbar vor der Transplantation eine Behandlung mit den beiden DAA Grazoprevir und Elbasvir, die sie nach der Operation noch über 12 Wochen fortsetzten. 3 Patienten nahmen aufgrund des in ihrem Spenderorgan gefundenen Hepatitis-Stamms zusätzlich das DAA Sofosbuvir ein.

Wie das Team um Niraj Desai jetzt berichtet, wurde bei 5 der Nierenempfänger nach der Operation niemals RNA des Hepatitis-C-Virus im Blut nachgewiesen. Bei den anderen 5 Patienten kam es nach der Operation vorübergehend zum Anstieg der Virus-RNA im Blut, die jedoch innerhalb weniger Tage oder einer Woche wieder verschwand. Bei keinem Patienten kam es nachweislich zu einer Infektion der Leber, obwohl bei einem ein vorübergehender Anstieg der Leberwerte beobachtet wurde.

Alle Patienten sind laut Desai 1 Jahr nach der Transplantation gesund und ohne Hinweise auf eine Hepatitis-C-Infektion. Sollten die Ergebnisse von anderen Zentren bestätigt werden, dürfte der Verwendung von Nieren mit Hepatitis C infizierter Spender nichts mehr im Weg stehen. © rme/aerzteblatt.de

 

 

07.03.2018 15:13

Organ Care System: MHH-Ärzte behandeln kranke Lunge außerhalb des Körpers

Stefan Zorn Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Medizinische Hochschule Hannover

Dr. Norman Zinne (links) und Professor Dr. Axel Haverich an einem Organ Care System (OCS), das eine ...
Karin Kaiser/MHH

Im Tiermodell erfolgreich: Therapieoption bei schwerer Lungenentzündung mit hundertfacher Antibiotikadosis

Aufgrund der vermehrt auftretenden Antibiotikaresistenzen gibt es für schwere Lungenentzündungen immer öfter keine alternative Behandlungsmöglichkeit mehr. Ärzte der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) haben erstmals mit dem Organ Care System (OCS) erfolgreich eine von antibiotikaresistenten Bakterien verursachte Lungenentzündung außerhalb des Körpers behandelt. Der Vorteil: Wenn die Lunge für die Behandlung explantiert wird, können die Mediziner sehr hoch dosierte Antibiotika einsetzen. Diese Dosierungen wären aufgrund der Nebenwirkungen für den Körper giftig. Die Wissenschaftler veröffentlichten ihre Ergebnisse im Fachjournal „PLoS One“.

In der Pilotstudie untersuchte das Team um Professor Dr. Axel Haverich, Direktor der Klinik für Herz-, Thorax-, Transplantations- und Gefäßchirurgie, ob sich die Behandlung von Schweinen, die an schwerer Lungenentzündung erkrankt waren, mit hoch dosierten Antibiotika in einem Organ Care System (OCS) als neue Therapie für ansonsten unheilbare antibiotikaresistente Lungeninfektionen eignet. Die Mediziner behandelten zum einen erkrankte Tiere mit der für den Körper verträglichen Dosis des Antibiotikums Colistin und zum anderen den explantierten erkrankten Lungenflügel im OCS mit der hundertfachen Dosis des Antibiotikums. „Eine solche Dosis wäre für den Patienten nicht verträglich. Sie würde zu Nierenversagen und Schäden am zentralen Nervensystem führen“, erklärt Dr. Norman Zinne, Facharzt in der Klinik für Herz-, Thorax-, Transplantations- und Gefäßchirurgie.

Um die Infektion der Lunge im OCS zu behandeln, explantierten die Ärzte zunächst den betroffenen Lungenflügel und implantierten ihn in ein OCS. Das OCS ist ein mobiles Gerät für die ex vivo-Lungenperfusion. In dem Gerät wird das Organ körperwarm transportiert, von Spenderblut durchflossen und mit Nährstoffen versorgt – oder eben auch mit Antibiotika. Die Lunge wird im OCS während der Behandlung beatmet und kann sich so selbst mit Sauerstoff versorgen.

Nach der zweistündigen Behandlung implantierten die Ärzte den Lungenflügel wieder in das Tier. „Während in der nicht behandelten Kontrollgruppe und der konventionellen behandelten Gruppe nur ein Drittel der Schweine die Lungenentzündung überlebte, erholten sich Zweidrittel der Tiere, deren Lungen wir außerhalb des Körpers behandelt haben, von der Erkrankung“, sagt Dr. Zinne. Auch die klinischen Symptome der Infektion waren in der OCS-Gruppe weniger schwerwiegend als in den anderen Gruppen. „Die Ergebnisse zeigen, dass die Behandlung von multiresistenter Lungenentzündung mit sehr hoch dosierten Antibiotika außerhalb des Körpers eine neue therapeutische Strategie für schwer verlaufende Infektionen darstellt, für die es ansonsten keine alternativen Therapien mehr gibt“, sagt Professor Haverich. „Bevor wir die Methode auf den Menschen übertragen können, werden wir zur Sicherheit der Patienten noch weitere Studien im Tiermodell durchführen“, betont er. „Es ist durchaus denkbar, die Methode auf weitere Organe wie das Herz oder andere Therapieoptionen wie Chemo- oder Zelltherapien zu übertragen.“

Das Antibiotikum Colistin
Colistin ist ein Antibiotikum, das bereits seit den fünfziger Jahren bekannt ist, aufgrund seiner für den Körper giftigen Eigenschaften bisher jedoch nur sehr selten verwendet wurde. Bedingt durch das Auftreten von antibiotikaresistenten Bakterien wird Colistin seit einiger Zeit auch vermehrt als Reserveantibiotikum zur Behandlung von Lungenentzündungen eingesetzt, die durch das antibiotikaresistente Bakterium Pseudomonas aeruginosa verursacht werden.

Das Projekt wurde unterstützt vom Deutschen Zentrum für Lungenforschung BREATH (Biomedical Research in Endstage and Obstructive Lung Disease), gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung – und vom Exzellenzcluster REBIRTH (Von Regenerativer Biologie zu Rekonstruktiver Therapie), gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Weitere Informationen erhalten Sie bei Professor Dr. Axel Haverich, Telefon (0511) 532-6581.

 

06.03.2018

Unser Expertenrat zur Organspende Prof. Wirth: "Es gibt bei der Organentnahme ganz genaue Richtlinien"

Hauptinhalt

Unser Gesprächsgast: Prof. Manfred Wirth von der Klinik für Urologie am Dresdner Uni-Klinikum.

Unser Thema im Expertenrat diesmal: Organspende. Zu Gast im Sachsenradio-Studio war Prof. Manfred Wirth von der Klinik für Urologie am Dresdner Uni-Klinikum. Er hat über viele Jahre praktische Erfahrung, zum Beispiel mit Nierentransplantationen, und sagt: "In Deutschland warten die Patienten viel zu lange auf ein Spenderorgan".

Wie sieht es im Fachgebiet der Urologie mit Spenderorganen aus?

Wir sind leider nicht gut versorgt. Es könnte wirklich deutlich mehr sein. Die Spendenbereitschaft in Deutschland ist merklich zurückgegangen. Wir haben jetzt Wartezeiten von etwa sieben Jahren, bis eine Niere dann tatsächlich für den, der sie braucht, zur Verfügung steht. Und das ist einfach viel, viel zu lange.

Wo steht Deutschland im europäischen Vergleich?

Wir stehen da ziemlich am Ende. Am besten sieht es in Ländern wie Spanien oder Holland aus, die nicht diese gesetzliche Regelung haben, wie wir sie haben, dass die Angehörigen im Todesfall zustimmen müssen. Es sei denn, man hat einen Organspendeausweis, aber den haben nur unter 20 Prozent der Bevölkerung, die Quote liegt eher bei zehn Prozent. Das System, dass wir in Deutschland haben, ist eigentlich für die Patienten, die auf eine Transplantation warten, eine Katastrophe.

Wie viele Organtransplantationen im Nierenbereich haben Sie durchgeführt?

Wir haben hier in Dresden im Jahre 1995 angefangen und sind jetzt bei der 997. Demnächst werden wir die 1.000 erreicht haben. Aber am wichtigsten ist immer genau der Patient, den man gerade operiert oder operiert hatte, dass das gut läuft. Wir wollen immer das Beste erreichen.

Können Sie sich noch an Ihre erste Transplantation erinnern?

Ja, sehr gut. Es war ein junger Mann. Der war damals Anfang 30, hatte zwei Kinder, wenn ich mich recht erinnere. Er brauchte dringend eine Niere und war ein Patient, der ideal geeignet war. Er lebt heute noch mit dieser Niere hervorragend und braucht keine Dialyse und hat eine sehr gute Lebensqualität.

Die Wartezeit ist heute leider so lange, dass die Patienten, die man transplantiert, nicht mehr ideal sind für die Transplantation. Die Dialyse, die viele Patienten machen, führt zu einer eheblichen Gefäßveränderung. Dann haben wir oft sehr kranke Patienten mit sehr schlechten Gefäßen, was zu Problemen bei der Transplantation führt.

Dialyse - künstliche Blutwäsche, die bei schweren Nierenerkrankungen eingesetzt wird. Kranke Nieren können überschüssiges Wasser und schädliche Stoffe aus dem Körper nicht mehr selbst entfernen. Die Reinigungsfunktion der Nieren übernimmt die Dialyse, die aber nicht ohne Nebenwirkungen ist.

Welche Erkrankungen führen dazu, dass Menschen ein neues Organ, zum Beispiel eine neue Niere, brauchen?

Hauptsächlich chronische Entzündungen der Niere führen dazu, dass man ein neues Organ braucht, selten auch Verletzungen oder angeborene Erkrankungen oder Zysten.

Im Ausland gilt oft die Regel, wenn nicht widersprochen wird, darf gespendet werden. In Deutschland muss man den Willen ausdrücklich erklären. Wie funktioniert das in der Praxis?

Wenn die Angehörigen wissen, dass man Organspender ist, ist das kein Problem. In 18 Ländern ist es so, wenn man nicht seinen Widerspruch erklärt hat, ist man Spender. Das ist die vernünftigere Lösung. Ich habe da schon immer für gekämpft. Ich bin da leider auf verlorenem Posten gewesen. Unsere Politik hat sich anders entschieden.

Beim Thema Organspende gibt es viele Ängste. Einige vermuten, dass Organe entnommen werden könnten, obwohl das Leben vielleicht doch noch nicht ausgelöscht ist …

Es gibt bei der Organentnahme ganz genaue Richtlinien. Es muss der Hirntod sicher festgestellt sein, von einem unabhängigen Experten und nicht von dem, der etwas mit der Transplantation zu tun hat. Wenn das Hirn abgestorben ist, ist ein Leben nicht mehr möglich. Man würde auch irgendwann, auch wenn das Herz noch schlägt, die Geräte abstellen. Viele haben eine Patientenverfügung, wo das von vornherein festgelegt ist. Es wird niemandem ein Organ entfernt, wenn er nicht sicher hirntot ist. Dazu gibt es in Deutschland ganz genaue Kriterien.

Bis zu welchem Alter ist eine Organspende möglich?

Wir orientieren uns da am biologischen Alter. Also wie gesund ist der Spender? Wie gesund sind seine Organe? Dann kann man auch im hohen Alter noch Organe spenden. Eine genaue Grenze würde ich da nicht festlegen wollen. Organe von älteren Spendern werden in der Regel Patienten transplantiert, die auch schon über 65 sind.

Hat jedes Krankenhaus einen Arzt, der Organe entnehmen kann oder ist dies nur speziellen Kliniken vorbehalten?

An jedem Krankenhaus gibt es einen Verantwortlichen für Organspende. Die Entnahme erfolgt immer von den Transplantationszentren. Die fahren dann mit speziellen Fahrzeugen und den notwendigen Geräten dorthin und entnehmen die Organe. Häufig auch zusammen mit den dort tätigen Ärzten.

Wie kommt man zu einem Organspendeausweis?

Jede Krankenkasse hat die Organspendenausweise vorliegen. Da bekommt man sie am schnellsten. Wir haben sie natürlich auch in den Transplantationszentren verfügbar. Auch im Internet kann man den Organspendenausweis ausdrucken.

Welche Organe kommen für eine Transplantation in Frage?

Als Organe kommen prinzipiell in Frage: Niere, Leber, Lunge, Herz, die Bauchspeicheldrüse, meist in Verbindung mit einer Nierentransplantation. Auch Gewebe können transplantiert werden, zum Beispiel die Hornhaut, für Menschen, die sonst nicht mehr sehen können. Für die ist das ein Riesensegen.

 

 

© 2018 Neue Westfälische
12 - Bad Oeynhausen, Dienstag 06. März 2018

 

Zwischen Weser und Rhein

Ärzte-Präsident für niederländische Lösung

Organspende: Windhorst sieht"westliche Nachbarn viel weiter"

Bielefeld (nw). Die Widerspruchslösung in der Organspende hält Theodor Windhorst, Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, für den "konsequenten und richtigen Weg". Der Bielefelder begrüßt den Beschluss des niederländischen Parlaments, diese Lösung künftig einzuführen.

Angesichts einer stetig sinkenden Bereitschaft zur Organspende sei dies eine "glänzende Bewegung und begrüßenswerte Entscheidung". Windhorst spricht sich dafür aus, auch in Deutschland endlich eine Systemänderung herbeizuführen und die Widerspruchslösung zu beschließen.

In den Niederlanden gilt nun jeder Erwachsene grundsätzlich als Organspender, es sei denn, er hat der Organspende ausdrücklich widersprochen. Alle Bürger werden per Brief gefragt, ob sie nach dem Tod ihre Organe spenden wollen. Antworten sie nicht, werden sie automatisch als Spender registriert.

Die derzeit geltende Zustimmungslösung in Deutschland sei nicht weitgehend genug, so Windhorst, um das Leid auf der Warteliste zu lindern. "Jeden Tag sterben drei Menschen, die auf ein Spenderorgan warten. Und wir sehen dabei zu. Wir brauchen bei diesem sensiblen Thema allumfassende Information und Aufklärung." Es sei Zeit für eine offene, ehrliche und transparente Debatte über die Organspende und die Einführung der erweiterten Widerspruchslösung. Diese sieht in den meisten europäischen Ländern vor, dass grundsätzlich als Organspender gilt, wer einer Spende zuvor nicht ausdrücklich widersprochen hat, Angehörige haben dabei ein Vetorecht.

"Unsere westlichen Nachbarn sind in dieser Diskussion nun viel weiter." Deutschland aber sei nach wie vor Organ-Importland, da man hier nach wie vor nicht wirklich gezwungen sei, sich ernsthaft mit dem Thema Organspende auseinanderzusetzen, klagt Windhorst. "Wir müssen das Vertrauen in die Organspende stärken und deutlich machen, dass die Transplantationsmedizin weit fortgeschritten ist. Wir könnten gute Ergebnisse erzielen, wenn wir ausreichend Organe hätten."

Der Kammerpräsident verweist in diesem Zusammenhang auf die Diskrepanz zwischen einer generellen positiven Haltung zur Organspende und der letztendlichen Dokumentation der Spendebereitschaft. Auch in Patientenverfügungen müsse das Kreuz bei der Organspende gemacht werden. Verfügungen dürften nicht "Verhinderer der Organspende" sein.

 

 

FAKT IST! | 05.03.2018 | 22:05 Uhr Dilemma Organspende: verweigern oder vertrauen?

Hauptinhalt

In Deutschland ist die Zahl der Organspender so niedrig wie nie. Zwar ist die Bereitschaft ein Organ zu spenden grundsätzlich vorhanden, doch Angst vor Missbrauch und mangelndes Vertrauen in die Medizin überwiegen. Ein Thema, über das Anja Heyde in der nächsten Sendung mit ihren Gästen sprechen will.

Mehr als 10.000 Menschen in Deutschland warten auf ein Spenderorgan – 1.200 davon allein in

Mitteldeutschland. Doch Spender zu finden, wird immer schwerer. Und das obwohl vier von fünf

Deutschen grundsätzlich bereit wären, sich im Falle des eigenen Todes Herz, Niere oder Leber

entnehmen zu lassen, um damit einem schwer kranken Menschen die Chance auf ein neues

Leben zu ermöglichen.

Einen Organspende-Ausweis hat in Deutschland nur jeder Dritte. Denn trotz der grundsätzlichen Spendenbereitschaft herrschen vielfach Skepsis und Misstrauen. Nach dem Organspende-Skandal 2012, als bekannt wurde, dass Mediziner Listen manipulierten, um ihren Patienten eher zu einem Spenderorgan zu verhelfen, ist die Zahl der Spender immer weiter zurückgegangen. Inzwischen hat sie einen historischen Tiefstand erreicht, obwohl Millionenbeträge in die Spenderwerbung fließen.

Neben der Angst vor Missbrauch von Organen mangelt es an Vertrauen in die Medizin. Viele befürchten, man ließe sie für ein Organ eher sterben, als ihr Leben zu retten. Die Frage, ab wann und unter welchen Umständen Organe entnommen werden, ist für viele Skeptiker nicht zufriedenstellend geklärt. Andere Kritiker sehen durch Organspenden grundsätzlich die Würde des Todes verletzt.

Widerspruchslösung im Gespräch

Befürworter, allen voran die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO), sehen dagegen die große Chance, durch Spenderorgane Leben zu retten oder die Lebensqualität von schwer kranken Menschen entscheidend zu verbessern. SPD-Gesundheitspolitiker, darunter Sachsen-Anhalts Gesundheitsministerin Petra Grimm-Benne, wünschen sich neue Gesetze. Auch in Deutschland solle die Widerspruchslösung eingeführt werden, die bereits in zahlreichen europäischen Ländern gilt. Sie macht jeden Menschen automatisch zum Organspender, sofern er nicht zu seinen Lebzeiten ausdrücklich einer Entnahme widersprochen hat.

Warum tut sich das heutige Deutschland so schwer mit einer solchen Widerspruchslösung? Wie

kann man verloren gegangenes Vertrauen in die Transplantationsmedizin zurück gewinnen?

Und unter welchen Umständen sollte man sich besser gegen eine Organspende entscheiden?

 

03.03.2018

Ethik

Der Körper ist nicht nur ein Ding“

Ob Blut, Niere oder Stammzellen – vieles aus dem menschlichen Körper wird inzwischen „nutzbar“ gemacht. Dennoch lässt sich ein Wert des Körpers nicht beziffern, betont Petra Gehring (56), Professorin für Philosophie an der TU Darmstadt. Im Gespräch mit den PJZ-Teilnehmerinnen Julia Mutter und Mareike Uhlmann erklärt sie, warum das so ist.

Was ist mein Körper wert?

GEHRING: Vom menschlichen Körper kann man eigentlich keinen Geldwert angeben. Jeder Körper ist einzig und damit unschätzbar. Er ist kein Ding unter Dingen. Der Philosoph Immanuel Kant hat genau an dem Punkt einen Unterschied gemacht. Wo Dinge einen „Wert“ haben, hat der Mensch „Würde“ – und das meint dessen Körper mit.

Man kann also einen Körper nicht wertvoller machen?

GEHRING: Nein, „Würde“ ist schon etwas Maximales, sie lässt sich – anders als ein Wert – nicht steigern. So ist sie auch gemäß Grundgesetz „unantastbar“. Aber es gibt natürlich Bewertungssysteme, was etwa die Arbeitskraft und Leistungskraft des Körpers angeht. Daran haben wir uns leider ziemlich gewöhnt.

Welches Körperteil gilt als wichtigstes?

GEHRING: Wir leben in einer hirnzentrierten Zeit, in der man den Kopf für besonders wichtig hält. In früheren Jahrhunderten war beispielsweise das Herz wichtiger, weil man es als Sitz der Persönlichkeit sah, der Integrität und der Güte.

Gibt es bestimmte Organe und Körperstoffe, die besonders wertvoll sind?

GEHRING: Als Philosophin sage ich: Nein. Aber ökonomisch gibt es natürlich Rechnungen, die mit handfesten Verwertungsmöglichkeiten zu tun haben. Vor dem 20. Jahrhundert waren beispielsweise Bluttransfer und Organtransplantationen noch nicht möglich. Inzwischen ist die Inwertsetzung des lebendigen menschlichen Körpers weit fortgeschritten. In Deutschland wird freilich der Bedarf etwa an Blutbestandteilen oder Knochenmark nicht durch eine volle Ökonomisierung gedeckt, also durch Kauf zu Marktpreisen. Die Weitergabe wird vielmehr über Spenden abgewickelt.

Was wird alles transplantiert?

GEHRING: Sowohl die Organe aus dem lebendigen Körper als auch Körperteile von Leichen – etwa die Hornhäute der Augen. Je effizienter die Immunabwehr gegen die fremden Organe durch Medikamente unterdrückt werden kann, desto reibungsloser können Nieren, Lungen und Lebern implantiert werden. Transferiert werden auch Blut, Blutbestandteile, Eizellen, Embryonen, Samenzellen, Stammzellen oder Knochenmarkszellen. Gewebe wird verpflanzt. Das neue Feld der Synthetischen Biologie basiert darauf, Abschnitte aus dem Genom herauszunehmen oder zu ersetzen. Auch künstliche Zellen und Gewebe werden auf dieser Basis konstruiert.

Hat sich die Einstellung zur Organspende gewandelt?

GEHRING. Ja, die Bereitschaft in Deutschland geht in den letzten Jahren kontinuierlich zurück. Dafür gibt es sicherlich eine Reihe von Gründen, etwa

Mauscheleien in einigen Kliniken. Aber es ist wohl auch ein Beharren darauf im Spiel, dass der Körper

selbst nach dem Tod nicht nur ein Ding ist, das man wie einen Wertstoff nutzt. Denn bei dem Entnehmen

von Organen geht es ja um die Nutzung für einen Zweck.

Aber auch darum, Leben zu retten...

GEHRING: Sicherlich. Oder sagen wir genauer: das Leben so lange zu verlängern, bis sich die Frage stellt, ob das nächste Organ transplantiert werden muss. Organe werden jedoch nicht nur genutzt, wenn keine Therapien mehr möglich sind. Oft ist es auch einfach die kostengünstigere Methode. Eine Niere zu transplantieren ist etwa schlicht billiger als eine lebenslange Dialyse des Patienten. Und da kommen wir schon in eine ethisch bedenkliche Zone.

Spender werden dafür auch in anderen Ländern gesucht. Wird da ein anderer Maßstab angelegt?

GEHRING: Definitiv tragen wir da moralische Scheuklappen. Wir wollen nicht sehen, dass die Körper in anderen Ländern als Ware betrachtet werden. Deutsche Organempfänger sitzen in der Komfortzone des Transplantationssystems. Wir ahnen, dass die Verwertungsketten sehr kompliziert sind und wollen nicht wissen, was auf der Entnahmeseite genau passiert. Oder man redet sich die Ausbeutungsverhältnisse in anderen Teilen der Welt schön, das sieht man zum Beispiel beim Thema Leihmutterschaft.

Wie sieht da die Rechtfertigung aus?

GEHRING: Manche sagen sich, Schwangerschaft sei ja ohnehin natürlich, also sei es doch großzügig, dafür zu bezahlen. Oder: die Frauen müssten in Indien oder Bangladesch für das Geld, das sie für die Leihmutterschaft bekommen, sonst viel schlimmere Berufe ausüben. Dass die eigene Tochter hier in Deutschland für Geld Schwangerschaften austrägt, würde man hingegen für unwürdig halten. Da beginnt die klassische Doppelmoral.

Glauben Sie, dass alle Menschen ein natürliches Gespür für die Würde der anderen haben?

GEHRING: Nein, das ist leider nichts Natürliches. Eine Kultur der Anerkennung muss geschaffen werden. Durch Bildung, indem man Achtung vorlebt und Respekt einfordert – von Anfang an.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ärzteschaft

Urologen fordern Reformen bei der Organspende

Montag, 26. Februar 2018

Hamburg – Die Transplantationsmedizin in Deutschland befindet sich nach Auffassung der Deutschen Gesellschaft für Urologie (DGU) im „freien Fall“. Es müsse dringend gehandelt werden, mahnte die Fachgesellschaft nun.

„Die jetzige Situation ist im Namen unserer Patienten nicht länger hinnehmbar“, sagte DGU-Präsident, Paolo Fornara, Transplantationsmediziner und Mitglied der Ständigen Kommission Organtransplantation sowie der Prüfungs- und Überwachungskommission der Bundes­ärzte­kammer. Er bezog sich dabei auf die Zahl der bundesweiten Organ­spenden im vergangenen Jahr. Diese war mit 797 so niedrig wie seit 20 Jahren nicht mehr.

Drei Themenfelder anfassen

Fornara fordert, bei der Reform in drei Bereichen anzusetzen. Zunächst favorisiert er die Widerspruchslösung. Die in Deutschland praktizierte Entscheidungslösung habe sich nicht bewährt. „Sie ist de facto nur eine Informationslösung. Das Infomaterial wird von allen Krankenkassen, die zugleich auch Kostenträger der Transplantationsmedizin sind, unkoordiniert und nach eigenem Gutdünken an ihre Versicherten versendet. Ob die ausführlichen Informationen aber ungelesen im Papierkorb landen oder ob sie zu einer klaren Entscheidung führen, bleibt unbekannt. Alles ist freiwillig, nichts wird erfasst“, kritisierte Fornara.

Angesichts der miserablen Zahlen zur Organspende hierzulande regt der Transplan­tationsmediziner an, endlich ernsthaft über einen Wechsel zur Widerspruchslösung nachzudenken. „Das Prinzip der Widerspruchslösung ist einfach: Auch hier wird jeder angeschrieben und nach seiner Entscheidung gefragt. Wer nicht antwortet, gilt jedoch als Organspender. Dieser Status kann aber jederzeit geändert werden“, erklärte er. 

Nötig sind laut Fornara außerdem angemessene Rahmenbedingungen in den Spender­krankenhäusern – logistisch, personell und finanziell. In vielen der gut 1.200 deutschen Entnahmekliniken sei die Organspende weiterhin ein Sonderereignis, das mit hohen Kosten und der Bindung intensivmedizinischer Kapazitäten einhergehe. Selbst die Transplantationsbeauftragten in den Kliniken müssten ihre Aufgaben vielfach zusätzlich erledigen. Bislang würden sie dafür nur in Bayern verbindlich und klar definiert von anderen Tätigkeiten freigestellt. Bei Rahmenbedingungen, die den Kliniken nicht zumindest Kostenneutralität böten, sei es wenig überraschend, wenn längst nicht jeder potenzielle Organspender gemeldet werde, so der DGU-Präsident.

Der Transplantationsexperte regt außerdem eine Diskussion um die umstrittene Herztoddiagnostik an. In Deutschland ist eine Organentnahme bekanntlich nur erlaubt, wenn zwei Ärzte unabhängig voneinander den Hirntod eines Patienten festgestellt haben. Bei herztoten Menschen wäre das nach deutschem Transplantationsgesetz illegal.

Bei den Nachbarn in Österreich, der Schweiz, Belgien und den Niederlanden, aber auch in Spanien und weiteren Ländern ist die Diagnose des Herztods dagegen als Bedin­gung für die Organentnahme akzeptiert. Wenn dort nach allen Reanimations­versuchen das EKG zehn Minuten lang nur eine Nulllinie anzeigt, gilt der Patient als tot. Diese Form der Diagnostik vorurteilsfrei zu diskutieren, fordert Fornara.

„Organspende, und nicht zuletzt die Nierenlebendspende, braucht die gesellschaftliche Anerkennung und Würdigung, die ihr zusteht“, sagte der Transplantationsexperte. Mit 9,3 Organspendern pro eine Million Einwohner liegt die Bundesrepublik in Europa auf einem der letzten Plätze. © hil/aerzteblatt.de

 

Zunahme durch Transplantationsbeauftragte? Bayern sind Spitzenreiter beim Organspenden

Jeden Tag sterben in Deutschland drei Menschen, weil für sie kein passendes Organ gefunden wurde. 2017 ist die Zahl der Spender bundesweit erneut gesunken. Die große Ausnahme: Bayern. Dort stieg die Zahl der Organspender.

Von: Anna Kemmer

Stand: 26.02.2018 |Bildnachweis

In keinem anderen Bundesland gab es 2017 mehr Organspender als in Bayern. Während die Spenderzahlen deutschlandweit weiter sinken, sind sie in Bayern im vergangenen Jahr um 18 Prozent auf insgesamt 143 Organspender gestiegen. Deutschlandweit sind die Spenderzahlen seit dem Vorjahr laut der Deutschen Stiftung Organtransplantation um sieben Prozent zurückgegangen.

Anzahl der Organspender durch Transplantationsbeauftragte zugenommen?

Dass immer mehr Menschen in Bayern ihre Organe spenden, könnte auch am bayerischen Gesetz zur Ausführung des Transplantationsgesetzes liegen, vermutet die Deutsche Stiftung für Organtransplantation. Bayern hat 2017 erstmals die sogenannten Transplantationsbeauftragten von anderen Klinik-Aufgaben freigestellt und im Gesetz detailliert geregelt, welche Aufgaben sie erfüllen müssen. Die Bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml geht ebenfalls davon aus, dass diese Veränderung des Aufgabengebietes von Transplantationsbeauftragten die Anzahl der Organspender erhöht hat:

"Dadurch ermöglichen wir den Transplantationsbeauftragten den notwendigen Freiraum für ihre verantwortungsvolle Aufgabe im Bereich der Organspende. Denn die Arbeit als Transplantationsbeauftragter im Krankenhaus ist im hektischen und dicht gefüllten Klinikalltag nur leistbar, wenn ausreichend Zeit zur Verfügung steht."

Melanie Huml

Erkennen von Organspendern

Transplantationsbeauftragte sind meist Intensivmediziner, die sich in den Krankenhäusern um das Thema Organspende kümmern. Sie treiben das Thema voran, kümmern sich um interne Fortbildungen und sind Schnittstelle zwischen Patienten, Angehörigen, Ärzten und dem Pflegepersonal. Transplantationsbeauftragte stehen im Kontakt zur Deutschen Stiftung für Organtransplantation, die Organspenden koordinieren.

Zudem sollen sie potenzielle Organspender erkennen. Denn wenn am Lebensende alle medizinischen Möglichkeiten ausgeschöpft sind, bleibt im Klinikalltag oft nicht die Zeit, zu klären, ob die Organe des Patienten für eine Spende infrage käme und wie die Klinik den Aufwand bei einer Organentnahme personell und organisatorisch stemmen kann. Mithilfe der Transplantationsbeauftragten hofft man mehr potenzielle Spender erkennen zu können.

Widerspruchs- oder Entscheidungslösung?

Weltweit führend in der Organspende ist Spanien. Dort gilt die sogenannte Widerspruchslösung: Menschen müssen aktiv einer Organspende widersprechen, zum Beispiel in einem Widerspruchsregister. Die Widerspruchslösung gilt unter anderem auch in Frankreich, Österreich, Schweden und der Türkei. Auch die Niederlande haben kürzlich beschlossen, ihr Gesetz zu ändern. Ab 2020 gilt dort ebenfalls die Widerspruchsregelung.

In Deutschland gilt die sogenannte Entscheidungslösung: Der Verstorbene kann vor seinem Tod mit einem Organspende-Ausweis einer Organspende zustimmen. Wenn er keinen Organspende-Ausweis hatte, muss dies ein naher Angehöriger für ihn entscheiden - natürlich im Sinne des Spenders.

 

Wissen & Umwelt

Wenn das eigene Herz versagt

Ein krankes Herz einfach gegen ein Kunstherz austauschen? Dann wären keine Organspenden mehr nötig. Zurzeit dienen Kunstherzen aber noch dazu, die Zeit bis zur Transplantation zu überbrücken.

26.02.2018

 

Wenn das eigene Herz nicht mehr funktioniert, muss ein Spenderorgan her. Aber gespendete Herzen sind bekanntlich äußerst knapp, und es gibt lange Wartezeiten. Die können durch das Einsatz eines Kunstherzens überbrückt werden. Es übernimmt die Funktionen des kranken Herzens. Vor der Implantation müssen die Ärzte das erkrankte Herz vollständig entfernen, es funktioniert nicht mehr und ist quasi überflüssig.

An dessen Stelle tritt dann das Kunstherz. Ein Druckluftkompressor treibt es an. Den muss der Patient ständig mit sich führen. Über zwei Schläuche ist er mit den Pumpkammern des Kunstherzens verbunden. "Es schränkt das Leben erheblich ein", so Evgenij Potapov vom Deutschen Herzzentrum in Berlin. "Diese Systeme sind ziemlich groß. Die Pumpe, die das Herz ständig in Bewegung hält, liegt außerhalb des Körpers und ist sehr laut." 

Es muss nicht immer ein Kunstherz sein

Bei 99 Prozent aller Patienten mit schwachem oder geschädigtem Herzen kann das eigene Organ aber erhalten bleiben. Es bekommt dann Hilfe von einem sogenannten Herzunterstützungssystem. Dieses kommt zum Beispiel für Patienten infrage, deren Herz sich von einer schweren Erkrankung erholt und irgendwann wieder eigenständig funktionieren soll. Gelingt es, kann das Hilfsgerät wieder entfernt werden.

Aber es kommt auch zum Einsatz, um die Funktion eines kranken, aber noch schlagenden Herzens bis zu einer Transplantation zu unterstützen. Patienten, die unter schwerwiegenden Krankheiten leiden, wie etwa Tumorerkrankungen oder die zu alt für eine Transplantation sind, erhalten ebenfalls oft ein solches Unterstützungssystem. 

Es gibt verschiedene Systeme, aber eines ist allen gemeinsam, so Potapov: "Sie retten Leben, über 1000 Mal im Jahr, allein in Deutschland. Ohne diese Systeme wären diese Patienten tot." 

Der Natur nachempfunden

Das menschliche Herz hat zwei Herzkammern: Die rechte pumpt das sauerstoffarme Blut aus dem Kreislauf in die Lunge. Die linke Kammer hingegen pumpt das sauerstoffreiche Blut aus der Lunge heraus und in den Kreislauf hinein. So versorgt das Blut den Körper mit Sauerstoff.

Sowohl Kunstherzen als auch Unterstützungssysteme haben eins gemein: Sie müssen durch ein Gerät außerhalb des Körpers betrieben werden.

Dafür wird dann zum Beispiel ein elektrisches Antriebskabel aus der Haut geleitet und mit einer batteriegetriebenen Einheit verbunden. "Die Akkus halten sechs bis acht Stunden und müssen dann aufgeladen werden." Die meisten Patienten transportieren diese Akkus in einem Rucksack oder in einer Tasche. "So kann sich der Patient etwa zwölf Stunden frei bewegen", erklärt Potapov. Danach müssten die Akkus wieder aufgeladen werden.

Um ein solches System einzusetzen, öffnen Ärzte den Brustkorb - praktisch eine Operation am offenen Herzen. Das ist die Standardmethode. Die zweite Möglichkeit ist die minimal-invasive Methode. Dabei machen die Ärzte lediglich zwei kleine Schnitte, einen in der Achsel, den anderen unterhalb der linken Brust. Das eigentliche Herzunterstützungssystem, das implantiert wird, ist in etwa so groß wie eine Fahrradklingel, sagt Potapov. 

Risiken und Komplikationen

Am gefährlichsten sind Infektionen. Potapov bezeichnet das Kabel, das aus dem Körper nach draußen führt, als 'Highway to Hell'. "Die Bakterien krabbeln gerne entlang des Kabels und ins Innere des Körpers. Das ist selten, aber etwa jeder zehnte erleidet eine solche Infektion. Die kann unangenehm bis tödlich sein."

Die Stelle, an der das Kabel in den Körper eintritt, ist eigentlich eine chronische Wunde. Sie bietet ideale Voraussetzungen für Bakterien. Im Prinzip könne der Körper zwar vieles ausgleichen und derartige Wunden auch abdichten, "dennoch kann es in seltenen Fällen zu Komplikationen kommen, etwa wenn sich die Infektionen über die Blutbahnen ausbreiten und dann eine Blutvergiftung auslösen," sagt Potapov.

Etwa zehn Prozent der Patienten erleiden zudem einen Schlaganfall. Kunstherzpatienten müssen daher in der Regel gerinnungshemmende Medikamente einnehmen.

Und noch eine Gefahr droht: Wie bei allen technischen Geräten kann es auch beim Kunstherzen oder den Unterstützungssystemen zu Ausfällen kommen.

Die Zukunft ist kabellos

Nach Ansicht von Potapov sind viele Verbesserungen notwendig. "Als Ärzte wollen wir die Entwicklung vorantreiben. Am Herzzentrum in Berlin - mit dem weltweit größten Kunstherzprogramm - haben wir eine Forschungsgruppe in enger Zusammenarbeit mit der ETH (Eidgenössische Technische Hochschule) Zürich gegründet. Wir wollen die Technologien verbessern."

Die Forscher wollen etwa eine kabellose Energie- und Informationsübertragung erreichen. Potapov vergleicht das Prinzip mit einem Handy oder einer elektrischen Zahnbürste. "Sie stecken ihre elektrische Zahnbürste auf eine Ladestation. Die lädt die Zahnbürste auf."

Genauso könne man mit einem Kunstherzen oder einem Unterstützungssystem verfahren. Dazu ist eine Spule unter der Haut nötig und eine zweite außerhalb des Körpers. Da wird dann ein Stromkreis induziert, aber eben kontaktlos und kabellos. Der Patient könne schwimmen gehen, duschen, baden, was er möchte, solange die interne Batterie hält. 

Popatov ist zuversichtlich, dass neue Systeme vielleicht schon nächstes Jahr in die Kliniken eingeführt werden. "Die Firmen stehen kurz davor. Das wird ein großer Sprung nach vorne. Die Patienten werden wesentlich mehr Freiheit haben, weniger Infektionen bekommen und sich auch psychisch ganz anderes fühlen. Der Patient kann alles tun alles tun und dann irgendwann seine Weste anziehen, in der die Spule steckt und sich wieder aufladen." 

Das große Ziel ist es, Organspenden irgendwann überflüssig zu machen. "In fünf Jahren werden wir wesentlich besser sein. Und wir werden wahrscheinlich – was die Pumpen angeht – eine ernsthafte Konkurrenz zur  Herztransplantation darstellen", sagt Potapov. Bis dahin allerdings wird es weiterhin viele Menschen geben, die auf ein Spenderherz warten. 

 

 

  • Der bisherige Finanzstaatsekretär Jens Spahn soll Gesundheitsminister werden.

  • Peter Altmaier wird Wirtschaftsminister, Ursula von der Leyen bleibt Verteidigungsministerin.

  • Julia Klöckner wechselt aus Rheinland-Pfalz ins Agrarministerium.

Von Nico Fried und Robert Roßmann, Berlin

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) will ihren stärksten parteiinternen Kritiker ins nächste Kabinett berufen. Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung soll der bisherige Finanzstaatssekretär Jens Spahn Gesundheitsminister werden. Der 37-Jährige hat unter anderem mit Kritik an Merkels Flüchtlingspolitik von sich reden gemacht. Er soll den bisherigen Gesundheitsminister Hermann Gröhe ersetzen. Ursula von der Leyen soll Verteidigungsministerin bleiben. Als Agrarministerin ist die rheinland-pfälzische CDU-Landesvorsitzende Julia Klöckner vorgesehen. Wirtschaftsminister soll Peter Altmaier werden, er war bisher Kanzleramtschef. Über alle vier künftigen Minister hatte zunächst die Bild am Sonntag berichtet.

Als Favorit für das Amt des Kanzleramtschefs gilt der bisherige Staatsminister Helge Braun. Dafür gab es aber zunächst keine Bestätigung. Noch unbekannt ist, wer künftig das Bildungsministerium leiten soll. Die bisherige Ressortchefin Johanna Wanka (CDU) hat bereits vor Monaten ihren Rückzug angekündigt. Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung will Merkel drei der sechs Ministerposten, die die CDU stellen darf, mit Frauen besetzen. Unter den von der Kanzlerin ausgesuchten sechs Kandidaten soll kein Ostdeutscher sein.

Die CDU-Vorsitzende will an diesem Sonntag um 16 Uhr das Parteipräsidium über ihre Kandidaten informieren. Anschließend kommt der Bundesvorstand zusammen. Danach will Merkel die Namen bei einem Auftritt vor der Presse auch öffentlich bekannt geben.

Voraussetzung für eine neue große Koalition ist ein Ja der Sozialdemokraten beim SPD-Mitgliedervotum. Ebenso wie die CDU darf die SPD in einer solchen Koalition sechs Minister stellen, die CSU kann drei Ressortchefs benennen. SPD und CSU wollen ihre Kandidaten im Gegensatz zur CDU erst nach dem Ende des SPD-Mitgliederentscheids verkünden. Bisher ist nur klar, dass CSU-Chef Horst Seehofer neuer Minister für Innen, Heimat sowie Bauen und Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) Finanzminister werden soll. Das Ergebnis des SPD-Mitgliedervotums soll am 4. März bekannt gegeben werden.

Die CDU will sich nach mehr als zehn Jahren ein neues Grundsatzprogramm geben

Am vergangenen Montag hatte Merkel mitgeteilt, dass Annegret Kramp-Karrenbauer neue CDU-Generalsekretärin werden soll. Sie soll bereits auf dem CDU-Parteitag am Montag zur Nachfolgerin von Peter Tauber gewählt werden.

Auf dem Parteitag wollen die Delegierten auch über den Koalitionsvertrag abstimmen. Trotz des Unmuts über die Ressortverteilung - die CDU muss das Finanz- und das Innenministerium abgeben und bekommt dafür die weniger wichtigen Ressorts für Wirtschaft und Landwirtschaft - wird mit einer großen Zustimmung gerechnet.

Die CDU will sich außerdem nach mehr als zehn Jahren ein neues Grundsatzprogramm geben. Im Entwurf des Antrags des CDU-Bundesvorstands für den Parteitag, der der SZ vorliegt, heißt es, die CDU werde jetzt "einen umfassenden Diskussionsprozess" eröffnen, der "in die Erarbeitung eines neuen Grundsatzprogramms für die CDU Deutschlands münden soll". Das bisher geltende Programm stammt aus dem Jahr 2007 und trägt den Titel "Freiheit und Sicherheit. Grundsätze für Deutschland".

Auch die CDU-Spitze hat erkannt, dass die Partei nicht nur eine personelle, sondern auch eine inhaltliche Auffrischung nötig hat. Dadurch, dass Merkel jetzt von sich aus eine Programmdebatte anstößt, nimmt sie Druck aus dem Streit über den richtigen Kurs der CDU. Auch Merkels Entscheidung für Kramp-Karrenbauer ist in der CDU mit großem Wohlwollen aufgenommen worden.

 

 

23.02.2018

 

März 2018

Wichtig

Aktuelle Grippewelle: Das sollten Herzpatienten jetzt wissen

Bei ei­nem vor­ge­schä­dig­ten Herz kann ei­ne Grip­pe schwer­wie­gen­de Fol­gen ha­ben. Herz­pa­tien­ten soll­ten da­her wis­sen, wie man jetzt wäh­rend der Grip­pe­wel­le am wirk­sams­ten um eine Ansteckung herumkommt und dass die Grippeimpfung für Herzpatienten zwar empfehlenswert ist, aber nur einen Teilschutz bedeutet.

Eine Impfung gehört zu den wichtigsten Bausteinen bei der Grippevermeidung. Allerdings sollte man sich bewusst sein, dass der Impfschutz deutlich geringer ist, als man es von vielen anderen Impfungen kennt. Hintergrund ist, dass Grippeviren eine hohe Wandlungsfähigkeit besitzen und die Wirkung der Impfung davon abhängt, wie gut der einmal jährlich neu zusammengestellte Impfstoff die vorhergesagten Erreger-Typen einer Grippewelle tatsächlich umfasst. Die Herzstiftung empfiehlt daher, die Impfung auf keinen Fall so zu verstehen, dass man damit während einer Grippewelle bedenkenlos wichtige andere Empfehlungen zum Schutz vor einer Ansteckung außer Acht lassen kann.

Öffentliche Verkehrsmittel und Kaufhäuser meiden?

Wichtig zu wissen ist, dass es viele Ratschläge zur Ansteckungsvermeidung gibt, die zwar theoretisch sinnvoll klingen, aber in der Praxis nur schwer umsetzbar sind, wie etwa »Menschenansammlungen meiden«. Während man um ein überfülltes Kaufhaus wahrscheinlich noch vergleichsweise leicht einen Bogen machen kann, wird der Rat in vielen anderen Situationen kaum umsetzbar sein, z. B. wenn man auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen ist und dabei zwangsläufig mit vielen Menschen in Berührung kommt.

Ebenfalls nicht immer einfach umzusetzen ist die Empfehlung »zu erkrankten Personen Abstand halten«, auch wenn dies zu den wirksamsten Mitteln zählt, eine Ansteckung zu verhindern. Nicht für jeden sind z. B. getrennte Schlafzimmer möglich, wenn sich der Partner oder die Partnerin angesteckt hat. Schwierig ist die Umsetzung oft auch am Arbeitsplatz, wo es schnell befremdlich wirken kann, wenn man beispielsweise Besprechungen verlässt, weil Kollegen mit einem Infekt am Tisch dabeisitzen.

Zu den besten Empfehlungen gehört Händewaschen

Schon lange ist bekannt, dass die Ansteckung bei vielen Atemwegsinfektionen nicht nur über die Luft erfolgt, sondern oft auch die Hände eine wesentliche Rolle spielen, z. B. indem man beim Händeschütteln mit Erregern in Kontakt kommt und sich später ins Gesicht fasst, wo die Schleimhäute von Mund, Nase und Augen potenzielle Eintrittspforten für eine Infektion darstellen. Eindrücklich bestätigt wird die Beteiligung der Hände nicht zuletzt von Berechnungen aus dem Jahr 2008, denen zufolge verschiedene Hand-Hygiene-Maßnahmen unter dem Strich etwa jeden fünften Atemwegsinfekt verhinderten, wobei die Erfolge des Händewaschens umso größer sind, je weniger Fehler dabei gemacht werden

Zusatz-Information: Bei Atemwegsinfektionen weisen Studien der letzten Zeit eventuell darauf hin, dass Händewaschen möglicherweise weniger vor Influenza-Viren schützt, also den Verursachern einer echten Grippe, sondern vor allem vor Infektionen, die auf Viren mit geringerer Gefährlichkeit zurückgehen. Falls sich dies tatsächlich bestätigen sollte, ist Händewaschen aber auf keinen Fall weniger empfehlenswert. Denn auch grippe-ähnliche Infekte ohne die Beteiligung von Influenza-Viren stellen für Herzpatienten häufig eine immense Belastung dar und können einem vorgeschädigten Herz-Kreislauf-System beträchtlich zusetzen. Nicht zu vergessen ist, dass sich mit Händewaschen außerdem viele Magen-Darm-Infektionen vermeiden lassen, die ebenfalls eine erhebliche Gefahr für Herzpatienten darstellen können, insbesondere wenn Durchfall mit deutlichen Flüssigkeits- und Elektrolytverlusten die Folge ist.

Hände wie oft am Tag waschen?

Wie häufig man sich die Hände waschen sollte, hängt von den persönlichen Umständen ab. Empfehlenswerte Gelegenheiten sind z. B. wenn man nach Hause kommt, bevor man in der Wohnung alles anfasst, sowie vor dem Essen bzw. vor der Zubereitung von Mahlzeiten, nach dem Naseputzen, nach der Toiletten-Benutzung oder nach dem Kontakt mit Erkrankten.

Grundsätzlich ist dabei entsprechendes Augenmaß zu empfehlen. Zum einen sollte man nicht aus dem Blick verlieren, dass übertriebenes Händewaschen die Haut mitunter stark strapaziert, was je nach Hauttyp auch mit pflegenden Cremes ein Thema sein kann. Zum anderen sollte kein Waschzwang entstehen, bei dem eine übertriebene Angst vor jeglichem Kontakt mit Viren den Tagesablauf bestimmt. Letztendlich besteht die Kunst darin, sich zwar regelmäßig die Hände zu waschen, aber dies nicht als Last zu empfinden und einen unkomplizierten Umgang mit dem Thema zu entwickeln.

Nicht ins Gesicht fassen?

Da die Hände eine wesentliche Rolle bei der Ansteckung spielen, liegt der Tipp nahe, sich nicht ins Gesicht zu fassen. Offen ist allerdings, wie gut der Rat in der Realität tatsächlich vor einer Infektion schützt. Denn fast jeder Mensch fasst sich immer mal wieder unbewusst ins Gesicht, was sich kaum vollständig verhindern lassen wird und den Erfolg deutlich verringern könnte. Sinnvoll könnte es sein, sich diese Empfehlung zumindest dann in Erinnerung zu rufen, wenn man möglicherweise gerade vermehrt mit Erregern in Kontakt gekommen ist, wie etwa beim Händeschütteln.

Türklinken mit dem Ellbogen herunterdrücken?

Manche Menschen drücken Türklinken in der Öffentlichkeit mit dem Ellbogen herunter oder ziehen sich dafür den Ärmel über die Hand. Im ersten Moment mag das zwar durchaus sinnvoll erscheinen, um nicht unnötig mit Erregern in Kontakt zu kommen. Unklar ist allerdings, ob sich damit tatsächlich Ansteckungen in relevantem Ausmaß verhindern lassen. Denn Krankheitserreger finden sich in der Umwelt an äußerst vielen Stellen, sodass man dann konsequenterweise auch viele andere Dinge nicht mehr anfassen dürfte, wie etwa das Geländer im Treppenhaus, die Knöpfe im Aufzug, die Kaffeemaschine am Arbeitsplatz, den Schubladengriff in der Gemeinschaftsküche und vieles mehr. Der deutlich realitätstauglichere Rat dürfte daher regelmäßiges Händewaschen sein, zumal sich dies in Studien als wirksame Maßnahme erwiesen hat, statt sich von eventuell hier und dort befindlichen Erregern verrückt machen zu lassen.

Zusammenfassung & Empfehlung: Zum Schutz vor Ansteckungen rät die Deutsche Herzstiftung vor allem zur Grippeimpfung und zu regelmäßigem Händewaschen. Welche weiteren Maßnahmen, wie etwa das »Abstandhalten von erkrankten Personen«, umsetzbar und zu empfehlen sind, hängt vom Einzelfall ab und sollte mit entsprechendem Augenmaß abgewogen werden. Ob jetzt noch eine Impfung gegen Grippe sinnvoll ist, nachdem die Grippewelle bereits begonnen hat, sollten Sie bei Ihrem Arzt oder Ihrer Ärztin individuell für Ihre Situation erfragen.

 

Ärzte Zeitung online, 20.02.2018

 

"Eine der wichtigsten Veranstaltungen des Jahres"

Schüler haben 1000 Fragen zu Organspenden

Modellprojekt: Ärzte, Politiker und eine Betroffene bringen Oberstufenschülern bei, wie schwierig und wichtig das Thema Organspende ist. Dabei dürfen die Schüler sogar anfassen.

KIEL. Die Lehrer sitzen in der letzten Reihe und die Schüler tauschen die Klassenzimmer gegen den Hörsaal ein: Einmal im Jahr kommt der elfte Jahrgang des Kieler Ernst-Barlach-Gymnasiums in das Uniklinikum Schleswig-Holstein (UKSH), um sich mit Experten über das Thema Organspende auszutauschen – ein vielversprechendes Projekt.

"Eine der wichtigsten Veranstaltungen des Jahres" nennt Professor Alena Buyx das Treffen mit den 16- und 17-Jährigen Schülern. Die Aussage der Professorin für Medizinethik, immerhin Mitglied des Deutschen Ethikrates, zeigt, wie ernst es den Medizinern am UKSH mit Information und Austausch mit dem Nachwuchs ist.

Die rund 100 Schüler kommen nicht unvorbereitet in den Hörsaal der Kieler Hautklinik. Im Philosophie- und Religionsunterricht haben sie über Organspenden gesprochen und sie werden die Veranstaltung im UKSH im Unterricht auch anschließend besprechen.

Ethische Konflikte

An diesem Tag nutzen sie die Chance, um mit Ärzten, einer DSO-Vertreterin, einem Politiker und mit der Organtransplantierten Heidrun Dreher zu sprechen. "Was war das für ein Gefühl, als Sie von dem Spenderorgan erfahren haben?" "Fragen Sie sich, wer der Spender war?" "Hatten Sie Angst vor der OP?", sind einige der Fragen, die Heidrun Dreher beantworten muss.

Sie geht direkt auf die Jugendlichen zu, lässt sie ihren Dialyseshunt unter der Haut anfassen. Die Schüler zögern kurz, bevor sie die Hand auflegen – danach haben sie einen hautnahen Eindruck erhalten, was es heißt, mit solchen gesundheitlichen Problemen konfrontiert zu sein wie Heidrun Dreher.

Sie hatte eine Zystenleber. Was das für ihr Leben bedeutete, welche Einschränkungen und welche Ängste sie bis zur Transplantation erdulden musste, beschreibt sie eindringlich. Es ist aber nicht nur dieser persönliche Kontakt, der die Informationsveranstaltung im UKSH so wertvoll macht. Die Schüler nehmen auch jede Menge Wissen mit. Etwa von den Ärzten Professor Felix Braun, Professor Alena Buyx und Dr. Stefanie Wailke, die ihnen Fakten und Abläufe erklären und ethische Fragen näher bringen.

Buyx verdeutlicht, worum es beim Thema Organspende gehen kann: "Das Überleben eines Menschen ist mit dem Tod eines anderen verknüpft. Mehr ethischer Konflikt geht nicht." Und sie veranschaulicht, welch ein Dilemma mit zurückgehenden Organspenden entsteht: "Mediziner könnten Patienten vor dem sicheren Tod bewahren. Sie schaffen es aber nicht, weil keine Spenderorgane da sind. Das ist für Mediziner unerträglich und für die Betroffenen fürchterlich."

 Chirurg Professor Felix Braun aus dem UKSH-Transplantationszentrum beschreibt es so: "Es sterben Patienten auf der Warteliste. Versuchen Sie mal, den Mangel an Spenderorganen gerecht zu verteilen."

Was unterscheidet die Zustimmungs- von der Widerspruchslösung, was versteht man unter dem Begriff Hirntod, wie ist die Entwicklung bei den Organspenden, wie ist der Ablauf nach Meldung eines Spenderorgans und welche Kriterien spielen bei der Platzierung auf der Warteliste eine Rolle? Dies sind weitere Fragen, die die Ärzte des UKSH und Antje Winkler von der Deutschen Stiftung Organspende (DSO) in den zwei Stunden im Hörsaal mit den Schülern klären. Vorher spricht Staatssekretär Dr. Matthias Badenhop, der den erkrankten Gesundheitsminister Dr. Heiner Garg vertritt.

Aufklärung ist das oberste Gebot

Er erläutert, was die Politik tun könnte – nämlich die Einführung einer Widerspruchslösung wieder auf die Tagesordnung bringen. Damit setzt er auf einen Dreiklang: Aufklärung der Öffentlichkeit, Unterstützung für die Entnahmekliniken und Änderung der Rechtsordnung. Wenn diese Instrumentarien greifen, so hofft Badenhop, könnte sich die Situation zumindest entschärfen.

Derzeit ist die so angespannt wie nie. Täglich sterben Menschen auf der Warteliste. Heidrun Dreher will trotzdem niemanden überreden zur Organspende, wie sie sagt. Aber: "Jeder sollte sich mit dem Thema auseinandersetzen." Die Schüler des Ernst-Barlach-Gymnasiums haben das an diesem Tag intensiver getan als viele andere Menschen in ihrem ganzen Leben.

 

Westfalenblatt 17.02.2018

 

NW Bad Oeynhausen; 17.02.2018

 

Expertin für Transplantations-Nachsorge: Dr. Doris Gerbig bespricht mit einem Patienten die Ultraschall-Untersuchung der Niere.

© Andi Mayr

Interview

Heilbrunner Expertin zum Thema Organspende: „Es mangelt an Motivation“

Von Patrick Staar

Organspender sind schwer gefragt: Expertin Dr. Doris Gerbig von der Heilbrunner Fachklinik spricht über Schwachstellen in Krankenhäusern und belastende Gespräche mit Angehörigen.

Bad Tölz-Wolfratshausen– Die Zahl der Organspender ist in Deutschland auf den niedrigsten Stand seit 20 Jahren gesunken. Gab es 2011 noch 1200 Spender, waren es im vergangenen Jahr nur noch 797. Haben die Menschen Angst vor der Organspende? Fürchten sich die Ärzte davor, mit Angehörigen der Verstorbenen über dieses Thema zu sprechen? Unsere Zeitung sprach darüber mit Dr. Doris Gerbig, Chefärztin und Expertin für Transplantationsnachsorge an der Fachklinik in Bad Heilbrunn.

-Frau Dr. Gerbig, mangelt es in der Bevölkerung an der Bereitschaft, Organe zu spenden?

Nein. Es gibt Befragungen der Krankenkassen, die zeigen: Die Zahl der Menschen, die Organe spenden wollen, hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Umfragen haben ergeben, dass etwa Dreiviertel der Bundesbürger bereit wären, Organe zu spenden.

-Warum sinkt die Zahl der Organspender seit einigen Jahren trotzdem kontinuierlich?

Ich denke, es gibt dafür mehrere Gründe. Der Hauptgrund ist aus meiner Sicht die Situation in unseren Entnahme-Krankenhäusern. Sie sind die Schlüsselstellen im Organspende-Prozess. Ein Verstorbener kann in Deutschland nur zur Organspende freigegeben werden, wenn er auf einer Intensivstation stirbt und wenn dort der irreversible Hirnfunktionsausfall festgestellt wird, den man früher Hirntod genannt hat. Dann kann man den nächsten Schritt gehen und sagen: „Ist das ein potenzieller Organspender?“ Es muss zur weiteren Klärung mit den Angehörigen gesprochen werden. Die Deutsche Stiftung Organtransplantation muss benachrichtigt und der Organspendeprozess muss in die Wege geleitet werden. Das sind viele Aufgaben, die die Ärzte und das Pflegepersonal zusätzlich zu ihren normalen Aufgaben übernehmen müssen. Und hierfür haben wir auf den Intensivstationen oft nicht genug Kapazitäten. Teilweise fehlt auch eine eindeutig positive Haltung und Motivation zugunsten der Organspende.

-In Bayern wurde 2017 das Landesausführungsgesetz für Transplantations-Beauftragte verabschiedet. Damit soll das Transplantationsgesetz besser umgesetzt werden. Was hat dies bewirkt?

Sehr viel. In Bayern gibt es jetzt klare und verbindliche Regeln, die besagen, dass die Transplantations-Beauftragten in den Krankenhäusern von anderen Aufgaben freigestellt werden müssen. Das heißt: Es gibt dadurch mehr Personalreserven für den Organspendeprozess. Im Gegensatz zum Bundesdurchschnitt konnte Bayern die Anzahl der Organspenden um 18 Prozent in 2017 steigern.

-Welche Aufgaben hat dieser Transplantations-Beauftragte?

Er ist Ansprechpartner für die Klinikmitarbeiter in allen Fragen zum Thema Organspende und soll das Verständnis und die Motivation für die Gemeinschaftsaufgabe Organspende vertiefen. Er schult die Mitarbeiter in Zusammenarbeit mit der DSO, er erstellt klinikinterne Leitlinien zum Ablauf der Organspende und ist auch der autorisierte Ansprechpartner für die DSO, wenn eine Spendermitteilung erfolgt ist.

-Haben Ärzte Angst, mit Angehörigen über Organspende zu reden?

Solche Gespräche zu führen, ist für alle Beteiligten belastend, aber eben wichtig und notwendig. Ich habe diese Gespräche auch schon geführt, als ich am Klinikum Großhadern gearbeitet habe. Man muss in diesem Gespräch auf der einen Seite sagen, dass der Lebenspartner, Sohn, die Tochter oder der nahe Angehörige verstorben ist. Im gleichen Gespräch oder vielleicht auch schon im Sterbeprozess muss man den Angehörigen fragen: „Sind Sie mit einer Organentnahme einverstanden? Hat sich der Verstorbene ihnen gegenüber geäußert, ob er Organe zur Organspende freigeben wollte?“

-Wie reagieren Angehörige auf diese Frage?

Ganz unterschiedlich. Es ist für sie sehr, sehr hart, in dieser schweren Stunde auch noch diese Entscheidung zu treffen, insbesondere wenn sie nicht wissen, wie der Wunsch des Verstorbenen gewesen wäre. Wenn man sich noch nie mit diesem Thema auseinandergesetzt hat, fühlen sich Angehörige überfordert und sagen dann eher nein.

-Welchen Rat geben Sie?

Wenn wir Informationsveranstaltungen zum Thema Organspende machen, raten wir immer: Sprecht mit euren Angehörigen, was ihr im Zeitpunkt eures Todes möchtet. Möchtet ihr, dass mit euren

Organen anderen Menschen geholfen wird? Dass mehrere Menschen mit eurem Herz,

eurer Leber, eurer Lunge und eurer Niere weiterleben können oder nicht? Und bitte

dokumentiert euren Willen im Organspendeausweis. Dann müssen die Angehörigen

diese Entscheidung zum Zeitpunkt des Todes nicht selber fällen, und das Thema

Organspende verliert für die Angehörigen ein wenig seinen Schrecken. Die Angehörigen

wissen dann, dass in dieser ganz schlimmen Situation noch einem letzten Wunsch des

Verstorbenen nachgekommen werden kann.

-Wie viele Menschen haben einen Organspende-Ausweis?

So weit ich weiß, haben ihn 20 bis 30 Prozent aller Menschen immer ausgefüllt dabei.

-Wie viele Menschen mit einem eingepflanzten Organ haben Sie zur Reha in Bad Heilbrunn?

Sehr viele. Wir sind schon seit 18 Jahren eine spezialisierte Reha-Klinik für Nieren- und Leber- und Pankreastransplantierte Patienten. Wir rehabilitieren ca. 500 Patienten pro Jahr und sind damit mit Abstand die größte Nachsorge-Rehaklinik in Deutschland, was Transplantationen betrifft. Zu uns kommen frisch transplantierte Patienten, aber auch Transplantierte in der Langzeit-Nachsorge und Nierenlebendspender.

- Wie viele Menschen stehen derzeit auf der Organspende-Warteliste?

Etwa 10 000, darunter 8000 für Nieren-Transplantationen.

-Wie sieht es mit den Wartezeiten aus?

Die Wartezeit für eine postmortale Niere beträgt durchschnittlich sieben Jahre, aber auch bis zu zwölf Jahre.

-Schaffen denn alle Patienten die Wartezeit?

Die Überlebenschancen werden mit zunehmender Wartezeit kleiner. Wir kämpfen dafür, dass wir mehr Dialyse-Patienten hier im Rahmen der Reha betreuen können, um sie fit auf der Warteliste zu behalten. Mit zunehmender Dauer der Dialyse nehmen die Begleiterkrankungen deutlich zu, und es geht einem von Jahr zu Jahr schlechter. Irgendwann kommt unter Umständen der Zeitpunkt, dass gar nicht mehr transplantiert werden kann, weil die Begleiterkrankungen überhandnehmen und man die ganzen Nebenwirkungen der Anti-Abstoßungs-Therapie gar nicht mehr aushalten kann.

-Andere Patienten dürften noch schlechtere Perspektiven haben...

Stimmt. Patienten, die zum Beispiel leber-, lungen- oder herzkrank sind und auf ein Transplantat warten, haben ein der Dialyse vergleichbares Ersatzverfahren. Da ist die Sterberate auf der Warteliste deutlich höher.

-Wie wird festgelegt, wer ein Organ bekommt?

Das geht über den Eurotransplant-Verbund, dem acht europäische Länder angehören. Die Zentrale von Eurotransplant ist in Leiden in den Niederlanden. Die haben eine große Datenbank mit den potenziellen Transplantat-Empfängern. Es gibt ganz klare Kriterien für die Organvergabe. Bei der Niere ist es zum Beispiel die Zeit, wie lange man schon an der Dialyse ist. Pro Jahr Dialyse bekommt man so und so viele Punkte. Ein Kriterium ist es auch die Blutgruppe. Es gibt Blutgruppen, die kann man besser transplantieren, andere schlechter. Eine Rolle spielen auch das Alter und der aktuelle Gesundheitszustand. Patienten mit einer hohen Dringlichkeit werden schneller transplantiert. Eurotransplant kümmert sich auch um die Organisation, wie das Organ zum Empfänger kommt.

-Gibt es eine Altersgrenze für Organspender?

Eigentlich nicht. Wir hören bei unseren Fortbildungs-Veranstaltungen immer wieder die Aussage: „Ich bin 65, ich bin 75. Ich brauche keinen Organspender-Ausweis mehr auszufüllen, weil mein altes Zeug ja keiner mehr will.“

-Was antworten Sie?

Bitte auf alle Fälle den Organspende-Ausweis ausfüllen. Zum Zeitpunkt X, wenn der Patient auf der Intensivstation verstorben ist und eine Organspende stattfinden soll, wird jedes Organ genau untersucht, ob man es noch sinnvoll transplantieren kann – oder nicht. Es wird nicht kritiklos alles transplantiert, was geht.

-Lohnt es sich für die Kliniken finanziell, eine Organentnahme durchzuführen?

Damit treffen Sie einen ganz wunden Punkt. Das Intensivbett mit Beatmungsmaschinen ist von einem Verstorbenen über einige Stunden oder auch ein bis zwei Tage belegt, bis geklärt ist, wie das mit der Organspende abläuft. Dann muss für die Organentnahme ein Operationssaal und Personal bereitgestellt werden. Das ist durchaus ein Problem, weil man in dieser Zeit auch andere Operationen durchführen könnte. Eine Organentnahme ist meines Wissens aber keinesfalls kostendeckend.

-Wäre es sinnvoll, dass die Krankenhäuser für die Organentnahme mehr Geld bekommen?

Man muss die Kosten abbilden, die das Krankenhaus definitiv hat, aber es darf natürlich für das Krankenhaus aus ethischen Gründen kein Gewinn dabei rauskommen.

-Wie ist der Ablauf bei solch einer Organ-Entnahme?

Es wird festgelegt, welches Organ-Entnahmeteam kommt. Es kommen immer Kollegen von Transplantationszentren, die auf die Organentnahme spezialisiert sind. Die arbeiten mit dem Personal in dem jeweiligen Entnahme-Krankenhaus zusammen. Dieses Personal muss vom Entnahme-Krankenhaus vorgehalten werden, genauso wie das Intensiv-Bett und der Operationssaal.

-Es gibt Menschen, die fürchten, dass sie während der Organentnahme Schmerzen haben könnten. Ihre Meinung dazu?

Das ist eine ganz furchtbare Diskussion, die keinerlei wissenschaftliche Grundlage hat. Es ist klar belegt: Wenn das Hirn nicht mehr durchblutet, also die Hirnfunktion irreversibel ausgefallen ist, dann gibt es nach wissenschaftlichen Erkenntnissen kein Leben mehr und auch keine Möglichkeit mehr, ins Leben zurückzukommen. Wer sagt, dass man als Organspender Schmerzen hat, negiert die Tatsache, dass man dann bereits tot ist.

-In anderen Ländern gibt es die Regelung, dass man aktiv einer Organentnahme widersprechen muss. Was halten Sie davon?

Das ist für die Organspendezahlen sicher förderlich. Ich wäre dafür, dass man sich zu Lebzeiten ganz klar mal Gedanken machen muss. Wenn man keine Organspende möchte, muss man das ganz klar fixieren. So ist es zum Beispiel in Österreich und in vielen anderen Ländern. Bei uns ist es anders herum: Wir müssen zu Lebzeiten ganz klar Ja gesagt haben.

-Ihnen würde die österreichische Regelung also ganz gut gefallen?

Für die Patienten, die auf Organe warten, ist die Widerspruchslösung besser, weil man da automatisch mehr Organspender hat. Es ist in den vergangenen Jahren immer wieder diskutiert worden, ob diese Widerspruchs-Lösung in Deutschland möglich ist. Nach meinen Informationen werden wir die Widerspruchslösung – auch aus historischen Gründen – in Deutschland nicht durchbekommen.

-Welche Lösung schlagen Sie stattdessen vor?

Ich bin für einen hohen Informationsstand. Das Thema Organspende sollte in der breiten Bevölkerung diskutiert werden, jeder sollte sich informieren und sich für oder gegen Organspende entscheiden, und man sollte in den Entnahmekrankenhäusern eine positive Haltung und Motivation zugunsten der Organspende auf allen Ebenen fördern.

 

 

Ärzte Zeitung online, 13.02.2018

 

Transplantation

Niederlande pro Widerspruchslösung bei Organspende

Ähnlich wie in Deutschland galt in den Niederlanden bisher für die Organspende eine Zustimmungslösung. Das wird sich nach einer aktuellen Abstimmung im Senat wohl ändern.

 

 

DEN HAAG. Der niederländische Senat hat heute über ein neues Organspendegesetz entschieden. Zur Abstimmug stand ein Entwurf der linksliberalen Partei D66, laut dem aus der derzeitigen Zustimmungsregelung eine Widerspruchsregelung gemacht werden soll.

Das neue Gesetz sieht vor, dass alle Bürger gefragt werden, ob sie Organe nach ihrem Tod spenden wollen oder nicht. Wer sich nicht entscheidet, wird automatisch als Spender registriert (Widerspruchslösung). Nach Angaben der niederländischen Nierenstiftung sind heute 60 Prozent der Niederländer nicht registriert.

Das Parlament hatte bereits im Jahr 2016 mit knapper Mehrheit für die Änderung gestimmt. Nach letzten Umfragen sind 51 Prozent der Niederländer für das neue Gesetz, 43 Prozent dagegen.

Laut einem Bericht des "ZDF" sterben jedes Jahr 150 Patienten in dem Nachbarland, weil das Spenderorgan zu spät kommt. 1100 Patienten stehen derzeit auf der Warteliste. 100 müssen jährlich von den Wartelisten genommen werden, weil sich ihr Gesundheitszustand so verschlechtert, dass eine Transplantation für sie nicht mehr in Frage kommt. Laut einer Statistik des Europarats kommen auf eine Million Niederländer derzeit nur 14,7 Spender.

In Deutschland informieren die Krankenkassen seit der Neuregelung des Transplantationsgesetzes 2012 ihre Kunden darüber, wie man Organspender wird und warum das wichtig ist. Jeder kann dann selbst entscheiden, ob er Organspender sein möchte (Entscheidungslösung).

Nach aktuellen Statistiken der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) war in Deutschland die Anzahl der Organspender je eine Million Einwohner 2017 erstmals unter die Marke von 10 gesunken.

Am Nachmittag meldete die Korrespondentin des ZDF nun per Twitter das Abstimmungergebnis: Danach stimmte eine knappe Mehrheit für die Widerspruchslösung. Der Senat hat das neue Organspendegesetz mit 38 Ja-Stimmen gegen 36 Nein-Stimmen angenommen.

 

Organspenden in Spanien Organspenden – es geht doch

Von Martin Dahms 06. Februar 2018 - 11:40 Uhr

Spanien hat eine fast fünf Mal höhere Organspenderate als Deutschland. Nicht weil die Spanier bessere Menschen wären. Sondern weil das System besser organisiert ist.

Madrid - „Die Debatte wird falsch geführt“, sagt Beatriz Domínguez-Gil. Sie meint die deutsche Organspendedebatte, die sich auf die Spendebreitschaft der Menschen konzentriere, darauf, wie die Gesellschaft von den Vorzügen der Organspende zu überzeugen wäre. „Dabei geht es eher um strukturelle und Organisationsreformen, die durchgeführt werden müssten.“

Das Wort von Domínguez-Gil hat Gewicht. Sie ist die Direktorin der spanischen Nationalen Transplantationsorganisation (ONT). Spanien ist seit einem Vierteljahrhundert Organspendeweltmeister. Im vergangenen Jahr ist die Zahl der Organspender weiter gestiegen, um 8,1 Prozent. Das macht 46,9 Organspender pro Million Einwohner, fast fünf Mal mehr als in Deutschland, wo diese Rate im vergangenen Jahr auf 9,7 gefallen ist. Weil einem Spender auch mehrere Organe entnommen werden können, gab es in Spanien im vergangenen Jahr insgesamt 5261 Transplantationen.


Das System funktioniert in Spanien ohne Werbung

Das System funktioniert, ohne dass die Spanier zur Solidarität aufgefordert werden müssten. „Wir stecken kein Geld in Werbekampagnen“, sagt Domínguez-Gil. Der Erfolg des Systems ist dessen beste Werbung. Die Spanier, die ihren Institutionen sonst eher misstrauisch gegenüber stehen, vertrauen der ONT. Manchmal kommen sie den Ärzten und Pflegern im Krankenhaus zuvor, wenn ein Angehöriger im Sterben liegt, und bringen von sich aus das Gespräch auf die Organspende: „Wenn man nichts mehr für ihn tun kann – er wollte Organspender sein, haben Sie das doch bitte im Kopf.“ So bekommt es die ONT-Direktorin von den Transplantationskoordinatoren aus den Krankenhäusern erzählt, „immer häufiger“.

Der Erfolg des Systems ist vor allem Rafael Matesanz Mann geschuldet. Der Nierenfacharzt gründete 1989 die nationale Transplantationsorganisation und blieb, mit einer kurzen Unterbrechung, bis zum vergangenen Jahr ihr Direktor. „Er hatte ein klares Ziel“, sagt seine Nachfolgerin Domínguez-Gil, „er war ein großartiger Teamorganisator, und er hat sehr vehement seine Ideen verteidigt, wie die Dinge zu machen seien.“

Organspende ist in Spanien Aufgabe der Krankenhäuser selbst

Die wesentliche Entscheidung war es, die Organspende zur Aufgabe der Krankenhäuser zu machen, statt damit eine außenstehende Institution zu beauftragen. In jeder der 188 spanischen Kliniken, in denen Organe entnommen werden können, gibt es einen Transplantationskoordinator, gewöhnlich einen Intensivmediziner, mit einem dazugehörigen Team. Ihre Arbeit wird fortlaufend evaluiert, und die Teammitglieder erhalten regelmäßige Fortbildung. Sie erkennen, wenn ein Patient dem Tod entgegengeht und als Organspender in Frage kommt.

Daran scheitern Systeme mit niedrigen Organspenderaten wie das deutsche: nicht am fehlenden Willen der Menschen, im Todesfall ihre Organe herzugeben, sondern an fehlender Aufmerksamkeit. Die Aufmerksamkeit des zuständigen Personals wird in Spanien belohnt, was manche im Land kritisieren. Doch dass gute Arbeit auch gut bezahlt wird, hält die ONT für selbstverständlich. Zumal die Organspende nicht nur dem Empfänger zu einem besseren Leben verhilft, sondern auch das Gesundheitssystem finanziell entlastet. Eine jahrelange Dialyse ist teurer als eine Nierentransplantation.

Die wenigsten misstrauen den Erklärungen, dass ihr Angehöriger auch wirklich tot ist

Die zweite wichtige Aufgabe der Transplantationsbeauftragten ist das Gespräch mit den Angehörigen. In einer emotional ohnehin schwierigen Situation, angesichts des nahenden Todes eines geliebten Menschen, sollen sie sich der Frage stellen, ob dieser wohl mit der Entnahme seiner Organe einverstanden wäre. Das spanische Transplantationsgesetz von 1979 geht – anders als das deutsche – davon aus, dass jeder zur Organspende bereit ist, es sei denn, er widerspricht dem zu Lebzeiten. Das kann er vor einem Notar tun, oder indem er sich in einem speziellen Register anmeldet. Es reicht aber auch, dass er gegenüber seiner Familie verkündet, dass er von der Organspende nichts hält.

Deswegen ist das Gespräch mit den Angehörigen so wichtig. Sie sollen im Namen des Sterbenden glaubwürdig versichern, dass er einer Organentnahme zustimmen würde. Im vergangenen Jahr sagten in diesen Gesprächen 87 Prozent der Angehörigen Ja zur Organspende. „Eine außergewöhnlich hohe Rate“, sagt Domínguez-Gil. Die Spanier haben keine Vorurteile gegen die Organspende, und die wenigsten misstrauen den Erklärungen, dass ihr Angehöriger auch wirklich tot ist, wenn ihm die Organe entnommen werden.

Anders als in Deutschland sind Organentnahmen nach einem Herzstillstand erlaubt

Das spanische Transplantationssystem war schon vor zehn Jahren außergewöhnlich erfolgreich. Dass es noch erfolgreicher wird, erklärt die ONT-Direktorin mit drei neueren Entwicklungen. Zum Ersten wird die Sensibilisierung und Fortbildung des medizinischen Personals in Sachen Organspende auf Abteilungen jenseits der Intensivstationen ausgeweitet. Zum Zweiten steigt das Durchschnittsalter der Organspender: Der älteste, dem in Spanien ein Organ entnommen wurde, war 94 Jahre alt – das geht, weil auch die Empfänger immer älter werden.

Zum Dritten sind in Spanien, anders als in Deutschland, Organentnahmen nach einem Herzstillstand erlaubt, und die machen mittlerweile ein gutes Drittel aller Organspenden in Spanien aus. Der Tod eines Menschen tritt mit dem Erlöschen seiner Hirnfunktionen ein. Manchmal geschieht das, während Maschinen noch den Rest des Körpers am Leben erhalten. Dieser Hirntod ist überall die normale Voraussetzung für eine Organentnahme. Wenn umgekehrt das Herz zu schlagen aufhört, während das Hirn noch Lebenszeichen von sich gibt, sind die meisten Gesetzgeber vorsichtig und untersagen in diesem Fall eine Organentnahme. Den Spaniern genügt zu wissen, dass kurze Zeit nach dem Herzstillstand auch der Hirntod eintritt. Niemandem wird ein Organ entnommen, der noch leben könnte.

Die ONT-Direktorin Domínguez-Gil ist davon überzeugt, dass Deutschland auch ohne Gesetzesänderung seine Organspenderate wesentlich erhöhen könnte. Dass es vor ein paar Jahren einen Korruptionsskandal im deutschen System gab, könne nicht als „ewige Rechtfertigung“ für die schlechten deutschen Zahlen herhalten. „Ein Land wie Deutschland muss da was tun.“

Sonderfall Nierentransplantationen

Die einzige Zahl, die im spanischen Transplantationssystems leicht nach unten weist, ist

die der Lebendspenden zwischen engen Verwandten oder Lebenspartnern. Vermutlich l

iegt dieser Rückgang daran, dass die Aussicht, in absehbarer Zeit das Spenderorgan

eines Verstorbenen zu erhalten, im Laufe der Jahre immer besser geworden ist. Etwa 30

Prozent derjenigen, die bereit wären, einem geliebten Menschen ihre Niere zu spenden,

müssen darauf wegen Unverträglichkeiten beim Empfänger verzichten.

 

06. Februar 2018

 

Vorbild Spanien Erfolgsrezepte eines Weltmeisters

In Spanien werden seit vielen Jahren mit Abstand die meisten Organe gespendet. Denn die Kliniken sind gut ausgestattet, die Frage nach der Spende ist kein Tabu und die Menschen vertrauen dem System.

Von Martin Dahms

Spenderorgane wie Herz und Lunge werden dringend gesucht. Foto: Istock

„Die Debatte wird falsch geführt“, sagt Beatriz Domínguez-Gil. Sie meint die deutsche Organspendedebatte, die sich auf die Spendenbereitschaft der Menschen konzentriere, also darauf, wie die Gesellschaft von den Vorzügen der Organspende zu überzeugen wäre. „Dabei geht es eher um strukturelle und Organisationsreformen, die durchgeführt werden müssten.“

 

Das Wort von Domínguez-Gil hat Gewicht. Sie ist Direktorin der spanischen Nationalen Transplantationsorganisation (ONT), in deren Händen die gesamte Organisation der Organspende liegt: von der Entnahme bis zur Verteilung und dem Führen von Wartelisten. Spanien ist seit einem Vierteljahrhundert Organspende-Weltmeister. 2017 ist die Zahl der Organspender weiter gestiegen, um 8,1 Prozent, auf 2183. Das macht 46,9 Organspender pro Million Einwohner, fast fünf Mal so viel wie in Deutschland: Hier ist die Rate 2017 auf 9,3 gefallen.

Weil einem Spender oft mehrere Organe entnommen werden, gab es in Spanien im vergangenen Jahr insgesamt 5261 Transplantationen. Eine kaum glaubliche Zahl. Beeindruckend ist auch eine weitere: Mit knapp 4900 Menschen standen Ende 2017 rund 600 Schwerstkranke weniger auf der Warteliste für ein Spenderorgan als ein Jahr zuvor. In Deutschland dagegen verbessert sich hier seit Jahren nichts.

Das spanische System funktioniert, ohne dass die Bevölkerung zur Solidarität aufgefordert werden müsste. „Wir stecken kein Geld in Werbekampagnen“, sagte Domínguez-Gil der FR. Der Erfolg des Systems ist dessen beste Werbung. Die Spanierinnen und Spanier, die ihren Institutionen sonst eher misstrauen, vertrauen der ONT.

Manchmal kommen sie den Ärzten und Pflegern zuvor, wenn ein Angehöriger im Sterben liegt, und bringen von sich aus das Gespräch auf die Organspende: „Wenn man nichts mehr für ihn tun kann – er wollte Organspender sein, haben Sie das doch bitte im Kopf.“ So bekommt es die ONT-Direktorin von den Transplantationskoordinatoren aus den Krankenhäusern erzählt, „immer häufiger“.

Der Erfolg des Systems ist vor allem einem Mann geschuldet, Rafael Matesanz, dem Steve Jobs der Organspende. Der Nierenfacharzt gründete 1989 die ONT und blieb, mit einer kurzen Unterbrechung, bis 2017 ihr Direktor. „Er hatte ein klares Ziel“, sagt Nachfolgerin Domínguez-Gil, „er war ein großartiger Teamorganisator, und er hat sehr vehement seine Ideen verteidigt, wie die Dinge zu machen seien.“ Mit überwältigenden Ergebnissen.

Die wesentliche Entscheidung war es, die Organspende zur Aufgabe der Krankenhäuser zu machen, statt damit eine außenstehende Institution zu beauftragen. In jeder der 188 spanischen Kliniken, in denen Organe entnommen werden können, gibt es einen Transplantationskoordinator, gewöhnlich einen Intensivmediziner, und sein Team. Ihre Arbeit wird fortlaufend evaluiert, die Teams bilden sich regelmäßig fort.

Sie tun vor allem eines: Sie sind aufmerksam. Sie erkennen, wenn ein Patient dem Tod entgegengeht und als Organspender in Frage kommt. Daran scheitern Systeme mit niedrigen Organspenderaten wie das deutsche: nicht am fehlenden Willen der Menschen, im Todesfall ihre Organe herzugeben, sondern an fehlender Aufmerksamkeit.

Die Aufmerksamkeit des Klinikpersonals wird in Spanien mit besonderen Pauschalen belohnt, was manche im Land kritisieren. Doch dass gute Arbeit auch gut bezahlt wird, hält die ONT für selbstverständlich. Zumal die Organspende nicht nur dem Empfänger zu einem besseren Leben verhilft, sondern auch das Gesundheitssystem finanziell entlastet. Eine jahrelange Dialyse ist teurer als eine Nierentransplantation.

Die zweite wichtige Aufgabe der Transplantationsbeauftragten ist das Gespräch mit den Angehörigen. In einer emotional belastenden Lage, angesichts des nahenden Todes eines geliebten Menschen, sollen sie sich der Frage stellen, ob dieser wohl mit der Entnahme seiner Organe einverstanden wäre. Das spanische Transplantationsgesetz von 1979 geht (anders als das deutsche) davon aus, dass jeder zur Organspende bereit ist, es sei denn, er widerspricht dem zu Lebzeiten. Das kann er vor einem Notar tun oder indem er sich in einem speziellen Register anmeldet. Es reicht aber auch, dass er gegenüber seiner Familie verkündet, dass er von der Organspende nichts hält. Deswegen ist das Gespräch mit den Angehörigen so wichtig: Sie sollen glaubwürdig im Namen des Sterbenden sprechen. Im vergangenen Jahr sagten in diesen Gesprächen 87 Prozent der Angehörigen Ja zur Organspende. „Eine außergewöhnlich hohe Rate“, sagt Domínguez-Gil. Die Spanier haben keine Vorurteile gegen die Organspende, und die wenigsten misstrauen den Erklärungen, dass ihr Angehöriger wirklich tot ist, wenn ihm die Organe entnommen werden.

Das spanische Transplantationssystem war schon vor zehn Jahren außergewöhnlich

erfolgreich. Dass es noch immer erfolgreicher wird, erklärt die ONT-Direktorin mit drei

neueren Entwicklungen. Zum Ersten wird die Sensibilisierung und Fortbildung des

medizinischen Personals in Sachen Organspende auf immer mehr Abteilungen jenseits

der Intensivstationen der Krankenhäuser ausgeweitet.

Zum Zweiten steigt das Durchschnittsalter der Organspender: Der Älteste, dem in Spanien ein Organ entnommen wurde, war 94 Jahre alt – das geht, weil auch die Empfänger immer älter werden. Zum Dritten sind in Spanien, anders als in Deutschland, Organentnahmen nach einem Herzstillstand erlaubt, und die machen mittlerweile ein gutes Drittel aller Organspenden im Land aus. Der Tod eines Menschen tritt mit dem Erlöschen seiner Hirnfunktionen ein.

Manchmal geschieht das, während Maschinen noch den Rest des Körpers am Leben erhalten. Dieser Hirntod ist überall die normale Voraussetzung für eine Organentnahme. Wenn umgekehrt das Herz zu schlagen aufhört, während das Hirn noch Lebenszeichen von sich gibt, sind viele Gesetzgeber vorsichtig und untersagen in diesem Fall eine Organentnahme. Den Spaniern genügt zu wissen, dass kurze Zeit nach dem Herzstillstand auch der Hirntod eintritt. Niemandem wird ein Organ entnommen, der noch leben könnte.

Die ONT-Direktorin Domínguez-Gil ist überzeugt, dass Deutschland auch ohne Gesetzesänderung seine Organspenderate „wesentlich erhöhen könnte, wesentlich!“. Auch dass es vor einigen Jahren einen Korruptionsfall im deutschen System gab, könne nicht als „ewige Rechtfertigung“ für die schlechten Zahlen herhalten. Die seien eine Folge der „Struktur, der Prozessorganisation“. Da ließe sich was tun. „Ein Land wie Deutschland muss da was tun.“

 

 

 

 

 

Organspende: Kliniken fordern Freistellungen

Medizin: Die Krankenhausgesellschaft

begrüßt die Pläne der Landesregierung

Von Carolin Nieder-Entgelmeier

Düsseldorf. Mit 8,2 Organspendern pro eine Million Einwohner liegt Nordrhein-Westfalen an letzter Stelle der sieben Organspende-Regionen in Deutschland. 2017 hat die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) in NRW 146 Organspender registriert. Um diese Negativentwicklung zu beenden, plant NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) eine gesetzliche Stärkung der Transplantationsbeauftragten in den Krankenhäusern. Geprüft wird auch, ob eine gesetzliche Freistellung der Transplantationsbeauftragten wie in Bayern die Situation in NRW verbessern könnte. Die Kliniken im Land befürworten Freistellungen.

"Den Tiefpunkt von nur 146 Organentnahmen im vergangenen Jahr in Nordrhein-Westfalen können wir nicht tatenlos hinnehmen", erklärt der Präsident der Krankenhausgesellschaft NRW (KGNW), Jochen Brink. Die Konkretisierung der Freistellungsregelung der Transplantationsbeauftragten in den Krankenhäusern sehe man analog zu der bayerischen Lösung mit als eine sinnvolle Möglichkeit an, um die Rahmenbedingungen für mehr Organspenden in NRW zu verbessern. "Die Details der Umsetzung und der Refinanzierung der Stellen sollten deshalb schnellstmöglich mit den Verantwortlichen in Land und Bund geklärt werden", so Brink.

Die aktuelle Gesetzeslage in NRW ist schwammig. Die Lösung sieht eine Freistellung vor, "wie es zur ordnungsgemäßen Durchführung der Aufgaben nach diesem Gesetz erforderlich ist". Die Lösung in Bayern, die seit Beginn 2017 gilt, definiert hingegen klare Personalschlüssel nach Maßgabe der Zahl der Intensivbetten (Beispiel: pro 10 Betten 0,1 Vollkräfte Freistellung). Die Folge: Die Zahl der Organspender ist 2017 gestiegen.

Klare Personalschlüssel fordert auch Westfalen-Lippes Ärztekammer-Präsident Theo Windhorst: "Für so eine wichtige und zeitintensive Aufgabe wie die der Transplantationsbeauftragten ist eine Freistellung von den alltäglichen Pflichten unumgänglich." Aktuell können oder wollen viele Chefärzte und Krankenhausträger ihre Transplantationsbeauftragten nicht freistellen. "Die Personalstruktur verhindert die Identifizierung von möglichen Organspendern. Das muss sich dringend ändern, um das Leid der schwer kranken Menschen auf den Wartelisten zu beenden", sagt Windhorst.

Auch KGNW-Präsident Brink fordert, dass das Leid der Patienten auf den Wartelisten stärker in das Bewusstsein der Menschen rücken soll. "Als Dachverband der 348 Krankenhäuser in NRW wollen wir im Netzwerk Organspende NRW durch mehr Information und Aufklärung der Bevölkerung die Zahl der Organspender erhöhen. Wir werden zudem bei der Sensibilisierung und Qualifizierung unserer Mitarbeiter unsere Aktivitäten verstärken", kündigt Brink an.

 

© 2018 Neue Westfälische
12 - Bad Oeynhausen, Donnerstag 01. Februar 2018

 

 

 

Ärzte Zeitung online, 29.01.2018

Nordrhein-Westfalen

Kliniken fordern, Transplantationsbeauftragte freizustellen

KÖLN. Auch die Krankenhausgesellschaft Nordrhein-Westfalen (KGNW) hält die Freistellung der Transplantationsbeauftragten in den Kliniken für eine gute Maßnahme, um die Zahl der Organspenden in NRW zu erhöhen. Sie schließt sich damit einer Forderung der Ärztekammern Nordrhein und Westfalen-Lippe an. "Die Details der Umsetzung und der Refinanzierung der Stellen sollten schnellstmöglich mit den Verantwortlichen in Land und Bund geklärt werden", sagte KGNW-Präsident Jochen Brink. Grundsätzlich engagiere sich die KGNW bereits beim Thema Organspende. Die Gesellschaft werde ihre Aktivitäten bei der Sensibilisierung und Qualifizierung der Klinikmitarbeiter verstärken, kündigte Brink an. (iss)

 

 

Ärzte Zeitung online, 25.01.2018

 

Organspenden

Ärzte in NRW wollen die bayerische Lösung

In Bayern werden Transplantationsbeauftragte freigestellt. Gegen den Trend ist dort die Zahl der Organspenden gestiegen.

KÖLN. Die Ärztekammern Nordrhein (ÄKNo) und Westfalen-Lippe (ÄKWL) machen sich dafür stark, dass in Nordrhein-Westfalen die Transplantationsbeauftragten an den Kliniken von Routinearbeiten freigestellt werden. Sie hoffen, dass sich damit die Zahl der Organspenden im bevölkerungsreichsten Bundesland erhöhen lässt.

ÄKNo und ÄKWL orientieren sich an dem Vorbild Bayerns. Im Freistaat werden die Transplantationsbeauftragten seit dem vergangenen Jahr freigestellt. Entgegen dem bundesweiten Negativtrend hat die Zahl der gespendeten Organe in Bayern im Jahr 2017 deutlich zugelegt.

"Ich trete für die ‚bayerische Lösung‘ ein, da sie den komplexen Aufgaben der Transplantationsbeauftragten im Organspendeprozess besser Rechnung trägt", sagte ÄKNo-Präsident Rudolf Henke. Damit die Ärzte ihre Aufgaben umfänglich erledigen könnten, brauche es verbindliche Regelungen zu ihrer Freistellung und Honorierung.

In NRW gab es im vergangenen Jahr nur 146 Organentnahmen. Zum Vergleich: 2012 waren es noch 231. Die Überlastung der Transplantationsbeauftragten ist nach Einschätzung von ÄKNo, ÄKWL und dem NRW-Gesundheitsministerium ein Grund für diese Entwicklung.

"Die Transplantationsbeauftragten in den Kliniken werden vielfach in der Durchführung ihrer speziellen Arbeit eingeschränkt", sagte ÄKWL-Präsident Dr. Theodor Windhorst anlässlich eines Erfahrungsaustauschs der Kammern und des Ministeriums mit den Transplantationsbeauftragten. "Ihr Engagement wird behindert durch hohes Arbeitsaufkommen und Zeitmangel, die fehlende Akzeptanz innerhalb des Krankenhauses oder die Tatsache, dass sie für ihre Organspende-Tätigkeit nicht freigestellt werden", so Windhorst. Er findet es bezeichnend, dass von 340 eingeladenen Transplantationsbeauftragten gerade einmal 18 an dem Austausch teilgenommen haben.

Allen sei klar, dass das Thema Organspende und Transplantation weiterhin viele Verbündete, Öffentlichkeit und breite gesellschaftliche Unterstützung braucht, sagte NRW-Staatssekretär Edmund Heller. "Allerdings wissen wir auch, dass in der Frage der Identifizierung von Organspendern das Krankenhaus der wichtigste Ort ist." Die Transplantationsbeauftragten tragen seiner Meinung nach eine besondere Verantwortung. "Deshalb brauchen und verdienen sie jede Unterstützung für ihre schwierige Aufgabe", betonte Heller.

Als eine Maßnahme, um die Zahl der Organspenden zu erhöhen, haben ÄKNo und ÄKWL alle Neurologen in Nordrhein-Westfalen angeschrieben, um sie für eine konsiliarärztliche Tätigkeit bei der Hirntod-Diagnostik zu gewinnen. Bei rund 20 Ärztinnen und Ärzten hatte ihr Werben Erfolg. Sie stehen jetzt insbesondere kleinen Häusern ohne neurologische Abteilung für die Feststellung des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls zur Verfügung. Die Deutsche Stiftung Organtransplantation wird ihren Einsatz koordinieren. (iss)

 

Organspende Die Mehrheit will spenden

Die Bereitschaft zur Organspende ist hoch, doch das System verhindert sie: Die Politik verweigert die Reform, die Organspenden vereinfachen und Leben retten würde. Unser Leitartikel.

26.01.2018

Es kann jeden treffen. Oft geht es sehr schnell. Schwer krank werden, ein Organ unwiderruflich verlieren und damit vom Tod bedroht sein: 10 000 Menschen in Deutschland sind davon betroffen, und ihre Aussichten auf Hilfe und Rettung schwinden dramatisch.

Ein verschleppter Infekt kann das Herz kosten, jahrelanger Diabetes oder Bluthochdruck die Nieren zerstören. Auch wer leichtgläubig und zu oft frei verkäufliche Schmerzmittel konsumiert, riskiert Nieren oder Leber, und es gibt immer mehr Autoimmunerkrankungen, die ein Organ schädigen können.

Drei Menschen sterben hierzulande pro Tag, weil es immer weniger Spenderorgane gibt. Aus den dreien könnten bald mehr werden, wenn das Politikversagen in diesem Bereich des Gesundheitswesens anhält.

Die Reform des Transplantationsgesetzes von 2012, die zu mehr Organspenden führen sollte, ist an ihrer eigenen Zauderhaftigkeit gescheitert. Was besser gemacht werden muss, ist bekannt. An einem jedenfalls fehlt es nicht: an der Spendenbereitschaft der Bevölkerung.

Hohe Bereitschaft, aber das System versagt

Achtzig Prozent der Menschen hierzulande sind im Todesfall bereit, Organe zu spenden. Der Wert ist ständig gestiegen – trotz des Organspendeskandals von 2012, der oft als quasi schicksalhafter Urgrund der Krise ausgemalt wird. Trotzdem trägt nur jeder dritte Bürger einen ausgefüllten Organspendeausweis bei sich. Offenbar verpuffen die gesetzlich verordneten, milliardenteuren Mailingaktionen, mit denen die Krankenkassen ihren Mitgliedern alle zwei Jahre Spenderausweise und Infopost zuschicken – und vor allem mächtig für sich werben.

Würde dagegen die fast flächendeckende Spendebereitschaft endlich auf den Versichertenkarten gespeichert, wäre schon ein wichtiger Schritt zu mehr Organspenden getan: Der Spenderwille wäre bekannt, Angehörige von im Sterben liegenden Patienten wären deutlich entlastet. Und auch die Kliniken und Transplantationsbeauftragten, die Verwandten heute in der Schocksituation des plötzlichen Todes auch noch schnell eine Entscheidung über die Organspende abverlangen müssen.

Noch wichtiger: Bei einer so breiten Zustimmung der Bevölkerung zur Organspende ist es eine logische und überfällige politische Konsequenz, das Transplantationsgesetz radikal umzubauen und endlich eine Form der Widerspruchslösung einzuführen. Danach gilt als Organspender, wer zu Lebzeiten nicht ausdrücklich Nein gesagt hat: Nicht die Mehrheit der Spendewilligen muss aktiv werden, sondern die Minderheit derer, die nicht wollen.

Das ist zumutbar und in fast ganz Europa geltendes Recht – in Frankreich, Spanien, Österreich, Kroatien oder Portugal. Vor allem der Widerspruchslösung der anderen Staaten im Eurotransplant-Verbund ist es zu verdanken, dass die Lage bei uns nicht noch verheerender ist. Wir bekommen mehr Organe aus dem Ausland als wir bereitstellen.

Es wäre ein großer Schritt, würde unser jetziges Modell, wonach ein Spender zu Lebzeiten ausdrücklich zugestimmt haben muss oder seine Angehörigen entscheiden müssen, durch eine Widerspruchslösung abgelöst. Einen grundlegenden Einstellungswandel braucht es dazu, vor allem bei den Entscheidern.

Hierzulande schwingt bei der Debatte in der Politik, den Kirchen und auch den Medien immer noch die diffuse Haltung mit, dass es bei der Organspende um eine Art posthumer Zumutung geht, um ein Opfer des Toten sozusagen, das zwar gesellschaftlich immer dringender gewünscht ist, an das man aber, wie es bei Zumutungen so ist, lieber nicht erinnert. Schon gar nicht, wenn man eine politische Partei ist, die um Wählergunst buhlt. So erklärt sich auch das Totschweigen des Themas, wenn es um Gesundheitspolitik geht.

Hinter der Widerspruchslösung dagegen, vor allem in Europas Süden verbreitet, scheint eine andere Kultur auf: eine des verbreiteten Wunsches, dem eigenen Tod womöglich noch einen Sinn mitzugeben – nämlich den, mit den eigenen Organen wenigstens andere Leben zu retten. Genau so kann und sollte die postmortale Organspende kommuniziert werden: als Chance im Sterben. Wir können Organe spenden, wir müssen nicht. Fragt man Menschen mit einem Spenderausweis nach ihren Motiven, dann hört man oft genau diese Einstellung. Sie sind damit den Entscheidern in Gesundheitslobby und -politik weit voraus.

Skeptiker warnen dennoch: Was ist mit den Ängsten in der Bevölkerung – vor Manipulationen mit dem Hirntod, vor überhasteter Todesfeststellung, damit Ärzte schnell an Organe kommen, schlicht: vor Kontrollverlust am Lebensende? Die Ängste mag es geben, aber man darf angesichts der immensen Spendebereitschaft wohl zweifeln, dass sie so verbreitet sind wie manchmal behauptet.

Trotzdem: Gerade gegen Misstrauen und Angst hilft nicht Nichtstun – es braucht Aufklärung und Transparenz. Und endlich eine breite gesellschaftliche Debatte über eine einschneidende Reform.

 

Soziologe fordert grundlegende Reform der Organspende

Montag, 22. Januar 2018

Ärzteblatt

Quelle: dpa

München – Eine grundlegende Reform der Organspende in Deutschland fordert der Soziologe Andreas Diekmann. In einem Beitrag für die Süddeutsche Zeitung forderte der emeritierte Professor der Universität Zürich heute die Einführung einer Widerspruchs­lösung, nach der jeder Bürger ein potenzieller Organspender ist – außer, er hat einer Organspende ausdrücklich widersprochen. Derzeit ist in Deutschland eine Organ­spende nur möglich, wenn der potenzielle Spender zu Lebzeiten ausdrücklich zuge­stimmt hat, oder seine Angehörigen für ihn zustimmen.

Diekmann schreibt, durch eine entsprechende Reform könnten in Deutschland mehr Leben gerettet werden als durch alle Abwehrmaßnahmen gegen Terrorismus. Wissen­schaftliche Studien ließen vermuten, dass eine Widerspruchslösung eine um 25 bis 30 Prozent höhere Bereitschaft zur Organspende auslösen würde. Appelle an die Moral oder Werbekampagnen seien demgegenüber wirkungslos geblieben.

n Deutschland war die Zahl der Organspenden im Jahr 2017 auf einen Tiefststand gefallen. Bundesweit gab es 797 Organspender, 60 weniger als im Jahr zuvor (2016: 857). Die Anzahl der gespendeten Organe sank um 9,5 Prozent auf 2.594 Organe (2016: 2.867). Mit 9,3 Spendern pro eine Million Einwohner rutschte die Bundesrepublik in Europa endgültig auf die untersten Tabellenränge.

17 europäische Staaten regeln die Organspende über die Widerspruchslösung, darunter auch die Nachbarn Belgien, Luxemburg, Frankreich, Österreich und Polen. Auch Spanien gehört dazu. Dass das Land die weltweit höchste Rate an Organspendern hat, dient oft als Argument für die Einführung einer Widerspruchslösung. Kritiker halten die Widerspruchslösung für verfassungswidrig und kontraproduktiv, weil sie das Misstrauen in die Transplantationsmedizin noch erhöhen könnte. © kna/aerzteblatt.de

 

POLITIK

18/01/2018 17:37 CET

Die Mitarbeiterin könne nicht damit leben, "wenn ihr

deutsches Herz in einem Türken schlägt".

Von Julius Zimmer

Fabian Bimmer / Reuters

Manches das in der AfD passiert, bringt wohl sogar Parteichef Alexander Gauland an den Rande der Verzweiflung.

 

Wegen einer Facebook-Nachricht hat AfD-Parteichef Alexander Gauland eine seiner Mitarbeiterinnen abgemahnt

  • In einer Privatnachricht hatte sie eine rassistische Äußerung zum Thema Organspende getroffen

Dass einem AfD-Mitglied Rassismus vorgeworfen wird, ist an sich nichts Neues.

Vorallem in sozialen Netzwerken wie Twitter und Facebook stolpert der ein oder andere AfD-Politiker immer mal wieder über die Maustaste. Doch die Äußerung einer Mitarbeiterin ging nun offenbar sogar AfD-Parteichef Alexander Gauland zu weit. 

“Ich will nicht, dass irgendein Nafri meine Organe bekommt”

Zur aktuellen Debatte über Organspende hatte seine Mitarbeiterin Shirley Borchardt eine Privatnachricht an einen Facebook-Freund gesendet. Darüber berichtet die “Rheinische Post”. In der Nachricht erklärte sie:

Wenn ich bestimmen könnte, wer nach meinem Tod meine Organe bekommt, wäre ich auch Spender, aber ich will nicht, dass irgendein Nafri Safri meine Organe bekommt. Da sollen sie lieber verrotten.”

Kürzlich war bekannt geworden, dass die Zahl der Organ-Spenden einen Tiefpunkt erreicht hat.

In Borchardts Facebook-Nachricht soll es weiter heißen: “... ich könnte nicht damit leben, dass mein deutsches Herz eventuell in einem Türken oder was auch immer schlägt.”

Ein Ausschnitt der Unterhaltung wird in den sozialen Medien verbreitet.

 

 

16. Januar 2018

Süddeutsche Zeitung

Aussenansicht Klinisch tot

Krankenhäuser müssen sich stärker um Organspenden bemühen. Deutschland braucht dringend einen nationalen Aktionsplan.

Von Bruno Meiser

Die gerade veröffentlichten Organspendezahlen des vergangenen Jahres sind eine Katastrophe, vor allem für die mehr als 10 000 Patienten, die in Deutschland auf eine Transplantation warten. Dieser Rückgang ist für ein hoch entwickeltes Land beispiellos und oberflächlich betrachtet schwer erklärbar. Jedenfalls nicht, wie häufig kolportiert wird, durch die Auswirkungen des Transplantationsskandals: Die Spendezahlen gehen bereits seit dem Jahr 2010 zurück, lange bevor der Skandal öffentlich wurde.

Die Bevölkerung interessiert sich nicht für Verfehlungen, die vor vielen Jahren begangen wurden, sie ist in der großen Mehrheit bereit zu spenden. Das eigentliche Problem liegt bei den Krankenhäusern, in denen die Organe entnommen werden könnten. Es gibt dort zu viele Hürden für die Organspende, positive Anreize fehlen ebenso wie Sanktionen. Wer dies ändern will, muss aufhören, sich zu beklagen und handeln. Es bedarf dringend eines nationalen Aktionsplans, in dessen Rahmen das Folgende angegangen werden muss:

1. Adäquate Vergütung für die Krankenhäuser:

Wenn ein Patient in einer Klinik stirbt, zahlt die Krankenkasse nicht mehr. Sofern der Tote Organspender wird, erhält das Krankenhaus maximal 4700 Euro für die Organentnahme. Dies mag den tatsächlichen Aufwand abdecken, berücksichtigt aber nicht, dass das Bett auf der Intensivstation nicht mit einem anderen Patienten belegt werden kann und dass das Personal nach einer nächtlichen Organentnahme am nächsten Tag im Routinebetrieb fehlt. In Kroatien, wo es pro Million Einwohner mehr als dreimal so viele Spender gibt wie in Deutschland, zahlt der Staat 7000 Euro für eine Organentnahme.

2. Sanktionierung von Kliniken, die sich nicht an der Organspende beteiligen:

Die Krankenhäuser sind gesetzlich verpflichtet, potenzielle Organspender an die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) zu melden. Wenn ein Patient nach ärztlicher Beurteilung als Organspender infrage kommt, muss deshalb überprüft werden, ob der Hirntod eingetreten ist. Dieser Aufgabe kommen aber zu viele Kliniken nicht nach. Dies wird bislang nicht kontrolliert und damit auch nicht sanktioniert. Um die Kliniken zu einer Beteiligung an der Organspende zu bewegen, sollten finanzielle Malus-Regelungen eingeführt werden. Wozu haben wir denn ein Gesetz, wenn es nicht umgesetzt wird?

3. Zusätzliche Vergütung für Transplantationsbeauftragte:

Jedes Krankenhaus mit der nötigen Ausstattung für eine Organspende muss einen Transplantationsbeauftragten einsetzen, das schreibt das Gesetz schon heute vor. Diese Ärzte sollen sich darum kümmern, dass potenzielle Organspender in der Klinik erkannt werden, sie sollen das Personal schulen und die Angehörige begleiten. Dafür zahlen die Krankenkassen den Kliniken jährlich 18 Millionen Euro, Geld das leider oft im Budget verschwindet. Transplantationsbeauftragte werden zwar von der Klinikleitung bestimmt, ihr übliches Arbeitspensum wird aber in der Regel nicht geringer. Dies ist auch schwierig umzusetzen, da nicht absehbar ist, wann und wie häufig potenzielle Organspender in der Klinik versterben. Deshalb sollten diese Ärzte besser von der DSO in Nebentätigkeit für diese Aufgabe beschäftigt werden. So gäbe es einen Anreiz, zusätzliche Zeit für die Organspende aufzuwenden. Auch ließen sich die Ergebnisse ihrer Arbeit besser evaluieren.

4. Mobile Expertenteams zur Feststellung des Hirntods:

Die Vorgaben zur Feststellung des Hirntods, bei dem sämtliche Hirnfunktionen irreversibel ausgefallen sind, setzen zu Recht hohe Anforderungen an das Verfahren und die Expertise der Ärzte. Diese müssen Fachärzte sein, mindestens einer Neurologe oder Neurochirurg und über mehrjährige Erfahrung bei der Behandlung von Hirnschädigungen verfügen; die Todesfeststellung muss übereinstimmend zweimal im Abstand von mindestens zwölf Stunden erfolgen. Das können die 1300 Krankenhäuser, die für eine Entnahme infrage kommen, nicht leisten. Deshalb sollte die DSO flächendeckend mobile Expertenteams vorhalten, die bei Bedarf von den Kliniken zur Hirntoddiagnostik angefordert werden können.

5. Berücksichtigung der Organspende in Patientenverfügungen:

Patientenverfügungen sind eine wichtige Hilfe für Angehörige und Ärzte bei der Entscheidung über Therapieoptionen. Wenn darin allerdings gewünscht wird, bei nahendem Lebensende jede weitere Behandlung einzustellen, steht dies im Konflikt mit dem Prozess einer Organspende - von der Hirntoddiagnostik bis zur Entnahme. Das muss mit den Betroffenen bei der Abfassung der Verfügung diskutiert werden. Wer spendebereit ist, sollte einen entsprechenden Passus einfügen, dass seine Organfunktionen so lange aufrechterhalten werden sollen, bis die Organspende erfolgt ist.

6. Widerspruchslösung:

Fast alle Länder in Europa haben inzwischen die Widerspruchslösung, nach der jeder Bürger Organspender ist, wenn er sich nicht zu Lebzeiten dagegen ausgesprochen hat. Nur in Deutschland müssen die Angehörigen zustimmen, wenn kein Organspendeausweis vorliegt. Bei uns argumentieren viele gegen die Widerspruchslösung, weil die Freiheit des Einzelnen, über seinen Körper zu entscheiden, ihrer Meinung nach über den Tod hinausgeht. Dabei greift der Staat häufig in unser Selbstbestimmungsrecht ein. So gibt es staatlich vorgegebene Erbschaftsregeln, wer die nicht möchte, muss ein Testament machen. Gegen den expliziten Willen der Angehörigen werden auch bei der Widerspruchslösung keine Organe entnommen. Nur stimmen diese in aller Regel zu, weil der Tote zu Lebzeiten eben nicht widersprochen hat.

7. Spende nach Herzstillstand:

Deutschland ist eines der wenigen Länder in Europa, in dem der Hirntod alleinige Voraussetzung für eine Organspende ist. In fast allen anderen Ländern ist auch die Spende nach Herzstillstand möglich: Wenn ein Patient im Sterben liegt, aber nicht hirntot ist, kann nach Zustimmung der Angehörigen die Beatmung eingestellt werden. Ist er für die Organspende geeignet und gibt es das Einverständnis dazu, wird nach Herzstillstand weitere fünf bis zehn Minuten gewartet, dann werden die Organe entnommen. In Deutschland ist dies bisher nicht erlaubt, obwohl solche Spender ohne Zweifel tot sind.

Im Rahmen eines solchen nationalen Aktionsplanes, der federführend vom Bundesgesundheitsministerium ausgehen sollte und an dem alle Verantwortlichen aus Politik und Medizin teilnehmen sollten, müssen alle genannten Themen tabulos auf den Tisch. Ein "Geht-bei-uns-nicht" darf es nicht geben. Wir müssen dringend für ein Klima in den deutschen Kliniken sorgen, das die Organspende fördert.

 

 

NTV

Sonntag, 14. Januar 2018

Stille TragödieDas Organspende-Drama: Gründe gibt viele

Die Zahl der Organspender ist in Deutschland 2017 auf einen historischen Tiefpunkt gesunken. Damit warten noch mehr todkranke Menschen auf eine Chance. Die Misere hat wohl mehrere Ursachen.

Das Sauerstoffgerät in der Berliner Charité zischt leise. Ein blauer Schlauch endet in der

Nase von Wolfgang Wachs. Sein Lebensradius ist auf zehn Quadratmeter

zusammengeschrumpft, auf die Größe seines Krankenzimmers auf der Lungenstation.

Der kleine gelbe Rettungshubschrauber, ein Spielzeugmodell neben dem Bett, lässt

ahnen, was das für den 60-Jährigen bedeutet.

 

Wachs ist Notarzt mit Leidenschaft. Die vergangenen 20 Jahre ist er als Lebensretter zur

Stelle gewesen, auf der Straße, zu Wasser und schließlich auch mit dem Helikopter aus

der Luft. Nun ist er ein todkranker Patient, den nur noch eine Organspende retten kann

- eine neue Lunge. 2011 bekam Wachs die Diagnose Lungenfibrose, eine seltene und

rätselhafte Krankheit, bei der die Lunge versteift und den Körper mit immer weniger

Sauerstoff versorgt. Weihnachten 2016 gab er seinen Job auf, ihm fehlte die körperliche

Kraft. Weihnachten 2017 verbrachte er schon in der Charité, weil es zu Hause in

Brandenburg nicht mehr ging. Und immer noch wartet er. Auf einen Anruf, auf die

erlösende Nachricht, dass es eine Spenderlunge für ihn gibt. Einem Notarzt braucht

niemand zu erklären, was geschieht, wenn dieser Anruf nicht bald kommt

Wolfgang Wachs, der 20 Jahre lang Tausende

Male als Lebensretter zur Stelle war, braucht
jetzt selbst Hilfe: eine neue Lunge.
(Foto: picture alliance / Bernd Settnik

"Die Lage ist dramatisch"

10.000 Menschen stehen in Deutschland auf der Warteliste für Spenderorgane. Rund jeden dritten Tag ist im vergangenen Jahr ein Patient gestorben, weil es nicht rechtzeitig eine passende Niere, Leber, Lunge oder ein Herz gab. 2017 ist die Zahl der Organspender in Deutschland auf ein historisches Tief gesunken - auf 797. Wolfgang Wachs weiß, dass damit seine Chancen auf den Anruf weiter sinken. "Es ist kein schöner Gedanke, dass jemand sterben muss, damit ich weiterleben kann", sagt er. Doch er will leben. Er will wieder Arzt sein.

Bei der Deutschen Stiftung Organtransplantation in Frankfurt am Main nennt der Medizinische Chef Axel Rahmel die Lage dramatisch. Auch er ist Arzt, Herzspezialist. Er glaubt nicht daran, dass die Bundesbürger nach ihrem Tod einfach keine Organe mehr spenden wollen. Trotz des Skandals 2012, als ans Licht kam, dass Transplantationsmediziner an einigen Kliniken ihre Patienten auf dem Papier kränker gemacht hatten als sie waren. Damit rückten sie auf den Wartelisten weiter nach oben. Dieser Praxis sind lange Riegel vorgeschoben. Und so heftig wie damals sind die Spenderzahlen auch nicht mehr auf einmal gesunken. Aber es ging eben stetig weiter bergab.

Spanier müssen aktiv widersprechen

Rahmel geht davon aus, dass in Familien heute mehr über Organspende gesprochen wird als früher. Auch die Zahl der Spenderausweise nehme zu. Woran liegt es dann? Daran, dass die Bundesbürger einer Organspende aktiv zustimmen, während ihr zum Beispiel die Spanier aktiv widersprechen müssen - und mit dieser Regelung in Europa Spende-Meister sind? Rahmel schüttelt den Kopf. "Entscheidend ist nicht die gesetzliche Regelung, sondern die Haltung", sagt er. "Wir brauchen eine gelebte Kultur der Organspende."

Diese Kultur scheint in manchen der rund 1200 Kliniken, die in Deutschland zum System Organspende gehören, zu fehlen. Rund 700 haben sich 2017 nicht ein einziges Mal bei der DSO gemeldet. Schon rein rechnerisch kann nicht hinkommen, dass dort kein Patient als potenzieller Spender in Frage kam. Denn die Zahl schwerer Hirnschädigungen sei trotz der immer moderneren Rettungsmedizin nicht rapide gesunken, sagt Rahmel.

Für die vor der Organentnahme nötige Hirntod-Diagnostik gibt es strenge Auflagen. Ganz bewusst soll mit der Organspende auch kein Geld verdient werden können. Ein hirntoter Patient aber belegt - rein ökonomisch betrachtet - ein gewinnbringendes Bett auf der Intensivstation. Das kann ein Spagat für ein Klinikmanagement sein, das auf die Zahlen schauen muss. Es gibt bei Organspenden Aufwandsentschädigungen für Kliniken. In Einzelfällen ist das laut DSO aber zu wenig, um die Kosten zu decken. Das sei auch nicht gerade eine Motivation für Krankenhäuser, sich stark zu engagieren.

Transplantationsbeauftragte haben keine Zeit

Wolfgang Wachs braucht jetzt im Krankenzimmer eine Extra-Portion Sauerstoff - zum Sprechen. Bevor er als Notarzt durchstartete, arbeitete er lange auf einer Berliner Intensivstation. "Ich habe Organspende damals auch nicht im Blick gehabt", sagt er selbstkritisch. Er habe auch die zunehmende Ökonomisierung und Bürokratisierung in den Kliniken kritisch gesehen, ergänzt er. "Da bin ich weg." Heute empfindet er die Hetze für Ärzte und Pflegepersonal als noch schlimmer.

Die fehlende Kultur der Organspende kann für die DSO auch daran liegen, dass einige Transplantationsbeauftragte keine Zeit für ihren Job haben. Oder dass es so sehr an Anerkennung für ihre Arbeit fehlt, dass sie sich nicht voll reinhängen. Dabei geht es nur um einen Moment - um den Augenblick, bevor Ärzte im Einverständnis mit Angehörigen beim Hirntod eines Patienten die Maschinen auf der Intensivstation abstellen. Wenn da einige Menschen mehr an Organspende dächten - für Rahmel wäre schon viel gewonnen.

 

 

ntv 13.01.2018

Kritische Marke unterschritten

Deutsche sind kaum zur Organspende bereit

Schon 2016 erreicht die Zahl der Organspender in Deutschland ein historisches Tief. 2017 aber sinkt sie noch weiter. Von einem ernstzunehmenden Organspendesystem kann hierzulande nun nicht mehr die Rede sein kann.

Die Zahl der Organspender ist in Deutschland im vergangenen Jahr einem Bericht

zufolge erneut dramatisch gesunken. Nachdem es 2016 bereits ein historisches Tief

gegeben habe, sei die Zahl der Spender im Jahr 2017 noch einmal um knapp acht

Prozent auf nur noch 769 gefallen, berichtet die "Süddeutsche Zeitung". Dies gehe aus

dem noch unveröffentlichten Jahresbericht der Stiftung Eurotransplant hervor.

Die Zahl der Spender, denen tatsächlich Organe entnommen wurden, lag demnach bei 9,3 pro einer Million Einwohner und somit unter der kritischen Marke von 10 pro Million Einwohner. Diese Marke gilt international als Voraussetzung für ein ernstzunehmendes Organspendesystem. Die Zahl der transplantierten Organe von hirntoten Spendern fiel auf nur noch 2664, im Vorjahr waren es noch 2927. Auch die Zahl der Lebendspenden sank von 659 im Jahr 2016 auf 620 im Jahr 2017.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz beklagt das fehlende Interesse der Regierungsparteien an der Transplantationsmedizin. "Diese Dramatik kommt in den Sondierungsgesprächen für eine Neuauflage der Großen Koalition mit keinem Wort vor", sagte Stiftungsvorstand Eugen Brysch der "SZ". "Damit lassen die Parteien die rund 10.000 Menschen auf der Warteliste für ein Organ allein." Brysch forderte, den Spendermangel zu einem Thema bei den Koalitionsverhandlungen zu machen.

Spanien führt die Liste an

Mit dem neuen Niedrigstand von 9,3 Spendern pro Million Einwohner gehört Deutschland laut "SZ" endgültig zu den europäischen Ländern mit dem geringsten Aufkommen an hirntoten Organspendern. Nur Griechenland, Rumänien, Bulgarien und Albanien haben noch weniger Spender. Belgien kommt dagegen ebenso wie Kroatien auf mehr als 30 pro Million Einwohner, Spanien ist der langjährige weltweite Spitzenreiter und meldete für 2017 sogar 46,9 Spender pro Million Einwohner. Die Zahl der Transplantationen lag in Spanien bei 5259. Am häufigsten wurden dort Nieren (3269) und Lebern (1247) transplantiert.

Von der höheren Spendenbereitschaft im Ausland profitieren laut "Süddeutscher Zeitung" auch Patienten in Deutschland. Denn Herzen, Lebern und Nieren gelangten 2017 ebenso wie in den Vorjahren über den Eurotransplant-Verbund an deutsche Kliniken. Rund 200 zusätzliche Organe aus Belgien, den Niederlanden, Kroatien, Ungarn, Österreich und Slowenien erreichten Deutschland auf diese Weise. Ohne diese sähe es für die hiesigen Patienten noch schlechter aus. Die Situation sei "zutiefst besorgniserregend", resümierte kürzlich Axel Rahmel, Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO).

 

 

Süddeutsche.de

12. Januar 2018, 19:00 Uhr

Medizin Zahl der Organspender sinkt auf historisches Tief

Die Zahl der Organspender in Deutschland ist im Jahr 2017 um acht Prozent auf 769 gesunken.

  • Bereits 2016 war die Zahl der Spender auf einem historischen Tiefpunkt.

  • Die Deutsche Stiftung Patientenschutz fordert, dass der Spendermangel bei den Koalitionsverhandlungen zum Thema gemacht wird.

Von Christina Berndt

Die Zahl der Organspender ist in Deutschland im vergangenen Jahr erneut dramatisch gesunken. Nachdem es 2016 bereits ein historisches Tief gegeben hatte, fiel die Zahl der Spender im Jahr 2017 noch einmal um knapp acht Prozent auf nur noch 769, wie dem im Internet bereits abrufbaren, aber noch unveröffentlichten Jahresbericht der Stiftung Eurotransplant zu entnehmen ist.

Die Zahl der Spender, denen tatsächlich Organe entnommen wurden, lag demnach bei 9,3 pro Million Einwohner und somit unter der kritischen Marke von 10 pro Million Einwohner, welche international als Voraussetzung für ein ernst zu nehmendes Organspendesystem gilt. Die Zahl der transplantierten Organe von hirntoten Spendern fiel auf nur noch 2664, im Vorjahr waren es noch 2927 gewesen. Auch die Zahl der Lebendspenden sank von 659 im Jahr 2016 auf 620 im Jahr 2017.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz beklagte auf Anfrage das fehlende Interesse der Regierungsparteien an der Transplantationsmedizin. "Diese Dramatik kommt in den Sondierungsgesprächen für eine Neuauflage der Großen Koalition mit keinem Wort vor", sagte Stiftungsvorstand Eugen Brysch der SZ. "Damit lassen die Parteien die rund 10 000 Menschen auf der Warteliste für ein Organ allein." Brysch forderte, den Spendermangel zu einem Thema bei den Koalitionsverhandlungen zu machen.

Deutschland profitiert von Spendenbereitschaft im Ausland

Mit dem neuen Niedrigststand von 9,3 Spendern pro Million Einwohner gehört Deutschland endgültig zu den europäischen Ländern mit dem geringsten Aufkommen an hirntoten Organspendern. Nur Griechenland, Rumänien, Bulgarien und Albanien haben noch weniger Spender.

Belgien kommt dagegen ebenso wie Kroatien auf mehr als 30 pro Million Einwohner, Spanien ist der langjährige weltweite Spitzenreiter und meldete für 2017 sogar 46,9 Spender pro Million Einwohner. Damit sei die Zahl in den vergangenen drei Jahren in Spanien um 30 Prozent angewachsen, teilte das Gesundheitsministerium in Madrid am Freitag mit. Spanien sei "das großzügigste Land der Welt", sagte Gesundheitsministerin Dolors Montserrat, und habe "eines der besten Gesundheitssysteme der Welt".

Von der höheren Spendenbereitschaft im Ausland profitieren deutsche Patienten. Denn Herzen, Lebern und Nieren gelangten 2017 ebenso wie in den Vorjahren über den Eurotransplant-Verbund an deutsche Kliniken. Rund 200 zusätzliche Organe aus Belgien, den Niederlanden, Kroatien, Ungarn, Österreich und Slowenien erreichten Deutschland auf diese Weise. Ohne diese sähe es noch düsterer für die hiesigen Patienten aus. Die Situation sei "zutiefst besorgniserregend", hatte Axel Rahmel, Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO), erst vor Kurzem resümiert. Die DSO will ihre Statistiken für 2017 am Montag vorstellen.

 

 

Newsticker

RTL

Spanien bei Organspenden seit nunmehr 26 Jahren in Folge weltweit führend

11.01.2018

Quelle: www.globallookpress.com

Spanien bleibt bei Spenden und Transplantationen von Organen nach eigenen

Angaben weltweit führend. Die Zahl der Spender sei 2017 im Vergleich zum

Vorjahr um mehr als acht Prozent auf den neuen Bestwert von 2.183

gestiegen, teilte das spanische Gesundheitsministerium am Donnerstag in

Madrid mit. Die Zahl der Transplantationen lag bei 5.259. Am häufigsten

transplantiert wurden demnach Nieren (3.269) und Lebern (1.247).

Das Land sei in diesem Bereich seit nunmehr 26 Jahren in Folge weltweit führend, hob Gesundheitsministerin Dolors Montserrat hervor. Spanien sei "das großzügigste Land der Welt" und habe "eines der besten Gesundheitssysteme der Welt". "Immer mehr Menschen spenden bei uns Organe, die Leben retten", sagte sie.

Mit 46,9 Spendern pro eine Million Einwohner wurde 2017 in Spanien eine weitere neue Bestmarke erzielt. In den vergangenen drei Jahren wurde hier ein Anstieg von rund 30 Prozent verzeichnet. Zum Vergleich: 2016 lag die Anzahl der Organspender in Deutschland bei 10,4 pro eine Million Einwohner. Diese Zahl ist in Deutschland seit Jahren rückläufig. (dpa)

 

 

Ärzte Zeitung online, 04.01.2018

Studie bei Triathleten

Führt extensiver Sport zu Narben im Herz?

NEU-ISENBURG. Bei Triathleten haben Forscher Vernarbungen im Herzen nachgewiesen (J Am Coll Cardiol Img. 2017; DOI: 10.1016/j.jcmg.2017.09.016). Sie vermuten, dass es eine Schwelle gibt, ab der Sport für das Herz gefährlich werden könnte. 9 der 54 männlichen Athleten (17 Prozent) hatten im MRT anhand eines "Late Gadolinium-Enhancement" (LGE) eine fokale nichtischämische Myokardfibrose. Bei 36 Kontrollpersonen gab es dagegen keine solchen Befunde, ebenso nicht bei den Frauen (29 Triathletinnen, 14 Kontrollpersonen). Inwieweit es kausale Zusammenhänge zwischen exzessiver körperlicher Betätigung und Narbenbildung gibt, und inwieweit zufällig entdeckte fokale nichtischämische Myokardnarben klinisch relevant sind, bleibt zu klären. (vsc)

 

https://www.nrz.de/region/niederrhein/wir-am-niederrhein/noch-klopft-das-herz-im-rucksack-id212927447.html

Medizin am Niederrhein

Noch klopft das Herz im Rucksack

Heike Waldor-Schäfer

22.12.2017 - 23:59 Uhr

Prof. Dr. Reiner Körfer, 75. Seit vielen Jahren arbeitet er an der Entwicklung eines künstlichen Herzens, das ohne externen Kompressor angetrieben wird. Es scheint, dass er da nun vor dem Durchbruch steht. Foto: Lars Heidrich

 

Am Niederrhein.   Der Klever Prof. Reiner Körfer hat mehr als 30.000 Herzen operiert. Nun entwickelt er ein inklusive Batterie transplantierbares Kunstherz

Der Mann ist inzwischen 75 – und seinem großen Ziel so nah wie nie. Mehr als 30.000 kranke Herzen hat Prof. Reiner Körfer in seinem Arbeitsleben schon operiert. Und nach wie vor steht der gebürtige Klever täglich am OP-Tisch – seit sechs Jahren am Evangelischen Krankenhaus Duisburg-Nord. Nun steht er vielleicht auch vor dem größten Erfolg seiner Karriere: der Entwicklung des ersten künstlichen Herzens, das inklusive Batterie voll implantiert und nicht mehr mit einem körperexternen Kompressor angetrieben wird. Aufladen kann man die Batterie von außen über Induktion – dem Prinzip einer elektrischen Zahnbürste-Aufladestation ähnlich.

Das wäre der Durchbruch in der Herzchirurgie: Ein inklusive Batterie voll implantiertes Kunstherz – Prof. Körfer und Ingenieure an der TH Aachen arbeiten daran.

Seit Jahren arbeitet der Herzchirurg an dieser künstlichen Blutpumpe, mit Technikern der RWTH Aachen ist er nun fast am Ziel: Projekt ReinHeart – ein vollimplantierbares Kunstherz als Alternative zur Herztransplantation.

Vollständige Kunstherzen gibt es schon – aber sie sind aktuell nur für die Überbrückung bis zur Transplantation ausgelegt. Ein komplett eingepflanztes Kunstherz, das ohne Schläuche durch die Haut funktioniert und wartungsfrei über viele Jahre in der Brust eines Menschen schlagen kann – das wäre der Durchbruch.

So sieht das ReinHeart Kunstherz aus. Kaum größer als ein normales Herz. Foto: ReinHeart

 

„Erkrankungen des Herz- und Kreislaufsystems stellen eine der häufigsten Krankheitsbilder der westlichen Welt dar“, sagt der Herzchirurg. „Täglich sterben Menschen, die vergeblich auf ein lebensrettendes Spenderorgan warten. Die Zahl der Spenderorgane ist seit Jahren rückläufig.“ In Deutschland warten etwa 800 Menschen auf ein Spenderherz.

Patient Jürgen Müller (59) hat ein künstliches Herz in seiner Brust und die Pumpstation dazu im Rucksack.

Hier beim Flurspaziergang mit Dr. D. Jaabari. Foto: Lars Heidrich


Jürgen Müller ist einer von ihnen. In der Brust des Duisburgers schlägt ein heute übliches Kunstherz. Den Motor dazu trägt er im Rucksack mit sich, Tag und Nacht pumpt ein Kompressor das Blut durch seinen Körper.

Jürgen Müller steht auf der Transplantationsliste – und wartet auf sein Spenderherz. „Das ist schon ein komisches Gefühl“, sagt er 59-Jährige. Seit Ende Juli ist die Klinik sein Zuhause, hält ihn die mechanische Pumpe am Leben. Kabel und Schläuche verbinden seine Herzpumpe mit dem Gerät außerhalb des Körpers. Über zwei Schläuche pumpt ein Kompressor Luft in die beiden künstlichen Herzkammern.

Noch wird das Kunstherz von einem Kompressor angetrieben, den der Patient in einem Rucksack mit sich trägt.

Der Kompressor ist im Rucksack untergebracht, den er immer bei sich trägt – er ist seine Lebensversicherung. Allerdings mit 72 Dezibel eine recht laute. „Ich habe mich an das Geräusch gewöhnt“, sagt Jürgen Müller. Heiligabend wird er 60. Was er sich wünscht? „Dass das mit dem Organspenden in Deutschland so geregelt wird wie in andern europäischen Ländern.“

Heißt: Wer zu Lebzeiten einer Organentnahme nicht ausdrücklich widerspricht, der wird automatisch zum potenziellen Organspender. Prof. Körfer nickt. „Das wäre für viel schwerst kranke Patienten ein Segen.“

Norbert Gericke (65) hat zum zweiten Mal ein künstliches Herz eingesetzt bekommen. Und einen ganz großen Traum: Einmal mit seiner Frau Pizza essen gehen – ohne dass andere Gäste sich über den „Lärm“ beschweren, der aus dem Rucksack kommt: Dadrin arbeitet der Kompressor, der das Blut durch das künstliche Herz pumpt.  Foto: Lars Heidrich

 

Norbert Gericke ist der Bettnachbar von Jürgen Müller. Er hat etwas geschafft, was vermutlich europaweit einmalig ist. Er hat vor wenigen Wochen zum zweiten Mal ein Kunstherz eingesetzt bekommen – das erste zeigte Verschleißerscheinungen. Auch an seinem Bett steht der Rucksack, auch in seiner Brust schlägt eine künstliche Herzpumpe.

„Er ist vermutlich der einzige Patient europaweit, der zum zweiten Mal ein Kunstherz bekommen hat", sagt der Professor, und Patient Gericke, noch ein bisschen schwach, macht Daumen hoch und grinst. „Eigentlich komme ich ganz gut klar mit allem“, meint der 65-Jährige.

Und doch, ein großer Wunsch ist da noch. „Ich würde gerne mit meiner Frau Pizza essen gehen.“ Einmal hat er das versucht, aber da fühlten sich die Gäste von den Geräuschen der Pumpe im Rucksack gestört. Seitdem hat er sich nicht wieder in ein Restaurant gewagt.

Wir sind mit der Entwicklung unseres Kunstherzens fast fertig““Wir sind mit der Entwicklung unseres Kunstherzens fast fertig“, sagt Professor Körfer. Was in wissenschaftlichen Dimensionen gerechnet doch noch ein paar Jahre dauern kann. „Wir hoffen, 2020 in die Pilotphase eintreten zu können.“ Heißt: Dann könnten die ersten ReinHeart-Pumpen in einem menschlichen Körper schlagen.

Mit einem zweiten Projekt glaubt Prof. Körfer schon in zwei, drei Jahren so weit zu sein: Das linksventrikuläre Unterstützungssystem (LVAD), eine Art Minikunstherz, wird in die linke Herzkammer eingesetzt und pumpt das Blut von dort in die Aorta. Das eigene Herz bleibt dem Patienten erhalten. Und auch hier gilt: Keine Schläuche, kein Kompressor mehr".

 

 

 

Weniger Menschen in Niedersachsen spenden Organe

22.12.2017, 17:09 Uhr | dpa

Ein Organspendeausweis wird in der Hand gehalten. Foto: Caroline Seidel/Archiv (Quelle: dpa)


Die Zahl der Menschen, denen nach ihrem Tod Spenderorgane entnommen

wurden, ist in Niedersachsen erneut gesunken. Im Jahr 2017 registrierte die

Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) mit 58 Organspendern 12

weniger als im Vorjahr. Damit folgt Niedersachsen dem Bundestrend. "Die

Organspende entwickelt sich bundesweit noch immer rückläufig", sagte ein

DSO-Sprecher auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur. Deutschlandweit

sank die Zahl der Spender nach Angaben der Stiftung mit Sitz in Frankfurt von

786 im Jahr 2016 auf 731. In Bremen stieg die Zahl im selben Zeitraum leicht

von fünf auf sieben.

Ein Ansatz zur Verbesserung der Situation liegt für die DSO vor allem in Krankenhäusern. Auf den Intensivstationen müssten mögliche Spenden erkannt werden und der DSO als Koordinierungsstelle gemeldet werden. Erst dann könnten Koordinatoren aktiv werden und die Mitarbeiter vor Ort unterstützen. Gemeinsame Analysen mit Klinken hätten ergeben, dass bei Therapieentscheidungen am Lebensende häufig die Möglichkeit einer Organspende nicht berücksichtigt werde.

Etwa 10 000 Patienten in Deutschland warten nach Angaben des niedersächsischen Gesundheitsministeriums derzeit auf ein Spenderorgan. "Rund 1 000 von ihnen sterben jedes Jahr, ohne dass sie ein Spenderorgan erhalten", sagte ein Ministeriumssprecher. Die meisten Patienten auf der Warteliste benötigen laut DSO eine neue Niere. Über die Dialyse könne die Wartezeit auf eine Spenderniere zwar etwas überbrückt werden. Für andere Organe fehle diese Möglichkeit aber. "Statistisch gesehen sterben etwa drei Patienten täglich auf der Warteliste, denen mit einer Organspende hätte geholfen werden können", sagte Matthias Kaufmann, Geschäftsführender Arzt der DSO-Region Nord.


 

Organspende: Bayerns Ärztepräsident will neue Diskussion

22.12.2017, 10:28 Uhr | dpa

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
 
Ärztepräsident Max Kaplan. Foto: Daniel Karmann/Archiv (Quelle: dpa)

 

Bayerns Ärztepräsident Max Kaplan will eine neue Diskussion über eine

Widerspruchslösung bei der Organspende. In Ländern wie Österreich oder

Spanien, in denen die Bürger als mögliche Organspender gelten, wenn sie nicht

aktiv widersprechen, sei die Zahl der Transplantationen deutlich höher als in

Deutschland, sagte Kaplan der Deutschen Presse-Agentur. "Das wäre ein

Ansatz, den man sicherlich gesellschaftlich noch mal diskutieren müsste",

erklärte der Chef der Landesärztekammer, der auch Vizepräsident der

Bundesärztekammer ist.

Bis Ende November dieses Jahres lag die Zahl der Organspenden nach Daten der Deutschen Stiftung Organtransplantation bundesweit um knapp sieben Prozent unter dem Vorjahreswert. Im Vergleich zu den Jahren vor den Skandalen um Manipulationen an verschiedenen Transplantationszentren ist die Zahl um mehr als ein Viertel abgesackt. "Es warten bundesweit über 10 000 Menschen dringend auf ein Organ, die nicht versorgt werden können", sagte Kaplan. Deswegen müssten die aktuellen Gesetzesregeln und auch Beschlüsse des Deutschen Ärztetags aus früheren Jahren neu diskutiert werden. Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) erklärte, sie habe Verständnis für Kaplans Forderung. Allerdings hat eine Widerspruchlösung ihrer Ansicht nach derzeit kaum Realisierungschancen. Bayern habe einen Vorstoß in Richtung Widerspruchslösung unternommen, als im Jahr 2012 die jetzige Regelung im Bundestag beschlossen wurde. "Der Freistaat musste aber erkennen, dass diese Lösung nicht mehrheitsfähig ist", sagte Huml. Neben einer neuen Diskussion über eine Widerspruchslösung sind nach Einschätzung von Ärztepräsident Kaplan aber auch andere Maßnahmen notwendig, damit die Zahl der Transplantationen steigt. So müssten Kliniken ihr Personal besser darin schulen, mögliche Organspender zu erkennen und mit Angehörigen zu sprechen. Und es müsse mehr Geld als jetzt fließen, fordert der Ärztepräsident. Bislang hätten Kliniken oft finanzielle Nachteile, wenn sie einem Spender Organe entnehmen, weil Personal und Räume gebunden werden und nicht für andere Behandlungen zur Verfügung stehen.

 

 

15.12.2017 13:48

Abstoßung von Spenderorganen: Neue Biomarker sollen Komplikationen verhindern

Michael Wichert Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Deutsche Herzstiftung e.V./Deutsche Stiftung für Herzforschung

Gerd Killian-Förderprojekt erforscht zielgenauere immunhemmende Therapie

Nach einer Transplantation müssen die Patienten in der Regel ihr Leben lang Medikamente einnehmen, die das Immunsystem unterdrücken. Der dadurch erreichte Schutz vor der Abstoßung des Organs kann allerdings mit schweren Nebenwirkungen und ernsten Spätfolgen einhergehen. Das Ziel der Kinderärztin Dr. med. Sarah Ulrich vom Klinikum der Ludwigs-Maximilians-Universität (LMU) in München ist es, ein Verfahren zu entwickeln, mit dem sich exakt bestimmen lässt, wie aktiv das Immunsystem ist. Das soll es künftig ermöglichen, die Immunsuppression an die individuellen Bedürfnisse der Patienten anzupassen – in einigen Fällen könnte womöglich ganz auf immunhemmende Medikamente verzichtet werden. Die Deutsche Herzstiftung (https://www.herzstiftung.de) unterstützt die vielversprechenden Arbeiten der jungen Medizinerin mit der „Gerd Killian-Projektförderung“ des Jahres 2017 und einem Förderbetrag von 59.840 Euro.

Immunsystem kann Kompromisse eingehen
„Bislang gibt es keine individuelle Immunsuppression“, erklärt Dr. Ulrich, die an der Abteilung für Kinderkardiologie und pädiatrische Intensivmedizin des Klinikums der LMU tätig ist. Die Steuerung der Therapie erfolge derzeit allein über den Medikamentenspiegel. Allerdings haben Immunsuppressiva auch Nebenwirkungen, so dass „eine individuelle Anpassung über eine Reduktion der Dosis für eine bessere Prognose der Patienten im Langzeitverlauf hilfreich wäre.“ Aus Erfahrung wisse man nämlich, dass einige Patienten geringere Spiegel als andere benötigen, um ausreichend vor der Abstoßung des Organs geschützt zu sein. Darüber hinaus wurde beobachtet, dass manche Patienten eine Toleranz entwickeln können: Auch ohne Hemmung des Immunsystems tut das übertragene Organ problemlos seinen Dienst – selbst Jahre nach der Transplantation duldet die körpereigene Abwehr den Fremdkörper und greift ihn nicht an. „Eine derartige Toleranz wurde bisher nur bei einzelnen Patienten nach Nieren- und Lebertransplantationen beobachtet“, schränkt die Ärztin und Wissenschaftlerin ein. Bei diesen Patienten wurde es notwendig, die Immunsuppression aufgrund starker Nebenwirkungen abzusetzen. Die vereinzelten Beobachtungen zeigen aber auch, dass das Immunsystem seine Abwehrkraft nicht gleichsam blind und ungebremst gegen das Transplantat richtet, sondern prinzipiell sehr wohl imstande ist, Kompromisse einzugehen. Die Frage ist nur, woran vorab zu erkennen ist, in welcher „Verfassung“ das Immunsystem eines transplantierten Patienten gerade ist und ob Arzt und Patient es wagen können, auf Immunsuppressiva zu verzichten? „Ein Vorgehen nach der Methode ‚Versuch und Irrtum‘ verbietet sich da“, unterstreicht Ulrich.
Die Lösung wäre eine Messmethode, mit der sich die individuelle Aktivität des Immunsystems gegenüber dem Spenderorgan zuverlässig bestimmen lässt. „Auf diese Weise ließen sich Patienten erfassen, die Immunsuppressiva nach einer Transplantation in einer nur niedrigen Dosierung brauchen – oder solche herauszufiltern, deren Immunsystem eine Toleranz aufbaut und die demzufolge auf Medikamente verzichten können“, erklärt Sarah Ulrich. Umgekehrt ließe es ein derart exaktes Verfahren zu, Patienten frühzeitig zu erkennen, deren Immunsystem hochaktiv ist. Bei ihnen droht eine akute Abstoßungsreaktion und sie müssen dringend mit einer größeren Menge an immunhemmenden Medikamenten versorgt werden. Was es zu all diesen Zwecken braucht sind aussagekräftige Biomarker: Charakteristische biologische Merkmale, die objektiv gemessen werden können und den Status des Immunsystems zuverlässig widerspiegeln.

Biomarker-Panel: Auch bei herztransplantierten Kindern geeignet?
Als Biomarker eignen sich grundsätzlich Zellen, Gene und Genprodukte (Proteine). Für den Test auf die Aktivität des Immunsystems nach einer Transplantation kommen beispielsweise spezialisierte Abwehrzellen – beispielsweise sogenannte regulatorische T-Zellen – infrage, von denen man weiß, dass sie eine Toleranz vermitteln. „Ideal wäre eine Palette spezieller Marker – ein Biomarker-Panel, das alle relevanten Parameter umfasst und sich anhand einer einmaligen Blutprobe bestimmen lässt“, sagt Dr. Ulrich. Der Immunologe Prof. Dr. med. Hans-Dieter Volk vom Institut für Medizinische Immunologie der Charité hat ein solches Panel bereits entwickelt. Es wurde bislang aber nur bei leber- oder nierentransplantierten Patienten getestet. Inwieweit sich das Biomarker-Panel auch für herztransplantierte Kinder eignet, prüft Dr. Ulrich derzeit in ihrem Forschungsprojekt „Immuntoleranz – Untersuchung von Biomarkern im peripheren Blut“.

An der Studie nehmen rund 70 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene teil, die im Klinikum Großhadern bei München in den Jahren von 1992 bis 2016 ein Spenderherz erhalten haben. „Nachdem die Betroffenen beziehungsweise deren Eltern zugestimmt haben, wird den Patienten im Rahmen der regelmäßig stattfindenden Kontrolluntersuchungen alle sechs Monate Blut abgenommen“, erläutert Ulrich die Vorgehensweise. Im Labor wird dann geprüft, ob und welche Biomarker im Blut vorhanden sind.
In den Berliner Laboratorien von Prof. Volk analysieren die Wissenschaftler zurzeit rund 50 Gene, von denen bereits bekannt ist, dass sie an der Entwicklung einer Immuntoleranz beteiligt sind. Die Forscher nutzen dafür eine molekularbiologische Nachweismethode, die „Polymerase-Kettenreaktion“ kurz PCR. Mit ihr lässt sich die Aktivität der Gene genau bestimmen. Nachfolgende Untersuchungen sollen klären, ob sich die bisherige Auswahl der Gene möglicherweise noch besser auf die spezielle Fragestellung „Herztransplantation“ ausrichten lässt. Die Analyse der in den Blutproben vorhandenen regulatorischen Immunzellen erfolgt in München. Wenn die Untersuchungen mit den erhofften Resultaten enden, ist geplant, die Pilotstudie zu erweitern. Dann sollen alle rund 600 Patienten einbezogen werden, die derzeit in Deutschland nach einer Herztransplantation betreut werden. „Wir wollen damit unserem Ziel der individuellen Immunsuppression rasch einen entscheidenden Schritt näherkommen“, hofft Dr. Ulrich.
(CEM/WI)

Die Gerd Killian-Projektförderung (2017) wurde Mitte Februar anlässlich der gemeinsamen Jahrestagung der Kinderkardiologen und Herzchirurgen in Leipzig von der Deutschen Herzstiftung sowie der Deutschen Gesellschaft für pädiatrische Kardiologie vergeben. Gefördert werden junge Wissenschaftler mit patientennahen Forschungsvorhaben in der Kinderkardiologie oder Herzchirurgie. Benannt ist die Förderung nach Gerd Killian, der bereits in jungen Jahren am plötzlichen Herztod verstarb. Seine Mutter, Doris Killian, vermachte ihr Vermögen der Deutschen Herzstiftung und verfügte in ihrem Testament, dass die Erträge ihres Vermögens der Erforschung angeborener Herzfehler zugutekommen sollen. Einzelheiten zur Projektförderung und ein Antragsformular finden Bewerber online unter https://www.herzstiftung.de/gerd-killian.php

54/2017
Deutsche Herzstiftung e.V.
Pressestelle:
Michael Wichert/Pierre König
Tel. 069/955128114/-140
E-Mail: wichert@herzstiftung.de/
koenig@herzstiftung.de
www.herzstiftung.de

 

 

Ärzte Zeitung online, 08.12.2017

Interview

"Der Wille hat für uns oberste Priorität"

Dr. Axel Rahmel ist Medizinischer Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO). Mit der "Ärzte Zeitung" sprach er über die Frage, wie die postmortale Organspende ihr Tief überwinden kann.

Von Nicola Siegmund-Schultze

Ärzte Zeitung: Was tut die DSO?

Dr. Axel Rahmel

© privat

Dr. Axel Rahmel: Die DSO hat den Auftrag, die Spenderkrankenhäuser bestmöglich darin zu unterstützen, dass sie Organspende umsetzen können, wenn dies im Sinne des Verstorbenen ist. Unsere Hauptaufgabe ist, alles dafür zu tun, damit der Wunsch des Verstorbenen in der Frage der Organspende realisiert wird. Umfragen belegen, dass über 70 Prozent der Bevölkerung bereit wären, nach ihrem Tod Organe zu spenden. Allerdings müsste die allgemeine Öffentlichkeit besser darüber informiert werden, dass eine Patientenverfügung ohne Formulierung zur Frage der Organspende unter Umständen so interpretiert wird, als stehe sie einer Organentnahme entgegen. Denn für die Feststellung des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls (Hirntoddiagnostik) und anschließende Organspende ist für begrenzte Zeit eine Fortsetzung der intensivmedizinischen Behandlung notwendig.

Welchen Einfluss hat die DSO auf die Entwicklung der Organspenderzahlen?

Die DSO hat keinen direkten Einfluss. Das ist politisch so gewollt und gesetzlich festgelegt, um Interessenskonflikte zu vermeiden. Bei der Diskussion um die Novellierung des Transplantationsgesetzes 2012 ist eine Trennung der Koordinierung von Organspende – das ist unsere Aufgabe - von der Identifizierung möglicher Organspender und der Hirntoddiagnostik – das ist Aufgabe der Spenderkrankenhäuser – noch einmal bestätigt worden. Ich persönlich halte diese Trennung auch für richtig. Wir unterstützen die Kliniken organisatorisch, wir haben einen Leitfaden und Verfahrensanweisungen für die Organspende entwickelt.

Wir halten für jedes Klinikum ein maßgeschneidertes Konzept vor, inklusive Bedarfsanalyse und Schulungen für Transplantationsbeauftragte und Mitarbeiter. Die Durchführung der Hirntoddiagnostik liegt in den Händen der Kliniken, nicht in unseren, wir unterstützen hier nur durch Vermittlung von Experten, wenn die Krankenhäuser für die Diagnostik Unterstützung benötigen.

Die DSO nimmt aber auch an Gesprächen mit den Angehörigen zur Frage der Organspende teil.

Werden Koordinatoren der DSO in den Kliniken zu Angehörigengesprächen hinzugebeten, ist es ihre – auch gesetzlich festgelegte – Aufgabe, Angehörige ergebnisoffen zu informieren. Es geht nicht darum, sie zur Zustimmung zu drängen. Das wäre der falsche Weg und würde das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Transplantationsmedizin eher schwächen. Die Zustimmungsraten zur Organspende waren direkt nach Bekanntwerden der Wartelistenmanipulationen 2012 gesunken, seit einigen Jahren liegen sie auf dem früheren Niveau von circa 70 Prozent.

Dieses Vertrauen haben wir zurückgewonnen, aus meiner Sicht durch Strukturveränderungen, die mehr Transparenz herstellen und die Kontrolle der beteiligten Institutionen verbessert haben. Selbstverständlich respektieren wir, wenn sich der Verstorbene zu Lebzeiten gegen eine Organspende ausgesprochen hat oder die Angehörigen eine Organspende ablehnen. Der Anteil potenzieller Organspender, die einen Spendeausweis haben, nimmt übrigens stetig zu, er liegt laut Umfragen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung inzwischen bei 32 Prozent, das ist eine positive Entwicklung.

Was sind Hürden bei der Organspende?

Die postmortale Organspende selbst wird immer komplexer. Das Spenderalter steigt und wir sind häufiger mit Vorerkrankungen beim Spender konfrontiert. Das macht die Charakterisierung der Organe aufwendiger und es müssen zusätzliche Untersuchungen zur Empfängersicherheit durchgeführt werden. Zugleich nehmen Arbeitsverdichtung und Zeitdruck in den Kliniken zu. Eine weitere große Hürde ist, dass Ärzte bei infauster Prognose des Patienten die intensivmedizinische Therapie aufgrund von Patientenverfügungen oder dem Wunsch der Angehörigen mitunter abbrechen, ohne die Möglichkeit der Organentnahme überhaupt erwogen zu haben. Bei mehr als der Hälfte der Patienten in höheren Altersgruppen könnte deshalb schon theoretisch gar keine Diagnostik zur Feststellung des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls erfolgen, auch wenn der Wunsch zur Organspende bestünde, denn Herz und Kreislauf funktionieren nicht mehr. In anderen Ländern, Großbritannien zum Beispiel, müssen Ärzte obligatorisch bei infauster Prognose die Frage der Organspende klären, bevor sie eine intensivmedizinische Therapie beenden.

Was könnte die DSO tun?

Wichtig wäre zu klären: Was ist überhaupt eine infauste Prognose? Wann ist der richtige Zeitpunkt in den Krankenhäusern, um an eine Organspende zu denken? Mit welchen Personen gilt es sich wann abzustimmen? Die Versorgung am Lebensende rückt in den Mittelpunkt bei der Organspende. Wir müssen ein klares Konzept entwickeln dafür, wie die Organspende-Option als fester Bestandteil in ein End-of-Life-Care-Konzept integriert werden kann. Die DSO begrüßt es daher sehr, dass die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin ein Positionspapier erstellt hat. Auch die Bundesärztekammer arbeitet derzeit an einer Novellierung der Richtlinie zur Spendererkennung.

Wieviele postmortale Organspenden wären in Deutschland aus Ihrer Sicht möglich?

Es sollte langfristig gelingen, die Organspenderzahlen um mindestens die Hälfte zu erhöhen, auf diesem Niveau waren wir schon. Trotz aller Probleme hat Deutschland in der Transplantationsmedizin international einen hohen Standard. Wir brauchen nun alle Beteiligten, dazu gehören unter anderem die Fachgesellschaften, die Vertragspartner, also die deutsche Krankenhausgesellschaft, die Bundesärztekammer und der GKV Spitzenverband, aber auch die politische Unterstützung, um die postmortale Organspende wieder auf einen guten Kurs zu bringen – das sind wir den Patienten auf den Wartelisten schuldig.

Dr. Axel Rahmel

Medizinischer Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation seit April 2014

Medizinischer Direktor der internationalen Organvermittlungsstelle Eurotransplant (2005 bis 2014)

Betreute als Facharzt für Kardiologie von 1997 bis 2005 an der Universitätsklinik Leipzig Patienten vor und nach der Herztransplantation

 

 

Ärzte Zeitung online, 08.12.2017

 

20 Jahre Transplantationsgesetz

Das Transplantationsgesetz und seine Folgen

Vor 20 Jahren ging das Transplantationsgesetz an den Start. Was hat sich seitdem verändert? Eine große Hoffnung zumindest hat sich nicht erfüllt: die Zunahme von postmortalen Organspenden.

Von Nicola Siegmund-Schultze

 

Klassischer Organspendeausweis – eine digitale Variante wird immer wieder diskutiert.

© Petra Steuer/Joker/dpa

Das Transplantationsgesetz brachte erst einmal Unruhe. Kaum eine rechtliche Regelung in Deutschland hat so großes öffentliches Interesse hervorgerufen, so viele Kurswechsel erfordert wie das am 1. Dezember 1997 in Kraft getretene Transplantationsgesetz. Vergleichbar ist vielleicht der Paragraf 218, der den Schwangerschaftsabbruch regelt.

Maßgeblich vorangebracht hat die Gesetzgebung Horst Seehofer (CSU), ab 1992 Bundesgesundheitsminister im Kabinett von Helmut Kohl (CDU). Der Minister reagierte darauf, dass sich die Diskrepanz zwischen dem Bedarf an Organen und der Zahl postmortaler Spenden rasch vergrößerte. In emotionalen Reden vor dem Deutschen Bundestag warb er dafür, dass sich die lange bestehenden Kontroversen mit einem Gesetz beilegen ließen, das von breitem gesellschaftlichen Konsens getragen sei. "Wir brauchen in Deutschland mehr Menschen, die sich zur Organspende bereit erklären", sagte Seehofer vor dem Parlament, als er 1996 einen vielfach überarbeiteten gemeinsamen Entwurf von CDU/CSU, FDP und SPD erläuterte. "Auf Dauer können wir uns nicht auf die hohe Spendenbereitschaft in unseren Nachbarländern verlassen, ohne deren Hilfe ein großer Teil der Transplantationen gar nicht erfolgen würde", so Seehofer. Damals wie heute erhielt Deutschland mehr Organe über die Vermittlungszentrale Eurotransplant, als es in den länderübergreifenden Pool einbrachte.

Das Gesetz sollte Rechtssicherheit schaffen. Zwar erfolgten auch vor der Ära des Transplantationsgesetzes Organübertragungen nicht im juristischen Vakuum, sondern nach allgemeinen Grundsätzen und den Prinzipien des Arztrechts. Aber der Auslegungsspielraum war groß. So gab es in der allgemeinen Öffentlichkeit, aber auch unter Ärzten und Pflegepersonal Zweifel, ob der Hirntod der Tod des Menschen sei und ob und mit welchen Methoden er sich sicher diagnostizieren lasse.

Gefahr einer Kommerzialisierung

Und würden Organe gerecht verteilt oder spielten soziale Kriterien wie gesellschaftlicher Status oder die Art der Krankenversicherung eine Rolle? Immer wieder gab es Meldungen, Toten würden Gewebe wie Hirn- und Augenhornhäute oder Gehörknöchelchen ohne Zustimmung entnommen. "Das Gesetz soll der Gefahr von Kommerzialisierung und Schattenwirtschaft entgegenwirken und einen Übergang zur Normalität ermöglichen", so der Göttinger Jurist Professor Hans-Ludwig Schreiber, der am Gesetz mitwirkte.

Das deutsche Transplantationsgesetz sollte nicht nur die Solidarität der Bevölkerung mit den Menschen fördern, die ein Organ benötigten. Es sollte auch das extrem störanfällige Beziehungsgefüge des Fachgebiets befrieden: Konflikte zwischen reinen Spenderkrankenhäusern und Transplantationszentren, zwischen Transplantationszentren untereinander, zwischen Dialyseärzten und Transplantations-

chirurgen. Dieses Spannungsverhältnis in einem Bereich, in dem es häufig um Leben und Tod geht, lässt sich grundsätzlich nicht auflösen. Aber das Gesetz sollte verhindern, dass Patienten aufgrund von Interessenkonflikten ungleiche Chancen haben, ein Organ zu erhalten oder eine Transplantation nicht mit der angemessenen Qualität erfolgt und die Überlebenschancen des Organempfängers sinken.

Gegner der Pflicht zur Organspende

Der Gesetzgeber hat auf dieses Konfliktpotenzial mit einem Regelwerk geantwortet, das komplexer ist als das der meisten anderen Länder und mit der erweiterten Zustimmungslösung den Willen des Verstorbenen in den Mittelpunkt gestellt. Viele Länder haben eine Widerspruchslösung, die mit einer höheren Spenderrate assoziiert wird. "Ich bin ein Gegner einer moralischen oder gar gesetzlichen Pflicht zur Organspende", sagte Seehofer kurz nach Verabschiedung des Gesetzes zur "Ärzte Zeitung" (Ausgabe vom 3. Juli 1997). "Verordnete Solidarität ist nicht Humanität. Niemand darf in der Frage der Organspende unter gesellschaftlichen Entscheidungsdruck gestellt werden."

Weitere Eckpfeiler des Gesetzes sind die Verteilung der Organe nach den Kriterien Erfolgsaussicht und Dringlichkeit und die institutionelle und personelle Trennung von Hirntoddiagnostik, Koordinierung der Organspende, Entnahme, Verteilung und Implantation von Organen. Diese klare Trennung aller Bereiche gibt es in Ländern wie Spanien, das dreimal mehr postmortale Organspender pro Million Einwohner hat als Deutschland, nicht. "Die Trennung ist richtig. Sie schafft die nötige Transparenz, ohne die Transplantationsmedizin in Deutschland nicht denkbar ist", sagt Professor Richard Viebahn vom Knappschaftskrankenhaus in Bochum, Vorsitzender der Ethikkommission der Deutschen Transplantationsgesellschaft (DTG). "Aber bei alle positiven Aspekten: Regulierungsdruck und drohende Überregulation in einem ohnehin bereits hoch komplexen Alltag können junge talentierte Mediziner von einem beruflichen Engagement in der Transplantationsmedizin abhalten! Der ärztliche Nachwuchs droht hier wegzubrechen."

System hat sich noch nicht erholt

Viebahn bezieht sich damit auch auf den so genannten Transplantationsskandal. Hatten sich die Zahlen der postmortalen Organspenden bis zum Jahr 2010 stetig verbessert, begannen sie nun, wieder zu sinken. Der 16. Juli 2012 gilt dabei vielen Transplantationsmedizinern als Stunde Null. Die Mitglieder der DTG erfuhren während ihrer Jahrestagung in Berlin von systematischen Verstößen gegen Regeln und Richtlinien zur Transplantation und von Manipulationen der Warteliste. Untersuchungen ergaben schwerwiegende Verstöße an einigen Zentren.

"Es war eine Zäsur in der Deutschen Transplantationsmedizin, von der sich das gesamte System noch nicht vollständig erholt hat", sagt Professor Bernhard Banas vom Universitätsklinikum Regensburg, Präsident der DTG.

Die Politik reagierte rasch. Es folgte eine Novellierung des Transplantationsgesetzes 2012 mit weiteren Regulierungen. So wurde das Mehraugenprinzips bei der Entscheidung zur Aufnahme auf die Warteliste verankert, den Prüfungs- und Überwachungskommissionen klare Kompetenzen zugewiesen und die Manipulation der Warteliste unter Strafe gestellt.

Verbessert hat sich die postmortale Organspende bisher nicht. Aus den Reihen der Ärzte kommen immer wieder Forderungen an die Politik, die erweiterte Zustimmungslösung durch die Widerspruchslösung zu ersetzen, angesichts der Organknappheit die Erfolgsaussicht stärker in den Mittelpunkt zu rücken als die Dringlichkeit und zu erwägen, ob zusätzlich zum diagnostizierten Hirntod nicht auch der Herzstillstand von wenigen Minuten ein sicheres Todeskriterium sein kann. Zur Umsetzung solcher Forderungen wären wieder Gesetzesänderungen nötig. Ob sich aber die neue Bundesregierung in absehbarer Zukunft an das Transplantationsgesetz macht, ist fraglich.

 

Ärzte Zeitung online, 08.12.2017

Politik

Laumann wirbt für Organspende

Freitag, 8. Dezember 2017

/dpa

Düsseldorf – Der nordrhein-westfälische Ge­sund­heits­mi­nis­ter Karl-Josef Laumann (CDU) hat bei den Krankenhäusern im Land für mehr Engagement bei der Organspende geworben. „Wir hatten schon im letzten Jahr mit 162 den niedrigsten Stand an Organ­entnahmen“, sagte der auf einem Forum der Krankenhausgesellschaft NRW. Diese Zahl werde man 2017 „deutlich unterschreiten.“

Das Krankenhaus sei der wichtigste Ort, um potenzielle Organspender zu erkennen. „Es kann nicht sein, dass es Krankenhäuser gibt, die noch nie Organspender identifiziert haben“, erklärte der Minister. Er forderte die Klinikdirektoren auf, die Identifizierung von Organspendern als Vorsatz für das neue Jahr mitzunehmen.

Gleichzeitig äußerte Laumann Verständnis dafür, dass die Gespräche mit den Angehöri­gen über eine Organentnahme zu „den schwierigsten gehören, die man überhaupt führen muss“. Das dürfe aber nicht dazu führen, dass keine Organspender identifiziert werden.

Auch den Mangel freier Betten auf Intensivstationen ließ er als Begründung nicht gelten und kündigte in diesem Zusammenhang eine Studie an, mit der er herausfinden will, wann und wie lange Krankenhäuser ihre Intensivstationen bei den Rettungs­dienst-Leitstellen abmelden. © ts/aerzteblatt.de

 

 

Bundesärztekammer  06.12.2017

Jahresbericht 2016/2017 der Prüfungskommission und der Überwachungskommission zur Prüfung der Herz-, Lungen-, Leber-, Nieren- und Pankreastransplantationsprogramme vorgelegt

Berlin - Die für die Prüfung der Transplantationszentren zuständigen Kontrollgremien haben eine positive Zwischenbilanz ihrer zweiten Prüfperiode gezogen. Für die allermeisten Kliniken sei es selbstverständlich, sich an die Richtlinien für die Organvergabe zu halten, betonten die Vorsitzenden von Prüfungskommission und Überwachungskommission in gemeinsamer Trägerschaft von Bundesärztekammer, Deutscher Krankenhausgesellschaft und GKV-Spitzenverband bei der Vorstellung ihres Jahresberichts 2016/2017 in Berlin. „Wir werden auch künftig jeder Unregelmäßigkeit nachgehen, um so das Vertrauen in die Organspende weiter zu stärken“, sagte Prof. Dr. med. habil. Dr. h.c. Hans Lippert, Vorsitzender der Überwachungskommission. Lippert dankte insbesondere den Landesministerien, die als Aufsicht der Transplantationszentren verbindlich in die Kontrollen einbezogen sind. „Wir arbeiten in der Regel eng mit den Ministerien zusammen, um einen schnellen und umfassenden Informationstransfer zu ermöglichen.“

Seit dem Jahr 2012 nehmen Prüfungskommission und Überwachungskommission in 3-Jahres-Abständen verdachtsunabhängige Prüfungen aller Transplantationsprogramme vor. In diesem Jahr haben die Kommissionen 59 Transplantationsprogramme auf der Basis der Krankenakten von mehr als 1.900 Empfängern postmortal gespendeter Organe aus den Jahren 2013 bis 2015 überprüft. „Prüfgegenstand ist unverändert die Frage, ob bei den Anmeldungen zur Warteliste und insbesondere bei den Hochdringlichkeitsanträgen an Eurotransplant gegen die Richtlinien der Bundesärztekammer für die Wartelistenführung und die Organvermittlung verstoßen wurde“, erläuterte die Vorsitzende der Prüfungskommission, Vorsitzende Richterin am Kammergericht i. R. Anne-Gret Rinder.

Wie aus dem Jahresbericht von Prüfungskommission und Überwachungskommission hervorgeht, haben sich bei den abgeschlossenen Verfahren im Bereich der Nieren-, Pankreas- und kombinierten Nieren-Pankreastransplantationen sowie der Lungentransplantationen keine Auffälligkeiten ergeben. Auch die bereits abgeschlossenen Prüfungen der Herz- und der Lebertransplantationsprogramme bestätigen, dass der ganz überwiegende Teil der Zentren ordnungsgemäß und korrekt arbeitet. Auffälligkeiten stellten die Kommissionen lediglich in den Universitätskliniken Berlin, Göttingen und Essen fest.

Bei der bereits früher begonnenen und im Berichtszeitraum abgeschlossenen Prüfung des Herztransplantationsprogramms des Deutschen Herzzentrums Berlin mussten Richtlinienverstöße beanstandet werden. Das betroffene Transplantationszentrum hatte auf diese Verstöße bereits zu Beginn der Prüfung hingewiesen und diese auf eigene Initiative der zuständigen Staatsanwaltschaft und dem zuständigen Ministerium gemeldet. Es konnte darüber hinaus festgestellt werden, dass von Frühjahr 2014 an keine Anhaltspunkte mehr für systematische Verstöße oder Manipulationen vorlagen.

Auch bei der ebenfalls bereits früher begonnenen und in diesem Berichtszeitraum abgeschlossenen Prüfung des Lebertransplantationsprogramms des Universitätsklinikums Göttingen stellten die Experten systematische Richtlinienverstöße fest. Hierbei ging es u. a. um die Abklärung der Alkoholkarenz bei alkoholbedingter (äthyltoxischer) Leberzirrhose bis zum Jahre 2011. Es wurde jedoch deutlich, dass sich das Zentrum nach der Prüfung in der letzten Prüfungsperiode von 2013 an im Wesentlichen richtlinienkonform verhalten und auch Fehler aus der Vergangenheit korrigiert hat. Für die nachfolgenden Jahre stellten die Kommissionen daher keine Anhaltspunkte mehr für systematische Richtlinienverstöße fest.

Auch bei der bereits früher begonnenen und im Berichtszeitraum abgeschlossenen Prüfung des Lebertransplantationsprogramms des Universitätsklinikums Essen mussten die Prüfer systematische Richtlinienverstöße beanstanden. Hierbei handelte es sich um Verstöße gegen die Ausnahmeregelung zur Anmeldung auf die Warteliste bei Vorliegen eines Leberkrebses (hepatozelluläres Karzinom). Zum anderen wurde hier ebenfalls die Frage der Alkoholkarenz bei äthyltoxischer Leberzirrhose nicht ausreichend abgeklärt. Weiterhin stellten die Kommissionen in erheblichem Umfang Verstöße gegen die Regeln des beschleunigten Vermittlungsverfahrens (sog. Rescue-Allocation) fest. In diesem Zusammenhang hatte das Zentrum auch gegen die Verpflichtung verstoßen, die Gründe für die Auswahlentscheidung zu dokumentieren.

Mit Blick auf die in den Richtlinien geforderte sechsmonatige Alkoholkarenz der Patienten teilte Rinder mit, dass die noch ausstehenden Prüfungen fortgesetzt werden. Zwar gehe die Entscheidung des 5. Strafsenats des Bundesgerichtshofs vom 28. Juni 2017 davon aus, dass der „strikte Ausschluss“ von der Warteliste vor Ablauf von sechs Monaten unter anderem die Ermächtigungsnorm von § 16 Abs. 1 TPG überschreite und daher nicht strafrechtsbegründend sei. Die Aussage des Senats beziehe sich jedoch auf eine Regelung, die zum Zeitpunkt der angeklagten Regelverstöße gültig gewesen, aber bereits vor zwei Jahren geändert worden sei. Bis August 2015 schrieb die Richtlinie eine sechsmonatige Alkoholkarenz als strikte Voraussetzung einer Aufnahme in die Warteliste vor. Seither gilt eine vom Bundesministerium für Gesundheit genehmigte Neufassung, die eine Ausnahmeregelung vorsieht. Die Kommission stehe deshalb weiterhin in der Pflicht, die Alkoholkarenz der Patienten unter besonderer Berücksichtigung der Umstände des Einzelfalls und damit die Einhaltung der Richtlinie zu überprüfen.

Prof. Dr. jur. Hans Lilie, Vorsitzender der Ständigen Kommission Organtransplantation der Bundesärztekammer, betonte ausdrücklich die Bedeutung des Urteils des Bundesgerichtshofs: „Die Richtlinien der Bundesärztekammer sind nach den Ausführungen des Bundesgerichtshofs eine Form exekutiver Rechtsetzung.“ Lilie hob hervor, dass es bereits seit 2013 strafbewehrt verboten sei, bei der Meldung an Eurotransplant den Gesundheitszustand eines Patienten unrichtig zu erheben, zu dokumentieren oder einen unrichtigen Gesundheitszustand zu übermitteln, um Patienten zu bevorzugen. „Wer gegen dieses Verbot verstößt, kann mit einer Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren bestraft werden“, so Lilie.

Er erinnerte daran, dass die Bundesärztekammer bereits unmittelbar nach dem Göttinger Transplantationsskandal im Jahr 2012 eine Gesamtrevision der Richtlinien zur Organtransplantation eingeleitet hat. „Vor dem Hintergrund des Urteils des 5. Strafsenats sind die Bundesärztekammer als Richtliniengeberin, die Trägerorganisationen der Prüfungskommission, das Bundesministerium für Gesundheit sowie die Obersten Landesgesundheitsbehörden übereinstimmend der Auffassung, die Gesamtrevision verstärkt fortzusetzen und alle Richtlinien für die Wartelistenführung und Organvermittlung strukturiert einer systematischen Aktualisierung zu unterziehen“, so Lilie.

Prof. Dr. jur. Ruth Rissing-van Saan, Leiterin der Vertrauensstelle Transplantationsmedizin, gab einen Überblick über die Arbeit der Vertrauensstelle. Deren Aufgabe ist es, auf vertraulicher Basis Hinweise auf Auffälligkeiten im Bereich der Organspende und der Organtransplantation entgegenzunehmen und in Kooperation mit der Prüfungskommission und der Überwachungskommission zu klären. Die Vertrauensstelle ist ein von den Strafverfolgungsbehörden unabhängiger Ansprechpartner vor allem für Patienten und deren Angehörige sowie für alle interessierten Bürger. „Im vergangenen Jahr sind insgesamt 35 Eingaben bei der Vertrauensstelle eingegangen“, berichtete Rissing-van Saan. Neben anonymen Anfragen sei die Vertrauensstelle auch von Beschäftigten in Transplantationszentren sowie von anderen in das Transplantationsgeschehen eingebunden Stellen kontaktiert worden. „Immer häufiger gehen bei uns aber auch Fragen zur Lebendspende und zur medizinischen Versorgung von Flüchtlingen und Asylbewerbern ein. Bei den Eingaben zur Lebendspende geht es häufig um Fragen zu Kostentragung für Rehabilitations- und Anschlussheilbehandlungen sowie Entschädigungen für den Verdienstausfall des Spenders“, sagte Rissing-van Saan.

Abschließend appellierte Lippert an die Zentren, ihre Patienten über das Transplantationsregister, das gerade errichtet wird, zu informieren und gemäß den gesetzlichen Vorgaben aufzuklären. „Wir alle haben das Transplantationsregister gewollt und müssen nun auch dafür Sorge tragen, dass es erfolgreich umgesetzt werden kann“, forderte Lippert.

 

 

Ärzte Zeitung online, 05.12.2017

Schonende Diagnostik

Neues Verfahren erkennt Herzkrankheiten im Frühstadium

Tiefer Blick ins Herz: Dank hochmoderner Verfahren lassen sich Erkrankungen des Herzens frühzeitig erkennen. Frankfurter Forscher arbeiten an deren Entwicklung.

Bei den bisher in der Kardiologie genutzten bildgebenden Verfahren ist oft die pathologische Veränderung am Herzen (s. Pfeile) schon fortgeschritten, bevor sie deutlich erkennbar ist.

© Nagel, Uni Frankfurt

FRANKFURT. Herzerkrankungen sind keinesfalls nur ein Risiko für Senioren. Auch körperlich aktive Menschen können gefährdet sein, etwa wenn eine eigentlich harmlose Erkältungskrankheit auf den Herzmuskel übergreift. Bleibt dies unerkannt und setzt beispielsweise der Handwerker seine aktive Tätigkeit oder der Sportler sein intensives Training fort, kann dies zu chronischen Entzündungen und im schlimmsten Fall zum plötzlichen Tod führen.

Wie Untersuchungen mit hochmodernen Bildgebungsgeräte solche Risiken verringern, schildert das Wissenschaftsmagazin "Forschung Frankfurt" in seiner aktuellen Ausgabe.

Professor Eike Nagel und seine zwölf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Abteilung "Kardiovaskuläre Bildgebung" der Goethe-Universität Frankfurt entwickeln verbesserte Prognose- und Diagnosemöglichkeiten von Herzerkrankungen. "Mit Hilfe der Magnetresonanztomographie können wir in den Herzmuskel reinschauen", schildert Nagel die Vorteile eines in der Herzuntersuchung recht neuen Verfahrens, das die Frankfurter in den letzten Jahren federführend mit- und fortentwickelt haben. Es macht den Blutfluss sichtbar und damit mögliche Engstellen. Zudem erkennen die Experten, ob der Herzmuskel vernarbt, entzündet oder anderweitig verändert ist.

Die vergleichsweise schnelle Methode erlaubt es, Patienten frühzeitig zu untersuchen und so möglicherweise eine Herzschwäche bis hin zum Herzinfarkt zu verhindern. "Krankheiten wie HIV, Nierenschäden, Rheuma oder Tumoren strahlen häufig auch auf das Herz aus", beschreibt Nagel gefährdete Menschen. "Wir können heute so viele Erkrankungen erfolgreich behandeln oder sogar heilen – aber das Herz leidet dabei unentdeckt mit und sollte daher beobachtet werden", ist der Kardiologe überzeugt.

Die schonende MRT-Untersuchung von außen ist bei geringeren Risiken genauso effizient wie ein klassischer Herzkatheter-Eingriff, bei dem ein feiner Schlauch über eine Ader zum Herzen vorgeschoben wird. Das konnte Nagels Arbeitsgruppe kürzlich in einer international beachteten Studie zeigen.

Auch hochmoderne Computer-Tomographen stehen der Abteilung Kardiovaskuläre Bildgebung für dreidimensionale Bilder des Herzens zu Verfügung. Sie machen insbesondere verkalkte Ablagerungen sichtbar, die in Zukunft platzen und einen plötzlichen Herzinfarkt auslösen könnten. Demnächst reiche ein Herzschlag für eine aussagekräftige Aufnahme aus, prognostiziert Nagel – derzeit müssen die Patienten sechs bis zehn Sekunden lang den Atem anhalten, damit die Lungentätigkeit nicht das Bild verwackelt.

Diese rasanten Fortschritte in der Bildgebung der letzten Jahrzehnte faszinieren Nagel: "Heute können wir feinste Veränderungen erkennen und uns damit tatsächlich ein Bild von der Herzerkrankung machen." (eb)

 

Westfalen Blatt; 06.12.2017

 

Ethisches Dilemma Fachleute diskutieren im HDZ über

Organspenden für Herzpatienten

 

Bad Oeynhausen (WB). Zum Tag der Ethik hat das Herz- und Diabeteszentrum NRW

(HDZ NRW) 80 Teilnehmer begrüßt. Dabei ging es auch um die Frage, inwiefern

Patienten mit Einkammer-Herz mit Spenderorganen versorgt werden können.

180 Neugeborene jährlich kommen in Deutschland mit nur einer funktionsfähigen

Herzkammer zur Welt. Ein solcher Herzfehler ist nicht heilbar. Dank spezieller

chirurgischer Eingriffe in den ersten Lebensjahren – darunter die sogenannte Fontan-

Operation – gelingt es heute in den meisten Fällen, die durch die Fehlbildung

bestehende Sauerstoffunterversorgung zu beheben und die hohe Belastung der

gesunden Herzkammer zu reduzieren. »Dadurch erreichen heute mehr als 90 Prozent

der Patienten dasErwachsenenalter«, sagte Prof. Dr. Deniz Kececioglu, Direktor im

Kinderherzzentrum und Zentrum für angeborene Herzfehler am HDZ NRW. Als

stellvertretender Vorsitzender des klinischen Ethik-Komitees begrüßte er die Gäste im

Hörsaal des Klinikums. Grundsätzlich stellt die lebenslange medizinische Betreuung von

Einkammer-Herzpatienten eine große Herausforderung dar. »Wir müssen uns bei einer

steigenden Zahl erwachsener Patienten mit Komplikationen auseinandersetzen, die vor

allem den Herzrhythmus, Lunge, Leber und Nieren betreffen und so kritisch werden

können, dass wir uns mit der Frage einer Herztransplantation befassen müssen«, sagte

Privatdozent Dr. Kai Thorsten Laser. Aktuell betreut er mehrere heranwachsende und

erwachsene Fontan-Patienten als Kinder im HDZ. Unausweichlich führe diese Situation

zu der Auseinandersetzung mit der Frage einer gerechten Verteilung von Organspenden.

Unter dem Aspekt »Jedem das Seine? Jedem das Gleiche?«, betonte Pfarrerin Antje

Freitag, Vorsitzende des klinischen Ethik-Komitees, hinsichtlich der Erfolgsaussichten

einer Transplantation müsse eher von Chancenungleichheit die Rede sein, da eine

Herztransplantation für Fontanpatienten immer mit einem größeren Risiko verbunden

sei. Eine besonders frühe Aufnahme auf die Warteliste sei daher geboten. Das ethische

Dilemma der Transplantationsmedizin brachte Uwe Schulz, Leiter des Bereichs Thorakale

Transplantation, auf den Punkt: »Da es unklar ist, wie

lange Patienten ohne Transplantation gut leben können, ist die Entscheidung nicht

einfach. Die Risikofaktoren für die Sterblichkeit auf der Warteliste sind nicht eindeutig

definiert, die Transplantationsoperation schwierig.« Angesichts von mehr als 700

Patienten, die derzeit auf ein Spenderherz warteten und im Jahr durchgeführten 250

Herztransplantationen, spiegele sich die Grundproblematik des Organspendemangels bei

der sehr kleinen Gruppe der Patienten mit angeborenen Herzfehlbildungen wider. Auf die

psychische Belastung bei Betroffenen und Angehörigen verwies Matthias Lamers,

Psychologe im Zentrum für angeborene Herzfehler. »Über die medizinischen Probleme

hinaus sind Lernstörungen, Verhaltensauffälligkeiten, Schwierigkeiten in der Adoleszenz

keine Seltenheit«, sagte er.

 

 

Nordbayerischer Kurier

Bayreuth

 

01.12.2017, 14:40 Uhr

Vor vier Jahren begann für Julia Rüdiger- Bär Mit der Nierenverpflanzung ein Neues Leben. Foto: Andreas Harbach

Neue Niere schenkt neues Leben

Von Peter Rauscher

 

Bayreuth/Berlin. Seit 20 Jahren regelt in Deutschland ein Gesetz die

Transplantation von Organen. Doch am 1. Dezember, dem Jahrestag des

Inkrafttretens, besteht zum Feiern kein Grund. Die Zahl der Organspender geht

immer weiter zurück. Der Bayreuther Chefarzt Prof. Harald Rupprecht hält die

jetzige Regelung für „unausgegoren“.

 

Julia Rüdiger-Bär feierte am Donnerstag ihren vierten „Nierengeburtstag“. Die heute 41-jährige Bindlacherin litt schon in ihrer Jugend an einer schweren Nierenkrankheit. Im Alter von 17 Jahren, während ihrer Ausbildungszeit als Arzthelferin, wurde sie immer schlapper und müder.

Der Arzt stellte Schrumpfnieren fest, die junge Frau musste an die Dialyse. „Da bricht für dich und deine Familie eine Welt zusammen“, sagt sie. 18 Jahre lang war ihr Leben von einer Maschine abhängig, dreimal wöchentlich musste sie vier bis fünf Stunden zur Blutwäsche.

Das fand sie am Anfang weniger schlimm als den Gedanken an eine Nierentransplantation, doch „eine Stunde an der Dialyse ist wie eine Stunde Leistungssport“, zitiert sie einen ihrer Ärzte. Sie ließ körperlich immer stärker nach und entschied sich doch für die Operation.

Leben wird wieder bunt

Ihre lange Dialysezeit wurde angerechnet, so erhielt sie schon wenige Wochen später eine Spenderniere. „Man genießt das Leben neu, es ist wieder bunt geworden“, sagt sie dem Kurier.

Harald Rupprecht

 

Im Durchschnitt müssen Nierenkranke in Deutschland sieben bis neun Jahre warten, bis sie ein Spenderorgan bekommen“, sagt Harald Rupprecht, Chefarzt der Klinik für Nephrologie und Stellvertreter des Ärztlichen Leiters am Klinikum Bayreuth.

Das Klinikum erhielt dieses Jahr den Bayerischen Organspendepreis für besonderes Engagement, fünf Organentnahmen gab es hier 2016.

Wartezeit wird länger

Tendenziell werde die Wartezeit auf Spenderorgane immer länger. Denn die Zahl der Organspender ist in den vergangenen sechs Jahren um 30 Prozent gesunken. 615 Spender zählte die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) in den ersten drei Quartalen 2017, im Vergleichszeitraum 2011 waren es noch 900.

Weitaus am häufigsten transplantiert werden Nieren. 2014 waren nach Rupprechts Angaben bundesweit 1400 Nieren zu verteilen, aber 8000 Patienten standen auf der Warteliste und mehr als 80.000 Kranke hingen an der Dialyse. „Täglich sterben drei Patienten auf der Warteliste“, sagt Rupprecht.

Das Transplantationgesetz sollte vor 20 Jahren die Zahl der Organspender eigentlich erhöhen. Doch die beschlossene „erweiterte Zustimmungsregelung“ erwies sich als hohe Hürde. Demnach war eine Organentnahme nur möglich, wenn ein Verstorbener zu seinen Lebzeiten ausdrücklich zugestimmt hatte. Hatte er sich nicht geäußert, konnten die nächsten Angehörigen der Entnahme aufgrund seines mutmaßlichen Willens zustimmen.

Seit dem Jahr 2010 geht
 es bergab

Die Zahlen nach Inkrafttreten des Gesetzes blieben im europäischen Vergleich bescheiden: 1998 wurden 1111 Organspender registriert, der Höchststand war 2007 mit 1313 Spendern. Nach dem Jahr 2010 ging es aber stetig abwärts – auf nur noch 857 im vergangenen Jahr.

In Deutschland kommen auf eine Million Einwohner zehn Spender, in Spanien, Kroation oder Portugal sind es drei- bis viermal so viele. Dort gilt die sogenannte Widerspruchslösung: Wer nicht ausdrücklich widerspricht, ist nach seinem Tod ein möglicher Organspender.

Diese Lösung ging den meisten Bundestagsabgeordneten zu weit. Sie besserten nach: Seit 2012 sind die Krankenkassen verpflichtet, jeden Versicherten ab 16 Jahren regelmäßig über Organspenden aufzuklären und ihm einen Organspendeausweis zuzuschicken.

Unterlagen im Papierkorb

Rupprecht ist das zu lasch. „Die Unterlagen werden oft übersehen und landen im Papierkorb“, kritisiert er. Die Entscheidungslösung sei von der Idee her gut, das Gesetz werde aber „schlecht umgesetzt“. Laut Umfragen seien 85 Prozent der Deutschen grundsätzlich zu Organspenden bereit, aber nur jeder Dritte hat einen Organspendeausweis. Rupprecht schlägt vor, dass sich jeder Erwachsene entscheiden muss: Zum Beispiel könnte beim Antrag auf den Personalausweis ein Kreuzchen verlangt werden, ob der Antragsteller zur Organspende bereit ist oder nicht.

Für den Rückgang der Organspenden ist nach Rupprechts Ansicht nicht nur der Skandal um Manipulationen auf Dringlichkeitslisten im Jahr 2012 verantwortlich. Dank des medizinischen Fortschritts etwa bei der Behandlung von Schlaganfallpatienten gebe es auch weniger potenzielle Spender.

Schwachstellen

Der medizinische Vorstand der DSO, Axel Rahmel, verweist auf „wechselseitige strukturelle und organisatorische Schwachstellen“ in der Zusammenarbeit mit Kliniken. In den vergangenen Jahren seien weniger Organspender gemeldet worden. Er forderte eine verstärkte Aufklärung der Bevölkerung, insbesondere, wenn Patientenverfügungen formuliert würden.

Julia Rüdiger-Bär hält die Widerspruchslösung, wie sie in Österreich gilt, für besser als das deutsche Gesetz. „Viele Menschen scheuen davor zurück, sich mit dem Thema zu befassen, aber man sollte das unbedingt tun“, sagt die Bindlacherin, die sich für das Thema Organspende öffentlich engagiert. „Mit mehr Organspenden könnten viele Menschenleben gerettet werden.“

 

 

 

 

 

Presseinformation

Seit 50 Jahren hilft die Herztransplantation Leben zu retten In Deutschland warten über 700 Patienten auf ein neues Herz – Zahl der Spenden sinkt weiter

 

Frankfurt am Main, 30. November 2017.

Die weltweit erste Herztransplantation am 3.  Dezember 1967, durchgeführt von

Christiaan Barnard am Groote Schuur Hospital in Kapstadt, war eine weltweite

Sensation. Kurze Zeit später fand bereits die erste Übertragung eines Herzens in

Deutschland statt - am 13. Februar 1969 am  Universitätsklinikum München. Die

Patienten überlebten die Übertragung damals nur für kurze Zeit.

Die Abstoßung des fremden Organs durch den Körper des Empfängers stellte

ein großes Problem dar. Heute können die Abstoßungsreaktionen durch immer

wirksamere Medikamente, die so genannten Immunsuppressiva, verhindert werden.

 

Inzwischen ist die Herztransplantation ein etabliertes Behandlungsverfahren für schwer

herzkranke Patienten. Studien zeigen, dass nach drei Jahren noch 70 Prozent der

verpflanzten Herzen im Empfänger schlagen. Immer mehr Herzempfänger leben sogar

über Jahrzehnte mit dem gespendeten Organ.

 

Heute, wie vor 50 Jahren, ist eine Herztransplantation nur möglich, wenn dafür auch ein

Spenderherz zur Verfügung steht. In den letzten Jahren ist die Zahl der Organspender in

Deutschland insgesamt stark gesunken. Während es im Jahr 2010 noch 1296

Organspender gab, waren es 2016 nur noch 857. In 2010 konnten 385 Herzen in

Deutschland für die Transplantation entnommen werden, in 2016 waren es 286. In der

Folge sank auch die Zahl der Herztransplantationen an deutschen Kliniken: Im Jahr

2010 erhielten 393 Patienten ein neues Herz, im Jahr 2016 waren es 297. Die Differenz

zu den in Deutschland gespendeten Herzen ergibt sich aus dem internationalen

Organaustausch über die Vermittlungsstelle Eurotransplant.

 

Das Herz ist ein besonderes Organ. Es klopft vor Freude, bricht vor Schmerz und wird

aus Liebe verschenkt. Ein schlagendes Herz ist der Inbegriff des Lebens. Für viele

Menschen besitzt es daher eine starke Symbolkraft. Das gilt sowohl für die

Organspender und ihre Familien, als auch für die Empfänger, die das neue Organ nach

der Übertragung in sich schlagen spüren. Auch sie müssen diesen Eingriff körperlich und

seelisch verarbeiten. Viele von ihnen feiern in jedem Jahr dankbar ihren zweiten

Geburtstag im Andenken an ihren Spender.

 

Keine Herztransplantation ohne Organspende Wenn bei einem Verstorbenen der i

rreversible Hirnfunktionsausfall festgestellt wurde und eine Einwilligung zur

Organentnahme vorliegt, unterstützen die Koordinatoren der Deutschen Stiftung

Organtransplantation (DSO) die Krankenhäuser über den gesamten

Organspendeprozess. Sie veranlassen alle notwendigen medizinischen Untersuchungen

des Verstorbenen und leiten die Untersuchungsergebnisse an die Vermittlungsstelle

Eurotransplant. Dort gleicht ein spezielles Computerprogramm die Daten des Spenders

mit denen der Patienten auf den Wartelisten ab und ermittelt die passenden Empfänger.

 

In der Regel entnehmen die Chirurgen, die auch die spätere Transplantation

durchführen, das Herz. Der Transport von Spenderorganen muss schnell, äußerst

sorgfältig und medizinisch einwandfrei geschehen. Die Funktion des Transplantates und

damit das Überleben des Organempfängers hängen unmittelbar davon ab. Gleichzeitig

ist der würdevolle Umgang mit dem Verstorbenen zu jeder Zeit oberstes Gebot. Ein Herz

lässt sich nur vier bis sechs Stunden konservieren, dann muss es wieder im Empfänger

schlagen. Für den Transport werden die Organe in speziellen Transportkisten in einer

konservierenden Lösung und auf Eis gelagert. Die DSO übernimmt die Verantwortung

für jedes Spenderorgan bis zu dessen Übergabe im Transplantationszentrum. Erst wenn

die Transplantationszentren die Spenderorgane in Empfang genommen haben, endet

auch die Aufgabe der DSO im Organspendeprozess.

 

Über 12 000 Herzen in Deutschland transplantiert Seit 1969 wurden in Deutschland

insgesamt 12 722 Herzen transplantiert. Den Organspendern und ihren Familien, die das

mit ihrer Zustimmung ermöglicht haben, gebührt großer Dank und Anerkennung. Wer

das gespendete Herz erhalten hat, muss in Deutschland anonym bleiben. Auf Wunsch

erfährt die Spenderfamilie, wie es dem Empfänger des Organs geht.

 

Über 700 Menschen in Deutschland hoffen derzeit auf eine Herztransplantation. Viele

von ihnen warten vergeblich. Im Jahr 2016 konnten in 22 deutschen

Transplantationszentren 297 Herzen übertragen werden. In diesem Jahr waren es bis

Oktober lediglich 227 Herzen, die transplantiert werden konnten. Inzwischen leben mehr

als 1100 Patienten mit einem mechanischen Herzunterstützungssystem, weil die

Funktion ihres eigenen Herzens nicht mehr ausreicht. Auch sie warten auf ein

Spenderherz.

 

Quelle:

Pressekontakt: Birgit Blome, Bereichsleiterin Kommunikation Susanne Venhaus, Presse-

und Öffentlichkeitsarbeit Deutsche Stiftung Organtransplantation Deutschherrnufer 52,

60594 Frankfurt am Main Tel.: +49 69 677 328 9400 oder -9413, Fax: +49 69 677 328

9409, E-Mail: presse@dso.de, Internet: www.dso.de

 

 

 

Hannover Allgemeine

22.11.2017

Zu wenig Organspender: Kliniken müssen mehr Kunstherzen verpflanzen

In Deutschland gibt es immer weniger Organspender. Krankenhäusern müssen deshalb bei Patienten mit einer Organschwäche immer häufiger auf Übergangslösungen wie Kunstherzen setzen. Doch das birgt oft erhebliche Risiken.

Ein Kunstherzsystem. Quelle: picture alliance / dpa

Hannover

Jedes zweite Kind, das in Deutschland etwa auf ein Spenderherz wartet, erhält

inzwischen externes Kunstherz, das ihm hilft zu überleben bis ein Spenderherz

verfügbar ist, wie die Medizinische Hochschule Hannover mitteilte.

 

Das externe Kunstherz ist rund 90 Kilo schwer, so groß wie ein Einkaufswagen und hilft

schwachenHerzen, Blut durch die Körper zu pumpen. Weil das Kunstherz aber so groß

ist und Infektionsgefahr besteht, müssen betroffene Kinder oft monatelang in der

Intensivstation im Krankenhaus liegen.

 

Laut dem Direktor der MHH-Klinik für Herzchirurgie, Axel Haverich, gibt es die folgende

Gründe dafür, dass es in Deutschland weniger Organspender gibt: Viele Leute haben

nach mehreren Transplantationsskandalen Angst, sich bei einem Hirntod Organe

entnehmen zu lassen.

Außerdem sterben weniger Leute im Verkehr und damit gibt es weniger Hirntote, die für

eine Organspende in Frage kommen. Schließlich meldeten viele Krankenhäuser nicht,

wenn sie einen potenziellen Organspender hätten, da sie für eine Organentnahme kaum

Geld erhielten, sagte Haverich. 

Von dpa/RND

 

 

Organspende | Servicezeit | 20.11.2017 | WDR

Wie man Organspender wird - und was das bedeutet

Mehr als 10.000 Menschen warten in Deutschland auf ein Organ. Doch: Wie werde ich eigentlich Spender? Wer kommt für eine Spende infrage? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Was ist der Organspendeausweis und woher bekomme ich ihn?

Der Organspendeausweis ist ein verbindliches Dokument über die eigene Entscheidung für oder gegen eine Spende. Er soll vor allem für Klarheit sorgen: Oft wissen Angehörige nicht, was der Verstorbene sich gewünscht hätte.

Möglich ist es, auf dem Ausweis bestimmte Organe oder Gewebe von der Spende auszuschließen. Endgültig festlegen muss man sich aber nicht: Der Ausweis kann jederzeit vernichtet und neu ausgefüllt werden.

Der Ausweis kostet nichts und ist in Arztpraxen, Apotheken oder über Krankenversicherungen zu bekommen. Prinzipiell kann man auch selbst ein solches Dokument anfertigen - es hat denselben Stellenwert.

Kann ich auch in mein Testament schreiben, dass ich spenden will?

Eine solche Erklärung bringt meist nichts, weil das Testament erst eröffnet wird, wenn es für eine Spende schon zu spät ist. Eine Alternative kann die Patientenverfügung sein. Darin kann auch festgelegt werden, welche Organe man spenden will.

Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit Organe entnommen werden können?

Bei dem Spender muss der Hirntod von zwei Ärzten unabhängig voneinander festgestellt werden. Dabei gehen sie nach Richtlinien der Bundesärztekammer vor. Ein Hirntod bedeutet, dass die Gehirnfunktionen unwiderruflich ausgefallen sind. Meistens passiert das durch eine Hirnblutung oder ein Schädelhirntrauma.

Das kommt aber nur selten vor: Nur bei etwa ein Prozent der Verstorbenen in Krankenhäusern wird der Hirntod festgestellt. Das sind laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung nur circa 4.000 Menschen pro Jahr. Es kommen also nur sehr wenige Menschen überhaupt für eine Organspende infrage.

Welche Organe kann ich spenden?

Niere, Leber, Herz, Lunge, Pankreas und Dünndarm können von einem verstorbenen Spender auf einen Empfänger übertragen werden. Außerdem lassen sich Gewebe wie beispielsweise Hornhaut oder Knochen verpflanzen.

Wer entscheidet, welcher Patient meine Organe bekommt?

Die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) erhält alle relevanten Informationen, sobald der Hirntod festgestellt ist und die Angehörigen der Entnahme zugestimmt haben. Sie kümmert sich in Zusammenarbeit mit der Stiftung Eurotransplant dann darum, einen geeigneten Empfänger zu finden.

Werden meine Angehörigen erfahren, wer die Organe bekommen hat?

Nein, die Spende ist grundsätzlich anonym. Es gibt aber die Möglichkeit, über die DSO einen Brief an Empfänger oder Spender zu schicken. Wenn beide den Kontakt möchten, wird er vermittelt.

Kann ich auch ein Organ spenden, wenn ich noch lebe?

In Deutschland dürfen eine Niere oder ein Teil der Leber auch lebend gespendet werden. Allerdings gilt das nur für Personen, die sich sehr nahe stehen: Geschwister, Eltern, Ehepartner, Verlobte oder nahe Verwandte.

 

 

Frankfurter Rundschau

13. November 2017

Transplantationsmedizin Soll Organspende-Gesetz reformiert werden?

Warum Organspenden in Deutschland zu selten sind – und was andere Staaten besser machen.

Chirurgen präparieren die Niere eines Verstorbenen für die Transplantation. Foto: Getty

Es ist elf Jahre her, da nimmt Marita Donauers Leben eine dramatische Wendung. Ihr 46-jähriger Bruder Karl liegt plötzlich sterbend auf der Intensivstation: schwerste Hirnschäden durch ein geplatztes Aneurysma. „Wir waren in eine furchtbare Ausnahmesituation geworfen“, erinnert sich Donauer. Von den Ärzten wird sie angesprochen: Seine Organe, die könnten noch weiter helfen. Einen Spenderausweis hat Karl nicht, stimmt also sie der Organentnahme zu?
Marita Donauer muss für ihren Bruder entscheiden, „nach seinem mutmaßlichen Willen, denn wir hatten nie drüber gesprochen“. Aber sie hat ihn als sehr empathisch erlebt und willigt deshalb in die Spende ein.

„Es war die schwerste Entscheidung meines Lebens“, sagt Donauer, „aber zwei Monate später wusste ich, dass es die richtige war“. Da traf ein Brief der Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) bei der Familie ein: Sieben schwerstkranken Menschen hatte ihr Bruder mit seinen Organen geholfen. Ein 38-Jähriger hatte die Lunge bekommen, eine 44-Jährige Niere und Pankreas. Sechs der Empfänger leben noch heute: „Uns wurde klar: In seinem sinnlosen Sterben hat mein Bruder diesen Menschen das Leben gerettet. Das war ein wunderbarer Trost.“

Nur 2700 Transplantationen erwartet die Deutsche Stiftung Organspende für 2017.

Marita Donauer engagiert sich seitdem stark für die Organspende und hat unter anderem ein Netzwerk Angehöriger mitgegründet. Beim Frankfurter Jahreskongress der DSO, die bundesweit Organspenden Verstorbener koordiniert und deren Angehörige  begleitet, hält sie mit ihren Emotionen nicht hinterm Berg: „Mir geht angesichts der dramatisch niedrigen Spenderzahlen allmählich die Geduld aus. Es geht doch um eine Entscheidung für das Leben!“ 

Klare Worte in einer prekären Lage. Die Spenderzahlen sacken weiter ab, nur 2700 Transplantationen erwartet die DSO 2017, rund 40 Prozent weniger als noch 2010. Dem stehen an die 12 000 Schwerstkranke auf der Warteliste gegenüber. „Warum sind wir so nachhaltig schlecht?“ fragt auch Björn Nashan, Transplantationsmediziner und Vorsitzender des DSO-Stiftungsrats. Und warum sind andere Staaten besser?

Krankenhäuser:
Auswertungen von Klinikdaten durch die DSO legen nahe, dass bis zu 50 Prozent mehr Organspender zu identifizieren wären, wenn auf Intensivstationen bei irreversibel kranken Patienten vor dem Therapieabbruch immer nach der Option Organspende gefragt würde. Was hier nicht gut läuft, klappt in Großbritannien, sagt DSO-Vorstand Axel Rahmel: „Da ist die Frage Standard“. Was dazu beiträgt, dass im Königreich die Transplantationszahlen in den letzten fünf Jahren jährlich um 20 Prozent gestiegen sind.

Transplantationsbeauftragte:
Jede Entnahmeklinik muss laut Gesetz einen benennen. Er begleitet Angehörige von Spendern und muss dafür sorgen, dass mögliche Spender an die DSO gemeldet werden, damit diese das komplizierte Prüfverfahren begleiten kann. Doch zeigen Zahlen aus NRW, dass die Beauftragten in mehr als zehn Prozent aller Fälle gar nicht hinzugezogen werden, wenn auf der Intensivstation ein Patient mit schwersten Hirnschäden liegt. Viele klagen, dass ihre Tätigkeit in den Kliniken nicht geschätzt wird, sie sind auch oft nicht freigestellt und kaum geschult. Besser macht das zum Beispiel Spanien, europaweiter Spenden-Spitzenreiter: In Barcelona gibt es sogar eine Hochschulausbildung für Transplantationsbeauftragte.

Patientenverfügungen:
Einhellig klagen Kliniken, dass in Patientenverfügungen über medizinische Behandlung am Lebensende oft nicht an die Organspende gedacht wird. Hier müsse viel besser aufgeklärt werden, so Rahmel: „Da müssen wir uns auch an die eigene Nase fassen.“

Kosten:
Bis zu 5000 Euro Vergütung bekommt eine Klinik für einen Organspender – und das auch nur, wenn mehrere Organe entnommen werden. Das ist zu wenig, sagt die DSO. Denn die potenziellen Spender sind immer älter und haben mehr Begleiterkrankungen. Das verteuert den Entnahmeprozess erheblich, weil mehr getan werden muss, um die Organqualität sicherzustellen. Zum Vergleich: In der Schweiz etwa gibt es bei sehr schwierigen Fällen bis zu 50 000 Franken (rund 43 000 Euro) Vergütung.

Hirntodkriterium:
Hierzulande muss ein Patient laut Transplantationsgesetz gesichert hirntot sein, damit eine Organspende in Frage kommt. Der Hirntod wird aber, dank des medizinischen Fortschritts, immer seltener. Viele andere europäische Staaten lassen deshalb auch den Herzstillstand als Kriterium zu – vorausgesetzt, der Patient hat keine Überlebenschance und seine Bereitschaft zur Organspende ist abgeklärt. Spanien, die Niederlande, Großbritannien, Belgien und die Schweiz verfahren zum Beispiel so und konnten damit die Zahl der Transplantationen steigern. Die Debatte darüber muss auch hier geführt werden, wünscht sich Björn Nashan.

Widerspruchslösung:
In den meisten europäischen Ländern – darunter Frankreich, Spanien, Österreich, Kroatien, Niederlande oder Portugal – gilt: Wer zu Lebzeiten nicht schriftlich widerspricht, gilt im Fall des Todes als potenzieller Organspender. Hierzulande dagegen dürfen Organe nur entnommen werden, wenn das Einverständnis des Spenders oder stellvertretend eines Angehörigen vorliegt. Spenderausweise haben aber nur vierzig Prozent der Bundesbürger – einer der Hauptgründe für den Organmangel. Deutscher Ethikrat und Ärztetag haben sich vor Jahren schon für eine Widerspruchslösung ausgesprochen, doch die Politik bewegt sich nicht. Dabei profitiert Deutschland im Eurotransplant-Verbund davon, dass andere Mitgliedsstaaten sie haben, indem es mehr Organe von dort bekommt als exportiert.

Auch auf dem DSO-Kongress wurde der Ruf nach einer Reform wieder laut. Allen, bei denen das Ängste auslöst, gibt Marita Donauer mit: „Es ist viel wahrscheinlicher, dass man selbst mal ein Organ braucht, als dass man zum Spender wird. Und wer im Krankheitsfall ein Organ annehmen würde, sollte auch bereit sein, eines zu geben.“

 


Herzen und Nieren Organspender dringend gesucht - auch in Bayern

Noch immer ist die Zahl der Organspender in Bayern niedrig - zu niedrig, um allen Kranken helfen zu können. Zwar gewinnt das System langsam an Vertrauen zurück, doch für viele Menschen wird die Hilfe wohl zu spät kommen.

Von: Anton Rauch

Stand: 11.11.2017 |Bildnachweis

 

Gesundheitsministerin Huml zufolge ist die Zahl der Organspender in Bayern zwar immer noch gering, hat allerdings seit dem Tiefpunkt des Organspende-Skandals zuletzt wieder leicht zugenommen. Es sei allerdings noch ein weiter Weg, die hohen Zahlen früherer Jahre zu ereichen. Laut der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) waren in Bayern in den ersten neuen Monaten 109 Menschen zu einer Organspende bereit. Im gleichen Vorjahreszeitraum waren es 92.

"Erfreulich ist, dass in Bayern anders als in ganz Deutschland die Zahl der Organspender in den ersten neun Monaten gestiegen ist. Aber es ist noch ein weiter Weg, die hohen Zahlen früherer Jahre zu erreichen. Deshalb werden wir in unseren Bemühungen nicht nachlassen, die Organspendebereitschaft in der Bevölkerung zu erhöhen."

Gesundheitsministerin Melanie Huml

Täglich sterben in Deutschland drei Menschen, denen Organspende helfen würde

Dagegen sank die Zahl der Organspender in ganz Deutschland von 637 auf 615. Die DSO hat bei ihrem Jahreskongress in dieser Woche die neuen Zahlen vorgelegt und von einer zutiefst besorgniserregenden Lage gesprochen. Demnach sterben in Deutschland täglich etwa drei Menschen, weil sie nicht rechtzeitig ein Herz, eine Lunge, Leber oder Bauchspeicheldrüse bekommen.

Mehr als 10.000 auf der Warteliste

Mehr als 10.000 schwer kranke Menschen warten auf eine Transplantation, die meisten auf eine Niere. Die Ernennung eines Transplantationsbeauftragten in allen bayerischen Krankenhäusern sei besonders wichtig, um Organspenden zu realisieren.

Bayerische Krankenhäuser haben Transplantationsbeauftragte

Bayern hat als erstes Bundesland eine Freistellung für die Transplantationsbeauftragten eingeführt.

"Diese Verpflichtung ist enorm wichtig, damit die Krankenhäuser im Fall einer Organspende einen kompetenten Ansprechpartner zur Seite haben."

Gesundheitsministerin Melanie Huml

Denn diese Arbeit sei nur leistbar, so Huml, wenn im hektischen und dicht gefüllten Klinikalltag ausreichend Zeit zur Verfügung stehe.

 

 

Augsburger Allgemeine

11. November 2017 11:56 Uhr

Bayern

Zahl der Organspenden entgegen dem Bundestrend gestiegen

In den ersten Monaten des Jahres wurden in Bayern mehr Organe gespendet als in demselben Zeitraum des Vorjahrs. Bundesweit sieht der Trend anders aus.

In Bayern ist die Zahl der Organspenden leicht gestiegen.

Foto: Julian Stratenschulte, dpa (Symbolbild)

Entgegen dem deutschlandweiten Trend sind die Organspende in Bayern leicht gestiegen.

In den ersten Monaten dieses Jahres waren nach Angaben der Deutschen Stiftung

Organspende (DSO in Bayern 109 Menschen zu einer Organspende bereit. Im Vergleich

zum Vorjahreszeitraum waren es 92.

Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) nannte diesen Trend „erfreulich“,

zeigte sich aber besorgt über den Rückgang der Organspenden in ganz Deutschland.

Bundesweit sank die Zahl von 637 Vorjahr auf 615.

 

Mehr als 10.000 schwerkranke Patienten warten auf ein Organ

 

Auch in Bayern sei es noch ein langer Weg, die früheren Zahlen der vergangenen Jahre

zu erreichen, so Huml. „ Deshalb werden wir in unseren Bemühungen nicht nachlassen,

die Organspendebereitschaft in der Bevölkerung zu erhöhen.“

 

Am Donnerstag hatte die DSO berichtet, das die Organspenden auf dem niedrigsten

Stand seit 20Jahren sind. Im laufenden Jahr 2017 erwartet die DSO rund 1500 Organe

weniger als 2010.

Gleichzeitig warten mehr als 10.000 schwerkranke Patienten auf die lebensrettende

Organspende. dpa

 

 

 

Deutsche Stiftung Organtransplantation Organspenden sind den Kliniken zu teuer

Veröffentlicht am 10.11.17 um 19:28 Uhr

Jeder dritte Deutsche ist bereit, seine Organe zu spenden. Bild © Imago

 

Die Zahl der Organspenden ist dramatisch zurückgegangen. Die Deutsche Stiftung Organtransplantation macht dafür die Krankenhäuser mitverantwortlich. Fragen und Antworten zum Thema Organspende.

Von Kathrin Wesolowski

Die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) schlägt Alarm: Die Zahl der Organspenden sei bundesweit auf dem niedrigsten Stand seit zwanzig Jahren, erklärte die Stiftung auf ihrem Jahreskongress am Donnerstag in Frankfurt. Auch in Hessen sind die Spenden demnach in den letzten Jahren zurückgegangen. Woran das liegt? Hier die Fakten.

Wie ist die Situation in Hessen?

Immer weniger Hessen spenden ihre Organe. Vor zwanzig Jahren spendeten nach Angaben des DSO noch 74 Hessen postmortal Organe, im vergangenen Jahr waren es nur noch 56 Spender. Dabei warteten Ende 2016 knapp 700 schwerkranke Hessen auf eine Organtransplantation.  Bundesweit benötigen über 10.000 Menschen eine Transplantation.

Warum fehlen Organe?

An der Spendebereitschaft liegt das offenbar nicht. Jeder dritte Deutsche hat einen Organspendeausweis oder sich durch eine Patientenverfügung dazu bereit erklärt, nach dem Tod ein oder mehrere Organe zu spenden. Das besagt eine Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Die Probleme liegen laut DSO bei den Entnahmekrankenhäusern. Wegen des immer größeren Zwangs zur Wirtschaftlichkeit der Krankenhäuser fehle es häufig an dem richtigen Personal. Zudem reiche die Pauschale, die die Krankenhäuser für eine Organentnahme bekommen, häufig nicht aus. Wirtschaftlich lohnt sich nach Einschätzung des DSO eine Organspende für Krankenhäuser also nicht.

Ein weiteres Problem sei, dass Intensivpatienten oft nicht auf eine mögliche Organspende angesprochen werden würden. Dies liege daran, dass es schlichtweg vergessen werde oder das Thema zu sensibel sei. Häufig liege der Fokus des Entnahmekrankenhaus mehr auf dem sterbenden Patienten als auf dem, der ein Organ dringend benötigt, sagt die DSO.

Wie viel kostet eine Organentnahme?

Das kann man pauschal nicht sagen. Fest steht aber, dass Organentnahmen immer teurer werden, da die Spender auch immer älter werden: ältere Spenderorgane müssen aufwendiger überprüft werden, ob sie noch verwendet werden können.

Für eine Organentnahme bekommen die Krankenhäuser in der Regel 3.890 Euro, werden mehrere Organe entnommen, beträgt die Pauschale 4.878 Euro. Häufig müssten die Krankenhäuser allerdings draufzahlen, sagt die DSO.

Wie verläuft eine Organspende?

Die Schritte sind klar geregelt. Nachdem der Betroffene oder Angehörige einer Organentnahme zugestimmt haben, wird das Spenderblut untersucht, um festzustellen, ob eine Organspende möglich ist. Daraufhin werden die DSO und die Stiftung Eurotransplant informiert, die klären, wer das Organ erhalten soll.

 

Bild © hessenschau.de

Quelle: hessenschau.de

 

 

 

Presseinformation

Deutsche Stiftung Organtransplantation fordert Initiativplan

gegen Organmangel

Die Organspende in Deutschland wieder auf Kurs bringen - mehr

Verbindlichkeit bei besseren Rahmenbedingungen
 

 
Frankfurt am Main, 09. November 2017. Vor dem Hintergrund des verschärften

Organmangels in Deutschland fordert die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO)

die zügige Entwicklung eines gemeinschaftlichen Initiativplans zur Förderung der

Organspende.  


„Die Situation ist zutiefst besorgniserregend. Wir sind mittlerweile auf dem niedrigsten

Stand der Organspendezahlen der letzten 20 Jahre angekommen. Von Jahr zu Jahr kann

weniger Patienten mit einer Transplantation geholfen werden“, erklärt der Medizinische

Vorstand, Dr. med. Axel Rahmel, heute auf der Pressekonferenz zum 13. DSO-

Jahreskongress in Frankfurt.


 
Im laufenden Jahr erwartet die bundesweite Koordinierungsstelle ein Minus von mehr als

1.500 Organen gegenüber 2010. Gleichzeitig warten derzeit über 10.000 schwerkranke

Patienten auf eine lebensrettende Transplantation.  
 

 
Die DSO sieht dringenden Handlungsbedarf und appelliert an die Verantwortung aller

Partner imSystem der Organspende und Transplantation. „Wir brauchen alle für die

Transplantationsmedizin wichtigen medizinischen Fachgesellschaften, unsere

Vertragspartner, Verbände und die Politik, um die Organspende in Deutschland

gemeinsam wieder auf Kurs zu bringen“, betont Rahmel.  


 
Entsprechend befassen sich die Vorträge des zweitägigen DSO-Kongresses mit rund 400

Teilnehmernaus allen Tätigkeitsbereichen der Organspende und Transplantation denn

auch mit grundlegenden und herausfordernden Themen rund um den Organmangel.

Vorträge zu Therapiestrategienam Lebensende und Patientenverfügungen stehen ebenso

auf dem Programm wie Erfolgskonzepte aus dem Arbeitsalltag von Kliniken auf

Länderebene wie auch im internationalen Vergleich.  
 

 

Gründe für den Organmangel und mögliche Konsequenzen

Die Gründe für den kontinuierlichen Rückgang der Organspende liegen laut DSO nicht in

einerabnehmenden Spendebereitschaft der Bevölkerung. Diese hat sich in den letzten

Jahren laut Umfragen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) kaum

verändert. Auch die Zustimmungsquoten auf Basis der Datenauswertung der

Koordinierungsstelle sind mit rund 70 Prozent über die Jahre weitgehend konstant

geblieben.  
 

 
Die umfangreichen Analysen aus der Zusammenarbeit mit den Kliniken weisen auf

wechselseitige strukturelle als auch organisatorische Schwachstellen hin. So gab es in

den vergangenen Jahren auch weniger Meldungen von möglichen Organspendern aus

den Kliniken. Diese Zahlen haben sich in diesem Jahr erstmals wieder stabilisiert.
 

 

Organspende als Bestandteil der Versorgung am Lebensende integrieren

Ein zentraler Schlüssel, über  den eine zügige und nachhaltige Verbesserung der

Situation erzieltwerden könnte, liegt insbesondere in einer Berücksichtigung des Willens

zur Organspende im Zuge von Behandlungsstrategien am  Lebensende. Die

Auswertungen aus den Kliniken weisen unter anderem darauf hin, dass es bei

Intensivpatienten häufig zum Abbruch einer Therapie bei infauster Prognose kommt,

ohne dass die Möglichkeit einer Organspende überhaupt erwogen und angesprochen

wurde. Auch Patientenverfügungen, die aufgrund eines Verzichts auf weiterführende

Therapien eine Organspende unwissentlich ausschließen oder im scheinbaren

Widerspruch zu einem bereits geäußerten Willen zur Organspende stehen, können

mögliche Organspenden verhindern. Geeignete Maßnahmen sieht die DSO hier

insbesondere in einer verstärkten Aufklärung der Bevölkerung sowie

einer regelhaften Einbeziehung der Frage nach Organspende in die Beratung zur

Formulierung von Patientenverfügungen.  
 

 

Würden dagegen mögliche Organspender nicht erkannt bzw. in den Kliniken nicht daran

gedacht,bedeute dies nicht nur für die Patienten auf der Warteliste einen Verlust an

Lebenschancen, es sei darüber hinaus eine Nichtachtung des Willens des Verstorbenen,

kritisiert DSO-Vorstand Rahmel.

„Wir müssen die Voraussetzungen schaffen, damit in den Kliniken mehr an Organspende

gedacht unddie Frage nach Organspende zu einemselbstverständlichen Bestandteil der

Versorgung am Lebensende wird“, fordert der Mediziner. Hier könnten bereits

Schulungen der Intensivmediziner und eine regelhafte Einbeziehung der

Transplantationsbeauftragten in Entscheidungen am Lebensende einen positiven Effekt

für die Organspende erzielen.  
 

 
Rolle der Transplantationsbeauftragten stärken

Die Transplantationsbeauftragten in den Entnahmekliniken sind die zentrale Schnittstelle

zwischen denEntnahmekrankenhäusern und der DSO. Ihre Rolle müsse weiter gestärkt

werden, fordert die DSO.

Das betreffe vor allem die kontinuierliche Weiterbildung, die Entlastung von anderen

Aufgaben und die Unterstützung und Wertschätzung ihrer Tätigkeit, insbesondere auch

durch die Klinikleitung. In diesem Kontext bemängelt Rahmel die uneinheitliche

Ausgestaltung der Landesausführungsgesetze. „Wir brauchen für alle Länder eine

einheitliche Regelung zur Freistellung für diese wichtige Tätigkeit, ähnlich, wie sie das

Landesausführungsgesetz in Bayern beispielsweise vorgibt“, erklärt der Mediziner.

 
 
Aufwandsgerechte Finanzierung der Entnahmekrankenhäuser

„Gründe für die Zurückhaltung der Kliniken gegenüber der Organspende sind neben der

zunehmendenArbeitsverdichtung auf den Intensivstationen auch der wachsende

wirtschaftliche Druck“, erklärt der Kaufmännische DSO-Vorstand, Thomas Biet.

Dazu komme, dass derOrganspendeprozess selbst aufgrund des steigenden Alters der

Spender und den damit verbundenen Zusatzerkrankungen insgesamt für alle Beteiligten

aufwändiger und zeitintensiver geworden sei. So müssten umfangreichere

Untersuchungen zum Schutz der Organempfänger durchgeführt werden, die zum Teil

durch die Pauschalen nicht abgedeckt würden. Diese Diskussion werde bei der

Todesfeststellung, dieAufgabe der Krankenhäuser sei, schon länger geführt. Die

Todesdiagnose infolge des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls sei ein komplexes

Untersuchungsverfahren, das neben den medizinischen Ressourcen auch einen hohen

zeitlichen Aufwand erfordere. Dies würde aber in den pauschalen Kostenerstattungen

zur Todesfeststellung durch die Krankenhäuser nicht berücksichtigt. Eine separate

Vergütung außerhalb der Pauschalen könne in diesen Fällen die wirtschaftlichen

Nachteile der Kliniken ausgleichen, so Biet.
 

 

DSO bietet bereits umfangreiche Unterstützungsangebote 

Was das Spendermanagement und die Unterstützung der Krankenhäuser betrifft, hält

die Koordinierungsstelle bereits für jedes einzelne Krankenhaus ein maßgeschneidertes

Angebot vor.

Dieses umfasst eine Krankenhaus-Bedarfsanalyse sowie Schulungen für

Transplantationsbeauftragteund Mitarbeiter auf den Intensivstationen. Zudem hat die

DSO zusätzliche umfassende Unterstützungsangebote entwickelt. Dazu gehört der 2016

erschienene Leitfaden für die Organspende sowie die Verfahrensanweisungen, die

Handlungssicherheit im Organspendeprozess vermitteln. Neu

hinzugekommen ist ein umfangreiches und von den Landesärztekammern anerkanntes

E-LearningFortbildungsprogramm, zu dem auch ein „virtueller Spender“ gehört, der die

Anwendung des erworbenen Wissens in einer Übungssituation ermöglicht.  
 

 

„Die Zeit der Einzelinitiativen ist vorbei. Was wir jetzt dringend brauchen, ist ein

strategischineinandergreifender Plan mit klar definierten Schritten, der von allen

Partnern aktiv unterstützt wird“, erklärt DSO-Vorstand Rahmel. Dazu gehöre im Vorfeld

auch eine öffentlich geführte Diskussion zu innovativen Themen, wie sie in anderen

Ländern bereits geführt werde, ergänzt Professor Björn Nashan, Vorsitzender des

Stiftungsrates der DSO. Als Beispiel nennt er das Züricher Modell zur

Organspende. Eine Quote von mehr als 15 Spendern pro Million Einwohner halten die

DSO-VorständeRahmel und Biet mit Blick auf die Ergebnisse anderer europäischer

Länder auch in Deutschland längerfristig durchaus für realistisch. „Die Organspende ist

ein komplexer Prozess, der nur mit Hilfe der Kompetenz aller beteiligten Organisationen

und einem engagierten Miteinander auf Basis eines breiten gesellschaftlichen Konsenses

und einer entsprechenden Wertschätzung verbessert werden kann“, appelliert Rahmel.
 
 
 
Pressekontakt:
 
Deutsche Stiftung Organtransplantation Birgit Blome, Bereichsleiterin Kommunikation

Nadine Körner, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Deutschherrnufer 52, 60594 Frankfurt am Main

Tel.: +49 69 677 328 9400, -9411, Fax: +49 69 677 328 9409

E-Mail: presse@dso.de, Internet: www.dso.de 

 

 

Nach plötzlichem Leberversagen

"Jetzt können wir als Familie weiterleben":

Zweifache Mutter überlebt dank Organspende

Montag, 30.10.2017, 16:25

Über 10.000 Patienten warten aktuell in Deutschland auf ein Spenderorgan. Nur die Wenigsten haben so viel Glück wie Sandra Fischer, die innerhalb weniger Tage eine lebensrettende Organtransplantation erhielt. Je mehr Menschen sich zur Organspende bereiterklären, desto höher sind die Überlebenschancen der wartenden Menschen.

Wie schnell aus scheinbar harmlosen Schmerzen eine Frage von Leben und Tod werden kann, hätte sich Sandra Fischer (48) bis vor fünf Jahren nicht träumen lassen. Das Drücken und Ziehen im Oberbauch entpuppte sich innerhalb weniger Tage als akutes Leberversagen – überlebt hat die zweifache Mutter nur dank eines Spenderorgans. Wie dramatisch es um sie stand, so berichtet sie, habe sie selbst erst später erfahren.

Es ging für mich damals kurz gesagt um die Entscheidung weiterleben oder sterben. Damals habe ich von all dem gar nichts mehr mitbekommen, ich wusste weder wie es um mich steht, noch habe ich etwas davon wahrgenommen, denn ich lag zu der Zeit bereits im Leberkoma. Meine beiden Kinder waren damals noch sehr jung und für meinen Mann war es schwer ihnen zu erklären, was mit ihrer Mama gerade geschieht“, erzählt Fischer.

Verteilung der Spenderorgane sind im Transplantationsgesetz festgelegt

Die rechtlichen Grundlagen für die Organspende und die Verteilung der Spenderorgane sind im Transplantationsgesetz festgelegt. Darin ist geregelt, dass die postmortale Organspende (also nach Eintreten des Hirntodes) nur mit Einwilligung des Spenders erfolgen kann – idealerweise durch einen beizeiten ausgefüllten Organspendeausweis. Wenn kein Organspendeausweis vorliegt, liegt die Entscheidung bei den Angehörigen den mutmaßlichen Willen des Verstorbenen zu beurteilen.

Dass sich in dem geschilderten akuten Notfall ein passendes Spenderorgan fand und das Leben der jungen Frau gerettet werden konnte, ist ein unglaublicher Glücksfall. Dies bestätigt auch Felix Braun, Leiter der Sektion Klinische Transplantation am Universitätsklinikum in Schleswig-Holstein am Campus Kiel.

Eine Organtransplantation ist nur auf der Basis einer Organspende möglich. Diese ist eine gesamt-gesellschaftliche Aufgabe und setzt die Bereitschaft seiner Individuen zur Organspende voraussetzt. Letztere beträgt in Umfragen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung stabil 70 bis 80 Prozent. Dennoch besteht seit Jahrzehnten ein Mangel an Spenderorganen, der den Bedarf nicht deckt“, erzählt Braun.

Höhere Wahrscheinlichkeit ein Spenderorgan zu benötigen, als selbst Spender zu werden

Für viele Menschen wird das Thema Organspende erst in dem Moment wichtig, in dem sie selbst oder nahestehende Personen betroffen sind. So ging es auch Sandra Fischer. Bis zu ihrem Schicksalsschlag schien es eine rein theoretische Frage, ohne Bezug zu ihrem Alltag: Sie rauchte nicht, trank nicht und war, wie sie selbst sagt „eigentlich nicht der typische Transplantations-Patient“. Umso wichtiger ist es ihr nun, auch denjenigen die Augen zu öffnen, „die meinen, sie leben gesund und so etwas könnte sie nicht treffen.“

Statistisch gesehen ist jedoch die Wahrscheinlichkeit, selbst ein Spenderorgan zu benötigen, dreimal höher als die, selbst ein Spender zu werden. Insofern müsste man eigentlich sagen, dass ein aktives Engagement für die Organspende nicht nur aus altruistischen Motiven, sondern auch aus purem Egoismus sinnvoll wäre. Dass Sandra Fischer keineswegs eine Ausnahme ist und tatsächlich jeder in die Lage geraten kann, selbst ein Spenderorgan zu benötigen, bestätigt auch Rainer Günther, Oberarzt und Bereichsleiter Hepatologie am am Universitätsklinikum in Schleswig-Holstein.

Dazu erklärt Günther: „Ein irreversibler Organfunktionsverlust kann jedermann durch akute oder chronische Krankheiten ereilen. Für einige Organe stehen Ersatzverfahren (Beispielsweise ein Kunstherz oder Dialyse) zur Verfügung, die eine zeitliche Überbrückung bis zur Transplantation ermöglichen. Für die Leber gibt es bislang kein Ersatzverfahren, so dass Patienten mit kompletten Ausfall der Organfunktion ohne lebensrettende Transplantation innerhalb von einer Woche versterben. Hingegen können Patienten mit Nierenversagen über Jahre mit der Blutwäsche (Dialyse) am Leben gehalten werden, wobei die Dialyse gegenüber der Nierentransplantation mit einem geringeren Patientenüberleben, einer schlechteren Lebensqualität und höhere Kosten assoziiert ist.“

Mit einer Leben können zwei Menschen gerettet werden

Jeder Mensch, der sich aktiv für die Organspende entscheidet und dies über den Organspendeausweis kundtut, kann im Falle eines irreversiblen Hirnfunktionsausfalles bis zu acht anderen Menschen das Leben retten. In manchen Fällen ist es sogar möglich, eine Spenderleber auf zwei geeignete Empfänger aufzuteilen, indem jeweils die Hälfte des lebensrettenden Organs transplantiert wird.

Die Abwägung, welcher der wartenden Patienten ein solches, potentiell lebensrettendes Organ erhält, ist jedoch ein ethisches Dilemma. Wie trifft man eine Entscheidung über Leben und Tod? Dass dies keine bloße Floskel ist, spiegelt sich in der traurigen Tatsache, dass in Deutschland jeden Tag drei Patienten vom „Tod auf der Warteliste“ ereilt werden. Sie sterben, bevor sich sie an der Reihe sind und ein passendes Spenderorgan erhalten.

Das weiß auch Timm Mißfeldt, der seit 2006 aufgrund einer Leberzirrhose auf der Warteliste für eine Lebertransplantation steht und mittlerweile mehrere Operationen sowie zahllose Kontrolluntersuchungen hinter sich hat. Um seine Leber zu entlasten, wurde ein Stent gesetzt, der als eine Art Umgehungsstraße funktioniert und einen Teil des Blutes, das normalerweise zur Reinigung durch die Leber laufen würde, daran vorbei leitet. In den letzten zwei Jahren verschlechterte sich sein körperlicher und geistiger Zustand so sehr, dass er seinen Job aufgeben musste. Seinen Alltag prägen wiederholte Krankenhausaufenthalte, zum Teil auf der Intensivstation. Er leidet unter steter Schlappheit und Müdigkeit, Übelkeit bis hin zum Erbrechen, Husten bis hin zur Atemnot. Je stärker die Symptome, desto dringlicher die Frage: Wann wird er an der Reihe sein? Und: Wird er durchhalten, bis es soweit ist?

Über 10.000 Patienten auf der Warteliste

Je mehr Menschen sich zur Organspende bereit erklären, umso besser stehen die Chancen für Timm Mißfeldt und die über 10.000 anderen Patienten, die aktuell auf den Wartelisten der Transplantationszentren stehen. Daher engagieren sich deutschlandweit zahlreiche Inititativen und Organisationen, um auf die Dringlichkeit von Organspenden sowie Blut- und Knochenmarkspenden aufmerksam machen. Dazu gehört auch die Initiative Mensch zu Mensch, die die Bürger inspirieren möchte, sich gerade in Zeiten von Krieg, Terror & Gewalt auf die Menschlichkeit zu besinnen, ein aktives Zeichen zu setzen und ,Mutspender fürs Leben’ zu werden.

Um das Verteilungsdilemma der Organallokation so gerecht und transparent wie möglich zu lösen, bestehen bundesweite Vergabe-Richtlinien. Entscheidend sind zum einen die Erfolgsaussichten des Eingriffs, bei Nierentransplantationen wird zudem die Wartezeit der Patienten berücksichtigt, bei Lebertransplantationen dagegen steht – wie im Fall von Sandra Fischer – die medizinische Dringlichkeit im Vordergrund. Die junge Frau hatte Glück. Nach der Anmeldung bei Eurotransplant und der Eintragung auf der bundesweiten Warteliste fand sich innerhalb von vier Tagen ein passendes Spenderorgan.

Wettlauf gegen die Zeit

In solchen Fällen beginnt der sprichwörtliche Wettlauf gegen die Uhr, damit das enge Zeitfenster für  eine erfolgreiche Transplantation genutzt werden kann. Jetzt ist keine Zeit für Diskussionen, jetzt gilt es schnellstmöglich zu handeln – und zwar streng innerhalb der hierfür vorgesehenen Kommunikationskanäle und Entscheidungsprozesse.

Braun beschreibt den Prozess so: „Sobald Eurotransplant ein geeignetes Spenderorgan verfügbar hat, erfolgt die Benachrichtigung des Zentrums, an dem der ausgewählte Empfänger gemeldet ist. Bei Akzeptanz des Organs wird dieses vom Spenderkrankenhaus schnellstmöglich zum Empfängerkrankenhaus transportiert."

Die Organe werden für den Transport gekühlt und mit einer Konservierungslösung vor einer raschen Zellschädigung geschützt. Die Toleranzzeiten unterscheiden sich erheblich für die einzelnen Organe und betragen für das Herz vier bis sechs und für eine Leber zwölf Stunden. Es gilt, je kürzer die Ischämiezeit, desto besser das Ergebnis.

Lebenslange medikamentöse Behandlung

Bei Sandra Fischer griffen alle Rädchen perfekt ineinander. Sie muss zwar für den Rest ihres Lebens Medikamente schlucken, um eine Abstoßungsreaktion zu vermeiden, doch das fällt kaum ins Gewicht. Ihr Mann und ihre Kinder, so sagt sie, sind „überglücklich und stolz, ihre Mutter und Ehefrau noch zu haben“. Und auch sie selbst ist „dem Spender meiner Leber unendlich dankbar, der es uns letztendlich überhaupt ermöglicht hat, dass wir als Familie weiterleben können.“

Quelle: (Focus online)

 

Transplantations­gesellschaft besorgt über Mangel an Organspenden

Donnerstag, 26. Oktober 2017

Bonn – Die Zahl der Organspenden in Deutschland hat laut Deutscher Transplanta­tionsgesellschaft (DTG) einen besorgniserregenden Tiefstand erreicht. Im Berichtsjahr 2016/2017 habe sich der Negativtrend fortgesetzt, beklagte die DTG heute vor Journalisten in Bonn am Rande eines Fachkongresses. Die Rate an transplantierten Patienten sei mit 44,4 pro eine Million Einwohner im Vergleich zu den europäischen Ländern Österreich (87,2), Frankreich (87,8), Niederlande (90,5) und Spanien (102,3) sehr gering.

Es sei zu kurz gegriffen, den Rückgang auf eine mangelnde Spendebereitschaft der Bevölkerung zu schieben, sagte der Vorstand der Deutschen Stiftung Organ­transplantation (DSO), Axel Rahmel. Die Zustimmungsrate zur Organspende sei in den vergangenen Jahren stabil geblieben. Jedoch hätten die Krankenhäuser wegen Leistungsverdichtung oft keine Zeit, sich zusätzlich um Organspenden zu kümmern.

DTG-Präsident Bernhard Banas forderte einen gesamtgesellschaftlichen Konsens, die Spendesituation in Deutschland grundlegend zu verbessern. Die Qualität der Versorgung in Deutschland sei sehr gut, die Quantität im europäischen Vergleich dagegen unterdurchschnittlich. Andere EU-Länder reagierten auf den Mangel an Spenderorganen oft pragmatischer. In Deutschland gälten zu restriktive Rahmen­bedingungen, etwa mit Blick auf die Feststellung des Hirntodes.

Kongresspräsident Christian Strassburg stellte das aktuelle System der Verteilung von Organen zur Diskussion. Das wichtigste Kriterium sei derzeit die Dringlichkeit der Transplantation. Viel stärker aber seien die Erfolgsaussichten einer Organübertragung zu berücksichtigen.

Seit 1963 wurden in Deutschland mehr als 125.000 Organe transplantiert. Nach dem Transplantationsskandal im Jahr 2012 sank die Zahl der jährlichen Organspenden beständig und erreichte 2016 einen absoluten Tiefpunkt. Im vergangenen Jahr spendeten 857 Verstorbene 2.867 Organe. Rund 10.000 Patienten warteten auf eine Organspende. © kna/aerzteblatt.de

 

 

Ex-Bundesliga-Star Klasnic erhält die nächste Spenderniere

Martin Herms

18.10.2017 - 12:44 Uhr

 

Essen.  Ex-Bundesliga-Profi Ivan Klasnic hat zum dritten Mal eine Spenderniere bekommen. Es fand sich ein Spender außerhalb des Familienkreises.

Der ehemalige Bundesligaprofi Ivan Klasnic kann durchatmen. Der 37-Jährige erhielt seine dringend benötigte Niere und wurde am Dienstagabend in der kroatischen Hauptstadt Zagreb erfolgreich operiert.

Das erfuhr diese Redaktion aus Kreisen des 41-fachen kroatischen Nationalspielers. Klasnic befindet sich aktuell noch im Krankenhaus. Es heißt, dass die Operation gut verlaufen und der Zustand des ehemaligen Stürmers stabil sei.

Für Klasnic war es bereits die dritte Nieren-Transplantation. Der Spender ist derzeit noch unbekannt. In den ersten beiden Fällen hatte Klasnic das benötigte Organ aus Familienkreisen erhalten. Da sich aber in der Zwischenzeit Antikörper gegen familiäre Organe gebildete hatten, konnte Klasnic kein Familienmitglied mehr helfen und seine Niere spenden. Glücklicherweise fand sich nun ein Spender außerhalb des Familienkreises.

Der Ex-Profi war 2007 das erste Mal auf eine Spenderniere angewiesen.

Klasnic absolvierte insgesamt 154 Bundesligaspiele und schoss 50 Tore, 35 weitere Treffer bereitete er vor. In seiner Profilaufbahn spielte er u.a. für Werder Bremen, Mainz 05, FC St. Pauli, FC Nantes und die Bolton Wanderers.

Quelle:

https://www.waz.de/sport/fussball/ex-bundesliga-star-klasnic-erhaelt-die-naechste-spenderniere-id212274017.html?service=mobile

 

 

 

Fan von Schalke 04 rettet Anhänger von Borussia Dortmund

das Leben Schalker rettet BVB-Fan das Leben

08.10.2017

Beim Fußball trennen beide Welten, im wahren Leben vereint sie die Nächstenliebe. Ein Schalke-Fans hat seinem erkrankten Bruder, einem Dortmunder-Anhänger, das Leben gerettet.

Wenn es um Fußball ging, haben Michael und Holger Leister, zwei Brüder aus Sprockhövel in NRW, nie zusammen gefunden. Der eine ist Schalke-Fan, der andere fiebert mit Borussia Dortmund. Zwei Fan-Welten in einer Familie. 

Doch im wahren Leben, da stehen die Leisters zusammen. Das tuen Brüder häufig. Bei den beiden Männern aus dem Ruhrgebiet ist das aber nochmal spezieller.

Wie die Westdeutschen Allgemeinen Zeitung berichtet, hat Michael Leister seinem Bruder durch eine Nierenspende das Leben gerettet. 

"Eine Schalker Niere in einem Dortmunder? Das braucht Gewöhnungszeit"

Holger Leister verlor in Folge eines Motorradunfalls sein rechtes Bein bis zum Oberschenkel. Die Schmerzen bekam er nur mit starkem Tablettenkonsum in den Griff. Irgendwann versagte seine Nieren. Nur eine Organspende konnte seine Situation verbessern.

Als Leister vom Tod bedroht war, stand sein Bruder als Lebensretter parat. "Für mich war von Anfang an klar, dass ich das durchziehe. Ohne wenn und aber. Das habe ich dann auch den Ärzten im Krankenhaus gesagt, als sich mich über die möglichen Risiken informiert haben", sagte Michael Leister der WAZ.

Nach anfänglichen Komplikationen hat Holgers Körper die fremde Niere angenommen. "Eine Schalker Niere in einem Dortmunder? Das braucht eben Gewöhnungszeit", sagte Michael Leister schmunzelnd.

Das Schönste an dieser Geschichte ist, dass die Leisters wieder Grund zum Lachen haben. 

Quelle: Sport 1


 

Ärztekammer Westfalen-Lippe fordert Maßnahmen gegen Organspendenmangel

Montag, 2. Oktober 2017

Münster – Mehr Anstrengungen dafür, die Zahl der Organspender in Deutschland zu steigern, fordert die Ärztekammer Westfalen-Lippe. Anlässlich des 50-jährigen Bestehens der gemeinnützigen Stiftung Eurotransplant erneuerte der Präsident der Kammer, Theodor Windhorst, seine Kritik an der in Deutschland geltenden Informa­tionslösung, die noch keine nachhaltige Besserung der Situation für die Organspende gebracht habe.

Im Gegenteil: Die Spendebereitschaft nimmt weiter ab. Deutschland ist nach wie vor Organ-Importland“, kritisierte Windhorst. Der Kammerpräsident hatte sich in der Vergangenheit immer wieder für eine Widerspruchslösung ausgesprochen. Danach würde jeder grundsätzlich als Organspender gelten, es sei denn, der Betreffende habe ausdrücklich das Gegenteil verfügt.

Strukturverbesserungen notwendig

Aber auch die strukturellen und finanziellen Voraussetzungen für Organspenden in Krankenhäusern müssten weiter verbessert werden, forderte Windhorst. „Die Transplantationsbeauftragten in den Kliniken brauchen bessere Bedingungen zur Erfüllung ihrer Aufgaben“, sagte er in Münster. Dazu gehörten mehr Personal sowie die Stärkung der Transplantationsbeauftragten durch Freistellung und Gewährleistung ihrer unabhängigen Funktion. „Transplantationsbeauftragte müssen für ihre Arbeit aus dem Routinebetrieb eines Krankenhauses herausgenommen werden und autarker als bisher agieren können“, so der Kammerpräsident. 

Die 1967 gegründete Stiftung Eurotransplant ist als Service-Organisation verant­wortlich für die Zuteilung von Spenderorganen in den Benelux-Staaten Belgien, Niederlande und Luxemburg sowie Deutschland, Kroatien, Österreich, Ungarn und Slowenien und arbeitet dafür eng mit den Organspende-Organisationen, Trans­plantationszentren, Laboratorien und Krankenhäusern zusammen. Die unabhängige Zuteilung von Organen basiert ausschließlich auf medizinischen und ethischen Gesichtspunkten.

Die Zahl der Organspenden war in Deutschland zuletzt weiter gesunken. Im ersten Halbjahr 2017 spendeten 412 Menschen ihre Organe, wie die Deutsche Stiftung Organtransplantation im Juli bekannt gab. Das war demnach die geringste Zahl an Spendern in einem Halbjahr, die jemals gemessen wurde. Im Vergleichs­zeit­raum des Vorjahres waren es 421 Spender, 2011 noch 575.

Auch die Zahl der gespendeten Organe ging zurück. Sie fiel von 1.397 im ersten Halbjahr 2016 auf jetzt 1.331. Die Zahl der transplantierten Organe sank im gleichen Zeitraum von 1.448 auf 1.410.

© hil/aerzteblatt.de

 

 

 

10. August 2017, 18:52 Uhr Süddeutsche Zeitung

Transplantationen So wenige Spenderorgane wie nie

Der Organspende-Skandal hat Vertrauen zerstört. Der notorische Mangel an Nieren oder Herzen hat aber auch mit dem  Kostendruck an deutschen Kliniken zu tun.

Von Christina Berndt

Er muss die Tränen wegdrücken, sagt Peter Fricke. Jedes Mal, wenn er diese Art von Nachrichten hört: dass es weniger Organspender gibt. Diesmal ist es besonders schlimm. Fünf Jahre nach dem bundesweiten Skandal um Transplantationen ist die Zahl der Organspender auf einen nie dagewesenen Tiefststand gesunken. "Mir versetzt das einen Stich ins Herz", sagt Fricke. Und sein Herz ist ein besonderes Organ: Seit 1990 lebt der Vorsitzende des Bundesverbands der Organtransplantierten mit dem Herzen eines Toten. Ein gutes Leben, wie er betont: "27 wunderbare, geschenkte Jahre."

Vielen der etwa 10 000 Menschen, die jetzt auf der Warteliste für ein Spenderorgan stehen, wird ein solches Glück verwehrt bleiben. In den ersten sieben Monaten dieses Jahres hat es nur 472 postmortale Organspender gegeben, wie die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) der SZ auf Anfrage mitteilte; im Vergleichszeitraum des Vorjahres waren es zumindest noch 496, und von Januar bis Juli 2012 - unmittelbar bevor bekannt wurde, dass Ärzte am Universitätsklinikum Göttingen Patientenakten frisiert hatten, um schneller an Spenderlebern zu kommen - waren es noch 648 gewesen. "Diese Entwicklung ist hochgradig beunruhigend, für die Menschen auf der Warteliste ein Drama", sagt Axel Rahmel, der 2013, mitten im Skandal, Vorstand der DSO wurde.

Dass seine Aufgabe schwierig würde, hatte Rahmel damals einkalkuliert. "Aber ich habe nicht damit gerechnet, dass das Tief so lange anhält", sagt der Mediziner. Vor einem Jahr noch hatte er geglaubt, die Talsohle endlich erreicht zu haben. Doch jeden Monat zeigen die Analysen: Es läuft etwas schief in der Transplantationsmedizin und zwar dauerhaft.

 

Pressemitteilung

WAZ: Appelle reichen nicht - Kommentar von Christopher Onkelbach zu Organspenden

6. August 2017 - 19:30 Uhr

Essen (ots) - Derzeit warten in Deutschland mehr als 10.000 Patientinnen und Patienten auf ein Spenderorgan, etwa 8000 von ihnen auf eine Niere. So warten etwa dreimal so viele Menschen auf eine neue Niere, wie Spenderorgane vermittelt werden können. Jährlich sterben Hunderte Patienten, die auf der Warteliste stehen, weil es kein Organ für sie gab.

Die Gründe dafür sind zahlreich, viele Fragen bewegen einen möglichen Spender: Kann ich Vertrauen haben zu den Ärzten? Bekommt wirklich der bedürftigste Patient mein Organ? Ist mit dem Hirntod wirklich das Leben zu Ende? Kann ich das meinen Angehörigen zumuten? Mit vielen Kampagnen sollten in der Vergangenheit die Fragen beantwortet und die Spendenbereitschaft erhöht werden, das misslang weitgehend. Immer wieder nur an das Verantwortungsgefühl der Menschen zu appellieren, stößt an Grenzen.

Ein wesentliches Problem liegt auch in den Krankenhäusern. Personeller und wirtschaftlicher Druck führt nicht selten dazu, eine Organspende gar nicht erst in Betracht zu ziehen. Appelle an das Mitgefühl sind das eine, doch zugleich sind strukturelle Reformen nötig, um mehr Menschen zu retten.

Pressekontakt: Westdeutsche Allgemeine Zeitung Zentralredaktion Telefon: 0201 - 804 6519 zentralredaktion@waz.de

 

 

28. Juni 2017, 16:43 Uhr Süddeutsche Zeitung

Transplantationsskandal BGH bestätigt Freispruch für Göttinger Transplantationsmediziner

  • Der BGH hat die Revision der Staatsanwaltschaft im Fall des Göttinger Transplantationsskandals verworfen.

  • Der ehemalige Arzt an der Uniklinik Göttingen sei nach der Manipulation von Organspenderdaten zu Recht freigesprochen worden, so das Urteil.

  • Dem Angeklagten waren versuchter Totschlag und vorsätzliche Körperverletzung mit Todesfolge vorgeworfen worden.

Der frühere Leiter der Transplantationschirurgie der Uniklinik Göttingen ist nach der Manipulation von Organspenderdaten zu Recht vom Vorwurf des versuchten Totschlags und der Körperverletzung mit Todesfolge freigesprochen worden. Das hat heute der Bundesgerichtshof (BGH) entschieden und damit das damalige Urteil des Landgerichts Göttingen bestätigt. Der Vorwurf eines Tötungs- oder Körperverletzungsvorsatzes könne dem Arzt nicht gemacht werden, so der BGH.

In einem zuvor bundesweit aufsehenerregenden Prozess hatte die Staatsanwaltschaft dem Transplantationsmediziner in elf Fällen versuchten Totschlag sowie in drei Fällen vorsätzliche Körperverletzung mit Todesfolge vorgeworfen. Der Arzt habe gegenüber der Organverteilungsstelle Eurotransplant systematisch Patientendaten so manipuliert, dass bestimmte Kranke auf der Warteliste für ein Spenderorgan nach oben rutschten. Andere Patienten mussten damit länger auf ein Organ warten. Er habe ihren Tod also billigend in Kauf genommen, so die Anklage.

Das Landgericht Göttingen sprach den Arzt im Mai 2015 jedoch frei, auch wenn dessen Verhalten moralisch verwerflich sei. Allerdings sei es zum damaligen Zeitpunkt nicht strafbar gewesen. Zwar habe der Mediziner auch gegen die Richtlinien der Bundesärztekammer zu Lebertransplantationen verstoßen, diese seien aber als verfassungswidrig und daher nicht anwendbar einzustufen.

All das hat der BGH nun bestätigt. Es könne nicht davon ausgegangen werden, dass der Mediziner mit der Manipulation der Patientendaten den Tod anderer Patienten in Kauf genommen habe. Die Bestimmung, dass alkoholkranke Patienten sechs Monate trocken sein müssen, bevor sie auf die Organspender-Warteliste kommen können, sei darüber hinaus strafrechtlich irrelevant.

 

 

6. Mai 2015, 18:43 Uhr Süddeutsche Zeitung

Organspendeskandal Ein Pflaster, aber keine Heilung

Der erste Prozess im Göttinger Organspendeskandal ist zu Ende gegangen - mit einem Freispruch. Das ist moralisch schwer zu ertragen. Aber dennoch richtig.

Kommentar von Christina Berndt

Was in den Jahren 2008 bis 2011 am Universitätsklinikum in Göttingen geschehen ist, hat viele Menschen zutiefst verstört. Wochenlang beherrschte das Thema die Nachrichten, als bekannt wurde, dass Ärzte in großem Stil die eigenen Patienten auf der Warteliste für eine Lebertransplantation bevorzugt haben; die Bereitschaft der Bevölkerung, Organe zu spenden, sank dramatisch. Schließlich wurden durch die Manipulationen in Göttingen nicht nur Patienten anderer Transplantationskliniken übervorteilt. Es wurden auch die Spender betrogen, die im Glauben an ein gerechtes System Kranken nach ihrem Hirntod Organe zur Verfügung gestellt haben.

Nun hat der Prozess gegen den Arzt, der in Göttingen die Transplantationschirurgie leitete, geendet - mit einem Freispruch. Menschlich, ethisch, moralisch betrachtet, ist das für Patienten und Organspender ein Schlag ins Gesicht. Zu Recht wollen sie das Leid gesühnt sehen, das den übervorteilten Patienten und ihren Familien angetan wurde. Dass es diese Manipulationen gab, daran besteht schließlich kein Zweifel, und auch daran nicht, dass sie verabscheuungswürdig waren: Die Ärzte in Göttingen und anderswo handelten wohl weniger aus Mitleid mit ihren Patienten als vielmehr aus Ehrgeiz, ihren Ruhm durch eine möglichst hohe Zahl von Transplantationen zu mehren.

Der Freispruch des Chirurgen ist für die Patienten ein Affront

Es ist der Braunschweiger Staatsanwaltschaft daher hoch anzurechnen, dass sie mit großem Engagement dafür gekämpft hat und noch dafür kämpft, die Verantwortlichen zu bestrafen. Dafür hat sie juristisch schwieriges Terrain betreten, denn sie hat die Manipulationen der Warteliste als versuchten Totschlag bewertet. Das ist zweifelsohne ein schwieriges Konstrukt: Diejenigen Patienten auf der Warteliste, die wegen der Manipulationen übergangen wurden, können nachträglich nicht mehr identifiziert werden. So weiß auch niemand, ob sie überhaupt gestorben sind oder doch noch rechtzeitig ein Organ bekamen. Der Freispruch des Chirurgen ist vor diesem Hintergrund schmerzhaft, aber nachvollziehbar.

Tröstlich ist da nur, dass der Skandal sehr bald zu einer Novelle des Transplantationsgesetzes geführt hat. Manipulationen wie in Göttingen sind seit Sommer 2013 mit einer Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren belegt und in den Kliniken darf nicht mehr ein Arzt allein darüber entscheiden, welche Patienten er auf die Warteliste für eine Transplantation setzt. Außerdem wird nun regelmäßig überprüft, was die Ärzte in den Transplantationszentren so treiben.

Gleichwohl bleibt das Transplantationssystem willkürlich und undurchsichtig. Dass die Regeln nun besser kontrolliert und Zuwiderhandeln stärker bestraft wird, macht die Regeln an sich nicht besser. Sie werden nach wie vor von der Bundesärztekammer - einem privaten Verein also - mit Willkür erarbeitet und vom Bundesgesundheitsministerium durchgewunken. Das Göttinger Gericht hat ganz zu Recht darauf hingewiesen, dass manche dieser Regeln schlicht gegen die Verfassung verstoßen, da sie Kranke diskriminieren - zum Beispiel solche, die alkoholabhängig sind.