WESTFALEN-BLATT Nr. 166 20.07.2018

 

Wenn das Kinderherz stolpert Chirurg Dr. Eugen

Sandica ist spezialisiert auf Neugeborene und Kinder

 

Bad Oeynhausen (WB).

 

(WB). In diesem Monat ist Dr. Eugen Sandica, Direktor der

Klinik für Kinderherzchirurgie und angeborene Herzfehler,

bereits seit einem Jahrzehnt mit dem Kinderherzzentrum

»verheiratet«. Etwa 500 Kinder jährlich werden in seiner

Klinik von ihm und seiner Stellvertreterin Dr. Ute Blanz

operiert.

 

Schwere Herzfehlbildungen sind zum Glück äußerst selten.

Werden sie jedoch nicht operiert, so würden etwa 25

Prozent der Kinder noch im ersten Lebensmonat sterben,

weitere 60 Prozent innerhalb des ersten Lebensjahres.

Zum Zehnjährigen des Chefarztes hatte sich sein Team in

der Klinik etwas Besonderes einfallen lassen und dazu

recherchiert. Mindestens zehn Familien sollten

angesprochen werden, deren Kinder in den vergangenen

zehn Jahren in Bad Oeynhausen geboren, von Eugen

Sandica behandelt wurden und heute zwischen einem und

zehn Jahren alt sind.

 

Da eine Herzfehlbildung in aller Regel bereits beim

Ungeborenen diagnostiziert wird, kommen heute mehr als

50 Prozent der Neugeborenen, die im Herz- und

Diabeteszentrum (HDZ) NRW früh nach der Geburt

operiert werden müssen, im Krankenhaus Bad Oeynhausen

auf die Welt. Als Hochrisiko-Patienten werden sie

unmittelbar nach der Geburt über die Wielandbrücke ins

Kinderherzzentrum verlegt, um sofort intensivmedizinisch

versorgt und operiert zu werden. Dank dieser engen

Zusammenarbeit in der Notfallversorgung hat Eugen

Sandica zahlreichen Neugeborenen das Leben retten

können. Ein Plakat mit den Grüßen der Eltern und Kinder

wurde dem Chefarzt jetzt mit Glückwünschen aus der

Klinik und ganz persönlichen Dankesschreiben überreicht.

Familie Heimann aus Bad Münder ließ es sich nicht

nehmen, mit ihrer Tochter Kimberley vorbeizuschauen.

Das kleine Mädchen hat Eugen Sandica bereits sechs Tage

nach seiner Geburt im Bad Oeynhausener Krankenhaus

sowie ein zweites Mal im Alter von fünf Monaten operiert.

»Ein weiterer Operationsschritt wird notwendig sein, um

die insgesamt dreizeitige Operationsmethode bei einem

sogenannten  hypoplastischen Linksherzsyndrom zu

vervollständigen«, sagt Eugen Sandica. Ebenso wie die

vielen Gratulanten auf dem Glückwunschplakat, das der

Klinikchef gerührt entgegennahm, hat Kimberley dank der

Möglichkeiten der modernen Herzchirurgie sehr

gute Aussichten auf eine akzeptable Lebensqualität im

Erwachsenenalter.

»Ihrer Klinik gehört unser volles Vertrauen«, brachte

Kimberleys Mutter Jennifer Heimann das große

Engagement des Klinikdirektors, seines OP-Teams und der

Pflege- und Fachkräfte im HDZ auf den Punkt. Die

Kinderherzchirurgie unter der Leitung von Eugen Sandica

verdankt ihr hohes Ansehen einem erfahrenen

Spezialistenteam, das sich durch die erfolgreiche

Behandlung außergewöhnlich schwieriger Herzfehlerfälle

und rund 150 Herztransplantationen bei Neugeborenen,

Kindern und Jugendlichen einen hervorragen den Ruf

erworben hat.

Denn trotz des besonders großen  Anteils an Hochrisiko-

Fällen liegt die Mortalitätsrate in der  Bad Oeynhausener

Kinderherzchirurgie konstant unter  zwei Prozent (2012:

1,6 Prozent) innerhalb der ersten 30  Tage nach der

Operation. Mit diesem Wert zählt das HDZ

NRW weltweit zu den erfolgreichsten Kinderherzkliniken.

ZUR PERSON Eugen Sandica ist in Rumänien geboren und

hat sein Medizinstudium an der Medizinischen Fakultät der

Universität Bukarest absolviert, wo ihm 2001 die

Doktorwürde verliehen wurde. Seine ärztliche Ausbildung

erfolgte unter anderem an weltweit bekannten Herzzentren

in den USA, Österreich, Ungarn und Großbritannien. Seit

2008 ist Eugen Sandica Chefarzt der Klinik für

Kinderherzchirurgie und angeborene Herzfehler.

Gemeinsam mit dem Kinderkardiologen Prof. Dr. Deniz

Kececioglu leitet er das Kinderherzzentrum und Zentrum

für angeborene Herzfehler am HDZ NRW.

 

 

 

Widerspruchslösung bei der Organspende ist

 

notwendig – und zusätzlich ein ganzes Paket

 

von Systemkorrekturen

 

DGU diskutiert GMK-Beschlüsse bei Parlamentarischem Abend

Berlin, 13.07.2018. Deutschland hat in der Transplantationsmedizin den internationalen Anschluss verloren – zumindest, was das Engagement für die Organspende und die Transplantationsergebnisse betrifft. „Wir sind heute in der Lage, medizinisch, chirurgisch, logistisch und technisch alles Nötige zu leisten, aber wir können es nicht, weil uns zu wenig Organe zur Verfügung stehen“, kritisierte Prof. Dr. Paolo Fornara, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Urologie (DGU), beim Parlamentarischen Abend seiner Fachgesellschaft Anfang Juli in Berlin. Die Gesundheitsministerkonferenz der Länder (GMK) hat im Juni mehrere Beschlüsse zum Thema Organspende gefasst. Hintergrund: In Deutschland gilt bislang die Entscheidungslösung. Nach dem Transplantationsgesetz sollen insbesondere die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und die Krankenkassen die Bundesbürger über Möglichkeiten der Organspende aufklären. Niemand kann jedoch bislang verpflichtet werden, seine Entscheidung in Form einer persönlichen Erklärung abzugeben.

Dass die GMK unter anderem einstimmig für eine verpflichtende Erklärung oder die Widerspruchslösung bei der Organspende votiert habe, sei sehr erfreulich, so Fornara. Finanzielle Aufwendungen in diesem Bereich müssten gestaffelt und aufwandsgerecht erfolgen. Vorschläge hierzu im Positionspapier „Prozesse optimieren – Organspende in Deutschland stärken“ der AG Gesundheit der CDU/CSU-Fraktion im Bundestags gingen in die richtige Richtung.

Auch mehr Anstrengungen zur Steigerung der Spenderzahlen zu unternehmen, sei hilfreich: „Das Thema Widerspruchslösung ist es, was viele aufhorchen lässt. Aber man braucht ein ganzes Paket von Systemkorrekturen, damit Deutschland nicht weiter das Schlusslicht bleibt.“ Dazu müssen nach Überzeugung des DGU-Präsidenten endlich die notwendigen Gesetzesänderungen vorgenommen werden. In Deutschland war die Zahl der postmortalen Organspender im Jahr 2017 mit 797 Spendern niedriger als 20 Jahre zuvor. Auch bei den Lebendspenden von Nieren ist ein Abwärtstrend zu verzeichnen. Hinzu kommen lange Wartezeiten auf ein neues Organ und eine unzureichende Nachsorge: Während im Schnitt 80 Prozent aller postmortal gespendeten Nieren fünf Jahre nach der Transplantation noch funktionieren, sind es in Deutschland nur 70 Prozent. „In einem Land, in dem man häufig behauptet, es habe eines der besten Gesundheitssysteme weltweit, muss uns das zum Nachdenken anregen“, sagte der DGU-Präsident.
 

Dass die Dialyse auf Dauer keine gleichwertige Alternative für Nierenkranke ist, verdeutlichte DGU-Vizepräsident Prof. Oliver Hakenberg: „Sie kann Leben erhalten. Es bleiben aber vielfältige Einschränkungen“. Dazu zählten die Begrenzungen bei der Trinkmenge und bei Nahrungsmitteln, die lebenslange Medikamenteneinnahme, die Entstehung chronischer Krankheiten sowie Folgen wie Impotenz und Unfruchtbarkeit.

Hakenberg plädierte wie Fornara für die Einführung einer Widerspruchslösung: „Niemand sollte gezwungen werden, seine Organe zu spenden, aber sehr wohl, sich zu entscheiden“, sagte er beim Parlamentarischen Abend. „Das halte ich zum Wohl der Allgemeinheit nicht für zu viel verlangt.“

Die DGU hatte Anfang des Jahres auf publizierte Daten hingewiesen, wonach Deutschland im internationalen Vergleich zu wenig postmortale Organspenden vorweisen kann. Man rangiere noch hinter dem Iran und vor Rumänien, hatte Fornara kritisiert. Die DGU hatte sich schon im Februar für die Einführung der Widerspruchslösung ausgesprochen, auch um Angehörige zu entlasten. „Erfahrungen besagen, dass in Deutschland etwa 40 Prozent der möglichen Organspenden abgelehnt werden, weil die Hinterbliebenen nicht wissen, wie sich ihr verstorbener Angehöriger entschieden hätte“, erläuterte der DGU-Präsident seinerzeit.

Darüber hinaus muss nach Ansicht der DGU die Arbeit der Transplantationsbeauftragten besser unterstützt werden. „Transplantationsbeauftragte sind das Bindeglied zwischen Entnahmekrankenhäusern und der Deutschen Stiftung Organtransplantation. Ihre Tätigkeit wird aber durch Landesrecht unterschiedlich geregelt. Hier bedarf es einer bundeseinheitlichen Lösung: Qualifikation, Ausgestaltung der Aufgabe, Zuständigkeit und Weiterbildung müssen einheitlich sein“, so Fornara. Auch hier setze das Positionspapier der Union mit dem Vorschlag einer Freistellungslösung für Transplantationsbeauftragte ab einer gewissen Größe des Krankenhauses Impulse.

Zehn Thesen und Forderungen der DGU zur Organspende

 

* Deutschland hat in der Transplantationsmedizin international den

Anschluss verloren – zumindest, was das Engagement für die

Organspende und die Transplantationsergebnisse betrifft.

 

* Alle Anstrengungen der letzten Jahre, die Organspende zu

steigern, haben nichts bewirkt. 1998 spendeten 1.111

Bundesbürger postmortal Organe, 2017 nur noch 797. 2011 stellten

795 Bundesbürger als Lebendspender Nieren zur Verfügung, 2017

nur noch 557. Es braucht einen anderen Ansatz als bisher.

 

* In Deutschland ist man stolz darauf, eines der besten

Gesundheitssysteme der Welt zu haben. Trotz aller medizinischen,

logistischen und finanziellen Ressourcen liegt Deutschland bei der

Organspende aber nur auf Platz 30 – hinter dem Iran, vor

Rumänien und Bulgarien. Auch in Europa ist Deutschland

Schlusslicht: In Spanien kommen auf eine Million Bürger im Schnitt

44,5 Spender, in den Niederlanden – bislang noch ohne

Widerspruchslösung – 14,3. In der Bundesrepublik sind es 9,8

Spender auf eine Million Einwohner. Das ist nicht länger

hinnehmbar.

 

* Anfang 2017 standen innerhalb des Verbunds Eurotransplant

bereits fast 15.000 Menschen auf den Wartelisten für ein Organ. Im

Lauf des Jahres wurden weitere knapp 11.000 auf die Warteliste

gesetzt – zusammen also rund 26.000 Menschen. Gespendet

wurden in diesem Jahr genau 6.636 Organe, darunter 3.126

Nieren. Allein in Deutschland hätten aber 7.677 Patienten auf der

Warteliste eine intakte Niere benötigt. Ein Verbund wie

 

Eurotransplant erfordert auf Dauer Gerechtigkeit und Solidarität –

von allen, nicht nur von Deutschlands Nachbarländern.

 

* Fast ein Viertel der Transplantierten hierzulande hat acht Jahre

oder länger auf ein neues Organ gewartet. Diese lange Wartezeit

 

verschlechtert erst den Gesundheitszustand und dann das

Transplantationsergebnis. Auch deshalb muss man mehr

Menschen für eine Spende gewinnen.

 

* Es ist ein Irrtum zu glauben, dass die Dialyse selbst in einem

hochwertigen Gesundheitssystem einen vollwertigen Ersatz der

verlorengegangenen Nierenfunktion darstellen kann. Sie kann

Leben erhalten, aber keine Gesundheit wiederherstellen. Dialyse

ist verbunden mit Einschränkungen beim Essen und Trinken, einer

lebenslangen Medikamenteneinnahme, Folgeerkrankungen sowie

weiteren persönlichen Einschränkungen wie Impotenz und

Unfruchtbarkeit.

 

* Die Immunsuppression als Bedingung für ein dauerhaftes Leben

mit einem fremden Organ hat sich kontinuierlich verbessert. Sie ist

auch nicht risikolos für Patienten, vor allem nicht in den ersten

Monaten nach einer Transplantation. Doch dauerhaft ist das

Sterberisiko nach einer Transplantation nur halb so hoch wie das

von Patienten auf der Warteliste für ein Organ.

 

* Die Zeit ist reif, in Deutschland die Widerspruchslösung

einzuführen oder zumindest eine verpflichtende Erklärung von allen

erwachsenen Bürgern zu verlangen und zu dokumentieren, wie sie

persönlich zur Organspende stehen. Eine Pflicht zur Organspende

darf es nie geben – wohl aber die Pflicht, seine persönliche Haltung

dazu zu erklären.

 

* Erfahrungen in anderen Ländern zeigen, dass die

Widerspruchslösung allein zu wenig bewirkt. Es braucht ein ganzes

Maßnahmenpaket zur Verbesserung von Organspende und

Organtransplantation. Dazu gehört ein stärkeres Engagement der

Krankenhäuser, allem voran der Universitätskliniken. Sie

transplantieren heute den Großteil der Organe, entnehmen sie

jedoch nur selten. Dazu gehört eine ausreichende Finanzierung

nicht nur von Transplantationen, sondern auch von

Organentnahmen. Dazu gehört eine öffentliche Wertschätzung von

Spendern, die sich unter anderem in einer ausreichenden

Absicherung über die Kranken- und Rentenversicherung

niederschlägt, sowie eine gestaffelte aufwandsgerechte Vergütung.

 

* Die aktuellen Beschlüsse der Gesundheitsministerkonferenz der

Länder weisen darauf hin, dass ein Prozess des Umdenkens

begonnen hat. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat

angekündigt, auf den Engpass an Organspenden mit einem

Gesetzentwurf zu reagieren. Beides ist zu begrüßen.

 

 

 

Ärzte Zeitung online, 13.07.2018

 

Verschiedene Ansätze

Union und SPD marschieren getrennt bei der Organspende

Die Zahl der Organspender ist unbefriedigend. Union und SPD verfolgen unterschiedliche Strategien.

Von Anno Fricke

BERLIN. In Deutschland werden so wenige Organe gespendet, dass das größte Land der Europäischen Union Organe aus dem Euro-Transplant-Verbund importieren muss. 2017 waren gerade noch 797 Menschen zur Organspende bereit, 60 weniger als ein Jahr zuvor. 2018 zeigen sich die Zahlen leicht verbessert.

BÄK-Präsident Professor Frank Ulrich Montgomery hat sich nach Bekanntwerden der Zahlen für einen Systemwechsel ausgesprochen. Er plädierte für die Einführung der Widerspruchslösung. Demnach wäre jeder, der nicht ausdrücklich widersprochen hat, im Falle des Hirntods ein potenzieller Organspender.

Dieser Linie hat sich auch der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD Professor Karl Lauterbach angeschlossen. In Deutschland können derzeit Organe nur dem entnommen werden, der der Spende ausdrücklich zugestimmt und dies im Organspenderausweis dokumentiert hat.

Die AG Gesundheit der Unionsfraktion hat sich am Donnerstag gegen eine Widerspruchslösung ausgesprochen. In einem Positionspapier kommen die Abgeordneten vielmehr zu dem Schluss, dass die schlechten Spenderzahlen in Problemen im Prozess der Organspende zu suchen und zu korrigieren seien.

Ganz oben in ihrer To-do-Liste steht, die Transplantationsbeauftragten in den Kliniken von Routinearbeiten freizustellen und zu "Transplantationsbevollmächtigten" aufzuwerten. In einem weiteren Schritt sollten die Kliniken für die Identifizierung von Organspendern und die Organentnahmen mehr Geld erhalten. Derzeit gebe es für eine Multiorganentnahme 5003 Euro, in Kroatien werde die Organentnahme mit 7000 Euro vergütet. Kleinere Kliniken sollten nicht aus Kapazitätsgründen von der Meldung potenzieller Spender abgehalten werden. "Mobile Organspendebetreuungsteams" könnten den Hirntod feststellen und die Organe entnehmen, schlagen die Unionsabgeordneten vor.

Um Sicherheit für die Ärzte in den Krankenhäusern zu schaffen, sollte das Einverständnis zur Organspende in einem zentralen und aktuellen Register hinterlegt und/oder auf der Gesundheitskarte vermerkt werden.

 

 

Ärzte Zeitung online, 14.07.2018

 

Organspende aus dem Blick von Teenies

Aufgeschlossen, aber schlecht informiert

Jugendliche und junge Erwachsene halten sich beim Thema Organspende für eher schlecht informiert. Trotzdem sind sie dafür wesentlich aufgeschlossener als Ältere. Wie gehen Schulen mit der sensiblen Frage um? Und wie können die Jungen noch besser erreicht werden?

Von Anne Zegelman

Für viele junge Menschen ist das Thema Organspende ganz weit weg. So ging es auch Bruno Kollhorst, bis er mit 34 ein Spenderherz bekam.

"Das kann jeden erwischen und man kann es nicht vorhersehen", schildert er im Unterrichtsfilm "Organspende macht Schule" der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA).

Kollhorst, dessen Herz nach einer Infektion mit Ringelröteln versagte und der seit nunmehr vier Jahren mit Spenderherz lebt, besucht Schulklassen und spricht über seine Erfahrungen. Als Betroffener, so die Hoffnung, erreicht er die Schüler besser als ein Außenstehender.

Und in der Tat reagieren die Jugendlichen aufgeschlossen, haben viele Fragen und trauen sich auch, intime Themen anzusprechen. "Hat sich bei Ihnen nach der Transplantation etwas verändert, also zum Beispiel in der Liebe oder was Ihre persönlichen Meinungen betrifft?", fragt zum Beispiel ein Junge. "Bei mir speziell nicht", sagt Kollhorst.

Ist das Herz der Sitz der Seele?

Viele Menschen würden glauben, dass im Herz die Seele sitzt - "das konnte ich jetzt nicht feststellen." Er habe die Frau, mit der er damals zusammen gewesen sei, mittlerweile geheiratet, in dieser Hinsicht habe sich also nichts geändert.

Aber: "Man muss sich schon mit der eigenen Endlichkeit, mit dem Tod auseinandersetzen und der Möglichkeit, dass man diesen Eingriff vielleicht nicht überlebt." Es seien eher diese Gedanken, die ihn verändert hätten.

Jugendlichen das Thema Organspende nahe zu bringen ist keine leichte Aufgabe. Der Film der BZgA, der Teil eines ganzen Unterrichtspakets ist, setzt auf einen emotionalen Zugang.

"Bruno weiß nicht, wessen Herz in seiner Brust schlägt", sagt eine Stimme aus dem Off. "Doch er lebt, weil jemand dieses Organ zur Transplantation freigegeben hat."

Einige Jugendliche, die in dem Film zu Wort kommen, geben an, vielleicht mal einen TV-Beitrag gesehen oder einen Zeitungsartikel gelesen zu haben, der sich mit dem Thema beschäftigt.

Doch für viele erschöpft sich damit die Information.

Da verwundert es nicht, was eine aktuelle Repräsentativumfrage der BZgA zeigt: 14- bis 25-Jährige halten sich beim Thema Organspende für schlechter informiert als alle anderen Altersgruppen. 53 Prozent der Befragten dieser Altersklasse geben an, weniger gut (43 Prozent) oder schlecht (zehn Prozent) über das Thema Bescheid zu wissen.

Nur vier Prozent gaben an, sich sehr gut auszukennen. Zum Vergleich: Bei den 26- bis 35-Jährigen fühlen sich nur 32 Prozent weniger gut und 13 Prozent schlecht – aber 50 Prozent gut informiert, fünf sogar sehr gut.

Doch woran liegt es, dass gerade die Jüngsten den eigenen Informationsgrad so negativ einschätzen? Kommt das Thema in den Schulen insgesamt zu kurz? Immerhin hat nicht jeder das Glück, von einem Organempfänger besucht und eine ganz persönliche Sicht geschildert zu bekommen.

Ab 14 hat das Thema Relevanz

Dabei hat die Frage auch für die Jüngsten dieser Altersklasse schon Relevanz. "Ab 14 Jahren kann man einer Organspende widersprechen und ab 16 Jahren zustimmen", erklärt Birgit Blome, Sprecherin der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO).

Sie betont: "Ergebnisoffene Aufklärung ist gerade bei Kindern und Jugendlichen wichtig, da sie ab 16 Jahren durch ihre Krankenkasse angeschrieben werden."

Die Jungen mögen sich für eher schlecht informiert halten, würden aber gern mehr wissen: 56 Prozent der Altersgruppe gaben an, sich mehr Informationen zum Thema zu wünschen – ebenfalls weit mehr als in allen anderen Altersklassen.

Zuständig dafür ist die BZgA. Sie bietet umfangreiche Unterrichtsmaterialien für Lehrer wie das Medienpaket "Organspende macht Schule" – die auch von Schülern gerne angenommen und heruntergeladen werden.

Seit der Veröffentlichung des gemeinsam mit der Techniker Krankenkasse entwickelten Pakets im Jahr 2012 wurden knapp 60.000 Exemplare an Lehrkräfte und Schüler ausgehändigt, berichtet BZgA-Sprecherin Diana Schulz im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Das Material ist für Schüler ab der neunten Klasse entwickelt worden – also für die Altersklasse, die sich aufgrund des Widerspruchsrechts ab 14 eine eigene Meinung bilden sollte.

Im Paket finden sich die wichtigsten Informationen zur Organspende wie zum Beispiel ausführliche Erklärungen zur Feststellung des Hirntods und eine Schilderung der einzelnen Schritte, bevor es zu einer Entnahme kommt.

Rollenspiel im Unterricht

Es gibt den 20-minütigen Film, in dem unter anderem Bruno Kollhorst zu Wort kommt, und zwei Musikvideos zum Thema. Erläutert werden aber auch harte Fakten wie die Regelungen des Transplantationsgesetzes, die Aufgaben der Stiftung Eurotransplant und die Aufgaben der DSO.

Außerdem finden Lehrer Anregungen für den Unterricht, zum Beispiel Arbeitsblätter, Fragen, mit denen die Klasse die Themen diskutieren kann, und Vorschläge, um selbst aktiv zu werden, zum Beispiel mit einem Rollenspiel oder einer Recherche im eigenen Umfeld. Das Material ist kostenlos und kann entweder per Post bestellt oder als PDF heruntergeladen werden.

In welchem Schulfach das Thema behandelt wird, entscheiden die Schulen. "Das Fach Biologie bietet die Möglichkeit, aus medizinisch-biologischer Sicht in das Thema einzusteigen; in Fächern wie Religion, Philosophie oder Ethik kann ein Einstieg auch aus einer völlig anderen Perspektive gewählt werden, zum Beispiel über das Thema Nächstenliebe oder individuelle Körperkonzepte", erläutert die BZgA-Sprecherin.

"Die Bundesregierung hält die Aufnahme des Themas Organspende in den Schulunterricht für sinnvoll", heißt es schon 2004 in einer Antwort auf eine Große Anfrage der CDU/CSU-Fraktion: Die Inhalte des Schulunterrichts lägen jedoch in der Kulturhoheit der Länder. Und die handhaben die Angelegenheit sehr unterschiedlich. Nicht überall ist die Organspende fester Teil des Lehrplans, eine durchgehende Regelung gibt es nicht.

"In Niedersachsen sind die Themen Organspende und Transplantation fest in den Lehrplänen und Rahmenrichtlinien für die allgemeinbildenden Schulen enthalten, in Bayern wurde das Thema Organspende und Transplantation bereits in die Lehrpläne für Gymnasien und Realschulen, zum Beispiel im Fach Biologie, aufgenommen", zählt Diana Schulz auf.

In Nordrhein-Westfalen und Sachsen-Anhalt gehöre das Thema Organspende und Organtransplantation zu den möglichen Unterrichtsinhalten, zum Beispiel in Philosophie und Biologie, es sei jedoch nicht verbindlich festgeschrieben. In Sachsen sei die Organspende ebenfalls im Lehrplan enthalten.

Brandenburg, Bremen und Thüringen beabsichtigten, es im Unterricht zu verankern. In anderen Bundesländern bestünden mittlerweile verstärkte Bemühungen, das Thema im Unterricht zu platzieren, in einzelnen Schularten und Fächern werde es auch im Rahmen von größeren Themenbereichen behandelt.

Der eigene Tod ist sehr weit weg

Doch wenn das Thema in den vergangenen Jahren in den Klassenräumen an Bedeutung gewonnen hat, woran liegt es dann, dass viele Jugendliche sich trotzdem für schlecht informiert halten?

"Nicht alle Menschen setzen sich bewusst mit dem Thema Organ- und Gewebespende auseinander und treffen eine klare Entscheidung für oder gegen eine Spende – das hängt unter anderem damit zusammen, dass die Organ- und Gewebespende eng mit dem Tabuthema Tod verknüpft ist und Unsicherheiten und Zweifel auslösen kann", so Diana Schulz.

Gerade Jugendlichen erscheine der eigene Tod sehr weit weg, so dass sie sich nicht ohne äußeren Anlass mit der Frage auseinandersetzen würden, ob sie ihre eigenen Organe und Gewebe spenden wollen.

Ganz spurlos scheinen die Bemühungen von BZgA und Schulen aber trotzdem nicht an den Jugendlichen und jungen Erwachsenen vorbeizugehen: Die regelmäßige Wiederholungsbefragung zu Wissen, Einstellung und Verhalten der Bevölkerung zur Organ- und Gewebespende zeigt, dass die subjektive Informiertheit der Altersgruppe der 14- bis 25-Jährigen seit 2014 kontinuierlich zunimmt.

"Während 2014 nur 32 Prozent der Befragten angaben, sich sehr gut bis gut über das Thema Organ- und Gewebespende informiert zu fühlen, waren es 2016 bereits 46 Prozent", so Sprecherin Schulz. 2018 sind es nun also 47 Prozent – die die BZgA als positiven Trend interpretiert: "Subjektiv fühlen sich immer mehr Menschen informiert."

Infos über soziale Plattformen

Um Jugendliche direkt zu erreichen, spricht die Bundeszentrale sie auch über sogenannte zielgruppenspezifische Kommunikationskanäle an: Auf Facebook zum Beispiel postet sie Videos und persönliche Geschichten – sowohl von Menschen, die sich für die Organspende entschieden haben als auch von solchen, die ein Organ erhalten haben.

Interessant sind die nach Altersklassen aufgedröselten Befragungsergebnisse zur Akzeptanz, die die BZgA der "Ärzte Zeitung" nun zur Verfügung gestellt hat. Demnach zeigt die Altersgruppe der 14- bis 25-Jährigen mit 93 Prozent den höchsten Anteil an Personen, die sich vorstellen könnten Organ- und Gewebespende zu erhalten (die sogenannte passive Akzeptanz).

In der aktiven Akzeptanz weist diese Gruppe mit 84 Prozent den höchsten Anteil an Personen auf, die grundsätzlich damit einverstanden wären, dass man ihnen nach dem Tod Organe und Gewebe zum Zwecke einer Spende entnimmt.

Das Thema Organspende bei Kindern wirft aber noch eine zusätzliche ethische Frage auf. Denn bis zum 14. Lebensjahr obliegt die Entscheidung den Eltern – also auch dann, wenn die Kinder sich zuvor inoffiziell selbst gegen eine Organspende ausgesprochen haben sollten.

Die Spenderaten in Deutschland bei unter 15-Jährigen sind seit 2015 leicht rückläufig: 2015 wurden 29 Spender kleiner gleich 15 Jahren registriert, 2016 waren es 27 und 2017 25.

Ob das einen Trend beschreibt oder von anderen Faktoren abhängig war, bleibt unklar.

 

 

 

 

 

 

Deutlich mehr Organspender im ersten Halbjahr 2018

10.07.2018 Für Menschen, die auf den Transplantationslisten von Krankenhäusern stehen, ist es eine gute Nachricht: Die Zahl der Organspender ist wieder gestiegen. Doch Experten halten auch strukturelle Veränderungen in den Kliniken für nötig.


 

Frankfurt/Main (dpa) - Die Zahl der Organspender in Deutschland ist deutlich gestiegen. Wie die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) am Dienstag in Frankfurt berichtete, konnten im ersten Halbjahr dieses Jahres 484 Spendern Organe entnommen werden.

Das waren 72 - also rund 18 Prozent - mehr als im ersten Halbjahr des vergangenen Jahres. Damals war die Zahl der Organspenden auf einen historischen Tiefpunkt zurückgegangen, hieß es. Auch die Zahlen der gespendeten und der transplantierten Organe stiegen in dem Zeitraum - allein die Zahl der Transplantationen von 1410 auf 1623.

„Die aktuellen Zahlen sind eine Momentaufnahme, die nicht darüber hinwegtäuschen darf, dass den Diskussionen jetzt strukturelle Veränderungen folgen müssen”, betonte Axel Rahmel, Medizinischer Vorstand der Stiftung. So seien die Anforderungen an die Hirntoddiagnostik sehr hoch. Nicht in allen Krankenhäusern stehen dazu kurzfristig immer genügend Experten zur Verfügung, um diese Untersuchungen durchzuführen und festzustellen, ob die Hirnfunktionen unwiederbringlich ausgefallen seien.

Die Stiftung fordert bessere Strukturen und Rahmenbedingungen für die Krankenhäuser. Dazu gehörten klar definierte Rechte und Pflichten für Transplantationsbeauftragte ebenso wie eine dem Aufwand

entsprechende Vergütung der Entnahmekrankenhäuser.

„Es darf nicht sein, dass eine Klinik für ihr Engagement in der Organspende gewissermaßen finanziell bestraft wird”, sagte Rahmel zu Fällen, in denen gerade bei zunehmend älteren Organspendern aufwendige Zusatzuntersuchungen zum Schutz der Empfänger durchgeführt werden müssen. Das kann mehrere Tage dauern, in denen das Intensivbett weiter belegt ist und der Verstorbene intensivmedizinisch versorgt wird. Stellt sich dann heraus, dass eine Organspende doch nicht möglich ist, erhalten die Kliniken lediglich eine Aufwandsentschädigung, die in diesen Fällen dann nicht annähernd kostendeckend sei.

Der Anteil der älteren Organspender hat unterdessen zugenommen. „Das Durchschnittsalter ist 55 Jahre - das war in den Anfängen der Organspende die oberste Altersgrenze”, sagte Rahmel. Inzwischen gibt es in Deutschland, wie auch in vielen anderen Staaten, eine solche Altersgrenze nicht mehr. Durch die Fortschritte der Medizin und eine gesündere Lebensweise gebe es durchaus viele Menschen, die auch in höherem Alter Organspender sein können. „Aber es sind dann oft mehr Zusatzuntersuchungen notwendig, um sicherzustellen, dass die Organempfänger nicht durch die Übertragung von möglichen Erkrankungen gefährdet werden.”

 

 

Ärzte Zeitung online 09.07.20118

 

Mitautor über die Organspende-Studie

Differenzierung hilft!

Ein Gastkommentar von Kevin Schulte

Der Kernbefund unserer Studie lässt sich an einem Beispiel verdeutlichen: Zwei Krankenhäuser behandeln 50 000 Patienten im Jahr.

Die Anzahl der Verstorbenen, die für eine Organspende in Frage kommen, unterscheidet sich nicht zwischen den Kliniken. Trotzdem kommt es in dem einen Krankenhaus nur einmal zu einer Organspende, wohingegen in dem anderen 15 Spenden stattfinden.

Dieser Befund kann weder durch die Einstellung der Bevölkerung zu Organspenden noch durch die geltenden rechtlichen Rahmenbedingungen erklärt werden – diese gelten für beide Kliniken gleichermaßen. So unangenehm es auch ist: Das Problem besteht in den Krankenhäusern und muss auch dort gelöst werden. Wenn das gelingt, könnte die Anzahl der Organspenden in Deutschland unter den aktuellen Rahmenbedingungen verdreifacht werden.

Die Kosten für die Durchführung einer Organspende, vor allem die zusätzlichen Kosten für verlängerte Liegezeiten auf der Intensivstation, werden den Kliniken zurzeit nicht vollständig erstattet.

Dies ist ein zu beseitigender Fehlanreiz, dennoch sollte man vorsichtig sein dieses Argument als Begründung für nicht erfolgte Organspenden anzuführen, denn auch die Kostenerstattung unterschied sich nicht zwischen den Kliniken unserer Studie.

Zukünftig sollte der Fokus auf Transparenz und Benchmarking gelegt werden. Bislang wird nur die Anzahl der realisierten Organspenden pro Krankenhaus veröffentlicht. Ohne Kenntnis der Fallzahlen und der Morbiditätsstruktur der jeweiligen Klinik ist ein sinnvoller Vergleich aber nicht möglich.

Eine Integration der von uns etablierten Kennzahlen in die Qualitätsberichte der Krankenhäuser wäre ein politischer Weg, Transparenz und Vergleichbarkeit zu fördern.

Dr. med. Kevin Schulte ist Mitautor der Datenanalyse zu Organspenden.

 

 

Organspende-Studie

Ärzte Zeitung online 09.07.2018

Doppelter Ansatz gefragt

Ein Kommentar von Rebekka Höhl

Dass es höchste Zeit ist, politisch zu handeln, dürfte mittlerweile allen klar sein: Rund 10.000 Menschen warten in Deutschland derzeit auf ein Spenderorgan. Dem standen im vergangenen Jahr 797 Menschen gegenüber, die tatsächlich ihr Herz, ihre Lunge, Gewebe oder andere Organe gaben. Laut Deutscher Stiftung für Organtransplantation (DSO) ein historischer Tiefstand.

Doch reicht es, hier nur bei den potenziellen Spendern, also den Bürgern anzusetzen? Eine Studie von Forschern der Uniklinik Kiel findet eine deutliche Antwort: Nein.

Die Politik muss bei einer möglichen Änderung des Transplantationsgesetzes – und die hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn ja in Aussicht gestellt – auch die Kliniken stärker in die Pflicht nehmen. Denn offenbar gibt es Schwachstellen beim Meldeverfahren.

Wenn innerhalb von fünf Jahren die Anzahl potenzieller Spender gestiegen ist, gleichzeitig aber die Zahl der organspendebezogenen Kontakte zur DSO abgenommen hat – und das beinhaltet mit den Jahren 2010 bis 2015 den Zeitraum des Organallokationsskandals – dann läuft etwas in den Klinikstrukturen und dem Meldeverfahren schief.

Hier muss mehr Vertrauensarbeit bei Ärzten geleistet werden, es braucht aber auch geeignete Kontrollverfahren.

 

 

 

Ärzte Zeitung online, 06.07.2018

Der Mangel liegt am Meldewesen

Die Zahl der Organspender ist in Deutschland seit 2010 um über ein Drittel zurückgegangen. Doch das liegt nicht etwa an der Spendebereitschaft, wie eine Datenanalyse nahelegt – sondern an einem Erkennungs- und Meldedefizit in den Kliniken.

Von Rebekka Höhl

 

 

KIEL. Deutschland hat ein Problem mit sinkenden Organspendezahlen. Während es 2010 noch 1296 Organspender gab, waren es 2017 nur noch 797 – das sind über ein Drittel weniger.

Doch liegt der Rückgang tatsächlich am viel diskutierten Vertrauensverlust durch den 2012 bekannt gewordenen Organallokationsskandal?

Forscher um Dr. Kevin Schulte und Professor Thorsten Feldkamp des Uniklinikums Schleswig-Holstein in Kiel wollten das nicht so ganz glauben, da gleichzeitig die Zahl der Bundesbürger, die einen Organspendeausweis besitzen nach einer Befragung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zugenommen hat (2008: 17 Prozent, 2018: 36 Prozent).

Dabei stehen über 80 Prozent der Deutschen der Organ- und Gewebespende positiv gegenüber.

Sie haben sich daran gemacht, in einer bundesweiten Sekundäranalyse die Organspendesituation in den Kliniken zu analysieren. Dabei haben sie in der Studie, die aktuell im Deutschen Ärzteblatt (Dtsch Arztebl Int 2018; 115(27-28): 463-8) veröffentlicht wurde, die vollstationären Behandlungsfälle ausgewertet.

Zahl der möglichen Spender steigt

Das Ergebnis: Statt dem erwarteten Vertrauensverlust bei den Bürgern, scheint der Rückgang eher an organisatorischen Abläufen in den Kliniken zu liegen. Denn von 2010 bis 2015 hat sich die Anzahl der möglichen Organspender um 13,9 Prozent erhöht: von 23.937 auf 27.258 (siehe nachfolgende Grafik).

Die Anzahl der organspendebezogenen Kontakte zur Deutschen Stiftung für Organtransplantation (DSO) nahm im gleichen Zeitraum aber um 18,7 Prozent ab – von 2760 im Jahr 2010 auf 2245 im Jahr 2015.

Die Anzahl der realisierten Organspenden ist sogar um 32,3 Prozent gesunken (von 1296 auf 877). Die Entnahmekliniken sind seit August 2012 dazu verpflichtet, einen Transplantationsbeauftragten zu benennen und mögliche Organspender an die DSO zu melden, so will es das Transplantationsgesetz.

 

Unikliniken im Fokus

Um tatsächlich Unterschiede in den Kliniken erfassen zu können, haben die Forscher zudem sechs Universitätskliniken genauer in den Fokus genommen. Insgesamt nahm die Zahl der möglichen Organspender aufgrund der schwierigeren Behandlungsfälle in den Unikliniken von 2010 bis 2015 sogar um 19,2 Prozent zu.

"Damit war die Zunahme deutlich ausgeprägter als im bundesweiten Durchschnitt", so die Studienautoren. Die Anzahl der organspendebezogenen Kontakte sank hier zeitgleich um 21,4 Prozent, die der realisierten Organspenden um 30,5 Prozent.

Dabei erzielten vier Unikliniken Kontaktquoten zur DSO von unter zehn Prozent, eine davon sogar von deutlich unter fünf Prozent. Auch bei den Realisierungsquoten bewegten sich drei Unikliniken auf niedrigem Niveau (unter fünf Prozent, eine sogar unter ein Prozent).

Hätten alle Universitätskliniken 2015 im selben Maße Organspenden realisiert, wie die Uniklinik mit der höchsten Realisierungsquote (16,3 Prozent), dann hätten nach Berechnungen der Forscher allein in den sogenannten "Kategorie-A-Krankenhäusern" bzw. bei den Unikliniken 928 Organspenden umgesetzt werden können.

"Mehr als in dem Bezugsjahr in der kompletten Bundesrepublik", so die Autoren. Bundesweit hätte – basierend auf den vollstationären Behandlungsfällen – durchaus eine Realisierungsquote von 10,2 Prozent erreicht werden können.

Damit hätten 2780 Organspenden realisiert werden können, rechnen die Forscher vor. "Dies entspräche 33,8 Organspenden pro einer Million Einwohner", schreiben sie.

Kliniken verunsichert

Die Unsicherheit besteht nach Einschätzung von Schulte, Feldkamp und Kollegen eher bei den Kliniken: Denn nach Inkrafttreten der Änderung des Transplantationsgesetzes im Sommer 2018 habe die Kontaktquote der Kliniken zur DSO – trotz neuer Meldepflicht – weiter abgenommen (von 2012 bis 2015 um -24,8 Prozent).

 

Das liege daran, dass das Gesetz offen lasse, wann genau eine Meldung von möglichen Spendern erfolgen müsse. Aber auch der Organspendeskandal habe vorrangig die Ärzte verunsichert, so die Studienautoren.

Als Lösung schlagen sie ein verbessertes Meldeverfahren vor. Das beinhaltet eine bessere Organisation in den Kliniken genauso wie eine politische Stärkung des Meldeverfahrens. Dr. Kevin Schulte plädiert zudem für einen stärkeren Vergleich von und mehr Kontrolle in den Krankenhäusern.

Diese müssten sich im Hinblick auf Organspenden qualitätsorientiert verbessern. Zwar sei die Finanzierung für die Organspende nicht kostendeckend, allerdings könne dies nicht der Grund für die großen Unterschiede in der Studie sein. (mit dpa)

 

 

 

Studie

Warum in Deutschland so wenige Organe gespendet werden

In Deutschland ist die Zahl der Organspender gering. Laut einer Studie liegt das nicht an der Bereitschaft der Menschen - sondern an einem Problem in den Krankenhäusern.

Von Nina Weber


Freitag, 06.07.2018

Seit Jahren sinken die Zahlen der Organspender in Deutschland. Im Jahr 2010 waren es 1296, im Jahr 2017 dagegen 797. In fast allen Staaten, die sich im Verband Eurotransplant zusammengeschlossen haben, ist die Anzahl der Spender höher als in Deutschland.

Kürzlich forderte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) alle Bürger auf, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. "Das sind wir den mehr als 10.000 Menschen schuldig, die voller Hoffnung auf ein Organ warten." Einige Politiker fordern auch, dass in Deutschland eine Widerspruchsregelung eingeführt wird, laut der jeder als potenzieller Spender gilt, der nicht explizit widersprochen hat.

Doch laut einer aktuellen Studie geht die Debatte wohl in die falsche Richtung. Das Problem liegt demnach nicht bei spendeunwilligen Bürgern, sondern in den Kliniken.

Bislang hat man verschiedene mögliche Gründe für den Rückgang diskutiert:

  • Der Organspendeskandal, der 2012 öffentlich wurde, könnte das Vertrauen der Menschen so zerstört haben, dass immer weniger einen Spenderausweis haben oder immer mehr eine Spende explizit ablehnen.

  • Die Zahl möglicher Spender könnte durch veränderte medizinische Maßnahmen, durch eine älter werdende Bevölkerung oder auch durch die sinkende Zahl von Verkehrsunfällen stetig zurückgehen.

  • Die Ursache könnte jedoch auch in den Krankenhäusern liegen, die nicht alle möglichen Spender melden.

Was ist tatsächlich der Grund? Ein Team von Ärzten und Forschern hat jetzt Krankenhausdaten aus den Jahren 2010 bis 2015 ausgewertet, um dies herauszufinden. Sie ermittelten,

  • wie viele mögliche Organspender es in den Jahren gab,

  • in wie vielen Fällen die Kliniken Kontakt zur Deutschen Stiftung Organspende (DSO) aufnahmen,

  • und in wie vielen Fällen dann eine Organspende stattfand.

Zahl der möglichen Organspender sank nicht, sie stieg

Laut der im "Deutschen Ärzteblatt" veröffentlichten Analyse ist die Zahl der möglichen Organspender in dem Zeitraum nicht gesunken, sondern sogar gestiegen, von 23.937 im Jahr 2010 auf 27.258 im Jahr 2015.

Als mögliche Organspender galten jene Verstorbenen mit einer schweren, unumkehrbaren Hirnschädigung, die beatmet wurden und bei denen keine Krankheit vorlag, die eine Organspende ausschloss. Nicht all diese Verstorbenen kamen aus medizinischer Sicht tatsächlich als Organspender infrage. In einem Modellprojekt der DSO, das 2010 bis 2012 an mehreren Kliniken lief, kontaktierten die Krankenhäuser in knapp 32 Prozent dieser Fälle die DSO, um die Möglichkeit einer Spende zu klären. Und etwa jeder zehnte mögliche wurde tatsächlich zum Spender. Das heißt: Wenn es in den Krankenhäusern optimal läuft, sind ähnliche Zahlen zu erwarten.

 


 

 

Die Krankenhäuser melden zu wenige mögliche Spender

Doch im Schnitt kontaktierten die Kliniken in Deutschland nur in 11,5 Prozent der Fälle die DSO - im Jahr 2010. Bis 2015 sank die Quote sogar auf 8,2 Prozent. So gab es 2015 nur 2245 Meldungen an die DSO.

Es wurden nicht nur weniger Fälle gemeldet, sondern auch der Anteil der daraus folgenden tatsächlich umgesetzten Organspenden ging etwas zurück. 2010 folgte auf fast jede zweite Meldung (47 Prozent) eine Organspende, 2015 war dies nur in knapp 40 Prozent der Fälle so. Im Modellprojekt war die Quote allerdings mit 32 Prozent noch niedriger. Dass auf eine Meldung keine Organspende folgt, kann auch medizinische Gründe haben und nicht nur den, dass Angehörige die Spende ablehnen.

Eine aktuelle Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) zeigt sogar: Immer mehr Menschen in Deutschland haben einen Organspendeausweis und die Einstellung zum Thema ist so positiv wie nie.

2780 Spenden - statt 877

 

Das Fazit der Mediziner lautet deshalb: Der zunehmende Mangel an Organspendern lässt sich nicht dadurch erklären, dass es zu wenige mögliche Spender gibt. Stattdessen ist Kern des Problems, dass die Krankenhäuser diese zu selten erkennen und melden.

Würden alle Kliniken so arbeiten wie im Rahmen des DSO-Modellprojekts, hätte es in Deutschland im Jahr 2015 statt 877 etwa 2780 Organspenden gegeben, rechnet das Team um Kevin Schulte von der Uniklinik Kiel vor.

Schulte weist auf ein interessantes Detail hin: Nachdem im Sommer 2012 der Organspendeskandal bekannt wurde, sank die Meldequote deutlich ab. "Der Skandal hat die Ärzte eingeschüchtert", vermutet er.

Auch die Reform der Organspende im Jahr 2012 hat offensichtlich nicht gefruchtet. Demnach müssen alle Entnahmekrankenhäuser einen Transplantationsbeauftragten haben - was die Meldequoten eigentlich hätte verbessern müssen. Doch trotz der Änderung sind die Zahlen an vielen Kliniken nicht gestiegen.

Laut Schulte sind die Unterschiede sowohl zwischen Regionen als auch zwischen einzelnen Kliniken groß. Das deutet darauf hin, dass das Problem nicht in erster Linie bei der Gesetzgebung oder den allgemeinen Rahmenbedingungen in Deutschland liegt, sondern lokal in den jeweiligen Kliniken.

Wie sich die Probleme konkret lösen lassen? Da hält sich Schulte bewusst zurück. In der Studie ging es schließlich darum, erst einmal die genaue Ursache zu ergründen.

Allerdings hält er angesichts des Ergebnisses die Debatte darüber, ob wir in Deutschland eine Widerspruchsregelung einführen müssen, für verfehlt. "Wenn die, die als Spender infrage kommen, nicht von den Kliniken gemeldet werden, dann liegt das Problem woanders - und wir müssen nicht die Freiheit der Bürger einschränken", findet Schulte.

 


 

Medizin

Krankenhäuser könnten die Zahl der Organspenden maßgeblich steigern

Donnerstag, 5. Juli 2018



Kiel – Organspenden von Verstorbenen sind seit 2010 um 30 %

zurückgegangen. Ursache dafür sind aber nicht etwa weniger potenzielle

Organspender – die haben zwischen 2010 und 2015 sogar um fast 14 %

zugenommen. Forscher um Kevin Schulte und Thorsten Feldkamp des

Universitätsklinikums Schleswig-Holsteins in Kiel machen die

Entnahmekrankenhäuser verantwortlich. Diese würden mögliche

Organspender immer seltener erkennen und melden. Das ergab eine

deutschlandweite Analyse von mehr als 100.000 Behandlungsfällen, die im

Deutschen Ärzteblatt publiziert wurde (Dtsch Arztebl Int 2018; 115(27-28):

463-8).

Die Zahl der Todesfälle mit einer schweren Hirnschädigung sowie der Anteil der  Patienten mit einer Beat­mungs­therapie vor dem Tod hat zugenommen. So kommt es, dass auch die Zahl der möglichen Organspender in Deutschland zwischen 2010 und 2015 von 23.937 auf 27.258 gestiegen ist. Dass dieser Trend dennoch in sinkenden post­mortalen Organspenden endet, geht nicht, wie so oft vermutet, allein zulasten des Vertrauensverlusts aufgrund des Organallokationsskandals 2012.

Die Analyse des Forscherteams zeigt deutlich, dass es sich vor allem um ein organi­satorisches Problem in den Kliniken handelt. Diese kontaktieren die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) in Bezug auf Organspenden immer seltener. Dabei sind seit dem 1.8.2012 laut Transplantationsgesetz alle Entnahmekrankenhäuser dazu verpflichtet, einen Transplantationsbeauftragten zu benennen und mögliche Organ­spender an die DSO zu melden. Die Kontaktquote lag 2010 bei 11,5 % und 2015 nur noch bei 8,2 %. Ebenso sank die Zahl realisierter Organspenden und somit auch die Konversionsquote (Realisations-/Kontaktquote) von 47 auf 39,1 %.



Unterschiede zwischen Ost und West

Die Autoren der Studie im Deutschen Ärzteblatt weisen auch darauf hin, dass sich Kontakt- und Realisationsquoten erheblich regional und zwischen den analysierten Universitätskliniken und Krankenhäusern unterscheiden – teilweise um mehr als das 10fache. In den neuen Bundesländern sei die Kontaktquote weniger stark abgefallen, als in den alten Bundesländern.

Ein besseres Meldeverhalten der Entnahmekrankenhäuser könnte die Zahl der Organ­spenden maßgeblich steigern, schlussfolgern die Autoren aus den neuen Daten. Eine zunehmend ablehnende Einstellung der Betroffenen und deren Angehörigen gegen­über der Organspende habe hingegen nur geringfügig Einfluss auf den Rückgang der Spenden. © gie/aerzteblatt.de

 


Pressemitteilung der Bundeszentrale für gesundheitliche 
Aufklärung (BZgA)  vom 05.07.2018:

Bei Auslandsreisen an den Organspende-Ausweis denken

Unterschiedliche Regelungen zur Organentnahme in Europa: BZgA bietet Dokumente in 28 
Landessprachen zum Download an

Köln, 05. Juli 2018. Reisende ins europäische Ausland sollten sich vorab darüber 
informieren,wie die Organ- und Gewebespende im Reiseland geregelt ist. 
Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) rät Reisenden, einen gültigen 
Organspendeausweis in der jeweiligen Landessprache mitzuführen. Unter welchen Umständen 
die Organe einer verstorbenen Person für eine Organspende entnommen werden dürfen, ist 
in den Ländern Europas gesetzlich nicht einheitlich geregelt. 
Generell greift bei einem Todesfall im Ausland das jeweilige Landesgesetz, 
unabhängig von der Nationalität der verstorbenen Person. 

In Deutschland gilt die sogenannte Entscheidungslösung. Alle Bürgerinnen und Bürger 
sollen durch regelmäßige Information in die Lage versetzt werden, eine unabhängige 
Entscheidung für oder gegen die Organ- und Gewebespende zu treffen. Organe oder Gewebe 
dürfen nur entnommen werden, wenn die verstorbene Person dem zu Lebzeiten zugestimmt 
hat - etwa auf einem Organspendeausweis oder in einer Patientenverfügung. 
Liegt keine Entscheidung vor, müssen die Angehörigen diese stellvertretend treffen. 
In Dänemark, Griechenland, Großbritannien, Litauen, Rumänien und der Schweiz gilt 
die Zustimmungslösung. 
Hier dürfen Organe und Gewebe ebenfalls nur entnommen werden, wenn die Zustimmung 
der verstorbenen Person oder die der Angehörigen vorliegt. In Ländern, wie zum 
Beispiel Frankreich, Italien, Polen, Spanien,Österreich und der Türkei, wird die 
Organ- und Gewebespende durch die Widerspruchslösung geregelt. 
Hier dürfen Organe grundsätzlich zur Transplantation entnommen werden, wenn die 
verstorbene Person zu Lebzeiten nicht ausdrücklich widersprochen hat. 

Für Urlauber im Ausland gilt: Der ausgefüllte Organspendeausweis aus Deutschland 
dokumentiert die persönliche Entscheidung für oder gegen eine Organspende. 
"Es ist bei einem Auslandsaufenthalt ratsam, neben einem Organspendeausweis in 
deutscher Sprache auch einen Ausweis in der Landessprache mitzuführen",erklärt 
Dr. med. Heidrun Thaiss, Leiterin der BZgA. So wird die persönliche 
Entscheidung für oder gegen die Organ- und Gewebespende auch im Ausland verstanden. 

Die BZgA stellt den Organspendeausweis in 28 Sprachen zum Download und Ausdruck unter 
https://www.organspende-info.de/organspendeausweis/bestellen zur Verfügung. 
Sobald die Daten zur persönlichen Entscheidung in die vorgegebenen Felder eingetragen 
sind und eine Unterschrift erfolgt ist, ist der Organspendeausweis gültig. 

Information zur Organ- und Gewebespende finden Sie unter:
http://www.organspende-info.de 

Gesetzliche Regelungen in Europa:
https://www.organspende-info.de/infothek/gesetze/europa-regelungen

Weitere Informationen gibt es unter:
http://www.bundesgesundheitsministerium.de/Organspende 

Kostenlose Bestellung der BZgA-Materialien unter:
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, 50819 Köln
Online-Bestellsystem: http://www.bzga.de/infomaterialien 
Fax: 0221/8992257
E-Mail: order@bzga.de 

-------------------
Kontakt:
Pressestelle der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA)
Maarweg 149-161
50825 Köln
pressestelle@bzga.de
https://www.bzga.de
https://twitter.com/bzga_de

 

 

 

Österreich führend bei Organtransplantionen

2. Juli 2018

 

Der Transplant-Jahresbericht 2017 weist Österreich bei

Organtransplantationen im Spitzenfeld aus Österreich nimmt im

internationalen Vergleich bei den Organtransplantationen eine

Position in den vordersten Rängen ein. 2017 gab es etwas mehr

Organverpflanzungen als im Jahr davor. Allerdings befanden sich

Ende 2017 etwa genau so viele Menschen auf der Warteliste. Dies

geht aus dem aktuellen "Transplant-Jahresbericht 2017" der

Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) hervor.

 

"2017 wurden in Österreich 789 Organtransplantationen

durchgeführt, 717 mit Organen von Verstorbenen, 72 stammten

von Lebendspendern. Im Vergleich zum Vorjahr ist somit die

Anzahl der Transplantation mit Organen von Verstorbenen nahezu

gleich geblieben (2016: 711). Die Anzahl der Transplantationen

von Lebendspendern ist ebenfalls gleich geblieben (2015: 69)",

hieß es zu dem Report.

 

Wie lange man wartet

Allerdings, wie die Autoren des Berichts ebenfalls feststellten:

Ende 2017 warteten 780 Patienten auf ein geeignetes

Spenderorgan, was in Summe etwa der Ein-Jahres-Zahl der

Transplantationen entspricht. Während man auf eine Niere im

Median (die Hälfte der Betroffenen länger, die Hälfte der Patienten

kürzer; Anm.) 39,5 Monate wartet, liegen die Wartezeiten bei

Herz (median 3,3 Monate), Lunge (3,7 Monate) und Leber (zwei

Monate) unter einem Jahr. Diese medianen Wartezeiten sind beim

Herzen gleich geblieben, bei der Lunge geringfügig gestiegen, bei

Leber und Niere gegenüber dem Vorjahr geringfügig verkürzt.

Weiterhin sterben auch in Österreich noch immer Menschen auf

den Transplantations-Wartelisten. -

 

Insgesamt weist der Report im aktuellen Vergleich (2016) von 23

europäischen Staaten für Österreich eine sehr gute Position bei

den oft lebensrettenden Eingriffen aus: Nach Spanien mit 104,6

Organtransplantationen pro Million Einwohner folgen Belgien

(92,2) und Frankreich (91,6). Dann kommt schon Österreich mit

89,6 solcher Operationen pro Million Einwohner.

In Deutschland sind es mit 45,1 Transplantationen pro Million

Einwohner nur etwa die Hälfte. Das liegt an der in Deutschland

geltenden gesetzlichen Regelung für Organentnahmen. Die

Schweiz (61,1) ist ebenfalls deutlich schlechter positioniert als

Österreich. -

 

Wie viele Spender es gab es

Im Jahr 2017 wurden in Österreich 373 verstorbene Personen als

potenzielle Spender gemeldet und 206 Organspenden davon in

der Folge auch realisiert. Das bedeutet im Vergleich zum Vorjahr –

379 gemeldete und 207 realisierte Organspender – einem

Gleichbleiben des Aufkommens an Organen und entspricht einer

Rate von 23,8 Spendern pro Million Einwohner – im Vergleich zu

22,7 in 2015.

 

Auch hier liegt Österreich weit vorn, wenn man die europäischen

Staaten betrachtet. Bei den Meldungen von potenziellen

Organspendern (nicht aussagekräftig, dass dann auch Organe

verwendet wurden) ist Spanien ebenfalls Spitze – mit einer Rate

von 43,8 pro Million Einwohner (2016). In Österreich waren es

24,9.

 

Sehr unterschiedlich sind die Organspendermeldungen der

österreichischen Krankenhäuser. Die Zahlen für 2017 (je Million

Einwohner): In Wien waren es 20,9, in Niederösterreich 18,0, in

Eisenstadt nur 10,3. Dafür erreichten Kärnten (39,2) und Tirol

(29,5) die Spitzenwerte. In der Steiermark waren es 21,8

gemeldete Spender pro Million Einwohner, in Vorarlberg 20,6, in

Salzburg 20,0 und in Oberösterreich 23,9.

 

Global vernetzt

Stabil ist die Situation auch bei den Stammzellspenden und

Stammzelltransplantationen (z.B. Knochenmark). Im Jahr 2017

waren insgesamt rund 67.200 Spender im österreichischen

Register erfasst. Durch die internationale Vernetzung mit anderen

Registern stehen derzeit weltweit rund 31,9 Millionen

Stammzellspender zur Verfügung.

 

Für rund 80 Prozent aller Patientinnen und Patienten in Österreich

kann ein Fremdspender gefunden werden. Die durchschnittliche

Suchdauer bis zur Identifizierung eines immunologisch passenden,

nichtverwandten Spenders lag im Jahr 2017 bei durchschnittlich

28 Tagen. 2017 wurden insgesamt 551

Stammzelltransplantationen durchgeführt. Im Vergleich zum

vergangenen Jahr stellte das einen Rückgang um rund 2,3 Prozent

dar. (APA, 2.7.2018)

 

 

 

02.07.2018 – Pressemitteilungen

Spitzenbewertung für das Herz- und Diabeteszentrum

 

 Prof. Dr. Jan Gummert, Ärztlicher Direktor des HDZ NRW, und Geschäftsführerin Dr. Karin Overlack freuen sich über die aktuelle Auszeichnung für Spitzenmedizin (Foto: Armin Kühn).

 

Eine aktuelle Studie hat rd. 2.000 Krankenhäuser auf der Basis von Qualitätsberichten und Bewertungsportalen ausgewertet – Lob für die Mitarbeiter des HDZ NRW

Die Untersuchung des F.A.Z. Instituts und der International School of Management (Dortmund) in Zusammenarbeit mit dem Faktenkontor Hamburg hat sich der Bewertung von rd. 2.000 Krankenhäusern in Deutschland gewidmet. Das Ergebnis: In der Gesamtbewertung aller Häuser liegt das Herz- und Diabeteszentrum NRW (HDZ NRW), Bad Oeynhausen, auf Rang 16. Betrachtet man ausschließlich die auf Herz- und/oder Diabetespatienten spezialisierten Einrichtungen, so liegt das HDZ NRW an erster Stelle.

„Wir freuen uns sehr über diese großartige Auszeichnung“, betonen Geschäftsführerin Dr. Karin Overlack und Prof. Dr. Jan Gummert, Ärztlicher Direktor des HDZ NRW. „Die Anerkennung gilt einmal mehr unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die sich tagtäglich in allen Bereichen unseres Klinikums für eine individuell am Patienten ausgerichtete, interdisziplinäre Spitzenmedizin einsetzen.“

Im Vergleich zu bisherigen Erhebungen wurden mit der vorliegenden Studie erstmals sowohl die offiziellen Qualitätsdaten der Krankenhäuser ausgewertet als auch die Daten aus öffentlichen Bewertungsportalen und Patientenbefragungen berücksichtigt, wie sie u.a. die Techniker Krankenkasse durchführt. Sie fasst damit klinische Fakten sowie Faktoren der allgemeinen Zufriedenheit mit der Einrichtung zusammen. Beurteilungen zur Weiterempfehlung, zur medizinischen Behandlung, aber auch zur Beratungsqualität, zu Abläufen der Verwaltung und zur Ausstattung der Klinik fließen dort mit ein. Sämtliche Daten wurden im Februar 2018 abgerufen und mit den Qualitätsberichten zusammengeführt.



Weitere Informationen:
Herz- und Diabeteszentrum Nordrhein-Westfalen
Universitätsklinik der Ruhr-Universität Bochum
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Leitung: Anna Reiss
Georgstr. 11
32545 Bad Oeynhausen
Tel. 05731 97-1955
Fax 05731 97-2028
E-Mail: info@hdz-nrw.de

 

 

01.07.2018 11:18


Hochdotierter Kinderherz-Forschungspreis geht nach Bad Oeynhausen

Anna Reiss Presse- und Öffentlichkeitsarebeit

Universitätsklinik der Ruhr-Universität Bochum - Herz- und Diabeteszentrum NRW Bad Oeynhausen

Privatdozent Dr. Kai-Thorsten Laser erhält den Hauptpreis in Höhe von 100.000 Euro für das innovative Projekt „Lerntherapie für Kinder mit angeborenem Herzfehler“

Als Isabel Pfeiffer-Poensgen, Ministerin für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW, am Freitagabend im Dortmunder Orchesterzentrum den Hauptpreisträger des diesjährigen KinderHerz-Innovationspreises verkündete und Privatdozent Dr. Kai-Thorsten Laser auf das Podium rief, war der Jubel groß und die kleine Sensation für die aus Bad Oeynhausen mitgereisten Freunde und Kollegen perfekt. Voller Freude durfte der Wissenschaftler und Kinderkardiologe des Herz- und Diabeteszentrum NRW (HDZ NRW), Bad Oeynhausen, die mit 100.000 Euro dotierte Trophäe für Forschungsmittel entgegennehmen.

„Das ist wundervoll! Mit dieser großartigen Unterstützung können ganz wichtige Förderungsmöglichkeiten für Kinder geschaffen werden, die mit einer schweren Herzfehlbildung geboren werden“, betonte Laser dankbar, der seit 2005 in der Bad Oeynhausener Klinik für Kinderkardiologie und angeborene Herzfehler unter der Leitung von Prof. Dr. Deniz Kececioglu forscht und arbeitet, 2009 dort Oberarzt wurde und seit 2015 stellvertretender Klinikdirektor ist.

Der erfahrene Kinderkardiologe hatte die Jury mit einem Forschungsvorhaben überzeugt, das sich nicht nur mit einem höchst innovativen und interdisziplinären Ansatz, sondern vor allem durch die Nähe zu den kleinen Patienten und seinen unmittelbaren Nutzen von den weiteren sieben nominierten Projekten besonders hervorhob.

Innovatives Kooperationsprojekt

Laser will eine neuartige Lerntherapie für herzkranke Kinder entwickeln. „Komplizierte Herzfehler, die schon im frühen Säuglingsalter behandelt werden müssen, können die körperliche und geistige Entwicklung der betroffenen Kinder beeinträchtigen“, erläutert der Herzspezialist. „Dadurch können zum Beispiel Nervenbahnen geschädigt oder nicht richtig ausgereift sein. Das erfordert eine ganz grundlegende ebenso wie individuelle lern-therapeutische Förderung.“ Die kinderkardiologische Klinik geht dazu eine Kooperations-partnerschaft mit dem Bad Oeynhausener Institut „Der Bildungskompass“ ein. Lerntherapeutin Julia Phorisch hat den Preis gemeinsam mit Dr. Laser entgegengenommen und freut sich auf die Zusammenarbeit: „Das ist ein ganz spannendes Projekt, bei dem wir Vieles bewirken können.“

Hintergrundinformation:
Mit dem „KinderHerz-Innovationspreis NRW 2018“ zeichnet das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen zum zweiten Mal herausragende Forschungsprojekte in der Kinderherzmedizin aus. Gestiftet wird der Preis von der gemeinnützigen Stiftung KinderHerz (Sitz: Essen, Geschäftsführerin: Sylvia Paul). Die eingereichten Projekte werden von einer unabhängigen Jury beurteilt und nach drei Kategorien vergeben werden. Die Preisträger 2018:
Innovative Forschung: PD Dr. Kai-Thorsten Laser, Herz- und Diabeteszentrum NRW, Bad Oeynhausen. „Lerntherapie für Kinder mit angeborenem Herzfehler“ (100.000 Euro).
Nachwuchs: Nicolas Börter, Universitätsklinikum Bonn. „Die Ernährung von herzkranken Kindern verbessern“ (25.000 Euro).
Pflege: Angela Kertz, Universitätsklinikum RWTH Aachen, „Die Erforschung der Pflege von herzkranken Kindern bis ins Erwachsenenalter“ (25.000 Euro).
Ein zusätzlicher Crowdfunding-Preis geht an Hans Kejdener vom Institut für Angewandte Medizintechnik der RWTH Aachen für das Forschungsprojekt „Entwicklung eines biologischen Elektrokabels für das Herz“.


Weitere Informationen:

https://www.youtube.com/watch?v=pjJdZxTZ4Us
http://www.stiftung-kinderherz.de
http://www.hdz-nrw.de
http://www.derbildungskompass.de

 

 

Mitteldeutsche Zeitung: Sachsen-Anhalt/Politik Tiefstand bei Organspenden: Experte kritisiert Verhältnisse an Kliniken

Mitteldeutsche Zeitung

Mittwoch der 27. Juni 2018 - 2:00 Uhr

Halle (ots) - Hans Lilie, Vorsitzender der Ständigen Kommission Organtransplantation der Deutschen Ärztekammer, stellt sich nicht hinter die Forderungen nach einer Widerspruchslösung bei der Organspende. "Meiner Meinung nach ist es zweitrangig, ob wir eine Entscheidungs-, Zustimmungs- oder eine Widerspruchslösung haben", sagte er der in Halle erscheinenden Mitteldeutschen Zeitung (Mittwoch-Ausgabe) . "Was nützt eine Widerspruchslösung, wenn auf den Intensivstationen der Gedanke der Organspende gar nicht entwickelt werden kann, wenn einfach die Zeit fehlt", fügte er hinzu. Zwar sei es richtig, dass in Ländern, in denen die Widerspruchslösung gelte, die Zahl der Spender höher sei als in Deutschland. Das sei aber nicht allein entscheidend. "Denn in diesen Ländern ist traditionell die Aufmerksamkeit für die Organspende höher. Dort wird diesem Thema im Klinikalltag mehr Zeit eingeräumt. Und auch die Strukturen sind darauf ausgerichtet." Außerdem, bei genauerer Betrachtung praktizierten diese Länder eigentlich die Zustimmungslösung. Denn es ist ja praktisch unvorstellbar, dass ein Arzt den Angehörigen nach einem womöglich schockierenden Todesfall sagt: Jetzt gehen wir in den OP und entnehmen ihrem Verstorbenen die Organe, weil kein Widerspruch vorliegt." Er werde auch bei einer Widerspruchslösung nicht gegen ihren Willen handeln. "Insofern ist es nicht entscheidend, ob wir eine Widerspruchs- oder Zustimmungslösung praktizieren. Entscheidend sind meines Erachtens ausreichend Zeit für das Engagement der Ärzte und Pflegenden auf den Intensivstationen und die notwendigen strukturellen Anpassungen." Im vergangenen Jahr hatte die deutschlandweite Zahl der Organspender mit 797 den tiefsten Stand seit 20 Jahren erreicht. Seitdem wird von Ärzten und Politikern der Ruf nach einer Widerspruchslösung lauter. Dabei kommt als Organspender in Frage, wer zu Lebzeiten einer Organentnahme nicht ausdrücklich widersprochen hat. In Deutschland gilt die Entscheidungslösung, nach der die Organentnahme nur zulässig ist, wenn eine Zustimmung vorliegt.

Pressekontakt: Mitteldeutsche Zeitung Hartmut Augustin Telefon: 0345 565 4200 hartmut.augustin@mz-web.de

 

 

 

NACHRICHTEN

24/06/2018 11:45 CEST | Von Anna Rinderspacher


Organspende: Baby braucht neues Herz – in Deutschland ist das ein Todesurteil

In Deutschland gibt es zu wenig Organspender.

Ein Schmetterling sitzt auf der Wange der einjährigen Aria. Das Kind lacht, seine Augen leuchten. Sie gluckst und streckt die Arme aus. Sie wackelt mit Armen und Beinen. Am liebsten würde sie mit ihren Brüdern auf der Wiese um die Wette rennen. Doch das geht nicht.

Aria befindet sich im Krankenhaus. Die Kleine wird über eine Magensonde ernährt. Das schmetterlingsförmige Pflaster auf ihrer Wange fixiert den Schlauch, der dem Kind durch die Nase flüssige Nahrung zuführt.

 

Ein Schmetterling, das passt zu dem kleinen Mädchen, das so vielen Menschen Freude bringt, aber selbst so wahnsinnig zerbrechlich ist.

Privat Aria Draffin braucht ein neues Herz.

Aria braucht dringend ein neues Herz

Der 13. November 2017 ist ein Tag, den Aria Draffins Familie wohl nie vergessen wird. Am Nachmittag fängt das damals fünf Monate alte Kind an zu weinen. Sie lässt sich nicht beruhigen, wird kalt und blass. Dann hört ihr Herz auf zu schlagen.

Arias Großvater Martin Gruber befindet sich im Nebenzimmer, als er die verzweifelten Schreie seiner Tochter Sabrina hört. Er eilt zu ihr ins Wohnzimmer und findet die junge Mutter mit ihrem leblosen Kind im Arm.

Gruber beginnt seine Enkeltochter zu reanimieren. Das schlimmste an dem Vorfall sei die Viertelstunde des Wartens auf den Rettungswagen gewesen, wird er später sagen. 

Im Krankenhaus erfährt die Familie: Aria wurde mit einem Herzfehler geboren. Ihre linke Herzklappe ist größer als ihre rechte. Dadurch kommt es zu Unregelmäßigkeiten bei der Blutversorgung – dilatative Kardiomyopathie (DCM) nennt sich die Erkrankung.

In Deutschland sind etwa 6 von 100.000 Menschen von DCM betroffen. Innerhalb der ersten zehn Jahre nach der Diagnose versterben 85 bis 90 Prozent der Patienten. Häufig sind die Folgen der Herzschwäche oder ein plötzlicher Herztod die Ursache.

Jeden Tag sterben drei Menschen in Deutschland, weil sich nicht rechtzeitig ein Organspender gefunden hat

Nach der Diagnose der Ärzte ist auch klar: Aria braucht ein neues Herz. Und das kommt in Deutschland einem Todesurteil gleich. 

Denn in kaum einem europäischen Land gibt es so wenige Organspender wie in Deutschland. Besonders wenige Spender gibt es im Kindesalter.

Aria müsste wohl zwei Jahre auf ein Spenderherz warten.

Doch soviel Zeit bleibt dem Mädchen wahrscheinlich nicht. Schon jetzt muss sie über eine Magensonde ernährt werden, weil sie zu schwach ist, um selbst Nahrung aufzunehmen.

Die Herzfunktion reicht nicht aus, dass das Kind sich alleine am Leben erhält”, erklärt die Erlanger Ärztin Helga Prießmann, die Aria behandelt, gegenüber dem ARD-Magazin “Brisant”.

Prießmann weiß:

 

 

Die Kleine kämpft um ihr Leben, ehe es richtig begonnen hat

Ein Schock für Arias Familie. “Mir war nicht klar, wie schlecht die Aussichten auf ein Spenderherz in Deutschland sind”, sagt Arias Mutter Sabrina im Gespräch mit der HuffPost.

Die Stimme der 28-Jährigen wirkt überraschend gefasst, wenn sie über ihre Tochter spricht. 

Die Bindung zwischen Aria und ihrer Mama ist extrem eng. Wenn die Kleine aufwacht und sie nicht sofort sieht, fängt sie an zu weinen”, erzählt Arias Tante, Daniela Lichei.

Aria ist ein fröhliches, aufgewecktes Mädchen und ist wahnsinnig interessiert an ihrer Umwelt”, beschreibt Lichei ihre Nichte. “Wir sagen immer wenn sie könnte, wie sie wollte, würde sie allen davon rennen. Sie liebt einfach den Trubel.”

Wenn es ihr schlechter geht, merkt man ihr das auch deutlich an”, erzählt Lichei. “Sie trinkt dann schlechter, schläft vermehrt und ist insgesamt einfach anders als sonst.” 

Eine OP in den USA könnte Aria retten

Doch Aria hat Glück im Unglück: Weil ihr Vater US-Amerikaner ist und das Kind die doppelte Staatsbürgschaft besitzt, kann sie in den USA operiert werden. Dort ist die Wartezeit auf ein Spendenorgan erheblich kürzer.

 

Am 12. Juni wurde die Einjährige deshalb in die USA geflogen. Seit dem 19. Juni ist sie auf der US-Transplantationsliste als höchst dringlich gelistet. Innerhalb der nächsten zwei Monate kann das Mädchen mit einem neuen Herz rechnen.

Dass die Chancen auf ein Spenderorgan in den USA soviel besser stehen, liegt nicht allein an der größeren Bevölkerungszahl. Und auch nicht an der Einstellung der Menschen.

Wie kann es also sein, dass die Zahl der Organspender hierzulande dennoch so niedrig ist? 

Sich mit dem Thema Organspende auseinanderzusetzen, bedeutet, sich mit seiner eigenen Sterblichkeit auseinander zu setzen. Viele wollen das von sich schieben”, sagt Birgit Blome von der Deutschen Stiftung Organspende.

Zudem gäbe es strukturelle Mängel in Krankenhäusern, die zu Versäumnissen führen. “Wir wissen alle, wie es in vielen Intensivstationen zugeht: Viel Arbeit, wenig Personal. Oft wird gar nicht an Organspende gedacht.”

Diese Erfahrung hat auch Sabrina Draffin gemacht.

Mir wurde gesagt, dass viele Ärzte gar nicht in Richtung Organspende geschult werden. Sie sprechen gar nicht mit den Familien über die Möglichkeit”, sagt die 28-Jährige.

Familien müssen über Organspende sprechen, bevor es zum Ernstfall kommt

Das Schicksal ihrer Tochter hat die junge Mutter dazu bewegt, sich mit dem Thema Organspende auseinanderzusetzen.

Vorher habe ich mir darüber nie Gedanken gemacht. Wenn man nur gesunde Kinder hat, beschäftigt man sich nicht damit, dass sie sterben könnten.”

Weiter sagt sie: Für mich spricht nichts gegen eine Organspende. Der Mensch ist ja in dem Moment hirntot, ich versuche das deshalb nüchtern zu betrachten.”

Dass Eltern diese Entscheidung im Moment der Trauer und des Verlustes treffen sollen, hält sie für zu viel verlangt. Draffin wünscht sich deshalb, dass mehr Familien über die Möglichkeit einer Organspende sprechen – bevor es zum Ernstfall kommt.

Das wäre ein guter Anfang. Denn nicht jede Familie mit einem kranken Kind hat die Möglichkeit in die USA auszuweichen.

 

 

 

 

Opioid- Krise bringt USA mehr Spenderorgane

Durch die verheerende Opioid-Epidemie ist die Menge der verfügbaren

Spenderorgane in den USA unerwartet gestiegen:Die Zahl der Drogentoten, die

mindestens ein Organ spendeten, hat sich von 59 (2000) auf 1029 (2016) erhöht.

Fast 14 Prozent sämtlicher Organspenden gehen mittlerweile darauf zurück.

Doch wie sicher sind die Organe von Drogentoten für die 110.000 Menschen, die in

den USA dafür auf der Warteliste stehen? Forscher der University of Utah in

Brigham geben nun zumindest für Lungen und Herzen grünes Licht.

Sie sichteten die Transplantationsakten von 2.360 Patienten aus 17 Jahren und

fanden heraus: Spender-Herzen und-Lungen von Drogentoten

funktionierten ein Jahr nach der Transplantation genauso gut wie diejenigen von

Menschen, die an einem Schlaganfall, Hirnblutungen oder Schusswunden

gestorben waren. Das Team um Mandeep Mehra berichtet darüber im New England

Journal of Medicine. „Wir waren überrascht zu sehen, dass fast die gesamte

Erhöhung der Transplantationsaktivität in den USA der vergangenen fünf Jahren

auf die Drogen- Krisen zurückgeht“,berichtet der Arzt.

dpa

 

 

 

 

 

22.06.2018

Keine Luft zu bekommen,ist ein Alptraum – der für Millionen von Menschen

allerdings regelmäßige Realität ist. COPD (chronic obstructive

pulmonary disease) oder chronisch obstruktive Lungenerkrankung geht mit

verengten Atemwegen einher und senkt die Lebensqualität der

Betroffenen. Die Mehrheit der Deutschen hat den Begriff COPD noch nie gehört –

und das, obwohl hierzulande laut der BOLD-Studie (Burden of Obstructive Lung

Disease), an der sich die Medizinische Hochschule Hannover  beteiligte, im Jahr

2030 mit 7,9 Millionen Betroffenen zu rechnen ist. Ausgelöst  wird COPD in der

Regel durch Rauchen.

20 Millionen der rund 511 Millionen EU-Bürgerkämpfen mit COPD, 36 Millionen

mit Asthma. Laut WHO leiden weltweit 600 Millionen Menschen an chronischen

Atemwegserkrankungen, jedes Jahr versterben 3,5 Millionen Menschen an den

Folgen. Jene pneumologischen Erkrankungen verursachen direkt und indirekt, etwa

durch Arbeitsausfälle, allein in Europa jährlich Kosten in Höhe von 82,3 Milliarden

Euro. Diese sind  auch deswegen so hoch, weil die Patienten die Inhalationsgeräte

falsch verwenden, was oft Krankenhausaufenthalte nach sich zieht. „COPD wird

trotz seiner Gefährlichkeit und Verbreitung noch stark unterschätzt. Viele Patienten

ahnen gar nicht, dass sie die Inhalationsgeräte falsch  gebrauchen, weil ihnen das

niemand demonstriert. Die Digitalisierung bringt nun  frischen Wind in die Medizin

und den Patienten neuen Atem“, so Dr. Gerhard  Scheuch, Lead-Investor der Vision

Health GmbH, die mit Kata eine App entwickelt hat, die Erkrankten beim Gebrauch

der Geräte effektiv helfen soll. Als Business  Angel ist er an verschiedenen Life-

Science- und Healthcare-Startups beteiligt und  verfügt über weitreichende

Erfahrung auf dem Gebiet der Behandlung von  Atemwegserkrankungen. Sport in

Maßen, die richtige Ernährung und Impfung bei  gleichzeitigem Verzicht auf

ungesunde Gewohnheiten wie Rauchen sind wichtig  bei der Behandlung.

Medikamentös lässt sich COPD analog zu Asthma behandeln;  die Mehrheit der

Betroffenen verwendet Inhalationsgeräte. Entscheidend für den   Erfolg der

Behandlung aber ist neben der korrekten Anwendung der Geräte nicht  zuletzt die

Therapietreue, das heißt die regelmäßige Einnahme von  Dauermedikamenten.

Kata ermöglicht als digitaler Assistent dank künstlicher  Intelligenz und

Augmented Reality eine effektive Inhalationstherapie für sämtliche  verfügbare

Inhalationsgeräte. Die App leitet den Nutzer an,misst die  aufgenommene Menge

des Wirkstoffs, erinnert an Anwendungen, analysiert den Gebrauch und gibt

Rückmeldung,um Inhalationstechnik und Therapietreue zu verbessern.

Mit ausdrücklicher Genehmigung der Patienten und unter strikter Einhaltung des

Datenschutzes aggregiert Kata anonymisierte Datensätze. Diese erlauben es

Wissenschaftlern, Therapien weiterhin zu optimieren. Und ganz nebenbei senkt die

Therapietreue auch die Behandlungskosten, da die Inhalationsgeräte effizienter

genutzt werden.Um die anstehenden Entwicklungsschritte und die Vorbereitung zur

Markteinführung von Kata umsetzen zu können, präsentiert sich die Vision Health

GmbH derzeit einem großen Publikum auf der auf Gesundheitsunternehmen

spezialisierte Crowdinvesting- Plattform aescuvest. Anleger haben dort bereits

knapp 60.000 Euro investiert.

dpa

Anmerkung:

Sie auch:

https://www.pressetext.com/news/20180425015

 

 

 

 

NW 22.06.2018

 

Von Florian Pfitzner

 

¥ Düsseldorf

Die Gesundheitsminister haben angesichts der rückläufigen Zahl an

Organspenden Alarm geschlagen. „Das ist eine Situation, die so nicht weiter geht“,

sagte der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister Karl-Josef

Laumann(CDU)nach der Jahrestagung mit den Länderressortchefs in Düsseldorf.

Jeder solle künftig eine Entscheidung treffen, wie man zur Organspende steht.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) stellte sich  hinter Laumanns

Forderung nach einer breiten Auseinandersetzung. „In Deutschland warten 10.000

Menschen voller Hoffnung auf ein Organ“, sagte Spahn. Wenn sich die Mehrheit

der Deutschen für das Thema grundsätzlich  aufgeschlossen zeige, dann „müssen

wir es verbindlicher machen“. Derzeit haben  32 Prozent der Deutschen einen

Organspendeausweis. Zwischen 2009 und 2017 ist  die Quote in Nordrhein-

Westfalen von 14,5 auf 8,2 Organspender je eine Million  Einwohner gesunken.

Das entspricht einem Rückgang von rund 43 Prozent. Derzeit  warten landesweit

rund 2.000 Menschen auf ein lebensrettendes Spenderorgan.

Laumann, diesjähriger Vorsitzender der Gesundheitsministerkonferenz, schlug eine

Widerspruchslösung mit Einspruchsrecht der Angehörigen vor. Er wolle nun zu

allen 18 Kliniken mit Neurochirurgie in NRW fahren und„mit den dortigen

Entscheidungsträgern und den Transplantationsbeauftragten sprechen“.

Die Kliniken haben bei der Organspende eine Schlüsselstellung. Hamburgs

Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks strich ihre Möglichkeiten heraus.

Bislang würden in vielen Krankenhäusern nicht alle Menschen erkannt, die zu einer

Organspende bereit sein könnten. „Aus den Zahlen der Krankenhäuserwissen wir,

dass lediglich ein Bruchteil der möglichen Spenden realisiert wird“, sagte die SPD-

Politikerin. Überdies sollen Ärzte ihre Patienten verständlicher über ihre

gesundheitliche Situation aufklären. Nach jedem Krankenhausaufenthalt sollen sie

Briefe in verständlicher Sprache verfassen, sagte Laumann. Er verlangte einen

„Dialog auf Augenhöhe zwischen Arzt und Patient“. In Anbetracht der

medizinischen Versorgungslücken in ländlichen Regionensprach sich Hessens

Gesundheitsminister Stefan Grüttner (CDU) für Ärztenetzwerke aus ob als loser

Zusammenschluss oder feste Struktur.

 

 

Widerspruchslösung

́ In Deutschland gilt die Entscheidungslösung. Das bedeutet, dass eine

Organentnahme nur zulässig ist, wenn eine Zustimmung vorliegt. In vielen anderen

europäischen Ländern, mit deutlich mehr Organspendern, gilt die

Widerspruchslösung. Das bedeutet, dass Organe zur Transplantation entnommen

werden dürfen, wenn die verstorbene Person einer Organspende zu Lebzeiten nicht

ausdrücklich widersprochen hat,zum Beispiel in einem Widerspruchsregister. In

einigen Ländern haben Angehörige  das Recht, einer Organentnahme bei der

verstorbenen Person zu widersprechen, sollte keine Entscheidung der verstorbenen

Person vorliegen. ́ Organspendeausweis: www.organspende-info.de

 

 

 

Medizin  

Sozialministerin: Organspenden künftig besser bezahlen

21.06.2018, 12:29 Uhr | dpa

Für Organspenden sollten Krankenhäuser nach Ansicht von Niedersachsens Sozial- und Gesundheitsministerin Carola Reimann künftig mehr Geld erhalten. Ein von ihr mit eingebrachter Antrag wurde auf der Gesundheitsministerkonferenz in Düsseldorf verabschiedet, teilte ihr Ministerium am Freitag mit. "Eine wesentliche Ursache für die geringen Organspende-Zahlen in Deutschland ist die Tatsache, dass die Organentnahme in Krankenhäusern zu schlecht bezahlt wird - deshalb muss diese Leistung in Zukunft angemessen vergütet werden", betonte die SPD-Politikerin am Rande der zweitägigen Beratungen.

Der bundesweite Negativ-Trend werde angesichts tausender Menschen, die auf Wartelisten für ein lebensnotwendiges Spenderorgan stünden, mit großer Sorge beobachtet. Die Minister forderten daher eine in der Gesellschaft und im Bundestag zu führende Debatte zu der Frage, ob eine bewusste, verpflichtende Entscheidung jedes Einzelnen für oder gegen eine Organspende eingeführt werde sollte. Die Bundesregierung wird gebeten, per Gesetz dafür zu sorgen, dass alle Kosten bei einer Organentnahme vollständig von den Krankenkassen erstattet werden.

Ärzte sollten zudem unter strikter Wahrung des Patientenwillens in jedem in Betracht kommenden Einzelfall prüfen, ob die Voraussetzungen für eine Organspende erfüllt sind. Von einer Lebendorganspende spricht man, wenn ein Organ oder Organteil von einem lebenden Menschen auf einen anderen übertragen wird. In Deutschland werden bei solchen Spenden fast ausschließlich eine Niere und Teile der Leber übertragen. Möglich ist aber auch die Entnahme von Teilen der Lunge, der Bauchspeicheldrüse oder des Dünndarms.


Landtag

 CDU: Freistellung von Transplantationsbeauftragten

 

21.06.2018, 19:48 Uhr | dpa

Um die Zahl der Organspenden zu erhöhen, will die CDU-Fraktion im Thüringer Landtag die Stellung der Transplantationsbeauftragten in den Krankenhäusern stärken. "Wir wollen Rahmenbedingungen schaffen, die deren Arbeit konkretisiert", sagte die CDU-Abgeordnete Beate Meißner zu einem Gesetzentwurf ihrer Fraktion, über den das Plenum am Donnerstag diskutierte. Mit dem Antrag will die CDU unter anderem verbindlich festlegen, wie umfänglich die Beauftragten freigestellt werden sollen, um ihre Aufgaben zu erfüllen.

"Wir wollen, dass sie Planungssicherheit haben", sagte der CDU-Abgeordnete Christoph Zippel. Die Zeit soll sich dabei - nach bayerischem Vorbild - an der Anzahl der Intensivbetten im jeweiligen Krankenhaus orientieren.

Jörg Kubitzki (Linke) rechnete vor, dass sich die Spendequoten pro Million Einwohner in Thüringen und Bayern ähnelten. Das beweise, dass die Freistellung der Transplantationsbeauftragten dafür nicht entscheidend sei. Ines Feierabend, Staatssekretärin im Gesundheitsministerium, machte darauf aufmerksam, dass ohnehin bundeseinheitliche Regeln geplant seien, die man abwarten müsse.

Die Abgeordneten im Landtag verwiesen den Antrag für weitere Beratungen in den Justizausschuss und den Ausschuss für Soziales, Arbeit und Gesundheit.

 

 

 

Ärzte Zeitung online, 18.06.2018

Hamburg

Neues Transplantations-Gesetz soll Weichen stellen

Eine deutliche Steigerung der Organspenden erhofft sich Hamburg vom neuen Transplantationsgesetz, das kürzlich von der Bürgerschaft beschlossen wurde.

HAMBURG. Die Hansestadt hat ein neues Transplantationsgesetz. Damit werden Krankenhäuser verpflichtet, besonders qualifizierte Transplantationsbeauftragte zu bestimmen. Außerdem enthält es Vorgaben zu deren Qualifikation, Kompetenzen und Freistellung von anderen Aufgaben. Auch eine Berichtspflicht der Kliniken über mögliche und realisierte Organentnahmen an die Gesundheitsbehörde ist vorgesehen.

Nach Angaben der Gesundheitsbehörde gab es in Hamburg im ersten Quartal postmortale Spenden von 20 Personen mit insgesamt 65 Organen. Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) spricht sich für eine Widerspruchslösung aus, hält aber im ersten Schritt eine Weichenstellung in der Klinikorganisation für erforderlich: "Dort liegt im Moment das größte Potenzial, sie haben eine Schlüsselrolle."

In Hamburg besitzen 36 Prozent der Bevölkerung einen Organspenderausweis. Allerdings spendeten im vergangenen Jahr nur 24 Personen Organe. Prüfer-Storcks sieht darin eine Diskrepanz, der sie mit dem neuen Gesetz entgegenwirken möchte

Eine tragende Rolle misst sie den Transplantationsbeauftragten bei, die von allen 22 Kliniken, die Organentnahmen vornehmen, bestellt werden müssen. Größere Kliniken müssen zwei Beauftragte stellen.

Sie müssen von anderen Aufgaben freigestellt werden und benötigen eine Facharztqualifikation mit mindestens dreijähriger Berufserfahrung in der Intensivmedizin oder die Zusatzbezeichnung Intensivmedizin. Unter bestimmten Voraussetzungen können auch Pflegekräfte bestellt werden.

Eingeführt wurde auch eine Berichtspflicht für die Krankenhäuser, deren Angaben von der Behörde veröffentlicht werden. Außerdem können Behördenvertreter an den Transplantationskonferenzen in den Zentren teilnehmen. (di)

 

 

 

Forscher tüfteln am perfekten Kunstherzen

Der Plan ist ehrgeizig. Wissenschafter aus Zürich und Berlin wollen ein künstliches Herzen entwickeln, das so verträglich ist, dass keine Komplikationen auftreten. Geht der Plan auf, wird das «Zurich Heart» alle anderen Herzhilfen in den Schatten stellen.

Nicola von Lutterotti 15.6.2018, 05:30 Uhr

Dank der Verfügbarkeit besserer Therapien hat sich die Überlebensrate von Patienten mit akutem Herzinfarkt in den letzten 20 Jahren markant verbessert. Die Kehrseite dieser Erfolgsgeschichte ist, dass viele Überlebende mit der Zeit eine Herzschwäche entwickeln. Denn anders als etwa die Leber verfügt das Herz über kein nennenswertes Regenerationspotenzial. Abgestorbene Zellen kann es daher nicht ersetzen, sondern muss die entstandenen Lücken mit Narbengewebe «stopfen».

Infarkte und andere Krankheiten, die zu einem Untergang des Herzmuskels führen, münden daher immer in einen mehr oder weniger ausgeprägten Verlust der Herzkraft. Je weiter dieser fortschreitet, desto weniger kann sich der Patient belasten. Im Endstadium einer solchen Herzinsuffizienz gerät der Betroffene schon beim Anziehen oder Zähneputzen ausser Atem. Die beste therapeutische Option ist dann die Herztransplantation.

Aufgrund des Mangels an Organspendern steht diese Möglichkeit allerdings nur einer Minderheit zur Verfügung. Forscher aus aller Welt arbeiten daher seit langem an der Entwicklung von Blutpumpen, die das versagenden Herz unterstützen (Assistenzsysteme) oder es ganz ersetzen (Kunstherzen, vgl. Kasten).

Bis jetzt können die von Menschenhand geschaffenen Herzgehilfen dem evolutionären Meisterwerk aus Fleisch und Blut allerdings noch nicht das Wasser reichen. Angesichts der enormen Leistung, die unser Kreislauforgan vollbringt, ist das auch nicht erstaunlich. So zieht sich das Herz in einem achtzigjährigen Leben rund drei Milliarden Mal zusammen, kann bei Belastung seine Aktivität, «ohne heisszulaufen», steigern und wird zudem von unzähligen Minimotoren (Mitochondrien) mit erneuerbarer Energie versorgt.

Dagegen lassen sich die künstlichen Blutpumpen nur mit vergleichsweise ineffizienten, sperrigen und obendrein störanfälligen Akkus, Ladestationen und Elektrokabeln betreiben. Der Kontakt des Bluts mit den körperfremden Materialien sowie die turbulenten Strömungsbedingungen fördern zudem die Bildung von Blutpfropfen, die den Motor lahmlegen und Schlaganfälle verursachen können.

Um sich davor zu schützen, müssen die Träger von künstlichen Blutpumpen ständig blutverdünnende Medikamente einnehmen. Dennoch sind sie nicht nur von Blutungen, sondern weiterhin auch von Thrombosen und Embolien bedroht. Zu den häufigsten Komplikationen zählen ferner Infektionen an der Eintrittsstelle der Elektrokabel durch die Haut, ein mechanisch bedingter Untergang von roten Blutkörperchen (Hämolyse) und technische Störungen.

Knapp 90 Prozent der Patienten müssen aufgrund solcher Zwischenfälle innerhalb von drei Jahren nach der Pumpenimplantation ein Spital aufsuchen. «An dieser Situation hat sich seit der Einführung der modernen Pumpsysteme im Jahr 2004 kaum etwas geändert», sagt Jan Gummert, Direktor der Herzchirurgie am Herz- und Diabeteszentrum in Bad Oeynhausen, einem der grössten Herzzentren Europas.

18 Forschungsgruppen beteiligt

Umso ehrgeiziger erscheint das von Forschern aus Zürich und Berlin auf den Weg gebrachte Projekt «Zurich Heart». Dabei handelt es sich um ein neuartiges Kunstherz mit dem Anspruch, biokompatibel und damit sehr viel verträglicher zu sein als alle bisherigen Modelle. Spiritus Rector des interdisziplinären Vorhabens, an dem 18 Forschungsgruppen mit Ingenieuren, Materialwissenschaftern, Biologen und Ärzten zusammenarbeiten, ist der Herzchirurg Volkmar Falk vom Deutschen Herzzentrum und von der Charité-Universitätsmedizin in Berlin. Bis 2014 hat Falk die Herzchirurgie am Universitätsspital Zürich geleitet.

Noch nicht reif für den Einsatz beim Menschen, hat das «Zurich Heart» bereits einige wichtige Meilensteine erreicht. Welche das sind, haben die Hauptverantwortlichen des Projekts – neben Falk sind das der Ingenieur Edoardo Mazza (Institut für Mechanische Systeme, ETH) und der Biologe Aldo Ferrari aus der Gruppe von Dimos Poulikakos (Institut für Energietechnik, ETH) – vor kurzem in einem Gespräch mit der NZZ erläutert.

Demnach soll das «Zurich Heart» im Wesentlichen drei Anforderungen genügen. Erstens soll es ohne die Haut durchdringenden Kabel auskommen, zweitens bei Bedarf seine Aktivität erhöhen und drittens so geschmeidig pumpen, dass die Blutzellen intakt bleiben und keine Gerinnsel entstehen.

Was den kabellosen Betrieb angeht, haben in der Vergangenheit auch andere Forscher versucht, die Pumpsysteme samt den Batterien ganz in den Körper zu versenken – allerdings mit wenig Erfolg. Die Schwierigkeit war, dass es beim sogenannten induktiven Aufladen der Batterien zu grossen Energieverlusten kam und sich die Haut dadurch stark erhitzte. «Wir haben jetzt eine Lösung für dieses Problem gefunden», sagt Falk. Laut Mazza hat sich durch die technische Weiterentwicklung die Effizienz der Energieübertragung verbessert, weshalb es bei gleicher Leistung zu einer geringeren Hauterwärmung kommt.

Bei der Praxistauglichkeit gibt es allerdings noch Verbesserungsbedarf. Denn es dauert lange, bis die Akkus, die obendrein nur wenige Stunden halten, wieder aufgeladen sind. Diese Hürden könnten aber schon bald überwunden sein, gibt sich Falk zuversichtlich. Denn dank dem Entwicklungsdruck in der E-Mobilität werde die Batterietechnik laufend besser.

Schon weit gediehen ist der Plan, die Strömungsverhältnisse im neuen Herzassistenten zu harmonisieren. Eine Voraussetzung dafür ist die Verwendung von elastischen Materialien und verformbaren Komponenten. Bestehen die Geräte nämlich aus harten Bauteilen, wie das bei den herkömmlichen Systemen der Fall ist, werden die roten Blutkörperchen beim Pumpvorgang stark verbogen und können leicht platzen. Wie aber prüfen die Forscher, ob im «Zurich Heart» auch unter Stress alles wie geschmiert läuft? Eine wichtige Rolle spielt dabei ein spezieller Bioreaktor, der es erlaubt, auf Knopfdruck die Kreislaufbedingungen von gesunden, körperlich aktiven oder auch herzschwachen Personen zu simulieren.

Wird der Herzassistent an dieses Testsystem angeschlossen, lässt sich im Detail verfolgen, ob er den Anforderungen an eine biokompatible Blutpumpe genügt. Dazu zählt auch, dass er bei Bedarf mehr Blut in Umlauf bringt. «Damit das gelingt, haben wir einen Sensor entwickelt, der spürt, wenn sich die Druckverhältnisse im Herzen ändern und sich dieses schneller zusammenziehen will», sagt der Ingenieur Mazza. Die Herausforderung sei dabei gewesen, den Sensor so in die Pumpe zu integrieren, dass er den Blutfluss nicht störe und die Interaktion mit dem Blut die Messung nicht verfälsche.

Nicht minder anspruchsvoll ist das Ziel, ein Kunstherz zu konstruieren, welches das Gerinnungssystem «kalt» lässt und daher keine blutverdünnende Therapie erfordert. Ein geschmeidiger, möglichst störungsfreier Blutfluss trägt hierzu zwar bei, reicht aber noch nicht aus. Genauso bedeutsam ist die Beschaffenheit der blutnahen Oberflächen, wobei die natürliche Gefässinnenhaut (Endothel) den besten Schutz vor Gerinnseln vermittelt.

Wabenstruktur bietet Vorteile

«Endothelzellen kann man aber nicht einfach auf die Membranen der Pumpe auftragen, in der Hoffnung, dass sie anwachsen und haftenbleiben», gibt der Biologe Ferrari zu bedenken. Sein Team hat sich daher mit der Frage befasst, welche Oberflächenbeschaffenheit die beste Verankerung des Endothels ermöglicht.

Als ideal erwies sich dabei eine aus sechseckigen Zellen bestehende Wabenstruktur aus einem weichen, elastisch verformbaren Kunststoff (Elastomer). Die hexagonalen Vertiefungen seien deshalb so günstig, sagt Ferrari, weil die Endothelzellen darin Schutz vor den teilweise heftigen Strömungsbedingungen in der Pumpe fänden, zugleich aber miteinander in Kontakt treten und einen zusammenhängenden Teppich bilden könnten. Das zum Patent angemeldete Wabenprofil lässt sich im Übrigen auch bei anderen Herzhilfen einsetzen.

Den ersten Realitätstest hat die innovative Oberflächenstruktur schon bestanden. So haben die Forscher unlängst einen Prototyp des «Zurich Heart» mit Endothelzellen besiedelt und das hybride Konstrukt in den Kreislauf von vier Schafen eingepflanzt. «Anders als befürchtet, sind die Endothelzellen nach Anstellen der Pumpe nicht sofort weggeflogen, sondern haftengeblieben», schildert Falk das Ergebnis der Tierexperimente. Auch nach mehreren Stunden Pumpbetrieb sei das Endothel noch intakt gewesen.

In weiteren Untersuchungen an Tieren wollen die Wissenschafter nun prüfen, ob das «Zurich Heart» auch langfristig gute Arbeit leistet und wie sicher es ist. «Erst dann können wir einen Einsatz beim Menschen in Erwägung ziehen», sagt Mazza. Wie lange es bis dahin noch dauere, sei noch offen. Falk hält einen Zeitraum von bis zu zehn Jahren für realistisch. Einzelne Komponenten des «Zurich Heart» könnten allerdings schon früher ans Krankenbett gelangen, sagt der Herzchirurg. Für die Betroffenen dürfte jede Innovation, die ihr Leben mit der künstlichen Blutpumpe erleichtert, ein Fortschritt sein.

 

Gemeinsam: Harald Rempe und Carmen Nolte machen sich Gedanken über die gesunkene

Zahl derOrganspender. Beide vermuten, dass nur ein Organspendegesetz Abhilfe schaffen kann.

Wie in vielen europäischen Ländern sollte auch in Deutschland jeder volljährige Mensch

Organspender sein. FOTO: ANDREAS FRÜCHT

 

Von Ingo Müntz

Gütersloh. Es gibt Kaffee und Wasser. Carmen Nolte hebt ihr Wasserglas

hoch. „Als  ich an der Dialyse war, durfte ich am Tag nicht mehr als 500

Milliliter trinken, also  etwas mehr als das hier.“ Sie sei damit gut zurecht

gekommen,beantwortet sie die  erstaunte Nachfrage. Heute trinke sie

natürlich deutlich mehr. Heute, das bedeutet  zwei Transplantationen

später. „Mein erstes Symptom war hoher Blutdruck“, sagt sie

und erinnert sich. Damals war sie Mitte dreißig. Die Diagnose:

Zystenniere. Bei dieser  erblich bedingten Erkrankung bilden sich mit

Flüssigkeit gefüllte Bläschen in der  Niere. Die Filterfunktion der Niere

lässt nach, der Tod droht. Allerdings konnte sie  mit der Erkrankung noch

gut zehn Jahre unbeschwert leben. „Erst mit48Jahren  musste ich an die

Dialyse“, sagt Carmen Nolte. Es folgten acht Jahreander Maschine.

Mein Leben richtete sich nach den Dialyseterminen. Vormittags war ich

berufstätig und dreimal in der Woche musste ich von 13 bis18 Uhr an die

Blutwäsche. Im Jahr  2005 stand dann meine Nierentransplantation an“,

sagt Carmen Nolte und fügt hinzu: „Die war leider nicht erfolgreich.

Das  Organ hat nicht funktioniert.“ Also ging  es wieder an die Dialyse.

Neben der körperlichen auch eine  mentale Belastung?

Ich wollte da einfachdurch,ich hatte gar keine Zweifel“, sagt Carmen

Nolte. Sie sei immer zuversichtlich gewesen, den Mut habe sie nie

verloren. Nach der ersten  Transplantation blieb sie auf der Liste ganz

oben. Ein Angebot zur zweiten  Transplantation konnte sie zunächst

wegen einer Infektion nicht wahrnehmen. Im Jahr  2007 sollte alles

passen. Während der Dialyse erhielt ich den Anruf. Ich wusste gar

nicht, wie mir geschah.“Heute lebt sie seit elf Jahren mit dem neuen

Organ. Und sie  hofft, dass ich die bis zum Ende meines Lebens behalten

kann.“ Aufgrund des hohen Infektionsrisikos durch die sogenannten 

Immunsuppressiva, mied sie in der ersten  Zeit Menschenmengen,

gewöhnte sich eine  sehr sorgfältige Handhygiene an und

vermeidet bis heute das so übliche Händeschütteln zur Begrüßung.

Denn ein Immunsuppressivum setzt die Funktion des Immunsystems

herunter, um  Abstoßungen des neuen Organs zu unterbinden. Gleichzeitig

werden diePatienten  aber auch empfänglicher für Infektionen wie

Erkältungen. „So muss ich auch vor jeder Zahnreinigung daran denken,

ein Antibiotikum zu mir zu nehmen.“

Harald Rempe setzt seine Kaffeetasse ab. Er hat genau zugehört, auch

wenn er schon tief im Thema ist. Die einzige erkennbare

Gemeinsamkeit von Carmen Nolte und Harald Rempe ist ihr Alter: Beide

sind 69 Jahre jung. Doch während Carmen Nolte bereits neue Organe

erhielt, wartet Harald  Rempe noch auf den rettenden Eingriff. An dem

sonst so schlanken Mann fällt der  gewölbte Bauch auf. Der klassische

Bierbauch kann es nicht sein, „denn ich trinke seit  1999 keinen Alkohol

mehr, rauche nicht und  esse vegetarisch“, sagt er. In dem Jahr

erhielt er die Diagnose Niereninsuffizienz“,  was eine Unterfunktion der

Nieren  bedeutet. „Von dem Tag an versuchte ich meine  Nieren zu

erhalten. Dazu gehörte  unter anderem der Versuch, so gut es geht auf 

Eiweiß zu verzichten, um den Zerfall  der Nieren zu verlangsamen.

“ Doch  nach 16 Jahren musste eine Therapie her. „Die  Dialyse wurde

fällig, ich  war ja vorgewarnt.

Also musste ich mich entscheiden, ob ich die Hämo- oder Bauch-

felldialyse wähle.“

 

Das Wasserdepot als Bauch getarnt

 

Während bei der Hämodialyse das Blut außerhalb des Körpers gefiltert

und gereinigt  wird, bedient sich die Bauchfelldialyse eines anderen

Filters. Einige Liter  Zuckerlösung gelangen durch einen Katheter in die

Bauchhöhle. DerKörper bemüht  sich, diese Lösung zu verdünnen, setzt

eine Entwässerung in Gang und spült auch  Giftstoffe in den Bauchraum.

Das Bauchfell wirkt dabei als Filter. Dieverdünnte  Lösung muss der

Patient dann wieder ablassen. Dieses Wasserdepot trägt Harald  Rempe als

Bauch getarnt mit sich herum.

Die Flüssigkeit tausche ich viermal am Tag“,sagt Harald Rempe. Im Jahr

kommen da 3.000 Liter Lösung zusammen, „nach den zwei Jahren sind

das nun 6.000 Liter!“ Als das Nierenversagen diagnostiziert wurde, kam

er sofort ins Krankenhaus und erhielt  den Katheter. „Eine Woche lang

habe ich unter Aufsicht trainiert, um die Dialyse

später auch zu Hause durchführen zu können.“ Rempe entschied sich für

diese etwas schonendere Dialyseform, um unabhängiger zu sein.

„Einschränkungen inAlltag oder  Essen habe ich nicht.

Doch heute wartet er auf die Transplantation. Akut rechne er nicht mit

einer Operation. Ich habe Bekannte, die seit sieben oder zehn Jahren auf

der Transplantationsliste stehen. Das Problem dabei ist nur – man wird

nicht jünger! "Der  Vorteil sei allerdings,dass während der Wartezeit alle

zwei Jahre ein  Komplettcheck anstünde. Auf die drastisch sinkenden

Zahlen der Organspender in Deutschland reagieren sie bestürzt. In

Deutschland gab es im Jahr 2011 noch 1.200

Organspender, im vergangenen Jahr waren es nur noch 769. In

Deutschland sollte  auch die Widerspruchsregelung eingeführt werden“,

sagt Harald Rempe.  Die bedeutet,  dass jeder volljährige Mensch

Organspender ist, es sei denn, er hat ausdrücklich

widersprochen. Während diese Regelung zum Beispiel in Belgien,

Bulgarien, Estland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Irland, Italien,

Kroatien, Lettland, Luxemburg,  Norwegen, Österreich, Polen, Portugal,

Schweden, Slowenien, Slowakei, Tschechien,  Türkei, Ungarn und Zypern

praktiziert wird, gilt in Deutschland als einzigem Land die

sogenannte  Entscheidungslösung. Das bedeutet, dass deutsche Patienten

von den  Lösungen der  Nachbarstaaten profitieren und von dort Organe

erhalten. Carmen  Nolte ergänzt: „Die  Menschen sind bei diesemThema

kaum zu erreichen, da es um  den Tod geht. Und damit möchten sich nur 

wenige auseinandersetzen.“ Dabei  empfinde sie die Aussage der Kritiker,

es handele  sich um einen Eingriff in das  Persönlichkeitsrecht, nur als ein

vorgeschobenes  Argument. Letztlich könne jeder Mensch betroffen sein,

sagt Rempe. Auch die, die sich aus  verschiedenen Gründen gegen die

Organspende ereiferten. Was ist denn mit denen,  wenn sie ein neues

Organ bräuchten? Verzichten sie dann? Es gilt doch,  dem Tod

etwas Positives zu geben.“

 

 

 

 

 

Politik

CSU-Politiker möchte Prozesse in der Organspende ändern

Dienstag, 12. Juni 2018

 

Berlin – Die rückläufigen Zahlen bei der Organspende sind nach Ansicht von Stephan Pilsinger (CSU) zu

einem großen Teil auf Probleme im Prozess der Organspende zurückzuführen. Der Blick ins Ausland

zeige zudem, dass auch die Einführung einer Widerspruchslösung nicht automatisch die

Organspendezahlen verbessere, betont der Arzt und Bundestags­abgeordnete und erteilt damit

Bestrebungen innerhalb der Ärzteschaft eine Abfuhr. Mitte Mai hatte sich der 121. Deutsche Ärztetag in

Erfurt dafür ausgesprochen, die derzeit geltende Entscheidungslösung durch eine Widerspruchs­lösung zu

ersetzen. Die Delegierten forderten den Gesetzgeber auf, das Transplan­tations­gesetz entsprechend zu

verändern.

In der SPD mehren sich zwar momentan die Stimmen für eine Widerspruchslösung; in der Union lehnt man diese bislang allerdings ab. Die Ländergesundheitsminister wollen sich auf ihrer Konferenz kommende Woche sich offenbar für eine Widerspruchslösung einsetzen. 

Wir als Politik sind aufgerufen, Lösungen zu finden“, meint Pilsinger und verweist jetzt in einem Papier

auf mehrere Ansätze: Zunächst sollten nach seiner Ansicht die Transplantationsbeauftragten in

Krankenhäusern ab einer gewissen Größe von Routinearbeiten freigestellt werden. Dies sei für das

Verhältnis mit dem Vorgesetzten und der Verwaltung bedeutsam. Außerdem sei die Freistellung

Ausdruck der Wertschätzung der wichtigen Tätigkeit der Transplantationsbeauftragten, die derzeit noch

unter mangelnder Akzeptanz leide. Zunehmende Arbeitsverdichtung auf Intensivstationen,

Personalmangel und ökonomischer Druck erschwerten zudem derzeit die Arbeit der Transplantations­

beauftragen.  

Ändern möchte Pilsinger ferner die Finanzierung der Organentnahme. Denn derzeit sei eine Organentnahme defizitär für die Entnahmekrankenhäuser und somit auch wirtschaftlich unattraktiv. „Abweichend von den Kalkulationsergebnissen sollten ergänzende nicht kalkulatorische Kostenkomponenten anerkannt werden und die Pauschalen deutlich erhöht werden“, schlägt er vor. Als Modell könne die Schweiz herangezogen werden. Dort würden die Beiträge nach Intensivstation und OP getrennt, sodass die Summen auch jeweils demjenigen transparent zugeordnet werden könnten, der die Leistung tatsächlich erbracht hat.

Auch die arbeitsintensive Identifikation potenzieller Organspender müsse zusätzlich entlohnt und damit wertgeschätzt werden, findet Pilsinger.  Er schlägt dafür eine unabhängige Vergütung vor, wie sie derzeit bei der Stellung eines Antrags zur Rehabilitation bei einem Arbeitsunfall oder Berufskrankheit bei der gesetzlichen Krankenkasse praktiziert wird.

Um auch in kleineren Kliniken die Organspende zu fördern, schlägt der CSU-Politiker ferner mobile Expertenteams zur Feststellung des Hirntods sowie der Durchführung der Explantation vor. Dies sei zweckmäßig, da vor einer Organentnahme zweimal innerhalb von wenigstens zwölf Stunden der irreversible Hirntod des Patienten von zwei verschiedenen Ärzten festgestellt werden müsse, darunter mindestens einem Facharzt für Neurologie oder Neurochirurgie. Kleinere Kliniken hätten diese Expertise sonst häufig nicht und befänden sich somit in einem Dilemma.

 

 

NW Gütersloh 06.Juni 2018

Aufklärung:

Erika Metzger und Heike Johannknecht hoffen auf Einsichtund mehr Rücksichtnahme derMenschen

untereinander. Nur so könne der sinkenden Spendebereitschaft in der Gesellschaft entgegen gewirkt

werden. Ohne diese Bereitschaft wären sie beide heute nicht mehr da.

FOTO: ANDREAS FRÜCHT

 

von Ingo Müntz

Gütersloh So unterschiedlich wie Heike Johannknecht und Erika Metzger

sind, so unterschiedlich sind auch ihre Krankheitsverläufe. Während Erika

Metzger bereits seit  zehn Jahren mit einer neuen Leber lebt, erhielt

Heike Johannknecht vor gut einem Jahr ein neues Organ.

Anfang der 90er Jahre kamen erste Vermutungen auf, dass Erika Metzgers

Leber nicht  richtig funktioniert. „Die Blutwerte waren sehr schlecht“,

sagt die heute 74-Jährige.„Aus vielen Gründen habe ich dann eine

Gewebeprobe verschoben.“ Erst zu Beginn des neuen Jahrtausends gab es

Gewissheit. „Die Biopsie ergab, dass ich eine PBC habe“, sagt sie und

erklärt: Die primärbiliäre Cholangitissei eine  entzündliche

Autoimmunkrankheit. Die Entzündung könnte imweiterenVerlauf die

gesamte Leber zerstören.

Damals war ich ja noch berufstätig. Und mit den ersten Symptomen der

Krankheit kam ich zunächst zurecht. Doch der Juckreiz nahm stark zu,

ebenso die Wassereinlagerungen.“ 2006 fand dann  die Kontaktaufnahme

mit der Medizinischen Hochschule Hannover statt.

Erste  Untersuchungen fanden statt. Es musste sichergestellt werden, dass

der Allgemeinzustand der Patientin eine Lebertransplantation zuließe.

Der Zustand entsprach den Erwartungen, Erika Metzger kam auf die

Warteliste.„Bis  dahin stand ich auf dem Standpunkt, dass ich mein Organ

auf jeden Fall behalten  möchte.Ich habe mich besser ernährt, auf mich

acht gegeben.“ Inzwischen war sie in  den Ruhestand gegangen. Doch ihr

allgemeinerZustandverschlechtertesich. „Ich  habe bis zur Operation nur

noch gelegen, weil ich nicht mehr fit war. Zudem hatte  mein Körper gut

30 Kilogramm Wasser eingelagert.“

 

Der Anruf kam in letzter Minute

Der Anruf aus Hannover kam „in der letzten Minute“. Nach

der sechsstündigen  Operation blieb sie noch vier Monate im Krankenhaus

und Rehaeinrichtungen. „Die  Ärzte hatten mit Abstoßungsreaktionen zu

kämpfen. Aber ich wolltewieder auf die  Füße kommen“, sagt sie lebhaft

und erzählt von ihren ersten Ausflügen mit ihrem  „Rolli“ und dem

Treppensteigen-Training“. Denn ich wohne im dritten

Obergeschoss und wollte mich zeitig darauf vorbereiten“, sagt Erika

Metzger. Heute  macht ihr hingegen eine andere Erkrankung diesen Weg

schwer. Das Leben nach der  Lebertransplantation sei aber eher

beschwerdefrei. „Immunsuppressiva werde ich bis  zu meinem

Lebensende nehmen müssen, um eine Abstoßung des Organs zu

unterdrücken“, sagt sie.

Die Situation nach der Operation klingt wie die von Heike Johannknecht.

Bei der 47- Jährigen war der Abstand zwischen Diagnose und Operation

deutlich kürzer. „Meine  Diagnose war Leberkrebs“,sagt sie gerade

heraus. „Alle zwei Jahre habe ich mich  komplett durchchecken lassen.

Dabei stellte der Arzt einen erhöhten Leberwert fest.

Die Kontrolluntersuchung zwei Monate später zeigte kaum eine

Veränderung.“ Die  Ultraschalluntersuchung ergab eine Raumforderung

in der Leber“, sagt sie. Es  folgten noch mal Ultraschall, MRT-

Untersuchung und die notwendige  Gewebeuntersuchung. „Der

Lebertumor war sieben mal vier Zentimeter groß und er

hatte bereits gestreut. Die Ärzte zählten 15 Metastasen.“ Das war im

November 2016.

Bereits zwei Tage später folgten Untersuchungen am Universitätsklinikum

Münster  und über das Transplantationszentrum kam die damals

45-Jährige auf die Transplantationsliste. „Allerdings gab es ein Problem“,

wirft Heike  Johannknecht ein. „Der Krebs war für eine Transplantation zu

weit fortgeschritten.“

Wenn der Tumor zu groß ist und Metastasen gestreut hat, ist nach einer

Vorgabe die  Wahrscheinlichkeit einer erneuten Krebserkrankung

nach derTransplantation zu hoch.

Darum habe ich zunächst eine Tablettenchemotherapie durchgeführt,

dann eine Tace  erhalten“, sagt sie und schildert, wie der Arzt über einen

Katheter einMittel in ihre  Leber spritzte, um den Tumor zu veröden. „Bei

vollem Bewusstsein. Doch das war es  wert. Denn Tumor und Metastasen

bildeten sich zurück. Dann erst war der Weg für  eine Transplantation

frei.“Im Mai 2017 kam der Anruf, die Operation begann nachts

um drei Uhr und dauerte elf Stunden. Heute ist sie fast beschwerdefrei.

„Allerdings stellte sich heraus, dass die Arterien von neuer Leber und

Körper unterschiedliche Durchmesser hatten, ebenso die Anschlüsse der

entfernten Gallenblase.

Da muss vielleicht in absehbarer Zeit mal ein Stent gesetzt werden.“ Die

kleinen  Röhrchen stützen Gefäße und sichern die Durchblutung.Ähnlich

wie bei Erika  Metzger hatte auch sie den Reflex, so schnell wie möglich

wieder auf eigenen Füßen zu stehen. „Zwischen Krankenhaus und Reha

bin ich sogar wieder arbeiten   gegangen.“ Und, die Angst bleibe. In die

regelmäßigen Kontrolluntersuchungen gehe  sie immer mit einem flauen

Gefühl. Doch sie hat überlebt.

 

In Deutschland gab es im Jahr 2011 noch 1.200 Organspender, im

vergangenen Jahr  waren es nur noch 769. Auf die Frage, warum immer

weniger Menschen in Deutschland ihre Organe zur Verfügung stellen,

haben die zwei Frauen  unterschiedliche Ideen. Erika Metzger: „Vielleicht

ist die sinkende  Rücksichtnahme  der Menschen ein Grund. Ich denke,

das direkte Ansprechen der Menschen kann helfen. Auch den Zustand

eines Patienten vor und nach der Transplantation zu

zeigen.“ Organentnahme sei zudem ein Thema, über das viele Menschen

ungerne nachdenken. Denn es habe immer mit dem Tod zu  tun, sagt

Heike Johannknecht.

Organentnahmen sind zudem nicht so einfach  möglich. Eigentlich

müsste jeder ,der  auf die Welt kommt, Organspender sein“, sagt sie und

spielt auf gesetzliche  Regelungen wie zum Beispiel in den Niederlanden

und Spanien an. Hier müssen  Menschen ausdrücklich erklären, wenn sie

keine Organe spenden wollen.

Und vielleicht sollten mehr Informationen über die Vorteile der

Organspende an die Menschen herangetragen werden, sagen sie. Es könne

damit zum Beispiel in den  Schulen angefangen werden. Solange kein

Gesetz greife, müsse in den Köpfen der  Menschen was passieren.

 

Infos zur Lebertransplantation

Lebertransplantationen über Zeitraum von fünf Jahren (insgesamt):

2012 –1.097; 2017 – 823

 

Anmeldungen Warteliste 2017: 1.367 Warteliste 2017: 1.086

Abgänge 2017: 1.582 (davon 823 Transplantationen,

                          308 Patienten verstorben)

 

Drei Hauptdiagnosen:

1. alkoholische Leberkrankheit,

2. Fibrose/ Zirrhose der Leber,

3. bösartige Neubildungen der Leber und der Gallengänge(Tumore);

Quelle: DSO

 

Die Organe vermittelt die Stiftung Eurotransplant von verstorbenen

Menschen aus Belgien, Deutschland, Kroatien, Luxemburg, den

Niederlanden, Österreich, Ungarn und Slowenien

 

Selbsthilfegruppe Gütersloh:

www.selbsthilfe-fuer-organtransplantierte-und-wartepatienten.de

 

 

06.Juni 2018

25 Jahre Transplantationszentrum in Leipzig

Ministerin Klepsch besucht Universitätsklinikum Leipzig

Gesundheitsministerin Barbara Klepsch hat heute (6. Juni 2018) das Transplantationszentrum am Universitätsklinikum Leipzig (UKL) besucht. Anlass für das Treffen ist neben dem 25-jährigen Jubiläum auch der jährlich stattfindende Tag der Organspende am vergangenen Samstag. In den vergangenen 25 Jahren wurden am UKL 1 000 Lebertransplantationen und 972 Nierentransplantationen erfolgreich durchgeführt. Im Gespräch mit Mitarbeitern sowie Patienten und Angehörigen informierte sie sich umfassend über die Arbeit und Gegebenheiten am UKL.

Ich danke den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Leipziger Transplantationszentrums, die mit ihrer Arbeit seit 25 Jahren hunderten schwerkranken Patienten mit einer Transplantation helfen und deren Leben retten konnten. Viele Patienten empfinden die Transplantation als Beginn eines zweiten, eines geschenkten Lebens und sind ihren Organspendern sehr dankbar“, sagte Ministerin Klepsch.

Wir müssen stärker über das Thema Organspende reden. Jeder kann in die Situation kommen, auf ein Spenderorgan angewiesen zu sein. Bedauerlicherweise aber sinkt bundesweit seit Jahren die Zahl der Organspender. Es ist wichtig, dass jeder für sich eine Position dazu bezieht und selbstbestimmt eine Entscheidung trifft“, so Klepsch weiter.

Ich halte die Widerspruchslösung, wie sie in den meisten EU-Ländern üblich ist, für erfolgsversprechender als die derzeit bestehende Entscheidungslösung und plädiere dafür, dass die Bundesregierung die rechtlichen Möglichkeiten zu deren Einführung prüft. Eine solche Lösung erfordert aber zwingend eine Aufklärungspflicht gegenüber dem Patienten. Auch das muss rechtlich verbindlich geregelt werden“, so die Ministerin abschließend.

Am Universitätsklinikum Leipzig werden die Organe Leber, Niere, Bauchspeicheldrüse transplantiert. In einem gemeinsamen Lungentransplantationszentrum mit dem Herzzentrum Leipzig erfolgen Transplantationen der Lunge.

 

 

 

Thomas Müller will mehr Leben retten

Organspende in Deutschland: Münchner sagt Problem den Kampf an

Von Dominik Laska

Die Bereitschaft, Organe zu spenden, ist in Deutschland mehr als gering. Thomas Müller, ein Münchner Patient und selbst Organempfänger, will mehr Leben retten und das System ändern.

München - Der Tag der Organspende – jedes Jahr, am ersten Samstag im Monat Juni, wird an die Wichtigkeit dieses Thema erinnert. Doch bei uns in Deutschland krankt das System, wie die Zahlen beweisen (siehe unten). Deshalb beschäftigt sich auch die Politik mit diesem grundsätzlichen Thema. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will bald einen Gesetzesvorstoß präsentieren, der die Bereitschaft zur Organspende steigern und die Gegebenheiten in deutschen Krankenhäusern verbessern soll. Ob er auch der sogenannten Widerspruchslösung (siehe Stichwort) eine Chance gibt, ließ er offen. Ein Mann der für dieses System kämpft, ist Thomas Müller (51). Er ist Organempfänger und braucht bald wohl erneut eine Spende. Wir haben mit ihm über seinen Kampf für das Leben vieler Menschen gesprochen.

Thomas Müller (51) hat eine Entscheidung getroffen. Er will in Spanien leben. Nein, er will dort überleben. Denn bleibt er in Deutschland, wäre er mit Sicherheit bald tot. Thomas Müller aus München lebt mit zwei transplantierten Organen– Niere und Bauchspeicheldrüse bekam er verpflanzt. Doch die Niere wird in naher Zukunft nicht mehr funktionieren, das hieße wieder Dialyse. Auf eine Niere in Deutschland müsste Müller vermutlich fünf bis sieben Jahre warten. Das ist ihm zu lang. Schuld an allem ist seiner Meinung nach das System, nach dem in Deutschland die Organspende geregelt ist. Und er kämpft dafür, dass sie geändert wird. Thomas Müller kämpft für das Leben!

Nur wenige Unterschriften fehlen zum Erfolg

In Deutschland gilt seit 2012 die sogenannte Entscheidungslösung. Jeder über 16 Jahre wird von seiner Krankenkasse aufgefordert, eine freiwillige Erklärung über seine Organspendenbereitschaft abzugeben. Anders machen es unsere europäischen Nachbarn. Österreich, Spanien und viele weitere Länder haben mittlerweile die Widerspruchslösung (siehe Stichwort). Thomas Müller hat jetzt auf change.org eine Petition gestartet, damit im Bundestag über eben diese Widerspruchslösung debattiert wird. Nur noch wenige Unterschriften fehlen ihm zum Erfolg. Im Übrigen wird auch aus der Ärzteschaft und von vielen Experten die Widerspruchslösung gefordert. Müller zieht seine Motivation auch aus seiner eigenen Lebensgeschichte, die geprägt ist von Krankheiten.

Ich habe mit 16 Jahren Diabetes bekommen, musste sofort auch mit Insulinspritzen arbeiten. Im Laufe der Zeit sind meine Nieren kaputtgegangen. 2005 haben sie so schlecht funktioniert, dass ich zwei Tage vor Weihnachten mit der Dialyse beginnen musste. Drei Mal die Woche, fünf Stunden pro Eingriff, später habe ich dann auf vier Stunden reduziert“, erzählt der DJ.

Sein Leben hat das total auf den Kopf gestellt. „Ich war an den Tagen der Dialyse so kaputt und so geschwächt, dass ich überhaupt nicht mehr arbeiten konnte. Das Leben ist eingeschränkt.“ Aber: Ohne Dialyse wäre er gestorben – „der Körper wird schlichtweg vergiftet und dann stirbst du, so einfach ist das“, so Müller. Ihm ging es teilweise so schlecht, dass er 20 Meter gelaufen ist und sich hinsetzen musste, weil ihm die Kraft fehlte. 

Jahrelange Wartezeit im Schnitt

Da Müller ein Kandidat für ein Doppeltransplantat war – Niere und Bauchspeicheldrüse, aufgrund seiner Diabetes – bekam er bereits nach drei Jahren die passenden Spenderorgane. Aber: Es dauert bei uns viel zu lange, bis man ein Transplantat bekommt. „Das ist fatal, denn der Körper ist nach

jahrelanger Dialyse in einem so schlechten Zustand, dass eine solche Operation ein hohes Risiko in

sich birgt. Sieben bis zehn Jahre warten viele Patienten im Schnitt. 

Das ist doch einfach nur traurig“, resümiert Müller. Das ist auch der Grund, warum er diese Petition gestartet hat. „Es muss sich etwas ändern, es muss sich etwas verbessern in unserem System. Schauen Sie sich doch die Länder um uns herum an. Das Widerspruchsrecht funktioniert, die Zahlen aus beispielsweise Österreich oder Spanien beweisen das. Die Gesundheit der Menschen muss da im Vordergrund stehen.“ 

Aktuell geht es Thomas Müller ganz gut. Alle zwei Wochen muss er sich Epo – das die Bildung roter Blutkörperchen unterstützt – spritzen. „Das Mittel, was auch die Radlfahrer zum Dopen benutzen“, witzelt er. Dochfürihnist es unerlässlich, denn „ohne würde es einfach nicht gehen“. Und auf die Frage, wie lange es ihm noch „gut“ geht, zuckt er nur mit den Schultern. „Das weiß man eben nicht“. Seine Nieren funktionieren nur noch zu 15 Prozent. In absehbarer Zeit wird er eine neue Niere brauchen, so viel steht fest. Aber dann will Thomas Müller schon in Spanien sein. Dort, wo das System funktioniert, wo er womöglich nach bereits einem Jahr wieder ein vernünftiges Leben führen kann. Dort, wo er einfach nur überleben kann.

Zahlen und Fakten zur Organspende in Deutschland 

Ungefähr 10 000 Menschen in Deutschland warten auf ein Spenderorgan. 7620 davon brauchten im Jahr 2017 eine neue Niere, auf Platz zwei folgt die Leber mit 1044 Wartenden. Doch die Nachfrage kann bei uns nicht gedeckt werden. Denn es wurden im Jahr 2017 lediglich 797 Organspenden durchgeführt. Dabei sind im Schnitt 3,3 Organe pro Spender entnommen und transplantiert worden. 2012 waren es noch 1046 durchgeführte Spenden. Insgesamt wurde 2017 die Anzahl von 2765 Organe verpflanzt. Der Bedarf kann offensichtlich nicht gedeckt werden. Daher braucht es neue Regelungen.

Stichwort: Widerspruchs-Lösung

18 EU-Staaten wenden die Widersprüchslösung bereits an. Dabei ist jeder von Geburt an eingetragener Organspender und bleibt dies sein Leben lang, solange er nicht aktiv dagegen widerspricht. Bisher gilt bei uns die Entscheidungslösung, wobei jeder selbst entscheidet, ob er Organe spendet oder nicht.

 

 

 

Gesundheitspolitik"Derzeitiges System der Organspende ist wirkungslos"

31. Mai 2018

 

 

 

Der SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach hält das bestehende System der Organspende in Deutschland für wirkungslos.

Als Politiker und Arzt plädiere er für die Einführung einer Widerspruchslösung, sagte Lauterbach dem Evangelischen Pressedienst. Jeder, der eine Organspende nicht ausdrücklich ablehne und diese Entscheidung in einem Register eintragen lasse, müsse als Spender infrage kommen. Nur damit sei der - Zitat - Quantensprung möglich, den man bei den Spenderzahlen benötige. - Diese waren im vergangenen Jahr nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation auf den niedrigste Stand seit 20 Jahren gefallen. Im Bundesdurchschnitt gab es auf eine Million Einwohner nur 9,7 Spender.

Diese Nachricht wurde am 31.05.2018 im Programm Deutschlandfunk gesendet.

 

 

Zu wenige Ausweise

Spahn ruft zum Nachdenken über Organspende auf

Mehr als 10.000 Menschen warten in Deutschland auf ein Organ, Spender gab es im vergangenen Jahr nur 797. Jeder sollte sich selbstverständlich mit dem Thema auseinandersetzen, fordert Jens Spahn.

 


Montag, 28.05.2018   17:00 Uhr

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat dazu aufgerufen, dass sich

mehr Menschen in Deutschland über eine mögliche Organspende klar

werden. Eine Auseinandersetzung mit dieser Frage müsse "für uns alle

zur Selbstverständlichkeit werden", sagte der CDU-Politiker. "Das sind wir

den mehr als 10.000 Menschen schuldig, die voller Hoffnung auf ein

Organ warten." Jeder sollte daher für sich eine Entscheidung treffen.

Nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) hatte

die Zahl der Organspender 2017 mit 797 einen neuen Tiefpunkt erreicht.

Nach dem Negativrekord mehren sich Stimmen, die eine Neuregelung

nach dem Vorbild europäischer Nachbarstaaten fordern.

 

Zuletzt wurde in den Niederlanden die sogenannte Widerspruchslösung eingeführt: Jeder, der nicht widerspricht, kommt nach dem Tod als Organspender infrage. "Aus medizinischer Sicht, vor allem aber aus Sicht der vielen schwerkranken Patienten auf der Warteliste, wäre eine solche Regelung der Idealfall", sagte Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sieht das ähnlich: "Wir könnten damit so vielen Menschen den Tod ersparen oder ein besseres Leben ermöglichen."

Kritiker befürchten noch stärkeren Vertrauensverlust

Kritisch steht der Idee Rolf Henke gegenüber, der Vorsitzende der Ärztegewerkschaft Marburger Bund. Das Transplantationswesen lebe von Vertrauen - dass eine Widerspruchslösung das Vertrauen stärkt, bezweifelt er: "Es ist eher das Gegenteil zu befürchten." Man müsse die Menschen überzeugen und die Strukturen verbessern.

Nach dem Organspendeskandal, bei dem Ärzte Werte ihrer Patienten manipuliert hatten, damit diese bessere Chancen auf ein Spenderorgan bekommen, hatten viele das Vertrauen in das System verloren. Mittlerweile hat sich die Sicht auf die Organspende wieder verbessert, wie neue Umfragedaten zeigen. Positive Einstellungen zur Organspende seien mit 84 Prozent nun so hoch wie noch nie, ergab eine Untersuchung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA).

Befragt wurden von November bis Februar 4000 Bürger im Alter von 14 bis 75 Jahren. Einen Organspendeausweis haben demnach inzwischen 36 Prozent, nachdem es 2012 noch 22 Prozent waren. Krankenkassen müssen Versicherte ab 16 Jahren alle zwei Jahre anschreiben und über das Thema informieren.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz forderte einen Neustart, bei dem

der Staat die Verantwortung übernehmen müsse. "Das gilt sowohl für die

Regeln der Verteilung der Organe als auch für die Organisation und

Kontrolle", sagte Vorstand Eugen Brysch. Die Krankenkassen hätten

Millionen Euro für Werbung ausgegeben, und jedes Jahr würden bessere

Umfragewerte vermeldet. Tatsächlich sinke die Bereitschaft zur

Organspende aber. Nun sei Minister Spahn gefordert.

 

Politik

Organspende: Aufruf an Bundesbürger

Montag, 28. Mai 2018

Berlin/Düsseldorf – Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) hat alle Bundesbürger aufgerufen, eine Entscheidung über die Organspende zu treffen. Die Auseinandersetzung mit diesem Thema „muss für uns alle zur Selbstverständlichkeit werden“, erklärte Spahn heute zum bevorstehenden Tag der Organspende. „Das sind wir den mehr als zehntausend Menschen schuldig, die voller Hoffnung auf ein Organ warten.“

Jeder sollte daher für sich eine Entscheidung treffen und diese auf dem Organspende­ausweis dokumentieren, forderte Spahn. Es müsse weiter Überzeugungsarbeit geleistet werden. Zudem sollten die Transplantationsbeauftragten in den Kliniken gestärkt und die Vergütung so verbessert werden, „dass sich die Kliniken wirklich um dieses Thema kümmern“.

NRW plant Reform

In Nordrhein-Westfalen will die Landesregierung Kliniken strengere Auflagen erteilen, um mögliche Organspender besser zu identifizieren. Bislang gingen viele potenzielle Organspenden unnötig verloren, heißt es in einem aktuellen Gesetzentwurf von CDU und FDP. Im vergangenen Jahr war Nordrhein-Westfalen (NRW) mit 146 Organspendern auf ein Rekordtief und den letzten Platz im bundesweiten Vergleich gefallen.

 

Ein wesentlicher Grund für diesen Rückgang sind nach Überzeugung der Regierungs­fraktionen „Probleme bei der Identifikation hirntoter Spender in den Entnahme­kliniken“. Übermorgen werden Sachverständige im Gesundheitsausschuss des Düsseldorfer Landtags zu einer möglichen Änderung des nordrhein-westfälischen Ausführungsgesetzes zum deutschen Transplantationsrecht angehört.

Debatte um Widerspruchslösung

Im Entwurf der Landesegierung heißt es: „Häufig werden intensivmedizinische Maßnahmen abgebrochen, ohne die Möglichkeit einer Organspende zu klären.“ Deshalb müsse eine regelmäßige Dokumentation und Berichtspflicht der Krankenhäuser über Todesfälle mit Hirn­schädigungen eingeführt werden. Es müsse auch begründet werden, wenn und warum keine Hirndiagnostik vorgenommen worden sei. Außerdem sieht der Gesetzentwurf verbindliche Freistellungen für Transplantationsbeauftragte in den Kliniken vor.

In schriftlichen Stellungnahmen an den Landtag unterstreichen mehrere Experten, dass wesentlich mehr zu erreichen wäre, wenn Organe zur Transplantation grund­sätzlich entnommen werden dürften, solange zu Lebzeiten nicht ausdrücklich widersprochen worden sei. In vielen anderen Ländern habe sich die Wider­spruchslösung bewährt.

Zuletzt hatte der 121. Deutsche Ärztetag gefordert, diese Regelung ins Trans­plantationsgesetz aufzunehmen. Auch der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach ist für die Widerspruchslösung. Die auf Organspenden angewiesenen „Menschen leiden und sterben unnötig“, erklärte er auf Twitter. Die Widerspruchslösung sei „der beste Weg, dieses Leid zu beenden“. Spahn hatte den Forderungen nach einer Widerspruchslösung bereits früher eine Absage erteilt.

36 Prozent der Menschen besitzen in Deutschland derzeit einen Organspendeausweis, wie aus einer Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) hervorgeht. 2012 waren dies 22 Prozent. Auch die generelle Einstellung der Bürger zu einer Organspende bleibt weiter überwiegend positiv. 84 Prozent stehen dem Thema aufgeschlossen gegenüber. 2010 waren dies 79 Prozent.

Wichtigster Grund für die Ablehnung einer Organ- und Gewebespende ist für 24 Prozent der Befragten demnach, dass sie glauben, als Spender nicht geeignet zu sein. 22 Prozent äußern Angst vor Missbrauch beziehungsweise haben mangelndes Vertrauen aufgrund negativer Berichterstattung. 2017 sank die Zahl der Organspender auf den niedrigsten Stand seit 20 Jahren – bundesweit gab es nur 797 Organspender, 60 weniger als im Jahr zuvor. Die Zahl der gespendeten Organe ging um 9,5 Prozent auf 2.594 Organe zurück.

© dpa/afp/may/aerzteblatt.de

 

Ärzte Zeitung online, 28.05.2018

Organspende

Zuspruch steigt – Spenderzahlen sinken

Die Zahl der Organspender hat in Deutschland einen neuen Tiefpunkt erreicht. Hoffnung macht, dass die Bereitschaft in der Bevölkerung offenbar steigt. Ärzte und Politiker fordern die Widerspruchslösung.

BERLIN/SAARBRÜCKEN.. Über 10.000 kranke Menschen warten in Deutschland nach Angaben der Vermittlungsstelle Eurotransplant auf ein Spenderorgan.

"Täglich sterben statistisch gesehen drei von ihnen, weil für sie nicht rechtzeitig ein passendes Organ verfügbar ist", berichtet die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) in Frankfurt/Main.

Das Spenderorgan, das am häufigsten benötigt wird, ist die Niere. Etwa zehn Prozent aller Dialysepatienten, also rund 8.000 Patienten, stehen nach DSO-Angaben auf der Warteliste für eine Nierentransplantation. Vor zehn Jahren wurden über 2.900 Nierentransplantationen durchgeführt, im Jahr 2017 waren es nur noch 1.921 (siehe nachfolgende Grafik). Die durchschnittliche Wartezeit beträgt sechs Jahre.

 

2017 weniger als 2000 Nierentransplantationen

Die Entwicklung der Nierentransplantationen in Deutschland.

 

Derzeit sieht es nicht so aus, als würde sich die Situation der Betroffenen bald verbessern: 2017 hat die Zahl der Organspender in Deutschland einen neuen Tiefpunkt erreicht. Laut DSO gab es nur noch 797 Spender – und somit nochmal 60 weniger als im Vorjahr. Das war der niedrigste Stand seit 20 Jahren.

BZgA: Immer mehr Menschen besitzen Organspendeausweis

In Deutschland gibt es jetzt weniger als zehn Spender pro eine Million Einwohner. Axel Rahmel, medizinischer Vorstand der DSO, spricht von "einer dramatischen Entwicklung".

Hoffnung macht, dass die Bereitschaft in der Bevölkerung, Organe und Gewebe zu spenden, offenbar steigt. Eine bundesweite Befragung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) von 4.001 Bundesbürgern im Alter von 14 bis 75 Jahren ergab, dass 84 Prozent dem Thema Organ- und Gewebespende positiv gegenüberstehen. So hoch war der Zuspruch nach Angaben der BZgA noch nie gewesen.

Klare Mehrheit steht Organspende positiv gegenüber

Bundesweite Repräsentativbefragung der BZgA. Gefragt wurde:

Was halten Sie generell von Organ- und Gewebespende? Stehen

Sie dem eher positiv oder eher negativ gegenüber?

Auch besitzen der Umfrage zufolge immer mehr Bundesbürger einen Organspendeausweis: 2012 waren es noch 22 Prozent der Befragten, sechs Jahre später sind es 36 Prozent.

Die meisten von ihnen (72 Prozent) stimmten einer Organ- und Gewebespende nach dem Tod zu, 14 Prozent widersprachen ihr. 9 Prozent übertrugen die Entscheidung auf eine andere Person und 5 Prozent machten eine andere Angabe, wie die Bundeszentrale weiter ausführte.

Vielfältig sind die Motive: Weil sie anderen Menschen helfen wollen, sagten 73 Prozent Ja zur Organspende. Gründe für die Ablehnung waren, dass die Befragten glaubten, als Spender nicht geeignet zu sein (24 Prozent) oder sie Angst vor Missbrauch bzw. mangelndes Vertrauen aufgrund negativer Berichterstattung haben (22 Prozent).

Widerspruchslösung gefordert

Europaweit führend bei den Organ- und Gewebespenden ist Spanien mit 46,9 Spendern pro eine Million Einwohner im Jahr. Dort gilt die sogenannte Widerspruchslösung: Menschen müssen es explizit dokumentieren, wenn sie gegen eine Organentnahme nach ihrem Tod sind, sonst werden sie automatisch zum Spender. So ist es auch in Italien, Norwegen, Schweden, Luxemburg, Österreich und Frankreich geregelt.

Das jüngste Land in der Reihe ist die Niederlande. Hier wurde eine solche Regelung im Februar von der ersten Kammer des Parlaments angenommen – wenn auch nach langer Debatte und nur mit knapper Mehrheit.

Auch in Deutschland werden die Stimmen immer lauter, die auch eine Widerspruchslösung hierzulande fordern. "Die Niederländer haben reagiert, und zwar lange bevor die Situation so prekär wurde wie bei uns", sagt der Generalsekretär der Deutschen Transplantationsgesellschaft (DTG), Christian Hugo: "Ich wünsche mir ähnlich mutige Politiker im Bundestag wie in Holland."

Viele Ärzte sind auf seiner Seite. Der Deutsche Ärztetag in Erfurt hat sich Anfang Mai klar für die Widerspruchslösung ausgesprochen. "Aus medizinischer Sicht, vor allem aber aus Sicht der vielen schwerkranken Patienten auf der Warteliste wäre eine solche Regelung der Idealfall", sagte Professor Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer (BÄK).

"Man sollte von den Bürgerinnen und Bürgern verlangen können, dass sie sich nach der gesetzlich vorgeschriebenen Aufklärung durch die Krankenkassen mit der Problematik auseinandersetzen und im Falle einer Ablehnung ihr Nein zur Organspende formulieren."

Vorher müssten "mit großer Sensibilität" ethische, religiöse und rechtliche Fragen diskutiert werden. Man dürfe nicht riskieren, dass die Menschen weiter verunsichert werden und sich am Ende komplett verschließen.

Lauterbach: Misstrauen gegen Staat besonders stark

Erklärter Befürworter einer Widerspruchslösung ist auch der SPD-Gesundheitspolitiker Professor Karl Lauterbach. "Für mich ist das ganz klar die Lösung, die ich bevorzuge - als Politiker und als Arzt", sagte er der dpa. "Wir könnten damit so vielen Menschen den Tod ersparen oder ein besseres Leben ermöglichen."

Politisch "sollten wir uns in diese Richtung bewegen", gesellschaftlich "sollten wir diese Diskussion führen".

Dass sich Deutschland schwerer tut mit einer Widerspruchslösung als seine Nachbarländer, liegt seiner Ansicht nach daran, "dass in Deutschland das Misstrauen gegen den Staat und seine Institutionen besonders stark ist". Ob in der laufenden Legislaturperiode eine Änderung realistisch ist, ist fraglich. "Ich persönlich werde alles, was ich kann, dafür tun", verspricht Lauterbach.

Kritisch steht einer Widerspruchregelung Rolf Henke gegenüber, der Vorsitzende des Marburger Bunds. Das Transplantationswesen lebe vom Vertrauen der Menschen – und Henke glaubt nicht, dass das Vertrauen durch eine Widerspruchslösung gestärkt wird: "Es ist eher das Gegenteil zu befürchten."

Es habe wenig Sinn, "eine große Kontroverse anzuzetteln": "Man muss mit den Leuten reden, sie überzeugen und die Organisation der Organtransplantation in den Kliniken verbessern."

Spahn ruft Bürger, sich mit Thema zu beschäftigen

Seit November 2012 gilt in Deutschland die sogenannte Entscheidungslösung. Die Krankenkassen müssen ihre Mitglieder alle zwei Jahre anschreiben und über die Organ- und Gewebespende informieren. Das kostet nach Schätzung des GKV-Spitzenverbands rund 60 Millionen Euro.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) ruft die Bundesbürger auf, sich mit diesem Thema beschäftigen: "Sich mit der Organspende auseinanderzusetzen, muss für uns alle zur Selbstverständlichkeit werden."

Dass die Zahl der gespendeten Organe weiter zurückging, ist für die Transplantationsgesellschaft ein Beweis, "dass diese Lösung nicht greift". Um mehr Menschen zu sensibilisieren, gibt es einen jährlichen Tag der Organspende – diesmal am 2. Juni mit einer zentralen Veranstaltung in Saarbrücken. (dpa/ths)

 

 

Westfalen Blatt 28.05.2018

 

NW

Zwischen Rhein und Weser 28.05.2018

 

Westfalen Blatt

OSTWESTFALEN-LIPPE / NRW WESTFALEN-BLATT Nr. 114

18.05.2018

Ein angeborener Herzfehler brachte Simon Kretschmar in höchste

Lebensgefahr. Nach der erfolgreichen OP im HDZ konnte auch Ehefrau

Anita durchatmen. Fotos: Moritz Winde


 

»Das ist mein zweiter Geburtstag« Eine seltene Herz-Lungen-Transplantation

im HDZ rettete Simon Kretschmar das Leben

Von Dietmar Kemper

Bad Oeynhausen (WB). In lebensbedrohlichem Zustand wurden Simon Kretschmar im

Sommer 2017 zwei Organe auf einmal eingesetzt: Herz und Lunge. »Der 15. August ist

mein zweiter Geburtstag«, sagte der 35-Jährige aus Gevelsberg gestern im Herz- und

Diabeteszentrum Nordrhein-Westfalen in Bad Oeynhausen.

Herztransplantationen sind im HDZ inzwischen Routine, HerzLungen-Transplantationen

dagegen nicht. Während seit 1989 bereits 2388 Herzen verpflanzt wurden, ist die Zahl

der komplizierten Herz-Lungen-Transplantationen mit 23 sehr viel geringer. »Es war das

Einzige, was ihm helfen konnte«, beschrieb Oberarzt André Renner (48) die Dringlichkeit

bei seinem Patienten. Simon Kretschmar kam mit einem schweren Herzfehler auf die

Welt (Shone-Komplex), wurde sechs Mal operiert und bekam mehrere Herzklappen. Als

sich in der Lunge Hochdruck gebildet habe und die rechte Herzhälfte zu versagen

drohte, sei die Herz-LungenTransplantation unumgänglich geworden, erzählte der Arzt.

Weil Kretschmar nur noch mit Medikamenten am Leben erhalten werden konnte, bekam

er wegen der besonderen Dringlichkeit schon nach 15 Wochen die benötigten Organe.

Andere warten bis zu vier Jahre. Knapp sechs Stunden dauerte die OP, bei der der

Brustkorb mit einem Längsschnitt geöffnet und die Herz-LungenMaschine angeschlossen

wurden. Zunächst wurde das Herz und im Weiteren der rechte und linke Lungenflügel

entnommen. Die Spenderorgane wurden gemeinsam in den Brustkorb eingebracht und

transplantiert. Nachdem die Luftröhre wieder angeschlossen worden war, folgten der

rechte Vorhof und die Hauptschlagader. Bei einer Herz-Lungen-Transplantation bestehe

die Gefahr, dass der Körper die fremden Organe abstößt, gleich doppelt, sagte der

Chirurg: »Im ersten Jahr ist die Sterblichkeit hoch, wenn man das erste Jahr geschafft

hat, hat man aber eine gute Prognose.« Simon Kretschmar fühlt sich neun Monate nach

der OP blendend: »Jetzt geht es mir gut, ich habe mehr Luft, als ich brauche,

Treppensteigen ist ohne Pause möglich.«

»Vorher war schon ein Weg von fünf bis zehn Schritten für ihn zu weit«, erzählte seine

Frau Anita (32). Zehn Tabletten schluckt Simon Kretschmar jeden Tag, sein Leben lang

muss er immunsuppressive Medikamente nehmen, damit der Körper die fremden

Organe nicht abstößt. Sohn TimBenjamin (6) passt mit auf, dass sich der Vater an die

Anordnungen hält. Essen darf er nur in Folie eingeschweißte, keimfreie Lebensmittel,

roher Käse und rohes Fleisch sind tabu. Immer wieder wäscht er sich die Hände,

Körperkontakt zu anderen meidet er. Als Lagerist kann Kretschmar nicht mehr arbeiten,

aber bald möchte er als Büroassistent wieder ins Berufsleben einsteigen.

Der Glaube an Gott und die Familie hätten ihm in der schweren Zeit Halt gegeben,

erzählte der 35Jährige, der sein Glück kaum fassen kann. War Atemnot früher sein

ständiger Begleiter und das Schuhezubinden eine Strapaze, lebt er jetzt weitgehend

normal: »Ich war mein Leben lang herzkrank, jetzt bin ich herzgesund – daran muss ich

mich erst gewöhnen.« Herz- und lungentransplantierte Menschen können bis zu 90

Prozent der Leistungsfähigkeit von Gleichaltrigen erreichen. Auch Sport ist wieder

möglich.

 

Spenderorgane werden dringend benötigt

»Die Bereitschaft, Organe zu spenden, hat deutlich

nachgelassen«, beklagt Oberarzt André Renner. Waren im

Jahr 2012 bundesweit noch 318 Herzen gespendet

worden, sank die Zahl im vergangenen Jahr auf 251. Bei

Lungen waren es 339, fünf Jahre später aber nur noch

264. Auf ein neues Herz warten im HDZ in Bad

Oeynhausen mehr als 200 Patienten. »Ich

würde mir in Deutschland eine Widerspruchslösung

wünschen, also, dass Menschen einer Organentnahme

ausdrücklich widersprechen müssen«, sagte Renner mit

Blick auf den »Tag der Organspende« am 2. Juni. Wer auf

eine Herz-Lungen-Transplantation angewiesen ist, braucht

gleich zwei Organe. In Deutschland gab es 2017 nur fünf

solcher Eingriffe.

 

 

 

Organspende nach Hirntod: Wann werden Organe eigentlich freigegeben?

12.05.2018

 

Teenager wachte nach diagnostiziertem Hirntod wieder auf

Der Fall Trenton McKinley aus Alabama berührte Herzen aus aller Welt. Der 13-Jährige lag im Koma und galt als hirntot. Ärzte hatten keine Hoffnung mehr für ihn. Trentons Eltern hatten bereits zugestimmt, die Organe ihres Sohnes zu spenden. Dann das Wunder: Trenton zeigte wieder Lebenszeichen.​ Mittlerweile hat er das Krankenhaus sogar wieder verlassen. Viele fragen sich nun: Wann werden Organe eigentlich freigegeben?

Wann ist der Mensch tot?

Der Tod kann auf zwei verschiedene Arten eintreten: durch Hirntod oder Herzstillstand. Herztoten werden keine Organe entnommen. Beim Hirntod versagt die Durchblutung des Gehirns. Die weiteren Körperfunktionen können aber künstlich aufrechterhalten werden. Zwei Ärzte aus verschiedenen Krankenhäusern müssen unabhängig voneinander feststellen, dass der Patient hirntot ist. Dafür hat die Bundesärztekammer ein dreistufiges Verfahren festgelegt. Die genaue Diagnose ist wichtig, denn der Hirntod ist gleichzeitig die Voraussetzung dafür, dass der Patient als Organspender in Frage kommt. Nach den Richtlinien der Bundesärztekammer müssen für eine Hirntod-Diagnose folgende Bedingungen erfüllt sein:

1. Es muss eine akute Hirnschädigung vorliegen - beispielsweise durch einen Hirninfarkt, einen Tumor, schwere Verletzungen, eine Sauerstoffunterversorgung oder Entzündungen.

2. Das Erlöschen der Hirnfunktion darf nicht auf andere Ursachen zurückzuführen sein - wie etwa auf eine Vergiftung oder die dämpfende Wirkung von Medikamente.

3. Es müssen bestimmte klinische Symptome zu erkennen sein: lichtstarre Pupillen, Bewusstlosigkeit ohne Reaktion auf Schmerzreize (Koma) und ein Ausfall der Spontanatmung.

Die Unumkehrbarkeit des Hirntodes ist erst nachgewiesen, wenn ein zweiter

Untersuchungsdurchgang nach

einer Wartezeit von zwölf Stunden bis drei Tagen die gleichen Ergebnisse

bringt. Alternativ können die Ärzte auch

eine apparative Untersuchung als Ergänzung durchführen. Ein sogenanntes

Null-Linien-Elektroenzephalogramm

(EEG) muss über einen bestimmten Zeitraum die komplette elektrische

Inaktivität des Gehirns belegen. Erst dann

gilt der  Patient offiziell als hirntot.

Oft nicht so eindeutig

Für viele Familienangehörige ist die Entscheidung, die lebenserhaltenden Maschinen abzuschalten, die schlimmste Erfahrung ihres Lebens. Denn der vermeintlich hirntote Patient liegt nach wie vor im Bett und wird beatmet. Sie sehen die Herzfrequenz und den Puls und vertrauen auf die Entscheidung der Ärzte. Die meisten Experten sprechen sich dafür aus, die Organe nach dem diagnostizierten Hirntod der Mediziner zu spenden.

Warum ein Organspendeausweis?

Organ- und Gewebespende ist gelebte Solidarität, so das

Bundesgesundheitsministerium. Auch wenn die Auseinandersetzung mit

Themen wie Krankheit und Tod für die meisten Überwindung kostet, ist eine

Antwort auf die Frage, ob man Organe spenden möchte, wichtig. Denn für

viele Menschen, die auf eine Organspende warten, entscheidet diese Frage

über Leben und Tod. Fest steht: Jeder könnte durch einen Unfall oder eine

Krankheit jederzeit in die Situation geraten, auf eine Organspende angewiesen

zu sein.


 

 

Ärzteschaft

Ärztetag: Widerspruchs- sollte Entscheidungslösung in der Organspende ablösen

Donnerstag, 10. Mai 2018

Erfurt – Die Widerspruchslösung sollte die derzeit bestehende Entscheidungslösung in der Organspende ersetzen. Dafür hat sich heute nach kurzer Debatte der 121. Deutsche Ärztetag in Erfurt ausgesprochen. Die Delegierten forderten den Gesetzgeber auf, das Transplantationsgesetz (TPG) entsprechend zu verändern.

Es kann von jeder Bürgerin und jedem Bürger nach der gesetzlich in § 2 Abs. 1 TPG geregelten Aufklärung durch die Krankenkassen erwartet werden, dass sie sich mit der Problematik auseinandersetzen und im Falle einer tatsächlichen Ablehnung ihr NEIN zur Organspende formulieren“, heißt es in dem Antrag.

In der Begründung zum Antrag wird ausgeführt, dass die Organspendebereitschaft in der Gesellschaft auch nach einer aktuellen Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) hoch sei, trotzdem würden die jährlichen Organspenderzahlen in Deutschland seit zehn Jahren kontinuierlich sinken.

Dieses Problem, das jedes Jahr den Tod für viele Patienten auf der

Warteliste bedeutet, muss durch viele verschiedene Maßnahmen

angegangen werden. Eine dieser Maßnahmen ist die Einführung der

in fast allen europäischen Ländern üblichen Widerspruchslösung“,

heißt es weiter.

Der Abstimmung waren nur wenige Wortmeldungen vorangegangen. „Wir brauchen einen Systemwechsel hin zur Widerspruchslösung“, hatte Karl Breu (Bayern) erklärt. Man sollte sich der Verantwortung stellen und ein Zeichen setzen. „Bitte stimmen Sie für unsere Patienten und für die Widerspruchslösung“, warb er.

Sven Christian Dreyer (Nordrhein) sprach sich gegen die Widerspruchslösung aus. Es sei das Recht des Bürgers, sich nicht aktiv mit der Organspende zu beschäftigen. Dieses dürfe man ihm mit der Widerspruchslösung nicht nehmen. Er führte aus, dass es immer noch große Kliniken gebe, in denen es Unregelmäßigkeiten gebe. Erst wenn das vollständige Vertrauen in die Transplantationsmedizin wiederhergestellt worden sei und sich alle immer an die bestehenden Regeln hielten, könne man der Bevölkerung diese Lösung zumuten, sagte er.

Das Thema war zuletzt auf dem 115. Deutschen Ärztetag im Jahr 2012 diskutiert worden. Damals hatten sich die Delegierten für die Einführung der Entscheidungs­lösung ausgesprochen. In der SPD mehrten sich zuletzt zwar die Stimmen für eine Widerspruchslösung. In der Union lehnt man diese bislang allerdings ab. © may/aerzteblatt.de

 

 

 

Immer mehr Deutsche haben Organspendeausweis

6. Mai 2018

Mehr Deutsche als bislang haben einen Organspendeausweis ausgefüllt. Das geht aus einer neuen Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hervor, über die die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (Montagausgabe) berichtet. Demnach verfügen 36 Prozent der Befragten über einen solchen Ausweis.

Ein Jahr zuvor waren es vier Prozentpunkte weniger. Von denjenigen Befragten, die angaben, eine Entscheidung zur Organspende getroffen zu haben, erteilten 72 Prozent die Zustimmung. 14 Prozent sagten, sie hätten sich gegen eine Spende ausgesprochen. Insgesamt bewerten immer mehr Menschen die Organspende „eher positiv“: 84 Prozent der Befragten äußerten sich nun tendenziell zustimmend, im Jahr 2013 waren es nur 78 Prozent. Fast drei Viertel (73 Prozent) der Befragten gaben an, der Grund für eine positive Entscheidung zur Organspende sei Altruismus. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sagte der F.A.Z.: „Wir müssen alles tun, damit die Zahl der Organspenden steigt.“ Spahn erteilte der Forderung, wonach eine Zustimmung zur Organspende in Zukunft vorausgesetzt werden solle, solange der Bürger dem nicht aktiv widerspricht, eine Absage. Überzeugungsarbeit sei besser als Zwang, sagte Spahn. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hatte 4.001 Personen zwischen 14 und 75 Jahren befragt, der Befragungszeitraum lag zwischen November 2017 und Februar 2018.

Foto: Organspendeausweis, über dts Nachrichtenagentur

 

 

Neue Westfälische Bad Oeynhausen

05.05.2018

So retten Ärzte Gretas Leben

Schwieriger Eingriff:

Bereits am sechsten Lebenstag operieren Spezialisten aus Bad Oeynhausen das kleine Mädchen, das nur eine Herzkammer hat.

Im Mittelpunkt die kleine Patientin:

Der Direktor der Klinik für Kinderherzchirurgie, Eugen Sandica (l.), Herzchirurgin Ute Blanz, die Mutter Sophie Jansen mit ihrer Tochter Greta Marlene und der Direktor der Klinik für Kardiologie, Deniz Kececioglu. FOTO: ARMIN KÜHN, HDZ

Bad Oeynhausen (NW/bth).

Die kleine Greta Marlene ist erst drei Monate alt. Den Tag des herzkranken Kindes an diesem Samstag wird sie fröhlich und putzmunter mit ihren Eltern und Geschwistern in Bielefeld verbringen. „Das kleine Mädchen hat viele Schutzengel gehabt“, sagen Deniz Kececioglu und Eugen Sandica, die Chefärzte der Kinderkardiologie und Kinderherzchirurgie sowie Chirurgie angeborener Herzfehler am Herz- und Diabeteszentrum NRW (HDZ NRW). Mehr als die Hälfte ihres Lebens hat Greta im Kinderherzzentrum in Bad Oeynhausen verbracht. Ohne das Eingreifen der Ärzte hätte sie keine Überlebenschance gehabt, wie die Experten berichten. Greta ist das dritte Kind von Sophie und Christian Jansen. Während der Schwangerschaft gibt ein Ultraschallbild Anlass zu Besorgnis. Bald darauf steht fest: Das Baby wird mit einem sehr schweren angeborenen Herzfehler auf die Welt kommen. „Herzfehlbildungen sind eine Laune der Natur“, sagt Kececioglu. „Jedes 100. Kind kommt mit einem angeborenen Herzfehler zur Welt.“ Bei Greta ist dieser leider sehr komplex:Die linke Herzkammer ist nicht vorhanden, der Aortenbogen viel zu schmal. Die Spezialisten für Früherkennung von Herzfehlbildungen empfehlen die Geburt in Bad Oeynhausen, damit das Neugeborene umgehend in das Kinderherzzentrum aufgenommen werden kann. Unmittelbar nach der Geburt wird das kleine Mädchen in das Kinderherzzentrum verlegt und medikamentös versorgt. Greta ist gerade sechs Tage alt, als Oberärztin Ute Blanz ihr winzig kleines Herz operiert. Die Operationsmethode, die die erfahrene Chirurgin dabei anwendet, zählt zu den schwierigsten Eingriffen der Kinderherzchirurgie. Sie heißt Norwood I“. 1981 hat der amerikanische Kinderherzchirurg William Norwood dieses chirurgische Verfahren erstmals angewendet. Die sogenannte Norwood-Methode hat seitdem Tausenden von Einkammerherz-Kindern wie Greta das Leben gerettet. Bei Ute Blanz ist Greta in den besten Händen. In einer achtstündigen Operation sorgt die Chirurgin für eine stabile Herz-Lungenfunktion des Babys. Bis zu 25 dieser Norwood-Eingriffe jährlich führen Ute Blanz und Eugen Sandica seit vielen Jahren im Bad Oeynhausener Kinderherzzentrum durch.

Zwei weitere Operationenim ersten und vierten Lebensjahr und eine regelmäßige kinderkardiologische Betreuung werden notwendig sein, damit sich das kleine Mädchen altersgerecht entwickelt. „Mit einigen Einschränkungen wird Greta ein ganz normales Leben führen können“, sind sich die Spezialisten nach dem Ambulanztermin einig, der in dieser Woche stattfand. Das wäre vor 40 Jahren noch nicht möglich gewesen. Heute werden zahlreiche erwachsene Patienten mit nur einer funktionsfähigen Herzkammer im eigens darauf spezialisierten EMAH-Zentrum in Bad Oeynhausen betreut. Für Ute Blanz sind die Eingriffe an Säuglingen zwar Alltag, aber keine Selbstverständlichkeit, wie sie im Gespräch mit dieser Zeitung berichtet. „Die allerkleinsten und allerjüngsten Patienten, die wir im Zentrum für angeborene Herzfehler operieren sind naturgemäß unsere Frühgeborenen“, berichtet Blanz. „Diese Patienten leiden häufig unter einem sich nicht schließenden Gefäß zwischen Hauptschlagader und Lungenschlagader, dem sogenannten Ductus Botalli.“ Dieses Gefäß müsse operativ verschlossen werden, damit die Kinder überleben könnten. Auf die Frage nach dem jüngsten Patienten der in der Klinik operiert wurde, sagt Blanz: „Hier war das jüngste Kind ein Frühgeborenes der 26. Schwangerschaftswoche mit einem Geburtsgewicht von 560 Gramm.“

 

Das sagt Herzchirurgin Ute Blanz

Frau Blanz, was sind die häufigsten Gründe für eine Herzoperation bei einem Kind?

UTE BLANZ:

Die häufigsten Gründe sind Defekte in der Vorhof- und Kammerscheidewand, weil diese Herzfehler auch mit Abstand am häufigsten auftreten. Bei der Operation wird mit Hilfe der Herz-Lungen-Maschine operiert und der Vorhof- und Kammerscheidewanddefekt mit einem Flicken verschlossen.

Was bedeutet ein solcher Eingriff für die betroffenen Mädchen und Jungen, wie nehmen Sie ihnen Ängste?

BLANZ:

Für die psychische Betreuung unserer kleineren oder älteren Patienten steht ein ganzes Team von Mitarbeitern zur Verfügung, so spielt das häufig über Jahre schon dem Patienten bekannte Pflegepersonal und Ärzteteam eine wichtige Rolle, damit die Patienten sich sicher und wohl bei uns fühlen, außerdem werden die Patienten durch einen Psychologen und eine besonders geschulte Kontaktschwester sowie in speziellen Situationen durch geschulte Mitarbeiter im Palliativbereich betreut.

Wie werden Eltern begleitet?

BLANZ:

Die Eltern werden ab dem Erstkontakt mit unser Klinik intensiv betreut: Sie werden über alle Untersuchungsbefunde und die sich daraus ergebene mögliche Operationsindikation umgehend informiert. Wenn sie es wünschen, bekommen sie einen Termin für ein ambulantes Aufklärungsgespräch vor der stationären Aufnahme zur Operation und können auf Wunsch psychologische Hilfe in Anspruch nehmen.

Mit welchen Ambitionen gehen Sie in einen solchen Eingriff?

BLANZ:

Wir Kinderherzchirurgen gehen in jede Operation unabhängig vom Umfang und dem Schwierigkeitsgrad mit der höchstmöglichen Genauigkeit hinein und bringen unsere ganze Erfahrung in den Eingriff ein. Wohlwissend, dass die Eltern uns ihr Liebstes während der Operation und der Behandlung anvertrauen und ihre ganze Hoffnung in unsere erfolgreiche Arbeit setzen. So ist der Anspruch gerade bei kleinen Kindern mit angeborenen Herzfehlern hoch, denn wir möchten ihnen ein möglichst normales Leben mit einer hohen Lebensqualität ermöglichen.

Die Fragen stellte

Matthias Bungeroth

 

Organtransplantation „Der menschliche Körper wird nicht 'verstaatlicht'“

Medizinethiker Norbert Paul spricht über das notleidende Transplantationssystem in Deutschland, die Widerspruchslösung und seinen Traum von TV-Galas für Organspenden.

25.04.2018

Von Ursula Rüssmann

Herr Paul, besitzen Sie einen Organspendeausweis?
Ja, natürlich.

Warum?
Wir haben das in der Familie diskutiert und entschieden. Denn wir leben ja in einem Land mit einem funktionierenden Organspendesystem. Sollte jemand von uns irgendwann selbst ein Spenderorgan brauchen, denken wir, dass wir mit einer gewissen Wartezeit auch eins bekommen. Das heißt für mich und die ganze Familie, dass wir selbst bereit sind, zu spenden. Einfach um dieses System zu unterstützen.

Umfragen zufolge denken etwa 80 Prozent der Bürger im Prinzip so wie Sie. Aber nur jeder Dritte hat auch wirklich einen Spenderausweis – einer der Gründe für die extrem niedrigen Organspendezahlen bei uns. Warum ist das so?
Ich glaube, das ist in weiten Teilen immer noch Bequemlichkeit. Auch ist das Thema in unserer Gesellschaft nicht durchweg positiv besetzt, damit kommt eine gewisse Unsicherheit hinzu. Eine Rolle spielt auch, dass ich mich, wenn ich meinen Ausweis ausfülle, mit meinem eigenen Tod beschäftigen muss. Ich finde es schon merkwürdig, dass viele Menschen das Thema so großräumig meiden.

Sehr viele andere Länder sparen sich das Problem mit den fehlenden Spenderausweisen. Sie haben eine Widerspruchslösung, wonach im Todesfall jeder als Organspender gilt, der nicht zu Lebzeiten ausdrücklich widersprochen haben. Gerade erst haben die Niederlande dieses System eingeführt. Wäre das auch was für uns?
Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich das auch aus ethischen Gründen für die konsequentere Lösung halte, vor allem weil wir in einem Bildungsland leben. Die Information, dass man automatisch Spender ist, wenn man nicht ausdrücklich widerspricht, kann bei den richtigen Strukturen jeden erreichen. Ich sehe auch kein Gerechtigkeitsproblem, wie viele Gegner, die sagen: Die, die keinen guten Zugang zu solchen Informationen haben, laufen Gefahr, sozusagen „aus Versehen“ Spender zu werden. Im Gegenteil: Wir haben dann ein Gerechtigkeitsproblem, wenn ich sage, ich fülle keinen Spenderausweis aus – aber im Krankheitsfall will ich dann schon ein Organ. Wenn man erwartet, zu Lebzeiten bei Bedarf ein Spenderorgan zu bekommen, dann steht man in der ethischen Pflicht, nach dem Ableben Organe zu spenden, zumal man dadurch gar keinen eigenen Schaden erleidet.

Die Gegner der Widerspruchs-
lösung verweisen gern auf das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Geht das Verfügungsrecht über den eigenen Körper nicht über den Tod hinaus? Die Menschenwürde endet ja nicht mit dem Tod.
Die Menschenwürde endet in der Tat nicht. Allerdings ist das volle Verfügungsrecht über unseren Körper im täglichen Zusammenleben ja ohnehin oft eingeschränkt …

Inwiefern?
Denken Sie nur an bestimmte Vorschriften zur Arbeits- und Verkehrssicherheit. Dass Sie sich im Flugzeug anschnallen müssen und nicht frei herumlaufen dürfen, ist ja im Prinzip eine freiheitsberaubende Maßnahme. Wichtiger ist noch: Die höchst persönliche Würde des Menschen, wie sie im Selbstbestimmungsrecht über den eigenen Körper zum Ausdruck kommt, wird ihm mit der Widerspruchslösung ja nicht genommen. Er kann ja widersprechen. Damit gründet die Widerspruchslösung eindeutig auf Freiwilligkeit, nicht etwa auf der Sozialpflichtigkeit der Organspende. Hier wird keinesfalls der menschliche Körper „verstaatlicht“, wie manche Kritiker behaupten.

Wie sollte man eine Widerspruchslösung ausgestalten?
Zu einer sauberen Widerspruchslösung gehört auf jeden Fall eine gute Widerspruchsdatei, ähnlich wie in Österreich, in der alle Widersprüche erfasst werden. Zentral ist die Information der Bevölkerung. Aus den USA kenne ich die Übersendung von Organspende-Informationen mit dem Führerschein. Der Führerscheinerwerb ist ja, wie etwa der Handykauf, eine Lebenssituation, die fast jeder von uns hat, und es ist durchaus denkbar, dass man die Aufklärung, dass man prinzipiell Organspender ist, es sei denn, man widerspricht, auf solchen Wegen an die Frau und an den Mann bringt. Wenn das alles gelingt, passiert wahrscheinlich nicht gleich der erwartete Aufschwung in den Organspende-Zahlen, aber es entlastet die Situation in der Klinik ganz erheblich.

Was meinen Sie damit?
Derzeit müssen mit Eintreten des Hirntodes geschulte Ärztinnen und Ärzte mit Angehörigen ein ergebnisoffenes Gespräch über Organspende führen, meist ohne dass man weiß, was der Hirntote genau gewünscht hätte. Die Ablehnungsquote bei Angehörigen in solchen Gesprächen steigt derzeit. Das liegt auch an der Zumutung, die diese Situation darstellt: Sie verlieren gerade einen geliebten Menschen und sollen dann auch noch so etwas Wichtiges entscheiden. Wenn dagegen, wie bei einer Widerspruchslösung, klar ist, dass eine Organspende im Prinzip in Frage kommt und sie als Angehörige nur widersprechen müssen, wenn sie selbst es gar nicht wollen, ist die Situation sehr stark entlastet.

Sie plädieren also dafür, dass Angehörige bei einer möglichen Widerspruchslösung ein Vetorecht bekommen sollten?
Ja, eindeutig. Auch in Österreich gibt es ja für Angehörige diese Möglichkeit, wenn die Organentnahme beim Hirntoten für sie eine unerträgliche Belastung ist. Sie können dann, trotz der Bereitschaft des Verstorbenen, ihre Zustimmung verweigern.

Aber warum steigt hierzulande die Ablehnungsquote seitens der Angehörigen? Die Zumutung während der Sterbesituation, von der Sie sprachen, war ja
immer schon gegeben.
Wir haben einen erheblichen Zuwachs an Patientenverfügungen über einen Therapieverzicht bei bestimmten Situationen am Lebensende. Das Vorliegen einer solchen Verfügung allein erhöht schon die Ablehnungsrate von Angehörigen, wenn es um Organspende geht. Wir haben es da in den letzten fünf bis sechs Jahren mit einer Mentalitätsveränderung zu tun. Man will angesichts einer als supramaximal erlebten Medizin die Grenzen des eigenen Lebens zunehmend sehr deutlich selbst ziehen.

Aber was ist mit dem Patienten, der schwerkrank ist und nur durch ein Spenderorgan über-
leben oder gesunden kann? Welche Rechte hat er aus ethischer Sicht?
Jeder Kranke hat bei uns das Recht auf eine dem Stand der medizinischen Wissenschaft entsprechende Behandlung, und die Transplantation ist ein etabliertes medizinisches Verfahren, mit dem wir in bestimmten Bereichen sehr, sehr gute Erfolge erzielen. Bei Leber und Niere etwa ist es so. Herztransplantationen sind zwar spektakulär, aber aufgrund verbesserter Früherkennung immer seltener erforderlich. Lungentransplantationen sind in Deutschland eher selten, können aber überlebensnotwendig sein. Ich kenne eine junge Patientin von Ende 20, die unter einer schweren Form von Mukoviszidose leidet und eine kombinierte Lungen-Nieren-Transplantation benötigt. Der muss man sagen, wir haben absehbar – aufgrund des Organmangels – eigentlich keine Behandlungsoption und schlagen vor, sie palliativ zu sedieren, wenn es schlimmer wird, also mit Medikamenten so ruhigzustellen, dass sie Schmerzen und Ängste beim Sterben nicht merkt.

Das heißt dieser Patientin kann, weil keine Transplantation möglich ist, nur noch das Sterben erleichtert werden?
Richtig, und das ist aus meiner Sicht ethisch keine Option.

Gibt es in so einem Fall ein Recht auf ein Spenderorgan?
Durchaus. Solange wir sagen, wir haben ein Transplantationssystem und wollen uns nicht vollständig daraus verabschieden, sage ich: Ja, das Recht besteht. Allerdings stoßen wir da auch auf ein systematisches Problem: Die Transplantation postmortaler Organspenden ist nur möglich in einer Situation, die wir unter allen Umständen zu vermeiden suchen, nämlich bei Hirntod. Wir tragen Helme beim Radfahren, wir haben Airbags im Auto, wir haben moderne Therapieformen nach einem Schlaganfall und wir haben eben die Patientenverfügungen – das heißt, wir haben immer mehr passive Sicherheit, und das ist natürlich erwünscht. Andererseits haben wir dadurch immer weniger Hirntote, die als potenzielle Organspender in Frage kommen. Nach Alternativen wird deshalb ja fieberhaft gesucht. So ist die Wissenschaft schon weit fortgeschritten, wenn es darum geht, Tierorgane durch gentechnische Eingriffe zu humanisieren. Auch in Deutschland wird daran gearbeitet, irgendwann Schweinenieren für Menschen zu züchten. Da werden Grenzbereiche betreten, die lange tabu waren. Das zeigt mir, wie hoch wir auch hierzulande das Recht des Patienten auf eine angemessene medizinische Versorgung ansetzen.

In anderen Ländern wie der Schweiz und Österreich gilt, dass nicht nur bei Hirntod, sondern auch bei irreversiblem Herz-Kreislaufstillstand Organe entnommen werden können. Auch das erhöht die Spenderzahlen. Sollte man es auch in Deutschland so machen?
Aus ethischer Sicht spricht dann nichts dagegen, wenn der Herz-Kreislauf-Tod nach ganz festgelegten Kriterien und unter kontrollierten klinischen Bedingungen festgestellt wird. Ich sehe aber eine Hauptschwierigkeit. Wir haben ja jetzt schon eine ausufernde Diskussion, ob der hirntote Mensch wirklich tot ist. Das Gehirn können Sie aber nicht reanimieren, während Sie den Herztoten unter Umständen reanimieren können. Da stellt sich dann die Frage: Ab wann kann jemand als Spender nach Herztod gelten? Mit Sicherheit nicht das stark unterkühlte Kind, das könnten wir auch nach vielen Minuten oder sogar Stunden noch mit gutem oder akzeptablem Ausgang reanimieren. Und was ist nach wiederholter Herz-Lungen-Wiederbelebung in der Klinik? Da haben wir dann wahrscheinlich schon geschädigte Organe, deren Durchblutung mehrfach unterbrochen war. Es braucht einen beobachteten Herztod bei einem Menschen, der als Organspender in Frage kommt und von dem man weiß, dass eine Wiederbelebung keine Erfolgsaussicht hat. Eine solche Reform halte ich in der allgemeinen Glaubwürdigkeitskrise der Medizin hierzulande für politisch kaum umsetzbar.

Zumal die Politik das Thema Organspende ja bisher ohnehin nicht anfasst.
Richtig, die Debatte wurde in der Vergangenheit regelrecht tot gemacht. Ich habe das selbst erlebt, weil wir im Rahmen der Novellierung des Transplantationsgesetzes sehr stark auf eine Widerspruchslösung gedrungen haben. Das wurde politisch abgeschmettert mit der Aussage: „Wir wollen keine neue Diskussion über den Hirntod.“

Wenn das geltende Transplantationsrecht so ist, dass es das Recht der von Ihnen genannten unheilbar kranken jungen Frau auf rettende Spenderorgane nicht erfüllen kann, gleichzeitig aber der politische Wille fehlt, diese Lage zu ändern – müssten diese Frau oder ähnlich Betroffene nicht die Chance haben, ihr Recht einzuklagen? Wie könnte das gehen?
Eine schwierige Frage, ich bin kein Verfassungsrechtler. Jedenfalls haben wir gemäß den Leit-
linien des Länderverbunds Eurotransplant in Deutschland mit einer Spenderquote von unter zehn Menschen pro einer Million Einwohnern kein strukturiertes Transplantationswesen mehr. Eigentlich könnten wir damit, wenn alle anderen Eurotransplantmitglieder zusammenhalten, aus dem System hinausfliegen, weil wir mehr Organe aus anderen Ländern bekommen als wir diesen geben können. Allein die Tatsache, dass das droht, könnte man als Politikversagen und Organisationsverschulden bewerten: Denn es kann doch nicht sein, dass Deutschland kein Transplantationssystem aufbauen kann, das Eurotransplant-würdig ist. Man würde dann auf Veränderung der Rechtslage klagen – bis zum Bundesverfassungsgericht, unter Verweis auf das Recht auf körperliche Unversehrtheit oder gar die Menschenwürde. Die Erfolgsaussichten kann ich nicht einschätzen, aber die Idee ist durchaus charmant.

Zum Schluss: Was wünscht sich der Medizinethiker in Bezug auf das deutsche Transplantationssystem?
Tätig werden sollte zunächst mal die Kultusministerkonferenz. Das Thema Organspende muss in die Lehrpläne der Schulen aufgenommen werden, damit es jedem Bürger im Laufe seiner schulischen Ausbildung umfassend nahegebracht wird. Denn ich sehe gerade bei Schülern und Studierenden eine erhebliche Bereitschaft zur Auseinandersetzung damit, aber sie sind allein gelassen. Es gibt inzwischen an der Uni Mainz und auch an vielen anderen Unis die Studentengruppen „Aufklärung Organspende“, die spendenfinanziert in Schulen über das Thema sprechen, doch damit leider ganz häufig bei den Schulleitungen abblitzen. Diese Initiative müsste von den Kultusministern direkt ausgehen. Schritt zwei wäre die Einführung einer Widerspruchslösung mit Informationspflicht. Die schulische Bildung wäre bereits ein Element darin. Auch sollte die Transplantationsmedizin stärker auf Zentren konzentriert werden, die dann besser ausgestattet werden müssten. Vor allem wünsche ich mir eine Kultur, in der Organspende endlich positiv besetzt ist. Wenn die großen Spendengalas im Fernsehen irgendwann auch mal Organspenden und nicht mehr nur Geldspenden zum Thema machen würden, wären wir einen Riesenschritt weiter.

Interview: Ursula Rüssmann

 

 

Bundes­ärzte­kammer: Montgomery fordert offene Debatte um Organspende

Donnerstag, 19. April 2018

Berlin – Eine intensive öffentliche Debatte um das Einwilligungs- oder Widerspruchsverfahren zur Organspende forderte der Präsident der Bundes­ärzte­kammer (BÄK), Frank Ulrich Montgomery, heute in der Vorab-Pressekonferenz zum 121. Deutschen Ärztetag (8. bis 11. Mai 2018 in Erfurt) in Berlin. Auch wenn aus medizinischer Sicht die aktuell wieder diskutierte Widerspruchslösung das Beste wäre, erfordere das Thema Organspende mehr: Zum einen Maßnahmen zur rechtlichen Stärkung der Transplantationsbeauftragten, aber vor allem eine gesellschaftliche Einigung auf ein Einwilligungs- oder Widerspruchsverfahren.

Mit Blick auf den Deutschen Ärztetag betonte Montgomery, dass der von der Bundesregierung vorgelegte Koalitionsvertrag zwar pragmatisch angelegt sei und in weiten Teilen entsprechend abgearbeitet werden könne, ihm fehlten aber die „ganz großen Visionen“. Anlass zur Kritik sieht der BÄK-Präsident bei der geplanten Erhöhung der Mindestsprechstundenzeiten von 20 auf 25 Wochenstunden: „Wenn der Gesetzgeber 25 Prozent mehr Arbeit verlangt, muss er auch mehr Gehalt zahlen. Das muss sich in der Vergütung wiederfinden.“

Zur Diskussion um eine Vereinheitlichung der Honorarordnungen erklärte Montgomery, dass die Mitglieder der laut Koalitionsvertrag vereinbarten wissenschaftlichen Kommission, die bis 2019 die ärztlichen Honorarordnungen begutachten soll, noch nicht bestimmt seien, die BÄK aber auf eine Beteiligung Wert lege. Ein modernes Vergütungssystem brauche keine einheitliche Honorarordnung. Sowohl die einheitliche Gebührenordnung (EBM) wie auch die Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) benötigten jedoch Reformen.

Ein Problem für die ärztliche Versorgung sei die Zulassung von Ärzten aus Drittstaaten. Zurzeit erhielten etwa 65 Prozent aller Antragsteller eine Berufszulassung. Nötig sei im Interesse des Patientenschutzes die Schaffung einer bundesweit einheitlichen Regelung der Zulassung. Es stehe zur Diskussion, ob man nicht wie in den USA „diesen Leuten ein deutsches Staatsexamen abfordern muss“.

Montgomery kündigte an, dass der Deutsche Ärztetag in Erfurt die Novelle der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung beraten werde. Leitfrage sei hier, welche Kompetenzen Ärztinnen und Ärzte benötigen, „um als Facharzt oder -ärztin eigenständig tätig zu sein“.

Zum Thema Ärztemangel betonte Montgomery, dass der für das Medizinstudium verabschiedete „Masterplan 2020“ zwar „ein erster Schritt zum Guten“ sei, aber eher mittel- oder langfristige Wirkung zeigen werde. „Wir brauchen für die Weiterentwicklung der Medizin mehr Köpfe“, forderte der BÄK-Präsident erneut.

 

Auch mit Blick auf die Versorgungslage in den Krankenhäusern sieht Montgomery dringenden Handlungsbedarf: „Wir brauchen nicht nur mehr Stellen, wir brauchen eine Initiative für die Pflege.“ Maßnahmen, den Pflegeberuf attraktiver zu gestalten, seien zu begrüßen, seien aber angesichts des in Krankenhäusern zunehmend festzustellenden Fachkräftemangels gleichermaßen für alle Beschäftigten im Krankenhaus notwendig. Erforderlich sei, die stationäre Versorgung mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu stärken.

Auch die Notfallversorgung werde Thema für die Delegierten auf dem 121. Deutschen Ärztetag. Hier seien schon viele Vorschläge gemacht worden, aber erforderlich sei vor allem ein vernünftiges Miteinander der Ärzte in Niederlassung und stationärer Versorgung. Um die Lage zu verbessern, müsse man zum Einen die Notdienstnummer 116117 in der Bevölkerung etablieren. Akzeptieren müsse man aber auch, dass künftig bestimmte Kliniken keine Notaufnahme mehr haben werden, erklärte der BÄK-Präsident mit Blick auf den noch ausstehenden G-BA-Vorschlag.

Zum Thema Digitalisierung erklärte Montgomery, dass die Ärzte schon heute ihren Beitrag leisten, elektronisch gestützte Verfahren zu etablieren. „Aber viele gute Gedanken scheitern in Deutschland an der flächendeckend nicht vorhandenen Breitbandversorgung.“ Der Deutsche Ärztetag werde sich in diesem Themenfeld auch mit dem Fernbehandlungsverbot befassen. Er betonte, dass es „ein ausschließliches Fernbehandlungsverbot“ ohnehin nicht gebe. Entscheidend sei, dass der Arzt seinen Patienten kenne.

Dann könne mithilfe moderner Medien vieles getan werden: „Wir müssen uns auch hier konstruktiv dem internationalen Wettbewerb stellen.“ Dafür gelte es, konstruktive Regelungen zu treffen. Dennoch: „Der Goldstandard ist und bleibt das persönliche Gespräch.“ Digitale Hilfsmittel seien hier „unterstützende und wichtige Instrumente, aber kein Ersatz“.

Zur aktuellen Diskussion des § 219a (StGB), dem Werbeverbot für Schwangerschaftsabbrüche, erklärte Montgomery, dass er für die Ärzte hier Rechtssicherheit erwarte. Die Wahrnehmung von Werbung habe sich seit Schaffung dieser Regelung im Jahr 1992 erheblich verändert. Um für die betroffenen Frauen und ihre Ärzte Sicherheit zu schaffen, sei beispielsweise ein zugängliches Register denkbar. Ob hierzu eine rechtliche Änderung erforderlich sei, müsse man den Juristen überlassen.

Mit Blick auf Brüssel und die EU-Kommission warnte der BÄK-Präsident vor Eingriffen in die ärztliche Selbstverwaltung. Nationale Arzneimittelverordnungen dürften nicht über eine europäische Richtlinie verschlechtert werden. Die von der EU-Kommission vorgesehene Nivellierung der deutschen Verordnung auf niedrigeres europäisches Niveau sei ein nicht akzeptabler „Bückling vor der Industrie“. © dpa/aerzteblatt.de

 

 

Asien

Gesetzesänderung in Japan: Bald können menschliche Organe in Tieren gezüchtet werden

12.04.2018 • 13:32 Uhr

Ab Herbst wird in Japan das Verbot zum Züchten menschlicher Organe in Tieren aufgehoben. Das

Züchten von Organen könnte das Warten von Organspenden verkürzen, und der Forschung bei der

Heilung von Krankheiten helfen. Ethische Zweifel aber bleiben weiter bestehen.

Bisher erlaubt Japan nur die Injektion von Zellen, wie zum Beispiel menschliche Stammzellen (iPS Zellen) in befruchtete tierische Eizellen. Eine Expertenkommission kam zu dem Entschluss, die Transplantation von daraus entstehenden Embryos in den Uterus von Tieren sowie die Geburt des daraus entstehenden Lebens zu erlauben. Es wird erwartet, dass die Regierung der Empfehlung der Expertenkommission folgen wird und den Forschungen in diesem April den Weg öffnet. 

Für das künftige Züchten menschlicher Organe empfehlen sich besonders Schweine, da die Größe der Organe ungefähr mit denen des Menschen übereinstimmt. Aufgrund des Verbots praktizierten japanische Forscher ihre Nachforschungen bislang in Übersee. 

Künftige Forschungen sollen von einem strengen Management überwacht werden. Ethische Fragen

bleiben jedoch bestehen. Neben der verkürzten Wartezeit für auf Organspenden angewiesene

Menschen, würde die Aufhebung des Verbots, so die Wissenschaftler, die Forschung zur Heilung

menschlicher Krankheiten verbessern.

 

Noch keine Trendwende bei den Organspenden

Mittwoch, 11. April 2018

Frankfurt am Main – Die Zahl der Organspender und der gespendeten Organe liegt im ersten Quartal 2018 über den Zahlen des Vorjahresquartals: Die Zahl der Spender betrug von Januar bis März bundesweit 261 (ohne Lebendspender). Im Vorjahresquartal waren es 212 gewesen. Insgesamt spendeten sie im ersten Viertesjahr 2018 842 Organe (gegenüber 677 im Vorjahresquartal).

Chirurgen in Deutschland haben von Januar bis März 2018 861 Organe transplantiert, im Vorjahresquartal waren es 729 (ohne die Transplantationen nach Lebendspende). Gleichwohl warnt die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) aufgrund dieser Zahlen schon auf eine Trendwende bei den Organtransplantationen zu schließen. „Wir hatten auch in der Vergangenheit bereits sehr große Schwankungen bei den Organspenden in den verschiedenen Monaten“, sagte die Pressesprecherin der DSO dem Deutschen Ärzteblatt. Von einer Trendwende zu sprechen, sei daher „absolut verfrüht“.

Entwicklung ist eine Tragödie

Das Jahr 2017 bedeutete einen Tiefpunkt für die Transplantationsmedizin in Deutschland. Die Zahl der Organspenden war auf den niedrigsten Stand seit 20 Jahren gesunken. Dies dokumentiert der neue Jahresbericht 2017 der DSO im Überblick. Danach wurden in dem Jahr 2.594 Organe gespendet. Die DSO-Vorstände Axel Rahmel und Thomas Biet sprachen von einer ernüchternden Bilanz. Die Entwicklung sei „eine Tragödie, vor allem für diejenigen, die dringend auf eine Transplantation warten“, schreiben die beiden im Vorwort des Jahresberichtes.

Mehr als 10.000 Menschen warten in Deutschland derzeit auf eine lebensrettende Transplantation. Nachdem 2016 noch 834 Menschen gespendet hatten, fiel die Zahl der Spender 2017 laut DSO auf 797.

Druck für Systemwechsel wird größer

Die Organspende ist ein sehr komplexer Prozess, der nur im ständigen und engagierten Miteinander aller Partner auf einem breiten gesellschaftlichen Konsens sowie einer entsprechenden Wertschätzung verbessert werden kann. Weder die Politik noch die Entnahmekrankenhäuser oder die DSO werden diese Herausforderung alleine bewältigen. Aber gemeinsam können wir eine Kultur der Organspende in Deutschland entstehen lassen, bei der das Denken an und die Frage nach einer Organspende am Lebensende eine Selbstverständlichkeit ist“, so Rahmel und Biet.

Um den Trend umzukehren, haben Union und SPD im Koalitionsvertrag organisatorische Verbesserungen in den Kliniken vereinbart. Doch immer mehr Politikern und Gesundheitsexperten reicht das nicht: Ende März sprach sich der Präsident der Bundes­ärzte­kammer (BÄK), Frank-Ulrich Montgomery, für einen grundlegenden Systemwechsel in der Transplantationsmedizin aus.

Montgomery, aber auch etwa der ehemalige Präsident der Ärztekammer in Bayern, Max Kaplan, und der Ärztekammerpräsident aus Westfalen-Lippe, Theodor Windhorst, oder der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach und der stellvertretende Fraktions­vorsitzende der Union im Bundestag, Georg Nüßlein (CSU), fordern mittlerweile die Einführung der Widerspruchslösung, die von der Politik, deutlich abgelehnt wurde. Nur wer ausdrücklich widerspricht, käme dann im Fall eines Falles nicht als Organspender infrage. Ein bedeutender Unterschied zur bisherigen Regelung, bei der jeder Bürger einer Organspende ausdrücklich im Vorfeld zustimmen muss. Organentnahme würde damit zum Regelfall gemacht.

Aus medizinischer Sicht, vor allem aber aus Sicht der vielen schwerkranken Patienten auf der Warteliste wäre eine solche Regelung der Idealfall“, sagte der BÄK-Präsident kürzlich. Nüßlein sieht Handlungsbedarf, weil die bisherige Regelung gescheitert sei.

Europa tickt anders

Schon seit den Anfängen der Transplantationsmedizin wird darüber diskutiert, ob es eine Pflicht zur Organspende gibt und wer potenzieller Organspender ist. Deutschland hat sich 1997 im Transplantationsgesetz für eine „erweiterte Zustimmungslösung“ entschieden: Nur wer zu Lebzeiten ausdrücklich zugestimmt hat, ist ein potenzieller Spender. Erweitert wird die Regelung dadurch, dass auch die Angehörigen oder vom Verstorbenen dazu bestimmte Personen berechtigt sind, im Sinne des Patienten über eine Entnahme zu entscheiden.

Deutschland steht mit dieser Regelung allerdings in Europa ziemlich alleine da. Nach einer Übersicht der Krankenkassen haben 17 europäische Staaten die Organspende auf dem Weg der Widerspruchslösung geregelt, darunter auch Belgien, Luxemburg, Frankreich, Österreich und Polen. In den Niederlanden ist die Einführung der Widerspruchslösung zu Jahresbeginn beschlossen worden, in der Schweiz soll es dazu bald eine Volksabstimmung geben.

Sensibles Thema

Auch SPD-Politiker Lauterbach ist sich bewusst, dass eine Widerspruchsregelung das Misstrauen gegenüber der Transplantationsmedizin noch erhöhen könnte. Der SPD-Politiker fordert deshalb, dass alles getan werden müsse, um ein Nein zur Organspende auch verlässlich zu dokumentieren – etwa im Führerschein, im Personalausweis und mit einem eigenen Organspendeausweis. Zugleich sollten auch die Angehörigen ein Widerspruchsrecht erhalten, fordert auch Nüßlein. „Wenn die Familie nach dem Tod ihres Angehörigen glaubhaft versichert, dass dieser sich gegen die Organspende entschieden hätte, etwa weil er mehrfach darüber gesprochen hat, dann muss dies entsprechend gehandhabt werden“, sagte er.

Dabei wird in den meisten Ländern mit Widerspruchslösung nicht gegen den Willen der Angehörigen gehandelt. In Frankreich allerdings kann zwar jeder für sich selbst Widerspruch einlegen. Aber schon die Angehörigen verfügen über kein Mitspracherecht. © hil/kna/may/aerzteblatt.de

 

 

10.04.2018

Rheinland-Pfalz will für mehr Organspenden sorgen Transplantations-Beauftragte werden gestärkt

Eine Organspende ist für viele Kranke die letzte Hoffnung. Doch die Zahl der Organspenden reicht nicht aus. Rheinland-Pfalz will nun die Transplantationsbeauftragten an den Krankenhäusern stärken

Die Regierungskoalition aus SPD, FDP und Grünen will dafür sorgen, dass mehr Menschen Organe spenden. Das Kabinett verabschiedete am Dienstag eine Gesetzesnovelle, mit der die Transplantationsbeauftragten in den Krankenhäusern gestärkt werden sollen. Das sind Ärzte, die in ihren Häusern nach einer Schulung die Entnahme von Organen organisieren und die Angehörigen betreuen. Künftig sollen sie Ärzte mit Fachausbildung sein.

Es sei wichtig, Menschen für das Thema Organspende zu sensibilisieren und sie umfassend aufzuklären, so dass sie bereit seien, ihre Entscheidung zu Lebzeiten in einem Organspendeausweis festzulegen, erklärte Gesundheitsministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler (SPD).

Zuschüsse von den Krankenkassen

Zugleich sollten die Krankenhäuser unterstützt werden, in denen schon Organe gespendet werden. Die Krankenhäuser mit Intensivstation, die sich bisher nicht beteiligen, sollten dafür sensibilisiert werden. Seit 2014 bekommen Krankenhäuser einen Zuschuss von den Krankenkassen, um die Transplantationsbeauftragten zu finanzieren.

Landesweit mehr als 100 Transplantationsbeauftragte

109 Transplantationsbeauftragte gibt es in den Krankenhäusern in Rheinland-Pfalz. Das sind Ärztinnen oder Ärzte, die nach einer Schulung in ihren Häusern die Entnahme von Organen nach dem Hirntod organisieren. Ein Beauftragter pro Krankenhaus ist gesetzlich Pflicht.

In Rheinland-Pfalz gibt es die meisten Transplantationsbeauftragten in der Unimedizin in Mainz, dort sind es zehn. Das teilte das Gesundheitsministerium auf eine parlamentarische Anfrage der CDU-Fraktion mit. Fünf Beauftragte sind es im Städtischen Krankenhaus Pirmasens, vier im Klinikum der Stadt Ludwigshafen, vier in der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik in Ludwigshafen und vier im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Trier. In allen anderen Kliniken sind es weniger.

Gegen den Bundestrend wurden 2017 in Rheinland-Pfalz mehr Organe als im Jahr zuvor gespendet - die Zahl stieg von 124 auf 137. Die Zahl der Spender blieb mit 38 gleich.

 

 

09.04.2018 12:01

Neuer Tiefstand bei Kinder-Organtransplantationen: Chirurgen starten Spendenaktion

Kerstin Ullrich Pressestelle
Deutsche Gesellschaft für Chirurgie e. V.

Berlin – Die Zahl der Organtransplantationen bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland ist im vergangenen Jahr auf den niedrigsten Stand seit 2008 gesunken. Das belegen aktuelle Statistiken der Stiftung Eurotransplant. „Gleichzeitig warten viele Kinder auf ein überlebenswichtiges Spenderorgan“, bedauert Professor Dr. med. Jörg Fuchs, Präsident der DGCH. Um auf die Situation der kleinen Patienten und den Organmangel aufmerksam zu machen, veranstaltet die DGCH im Rahmen ihres Jahreskongresses einen Benefizlauf zugunsten der Kinderhilfe Organtransplantation (KiO). „Weitere Geldspenden sind jederzeit willkommen“, so Fuchs. Der DGCH-Kongress findet vom 17. bis 20. April 2018 in Berlin statt.

Laut Eurotransplant sind hierzulande im Jahr 2017 insgesamt 215 Kindern und Jugendlichen unter 16 Jahren lebensrettende Organe verpflanzt worden – die niedrigste Quote seit 2008. Gleichzeitig bewegt sich die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die im vergangenen Jahr auf Niere, Herz, Lunge, Leber oder Bauchspeicheldrüse warteten, mit 156 auf gleichbleibend hohem Niveau. „Auf der Warteliste zu stehen, ist für die ganze Familie eine sehr belastende und bedrohliche Situation“, stellt Kinderchirurg Fuchs fest. Obwohl Kinder und Jugendliche über Eurotransplant teilweise bevorzugt mit geeigneten Spenderorganen versorgt werden, weil ihnen sonst irreparable Entwicklungsstörungen drohen, fehlen Transplantate. Von den Kindern auf der Warteliste, die ein neues Herz oder eine neue Lunge brauchen, versterben daher 30 Prozent. Vor dem Hintergrund der sinkenden Transplantationszahlen ruft DGCH-Präsident Fuchs deshalb zu verstärkten Anstrengungen auf, über die Organspende aufzuklären. „Alle Verantwortlichen sind aufgefordert, nach Lösungen für den Organmangel zu suchen, und das heißt vor allem, über das Spenden von Organen nach dem Tod zu informieren“, sagt Fuchs.

Auch die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) sieht aufgrund des allgemein verschärften Organmangels dringenden Handlungsbedarf und fordert einen Initiativplan. „Die Situation ist zutiefst besorgniserregend“, erklärt Dr. med. Axel Rahmel, Medizinischer Vorstand der DSO. „Wir plädieren deshalb unter anderem dafür, die Rolle der Transplantationsbeauftragten in den Kliniken zu stärken und die Frage nach einer Organspende bei Behandlungsentscheidungen am Lebensende unter Berücksichtigung von Patientenverfügungen regelhaft einzubeziehen.“

Um die Öffentlichkeit für das Thema Organspende zu sensibilisieren, veranstaltet die DGCH im Rahmen ihres kommenden Kongresses einen Benefizlauf zugunsten organkranker Kinder und ruft zu finanziellen Spenden auf. Alle Einnahmen aus dem Chirurgen-Lauf gehen an den „Verein Kinderhilfe Organtransplantation – Sportler für Organspende e.V. (KiO)“. „Unterstützung ist willkommen, es handelt sich um ein vorbildliches Projekt“, so DGCH-Präsident Fuchs. Informationen zum Spendenkonto stehen auf der Kongress-Webseite: http://www.chirurgie2018.de/organspendelauf.php

Die gemeinnützige Organisation KiO unterstützt Familien mit organkranken Kindern und freut sich über die Spendenaktion der Chirurgen. „Leider deckt unser Gesundheitssystem in der außermedizinischen Begleitung organkranker Kinder nicht alles ab“, sagt KiO-Vorsitzender Reinhard Gödel. Benötigt würden vor allem psychosoziale Angebote für die Familien und finanzielle Hilfen für schwächer Gestellte. „Denn Krankheit kostet, das erfahren wir immer wieder. Etwa wenn wir uns an Besuchsfahrten oder Übernachtungen der Eltern in Kliniknähe beteiligen“, so Gödel. „Wir wissen, wie Mehrausgaben oder Verdienstausfälle sie in finanzielle Not bringen können.“

KiO hat deswegen einen Hilfsfonds eingerichtet und zudem spezielle Freizeit-Programme entwickelt. Sie geben den Kleinen nach oft jahrelanger Krankheit neues körperliches Selbstvertrauen und tun dem Zusammenhalt der Familien gut. KiO finanziert sich allein aus Spenden und Mitgliedsbeiträgen und ist 2004 initiiert worden vom Verein „Sportler für Organspende“, in dem sich mehr als 100 Olympiasieger, Welt- und Europameister engagieren.

Auch auf dem DGCH-Kongress diskutieren Medizinexperten das Thema Organmangel. Der Chirurgenkongress findet unter dem Motto „Tradition – Innovation – Globalisierung“ vom 17. bis 20. April 2018 im Berliner CityCube statt. Weitere Infos zum Kongress: http://www.chirurgie2018.de.


 

 

Bad Oeynhausen Reportage: Junge Mutter bekommt in achtstündiger OP ein neues Herz

In einer achtstündigen Operation wird der 29-jährigen Patientin Secil C. in Bad Oeynhausen 
ein Spenderorgan transplantiert. Wir haben die dramatischen Momente miterlebt.

Bad Oeynhausen. Der magische Moment ist nach sechseinhalb Stunden im Operationssaal gekommen. „Aorta auf" lautet die Ansage von Michael Schönbrodt. Der Oberarzt öffnet die Hauptschlagader. Blut strömt in das Herz, das wenige Stunden zuvor noch in der Brust eines anderen Menschen geschlagen hat. Das dann über mehrere Hundert Kilometer bis ins Herz- und Diabeteszentrum nach Bad Oeynhausen transportiert wurde. Und das Michael Schönbrodt nun in die Brust der 29-jährigen Patientin Secil C. eingesetzt hat. Gute vier Stunden lang hat das Herz stillgestanden. Doch in dem Moment, in dem das Blut hinein strömt, beginnt es wieder zu schlagen. So sieht es aus, das Wunder des Lebens, im größten Herztransplantationszentrum Europas.

Dieses Wunder beginnt für Secil C. morgens um 6.30 Uhr. Da teilt ihr der Transplantationskoordinator des HDZ mit: „Wir haben ein Spenderherz für Sie." Allein das ist schon ein kleines Wunder. Drei Wochen zuvor war Secil C. ins HDZ nach Bad Oeynhausen gekommen. Vor drei Jahren hatte die Patientin in München ein mechanisches Unterstützungssystem, also eine Pumpe, implantiert bekommen, das ihr geschwächtes Herz unterstützte.

Seit Mai 2016 ist die Ingolstädterin im HDZ in Behandlung. Alle zwei, drei Monate kommt sie seither nach Bad Oeynhausen. Im Februar verschlechterte sich ihr Zustand zusehends: „Rechtsherzversagen". Secil C. wurde auf der Liste der Patienten, die auf ein Spenderherz warten, in den höchsten Dringlichkeitsstatus HU (high urgency) eingestuft. Und nur einen Tag später meldet Eurotransplant, dass für die 29-Jährige ein Spenderorgan verfügbar ist.

"Ich hab' gedacht: Träumst du?"

„Ich hab’ gedacht: Träumst du?", berichtet Secil C. Sie hat zuerst ihren Sohn informiert, sich dann noch einmal geduscht, sich die Haare gemacht. Gegen 12.45 Uhr wird die 29-Jährige in den OP-Trakt des HDZ gebracht. Angst habe sie nicht, versichert sie. „Ich freue mich nur. Ich vertraue den Ärzten hier sehr."

Der Anästhesist nimmt die Patientin in Empfang. Bereitet sie auf die Operation vor. Und legt Secil C. schlafen. So bekommt sie den Transfer vom Vorraum in den Operationssaal gar nicht mehr mit.

Im OP steht Oberarzt Michael Schönbrodt mit seinem Team bereit. Er gehört zu den erfahrensten Transplantationsmedizinern im HDZ. Zehn, 15 Herzen verpflanzt er pro Jahr, und das seit 2010. Die Instrumente werden bereitgelegt, eine ganze Batterie von Scheren, Schalen, Nadeln. Es könnte losgehen. „Wir warten aber noch auf das Okay des Entnahmeteams", erklärt Schönbrodt.

Woher das Herz stammt, bleibt geheim

Das Team von Chirurg Andreas Godo ist am frühen Morgen aufgebrochen, um das Spenderorgan zu entnehmen, es zu untersuchen und dann sicher nach Bad Oeynhausen zu begleiten. Woher das Spenderherz stammt, das wird dem Empfänger nicht verraten. „Um ihn zu schützen", erklärt Anna Reiss, Pressesprecherin des HDZ. „Diese Anonymisierung ist in Deutschland im Transplantationsrecht so geregelt."

Das Team im OP wartet mit gespannter Geduld. Um 14.30 Uhr meldet sich das Entnahmeteam. An der Niere des Organspenders wurde ein Tumor entdeckt. Da auch dieses Organ einem Menschen neue Lebensqualität schenken soll, muss der Tumor untersucht werden, bevor das Herz entnommen wird. „Ne halbe Stund soll der Schnelltest dauern", erfährt Schönbrodt. Aus der halben Stunde werden fast eineinhalb. Dann endlich kommt der erlösende Anruf: Das Herz ist in Ordnung. Es kann losgehen. Um kurz vor 16 Uhr setzt der Chirurg das Skalpell zum ersten Schnitt an.

Dass es hier um einen existenziellen Eingriff geht, ist im OP kaum zu spüren. Schönbrodt und sein Team arbeiten konzentriert, professionell. Und doch ist diese OP auch für Schönbrodt keine Routine, obwohl der Oberarzt schon über 100 Herzen verpflanzt hat. „Gerade durch das Unterstützungssystem ist das sehr anspruchsvoll", sagt der 46-Jährige.

Alle Verbindungen gekappt

Kardiotechniker Kai Porschitz überprüft derweil noch einmal die Blutwerte der Patientin und seinen Maschinenpark. Um 17.15 Uhr übernimmt die Herz-Lungenmaschine die Versorgung der Patientin. Und 40 Minuten später hat Schönbrodt alle Verbindungen gekappt und nimmt das Herz aus der Brust der Patientin.

Das Entnahmeteam meldet sich. „Wir fahren jetzt von der Autobahn runter", teilt Godos Team mit. Vom Flughafen Hannover nimmt das Spenderherz die letzte Etappe mit dem Auto.

18.45 Uhr: Ein Mann vom Entnahmeteam bringt das Spenderherz in den OP. Nun geht alles ganz schnell. Schönbrodt untersucht das Organ, bereitet die großen Blutgefäße vor. 350 bis 400 Gramm, so schätzt Schönbrodt, wiegt das Organ. Er setzt das Herz in die Brust von Secil C. ein und beginnt, die vier großen Verbindungen zwischen Herz und Patientin herzustellen. Hochkonzentriert arbeitet sich der Chirurg von unten nach oben vor. Linker Vorhof, rechter Vorhof. Dann folgt die Pulmonalarterie, dann die Aorta. Mit 60 bis 80 Stichen näht der Chirurg jedes der großen Gefäße.

Das Herz beginnt zu schlagen

Das ist in 40 Minuten geschafft. Um 19.30 Uhr kommt der Moment der Wahrheit. Schönbrodt öffnet die Klemme, die die Aorta verschlossen hat. Das Blut strömt in den Herzmuskel. Und das Herz beginnt, selbstständig zu schlagen. Rund vier Stunden sind vergangen, seitdem es dem Körper des Spenders entnommen wurde. Schönbrodt versetzt dem Herzen trotzdem einen kleinen Stromstoß. „Das Herz hat ein bisschen rumgewackelt", beschreibt der Chirurg salopp den etwas unregelmäßigen Rhythmus. Das sei nicht selten nach einer Transplantation. Nun schlägt das Herz wie ein Uhrwerk.

Noch aber macht die Herz-Lungenmaschine die eigentliche Arbeit. Über die Maschine wird nun auch der Körper der Patientin, der auf 34,5 Grad heruntergekühlt war, behutsam wieder aufgewärmt. Das dauert eine Stunde. Dann gibt Schönbrodt das Kommando, die Herz-Lungenmaschine abzustellen. Schafft das neue Herz seine Aufgabe nun selbstständig? Ja, es schlägt wacker. Die Operation ist geglückt.

Aber sie ist noch nicht zu Ende. Drei Stunden hat Schönbrodt noch zu tun, dann ist die große Wunde geschlossen. Die Patientin kann auf die Intensivstation gebracht werden. Und Schönbrodt kann Feierabend machen. Es ist nach Mitternacht. Und Secil C. wird das Datum der OP künftig feiern. Als ihren zweiten Geburtstag.

 

„Ich bete jeden Tag für den Spender"

Nach der Transplantation: Wie sich Patientin
Secil C. mit ihrem neuen Herzen fühlt

Drei Wochen nach der Transplantation sind Secil C. die Strapazen der großen Operation noch anzusehen. Die 29-Jährige liegt auf der HTX-Station (Heart-Exchange) im HDZ Bad Oeynhausen. Ein Lächeln steht in ihrem blassen Gesicht. „Ich bin glücklich", sagt die 29-Jährige. Zwei Tage lang habe sie nach der Operation erstmal nur geschlafen. „Am dritten Tag habe ich gemerkt: Ich fühle mich wohl", berichtet sie. Wohler als vor der OP.

Inzwischen kann sie auch ein paar Schritte ohne Gehhilfe laufen. „In ein, zwei Wochen können wir Sie entlassen", verrät Oberarzt Michael Schönbrodt.

Solange muss Secil C. auch noch warten, bis sie ihre beiden Kinder, zwei und sechs Jahre alt, wiedersehen darf. Wegen der besonderen Infektionsgefahr für die Herzpatientin ist ein Besuch ihrer Kinder jetzt noch tabu. Und auch, wenn Secil C. nach der Reha wieder daheim ist, werden sie und ihre Kinder Hygienevorschriften einhalten müssen, um eine Infektion zu verhindern. Der Trennungsschmerz treibt Secil C. die Tränen in die Augen. „Aber ich freue mich, dass meine Kinder nun wieder eine gesunde Mama haben", sagt sie.

„Ich wusste immer: Eines Tages wird mich mein neues Herz finden", sagt die 29-Jährige. Nun mit einem fremden Herzen zu leben, das sei schon ein etwas seltsames Gefühl, berichtet sie. „Aber ich bin sehr dankbar. Ich bete jeden Tag für den Spender", sagt Secil C.

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Ärzteschaft

Montgomery für Widerspruchslösung in der Organspende

Dienstag, 3. April 2018

Berlin – In der Frage, ob es in Deutschland bei der Organspende einen Systemwandel braucht, hat sich nun auch der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Frank Ulrich Montgomery, positioniert. Er persönlich halte die Widerspruchslösung für richtig, sagte der BÄK-Präsident der Frankfurter Allgemeine Zeitung. Aus medizinischer Sicht und aus Sicht der vielen schwerkranken Patienten auf der Warteliste wäre eine solche Regelung der Idealfall.

Montgomery betonte zugleich, eine Debatte um die Widerspruchslösung müsse „mit großer Sensibilität“ geführt werden. Die Frage beträfe viele ethische, religiöse und rechtliche Fragen. „Nichts wäre schädlicher, als wenn die Menschen weiter verunsichert werden und sich diesem wichtigen Thema komplett verschließen“, sagte er.

Politik uneins

Der BÄK-Präsident steht mit seiner Meinung nicht allein. Der Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, Theodor Windhorst, hat sich bereits mehrfach für eine Widerspruchslösung ausgesprochen. Auch der ehemalige Präsident der Ärztekammer Bayern, Max Kaplan, hatte schon für einen Systemwechsel plädiert. Der Deutsche Ärztetag hatte sich zuletzt 2012 damit befasst. Die Forderungen der Ärztekammer­präsidenten gehen über diesen Beschluss allerdings hinaus.

Debatten um die Widerspruchslösung gibt es auch in der Politik. So

hat sich etwa der SPD-Politiker Karl Lauterbach wiederholt dafür

ausgesprochen. „Wer nicht spenden will, muss vorher ‚Nein’ sagen“,

sagte er dem Deutschen Ärzteblattes (DÄ) noch im Januar. Notwendig

wäre ein Register, in das sich diejenigen eintragen könnten, die nicht

bereit seien zu spenden. „Wir können verlangen, dass sich jeder aktiv

erklärt, der seine Organe im Todesfall nicht für das Leben anderer

Menschen hergeben möchte“, sagte der Gesundheitspolitiker.

Der Widerspruchslösung eine Absage erteilt damals wie heute die

CDU/CSU-Bundestags­fraktion. „Dies widerspricht unserer Philosophie

und unserem freiheitlichen Menschenbild“, hatte eine Sprecherin der

Fraktion im Januar dem Deutschen Ärzteblatt gesagt. Sie betonte,

nötig seien vielmehr deutlich mehr Aufklärung und Sensibi­lisierung

der Bevölkerung. In der FAZ betonte die gesundheitspolitische

Sprecherin der Union, Karin Maag, heute, sie könne sich derzeit „nicht

vorstellen“, dass man ernsthaft über eine Widerspruchsregelung

nachdenken werde. © may/EB/aerzteblatt.de

 

 

Debatte um Widerspruchslösung :

Wird die Organspende zum Normalfall?

Von Andreas Mihm , Berlin -Aktualisiert am 31.03.2018-22:06

Wenig Menschen sind noch bereit, nach dem Tod Organe zu geben.

Soll künftig jeder zum Spender werden, der nicht zeitlebens

ausdrücklichwidersprochen hat?

 

Die Zahl der Organspender geht seit Jahren immer mehr zurück. Um den

Trend zu stoppen und umzukehren, sind im Koalitionsvertrag organisatorische

Verbesserungen in den Kliniken verabredet worden. Vielen geht das nicht weit

genug, sie fordern eine Änderung der Rechtslage. Der Präsident der

Bundesärztekammer, Frank-Ulrich Montgomery, plädierte gegenüber der F.A.Z.

für einen Systemwechsel, weg vom Spenderausweis, hin zur

Widerspruchslösung. Die besagt im Kern, dass die Zustimmung zur

Organspende gegeben ist, solange ihr nicht ausdrücklich widersprochen wird.

Führende Gesundheitspolitiker der Koalition unterstützen solch einen, im

Koalitionsvertrag nicht verabredeten Systemwechsel gegenüber der F.A.Z.; es

kommt dazu allerdings auch Widerspruch aus den Fraktionen.

In den Niederlanden war die Einführung der Widerspruchslösung erst zum Jahresanfang beschlossen worden, in der Schweiz soll darüber abgestimmt werden. Sie ist in der großen Mehrzahl der europäischen Staaten die Regel. In Deutschland war die Zahl der Organspenden im vergangenen Jahr auf den niedrigsten Stand seit 20 Jahren gesunken.

„Es besteht offenkundig Handlungsbedarf“

Nicht erst seit der Entscheidung in den Niederlanden stehe das Thema Widerspruchslösung auch in Deutschland zur Diskussion, sagte Montgomery. „Ich persönlich halte die Widerspruchslösung für richtig. Aus medizinischer Sicht, vor allem aber aus Sicht der vielen schwerkranken Patienten auf der Warteliste wäre eine solche Regelung der Idealfall“, sagte der Ärztepräsident. Sein Stellvertreter Max Kaplan aus Bayern und der Vorsitzende der Ärztekammer Westfalen, Theodor Windhorst, hatten sich zuvor ähnlich geäußert, auch wenn das über die offizielle Beschlusslage der deutschen Ärzteschaft hinausgeht, die sich damit zuletzt auf dem Ärztetag 2012 befasst hatte.

In der Koalition gibt es dafür Unterstützung. Georg Nüßlein (CSU), stellvertretender Vorsitzender der Unionsfraktion, sprach sich für eine Änderung der geltenden Regelung aus, wonach ein Organspender seine Entscheidung aktiv durch seine Unterschrift auf dem Spenderausweis dokumentiert haben muss. Die jetzige Regelung sei gescheitert, wie man an der seit Jahren sinkenden Zahl der Organspender sehe. „Es besteht offenkundig Handlungsbedarf“, sagte Nüßlein der F.A.Z und fügte hinzu: „Ich persönlich bin für die doppelte Widerspruchslösung.“ Nach der Regel können auch Angehörige einer Organentnahme dann widersprechen, wenn der potentielle Spender dazu keine Verfügung gemacht hat.

Der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Karl Lauterbach sagte dieser

Zeitung: „Langfristig sehe ich nur in der Widerspruchsregel eine Lösung des

Problems mangelnder Organspenden.“ Die gesundheitspolitische Sprecherin

der SPD-Fraktion, Sabine Dittmar, zeigte sich für das Modell offen. „Man kann

es einem Menschen schon abverlangen, sich zu entscheiden“, sagte sie.

Allerdings bezweifelte die Allgemeinmedizinerin, dass es dafür aktuell eine

Mehrheit Im Bundestag gebe. Kurzfristig könne man durch organisatorische

und finanzielle Änderungen in jenen Krankenhäusern, wo Organe entnommen

werden, eine Verbesserung der Zahl der Spender erreichen. Dazu heißt es im

Koalitionsvertrag: „Dazu werden wir eine verbindliche Freistellungsregelung

für Transplantationsbeauftragte schaffen und diese finanzieren. Die

Organentnahme wird höher vergütet.“

Darauf verwies auch die gesundheitspolitische Sprecherin der Union, Karin

Maag (CDU). Der Koalitionsvertrag nehme die positiven Erfahrungen aus

Bayern auf, wo die Zahl der Organspenden gestiegen sei, seitdem Ärzte für

Gespräche mit möglichen Spendern und Angehörigen freigestellt worden

seien. Das müsse als Erstes bundesweit organisiert werden, bevor

weitergehende Änderungen beschlossen würden, die sie skeptisch

kommentierte: „Ich kann mir zurzeit nicht vorstellen, dass wir ernsthaft über

eine Widerspruchsregelung nachdenken“, sagte sie. Es sei besser, die

Menschen regelmäßig aufzuklären und daran zu erinnern, dass sie eine

Entscheidung treffen sollten, sagte Maag. Die letzte „Erinnerungsrunde“ der

Krankenkassen war wegen des Skandals um Unregelmäßigkeiten bei

Transplantationen ausgefallen.

Auch Ärztepräsident Montgomery nannte es „gut und richtig, dass sich Union und SPD in ihrem Koalitionsvertrag zum Ziel setzen, die Organspendezahlen zu erhöhen“. Verbindliche Freistellungs- und Finanzierungsregelungen für Transplantationsbeauftragte sowie eine höhere Vergütung der Organentnahme können zu höheren Spendezahlen beitragen. Auch wenn er die Widerspruchslösung bejahe, so sei doch fraglich, ob sie in Deutschland politisch umsetzbar sei. Hier spielten viele ethische, religiöse und auch rechtliche Fragen mit hinein. „Wenn, dann muss eine Debatte über die Widerspruchslösung mit großer Sensibilität geführt werden. Nichts wäre schädlicher, als wenn die Menschen weiter verunsichert werden und sich diesem wichtigen Themas komplett verschließen.“

Bisher hatten Reformen keine positive Auswirkungen

Nüßlein sagte, er rechne damit, dass es in den Fraktionen eine offene Debatte über das Thema geben werde. „Ich gehe davon aus, dass das in einer Gesetzesinitiative münden wird.“ Der CSU-Politiker regte an, dass die Fraktionen über diese Frage die Abstimmung freigeben sollten, denn es handle sich um eine Gewissensentscheidung. Nur in einer Handvoll europäischer Länder gilt die Zustimmungsregel, von der die deutsche „Entscheidungslösung“ eine Variante ist. Gespendet werden darf nach Zustimmung des Spenders oder seiner Angehörigen, die zuvor informiert werden. Es bleibt der Person dabei aber unbenommen, sich nicht festzulegen.

Doch hatte die Reform des Organspenderechts 2012 keine positive Auswirkung auf die Spendenbereitschaft gehabt. Nach Zahlen der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) ist die Zahl der Spender deutschlandweit im vergangenen Jahr mit 797 Organspendern und 2594 gespendeten Organen auf den niedrigsten Stand seit 20 Jahren gefallen. Gegen den Trend fielen die Daten in Bayern sowie Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland besser aus. Allerdings warten 10.000 schwerstkranke Patienten auf eine lebensrettende Transplantation. In Deutschland kamen im vergangen Jahr 9,7 Spender auf eine Million Bürger. DSO-Vorstand Axel Rahmel hatte die Lage schon Ende vergangenen Jahres als „zutiefst besorgniserregend“ charakterisiert und eine Besserstellung der Transplantationsbeauftragen in den 1250 deutschen Kliniken, die Organentnahmen praktizieren können, verlangt. Vorbildlich sei die Lage in Bayern, wo seit 2017 verbindliche Freistellungsregeln für Transplantationsbeauftragte gelten. Prompt hatte die Zahl der Spender dort um 18 Prozent angezogen.

 

 

27.03.2018

Mehr als 1000 Transplantationen: Uniklinik kämpft gegen ein Problem an

Dresdner Ärzte schlagen Alarm: Immer weniger Sachsen lassen sich als Organspender registrieren

Von Hermann Tydecks

Dresden - Ärzte des Dresdner Uniklinikums schlagen Alarm: Immer weniger Sachsen lassen sich als Organspender registrieren. Für immer mehr Kranke schwinden damit die Chancen auf eine rettende Operation.

Fotos: Thomas Türpe

Nur 50 Organspender gab es 2017 im Freistaat (im Vorjahr noch 60). Zu Höchstzeiten waren es 72 Sachsen, die nach ihrem Tod durch Organspenden anderen das Leben retteten.

"Die Spendenbereitschaft ist dramatisch zurückgegangen. Die Situation für die Patienten schwierig", so Christian Hugo (55).

Der Spezialist betreut 254 Patienten an der Uniklinik, die aktuell auf eine Niere warten. Jedes Jahr Dialyse verschlechtert ihre Gesundheit weiter, mindert Erfolgsaussichten einer Transplantation.

"Früher warteten Patienten im Schnitt zwei Jahre. Heute schon sieben Jahre, bald sind es acht", sagt Klinikdirektor Manfred Wirth (69) besorgt.

Ärzte der Uniklinik transplantierten seit 1995 schon 1000 Nieren. "Ich bin so froh, dass mir ein neues Leben geschenkt wurde", dankt der 1001. Patient Ronny Kneipel (45) aus Meerane.

Patricia Klein (58) von der Landesärztekammer: "Organspenden dürfen nicht eingefordert werden, müssen freiwillig sein. Jede Spende ist ein Geschenk, rettet Leben."

 

21.03.2018 14:06

Uniklinikum Würzburg: Mit Letermovir lebensbedrohlichen Cytomegalievirus-Infektionen vorbeugen

Susanne Just Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Universitätsklinikum Würzburg

Die Ergebnisse einer großen Phase III-Studie unterstreichen: Mit dem Wirkstoff Letermovir kann man einer der schwersten Infektionen bei immungeschwächten Patienten sicher vorbeugen. An der Entwicklung der antiviralen Substanz und der aktuellen Studie waren zwei Experten des Uniklinikums Würzburg maßgeblich beteiligt.

Dies ist vor allem eine gute Nachricht für künftige Knochenmark-, Stammzell- oder Organtransplantierte. Mit dem Wirkstoff Letermovir steht uns bald eine neue Standard-Therapie zur Verfügung, mit der wir bei diesen häufig immunsupprimierten Patienten einer Infektion mit dem Cytomegalievirus wirksam und nebenwirkungsarm vorbeugen können“, betont Prof. Dr. Hermann Einsele. Der Direktor der Medizinischen Klinik und Poliklinik II des Uniklinikums Würzburg (UKW) stützt sich bei dieser Aussage auf die Ergebnisse einer knapp zweijährigen Studie, die Ende vergangenen Jahres in der international hoch angesehenen Fachzeitschrift New England Journal of Medicine veröffentlicht wurden.

Prof. Einsele und Prof. Ullmann als Co-Autoren

Von Seiten des UKW war neben Prof. Einsele auch Prof. Dr. Andrew Ullmann Co-Autor der Publikation. Wie Prof. Einsele arbeitet auch Prof. Ullmann – derzeit beurlaubt für seine Mitgliedschaft im Deutschen Bundestag – schon seit über einem Jahrzehnt an der Entwicklung und Erprobung von Letermovir mit. Der Experte für Viren- und Pilzinfektionen erläutert: „Ohne klinische Forschung in Deutschland wären solche Ergebnisse nicht möglich. Die klinische Forschung leistet einen bedeutsamen Beitrag zum Wohlergehen unserer Patienten, von denen bis zu 60 Prozent den Cytomegalievirus in sich tragen. Dieser Virus kann gerade bei immungeschwächten Menschen schwere Krankheiten auslösen, weshalb die Beteiligung von Patienten an klinischen Studien im universitären Umfeld für den medizinischen Fortschritt unverzichtbar ist.“

Infektionsgefahr bei schwachem Immunsystem

Die Erstinfektion verläuft in den allermeisten Fällen ohne Krankheitssymptome, sie wird von den Betroffenen normalerweise gar nicht bemerkt. Allerdings verbleibt das Virus danach latent im Körper und wird vom Immunsystem in Schach gehalten. „Gefährlich werden kann es, wenn das Immunsystem ausgeschaltet oder zumindest stark geschwächt ist. Dies ist zum Beispiel bei Knochenmark-, Stammzell- oder Organtransplantierten der Fall“, berichtet Prof. Ullmann. Bei diesen Patienten kann das Cytomegalievirus wieder aktiv werden und dann beispielsweise die Netzhaut oder die Lunge befallen – es drohen Blindheit oder Tod.
Bisher auf dem Markt dagegen verfügbare Medikamente haben schädigende Nebenwirkungen auf die Blutbildung im Knochenmark oder auf die Nieren. Deshalb forschen deutsche und US-amerikanische Wissenschaftler/innen seit einigen Jahren an einem neuen Wirkstoff mit dem Namen Letermovir, der an einer anderen Stelle im Vermehrungszyklus des Virus im Vergleich zu den gängigen Medikamenten ansetzt.

Viren werden sicher unterdrückt

An der kürzlich publizierten multizentrischen, doppel-blinden Phase III-Studie nahmen insgesamt 565 Empfänger allogener hämatopoetischer Stammzelltransplantationen in den USA und Deutschland teil. Bei ihnen wurde über DNA-Untersuchungen vorab geklärt, ob sie das Virus in sich tragen. Die Betroffenen erhielten dann nach der Transplantation 14 Wochen lang Letermovir oder ein Scheinmedikament. Es zeigte sich, dass mit der vorbeugenden Gabe von Letermovir das Virus deutlich unterdrückt werden kann: In dieser Gruppe entwickelten 38 Prozent der Teilnehmer eine klinisch signifikante Cytomegalievirus-Infektion, in der Placebo-Gruppe 61 Prozent.
Letermovir ist in den USA seit November 2017 unter dem Namen Prevymis als Arzneimittel zugelassen. Im gleichen Monat empfahl die Europäische Arzneimittelagentur auch die Marktzulassung in Europa. „Wir hoffen, dass diese bald erfolgt, damit auch wir in Deutschland nun bald Prevymis als Standard-Therapie einsetzen können“, sagt Prof. Einsele.

 

 

Ärzte Zeitung online, 20.03.2018

Transplantationsbeauftragte

LÄK Hessen fordert Freistellung nach bayerischem Vorbild

BAD NAUHEIM. Die Delegiertenversammlung der Landesärztekammer (LÄK) Hessen fordert eine verbindliche Freistellung ärztlicher Transplantationsbeauftragter von Routinearbeiten in hessischen Kliniken.

Die Hoffnung: dass dann ähnlich wie in Bayern die Zahl der Organspenden wieder steigt. In Bayern wurde nämlich im vergangenen Jahr genau jene zeitanteilige Freistellung gesetzlich geregelt. Die Folge laut LÄK Hessen: Bereits im ersten Jahr nahm die Zahl der Organspenden entgegen dem bundesweiten Trend zu.

Nach dem hessischen Gesetz zur Ausführung des Transplantationsgesetzes muss die ärztliche Leitung eines Krankenhauses zwar auch jetzt schon sicherstellen, dass die Transplantationsbeauftragten von sonstigen Tätigkeiten freigestellt werden, um ihre Aufgaben zu erfüllen.

Doch wegen Personalmangels, Arbeitsverdichtung, ökonomischer Zwänge in den Kliniken sowie fehlender Akzeptanz funktioniere das im Alltag eher schlecht als recht, moniert das Ärzteparlament. Die verbindliche zeitanteilige Freistellung soll das ändern.

Gleichzeitig appelliert das hessische Ärzteparlament an den Bundesgesundheitsminister, nicht nur die Pflegepersonalkosten aus den DRG herauszunehmen. Diese isolierte Herausnahme von Pflegekosten (wir berichteten) berge die Gefahr, dass dann vermehrt andere Personalbereiche den Sparzwängen der Kliniken zum Opfer fallen würden.

Das könnte laut den Delegierten dann auch zulasten der Ärzte gehen. "Eine gute Versorgung der Patienten gelingt jedoch nur als multiprofessionelles Team", heißt es in der einstimmig verabschiedeten Erklärung. (reh)

 

Angehörige und Organspende

"Die letzte Last hat sie mir gelassen"

Wenn ein geliebter Mensch gestorben ist, müssen Angehörige manchmal eine schwere Entscheidung fällen: für oder gegen eine Organspende. Zwei Betroffene erzählen - und haben einen Appell an alle.

Von Eva Schläfer

Montag, 19.03.2018

Als es in einer Weihnachtsnacht an der Tür von Heiner Röschert klingelt, ist eines seiner Kinder tot, das andere liegt im Sterben. Die 27-jährige Pia und der 25-jährige Felix haben den Heiligabend bei ihrem Vater in der Nähe von Würzburg gefeiert. Auf dem Rückweg geraten die Grundschullehrerin und der Krankenpfleger auf der Bundesstraße in das Rennen zweier Männer Anfang 40. Mit mehr als 160 km/h rast der erste Wagen - der Fahrer hat mehr als zwei Promille - in Pias Auto. Es wird in den Straßengraben katapultiert, schleudert zurück, wird vom zweiten Wagen erfasst.

Pia ist sofort tot. Felix wird mit Schädelhirntrauma, Hirnschwellung und drei Brüchen des ersten Halswirbels in die Uniklinik Würzburg gebracht. Dort hat er seine Ausbildung absolviert, dort arbeitete er in reduzierter Stundenzahl. Er wollte sein Abitur nachholen und studieren.

Als Heiner Röschert auf der Intensivstation eintrifft, wird ihm gesagt, dass er sich keine großen Hoffnungen machen solle.

"Es war sein Wille"

"Nach ein paar Stunden fragte der Oberarzt der Klinik, ob Felix einen Organspendeausweis hat", erzählt Heiner Röschert heute, gut sechs Jahre nach dem Unglück. "Das habe ich bejaht. Mir wurde dann die Frage gestellt, ob das für mich infrage kommt. Das habe ich wiederum bejaht. Mein Sohn hat den Spenderausweis bewusst ausgefüllt. Es war sein Wille." Die Röscherts hatten zu Hause über Organspende gesprochen. Auch Pia hatte einen Spenderausweis. Weil sie bereits am Unfallort verstarb, kam sie als Spenderin nicht in Frage.

In Deutschland gibt es zwei Voraussetzungen für eine postmortale Organspende: Der Verstorbene oder die Angehörigen müssen der Organentnahme zugestimmt haben. Und zwei dafür qualifizierte Ärzte müssen unabhängig voneinander den Hirntod festgestellt haben, also den unumkehrbaren Ausfall der gesamten Hirnfunktionen.

Die Schaltzentrale des menschlichen Organismus, das Hirn, ist abgestorben. Die Atmung und damit auch der Herzschlag des Menschen werden nur noch durch Maschinen aufrechterhalten.

Heiner Röschert verständigt Angehörige und die Freundin von Felix. Sie studiert in Frankreich und braucht einen knappen Tag, bis sie in Würzburg eintrifft. Drei Stunden vor der Explantation, die 30 Stunden nach dem Unfall stattfindet, kommt sie auf der Intensivstation an und kann sich von ihrem Freund verabschieden.

"Du kannst ja auch Nein ankreuzen"

Wie er ohne Felix' Organspendeausweis entschieden hätte? Heiner Röschert ist sich nicht sicher. "Man ist in einer solchen Ausnahmesituation. Ich hatte das Glück, das Wissen zu haben." Er appelliert an alle, eine Entscheidung zu treffen. "Es ist eine einmalige Chance, das, was du möchtest, in einem Ausweis zu dokumentieren - nicht nur für dich, sondern auch für Deine Angehörigen. Du kannst ja auch Nein auf dem Ausweis ankreuzen."

Wie belastend diese Entscheidung sein kann, wenn der Wille des Verstorbenen unbekannt ist, das weiß Ina Igler. Im Sommer vor acht Jahren wird ihre langjährige Freundin Charlotte Bender (beide Namen geändert) bewusstlos in ein Krankenhaus in Thüringen eingeliefert.

Im Portemonnaie der 66-jährigen Rentnerin befindet sich eine Vollmacht, die Charlotte mehr als zehn Jahre zuvor verfasst hatte. Damals musste sie sich einer Operation unterziehen. Ihre Familie befand sich im Ausland, sie wollte vorsorgen. "Charlotte sagte zu mir: Es wäre mir lieb, wenn du eine Entscheidung triffst, wenn es etwas zu entscheiden gäbe." Sie tat ihrer Freundin den Gefallen gerne. "Damals habe ich gedacht: Es wird schon nichts passieren."

Bei der OP passierte nichts, doch nun nimmt die Vollmacht einen entscheidenden Einfluss auf Iglers Leben: Sie ist diejenige, die das Krankenhaus nach dem Zusammenbruch der Freundin kontaktiert. Dort angekommen, eröffnet ihr die Ärztin, dass ein Blutgerinnsel in Benders Halsschlagader steckengeblieben ist. Die nächsten Stunden würden über ihre Überlebenschancen entscheiden.

"Man schwankt wie ein Halm im Wind"

Nach einer durchwachten Nacht bekommt sie Unterstützung durch Benders Bruder und Tochter. "Am Morgen wurde uns mitgeteilt, dass Charlotte verstorben und der Hirntod eingetreten ist", sagt Igler. Sie alle hätten den Tod nicht fassen können: "Charlotte sah schön aus, die Hände waren warm, ich habe den Puls gefühlt." Die Ärztin habe nach dem Vermächtnis einer Organspende gefragt oder inwieweit die Familie bereit sei, eine Entscheidung zu treffen. Igler erinnert sich an diese Stunden: "Man schwankt wie ein Halm im Wind."

Sie wägen Für und Wider ab, immer wieder. Als sich die Gespräche nach Iglers Gefühl im Kreis drehen, trifft sie auf Basis der Vollmacht eine Entscheidung. "Das war für mich nicht einfach. Ich habe gedacht, dass Charlotte eine Frau war, die immer alles für die anderen gegeben hat. Sie wollte immer, dass es allen gut geht, dass alle gesund sind. Das hat mich geleitet." Ina Igler stimmt der Organspende zu. Charlotte Bender werden eine Niere, Leber und Herz entnommen. Die Organe werden drei Menschen implantiert. Die Familie akzeptiert die Entscheidung. Ina Igler hat heute noch Kontakt zu ihr.

Doch gemeinsame Freunde werfen ihr vor, Charlottes Körper ausgeschlachtet zu haben. Sie bricht den Kontakt zu manchen Leuten komplett ab, zieht sich zurück, arbeitet permanent. "Ich konnte die Reaktionen der Leute nicht verstehen, war auch erschrocken darüber." Trotzdem habe sie gezweifelt.

"Ich habe mich gefragt, ob die anderen doch recht hatten, ob ich einen Fehler gemacht habe", erzählt sie. Die Vorfälle hätten tiefe Wunden auf ihrer Seele hinterlassen. Sie habe zwar nie gegrollt mit ihrer Freundin, aber: "Charlotte hat sich immer die Last von allen aufgebürdet, aber die letzte Last hat sie mir gelassen."

Erst als sie Angehörige von anderen Organspendern kennenlernt, wird sie aufgefangen, öffnet sich wieder ihrer Umwelt.

Ina Igler und Heiner Röschert erhalten jährlich eine anonyme Mitteilung, wie es den Empfängern

der gespendeten Organe geht. Felix wurden fünf Organe entnommen, die vier Menschen

implantiert wurden. Alle sind wohlauf. Von Charlottes Organempfängern lebt noch einer.

Igler und Röschert engagieren sich heute pro Organspende und treten dafür ein, dass Organspender von der Gesellschaft stärker anerkannt und als Lebensretter wahrgenommen werden. Ein Patentrezept, wie das geschehen kann, haben sie nicht. Aber sie glauben daran, dass auch das eine Maßnahme sein könnte, die Zahl der Organspenden in Deutschland wieder steigen zu lassen. Und damit Leben zu retten.

 

16.03.2018

Schweine als Organspender

Eigentlich kommen Schweine als Organspender für Menschen nicht infrage. In ihrem Erbgut sind Viren enthalten, die gefährlich für den Menschen sind. Doch Forschern ist es nun gelungen, diese Retroviren durch Gentechnik auszuschalten. Sie konnten die Gene der Schweine verändern.

Ersatzorgane für den Menschen

In Deutschland warten mehr als 10.000 Menschen auf ein Spenderorgan, berichtet die 'Deutsche Stiftung Organtransplantation'. Es werden dringend Organe benötigt, nicht nur bei uns. Daher bemüht sich die Wissenschaft schon lange darum, Organe von Schweinen für den Menschen nutzen zu können. Nun scheint es einen ersten Erfolg zu geben: Es sind die ersten Ferkel auf die Welt gekommen, die frei von den sogenannten endogenen Retroviren (PERVs) sind. Dazu haben Forscher der US-Eliteuniversität Harvard die Gene der Schweine verändert, um die Viren aus dem Erbgut der Tiere zu entfernen. Dieses Ergebnis veröffentlichten sie im Fachjournal 'Science'.

Die Retroviren in der DNA könnten bei einer Transplantation gefährlich für den Menschen werden. Sie könnten in die Zellen der Empfänger geraten und Krankheiten wie Krebs verursachen.

Trotz des Erfolges ist nicht klar, ob die Organe sicher für den Menschen sind. Die Abstoßungsreaktion ist sehr hoch bei tierischen Organen. Der Patient müsste mehr Medikamente nehmen, um diese Reaktionen zu unterdrücken. Zudem können auch mehr Nebenwirkungen auftreten. Es ist auch noch ungewiss, ob die Schweine ohne den Virus in ihrer DNA überleben können. Die ersten genmanipulierten Ferkel waren zum Zeitpunkt der Publikation erst vier Monate alt.

Weitere Untersuchungen sind daher nötig, um ganze Organe transplantieren zu können. Bisher können Menschen bereits biologische Herzklappen von Schweinen oder Rindern eingepflanzt werden.

Warum ausgerechnet Schweine-Organe?

Die Wissenschaftler forschen so intensiv an Schweinen, weil ihr Stoffwechsel denen von Menschen ähnelt. Außerdem sind sie uns genetisch sehr ähnlich - und auch aus Kostengründen gut geeignet.

Die Übertragung tierischer Organe auf den Menschen wird auch 'Xenotransplantation' genannt.

Wie haben die Forscher den Virus entfernt?

Um die Viren aus der DNA der Schweine zu entfernen, arbeiteten die Forscher mit der sogenannten Gen-Schere 'CRISPR-Cas9'.

Erklärung

https://www.3sat.de/page/?source=/scobel/186137/index.html

 

CRISPR / Cas9 - die Genschere
 

Leicht anwendbar, präzise, preiswert und einfach

 

Mit CRISPR / Cas9 , einem gentechnischen Verfahren, laiensprachlich auch

"Genschere" genannt, gelingen rückstandfreie, buchstabengenaue Eingriffe im Erbgut

bei Mikroorganismen, Pflanzen, Tieren oder Menschen, denn CRISPR /

Cas9 funktioniert in praktisch jedem Organismus.

Die neue Technik gilt als besonders leicht anwendbar, präzise, preiswert und

selbst in einfach ausgestatteten Laboren durchführbar. Emmanuelle

Charpentier und Jennifer Doudna haben als erste gezeigt, dass man die von Bakterien

zur Phagenabwehr entwickelte Genschere CRISPR / Cas9 dazu

benutzen kann, jede beliebige DNA-Sequenz anzusteuern und zu zerschneiden.

Sie haben das Verfahren radikal vereinfacht und dies 2012 in "Science"

beschrieben. Tausende Forscher weltweit arbeiten seither mitCRISPR / Cas9 .

 

Potenzial und Gefahren

Wie mit einem Skalpell kann das Erbgut verändert werden ("genome editing").

Eine Gensequenz kann zerschnitten, ausgeschaltet oder durch eine andere

ersetzt werden. Während zuvor jeweils spezielle Werkzeuge kreiert werden

mussten, funktioniert CRISPR / Cas9 stets mit der gleichen Schere, die

zusammen mit zwei einfachen Molekülen eine bestimmte Stelle in der DNA findet. So

können Forscher Gene ausschalten, defekte DNA-Teile ersetzen oder

neue Gensequenzen einfügen. Das funktioniert bei allen Zellen - Viren, Hefen,

Pflanzen, Tieren und auch beim Menschen. Die Methode hat großes Potenzial,

birgt aber auch Gefahren.

 

Eine mögliche Chance: Vielleicht ist es möglich, damit Erbkrankheiten zu

kurieren und Krankheiten ausrotten.

 

Eine mögliche Gefahr: Es ist auch möglich, Spermien und Eizellen zu verändern

- und damit in den menschlichen Genpool einzugreifen. Charpentier und

Doudna lehnen Eingriffe in die Keimbahn ab.

 

Die Allround-Schere für die Bearbeitung von Genen war nach Einschätzung des

Magazins "Science" der wissenschaftliche Durchbruch des Jahres 2015: Die

Abkürzung CRISPR steht für "Clustered Regularly Interspaced Short

Palindromic Repeats".

 

Infobox

Die Berliner Molekularbiologin Prof. Emmanuelle Charpentier gilt wegen der

Entwicklung der Methode als Kandidatin für einen der kommenden

Nobelpreise. Das CRISPR / Cas9-System hat sie ursprünglich in Bakterien

entdeckt. Bei der Studie dieses Systems entdeckte Charpentier während ihrer

Zeit als Gruppenleiterin an der schwedischen Umeå-Universität in Schweden

mit ihrem Team diesen Mechanismus, mit dem sich Bakterien gegen

eindringende Viren verteidigen. Gemeinsam mit Prof. Jennifer Doudna von der

Universität Kalifornien in Berkeley feilte sie ihn zu einem

molekularbiologischen Werkzeug aus.

 

 

12.03.2018den-Studie: Frauen tun

Organspenden- Studien: Frauen tun es viel öfter – weil sie selbstloser sind

Zwei Drittel aller Spendernieren sind von Frauen

Diese Zahlen sollten den Herren der Schöpfung zu denken geben: Zwei Drittel aller in Europa transplantierten Nieren werden von Frauen gespendet. Auch was die Spendenbereitschaft innerhalb der Familie anbetrifft, liegen Frauen weit vorn. 36 Prozent der medizinisch geeigneten Frauen wären dafür bereit, jedoch nur sieben Prozent der Männer, die theoretisch in Frage kämen.

12.000 Menschen in Deutschland warten auf eine neue Niere

Diese Zahlen veröffentlichte das Fachmagazin 'Visceral Medicine' anlässlich des Weltnierentages. Sie beziehen sich auf lebende Spender. Warum Frauen so viel spendenfreudiger sind? Ganz einfach, sagen Experte angesichts der Studienergebnisse: Frauen sind schlichtweg selbstloser.

Bedarf an Organspenden besteht zur Genüge: Allein in Deutschland gibt es derzeit etwa 12.000 Menschen, die auf eine Niere warten. Über zwei Millionen Deutsche leiden an einer eingeschränkten Nierenfunktion, etwa 80.000 sind dauerhaft auf die Dialyse angewiesen. Rund 2.100 Nieren werden jedes Jahr in Deutschland transplantiert.

Erwachsene Niederländer sind automatisch Organspender

Nur knapp 30 Prozent der Deutschen zwischen 14 und 75 Jahren besitzen laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung einen Organspendeausweis.

Einen anderen Weg gehen künftig die Niederlande. Dort wurde vor kurzem ein neues Gesetz verabschiedet: Danach wird jeder volljährige Bürger automatisch als Organspender registriert. Diejenigen, die das ablehnen, müssen sich melden. Bislang mussten sich Menschen aktiv registrieren lassen, wenn sie nach ihrem Tod Organe für Transplantationen spenden wollen

Die Initiatoren hoffen auf mehr Spenderorgane mit dem neuen System. Auch bei der neuen

Regelung sollen Angehörige in Zweifelsfällen über eine Entnahme von Organen mitbestimmen

dürfen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Donnerstag, 08. März 2018

               Hoffnung für Dialyse-Patienten

Die Ersatzniere steckt im Rucksack

Großer Zeitaufwand, hoher Wasserverbrauch und immense Kosten: Die regelmäßige Blutwäsche für Menschen, deren Nieren nicht mehr einwandfrei funktionieren, ist ein gravierender Einschnitt ins Leben. Neue Systeme könnten in Zukunft die herkömmliche Dialyse ersetzen.

Dialyse-Patienten haben ein schweres Los. Allein in Deutschland sind rund 80.000 Menschen dauerhaft darauf angewiesen, weil ihre eigenen Entgiftungsorgane nicht mehr arbeiten. Findet sich keine Spenderniere, dann heißt das langfristig für die allermeisten: Dreimal pro Woche für fünf Stunden zur Blutwäsche ins Krankenhaus oder zum Arzt. Doch das könnte sich bald ändern. Forscher arbeiten seit Jahren daran, eine tragbare künstliche Niere zu entwickeln. Und in Rostock sind sie einen wichtigen Schritt vorangekommen.

Nicht für alle Patienten wird eine solche Lösung in Frage kommen - denn sich selbst zu dialysieren erfordert viel Eigenverantwortung, Sorgfalt und Disziplin. Für andere ist die Bauchfell-Dialyse, die sie zu Hause durchführen, zumindest eine Zeit lang eine Alternative. Nierenkranke, die noch im Beruf stehen, könnten jedoch auch von einer mobilen Lösung profitieren - vor allem, wenn sie kaum sichtbar ist. Ein Ausblick zum Welt-Nierentag am 8. März.

Erste Versuche schlugen fehl

Das erste tragbare, aber noch mit einigen Kinderkrankheiten versehene Dialysegerät stellte der US-Nephrologe Victor Gura (Los Angeles) schon vor zehn Jahren vor. Die Kunstniere filtert die giftigen Abfallstoffe mit Hilfe einer kleinen Pumpe und spezieller Filterkartuschen aus dem Blut. Zusammen mit Kollegen testete er 2015 dann ein verbessertes Gerät, das Patienten 24 Stunden an einem Gürtel mit sich herumtragen

konnten. Doch die Studie mit zehn Patienten wurde wegen technischer Schwierigkeiten abgebrochen. Weitere klinische Studien mit einem erneut verfeinerten Gerät sind geplant.

In Italien arbeitet der Nierenspezialist Claudio Ronco (Vicenza) seit langer Zeit an tragbaren Alternativen - in einer Weste oder als Rucksack. "Wir optimieren gerade die miniaturisierten Komponenten und arbeiten an einem Kreislauf mit Antithrombose-Beschichtung", erläutert Ronco. Testreif ist die Kunstniere aber noch nicht.

Aspekt des Wassersparens mitgedacht

Grundsätzlich stehen alle Forscher dabei vor mehreren Herausforderungen: Der Gefäßzugang beim Patienten muss sicher sein, damit Blut in der richtigen Menge austritt und es nicht zu Verkeimungen und Infektionen kommt. Und es gilt Dialyse-Wasser zu sparen: Für die konventionelle Blutwäsche beim Arzt können 170 bis 210 Liter Waschlösung (Dialysat) nötig werden. Das tragbare US-Gerät hingegen kommt mit nur 0,4 Litern Wasser aus.

Die Wasserfrage sei wichtig, auch mit Blick auf Erkrankte in armen Ländern, in denen Wasser knapp ist, betont der Physiker Rainer Goldau. Am Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie (IZI/Leipzig) tüftelt er in enger Zusammenarbeit mit den Nierenspezialisten der Uniklinik Rostock an der Idee, Menschen die körperlich und psychisch anstrengende Blutwäsche zu erleichtern: Indem sie fortlaufend und dadurch schonender durch eine tragbare Kunstniere geschieht.

Goldau ans Telefon zu bekommen gelingt nicht auf Anhieb, denn er fräst in der Werkstatt an einem Filter für den Prototyp und überhört das Klingeln. Seit er im vergangenen Sommer eine Idee hatte, um den Wasserverbrauch zu minimieren und die Blutreinigung zu vereinfachen, arbeitet er unermüdlich und auch - vorsichtig - optimistisch an einer tragbaren Kunstniere made in Rostock. Denn vor allem das Wasser-Filterverfahren erscheint so einfach und kostengünstig, dass es auch in armen Ländern eingesetzt werden könnte.

"Eis ist ein ganz wunderbarer Filter", beschreibt Goldau. In der Tat kann jeder, der als Kind mal ein 10-Cent-Wassereis gelutscht hat, bestätigen, dass nach dem Aussaugen des "Colageschmacks" nur pures, blankes Eis zurückbleibt. Diesen Effekt gefrierenden (Dialysat-)Wassers nutzen die Forscher nun, um den giftigen Harnstoff und die rund 130 sonstigen Toxine abzutrennen, die bei Gesunden einfach mit dem Urin ausgeschieden werden. Ist das Wasser durch Vereisung gereinigt, kann es wiederverwendet werden.

Anschmiegsame Weste und Basisstation

Konkret heißt das: Die tragbare Niere soll aus zwei Teilen bestehen. Einer handlichen, per Solarzelle oder Auto-Elektronik betriebenen Basisstation zur Kryoreinigung. Und einer mit

Wasser gefüllten Weste, die sich an den Körper schmiegt. "Die Patienten behalten dadurch die Freiheit, ihr Leiden zu verbergen. Viele möchten nicht immer darauf angesprochen werden", erläutert Goldau.

In der Weste finden insgesamt mehrere Liter frisches und gebrauchtes Dialysat in unterschiedlichen Kammern Platz. Während das Blut durch eine von Dialysat umgebene Filterröhre fließt, wird es gereinigt: Schadstoffe treten durch die Filtermembran in das Wasser über. Alle paar Stunden dockt der Patient dann kurz an der Basisstation an. Das gebrauchte Dialysat wird abgelassen und gereinigt. 90 Prozent davon strömen recycelt als Frischwasser in die Weste zurück. Noch gebe es aber offene Fragen, sagt Goldau. Er möchte die IZI-Ergebnisse auf einem großen Fachkongress im Mai präsentieren und hofft, dass dies der weiteren Entwicklung einen Schub gibt. "Die großen Hersteller waren bisher zögerlich", berichtet Goldau. Ähnliches erlebte auch Claudio Ronco.

Liegt es am Geld, das Hersteller und Krankenhäuser mit den konventionellen Methoden verdienen? Eine herkömmliche Dialyse kostet pro Patient 40.000 Euro pro Jahr. Vor allem in armen Ländern, in denen Nierenkranke oft kaum Zugang zu Fachärzten haben, könnte eine wassersparende und relativ einfach zu wartende Kunstniere - neben der Bauchfell-Dialyse - eine Alternative sein. Weltweit sterben rund eine Million Menschen pro Jahr an terminalem Nierenversagen, schätzt die Nationale Nierenstiftung der USA.

 

Medizin

Erfolgreiche Nieren­transplantation mit Hepatitis C infizierter Organspende

Mittwoch, 7. März 2018

/dpa

Baltimore – Eine Behandlung mit direkt antiviralen Medikamenten (DAA) kann die Empfänger von Organen infizierter Spender vor einer Hepatitis C schützen. Dies zeigen die Ergebnisse einer Pilotstudie in den Annals of Internal Medicine (2018; doi: 10.7326/M17-2871).

Eine Hepatitis-C-Infektion ist derzeit ein Ausschlusskriterium für eine Organspende an Menschen, die nicht mit Hepatitis C infiziert sind. In den USA gehen aus diesem Grund (nicht zuletzt wegen der Drogenepidemie) jedes Jahr die Nieren von etwa 500 Spendern verloren, was die Warteliste der Patienten verlängert. 

Die Einführung der direkt antiviralen Medikamente, die eine Infektion mit dem Hepatitis-C-Virus in über 95 % innerhalb weniger Monate zur Ausheilung bringt, könnte diese Situation bald ändern.

An der Johns Hopkins University in Baltimore haben im Rahmen einer offenen Studie 10 Patienten ohne Aussicht auf eine Lebendspende jeweils eine Niere von einem mit Hepatitis C infizierten Spender erhalten. Die Empfänger waren im Durchschnitt 71 Jahre alt und seit durchschnittlich 4 Monaten auf der Warteliste für Transplantationen. 

Die transplantierten Nieren stammten von Spendern im Alter von 13 bis 50 Jahren, die positiv auf Hepatitis C getestet waren, aber keine Anzeichen einer Nierenerkrankung hatten

Die Empfänger begannen unmittelbar vor der Transplantation eine Behandlung mit den beiden DAA Grazoprevir und Elbasvir, die sie nach der Operation noch über 12 Wochen fortsetzten. 3 Patienten nahmen aufgrund des in ihrem Spenderorgan gefundenen Hepatitis-Stamms zusätzlich das DAA Sofosbuvir ein.

Wie das Team um Niraj Desai jetzt berichtet, wurde bei 5 der Nierenempfänger nach der Operation niemals RNA des Hepatitis-C-Virus im Blut nachgewiesen. Bei den anderen 5 Patienten kam es nach der Operation vorübergehend zum Anstieg der Virus-RNA im Blut, die jedoch innerhalb weniger Tage oder einer Woche wieder verschwand. Bei keinem Patienten kam es nachweislich zu einer Infektion der Leber, obwohl bei einem ein vorübergehender Anstieg der Leberwerte beobachtet wurde.

Alle Patienten sind laut Desai 1 Jahr nach der Transplantation gesund und ohne Hinweise auf eine Hepatitis-C-Infektion. Sollten die Ergebnisse von anderen Zentren bestätigt werden, dürfte der Verwendung von Nieren mit Hepatitis C infizierter Spender nichts mehr im Weg stehen. © rme/aerzteblatt.de

 

 

07.03.2018 15:13

Organ Care System: MHH-Ärzte behandeln kranke Lunge außerhalb des Körpers

Stefan Zorn Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Medizinische Hochschule Hannover

Dr. Norman Zinne (links) und Professor Dr. Axel Haverich an einem Organ Care System (OCS), das eine ...
Karin Kaiser/MHH

Im Tiermodell erfolgreich: Therapieoption bei schwerer Lungenentzündung mit hundertfacher Antibiotikadosis

Aufgrund der vermehrt auftretenden Antibiotikaresistenzen gibt es für schwere Lungenentzündungen immer öfter keine alternative Behandlungsmöglichkeit mehr. Ärzte der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) haben erstmals mit dem Organ Care System (OCS) erfolgreich eine von antibiotikaresistenten Bakterien verursachte Lungenentzündung außerhalb des Körpers behandelt. Der Vorteil: Wenn die Lunge für die Behandlung explantiert wird, können die Mediziner sehr hoch dosierte Antibiotika einsetzen. Diese Dosierungen wären aufgrund der Nebenwirkungen für den Körper giftig. Die Wissenschaftler veröffentlichten ihre Ergebnisse im Fachjournal „PLoS One“.

In der Pilotstudie untersuchte das Team um Professor Dr. Axel Haverich, Direktor der Klinik für Herz-, Thorax-, Transplantations- und Gefäßchirurgie, ob sich die Behandlung von Schweinen, die an schwerer Lungenentzündung erkrankt waren, mit hoch dosierten Antibiotika in einem Organ Care System (OCS) als neue Therapie für ansonsten unheilbare antibiotikaresistente Lungeninfektionen eignet. Die Mediziner behandelten zum einen erkrankte Tiere mit der für den Körper verträglichen Dosis des Antibiotikums Colistin und zum anderen den explantierten erkrankten Lungenflügel im OCS mit der hundertfachen Dosis des Antibiotikums. „Eine solche Dosis wäre für den Patienten nicht verträglich. Sie würde zu Nierenversagen und Schäden am zentralen Nervensystem führen“, erklärt Dr. Norman Zinne, Facharzt in der Klinik für Herz-, Thorax-, Transplantations- und Gefäßchirurgie.

Um die Infektion der Lunge im OCS zu behandeln, explantierten die Ärzte zunächst den betroffenen Lungenflügel und implantierten ihn in ein OCS. Das OCS ist ein mobiles Gerät für die ex vivo-Lungenperfusion. In dem Gerät wird das Organ körperwarm transportiert, von Spenderblut durchflossen und mit Nährstoffen versorgt – oder eben auch mit Antibiotika. Die Lunge wird im OCS während der Behandlung beatmet und kann sich so selbst mit Sauerstoff versorgen.

Nach der zweistündigen Behandlung implantierten die Ärzte den Lungenflügel wieder in das Tier. „Während in der nicht behandelten Kontrollgruppe und der konventionellen behandelten Gruppe nur ein Drittel der Schweine die Lungenentzündung überlebte, erholten sich Zweidrittel der Tiere, deren Lungen wir außerhalb des Körpers behandelt haben, von der Erkrankung“, sagt Dr. Zinne. Auch die klinischen Symptome der Infektion waren in der OCS-Gruppe weniger schwerwiegend als in den anderen Gruppen. „Die Ergebnisse zeigen, dass die Behandlung von multiresistenter Lungenentzündung mit sehr hoch dosierten Antibiotika außerhalb des Körpers eine neue therapeutische Strategie für schwer verlaufende Infektionen darstellt, für die es ansonsten keine alternativen Therapien mehr gibt“, sagt Professor Haverich. „Bevor wir die Methode auf den Menschen übertragen können, werden wir zur Sicherheit der Patienten noch weitere Studien im Tiermodell durchführen“, betont er. „Es ist durchaus denkbar, die Methode auf weitere Organe wie das Herz oder andere Therapieoptionen wie Chemo- oder Zelltherapien zu übertragen.“

Das Antibiotikum Colistin
Colistin ist ein Antibiotikum, das bereits seit den fünfziger Jahren bekannt ist, aufgrund seiner für den Körper giftigen Eigenschaften bisher jedoch nur sehr selten verwendet wurde. Bedingt durch das Auftreten von antibiotikaresistenten Bakterien wird Colistin seit einiger Zeit auch vermehrt als Reserveantibiotikum zur Behandlung von Lungenentzündungen eingesetzt, die durch das antibiotikaresistente Bakterium Pseudomonas aeruginosa verursacht werden.

Das Projekt wurde unterstützt vom Deutschen Zentrum für Lungenforschung BREATH (Biomedical Research in Endstage and Obstructive Lung Disease), gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung – und vom Exzellenzcluster REBIRTH (Von Regenerativer Biologie zu Rekonstruktiver Therapie), gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Weitere Informationen erhalten Sie bei Professor Dr. Axel Haverich, Telefon (0511) 532-6581.

 

06.03.2018

Unser Expertenrat zur Organspende Prof. Wirth: "Es gibt bei der Organentnahme ganz genaue Richtlinien"

Hauptinhalt

Unser Gesprächsgast: Prof. Manfred Wirth von der Klinik für Urologie am Dresdner Uni-Klinikum.

Unser Thema im Expertenrat diesmal: Organspende. Zu Gast im Sachsenradio-Studio war Prof. Manfred Wirth von der Klinik für Urologie am Dresdner Uni-Klinikum. Er hat über viele Jahre praktische Erfahrung, zum Beispiel mit Nierentransplantationen, und sagt: "In Deutschland warten die Patienten viel zu lange auf ein Spenderorgan".

Wie sieht es im Fachgebiet der Urologie mit Spenderorganen aus?

Wir sind leider nicht gut versorgt. Es könnte wirklich deutlich mehr sein. Die Spendenbereitschaft in Deutschland ist merklich zurückgegangen. Wir haben jetzt Wartezeiten von etwa sieben Jahren, bis eine Niere dann tatsächlich für den, der sie braucht, zur Verfügung steht. Und das ist einfach viel, viel zu lange.

Wo steht Deutschland im europäischen Vergleich?

Wir stehen da ziemlich am Ende. Am besten sieht es in Ländern wie Spanien oder Holland aus, die nicht diese gesetzliche Regelung haben, wie wir sie haben, dass die Angehörigen im Todesfall zustimmen müssen. Es sei denn, man hat einen Organspendeausweis, aber den haben nur unter 20 Prozent der Bevölkerung, die Quote liegt eher bei zehn Prozent. Das System, dass wir in Deutschland haben, ist eigentlich für die Patienten, die auf eine Transplantation warten, eine Katastrophe.

Wie viele Organtransplantationen im Nierenbereich haben Sie durchgeführt?

Wir haben hier in Dresden im Jahre 1995 angefangen und sind jetzt bei der 997. Demnächst werden wir die 1.000 erreicht haben. Aber am wichtigsten ist immer genau der Patient, den man gerade operiert oder operiert hatte, dass das gut läuft. Wir wollen immer das Beste erreichen.

Können Sie sich noch an Ihre erste Transplantation erinnern?

Ja, sehr gut. Es war ein junger Mann. Der war damals Anfang 30, hatte zwei Kinder, wenn ich mich recht erinnere. Er brauchte dringend eine Niere und war ein Patient, der ideal geeignet war. Er lebt heute noch mit dieser Niere hervorragend und braucht keine Dialyse und hat eine sehr gute Lebensqualität.

Die Wartezeit ist heute leider so lange, dass die Patienten, die man transplantiert, nicht mehr ideal sind für die Transplantation. Die Dialyse, die viele Patienten machen, führt zu einer eheblichen Gefäßveränderung. Dann haben wir oft sehr kranke Patienten mit sehr schlechten Gefäßen, was zu Problemen bei der Transplantation führt.

Dialyse - künstliche Blutwäsche, die bei schweren Nierenerkrankungen eingesetzt wird. Kranke Nieren können überschüssiges Wasser und schädliche Stoffe aus dem Körper nicht mehr selbst entfernen. Die Reinigungsfunktion der Nieren übernimmt die Dialyse, die aber nicht ohne Nebenwirkungen ist.

Welche Erkrankungen führen dazu, dass Menschen ein neues Organ, zum Beispiel eine neue Niere, brauchen?

Hauptsächlich chronische Entzündungen der Niere führen dazu, dass man ein neues Organ braucht, selten auch Verletzungen oder angeborene Erkrankungen oder Zysten.

Im Ausland gilt oft die Regel, wenn nicht widersprochen wird, darf gespendet werden. In Deutschland muss man den Willen ausdrücklich erklären. Wie funktioniert das in der Praxis?

Wenn die Angehörigen wissen, dass man Organspender ist, ist das kein Problem. In 18 Ländern ist es so, wenn man nicht seinen Widerspruch erklärt hat, ist man Spender. Das ist die vernünftigere Lösung. Ich habe da schon immer für gekämpft. Ich bin da leider auf verlorenem Posten gewesen. Unsere Politik hat sich anders entschieden.

Beim Thema Organspende gibt es viele Ängste. Einige vermuten, dass Organe entnommen werden könnten, obwohl das Leben vielleicht doch noch nicht ausgelöscht ist …

Es gibt bei der Organentnahme ganz genaue Richtlinien. Es muss der Hirntod sicher festgestellt sein, von einem unabhängigen Experten und nicht von dem, der etwas mit der Transplantation zu tun hat. Wenn das Hirn abgestorben ist, ist ein Leben nicht mehr möglich. Man würde auch irgendwann, auch wenn das Herz noch schlägt, die Geräte abstellen. Viele haben eine Patientenverfügung, wo das von vornherein festgelegt ist. Es wird niemandem ein Organ entfernt, wenn er nicht sicher hirntot ist. Dazu gibt es in Deutschland ganz genaue Kriterien.

Bis zu welchem Alter ist eine Organspende möglich?

Wir orientieren uns da am biologischen Alter. Also wie gesund ist der Spender? Wie gesund sind seine Organe? Dann kann man auch im hohen Alter noch Organe spenden. Eine genaue Grenze würde ich da nicht festlegen wollen. Organe von älteren Spendern werden in der Regel Patienten transplantiert, die auch schon über 65 sind.

Hat jedes Krankenhaus einen Arzt, der Organe entnehmen kann oder ist dies nur speziellen Kliniken vorbehalten?

An jedem Krankenhaus gibt es einen Verantwortlichen für Organspende. Die Entnahme erfolgt immer von den Transplantationszentren. Die fahren dann mit speziellen Fahrzeugen und den notwendigen Geräten dorthin und entnehmen die Organe. Häufig auch zusammen mit den dort tätigen Ärzten.

Wie kommt man zu einem Organspendeausweis?

Jede Krankenkasse hat die Organspendenausweise vorliegen. Da bekommt man sie am schnellsten. Wir haben sie natürlich auch in den Transplantationszentren verfügbar. Auch im Internet kann man den Organspendenausweis ausdrucken.

Welche Organe kommen für eine Transplantation in Frage?

Als Organe kommen prinzipiell in Frage: Niere, Leber, Lunge, Herz, die Bauchspeicheldrüse, meist in Verbindung mit einer Nierentransplantation. Auch Gewebe können transplantiert werden, zum Beispiel die Hornhaut, für Menschen, die sonst nicht mehr sehen können. Für die ist das ein Riesensegen.

 

 

© 2018 Neue Westfälische
12 - Bad Oeynhausen, Dienstag 06. März 2018

 

Zwischen Weser und Rhein

Ärzte-Präsident für niederländische Lösung

Organspende: Windhorst sieht"westliche Nachbarn viel weiter"

Bielefeld (nw). Die Widerspruchslösung in der Organspende hält Theodor Windhorst, Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, für den "konsequenten und richtigen Weg". Der Bielefelder begrüßt den Beschluss des niederländischen Parlaments, diese Lösung künftig einzuführen.

Angesichts einer stetig sinkenden Bereitschaft zur Organspende sei dies eine "glänzende Bewegung und begrüßenswerte Entscheidung". Windhorst spricht sich dafür aus, auch in Deutschland endlich eine Systemänderung herbeizuführen und die Widerspruchslösung zu beschließen.

In den Niederlanden gilt nun jeder Erwachsene grundsätzlich als Organspender, es sei denn, er hat der Organspende ausdrücklich widersprochen. Alle Bürger werden per Brief gefragt, ob sie nach dem Tod ihre Organe spenden wollen. Antworten sie nicht, werden sie automatisch als Spender registriert.

Die derzeit geltende Zustimmungslösung in Deutschland sei nicht weitgehend genug, so Windhorst, um das Leid auf der Warteliste zu lindern. "Jeden Tag sterben drei Menschen, die auf ein Spenderorgan warten. Und wir sehen dabei zu. Wir brauchen bei diesem sensiblen Thema allumfassende Information und Aufklärung." Es sei Zeit für eine offene, ehrliche und transparente Debatte über die Organspende und die Einführung der erweiterten Widerspruchslösung. Diese sieht in den meisten europäischen Ländern vor, dass grundsätzlich als Organspender gilt, wer einer Spende zuvor nicht ausdrücklich widersprochen hat, Angehörige haben dabei ein Vetorecht.

"Unsere westlichen Nachbarn sind in dieser Diskussion nun viel weiter." Deutschland aber sei nach wie vor Organ-Importland, da man hier nach wie vor nicht wirklich gezwungen sei, sich ernsthaft mit dem Thema Organspende auseinanderzusetzen, klagt Windhorst. "Wir müssen das Vertrauen in die Organspende stärken und deutlich machen, dass die Transplantationsmedizin weit fortgeschritten ist. Wir könnten gute Ergebnisse erzielen, wenn wir ausreichend Organe hätten."

Der Kammerpräsident verweist in diesem Zusammenhang auf die Diskrepanz zwischen einer generellen positiven Haltung zur Organspende und der letztendlichen Dokumentation der Spendebereitschaft. Auch in Patientenverfügungen müsse das Kreuz bei der Organspende gemacht werden. Verfügungen dürften nicht "Verhinderer der Organspende" sein.

 

 

FAKT IST! | 05.03.2018 | 22:05 Uhr Dilemma Organspende: verweigern oder vertrauen?

Hauptinhalt

In Deutschland ist die Zahl der Organspender so niedrig wie nie. Zwar ist die Bereitschaft ein Organ zu spenden grundsätzlich vorhanden, doch Angst vor Missbrauch und mangelndes Vertrauen in die Medizin überwiegen. Ein Thema, über das Anja Heyde in der nächsten Sendung mit ihren Gästen sprechen will.

Mehr als 10.000 Menschen in Deutschland warten auf ein Spenderorgan – 1.200 davon allein in

Mitteldeutschland. Doch Spender zu finden, wird immer schwerer. Und das obwohl vier von fünf

Deutschen grundsätzlich bereit wären, sich im Falle des eigenen Todes Herz, Niere oder Leber

entnehmen zu lassen, um damit einem schwer kranken Menschen die Chance auf ein neues

Leben zu ermöglichen.

Einen Organspende-Ausweis hat in Deutschland nur jeder Dritte. Denn trotz der grundsätzlichen Spendenbereitschaft herrschen vielfach Skepsis und Misstrauen. Nach dem Organspende-Skandal 2012, als bekannt wurde, dass Mediziner Listen manipulierten, um ihren Patienten eher zu einem Spenderorgan zu verhelfen, ist die Zahl der Spender immer weiter zurückgegangen. Inzwischen hat sie einen historischen Tiefstand erreicht, obwohl Millionenbeträge in die Spenderwerbung fließen.

Neben der Angst vor Missbrauch von Organen mangelt es an Vertrauen in die Medizin. Viele befürchten, man ließe sie für ein Organ eher sterben, als ihr Leben zu retten. Die Frage, ab wann und unter welchen Umständen Organe entnommen werden, ist für viele Skeptiker nicht zufriedenstellend geklärt. Andere Kritiker sehen durch Organspenden grundsätzlich die Würde des Todes verletzt.

Widerspruchslösung im Gespräch

Befürworter, allen voran die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO), sehen dagegen die große Chance, durch Spenderorgane Leben zu retten oder die Lebensqualität von schwer kranken Menschen entscheidend zu verbessern. SPD-Gesundheitspolitiker, darunter Sachsen-Anhalts Gesundheitsministerin Petra Grimm-Benne, wünschen sich neue Gesetze. Auch in Deutschland solle die Widerspruchslösung eingeführt werden, die bereits in zahlreichen europäischen Ländern gilt. Sie macht jeden Menschen automatisch zum Organspender, sofern er nicht zu seinen Lebzeiten ausdrücklich einer Entnahme widersprochen hat.

Warum tut sich das heutige Deutschland so schwer mit einer solchen Widerspruchslösung? Wie

kann man verloren gegangenes Vertrauen in die Transplantationsmedizin zurück gewinnen?

Und unter welchen Umständen sollte man sich besser gegen eine Organspende entscheiden?

 

03.03.2018

Ethik

Der Körper ist nicht nur ein Ding“

Ob Blut, Niere oder Stammzellen – vieles aus dem menschlichen Körper wird inzwischen „nutzbar“ gemacht. Dennoch lässt sich ein Wert des Körpers nicht beziffern, betont Petra Gehring (56), Professorin für Philosophie an der TU Darmstadt. Im Gespräch mit den PJZ-Teilnehmerinnen Julia Mutter und Mareike Uhlmann erklärt sie, warum das so ist.

Was ist mein Körper wert?

GEHRING: Vom menschlichen Körper kann man eigentlich keinen Geldwert angeben. Jeder Körper ist einzig und damit unschätzbar. Er ist kein Ding unter Dingen. Der Philosoph Immanuel Kant hat genau an dem Punkt einen Unterschied gemacht. Wo Dinge einen „Wert“ haben, hat der Mensch „Würde“ – und das meint dessen Körper mit.

Man kann also einen Körper nicht wertvoller machen?

GEHRING: Nein, „Würde“ ist schon etwas Maximales, sie lässt sich – anders als ein Wert – nicht steigern. So ist sie auch gemäß Grundgesetz „unantastbar“. Aber es gibt natürlich Bewertungssysteme, was etwa die Arbeitskraft und Leistungskraft des Körpers angeht. Daran haben wir uns leider ziemlich gewöhnt.

Welches Körperteil gilt als wichtigstes?

GEHRING: Wir leben in einer hirnzentrierten Zeit, in der man den Kopf für besonders wichtig hält. In früheren Jahrhunderten war beispielsweise das Herz wichtiger, weil man es als Sitz der Persönlichkeit sah, der Integrität und der Güte.

Gibt es bestimmte Organe und Körperstoffe, die besonders wertvoll sind?

GEHRING: Als Philosophin sage ich: Nein. Aber ökonomisch gibt es natürlich Rechnungen, die mit handfesten Verwertungsmöglichkeiten zu tun haben. Vor dem 20. Jahrhundert waren beispielsweise Bluttransfer und Organtransplantationen noch nicht möglich. Inzwischen ist die Inwertsetzung des lebendigen menschlichen Körpers weit fortgeschritten. In Deutschland wird freilich der Bedarf etwa an Blutbestandteilen oder Knochenmark nicht durch eine volle Ökonomisierung gedeckt, also durch Kauf zu Marktpreisen. Die Weitergabe wird vielmehr über Spenden abgewickelt.

Was wird alles transplantiert?

GEHRING: Sowohl die Organe aus dem lebendigen Körper als auch Körperteile von Leichen – etwa die Hornhäute der Augen. Je effizienter die Immunabwehr gegen die fremden Organe durch Medikamente unterdrückt werden kann, desto reibungsloser können Nieren, Lungen und Lebern implantiert werden. Transferiert werden auch Blut, Blutbestandteile, Eizellen, Embryonen, Samenzellen, Stammzellen oder Knochenmarkszellen. Gewebe wird verpflanzt. Das neue Feld der Synthetischen Biologie basiert darauf, Abschnitte aus dem Genom herauszunehmen oder zu ersetzen. Auch künstliche Zellen und Gewebe werden auf dieser Basis konstruiert.

Hat sich die Einstellung zur Organspende gewandelt?

GEHRING. Ja, die Bereitschaft in Deutschland geht in den letzten Jahren kontinuierlich zurück. Dafür gibt es sicherlich eine Reihe von Gründen, etwa

Mauscheleien in einigen Kliniken. Aber es ist wohl auch ein Beharren darauf im Spiel, dass der Körper

selbst nach dem Tod nicht nur ein Ding ist, das man wie einen Wertstoff nutzt. Denn bei dem Entnehmen

von Organen geht es ja um die Nutzung für einen Zweck.

Aber auch darum, Leben zu retten...

GEHRING: Sicherlich. Oder sagen wir genauer: das Leben so lange zu verlängern, bis sich die Frage stellt, ob das nächste Organ transplantiert werden muss. Organe werden jedoch nicht nur genutzt, wenn keine Therapien mehr möglich sind. Oft ist es auch einfach die kostengünstigere Methode. Eine Niere zu transplantieren ist etwa schlicht billiger als eine lebenslange Dialyse des Patienten. Und da kommen wir schon in eine ethisch bedenkliche Zone.

Spender werden dafür auch in anderen Ländern gesucht. Wird da ein anderer Maßstab angelegt?

GEHRING: Definitiv tragen wir da moralische Scheuklappen. Wir wollen nicht sehen, dass die Körper in anderen Ländern als Ware betrachtet werden. Deutsche Organempfänger sitzen in der Komfortzone des Transplantationssystems. Wir ahnen, dass die Verwertungsketten sehr kompliziert sind und wollen nicht wissen, was auf der Entnahmeseite genau passiert. Oder man redet sich die Ausbeutungsverhältnisse in anderen Teilen der Welt schön, das sieht man zum Beispiel beim Thema Leihmutterschaft.

Wie sieht da die Rechtfertigung aus?

GEHRING: Manche sagen sich, Schwangerschaft sei ja ohnehin natürlich, also sei es doch großzügig, dafür zu bezahlen. Oder: die Frauen müssten in Indien oder Bangladesch für das Geld, das sie für die Leihmutterschaft bekommen, sonst viel schlimmere Berufe ausüben. Dass die eigene Tochter hier in Deutschland für Geld Schwangerschaften austrägt, würde man hingegen für unwürdig halten. Da beginnt die klassische Doppelmoral.

Glauben Sie, dass alle Menschen ein natürliches Gespür für die Würde der anderen haben?

GEHRING: Nein, das ist leider nichts Natürliches. Eine Kultur der Anerkennung muss geschaffen werden. Durch Bildung, indem man Achtung vorlebt und Respekt einfordert – von Anfang an.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ärzteschaft

Urologen fordern Reformen bei der Organspende

Montag, 26. Februar 2018

Hamburg – Die Transplantationsmedizin in Deutschland befindet sich nach Auffassung der Deutschen Gesellschaft für Urologie (DGU) im „freien Fall“. Es müsse dringend gehandelt werden, mahnte die Fachgesellschaft nun.

„Die jetzige Situation ist im Namen unserer Patienten nicht länger hinnehmbar“, sagte DGU-Präsident, Paolo Fornara, Transplantationsmediziner und Mitglied der Ständigen Kommission Organtransplantation sowie der Prüfungs- und Überwachungskommission der Bundes­ärzte­kammer. Er bezog sich dabei auf die Zahl der bundesweiten Organ­spenden im vergangenen Jahr. Diese war mit 797 so niedrig wie seit 20 Jahren nicht mehr.

Drei Themenfelder anfassen

Fornara fordert, bei der Reform in drei Bereichen anzusetzen. Zunächst favorisiert er die Widerspruchslösung. Die in Deutschland praktizierte Entscheidungslösung habe sich nicht bewährt. „Sie ist de facto nur eine Informationslösung. Das Infomaterial wird von allen Krankenkassen, die zugleich auch Kostenträger der Transplantationsmedizin sind, unkoordiniert und nach eigenem Gutdünken an ihre Versicherten versendet. Ob die ausführlichen Informationen aber ungelesen im Papierkorb landen oder ob sie zu einer klaren Entscheidung führen, bleibt unbekannt. Alles ist freiwillig, nichts wird erfasst“, kritisierte Fornara.

Angesichts der miserablen Zahlen zur Organspende hierzulande regt der Transplan­tationsmediziner an, endlich ernsthaft über einen Wechsel zur Widerspruchslösung nachzudenken. „Das Prinzip der Widerspruchslösung ist einfach: Auch hier wird jeder angeschrieben und nach seiner Entscheidung gefragt. Wer nicht antwortet, gilt jedoch als Organspender. Dieser Status kann aber jederzeit geändert werden“, erklärte er. 

Nötig sind laut Fornara außerdem angemessene Rahmenbedingungen in den Spender­krankenhäusern – logistisch, personell und finanziell. In vielen der gut 1.200 deutschen Entnahmekliniken sei die Organspende weiterhin ein Sonderereignis, das mit hohen Kosten und der Bindung intensivmedizinischer Kapazitäten einhergehe. Selbst die Transplantationsbeauftragten in den Kliniken müssten ihre Aufgaben vielfach zusätzlich erledigen. Bislang würden sie dafür nur in Bayern verbindlich und klar definiert von anderen Tätigkeiten freigestellt. Bei Rahmenbedingungen, die den Kliniken nicht zumindest Kostenneutralität böten, sei es wenig überraschend, wenn längst nicht jeder potenzielle Organspender gemeldet werde, so der DGU-Präsident.

Der Transplantationsexperte regt außerdem eine Diskussion um die umstrittene Herztoddiagnostik an. In Deutschland ist eine Organentnahme bekanntlich nur erlaubt, wenn zwei Ärzte unabhängig voneinander den Hirntod eines Patienten festgestellt haben. Bei herztoten Menschen wäre das nach deutschem Transplantationsgesetz illegal.

Bei den Nachbarn in Österreich, der Schweiz, Belgien und den Niederlanden, aber auch in Spanien und weiteren Ländern ist die Diagnose des Herztods dagegen als Bedin­gung für die Organentnahme akzeptiert. Wenn dort nach allen Reanimations­versuchen das EKG zehn Minuten lang nur eine Nulllinie anzeigt, gilt der Patient als tot. Diese Form der Diagnostik vorurteilsfrei zu diskutieren, fordert Fornara.

„Organspende, und nicht zuletzt die Nierenlebendspende, braucht die gesellschaftliche Anerkennung und Würdigung, die ihr zusteht“, sagte der Transplantationsexperte. Mit 9,3 Organspendern pro eine Million Einwohner liegt die Bundesrepublik in Europa auf einem der letzten Plätze. © hil/aerzteblatt.de

 

Zunahme durch Transplantationsbeauftragte? Bayern sind Spitzenreiter beim Organspenden

Jeden Tag sterben in Deutschland drei Menschen, weil für sie kein passendes Organ gefunden wurde. 2017 ist die Zahl der Spender bundesweit erneut gesunken. Die große Ausnahme: Bayern. Dort stieg die Zahl der Organspender.

Von: Anna Kemmer

Stand: 26.02.2018 |Bildnachweis

In keinem anderen Bundesland gab es 2017 mehr Organspender als in Bayern. Während die Spenderzahlen deutschlandweit weiter sinken, sind sie in Bayern im vergangenen Jahr um 18 Prozent auf insgesamt 143 Organspender gestiegen. Deutschlandweit sind die Spenderzahlen seit dem Vorjahr laut der Deutschen Stiftung Organtransplantation um sieben Prozent zurückgegangen.

Anzahl der Organspender durch Transplantationsbeauftragte zugenommen?

Dass immer mehr Menschen in Bayern ihre Organe spenden, könnte auch am bayerischen Gesetz zur Ausführung des Transplantationsgesetzes liegen, vermutet die Deutsche Stiftung für Organtransplantation. Bayern hat 2017 erstmals die sogenannten Transplantationsbeauftragten von anderen Klinik-Aufgaben freigestellt und im Gesetz detailliert geregelt, welche Aufgaben sie erfüllen müssen. Die Bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml geht ebenfalls davon aus, dass diese Veränderung des Aufgabengebietes von Transplantationsbeauftragten die Anzahl der Organspender erhöht hat:

"Dadurch ermöglichen wir den Transplantationsbeauftragten den notwendigen Freiraum für ihre verantwortungsvolle Aufgabe im Bereich der Organspende. Denn die Arbeit als Transplantationsbeauftragter im Krankenhaus ist im hektischen und dicht gefüllten Klinikalltag nur leistbar, wenn ausreichend Zeit zur Verfügung steht."

Melanie Huml

Erkennen von Organspendern

Transplantationsbeauftragte sind meist Intensivmediziner, die sich in den Krankenhäusern um das Thema Organspende kümmern. Sie treiben das Thema voran, kümmern sich um interne Fortbildungen und sind Schnittstelle zwischen Patienten, Angehörigen, Ärzten und dem Pflegepersonal. Transplantationsbeauftragte stehen im Kontakt zur Deutschen Stiftung für Organtransplantation, die Organspenden koordinieren.

Zudem sollen sie potenzielle Organspender erkennen. Denn wenn am Lebensende alle medizinischen Möglichkeiten ausgeschöpft sind, bleibt im Klinikalltag oft nicht die Zeit, zu klären, ob die Organe des Patienten für eine Spende infrage käme und wie die Klinik den Aufwand bei einer Organentnahme personell und organisatorisch stemmen kann. Mithilfe der Transplantationsbeauftragten hofft man mehr potenzielle Spender erkennen zu können.

Widerspruchs- oder Entscheidungslösung?

Weltweit führend in der Organspende ist Spanien. Dort gilt die sogenannte Widerspruchslösung: Menschen müssen aktiv einer Organspende widersprechen, zum Beispiel in einem Widerspruchsregister. Die Widerspruchslösung gilt unter anderem auch in Frankreich, Österreich, Schweden und der Türkei. Auch die Niederlande haben kürzlich beschlossen, ihr Gesetz zu ändern. Ab 2020 gilt dort ebenfalls die Widerspruchsregelung.

In Deutschland gilt die sogenannte Entscheidungslösung: Der Verstorbene kann vor seinem Tod mit einem Organspende-Ausweis einer Organspende zustimmen. Wenn er keinen Organspende-Ausweis hatte, muss dies ein naher Angehöriger für ihn entscheiden - natürlich im Sinne des Spenders.

 

Wissen & Umwelt

Wenn das eigene Herz versagt

Ein krankes Herz einfach gegen ein Kunstherz austauschen? Dann wären keine Organspenden mehr nötig. Zurzeit dienen Kunstherzen aber noch dazu, die Zeit bis zur Transplantation zu überbrücken.

26.02.2018

 

Wenn das eigene Herz nicht mehr funktioniert, muss ein Spenderorgan her. Aber gespendete Herzen sind bekanntlich äußerst knapp, und es gibt lange Wartezeiten. Die können durch das Einsatz eines Kunstherzens überbrückt werden. Es übernimmt die Funktionen des kranken Herzens. Vor der Implantation müssen die Ärzte das erkrankte Herz vollständig entfernen, es funktioniert nicht mehr und ist quasi überflüssig.

An dessen Stelle tritt dann das Kunstherz. Ein Druckluftkompressor treibt es an. Den muss der Patient ständig mit sich führen. Über zwei Schläuche ist er mit den Pumpkammern des Kunstherzens verbunden. "Es schränkt das Leben erheblich ein", so Evgenij Potapov vom Deutschen Herzzentrum in Berlin. "Diese Systeme sind ziemlich groß. Die Pumpe, die das Herz ständig in Bewegung hält, liegt außerhalb des Körpers und ist sehr laut." 

Es muss nicht immer ein Kunstherz sein

Bei 99 Prozent aller Patienten mit schwachem oder geschädigtem Herzen kann das eigene Organ aber erhalten bleiben. Es bekommt dann Hilfe von einem sogenannten Herzunterstützungssystem. Dieses kommt zum Beispiel für Patienten infrage, deren Herz sich von einer schweren Erkrankung erholt und irgendwann wieder eigenständig funktionieren soll. Gelingt es, kann das Hilfsgerät wieder entfernt werden.

Aber es kommt auch zum Einsatz, um die Funktion eines kranken, aber noch schlagenden Herzens bis zu einer Transplantation zu unterstützen. Patienten, die unter schwerwiegenden Krankheiten leiden, wie etwa Tumorerkrankungen oder die zu alt für eine Transplantation sind, erhalten ebenfalls oft ein solches Unterstützungssystem. 

Es gibt verschiedene Systeme, aber eines ist allen gemeinsam, so Potapov: "Sie retten Leben, über 1000 Mal im Jahr, allein in Deutschland. Ohne diese Systeme wären diese Patienten tot." 

Der Natur nachempfunden

Das menschliche Herz hat zwei Herzkammern: Die rechte pumpt das sauerstoffarme Blut aus dem Kreislauf in die Lunge. Die linke Kammer hingegen pumpt das sauerstoffreiche Blut aus der Lunge heraus und in den Kreislauf hinein. So versorgt das Blut den Körper mit Sauerstoff.

Sowohl Kunstherzen als auch Unterstützungssysteme haben eins gemein: Sie müssen durch ein Gerät außerhalb des Körpers betrieben werden.

Dafür wird dann zum Beispiel ein elektrisches Antriebskabel aus der Haut geleitet und mit einer batteriegetriebenen Einheit verbunden. "Die Akkus halten sechs bis acht Stunden und müssen dann aufgeladen werden." Die meisten Patienten transportieren diese Akkus in einem Rucksack oder in einer Tasche. "So kann sich der Patient etwa zwölf Stunden frei bewegen", erklärt Potapov. Danach müssten die Akkus wieder aufgeladen werden.

Um ein solches System einzusetzen, öffnen Ärzte den Brustkorb - praktisch eine Operation am offenen Herzen. Das ist die Standardmethode. Die zweite Möglichkeit ist die minimal-invasive Methode. Dabei machen die Ärzte lediglich zwei kleine Schnitte, einen in der Achsel, den anderen unterhalb der linken Brust. Das eigentliche Herzunterstützungssystem, das implantiert wird, ist in etwa so groß wie eine Fahrradklingel, sagt Potapov. 

Risiken und Komplikationen

Am gefährlichsten sind Infektionen. Potapov bezeichnet das Kabel, das aus dem Körper nach draußen führt, als 'Highway to Hell'. "Die Bakterien krabbeln gerne entlang des Kabels und ins Innere des Körpers. Das ist selten, aber etwa jeder zehnte erleidet eine solche Infektion. Die kann unangenehm bis tödlich sein."

Die Stelle, an der das Kabel in den Körper eintritt, ist eigentlich eine chronische Wunde. Sie bietet ideale Voraussetzungen für Bakterien. Im Prinzip könne der Körper zwar vieles ausgleichen und derartige Wunden auch abdichten, "dennoch kann es in seltenen Fällen zu Komplikationen kommen, etwa wenn sich die Infektionen über die Blutbahnen ausbreiten und dann eine Blutvergiftung auslösen," sagt Potapov.

Etwa zehn Prozent der Patienten erleiden zudem einen Schlaganfall. Kunstherzpatienten müssen daher in der Regel gerinnungshemmende Medikamente einnehmen.

Und noch eine Gefahr droht: Wie bei allen technischen Geräten kann es auch beim Kunstherzen oder den Unterstützungssystemen zu Ausfällen kommen.

Die Zukunft ist kabellos

Nach Ansicht von Potapov sind viele Verbesserungen notwendig. "Als Ärzte wollen wir die Entwicklung vorantreiben. Am Herzzentrum in Berlin - mit dem weltweit größten Kunstherzprogramm - haben wir eine Forschungsgruppe in enger Zusammenarbeit mit der ETH (Eidgenössische Technische Hochschule) Zürich gegründet. Wir wollen die Technologien verbessern."

Die Forscher wollen etwa eine kabellose Energie- und Informationsübertragung erreichen. Potapov vergleicht das Prinzip mit einem Handy oder einer elektrischen Zahnbürste. "Sie stecken ihre elektrische Zahnbürste auf eine Ladestation. Die lädt die Zahnbürste auf."

Genauso könne man mit einem Kunstherzen oder einem Unterstützungssystem verfahren. Dazu ist eine Spule unter der Haut nötig und eine zweite außerhalb des Körpers. Da wird dann ein Stromkreis induziert, aber eben kontaktlos und kabellos. Der Patient könne schwimmen gehen, duschen, baden, was er möchte, solange die interne Batterie hält. 

Popatov ist zuversichtlich, dass neue Systeme vielleicht schon nächstes Jahr in die Kliniken eingeführt werden. "Die Firmen stehen kurz davor. Das wird ein großer Sprung nach vorne. Die Patienten werden wesentlich mehr Freiheit haben, weniger Infektionen bekommen und sich auch psychisch ganz anderes fühlen. Der Patient kann alles tun alles tun und dann irgendwann seine Weste anziehen, in der die Spule steckt und sich wieder aufladen." 

Das große Ziel ist es, Organspenden irgendwann überflüssig zu machen. "In fünf Jahren werden wir wesentlich besser sein. Und wir werden wahrscheinlich – was die Pumpen angeht – eine ernsthafte Konkurrenz zur  Herztransplantation darstellen", sagt Potapov. Bis dahin allerdings wird es weiterhin viele Menschen geben, die auf ein Spenderherz warten. 

 

 

  • Der bisherige Finanzstaatsekretär Jens Spahn soll Gesundheitsminister werden.

  • Peter Altmaier wird Wirtschaftsminister, Ursula von der Leyen bleibt Verteidigungsministerin.

  • Julia Klöckner wechselt aus Rheinland-Pfalz ins Agrarministerium.

Von Nico Fried und Robert Roßmann, Berlin

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) will ihren stärksten parteiinternen Kritiker ins nächste Kabinett berufen. Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung soll der bisherige Finanzstaatssekretär Jens Spahn Gesundheitsminister werden. Der 37-Jährige hat unter anderem mit Kritik an Merkels Flüchtlingspolitik von sich reden gemacht. Er soll den bisherigen Gesundheitsminister Hermann Gröhe ersetzen. Ursula von der Leyen soll Verteidigungsministerin bleiben. Als Agrarministerin ist die rheinland-pfälzische CDU-Landesvorsitzende Julia Klöckner vorgesehen. Wirtschaftsminister soll Peter Altmaier werden, er war bisher Kanzleramtschef. Über alle vier künftigen Minister hatte zunächst die Bild am Sonntag berichtet.

Als Favorit für das Amt des Kanzleramtschefs gilt der bisherige Staatsminister Helge Braun. Dafür gab es aber zunächst keine Bestätigung. Noch unbekannt ist, wer künftig das Bildungsministerium leiten soll. Die bisherige Ressortchefin Johanna Wanka (CDU) hat bereits vor Monaten ihren Rückzug angekündigt. Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung will Merkel drei der sechs Ministerposten, die die CDU stellen darf, mit Frauen besetzen. Unter den von der Kanzlerin ausgesuchten sechs Kandidaten soll kein Ostdeutscher sein.

Die CDU-Vorsitzende will an diesem Sonntag um 16 Uhr das Parteipräsidium über ihre Kandidaten informieren. Anschließend kommt der Bundesvorstand zusammen. Danach will Merkel die Namen bei einem Auftritt vor der Presse auch öffentlich bekannt geben.

Voraussetzung für eine neue große Koalition ist ein Ja der Sozialdemokraten beim SPD-Mitgliedervotum. Ebenso wie die CDU darf die SPD in einer solchen Koalition sechs Minister stellen, die CSU kann drei Ressortchefs benennen. SPD und CSU wollen ihre Kandidaten im Gegensatz zur CDU erst nach dem Ende des SPD-Mitgliederentscheids verkünden. Bisher ist nur klar, dass CSU-Chef Horst Seehofer neuer Minister für Innen, Heimat sowie Bauen und Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) Finanzminister werden soll. Das Ergebnis des SPD-Mitgliedervotums soll am 4. März bekannt gegeben werden.

Die CDU will sich nach mehr als zehn Jahren ein neues Grundsatzprogramm geben

Am vergangenen Montag hatte Merkel mitgeteilt, dass Annegret Kramp-Karrenbauer neue CDU-Generalsekretärin werden soll. Sie soll bereits auf dem CDU-Parteitag am Montag zur Nachfolgerin von Peter Tauber gewählt werden.

Auf dem Parteitag wollen die Delegierten auch über den Koalitionsvertrag abstimmen. Trotz des Unmuts über die Ressortverteilung - die CDU muss das Finanz- und das Innenministerium abgeben und bekommt dafür die weniger wichtigen Ressorts für Wirtschaft und Landwirtschaft - wird mit einer großen Zustimmung gerechnet.

Die CDU will sich außerdem nach mehr als zehn Jahren ein neues Grundsatzprogramm geben. Im Entwurf des Antrags des CDU-Bundesvorstands für den Parteitag, der der SZ vorliegt, heißt es, die CDU werde jetzt "einen umfassenden Diskussionsprozess" eröffnen, der "in die Erarbeitung eines neuen Grundsatzprogramms für die CDU Deutschlands münden soll". Das bisher geltende Programm stammt aus dem Jahr 2007 und trägt den Titel "Freiheit und Sicherheit. Grundsätze für Deutschland".

Auch die CDU-Spitze hat erkannt, dass die Partei nicht nur eine personelle, sondern auch eine inhaltliche Auffrischung nötig hat. Dadurch, dass Merkel jetzt von sich aus eine Programmdebatte anstößt, nimmt sie Druck aus dem Streit über den richtigen Kurs der CDU. Auch Merkels Entscheidung für Kramp-Karrenbauer ist in der CDU mit großem Wohlwollen aufgenommen worden.

 

 

23.02.2018

 

März 2018

Wichtig

Aktuelle Grippewelle: Das sollten Herzpatienten jetzt wissen

Bei ei­nem vor­ge­schä­dig­ten Herz kann ei­ne Grip­pe schwer­wie­gen­de Fol­gen ha­ben. Herz­pa­tien­ten soll­ten da­her wis­sen, wie man jetzt wäh­rend der Grip­pe­wel­le am wirk­sams­ten um eine Ansteckung herumkommt und dass die Grippeimpfung für Herzpatienten zwar empfehlenswert ist, aber nur einen Teilschutz bedeutet.

Eine Impfung gehört zu den wichtigsten Bausteinen bei der Grippevermeidung. Allerdings sollte man sich bewusst sein, dass der Impfschutz deutlich geringer ist, als man es von vielen anderen Impfungen kennt. Hintergrund ist, dass Grippeviren eine hohe Wandlungsfähigkeit besitzen und die Wirkung der Impfung davon abhängt, wie gut der einmal jährlich neu zusammengestellte Impfstoff die vorhergesagten Erreger-Typen einer Grippewelle tatsächlich umfasst. Die Herzstiftung empfiehlt daher, die Impfung auf keinen Fall so zu verstehen, dass man damit während einer Grippewelle bedenkenlos wichtige andere Empfehlungen zum Schutz vor einer Ansteckung außer Acht lassen kann.

Öffentliche Verkehrsmittel und Kaufhäuser meiden?

Wichtig zu wissen ist, dass es viele Ratschläge zur Ansteckungsvermeidung gibt, die zwar theoretisch sinnvoll klingen, aber in der Praxis nur schwer umsetzbar sind, wie etwa »Menschenansammlungen meiden«. Während man um ein überfülltes Kaufhaus wahrscheinlich noch vergleichsweise leicht einen Bogen machen kann, wird der Rat in vielen anderen Situationen kaum umsetzbar sein, z. B. wenn man auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen ist und dabei zwangsläufig mit vielen Menschen in Berührung kommt.

Ebenfalls nicht immer einfach umzusetzen ist die Empfehlung »zu erkrankten Personen Abstand halten«, auch wenn dies zu den wirksamsten Mitteln zählt, eine Ansteckung zu verhindern. Nicht für jeden sind z. B. getrennte Schlafzimmer möglich, wenn sich der Partner oder die Partnerin angesteckt hat. Schwierig ist die Umsetzung oft auch am Arbeitsplatz, wo es schnell befremdlich wirken kann, wenn man beispielsweise Besprechungen verlässt, weil Kollegen mit einem Infekt am Tisch dabeisitzen.

Zu den besten Empfehlungen gehört Händewaschen

Schon lange ist bekannt, dass die Ansteckung bei vielen Atemwegsinfektionen nicht nur über die Luft erfolgt, sondern oft auch die Hände eine wesentliche Rolle spielen, z. B. indem man beim Händeschütteln mit Erregern in Kontakt kommt und sich später ins Gesicht fasst, wo die Schleimhäute von Mund, Nase und Augen potenzielle Eintrittspforten für eine Infektion darstellen. Eindrücklich bestätigt wird die Beteiligung der Hände nicht zuletzt von Berechnungen aus dem Jahr 2008, denen zufolge verschiedene Hand-Hygiene-Maßnahmen unter dem Strich etwa jeden fünften Atemwegsinfekt verhinderten, wobei die Erfolge des Händewaschens umso größer sind, je weniger Fehler dabei gemacht werden

Zusatz-Information: Bei Atemwegsinfektionen weisen Studien der letzten Zeit eventuell darauf hin, dass Händewaschen möglicherweise weniger vor Influenza-Viren schützt, also den Verursachern einer echten Grippe, sondern vor allem vor Infektionen, die auf Viren mit geringerer Gefährlichkeit zurückgehen. Falls sich dies tatsächlich bestätigen sollte, ist Händewaschen aber auf keinen Fall weniger empfehlenswert. Denn auch grippe-ähnliche Infekte ohne die Beteiligung von Influenza-Viren stellen für Herzpatienten häufig eine immense Belastung dar und können einem vorgeschädigten Herz-Kreislauf-System beträchtlich zusetzen. Nicht zu vergessen ist, dass sich mit Händewaschen außerdem viele Magen-Darm-Infektionen vermeiden lassen, die ebenfalls eine erhebliche Gefahr für Herzpatienten darstellen können, insbesondere wenn Durchfall mit deutlichen Flüssigkeits- und Elektrolytverlusten die Folge ist.

Hände wie oft am Tag waschen?

Wie häufig man sich die Hände waschen sollte, hängt von den persönlichen Umständen ab. Empfehlenswerte Gelegenheiten sind z. B. wenn man nach Hause kommt, bevor man in der Wohnung alles anfasst, sowie vor dem Essen bzw. vor der Zubereitung von Mahlzeiten, nach dem Naseputzen, nach der Toiletten-Benutzung oder nach dem Kontakt mit Erkrankten.

Grundsätzlich ist dabei entsprechendes Augenmaß zu empfehlen. Zum einen sollte man nicht aus dem Blick verlieren, dass übertriebenes Händewaschen die Haut mitunter stark strapaziert, was je nach Hauttyp auch mit pflegenden Cremes ein Thema sein kann. Zum anderen sollte kein Waschzwang entstehen, bei dem eine übertriebene Angst vor jeglichem Kontakt mit Viren den Tagesablauf bestimmt. Letztendlich besteht die Kunst darin, sich zwar regelmäßig die Hände zu waschen, aber dies nicht als Last zu empfinden und einen unkomplizierten Umgang mit dem Thema zu entwickeln.

Nicht ins Gesicht fassen?

Da die Hände eine wesentliche Rolle bei der Ansteckung spielen, liegt der Tipp nahe, sich nicht ins Gesicht zu fassen. Offen ist allerdings, wie gut der Rat in der Realität tatsächlich vor einer Infektion schützt. Denn fast jeder Mensch fasst sich immer mal wieder unbewusst ins Gesicht, was sich kaum vollständig verhindern lassen wird und den Erfolg deutlich verringern könnte. Sinnvoll könnte es sein, sich diese Empfehlung zumindest dann in Erinnerung zu rufen, wenn man möglicherweise gerade vermehrt mit Erregern in Kontakt gekommen ist, wie etwa beim Händeschütteln.

Türklinken mit dem Ellbogen herunterdrücken?

Manche Menschen drücken Türklinken in der Öffentlichkeit mit dem Ellbogen herunter oder ziehen sich dafür den Ärmel über die Hand. Im ersten Moment mag das zwar durchaus sinnvoll erscheinen, um nicht unnötig mit Erregern in Kontakt zu kommen. Unklar ist allerdings, ob sich damit tatsächlich Ansteckungen in relevantem Ausmaß verhindern lassen. Denn Krankheitserreger finden sich in der Umwelt an äußerst vielen Stellen, sodass man dann konsequenterweise auch viele andere Dinge nicht mehr anfassen dürfte, wie etwa das Geländer im Treppenhaus, die Knöpfe im Aufzug, die Kaffeemaschine am Arbeitsplatz, den Schubladengriff in der Gemeinschaftsküche und vieles mehr. Der deutlich realitätstauglichere Rat dürfte daher regelmäßiges Händewaschen sein, zumal sich dies in Studien als wirksame Maßnahme erwiesen hat, statt sich von eventuell hier und dort befindlichen Erregern verrückt machen zu lassen.

Zusammenfassung & Empfehlung: Zum Schutz vor Ansteckungen rät die Deutsche Herzstiftung vor allem zur Grippeimpfung und zu regelmäßigem Händewaschen. Welche weiteren Maßnahmen, wie etwa das »Abstandhalten von erkrankten Personen«, umsetzbar und zu empfehlen sind, hängt vom Einzelfall ab und sollte mit entsprechendem Augenmaß abgewogen werden. Ob jetzt noch eine Impfung gegen Grippe sinnvoll ist, nachdem die Grippewelle bereits begonnen hat, sollten Sie bei Ihrem Arzt oder Ihrer Ärztin individuell für Ihre Situation erfragen.

 

Ärzte Zeitung online, 20.02.2018

 

"Eine der wichtigsten Veranstaltungen des Jahres"

Schüler haben 1000 Fragen zu Organspenden

Modellprojekt: Ärzte, Politiker und eine Betroffene bringen Oberstufenschülern bei, wie schwierig und wichtig das Thema Organspende ist. Dabei dürfen die Schüler sogar anfassen.

KIEL. Die Lehrer sitzen in der letzten Reihe und die Schüler tauschen die Klassenzimmer gegen den Hörsaal ein: Einmal im Jahr kommt der elfte Jahrgang des Kieler Ernst-Barlach-Gymnasiums in das Uniklinikum Schleswig-Holstein (UKSH), um sich mit Experten über das Thema Organspende auszutauschen – ein vielversprechendes Projekt.

"Eine der wichtigsten Veranstaltungen des Jahres" nennt Professor Alena Buyx das Treffen mit den 16- und 17-Jährigen Schülern. Die Aussage der Professorin für Medizinethik, immerhin Mitglied des Deutschen Ethikrates, zeigt, wie ernst es den Medizinern am UKSH mit Information und Austausch mit dem Nachwuchs ist.

Die rund 100 Schüler kommen nicht unvorbereitet in den Hörsaal der Kieler Hautklinik. Im Philosophie- und Religionsunterricht haben sie über Organspenden gesprochen und sie werden die Veranstaltung im UKSH im Unterricht auch anschließend besprechen.

Ethische Konflikte

An diesem Tag nutzen sie die Chance, um mit Ärzten, einer DSO-Vertreterin, einem Politiker und mit der Organtransplantierten Heidrun Dreher zu sprechen. "Was war das für ein Gefühl, als Sie von dem Spenderorgan erfahren haben?" "Fragen Sie sich, wer der Spender war?" "Hatten Sie Angst vor der OP?", sind einige der Fragen, die Heidrun Dreher beantworten muss.

Sie geht direkt auf die Jugendlichen zu, lässt sie ihren Dialyseshunt unter der Haut anfassen. Die Schüler zögern kurz, bevor sie die Hand auflegen – danach haben sie einen hautnahen Eindruck erhalten, was es heißt, mit solchen gesundheitlichen Problemen konfrontiert zu sein wie Heidrun Dreher.

Sie hatte eine Zystenleber. Was das für ihr Leben bedeutete, welche Einschränkungen und welche Ängste sie bis zur Transplantation erdulden musste, beschreibt sie eindringlich. Es ist aber nicht nur dieser persönliche Kontakt, der die Informationsveranstaltung im UKSH so wertvoll macht. Die Schüler nehmen auch jede Menge Wissen mit. Etwa von den Ärzten Professor Felix Braun, Professor Alena Buyx und Dr. Stefanie Wailke, die ihnen Fakten und Abläufe erklären und ethische Fragen näher bringen.

Buyx verdeutlicht, worum es beim Thema Organspende gehen kann: "Das Überleben eines Menschen ist mit dem Tod eines anderen verknüpft. Mehr ethischer Konflikt geht nicht." Und sie veranschaulicht, welch ein Dilemma mit zurückgehenden Organspenden entsteht: "Mediziner könnten Patienten vor dem sicheren Tod bewahren. Sie schaffen es aber nicht, weil keine Spenderorgane da sind. Das ist für Mediziner unerträglich und für die Betroffenen fürchterlich."

 Chirurg Professor Felix Braun aus dem UKSH-Transplantationszentrum beschreibt es so: "Es sterben Patienten auf der Warteliste. Versuchen Sie mal, den Mangel an Spenderorganen gerecht zu verteilen."

Was unterscheidet die Zustimmungs- von der Widerspruchslösung, was versteht man unter dem Begriff Hirntod, wie ist die Entwicklung bei den Organspenden, wie ist der Ablauf nach Meldung eines Spenderorgans und welche Kriterien spielen bei der Platzierung auf der Warteliste eine Rolle? Dies sind weitere Fragen, die die Ärzte des UKSH und Antje Winkler von der Deutschen Stiftung Organspende (DSO) in den zwei Stunden im Hörsaal mit den Schülern klären. Vorher spricht Staatssekretär Dr. Matthias Badenhop, der den erkrankten Gesundheitsminister Dr. Heiner Garg vertritt.

Aufklärung ist das oberste Gebot

Er erläutert, was die Politik tun könnte – nämlich die Einführung einer Widerspruchslösung wieder auf die Tagesordnung bringen. Damit setzt er auf einen Dreiklang: Aufklärung der Öffentlichkeit, Unterstützung für die Entnahmekliniken und Änderung der Rechtsordnung. Wenn diese Instrumentarien greifen, so hofft Badenhop, könnte sich die Situation zumindest entschärfen.

Derzeit ist die so angespannt wie nie. Täglich sterben Menschen auf der Warteliste. Heidrun Dreher will trotzdem niemanden überreden zur Organspende, wie sie sagt. Aber: "Jeder sollte sich mit dem Thema auseinandersetzen." Die Schüler des Ernst-Barlach-Gymnasiums haben das an diesem Tag intensiver getan als viele andere Menschen in ihrem ganzen Leben.

 

Westfalenblatt 17.02.2018

 

NW Bad Oeynhausen; 17.02.2018

 

Expertin für Transplantations-Nachsorge: Dr. Doris Gerbig bespricht mit einem Patienten die Ultraschall-Untersuchung der Niere.

© Andi Mayr

Interview

Heilbrunner Expertin zum Thema Organspende: „Es mangelt an Motivation“

Von Patrick Staar

Organspender sind schwer gefragt: Expertin Dr. Doris Gerbig von der Heilbrunner Fachklinik spricht über Schwachstellen in Krankenhäusern und belastende Gespräche mit Angehörigen.

Bad Tölz-Wolfratshausen– Die Zahl der Organspender ist in Deutschland auf den niedrigsten Stand seit 20 Jahren gesunken. Gab es 2011 noch 1200 Spender, waren es im vergangenen Jahr nur noch 797. Haben die Menschen Angst vor der Organspende? Fürchten sich die Ärzte davor, mit Angehörigen der Verstorbenen über dieses Thema zu sprechen? Unsere Zeitung sprach darüber mit Dr. Doris Gerbig, Chefärztin und Expertin für Transplantationsnachsorge an der Fachklinik in Bad Heilbrunn.

-Frau Dr. Gerbig, mangelt es in der Bevölkerung an der Bereitschaft, Organe zu spenden?

Nein. Es gibt Befragungen der Krankenkassen, die zeigen: Die Zahl der Menschen, die Organe spenden wollen, hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Umfragen haben ergeben, dass etwa Dreiviertel der Bundesbürger bereit wären, Organe zu spenden.

-Warum sinkt die Zahl der Organspender seit einigen Jahren trotzdem kontinuierlich?

Ich denke, es gibt dafür mehrere Gründe. Der Hauptgrund ist aus meiner Sicht die Situation in unseren Entnahme-Krankenhäusern. Sie sind die Schlüsselstellen im Organspende-Prozess. Ein Verstorbener kann in Deutschland nur zur Organspende freigegeben werden, wenn er auf einer Intensivstation stirbt und wenn dort der irreversible Hirnfunktionsausfall festgestellt wird, den man früher Hirntod genannt hat. Dann kann man den nächsten Schritt gehen und sagen: „Ist das ein potenzieller Organspender?“ Es muss zur weiteren Klärung mit den Angehörigen gesprochen werden. Die Deutsche Stiftung Organtransplantation muss benachrichtigt und der Organspendeprozess muss in die Wege geleitet werden. Das sind viele Aufgaben, die die Ärzte und das Pflegepersonal zusätzlich zu ihren normalen Aufgaben übernehmen müssen. Und hierfür haben wir auf den Intensivstationen oft nicht genug Kapazitäten. Teilweise fehlt auch eine eindeutig positive Haltung und Motivation zugunsten der Organspende.

-In Bayern wurde 2017 das Landesausführungsgesetz für Transplantations-Beauftragte verabschiedet. Damit soll das Transplantationsgesetz besser umgesetzt werden. Was hat dies bewirkt?

Sehr viel. In Bayern gibt es jetzt klare und verbindliche Regeln, die besagen, dass die Transplantations-Beauftragten in den Krankenhäusern von anderen Aufgaben freigestellt werden müssen. Das heißt: Es gibt dadurch mehr Personalreserven für den Organspendeprozess. Im Gegensatz zum Bundesdurchschnitt konnte Bayern die Anzahl der Organspenden um 18 Prozent in 2017 steigern.

-Welche Aufgaben hat dieser Transplantations-Beauftragte?

Er ist Ansprechpartner für die Klinikmitarbeiter in allen Fragen zum Thema Organspende und soll das Verständnis und die Motivation für die Gemeinschaftsaufgabe Organspende vertiefen. Er schult die Mitarbeiter in Zusammenarbeit mit der DSO, er erstellt klinikinterne Leitlinien zum Ablauf der Organspende und ist auch der autorisierte Ansprechpartner für die DSO, wenn eine Spendermitteilung erfolgt ist.

-Haben Ärzte Angst, mit Angehörigen über Organspende zu reden?

Solche Gespräche zu führen, ist für alle Beteiligten belastend, aber eben wichtig und notwendig. Ich habe diese Gespräche auch schon geführt, als ich am Klinikum Großhadern gearbeitet habe. Man muss in diesem Gespräch auf der einen Seite sagen, dass der Lebenspartner, Sohn, die Tochter oder der nahe Angehörige verstorben ist. Im gleichen Gespräch oder vielleicht auch schon im Sterbeprozess muss man den Angehörigen fragen: „Sind Sie mit einer Organentnahme einverstanden? Hat sich der Verstorbene ihnen gegenüber geäußert, ob er Organe zur Organspende freigeben wollte?“

-Wie reagieren Angehörige auf diese Frage?

Ganz unterschiedlich. Es ist für sie sehr, sehr hart, in dieser schweren Stunde auch noch diese Entscheidung zu treffen, insbesondere wenn sie nicht wissen, wie der Wunsch des Verstorbenen gewesen wäre. Wenn man sich noch nie mit diesem Thema auseinandergesetzt hat, fühlen sich Angehörige überfordert und sagen dann eher nein.

-Welchen Rat geben Sie?

Wenn wir Informationsveranstaltungen zum Thema Organspende machen, raten wir immer: Sprecht mit euren Angehörigen, was ihr im Zeitpunkt eures Todes möchtet. Möchtet ihr, dass mit euren

Organen anderen Menschen geholfen wird? Dass mehrere Menschen mit eurem Herz,

eurer Leber, eurer Lunge und eurer Niere weiterleben können oder nicht? Und bitte

dokumentiert euren Willen im Organspendeausweis. Dann müssen die Angehörigen

diese Entscheidung zum Zeitpunkt des Todes nicht selber fällen, und das Thema

Organspende verliert für die Angehörigen ein wenig seinen Schrecken. Die Angehörigen

wissen dann, dass in dieser ganz schlimmen Situation noch einem letzten Wunsch des

Verstorbenen nachgekommen werden kann.

-Wie viele Menschen haben einen Organspende-Ausweis?

So weit ich weiß, haben ihn 20 bis 30 Prozent aller Menschen immer ausgefüllt dabei.

-Wie viele Menschen mit einem eingepflanzten Organ haben Sie zur Reha in Bad Heilbrunn?

Sehr viele. Wir sind schon seit 18 Jahren eine spezialisierte Reha-Klinik für Nieren- und Leber- und Pankreastransplantierte Patienten. Wir rehabilitieren ca. 500 Patienten pro Jahr und sind damit mit Abstand die größte Nachsorge-Rehaklinik in Deutschland, was Transplantationen betrifft. Zu uns kommen frisch transplantierte Patienten, aber auch Transplantierte in der Langzeit-Nachsorge und Nierenlebendspender.

- Wie viele Menschen stehen derzeit auf der Organspende-Warteliste?

Etwa 10 000, darunter 8000 für Nieren-Transplantationen.

-Wie sieht es mit den Wartezeiten aus?

Die Wartezeit für eine postmortale Niere beträgt durchschnittlich sieben Jahre, aber auch bis zu zwölf Jahre.

-Schaffen denn alle Patienten die Wartezeit?

Die Überlebenschancen werden mit zunehmender Wartezeit kleiner. Wir kämpfen dafür, dass wir mehr Dialyse-Patienten hier im Rahmen der Reha betreuen können, um sie fit auf der Warteliste zu behalten. Mit zunehmender Dauer der Dialyse nehmen die Begleiterkrankungen deutlich zu, und es geht einem von Jahr zu Jahr schlechter. Irgendwann kommt unter Umständen der Zeitpunkt, dass gar nicht mehr transplantiert werden kann, weil die Begleiterkrankungen überhandnehmen und man die ganzen Nebenwirkungen der Anti-Abstoßungs-Therapie gar nicht mehr aushalten kann.

-Andere Patienten dürften noch schlechtere Perspektiven haben...

Stimmt. Patienten, die zum Beispiel leber-, lungen- oder herzkrank sind und auf ein Transplantat warten, haben ein der Dialyse vergleichbares Ersatzverfahren. Da ist die Sterberate auf der Warteliste deutlich höher.

-Wie wird festgelegt, wer ein Organ bekommt?

Das geht über den Eurotransplant-Verbund, dem acht europäische Länder angehören. Die Zentrale von Eurotransplant ist in Leiden in den Niederlanden. Die haben eine große Datenbank mit den potenziellen Transplantat-Empfängern. Es gibt ganz klare Kriterien für die Organvergabe. Bei der Niere ist es zum Beispiel die Zeit, wie lange man schon an der Dialyse ist. Pro Jahr Dialyse bekommt man so und so viele Punkte. Ein Kriterium ist es auch die Blutgruppe. Es gibt Blutgruppen, die kann man besser transplantieren, andere schlechter. Eine Rolle spielen auch das Alter und der aktuelle Gesundheitszustand. Patienten mit einer hohen Dringlichkeit werden schneller transplantiert. Eurotransplant kümmert sich auch um die Organisation, wie das Organ zum Empfänger kommt.

-Gibt es eine Altersgrenze für Organspender?

Eigentlich nicht. Wir hören bei unseren Fortbildungs-Veranstaltungen immer wieder die Aussage: „Ich bin 65, ich bin 75. Ich brauche keinen Organspender-Ausweis mehr auszufüllen, weil mein altes Zeug ja keiner mehr will.“

-Was antworten Sie?

Bitte auf alle Fälle den Organspende-Ausweis ausfüllen. Zum Zeitpunkt X, wenn der Patient auf der Intensivstation verstorben ist und eine Organspende stattfinden soll, wird jedes Organ genau untersucht, ob man es noch sinnvoll transplantieren kann – oder nicht. Es wird nicht kritiklos alles transplantiert, was geht.

-Lohnt es sich für die Kliniken finanziell, eine Organentnahme durchzuführen?

Damit treffen Sie einen ganz wunden Punkt. Das Intensivbett mit Beatmungsmaschinen ist von einem Verstorbenen über einige Stunden oder auch ein bis zwei Tage belegt, bis geklärt ist, wie das mit der Organspende abläuft. Dann muss für die Organentnahme ein Operationssaal und Personal bereitgestellt werden. Das ist durchaus ein Problem, weil man in dieser Zeit auch andere Operationen durchführen könnte. Eine Organentnahme ist meines Wissens aber keinesfalls kostendeckend.

-Wäre es sinnvoll, dass die Krankenhäuser für die Organentnahme mehr Geld bekommen?

Man muss die Kosten abbilden, die das Krankenhaus definitiv hat, aber es darf natürlich für das Krankenhaus aus ethischen Gründen kein Gewinn dabei rauskommen.

-Wie ist der Ablauf bei solch einer Organ-Entnahme?

Es wird festgelegt, welches Organ-Entnahmeteam kommt. Es kommen immer Kollegen von Transplantationszentren, die auf die Organentnahme spezialisiert sind. Die arbeiten mit dem Personal in dem jeweiligen Entnahme-Krankenhaus zusammen. Dieses Personal muss vom Entnahme-Krankenhaus vorgehalten werden, genauso wie das Intensiv-Bett und der Operationssaal.

-Es gibt Menschen, die fürchten, dass sie während der Organentnahme Schmerzen haben könnten. Ihre Meinung dazu?

Das ist eine ganz furchtbare Diskussion, die keinerlei wissenschaftliche Grundlage hat. Es ist klar belegt: Wenn das Hirn nicht mehr durchblutet, also die Hirnfunktion irreversibel ausgefallen ist, dann gibt es nach wissenschaftlichen Erkenntnissen kein Leben mehr und auch keine Möglichkeit mehr, ins Leben zurückzukommen. Wer sagt, dass man als Organspender Schmerzen hat, negiert die Tatsache, dass man dann bereits tot ist.

-In anderen Ländern gibt es die Regelung, dass man aktiv einer Organentnahme widersprechen muss. Was halten Sie davon?

Das ist für die Organspendezahlen sicher förderlich. Ich wäre dafür, dass man sich zu Lebzeiten ganz klar mal Gedanken machen muss. Wenn man keine Organspende möchte, muss man das ganz klar fixieren. So ist es zum Beispiel in Österreich und in vielen anderen Ländern. Bei uns ist es anders herum: Wir müssen zu Lebzeiten ganz klar Ja gesagt haben.

-Ihnen würde die österreichische Regelung also ganz gut gefallen?

Für die Patienten, die auf Organe warten, ist die Widerspruchslösung besser, weil man da automatisch mehr Organspender hat. Es ist in den vergangenen Jahren immer wieder diskutiert worden, ob diese Widerspruchs-Lösung in Deutschland möglich ist. Nach meinen Informationen werden wir die Widerspruchslösung – auch aus historischen Gründen – in Deutschland nicht durchbekommen.

-Welche Lösung schlagen Sie stattdessen vor?

Ich bin für einen hohen Informationsstand. Das Thema Organspende sollte in der breiten Bevölkerung diskutiert werden, jeder sollte sich informieren und sich für oder gegen Organspende entscheiden, und man sollte in den Entnahmekrankenhäusern eine positive Haltung und Motivation zugunsten der Organspende auf allen Ebenen fördern.

 

 

Ärzte Zeitung online, 13.02.2018

 

Transplantation

Niederlande pro Widerspruchslösung bei Organspende

Ähnlich wie in Deutschland galt in den Niederlanden bisher für die Organspende eine Zustimmungslösung. Das wird sich nach einer aktuellen Abstimmung im Senat wohl ändern.

 

 

DEN HAAG. Der niederländische Senat hat heute über ein neues Organspendegesetz entschieden. Zur Abstimmug stand ein Entwurf der linksliberalen Partei D66, laut dem aus der derzeitigen Zustimmungsregelung eine Widerspruchsregelung gemacht werden soll.

Das neue Gesetz sieht vor, dass alle Bürger gefragt werden, ob sie Organe nach ihrem Tod spenden wollen oder nicht. Wer sich nicht entscheidet, wird automatisch als Spender registriert (Widerspruchslösung). Nach Angaben der niederländischen Nierenstiftung sind heute 60 Prozent der Niederländer nicht registriert.

Das Parlament hatte bereits im Jahr 2016 mit knapper Mehrheit für die Änderung gestimmt. Nach letzten Umfragen sind 51 Prozent der Niederländer für das neue Gesetz, 43 Prozent dagegen.

Laut einem Bericht des "ZDF" sterben jedes Jahr 150 Patienten in dem Nachbarland, weil das Spenderorgan zu spät kommt. 1100 Patienten stehen derzeit auf der Warteliste. 100 müssen jährlich von den Wartelisten genommen werden, weil sich ihr Gesundheitszustand so verschlechtert, dass eine Transplantation für sie nicht mehr in Frage kommt. Laut einer Statistik des Europarats kommen auf eine Million Niederländer derzeit nur 14,7 Spender.

In Deutschland informieren die Krankenkassen seit der Neuregelung des Transplantationsgesetzes 2012 ihre Kunden darüber, wie man Organspender wird und warum das wichtig ist. Jeder kann dann selbst entscheiden, ob er Organspender sein möchte (Entscheidungslösung).

Nach aktuellen Statistiken der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) war in Deutschland die Anzahl der Organspender je eine Million Einwohner 2017 erstmals unter die Marke von 10 gesunken.

Am Nachmittag meldete die Korrespondentin des ZDF nun per Twitter das Abstimmungergebnis: Danach stimmte eine knappe Mehrheit für die Widerspruchslösung. Der Senat hat das neue Organspendegesetz mit 38 Ja-Stimmen gegen 36 Nein-Stimmen angenommen.

 

Organspenden in Spanien Organspenden – es geht doch

Von Martin Dahms 06. Februar 2018 - 11:40 Uhr

Spanien hat eine fast fünf Mal höhere Organspenderate als Deutschland. Nicht weil die Spanier bessere Menschen wären. Sondern weil das System besser organisiert ist.

Madrid - „Die Debatte wird falsch geführt“, sagt Beatriz Domínguez-Gil. Sie meint die deutsche Organspendedebatte, die sich auf die Spendebreitschaft der Menschen konzentriere, darauf, wie die Gesellschaft von den Vorzügen der Organspende zu überzeugen wäre. „Dabei geht es eher um strukturelle und Organisationsreformen, die durchgeführt werden müssten.“

Das Wort von Domínguez-Gil hat Gewicht. Sie ist die Direktorin der spanischen Nationalen Transplantationsorganisation (ONT). Spanien ist seit einem Vierteljahrhundert Organspendeweltmeister. Im vergangenen Jahr ist die Zahl der Organspender weiter gestiegen, um 8,1 Prozent. Das macht 46,9 Organspender pro Million Einwohner, fast fünf Mal mehr als in Deutschland, wo diese Rate im vergangenen Jahr auf 9,7 gefallen ist. Weil einem Spender auch mehrere Organe entnommen werden können, gab es in Spanien im vergangenen Jahr insgesamt 5261 Transplantationen.


Das System funktioniert in Spanien ohne Werbung

Das System funktioniert, ohne dass die Spanier zur Solidarität aufgefordert werden müssten. „Wir stecken kein Geld in Werbekampagnen“, sagt Domínguez-Gil. Der Erfolg des Systems ist dessen beste Werbung. Die Spanier, die ihren Institutionen sonst eher misstrauisch gegenüber stehen, vertrauen der ONT. Manchmal kommen sie den Ärzten und Pflegern im Krankenhaus zuvor, wenn ein Angehöriger im Sterben liegt, und bringen von sich aus das Gespräch auf die Organspende: „Wenn man nichts mehr für ihn tun kann – er wollte Organspender sein, haben Sie das doch bitte im Kopf.“ So bekommt es die ONT-Direktorin von den Transplantationskoordinatoren aus den Krankenhäusern erzählt, „immer häufiger“.

Der Erfolg des Systems ist vor allem Rafael Matesanz Mann geschuldet. Der Nierenfacharzt gründete 1989 die nationale Transplantationsorganisation und blieb, mit einer kurzen Unterbrechung, bis zum vergangenen Jahr ihr Direktor. „Er hatte ein klares Ziel“, sagt seine Nachfolgerin Domínguez-Gil, „er war ein großartiger Teamorganisator, und er hat sehr vehement seine Ideen verteidigt, wie die Dinge zu machen seien.“

Organspende ist in Spanien Aufgabe der Krankenhäuser selbst

Die wesentliche Entscheidung war es, die Organspende zur Aufgabe der Krankenhäuser zu machen, statt damit eine außenstehende Institution zu beauftragen. In jeder der 188 spanischen Kliniken, in denen Organe entnommen werden können, gibt es einen Transplantationskoordinator, gewöhnlich einen Intensivmediziner, mit einem dazugehörigen Team. Ihre Arbeit wird fortlaufend evaluiert, und die Teammitglieder erhalten regelmäßige Fortbildung. Sie erkennen, wenn ein Patient dem Tod entgegengeht und als Organspender in Frage kommt.

Daran scheitern Systeme mit niedrigen Organspenderaten wie das deutsche: nicht am fehlenden Willen der Menschen, im Todesfall ihre Organe herzugeben, sondern an fehlender Aufmerksamkeit. Die Aufmerksamkeit des zuständigen Personals wird in Spanien belohnt, was manche im Land kritisieren. Doch dass gute Arbeit auch gut bezahlt wird, hält die ONT für selbstverständlich. Zumal die Organspende nicht nur dem Empfänger zu einem besseren Leben verhilft, sondern auch das Gesundheitssystem finanziell entlastet. Eine jahrelange Dialyse ist teurer als eine Nierentransplantation.

Die wenigsten misstrauen den Erklärungen, dass ihr Angehöriger auch wirklich tot ist

Die zweite wichtige Aufgabe der Transplantationsbeauftragten ist das Gespräch mit den Angehörigen. In einer emotional ohnehin schwierigen Situation, angesichts des nahenden Todes eines geliebten Menschen, sollen sie sich der Frage stellen, ob dieser wohl mit der Entnahme seiner Organe einverstanden wäre. Das spanische Transplantationsgesetz von 1979 geht – anders als das deutsche – davon aus, dass jeder zur Organspende bereit ist, es sei denn, er widerspricht dem zu Lebzeiten. Das kann er vor einem Notar tun, oder indem er sich in einem speziellen Register anmeldet. Es reicht aber auch, dass er gegenüber seiner Familie verkündet, dass er von der Organspende nichts hält.

Deswegen ist das Gespräch mit den Angehörigen so wichtig. Sie sollen im Namen des Sterbenden glaubwürdig versichern, dass er einer Organentnahme zustimmen würde. Im vergangenen Jahr sagten in diesen Gesprächen 87 Prozent der Angehörigen Ja zur Organspende. „Eine außergewöhnlich hohe Rate“, sagt Domínguez-Gil. Die Spanier haben keine Vorurteile gegen die Organspende, und die wenigsten misstrauen den Erklärungen, dass ihr Angehöriger auch wirklich tot ist, wenn ihm die Organe entnommen werden.

Anders als in Deutschland sind Organentnahmen nach einem Herzstillstand erlaubt

Das spanische Transplantationssystem war schon vor zehn Jahren außergewöhnlich erfolgreich. Dass es noch erfolgreicher wird, erklärt die ONT-Direktorin mit drei neueren Entwicklungen. Zum Ersten wird die Sensibilisierung und Fortbildung des medizinischen Personals in Sachen Organspende auf Abteilungen jenseits der Intensivstationen ausgeweitet. Zum Zweiten steigt das Durchschnittsalter der Organspender: Der älteste, dem in Spanien ein Organ entnommen wurde, war 94 Jahre alt – das geht, weil auch die Empfänger immer älter werden.

Zum Dritten sind in Spanien, anders als in Deutschland, Organentnahmen nach einem Herzstillstand erlaubt, und die machen mittlerweile ein gutes Drittel aller Organspenden in Spanien aus. Der Tod eines Menschen tritt mit dem Erlöschen seiner Hirnfunktionen ein. Manchmal geschieht das, während Maschinen noch den Rest des Körpers am Leben erhalten. Dieser Hirntod ist überall die normale Voraussetzung für eine Organentnahme. Wenn umgekehrt das Herz zu schlagen aufhört, während das Hirn noch Lebenszeichen von sich gibt, sind die meisten Gesetzgeber vorsichtig und untersagen in diesem Fall eine Organentnahme. Den Spaniern genügt zu wissen, dass kurze Zeit nach dem Herzstillstand auch der Hirntod eintritt. Niemandem wird ein Organ entnommen, der noch leben könnte.

Die ONT-Direktorin Domínguez-Gil ist davon überzeugt, dass Deutschland auch ohne Gesetzesänderung seine Organspenderate wesentlich erhöhen könnte. Dass es vor ein paar Jahren einen Korruptionsskandal im deutschen System gab, könne nicht als „ewige Rechtfertigung“ für die schlechten deutschen Zahlen herhalten. „Ein Land wie Deutschland muss da was tun.“

Sonderfall Nierentransplantationen

Die einzige Zahl, die im spanischen Transplantationssystems leicht nach unten weist, ist

die der Lebendspenden zwischen engen Verwandten oder Lebenspartnern. Vermutlich l

iegt dieser Rückgang daran, dass die Aussicht, in absehbarer Zeit das Spenderorgan

eines Verstorbenen zu erhalten, im Laufe der Jahre immer besser geworden ist. Etwa 30

Prozent derjenigen, die bereit wären, einem geliebten Menschen ihre Niere zu spenden,

müssen darauf wegen Unverträglichkeiten beim Empfänger verzichten.

 

06. Februar 2018

 

Vorbild Spanien Erfolgsrezepte eines Weltmeisters

In Spanien werden seit vielen Jahren mit Abstand die meisten Organe gespendet. Denn die Kliniken sind gut ausgestattet, die Frage nach der Spende ist kein Tabu und die Menschen vertrauen dem System.

Von Martin Dahms

Spenderorgane wie Herz und Lunge werden dringend gesucht. Foto: Istock

„Die Debatte wird falsch geführt“, sagt Beatriz Domínguez-Gil. Sie meint die deutsche Organspendedebatte, die sich auf die Spendenbereitschaft der Menschen konzentriere, also darauf, wie die Gesellschaft von den Vorzügen der Organspende zu überzeugen wäre. „Dabei geht es eher um strukturelle und Organisationsreformen, die durchgeführt werden müssten.“

 

Das Wort von Domínguez-Gil hat Gewicht. Sie ist Direktorin der spanischen Nationalen Transplantationsorganisation (ONT), in deren Händen die gesamte Organisation der Organspende liegt: von der Entnahme bis zur Verteilung und dem Führen von Wartelisten. Spanien ist seit einem Vierteljahrhundert Organspende-Weltmeister. 2017 ist die Zahl der Organspender weiter gestiegen, um 8,1 Prozent, auf 2183. Das macht 46,9 Organspender pro Million Einwohner, fast fünf Mal so viel wie in Deutschland: Hier ist die Rate 2017 auf 9,3 gefallen.

Weil einem Spender oft mehrere Organe entnommen werden, gab es in Spanien im vergangenen Jahr insgesamt 5261 Transplantationen. Eine kaum glaubliche Zahl. Beeindruckend ist auch eine weitere: Mit knapp 4900 Menschen standen Ende 2017 rund 600 Schwerstkranke weniger auf der Warteliste für ein Spenderorgan als ein Jahr zuvor. In Deutschland dagegen verbessert sich hier seit Jahren nichts.

Das spanische System funktioniert, ohne dass die Bevölkerung zur Solidarität aufgefordert werden müsste. „Wir stecken kein Geld in Werbekampagnen“, sagte Domínguez-Gil der FR. Der Erfolg des Systems ist dessen beste Werbung. Die Spanierinnen und Spanier, die ihren Institutionen sonst eher misstrauen, vertrauen der ONT.

Manchmal kommen sie den Ärzten und Pflegern zuvor, wenn ein Angehöriger im Sterben liegt, und bringen von sich aus das Gespräch auf die Organspende: „Wenn man nichts mehr für ihn tun kann – er wollte Organspender sein, haben Sie das doch bitte im Kopf.“ So bekommt es die ONT-Direktorin von den Transplantationskoordinatoren aus den Krankenhäusern erzählt, „immer häufiger“.

Der Erfolg des Systems ist vor allem einem Mann geschuldet, Rafael Matesanz, dem Steve Jobs der Organspende. Der Nierenfacharzt gründete 1989 die ONT und blieb, mit einer kurzen Unterbrechung, bis 2017 ihr Direktor. „Er hatte ein klares Ziel“, sagt Nachfolgerin Domínguez-Gil, „er war ein großartiger Teamorganisator, und er hat sehr vehement seine Ideen verteidigt, wie die Dinge zu machen seien.“ Mit überwältigenden Ergebnissen.

Die wesentliche Entscheidung war es, die Organspende zur Aufgabe der Krankenhäuser zu machen, statt damit eine außenstehende Institution zu beauftragen. In jeder der 188 spanischen Kliniken, in denen Organe entnommen werden können, gibt es einen Transplantationskoordinator, gewöhnlich einen Intensivmediziner, und sein Team. Ihre Arbeit wird fortlaufend evaluiert, die Teams bilden sich regelmäßig fort.

Sie tun vor allem eines: Sie sind aufmerksam. Sie erkennen, wenn ein Patient dem Tod entgegengeht und als Organspender in Frage kommt. Daran scheitern Systeme mit niedrigen Organspenderaten wie das deutsche: nicht am fehlenden Willen der Menschen, im Todesfall ihre Organe herzugeben, sondern an fehlender Aufmerksamkeit.

Die Aufmerksamkeit des Klinikpersonals wird in Spanien mit besonderen Pauschalen belohnt, was manche im Land kritisieren. Doch dass gute Arbeit auch gut bezahlt wird, hält die ONT für selbstverständlich. Zumal die Organspende nicht nur dem Empfänger zu einem besseren Leben verhilft, sondern auch das Gesundheitssystem finanziell entlastet. Eine jahrelange Dialyse ist teurer als eine Nierentransplantation.

Die zweite wichtige Aufgabe der Transplantationsbeauftragten ist das Gespräch mit den Angehörigen. In einer emotional belastenden Lage, angesichts des nahenden Todes eines geliebten Menschen, sollen sie sich der Frage stellen, ob dieser wohl mit der Entnahme seiner Organe einverstanden wäre. Das spanische Transplantationsgesetz von 1979 geht (anders als das deutsche) davon aus, dass jeder zur Organspende bereit ist, es sei denn, er widerspricht dem zu Lebzeiten. Das kann er vor einem Notar tun oder indem er sich in einem speziellen Register anmeldet. Es reicht aber auch, dass er gegenüber seiner Familie verkündet, dass er von der Organspende nichts hält. Deswegen ist das Gespräch mit den Angehörigen so wichtig: Sie sollen glaubwürdig im Namen des Sterbenden sprechen. Im vergangenen Jahr sagten in diesen Gesprächen 87 Prozent der Angehörigen Ja zur Organspende. „Eine außergewöhnlich hohe Rate“, sagt Domínguez-Gil. Die Spanier haben keine Vorurteile gegen die Organspende, und die wenigsten misstrauen den Erklärungen, dass ihr Angehöriger wirklich tot ist, wenn ihm die Organe entnommen werden.

Das spanische Transplantationssystem war schon vor zehn Jahren außergewöhnlich

erfolgreich. Dass es noch immer erfolgreicher wird, erklärt die ONT-Direktorin mit drei

neueren Entwicklungen. Zum Ersten wird die Sensibilisierung und Fortbildung des

medizinischen Personals in Sachen Organspende auf immer mehr Abteilungen jenseits

der Intensivstationen der Krankenhäuser ausgeweitet.

Zum Zweiten steigt das Durchschnittsalter der Organspender: Der Älteste, dem in Spanien ein Organ entnommen wurde, war 94 Jahre alt – das geht, weil auch die Empfänger immer älter werden. Zum Dritten sind in Spanien, anders als in Deutschland, Organentnahmen nach einem Herzstillstand erlaubt, und die machen mittlerweile ein gutes Drittel aller Organspenden im Land aus. Der Tod eines Menschen tritt mit dem Erlöschen seiner Hirnfunktionen ein.

Manchmal geschieht das, während Maschinen noch den Rest des Körpers am Leben erhalten. Dieser Hirntod ist überall die normale Voraussetzung für eine Organentnahme. Wenn umgekehrt das Herz zu schlagen aufhört, während das Hirn noch Lebenszeichen von sich gibt, sind viele Gesetzgeber vorsichtig und untersagen in diesem Fall eine Organentnahme. Den Spaniern genügt zu wissen, dass kurze Zeit nach dem Herzstillstand auch der Hirntod eintritt. Niemandem wird ein Organ entnommen, der noch leben könnte.

Die ONT-Direktorin Domínguez-Gil ist überzeugt, dass Deutschland auch ohne Gesetzesänderung seine Organspenderate „wesentlich erhöhen könnte, wesentlich!“. Auch dass es vor einigen Jahren einen Korruptionsfall im deutschen System gab, könne nicht als „ewige Rechtfertigung“ für die schlechten Zahlen herhalten. Die seien eine Folge der „Struktur, der Prozessorganisation“. Da ließe sich was tun. „Ein Land wie Deutschland muss da was tun.“

 

 

 

 

 

Organspende: Kliniken fordern Freistellungen

Medizin: Die Krankenhausgesellschaft

begrüßt die Pläne der Landesregierung

Von Carolin Nieder-Entgelmeier

Düsseldorf. Mit 8,2 Organspendern pro eine Million Einwohner liegt Nordrhein-Westfalen an letzter Stelle der sieben Organspende-Regionen in Deutschland. 2017 hat die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) in NRW 146 Organspender registriert. Um diese Negativentwicklung zu beenden, plant NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) eine gesetzliche Stärkung der Transplantationsbeauftragten in den Krankenhäusern. Geprüft wird auch, ob eine gesetzliche Freistellung der Transplantationsbeauftragten wie in Bayern die Situation in NRW verbessern könnte. Die Kliniken im Land befürworten Freistellungen.

"Den Tiefpunkt von nur 146 Organentnahmen im vergangenen Jahr in Nordrhein-Westfalen können wir nicht tatenlos hinnehmen", erklärt der Präsident der Krankenhausgesellschaft NRW (KGNW), Jochen Brink. Die Konkretisierung der Freistellungsregelung der Transplantationsbeauftragten in den Krankenhäusern sehe man analog zu der bayerischen Lösung mit als eine sinnvolle Möglichkeit an, um die Rahmenbedingungen für mehr Organspenden in NRW zu verbessern. "Die Details der Umsetzung und der Refinanzierung der Stellen sollten deshalb schnellstmöglich mit den Verantwortlichen in Land und Bund geklärt werden", so Brink.

Die aktuelle Gesetzeslage in NRW ist schwammig. Die Lösung sieht eine Freistellung vor, "wie es zur ordnungsgemäßen Durchführung der Aufgaben nach diesem Gesetz erforderlich ist". Die Lösung in Bayern, die seit Beginn 2017 gilt, definiert hingegen klare Personalschlüssel nach Maßgabe der Zahl der Intensivbetten (Beispiel: pro 10 Betten 0,1 Vollkräfte Freistellung). Die Folge: Die Zahl der Organspender ist 2017 gestiegen.

Klare Personalschlüssel fordert auch Westfalen-Lippes Ärztekammer-Präsident Theo Windhorst: "Für so eine wichtige und zeitintensive Aufgabe wie die der Transplantationsbeauftragten ist eine Freistellung von den alltäglichen Pflichten unumgänglich." Aktuell können oder wollen viele Chefärzte und Krankenhausträger ihre Transplantationsbeauftragten nicht freistellen. "Die Personalstruktur verhindert die Identifizierung von möglichen Organspendern. Das muss sich dringend ändern, um das Leid der schwer kranken Menschen auf den Wartelisten zu beenden", sagt Windhorst.

Auch KGNW-Präsident Brink fordert, dass das Leid der Patienten auf den Wartelisten stärker in das Bewusstsein der Menschen rücken soll. "Als Dachverband der 348 Krankenhäuser in NRW wollen wir im Netzwerk Organspende NRW durch mehr Information und Aufklärung der Bevölkerung die Zahl der Organspender erhöhen. Wir werden zudem bei der Sensibilisierung und Qualifizierung unserer Mitarbeiter unsere Aktivitäten verstärken", kündigt Brink an.

 

© 2018 Neue Westfälische
12 - Bad Oeynhausen, Donnerstag 01. Februar 2018

 

 

 

Ärzte Zeitung online, 29.01.2018

Nordrhein-Westfalen

Kliniken fordern, Transplantationsbeauftragte freizustellen

KÖLN. Auch die Krankenhausgesellschaft Nordrhein-Westfalen (KGNW) hält die Freistellung der Transplantationsbeauftragten in den Kliniken für eine gute Maßnahme, um die Zahl der Organspenden in NRW zu erhöhen. Sie schließt sich damit einer Forderung der Ärztekammern Nordrhein und Westfalen-Lippe an. "Die Details der Umsetzung und der Refinanzierung der Stellen sollten schnellstmöglich mit den Verantwortlichen in Land und Bund geklärt werden", sagte KGNW-Präsident Jochen Brink. Grundsätzlich engagiere sich die KGNW bereits beim Thema Organspende. Die Gesellschaft werde ihre Aktivitäten bei der Sensibilisierung und Qualifizierung der Klinikmitarbeiter verstärken, kündigte Brink an. (iss)

 

 

Ärzte Zeitung online, 25.01.2018

 

Organspenden

Ärzte in NRW wollen die bayerische Lösung

In Bayern werden Transplantationsbeauftragte freigestellt. Gegen den Trend ist dort die Zahl der Organspenden gestiegen.

KÖLN. Die Ärztekammern Nordrhein (ÄKNo) und Westfalen-Lippe (ÄKWL) machen sich dafür stark, dass in Nordrhein-Westfalen die Transplantationsbeauftragten an den Kliniken von Routinearbeiten freigestellt werden. Sie hoffen, dass sich damit die Zahl der Organspenden im bevölkerungsreichsten Bundesland erhöhen lässt.

ÄKNo und ÄKWL orientieren sich an dem Vorbild Bayerns. Im Freistaat werden die Transplantationsbeauftragten seit dem vergangenen Jahr freigestellt. Entgegen dem bundesweiten Negativtrend hat die Zahl der gespendeten Organe in Bayern im Jahr 2017 deutlich zugelegt.

"Ich trete für die ‚bayerische Lösung‘ ein, da sie den komplexen Aufgaben der Transplantationsbeauftragten im Organspendeprozess besser Rechnung trägt", sagte ÄKNo-Präsident Rudolf Henke. Damit die Ärzte ihre Aufgaben umfänglich erledigen könnten, brauche es verbindliche Regelungen zu ihrer Freistellung und Honorierung.

In NRW gab es im vergangenen Jahr nur 146 Organentnahmen. Zum Vergleich: 2012 waren es noch 231. Die Überlastung der Transplantationsbeauftragten ist nach Einschätzung von ÄKNo, ÄKWL und dem NRW-Gesundheitsministerium ein Grund für diese Entwicklung.

"Die Transplantationsbeauftragten in den Kliniken werden vielfach in der Durchführung ihrer speziellen Arbeit eingeschränkt", sagte ÄKWL-Präsident Dr. Theodor Windhorst anlässlich eines Erfahrungsaustauschs der Kammern und des Ministeriums mit den Transplantationsbeauftragten. "Ihr Engagement wird behindert durch hohes Arbeitsaufkommen und Zeitmangel, die fehlende Akzeptanz innerhalb des Krankenhauses oder die Tatsache, dass sie für ihre Organspende-Tätigkeit nicht freigestellt werden", so Windhorst. Er findet es bezeichnend, dass von 340 eingeladenen Transplantationsbeauftragten gerade einmal 18 an dem Austausch teilgenommen haben.

Allen sei klar, dass das Thema Organspende und Transplantation weiterhin viele Verbündete, Öffentlichkeit und breite gesellschaftliche Unterstützung braucht, sagte NRW-Staatssekretär Edmund Heller. "Allerdings wissen wir auch, dass in der Frage der Identifizierung von Organspendern das Krankenhaus der wichtigste Ort ist." Die Transplantationsbeauftragten tragen seiner Meinung nach eine besondere Verantwortung. "Deshalb brauchen und verdienen sie jede Unterstützung für ihre schwierige Aufgabe", betonte Heller.

Als eine Maßnahme, um die Zahl der Organspenden zu erhöhen, haben ÄKNo und ÄKWL alle Neurologen in Nordrhein-Westfalen angeschrieben, um sie für eine konsiliarärztliche Tätigkeit bei der Hirntod-Diagnostik zu gewinnen. Bei rund 20 Ärztinnen und Ärzten hatte ihr Werben Erfolg. Sie stehen jetzt insbesondere kleinen Häusern ohne neurologische Abteilung für die Feststellung des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls zur Verfügung. Die Deutsche Stiftung Organtransplantation wird ihren Einsatz koordinieren. (iss)

 

Organspende Die Mehrheit will spenden

Die Bereitschaft zur Organspende ist hoch, doch das System verhindert sie: Die Politik verweigert die Reform, die Organspenden vereinfachen und Leben retten würde. Unser Leitartikel.

26.01.2018

Es kann jeden treffen. Oft geht es sehr schnell. Schwer krank werden, ein Organ unwiderruflich verlieren und damit vom Tod bedroht sein: 10 000 Menschen in Deutschland sind davon betroffen, und ihre Aussichten auf Hilfe und Rettung schwinden dramatisch.

Ein verschleppter Infekt kann das Herz kosten, jahrelanger Diabetes oder Bluthochdruck die Nieren zerstören. Auch wer leichtgläubig und zu oft frei verkäufliche Schmerzmittel konsumiert, riskiert Nieren oder Leber, und es gibt immer mehr Autoimmunerkrankungen, die ein Organ schädigen können.

Drei Menschen sterben hierzulande pro Tag, weil es immer weniger Spenderorgane gibt. Aus den dreien könnten bald mehr werden, wenn das Politikversagen in diesem Bereich des Gesundheitswesens anhält.

Die Reform des Transplantationsgesetzes von 2012, die zu mehr Organspenden führen sollte, ist an ihrer eigenen Zauderhaftigkeit gescheitert. Was besser gemacht werden muss, ist bekannt. An einem jedenfalls fehlt es nicht: an der Spendenbereitschaft der Bevölkerung.

Hohe Bereitschaft, aber das System versagt

Achtzig Prozent der Menschen hierzulande sind im Todesfall bereit, Organe zu spenden. Der Wert ist ständig gestiegen – trotz des Organspendeskandals von 2012, der oft als quasi schicksalhafter Urgrund der Krise ausgemalt wird. Trotzdem trägt nur jeder dritte Bürger einen ausgefüllten Organspendeausweis bei sich. Offenbar verpuffen die gesetzlich verordneten, milliardenteuren Mailingaktionen, mit denen die Krankenkassen ihren Mitgliedern alle zwei Jahre Spenderausweise und Infopost zuschicken – und vor allem mächtig für sich werben.

Würde dagegen die fast flächendeckende Spendebereitschaft endlich auf den Versichertenkarten gespeichert, wäre schon ein wichtiger Schritt zu mehr Organspenden getan: Der Spenderwille wäre bekannt, Angehörige von im Sterben liegenden Patienten wären deutlich entlastet. Und auch die Kliniken und Transplantationsbeauftragten, die Verwandten heute in der Schocksituation des plötzlichen Todes auch noch schnell eine Entscheidung über die Organspende abverlangen müssen.

Noch wichtiger: Bei einer so breiten Zustimmung der Bevölkerung zur Organspende ist es eine logische und überfällige politische Konsequenz, das Transplantationsgesetz radikal umzubauen und endlich eine Form der Widerspruchslösung einzuführen. Danach gilt als Organspender, wer zu Lebzeiten nicht ausdrücklich Nein gesagt hat: Nicht die Mehrheit der Spendewilligen muss aktiv werden, sondern die Minderheit derer, die nicht wollen.

Das ist zumutbar und in fast ganz Europa geltendes Recht – in Frankreich, Spanien, Österreich, Kroatien oder Portugal. Vor allem der Widerspruchslösung der anderen Staaten im Eurotransplant-Verbund ist es zu verdanken, dass die Lage bei uns nicht noch verheerender ist. Wir bekommen mehr Organe aus dem Ausland als wir bereitstellen.

Es wäre ein großer Schritt, würde unser jetziges Modell, wonach ein Spender zu Lebzeiten ausdrücklich zugestimmt haben muss oder seine Angehörigen entscheiden müssen, durch eine Widerspruchslösung abgelöst. Einen grundlegenden Einstellungswandel braucht es dazu, vor allem bei den Entscheidern.

Hierzulande schwingt bei der Debatte in der Politik, den Kirchen und auch den Medien immer noch die diffuse Haltung mit, dass es bei der Organspende um eine Art posthumer Zumutung geht, um ein Opfer des Toten sozusagen, das zwar gesellschaftlich immer dringender gewünscht ist, an das man aber, wie es bei Zumutungen so ist, lieber nicht erinnert. Schon gar nicht, wenn man eine politische Partei ist, die um Wählergunst buhlt. So erklärt sich auch das Totschweigen des Themas, wenn es um Gesundheitspolitik geht.

Hinter der Widerspruchslösung dagegen, vor allem in Europas Süden verbreitet, scheint eine andere Kultur auf: eine des verbreiteten Wunsches, dem eigenen Tod womöglich noch einen Sinn mitzugeben – nämlich den, mit den eigenen Organen wenigstens andere Leben zu retten. Genau so kann und sollte die postmortale Organspende kommuniziert werden: als Chance im Sterben. Wir können Organe spenden, wir müssen nicht. Fragt man Menschen mit einem Spenderausweis nach ihren Motiven, dann hört man oft genau diese Einstellung. Sie sind damit den Entscheidern in Gesundheitslobby und -politik weit voraus.

Skeptiker warnen dennoch: Was ist mit den Ängsten in der Bevölkerung – vor Manipulationen mit dem Hirntod, vor überhasteter Todesfeststellung, damit Ärzte schnell an Organe kommen, schlicht: vor Kontrollverlust am Lebensende? Die Ängste mag es geben, aber man darf angesichts der immensen Spendebereitschaft wohl zweifeln, dass sie so verbreitet sind wie manchmal behauptet.

Trotzdem: Gerade gegen Misstrauen und Angst hilft nicht Nichtstun – es braucht Aufklärung und Transparenz. Und endlich eine breite gesellschaftliche Debatte über eine einschneidende Reform.

 

Soziologe fordert grundlegende Reform der Organspende

Montag, 22. Januar 2018

Ärzteblatt

Quelle: dpa

München – Eine grundlegende Reform der Organspende in Deutschland fordert der Soziologe Andreas Diekmann. In einem Beitrag für die Süddeutsche Zeitung forderte der emeritierte Professor der Universität Zürich heute die Einführung einer Widerspruchs­lösung, nach der jeder Bürger ein potenzieller Organspender ist – außer, er hat einer Organspende ausdrücklich widersprochen. Derzeit ist in Deutschland eine Organ­spende nur möglich, wenn der potenzielle Spender zu Lebzeiten ausdrücklich zuge­stimmt hat, oder seine Angehörigen für ihn zustimmen.

Diekmann schreibt, durch eine entsprechende Reform könnten in Deutschland mehr Leben gerettet werden als durch alle Abwehrmaßnahmen gegen Terrorismus. Wissen­schaftliche Studien ließen vermuten, dass eine Widerspruchslösung eine um 25 bis 30 Prozent höhere Bereitschaft zur Organspende auslösen würde. Appelle an die Moral oder Werbekampagnen seien demgegenüber wirkungslos geblieben.

n Deutschland war die Zahl der Organspenden im Jahr 2017 auf einen Tiefststand gefallen. Bundesweit gab es 797 Organspender, 60 weniger als im Jahr zuvor (2016: 857). Die Anzahl der gespendeten Organe sank um 9,5 Prozent auf 2.594 Organe (2016: 2.867). Mit 9,3 Spendern pro eine Million Einwohner rutschte die Bundesrepublik in Europa endgültig auf die untersten Tabellenränge.

17 europäische Staaten regeln die Organspende über die Widerspruchslösung, darunter auch die Nachbarn Belgien, Luxemburg, Frankreich, Österreich und Polen. Auch Spanien gehört dazu. Dass das Land die weltweit höchste Rate an Organspendern hat, dient oft als Argument für die Einführung einer Widerspruchslösung. Kritiker halten die Widerspruchslösung für verfassungswidrig und kontraproduktiv, weil sie das Misstrauen in die Transplantationsmedizin noch erhöhen könnte. © kna/aerzteblatt.de

 

POLITIK

18/01/2018 17:37 CET

Die Mitarbeiterin könne nicht damit leben, "wenn ihr

deutsches Herz in einem Türken schlägt".

Von Julius Zimmer

Fabian Bimmer / Reuters

Manches das in der AfD passiert, bringt wohl sogar Parteichef Alexander Gauland an den Rande der Verzweiflung.

 

Wegen einer Facebook-Nachricht hat AfD-Parteichef Alexander Gauland eine seiner Mitarbeiterinnen abgemahnt

  • In einer Privatnachricht hatte sie eine rassistische Äußerung zum Thema Organspende getroffen

Dass einem AfD-Mitglied Rassismus vorgeworfen wird, ist an sich nichts Neues.

Vorallem in sozialen Netzwerken wie Twitter und Facebook stolpert der ein oder andere AfD-Politiker immer mal wieder über die Maustaste. Doch die Äußerung einer Mitarbeiterin ging nun offenbar sogar AfD-Parteichef Alexander Gauland zu weit. 

“Ich will nicht, dass irgendein Nafri meine Organe bekommt”

Zur aktuellen Debatte über Organspende hatte seine Mitarbeiterin Shirley Borchardt eine Privatnachricht an einen Facebook-Freund gesendet. Darüber berichtet die “Rheinische Post”. In der Nachricht erklärte sie:

Wenn ich bestimmen könnte, wer nach meinem Tod meine Organe bekommt, wäre ich auch Spender, aber ich will nicht, dass irgendein Nafri Safri meine Organe bekommt. Da sollen sie lieber verrotten.”

Kürzlich war bekannt geworden, dass die Zahl der Organ-Spenden einen Tiefpunkt erreicht hat.

In Borchardts Facebook-Nachricht soll es weiter heißen: “... ich könnte nicht damit leben, dass mein deutsches Herz eventuell in einem Türken oder was auch immer schlägt.”

Ein Ausschnitt der Unterhaltung wird in den sozialen Medien verbreitet.

 

 

16. Januar 2018

Süddeutsche Zeitung

Aussenansicht Klinisch tot

Krankenhäuser müssen sich stärker um Organspenden bemühen. Deutschland braucht dringend einen nationalen Aktionsplan.

Von Bruno Meiser

Die gerade veröffentlichten Organspendezahlen des vergangenen Jahres sind eine Katastrophe, vor allem für die mehr als 10 000 Patienten, die in Deutschland auf eine Transplantation warten. Dieser Rückgang ist für ein hoch entwickeltes Land beispiellos und oberflächlich betrachtet schwer erklärbar. Jedenfalls nicht, wie häufig kolportiert wird, durch die Auswirkungen des Transplantationsskandals: Die Spendezahlen gehen bereits seit dem Jahr 2010 zurück, lange bevor der Skandal öffentlich wurde.

Die Bevölkerung interessiert sich nicht für Verfehlungen, die vor vielen Jahren begangen wurden, sie ist in der großen Mehrheit bereit zu spenden. Das eigentliche Problem liegt bei den Krankenhäusern, in denen die Organe entnommen werden könnten. Es gibt dort zu viele Hürden für die Organspende, positive Anreize fehlen ebenso wie Sanktionen. Wer dies ändern will, muss aufhören, sich zu beklagen und handeln. Es bedarf dringend eines nationalen Aktionsplans, in dessen Rahmen das Folgende angegangen werden muss:

1. Adäquate Vergütung für die Krankenhäuser:

Wenn ein Patient in einer Klinik stirbt, zahlt die Krankenkasse nicht mehr. Sofern der Tote Organspender wird, erhält das Krankenhaus maximal 4700 Euro für die Organentnahme. Dies mag den tatsächlichen Aufwand abdecken, berücksichtigt aber nicht, dass das Bett auf der Intensivstation nicht mit einem anderen Patienten belegt werden kann und dass das Personal nach einer nächtlichen Organentnahme am nächsten Tag im Routinebetrieb fehlt. In Kroatien, wo es pro Million Einwohner mehr als dreimal so viele Spender gibt wie in Deutschland, zahlt der Staat 7000 Euro für eine Organentnahme.

2. Sanktionierung von Kliniken, die sich nicht an der Organspende beteiligen:

Die Krankenhäuser sind gesetzlich verpflichtet, potenzielle Organspender an die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) zu melden. Wenn ein Patient nach ärztlicher Beurteilung als Organspender infrage kommt, muss deshalb überprüft werden, ob der Hirntod eingetreten ist. Dieser Aufgabe kommen aber zu viele Kliniken nicht nach. Dies wird bislang nicht kontrolliert und damit auch nicht sanktioniert. Um die Kliniken zu einer Beteiligung an der Organspende zu bewegen, sollten finanzielle Malus-Regelungen eingeführt werden. Wozu haben wir denn ein Gesetz, wenn es nicht umgesetzt wird?

3. Zusätzliche Vergütung für Transplantationsbeauftragte:

Jedes Krankenhaus mit der nötigen Ausstattung für eine Organspende muss einen Transplantationsbeauftragten einsetzen, das schreibt das Gesetz schon heute vor. Diese Ärzte sollen sich darum kümmern, dass potenzielle Organspender in der Klinik erkannt werden, sie sollen das Personal schulen und die Angehörige begleiten. Dafür zahlen die Krankenkassen den Kliniken jährlich 18 Millionen Euro, Geld das leider oft im Budget verschwindet. Transplantationsbeauftragte werden zwar von der Klinikleitung bestimmt, ihr übliches Arbeitspensum wird aber in der Regel nicht geringer. Dies ist auch schwierig umzusetzen, da nicht absehbar ist, wann und wie häufig potenzielle Organspender in der Klinik versterben. Deshalb sollten diese Ärzte besser von der DSO in Nebentätigkeit für diese Aufgabe beschäftigt werden. So gäbe es einen Anreiz, zusätzliche Zeit für die Organspende aufzuwenden. Auch ließen sich die Ergebnisse ihrer Arbeit besser evaluieren.

4. Mobile Expertenteams zur Feststellung des Hirntods:

Die Vorgaben zur Feststellung des Hirntods, bei dem sämtliche Hirnfunktionen irreversibel ausgefallen sind, setzen zu Recht hohe Anforderungen an das Verfahren und die Expertise der Ärzte. Diese müssen Fachärzte sein, mindestens einer Neurologe oder Neurochirurg und über mehrjährige Erfahrung bei der Behandlung von Hirnschädigungen verfügen; die Todesfeststellung muss übereinstimmend zweimal im Abstand von mindestens zwölf Stunden erfolgen. Das können die 1300 Krankenhäuser, die für eine Entnahme infrage kommen, nicht leisten. Deshalb sollte die DSO flächendeckend mobile Expertenteams vorhalten, die bei Bedarf von den Kliniken zur Hirntoddiagnostik angefordert werden können.

5. Berücksichtigung der Organspende in Patientenverfügungen:

Patientenverfügungen sind eine wichtige Hilfe für Angehörige und Ärzte bei der Entscheidung über Therapieoptionen. Wenn darin allerdings gewünscht wird, bei nahendem Lebensende jede weitere Behandlung einzustellen, steht dies im Konflikt mit dem Prozess einer Organspende - von der Hirntoddiagnostik bis zur Entnahme. Das muss mit den Betroffenen bei der Abfassung der Verfügung diskutiert werden. Wer spendebereit ist, sollte einen entsprechenden Passus einfügen, dass seine Organfunktionen so lange aufrechterhalten werden sollen, bis die Organspende erfolgt ist.

6. Widerspruchslösung:

Fast alle Länder in Europa haben inzwischen die Widerspruchslösung, nach der jeder Bürger Organspender ist, wenn er sich nicht zu Lebzeiten dagegen ausgesprochen hat. Nur in Deutschland müssen die Angehörigen zustimmen, wenn kein Organspendeausweis vorliegt. Bei uns argumentieren viele gegen die Widerspruchslösung, weil die Freiheit des Einzelnen, über seinen Körper zu entscheiden, ihrer Meinung nach über den Tod hinausgeht. Dabei greift der Staat häufig in unser Selbstbestimmungsrecht ein. So gibt es staatlich vorgegebene Erbschaftsregeln, wer die nicht möchte, muss ein Testament machen. Gegen den expliziten Willen der Angehörigen werden auch bei der Widerspruchslösung keine Organe entnommen. Nur stimmen diese in aller Regel zu, weil der Tote zu Lebzeiten eben nicht widersprochen hat.

7. Spende nach Herzstillstand:

Deutschland ist eines der wenigen Länder in Europa, in dem der Hirntod alleinige Voraussetzung für eine Organspende ist. In fast allen anderen Ländern ist auch die Spende nach Herzstillstand möglich: Wenn ein Patient im Sterben liegt, aber nicht hirntot ist, kann nach Zustimmung der Angehörigen die Beatmung eingestellt werden. Ist er für die Organspende geeignet und gibt es das Einverständnis dazu, wird nach Herzstillstand weitere fünf bis zehn Minuten gewartet, dann werden die Organe entnommen. In Deutschland ist dies bisher nicht erlaubt, obwohl solche Spender ohne Zweifel tot sind.

Im Rahmen eines solchen nationalen Aktionsplanes, der federführend vom Bundesgesundheitsministerium ausgehen sollte und an dem alle Verantwortlichen aus Politik und Medizin teilnehmen sollten, müssen alle genannten Themen tabulos auf den Tisch. Ein "Geht-bei-uns-nicht" darf es nicht geben. Wir müssen dringend für ein Klima in den deutschen Kliniken sorgen, das die Organspende fördert.

 

 

NTV

Sonntag, 14. Januar 2018

Stille TragödieDas Organspende-Drama: Gründe gibt viele

Die Zahl der Organspender ist in Deutschland 2017 auf einen historischen Tiefpunkt gesunken. Damit warten noch mehr todkranke Menschen auf eine Chance. Die Misere hat wohl mehrere Ursachen.

Das Sauerstoffgerät in der Berliner Charité zischt leise. Ein blauer Schlauch endet in der

Nase von Wolfgang Wachs. Sein Lebensradius ist auf zehn Quadratmeter

zusammengeschrumpft, auf die Größe seines Krankenzimmers auf der Lungenstation.

Der kleine gelbe Rettungshubschrauber, ein Spielzeugmodell neben dem Bett, lässt

ahnen, was das für den 60-Jährigen bedeutet.

 

Wachs ist Notarzt mit Leidenschaft. Die vergangenen 20 Jahre ist er als Lebensretter zur

Stelle gewesen, auf der Straße, zu Wasser und schließlich auch mit dem Helikopter aus

der Luft. Nun ist er ein todkranker Patient, den nur noch eine Organspende retten kann

- eine neue Lunge. 2011 bekam Wachs die Diagnose Lungenfibrose, eine seltene und

rätselhafte Krankheit, bei der die Lunge versteift und den Körper mit immer weniger

Sauerstoff versorgt. Weihnachten 2016 gab er seinen Job auf, ihm fehlte die körperliche

Kraft. Weihnachten 2017 verbrachte er schon in der Charité, weil es zu Hause in

Brandenburg nicht mehr ging. Und immer noch wartet er. Auf einen Anruf, auf die

erlösende Nachricht, dass es eine Spenderlunge für ihn gibt. Einem Notarzt braucht

niemand zu erklären, was geschieht, wenn dieser Anruf nicht bald kommt

Wolfgang Wachs, der 20 Jahre lang Tausende

Male als Lebensretter zur Stelle war, braucht
jetzt selbst Hilfe: eine neue Lunge.
(Foto: picture alliance / Bernd Settnik

"Die Lage ist dramatisch"

10.000 Menschen stehen in Deutschland auf der Warteliste für Spenderorgane. Rund jeden dritten Tag ist im vergangenen Jahr ein Patient gestorben, weil es nicht rechtzeitig eine passende Niere, Leber, Lunge oder ein Herz gab. 2017 ist die Zahl der Organspender in Deutschland auf ein historisches Tief gesunken - auf 797. Wolfgang Wachs weiß, dass damit seine Chancen auf den Anruf weiter sinken. "Es ist kein schöner Gedanke, dass jemand sterben muss, damit ich weiterleben kann", sagt er. Doch er will leben. Er will wieder Arzt sein.

Bei der Deutschen Stiftung Organtransplantation in Frankfurt am Main nennt der Medizinische Chef Axel Rahmel die Lage dramatisch. Auch er ist Arzt, Herzspezialist. Er glaubt nicht daran, dass die Bundesbürger nach ihrem Tod einfach keine Organe mehr spenden wollen. Trotz des Skandals 2012, als ans Licht kam, dass Transplantationsmediziner an einigen Kliniken ihre Patienten auf dem Papier kränker gemacht hatten als sie waren. Damit rückten sie auf den Wartelisten weiter nach oben. Dieser Praxis sind lange Riegel vorgeschoben. Und so heftig wie damals sind die Spenderzahlen auch nicht mehr auf einmal gesunken. Aber es ging eben stetig weiter bergab.

Spanier müssen aktiv widersprechen

Rahmel geht davon aus, dass in Familien heute mehr über Organspende gesprochen wird als früher. Auch die Zahl der Spenderausweise nehme zu. Woran liegt es dann? Daran, dass die Bundesbürger einer Organspende aktiv zustimmen, während ihr zum Beispiel die Spanier aktiv widersprechen müssen - und mit dieser Regelung in Europa Spende-Meister sind? Rahmel schüttelt den Kopf. "Entscheidend ist nicht die gesetzliche Regelung, sondern die Haltung", sagt er. "Wir brauchen eine gelebte Kultur der Organspende."

Diese Kultur scheint in manchen der rund 1200 Kliniken, die in Deutschland zum System Organspende gehören, zu fehlen. Rund 700 haben sich 2017 nicht ein einziges Mal bei der DSO gemeldet. Schon rein rechnerisch kann nicht hinkommen, dass dort kein Patient als potenzieller Spender in Frage kam. Denn die Zahl schwerer Hirnschädigungen sei trotz der immer moderneren Rettungsmedizin nicht rapide gesunken, sagt Rahmel.

Für die vor der Organentnahme nötige Hirntod-Diagnostik gibt es strenge Auflagen. Ganz bewusst soll mit der Organspende auch kein Geld verdient werden können. Ein hirntoter Patient aber belegt - rein ökonomisch betrachtet - ein gewinnbringendes Bett auf der Intensivstation. Das kann ein Spagat für ein Klinikmanagement sein, das auf die Zahlen schauen muss. Es gibt bei Organspenden Aufwandsentschädigungen für Kliniken. In Einzelfällen ist das laut DSO aber zu wenig, um die Kosten zu decken. Das sei auch nicht gerade eine Motivation für Krankenhäuser, sich stark zu engagieren.

Transplantationsbeauftragte haben keine Zeit

Wolfgang Wachs braucht jetzt im Krankenzimmer eine Extra-Portion Sauerstoff - zum Sprechen. Bevor er als Notarzt durchstartete, arbeitete er lange auf einer Berliner Intensivstation. "Ich habe Organspende damals auch nicht im Blick gehabt", sagt er selbstkritisch. Er habe auch die zunehmende Ökonomisierung und Bürokratisierung in den Kliniken kritisch gesehen, ergänzt er. "Da bin ich weg." Heute empfindet er die Hetze für Ärzte und Pflegepersonal als noch schlimmer.

Die fehlende Kultur der Organspende kann für die DSO auch daran liegen, dass einige Transplantationsbeauftragte keine Zeit für ihren Job haben. Oder dass es so sehr an Anerkennung für ihre Arbeit fehlt, dass sie sich nicht voll reinhängen. Dabei geht es nur um einen Moment - um den Augenblick, bevor Ärzte im Einverständnis mit Angehörigen beim Hirntod eines Patienten die Maschinen auf der Intensivstation abstellen. Wenn da einige Menschen mehr an Organspende dächten - für Rahmel wäre schon viel gewonnen.

 

 

ntv 13.01.2018

Kritische Marke unterschritten

Deutsche sind kaum zur Organspende bereit

Schon 2016 erreicht die Zahl der Organspender in Deutschland ein historisches Tief. 2017 aber sinkt sie noch weiter. Von einem ernstzunehmenden Organspendesystem kann hierzulande nun nicht mehr die Rede sein kann.

Die Zahl der Organspender ist in Deutschland im vergangenen Jahr einem Bericht

zufolge erneut dramatisch gesunken. Nachdem es 2016 bereits ein historisches Tief

gegeben habe, sei die Zahl der Spender im Jahr 2017 noch einmal um knapp acht

Prozent auf nur noch 769 gefallen, berichtet die "Süddeutsche Zeitung". Dies gehe aus

dem noch unveröffentlichten Jahresbericht der Stiftung Eurotransplant hervor.

Die Zahl der Spender, denen tatsächlich Organe entnommen wurden, lag demnach bei 9,3 pro einer Million Einwohner und somit unter der kritischen Marke von 10 pro Million Einwohner. Diese Marke gilt international als Voraussetzung für ein ernstzunehmendes Organspendesystem. Die Zahl der transplantierten Organe von hirntoten Spendern fiel auf nur noch 2664, im Vorjahr waren es noch 2927. Auch die Zahl der Lebendspenden sank von 659 im Jahr 2016 auf 620 im Jahr 2017.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz beklagt das fehlende Interesse der Regierungsparteien an der Transplantationsmedizin. "Diese Dramatik kommt in den Sondierungsgesprächen für eine Neuauflage der Großen Koalition mit keinem Wort vor", sagte Stiftungsvorstand Eugen Brysch der "SZ". "Damit lassen die Parteien die rund 10.000 Menschen auf der Warteliste für ein Organ allein." Brysch forderte, den Spendermangel zu einem Thema bei den Koalitionsverhandlungen zu machen.

Spanien führt die Liste an

Mit dem neuen Niedrigstand von 9,3 Spendern pro Million Einwohner gehört Deutschland laut "SZ" endgültig zu den europäischen Ländern mit dem geringsten Aufkommen an hirntoten Organspendern. Nur Griechenland, Rumänien, Bulgarien und Albanien haben noch weniger Spender. Belgien kommt dagegen ebenso wie Kroatien auf mehr als 30 pro Million Einwohner, Spanien ist der langjährige weltweite Spitzenreiter und meldete für 2017 sogar 46,9 Spender pro Million Einwohner. Die Zahl der Transplantationen lag in Spanien bei 5259. Am häufigsten wurden dort Nieren (3269) und Lebern (1247) transplantiert.

Von der höheren Spendenbereitschaft im Ausland profitieren laut "Süddeutscher Zeitung" auch Patienten in Deutschland. Denn Herzen, Lebern und Nieren gelangten 2017 ebenso wie in den Vorjahren über den Eurotransplant-Verbund an deutsche Kliniken. Rund 200 zusätzliche Organe aus Belgien, den Niederlanden, Kroatien, Ungarn, Österreich und Slowenien erreichten Deutschland auf diese Weise. Ohne diese sähe es für die hiesigen Patienten noch schlechter aus. Die Situation sei "zutiefst besorgniserregend", resümierte kürzlich Axel Rahmel, Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO).

 

 

Süddeutsche.de

12. Januar 2018, 19:00 Uhr

Medizin Zahl der Organspender sinkt auf historisches Tief

Die Zahl der Organspender in Deutschland ist im Jahr 2017 um acht Prozent auf 769 gesunken.

  • Bereits 2016 war die Zahl der Spender auf einem historischen Tiefpunkt.

  • Die Deutsche Stiftung Patientenschutz fordert, dass der Spendermangel bei den Koalitionsverhandlungen zum Thema gemacht wird.

Von Christina Berndt

Die Zahl der Organspender ist in Deutschland im vergangenen Jahr erneut dramatisch gesunken. Nachdem es 2016 bereits ein historisches Tief gegeben hatte, fiel die Zahl der Spender im Jahr 2017 noch einmal um knapp acht Prozent auf nur noch 769, wie dem im Internet bereits abrufbaren, aber noch unveröffentlichten Jahresbericht der Stiftung Eurotransplant zu entnehmen ist.

Die Zahl der Spender, denen tatsächlich Organe entnommen wurden, lag demnach bei 9,3 pro Million Einwohner und somit unter der kritischen Marke von 10 pro Million Einwohner, welche international als Voraussetzung für ein ernst zu nehmendes Organspendesystem gilt. Die Zahl der transplantierten Organe von hirntoten Spendern fiel auf nur noch 2664, im Vorjahr waren es noch 2927 gewesen. Auch die Zahl der Lebendspenden sank von 659 im Jahr 2016 auf 620 im Jahr 2017.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz beklagte auf Anfrage das fehlende Interesse der Regierungsparteien an der Transplantationsmedizin. "Diese Dramatik kommt in den Sondierungsgesprächen für eine Neuauflage der Großen Koalition mit keinem Wort vor", sagte Stiftungsvorstand Eugen Brysch der SZ. "Damit lassen die Parteien die rund 10 000 Menschen auf der Warteliste für ein Organ allein." Brysch forderte, den Spendermangel zu einem Thema bei den Koalitionsverhandlungen zu machen.

Deutschland profitiert von Spendenbereitschaft im Ausland

Mit dem neuen Niedrigststand von 9,3 Spendern pro Million Einwohner gehört Deutschland endgültig zu den europäischen Ländern mit dem geringsten Aufkommen an hirntoten Organspendern. Nur Griechenland, Rumänien, Bulgarien und Albanien haben noch weniger Spender.

Belgien kommt dagegen ebenso wie Kroatien auf mehr als 30 pro Million Einwohner, Spanien ist der langjährige weltweite Spitzenreiter und meldete für 2017 sogar 46,9 Spender pro Million Einwohner. Damit sei die Zahl in den vergangenen drei Jahren in Spanien um 30 Prozent angewachsen, teilte das Gesundheitsministerium in Madrid am Freitag mit. Spanien sei "das großzügigste Land der Welt", sagte Gesundheitsministerin Dolors Montserrat, und habe "eines der besten Gesundheitssysteme der Welt".

Von der höheren Spendenbereitschaft im Ausland profitieren deutsche Patienten. Denn Herzen, Lebern und Nieren gelangten 2017 ebenso wie in den Vorjahren über den Eurotransplant-Verbund an deutsche Kliniken. Rund 200 zusätzliche Organe aus Belgien, den Niederlanden, Kroatien, Ungarn, Österreich und Slowenien erreichten Deutschland auf diese Weise. Ohne diese sähe es noch düsterer für die hiesigen Patienten aus. Die Situation sei "zutiefst besorgniserregend", hatte Axel Rahmel, Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO), erst vor Kurzem resümiert. Die DSO will ihre Statistiken für 2017 am Montag vorstellen.

 

 

Newsticker

RTL

Spanien bei Organspenden seit nunmehr 26 Jahren in Folge weltweit führend

11.01.2018

Quelle: www.globallookpress.com

Spanien bleibt bei Spenden und Transplantationen von Organen nach eigenen

Angaben weltweit führend. Die Zahl der Spender sei 2017 im Vergleich zum

Vorjahr um mehr als acht Prozent auf den neuen Bestwert von 2.183

gestiegen, teilte das spanische Gesundheitsministerium am Donnerstag in

Madrid mit. Die Zahl der Transplantationen lag bei 5.259. Am häufigsten

transplantiert wurden demnach Nieren (3.269) und Lebern (1.247).

Das Land sei in diesem Bereich seit nunmehr 26 Jahren in Folge weltweit führend, hob Gesundheitsministerin Dolors Montserrat hervor. Spanien sei "das großzügigste Land der Welt" und habe "eines der besten Gesundheitssysteme der Welt". "Immer mehr Menschen spenden bei uns Organe, die Leben retten", sagte sie.

Mit 46,9 Spendern pro eine Million Einwohner wurde 2017 in Spanien eine weitere neue Bestmarke erzielt. In den vergangenen drei Jahren wurde hier ein Anstieg von rund 30 Prozent verzeichnet. Zum Vergleich: 2016 lag die Anzahl der Organspender in Deutschland bei 10,4 pro eine Million Einwohner. Diese Zahl ist in Deutschland seit Jahren rückläufig. (dpa)

 

 

Ärzte Zeitung online, 04.01.2018

Studie bei Triathleten

Führt extensiver Sport zu Narben im Herz?

NEU-ISENBURG. Bei Triathleten haben Forscher Vernarbungen im Herzen nachgewiesen (J Am Coll Cardiol Img. 2017; DOI: 10.1016/j.jcmg.2017.09.016). Sie vermuten, dass es eine Schwelle gibt, ab der Sport für das Herz gefährlich werden könnte. 9 der 54 männlichen Athleten (17 Prozent) hatten im MRT anhand eines "Late Gadolinium-Enhancement" (LGE) eine fokale nichtischämische Myokardfibrose. Bei 36 Kontrollpersonen gab es dagegen keine solchen Befunde, ebenso nicht bei den Frauen (29 Triathletinnen, 14 Kontrollpersonen). Inwieweit es kausale Zusammenhänge zwischen exzessiver körperlicher Betätigung und Narbenbildung gibt, und inwieweit zufällig entdeckte fokale nichtischämische Myokardnarben klinisch relevant sind, bleibt zu klären. (vsc)

 

https://www.nrz.de/region/niederrhein/wir-am-niederrhein/noch-klopft-das-herz-im-rucksack-id212927447.html

Medizin am Niederrhein

Noch klopft das Herz im Rucksack

Heike Waldor-Schäfer

22.12.2017 - 23:59 Uhr

Prof. Dr. Reiner Körfer, 75. Seit vielen Jahren arbeitet er an der Entwicklung eines künstlichen Herzens, das ohne externen Kompressor angetrieben wird. Es scheint, dass er da nun vor dem Durchbruch steht. Foto: Lars Heidrich

 

Am Niederrhein.   Der Klever Prof. Reiner Körfer hat mehr als 30.000 Herzen operiert. Nun entwickelt er ein inklusive Batterie transplantierbares Kunstherz

Der Mann ist inzwischen 75 – und seinem großen Ziel so nah wie nie. Mehr als 30.000 kranke Herzen hat Prof. Reiner Körfer in seinem Arbeitsleben schon operiert. Und nach wie vor steht der gebürtige Klever täglich am OP-Tisch – seit sechs Jahren am Evangelischen Krankenhaus Duisburg-Nord. Nun steht er vielleicht auch vor dem größten Erfolg seiner Karriere: der Entwicklung des ersten künstlichen Herzens, das inklusive Batterie voll implantiert und nicht mehr mit einem körperexternen Kompressor angetrieben wird. Aufladen kann man die Batterie von außen über Induktion – dem Prinzip einer elektrischen Zahnbürste-Aufladestation ähnlich.

Das wäre der Durchbruch in der Herzchirurgie: Ein inklusive Batterie voll implantiertes Kunstherz – Prof. Körfer und Ingenieure an der TH Aachen arbeiten daran.

Seit Jahren arbeitet der Herzchirurg an dieser künstlichen Blutpumpe, mit Technikern der RWTH Aachen ist er nun fast am Ziel: Projekt ReinHeart – ein vollimplantierbares Kunstherz als Alternative zur Herztransplantation.

Vollständige Kunstherzen gibt es schon – aber sie sind aktuell nur für die Überbrückung bis zur Transplantation ausgelegt. Ein komplett eingepflanztes Kunstherz, das ohne Schläuche durch die Haut funktioniert und wartungsfrei über viele Jahre in der Brust eines Menschen schlagen kann – das wäre der Durchbruch.

So sieht das ReinHeart Kunstherz aus. Kaum größer als ein normales Herz. Foto: ReinHeart

 

„Erkrankungen des Herz- und Kreislaufsystems stellen eine der häufigsten Krankheitsbilder der westlichen Welt dar“, sagt der Herzchirurg. „Täglich sterben Menschen, die vergeblich auf ein lebensrettendes Spenderorgan warten. Die Zahl der Spenderorgane ist seit Jahren rückläufig.“ In Deutschland warten etwa 800 Menschen auf ein Spenderherz.

Patient Jürgen Müller (59) hat ein künstliches Herz in seiner Brust und die Pumpstation dazu im Rucksack.

Hier beim Flurspaziergang mit Dr. D. Jaabari. Foto: Lars Heidrich


Jürgen Müller ist einer von ihnen. In der Brust des Duisburgers schlägt ein heute übliches Kunstherz. Den Motor dazu trägt er im Rucksack mit sich, Tag und Nacht pumpt ein Kompressor das Blut durch seinen Körper.

Jürgen Müller steht auf der Transplantationsliste – und wartet auf sein Spenderherz. „Das ist schon ein komisches Gefühl“, sagt er 59-Jährige. Seit Ende Juli ist die Klinik sein Zuhause, hält ihn die mechanische Pumpe am Leben. Kabel und Schläuche verbinden seine Herzpumpe mit dem Gerät außerhalb des Körpers. Über zwei Schläuche pumpt ein Kompressor Luft in die beiden künstlichen Herzkammern.

Noch wird das Kunstherz von einem Kompressor angetrieben, den der Patient in einem Rucksack mit sich trägt.

Der Kompressor ist im Rucksack untergebracht, den er immer bei sich trägt – er ist seine Lebensversicherung. Allerdings mit 72 Dezibel eine recht laute. „Ich habe mich an das Geräusch gewöhnt“, sagt Jürgen Müller. Heiligabend wird er 60. Was er sich wünscht? „Dass das mit dem Organspenden in Deutschland so geregelt wird wie in andern europäischen Ländern.“

Heißt: Wer zu Lebzeiten einer Organentnahme nicht ausdrücklich widerspricht, der wird automatisch zum potenziellen Organspender. Prof. Körfer nickt. „Das wäre für viel schwerst kranke Patienten ein Segen.“

Norbert Gericke (65) hat zum zweiten Mal ein künstliches Herz eingesetzt bekommen. Und einen ganz großen Traum: Einmal mit seiner Frau Pizza essen gehen – ohne dass andere Gäste sich über den „Lärm“ beschweren, der aus dem Rucksack kommt: Dadrin arbeitet der Kompressor, der das Blut durch das künstliche Herz pumpt.  Foto: Lars Heidrich

 

Norbert Gericke ist der Bettnachbar von Jürgen Müller. Er hat etwas geschafft, was vermutlich europaweit einmalig ist. Er hat vor wenigen Wochen zum zweiten Mal ein Kunstherz eingesetzt bekommen – das erste zeigte Verschleißerscheinungen. Auch an seinem Bett steht der Rucksack, auch in seiner Brust schlägt eine künstliche Herzpumpe.

„Er ist vermutlich der einzige Patient europaweit, der zum zweiten Mal ein Kunstherz bekommen hat", sagt der Professor, und Patient Gericke, noch ein bisschen schwach, macht Daumen hoch und grinst. „Eigentlich komme ich ganz gut klar mit allem“, meint der 65-Jährige.

Und doch, ein großer Wunsch ist da noch. „Ich würde gerne mit meiner Frau Pizza essen gehen.“ Einmal hat er das versucht, aber da fühlten sich die Gäste von den Geräuschen der Pumpe im Rucksack gestört. Seitdem hat er sich nicht wieder in ein Restaurant gewagt.

Wir sind mit der Entwicklung unseres Kunstherzens fast fertig““Wir sind mit der Entwicklung unseres Kunstherzens fast fertig“, sagt Professor Körfer. Was in wissenschaftlichen Dimensionen gerechnet doch noch ein paar Jahre dauern kann. „Wir hoffen, 2020 in die Pilotphase eintreten zu können.“ Heißt: Dann könnten die ersten ReinHeart-Pumpen in einem menschlichen Körper schlagen.

Mit einem zweiten Projekt glaubt Prof. Körfer schon in zwei, drei Jahren so weit zu sein: Das linksventrikuläre Unterstützungssystem (LVAD), eine Art Minikunstherz, wird in die linke Herzkammer eingesetzt und pumpt das Blut von dort in die Aorta. Das eigene Herz bleibt dem Patienten erhalten. Und auch hier gilt: Keine Schläuche, kein Kompressor mehr".